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Dieses Buch führt zur Reflektion und Überprüfung der eigenen Lebensweise. Im ersten Teil geht es um die Frage, ob man für seine Zufriedenheit und sein Glück im Leben selbst die Verantwortung übernimmt. Ist das nicht der Fall, werden die Gründe hierfür erforscht. Fragen nach Abhängigkeit und Bedürftigkeit, die ihre Wurzeln in der Kindheit haben, stehen im Mittelpunkt, um sich auf den Weg aus der Fremdbestimmung in die Selbstbestimmung zu machen. In jedem Menschen taucht früher oder später die Frage auf, wer oder was er in seiner Natur wirklich ist. Der zweite Teil des Buches untersucht die Identitäten, Identifikationen und Bilder, die man im Laufe seines Lebens von sich entwickelt hat und beschreibt, wie man sich aus falschen Identitäten und Selbstbildern befreien und seine wahre Natur leben kann, das, was man in seiner Essenz wirklich ist. Im letzten Teil geht es darum, wie man die neuen Erkenntnisse und Einsichten in sein Leben integriert, um aus einer ganzheitlich orientierten Lebensweise sowohl unabhängig als auch verbunden zu sein. Anhand der Begehung einzelner Segmente des Lebensweges, entwickelt sich ein Bewusstsein dafür, wo man gegenwärtig steht und was zu tun ist, um Schritt für Schritt Veränderungen herbeizuführen und sich auf seine Ziele zuzubewegen. Es werden sowohl die Hindernisse, die auf diesem Weg auftreten können als auch die Qualitäten mit einbezogen, die man braucht, um das Leben aus einem veränderten Bewusstsein mit Erfolg neu zu gestalten.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Leben leben!
Man muss das Leben lieben, um es zu leben, und man muss es leben, um es zu lieben.
Thornton Wilder
Hans Piron
Der Weg zu einem
l(i)ebenswerten
Leben
© tao.de in J.Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld
1. Auflage 2016
Hans Piron: Das Leben leben! –
Der Weg zu einem l(i)ebenswerten Leben
Lektorat: Natalie Nicola
Umschlaggestaltung und Satz: KleiDesign
Covermotiv: MEV, bearbeitet Wilfried Klei
Autorfoto: Peggy Lehmann Zur Hausen, Neuwied
Verlag: tao.de in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld,
www.tao.de, eMail: [email protected]
Bibliografische Information
der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Paperback: 978-3-95802-944-6
ISBN Hardcover: 978-3-95802-945-3
ISBN E-Book: 978-3-95802-946-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigungen,
Übersetzung, Verbreitung und sonstige Veröffentlichungen.
Dieses Buch widme ich meinem Enkel
Nicolas
als Begleiter auf seinem Lebensweg
Einleitung: Das Leben leben!
TEIL 1: Endlich erwachsen werden
1. Das Innere Kind
Das Kind in uns
Das verletzte Kind
Grundbedürfnisse des Kindes
Abhängigkeiten
Ängste und Zwänge
Das Eltern-Ich
Der Kind-Erwachsene
Der Kind-Erwachsene in Beziehungen
Innerer Erwachsener und Inneres Kind
2. Der Erwachsene
Verantwortung und Freiheit
Verantwortung und Bewusstheit
Gut entwickelter Wille
Liebesfähigeit
Alleinsein
Die Beziehungen zwischen zwei Erwachsenen
Zusammenfassung
TEIL 2: Wer bin Ich?
1. Ego und Falsches Selbst
Botschaften an das Kind – Erste Identitäten
Zusammenfassung
Identifikationen
Arten von Identifikationen
Identifikationen mit Körper, Verstand, Gefühl
Weitere Identifikationen
Identifikationen beherrschen uns
Identifikationen grenzen ab
Ego und Ego-Bewusstsein
Das Ego
Ego-Bewusstsein
Leben aus dem Falschen Selbst
Erwachen zum Wahren Selbst
Überwindung des Falschen Selbst
2. Ich und Wahres Selbst
Personales und Transpersonales Bewusstsein
Personales Selbst – Ich
ICH – Bewusstsein
Person und Persönlichkeit
Das Leben als Bühne – Rollen und Teilpersönlichkeiten
SELBST - Transpersonale Erfahrung
Personale und Transpersonale Ebenen
Verstand und Intuition
Philosophie und Metaphysik
Theologie und Mystik
Personale und Transpersonale Psychologie
Personale und Transpersonale Qualitäten
Liebe
Wille
Glaube
Hoffnung
Selbstbewusstsein
Selbstvertrauen
3. Wege zum SELBST
Stille – die Heimat des SELBST
Die Flucht vor der Stille
Meditation – Ein Weg zur Stille
Was ist Meditation?
Wozu Meditation?
Meditation ist Leben – Leben ist Meditation
TEIL 3: Sich auf den Weg machen
1. Segmente des Weges
Vom unbewussten Reagieren zum bewussten Agieren
Von der Selbstentfremdung zur Selbstvertrautheit
Von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung
Vom Kind-Erwachsenen zum reifen Erwachsenen
Von der Angst zum Vertrauen
Von ? zur Spiritualität
Vom Es zum Du
Vom „Ja aber“ zum „Warum nicht?“
Vom Anhaften zum Loslassen
2. Praxis des Weges
Überwindung von Trägheit
Überwindung von Unbewusstheit
Überwindung des Ego-Bewusstseins
Überwindung von Abhängigkeit
Ausklang
Danksagungen
Anhang: Spiritualität und Religion
Häufig zitierte Autoren
Literaturverzeichnis
Über den Autor
Man muss das Leben lieben, um es zu leben, und man muss es leben, um es zu lieben.
Thornton Wilder
Einleitung: Das Leben leben!
Ich hatte eigentlich nie vor, ein Buch zu schreiben, weil ich glaubte, dass ich nichts wirklich Neues schreiben könnte, was nicht bereits in anderen Büchern vermittelt wird. Und dann las ich dieses Zitat von Thornton Wilder, dass man das Leben wirklich leben muss, damit man es lieben kann. Was aber bedeutet das, „wirklich zu leben“. Mir wurde bewusst, dass seit über 20 Jahren Menschen zu meinen Seminaren kommen, die erfahren wollen, was das bedeutet, besser gesagt, was es bedeutet, wirklich selbst zu leben und nicht von der Außenwelt und seinen Konditionierungen gelebt zu werden.
Das Feedback, das ich nach den Seminarenbekommen habe, hat mir gezeigt, dass es möglichist, das nachzuholen, was man eigentlich in der Kindheit hätte erfahren müssen, nämlich seine Natur als Mensch auf dieser Welt wirklich zu leben. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Es ist nie zu spät.
Wenn Sie bereit sind, Ihr Leben und Ihre Lebensweise neu zu überdenken und zu erfahren, wie Sie mehr Einfluss auf Glück und Zufriedenheit in Ihrem Leben nehmen können, dann lassen Sie sich von diesem Buch inspirieren, Ihr Leben so zu leben, dass Sie es lieben. Was man liebt, macht glücklich! Sobald Sie sich bewusst gemacht haben, was Sie im Leben unzufrieden und unglücklich macht, wird es möglich, das zu ändern.
Im ersten Teil zeige ich Ihnen, dass viele Menschen, vielleicht sogar die meisten, meinen, dass sie erwachsen sind. Sie sind es aber nicht. Ein wesentliches Kriterium, das den reifen Erwachsenen vom Kind unterscheidet und ihn daher als solchen qualifiziert, ist, dass er selbst die Verantwortung für Glück und Zufriedenheit in seinem Leben übernimmt und nicht von anderen erwartet, dass sie das tun. Wurden in der Kindheit bestimmte Grundbedürfnissen wie Liebe und Anerkennung nicht ausreichend oder gar nicht erfüllt, hat sich daraus häufig eine Bedürftigkeit entwickelt, eine Sucht, sich diese Bedürfnisse von anderen erfüllen zu lassen. Das aber führt in eine ähnliche Abhängigkeit, in der auch das Kind gelebt hat. Es sind die Verletzungen der Kindheit, die im Erwachsenen weiter wirken und zu Problemen in seinen Beziehungen führen. So wird etwa der Partner für Schmerzen aus alten Wunden verantwortlich gemacht. In diesem Buch lernen Sie Wege kennen, um allmählich die Verantwortung für Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit selbst zu übernehmen und sich so weitgehend aus diesen Abhängigkeiten zu befreien.
Erwachsen zu sein bedeutet nicht, dass man damit eine Garantie dafür hat, jetzt völlig glücklich und zufrieden mit Allem sein zu können. Was sich ändert ist die Bereitschaft, die Verantwortung dafür selbst zu übernehmen. Oft sind es Lebenskrisen in Beziehungen, im Berufsleben oder generelle Unzufriedenheit mit dem Leben, die mit Fragen nach dem Sinn des Lebens einhergehen. Man könnte es als eine Art von Erwachen bezeichnen, das da plötzlich stattfindet. Es stellen sich Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wozu bin ich hier?“„Was stimmt in meinem Leben?“ „Was schreit nach Veränderung?“ Im zweiten Teil steht daher die Frage im Vordergrund, wer Sie im Kern Ihres Seins wirklich sind. Besteht darüber Klarheit, wer oder was man nicht ist, hat man sich diesem Kern bereits genähert. Wird man sich bewusst, dass da in einem ein Bild existiert, von dem man glaubt, es zu sein, wird man dieses Bild weiter erforschen wollen. Dieses Bild wird auch als das Falsche Selbst bezeichnet, das aus zahlreichen falschen Identitäten und Rollen besteht. Im Prozess, der die Bereitschaft erfordert, sich von Vorstellungen und Bildern zu lösen, ist der Weg frei für die Erfahrung dessen, was man im Kern wirklich ist, dem Wahren Selbst.
Es gibt unendlich viele Menschen, die viele Bücher wie dieses hier lesen und ständig Workshops besuchen. Die Erkenntnisse und auch tiefen Einsichten, die Sie gewinnen, bewirken jedoch keine nachhaltigen Veränderungen in ihrem Leben. Der Alltag mit seinen Anforderungen, alte Verhaltensmuster und Glaubensmuster, übernehmen schnell wieder die Macht. Es fehlt an Ernsthaftigkeit, an Willenskraft, vor allem aber an Wachheit, um eine nachhaltige Wirkung zu erreichen. Um mehr Klarheit zu gewinnen und das ausfindig zu machen, was nach Veränderung drängt, zeigt Ihnen Teil 3 den Lebensweg in einzelnen Segmenten auf. Sie können sich ganz praktisch bewusst werden, wo Sie gegenwärtig stehen und was Sie entwickeln wollen. Ich zeige Ihnen mögliche Hindernisse sowie auch die Qualitäten auf, die Sie brauchen, um sie zu überwinden. In jedem Abschnitt finden Sie Fragen, die Ihnen dabei helfen sollen, sich bewusst zu werden, was Sie sich für Ihr Leben wünschen und wie Sie die Veränderung nachhaltig in Gang setzen können. Gewinnen Sie Erkenntnisse und Einsichten in Ihr Leben und beginnen Sie, Ihr Leben so zu leben, dass Sie es lieben können und überwiegend glücklich damit sind.
Teil 1
Endlich erwachsen
werden
1. Das Innere Kind
Der Begriff „Inneres Kind“ wurde vor allem geprägt durch Erika J. Chopich und Margaret Pauls „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ (1993) sowie John Bradshaws „Das Kind in uns“ (1992). Die Bezeichnung bezieht sich sowohl auf die Ursprünglichkeit in uns als auch auf die Erfahrungen, die wir in der Kindheit gemacht haben. Der Begriff hat zwei Seiten. Auf der einen steht das natürliche Verhalten des Kindes, das im Erwachsenen wieder lebendig wird: Unbekümmertheit und Ausgelassenheit, Staunen und Begeisterungsfähigkeit. Leider gehen gerade diese Qualitäten des Kindes im Erwachsenen häufig verloren. Gelingt es uns hier, im Kind zu sein, hat das überwiegend positive Auswirkungen auch auf andere. Ein Mensch, in dem die positiven Seiten des „Inneren Kindes“ lebendig sind, lacht gerne und kann sich riesig über alles Mögliche freuen, eben wie ein Kind. In der Gegenwart eines solchen Menschen hält man sich gerne auf. Auf der anderen Seite ist das „Innere Kind“ aber auch eine Bezeichnung für die Verwundbarkeit des erwachsenen Menschen. Je nachdem, was er als Kind erfahren hat und was ihm gefehlt hat, hat das Auswirkungen auf seine heutigen Beziehungen, nicht nur mit anderen, sondern auch mit sich selbst.
Die Verletzungen aus der Kindheit sind weiterhin wirksam. Sie brechen als nicht verheilte innere Wunden immer wieder auf, sobald der Erwachsene durch andere berührt wird, insbesondere durch die, die ihm viel bedeuten, oder nahe stehen. Der Schmerz, den er als Kind empfunden hat, taucht wieder auf.
Das, was dem Kind gefehlt hat, was es gebraucht hätte, um sich auf dem Weg zum erwachsenen Menschen zu entwickeln, wird nun als Defizit empfunden: Mangelnde Liebe, vermittelt durch geringe Zuwendung und Interesse. Der unerfüllte Wunsch, wahrgenommen und bestätigt zu werden. Die Wunde, die dadurch entstanden ist, dass man wenig anerkannt und vielmehr ständig kritisiert wurde. Die gefühlten Defizite zeigen sich im Erwachsenen in einer Erwartungshaltung anderen gegenüber, die sie aber nur bedingt oder gar nicht erfüllen können.
Im Erwachsenen werden die dem Kind nicht erfüllten Bedürfnisse zur Bedürftigkeit, die ihn unfrei und abhängig macht. Er braucht andere Menschen, die ihm jetzt das geben sollen, was er als Kind nicht bekommen hat.
Die meisten Menschen sind häufig mit ihrem „Inneren Kind“ identifiziert, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie sich durch etwas verletzt fühlen.
In meinen Workshops zum Thema „Inneres Kind“ habe ich viele Menschen und ihre „Inneren Kindern“ kennenlernen dürfen und mit ihnen gearbeitet. Meine Erfahrungen sind es, die mich dazu angeregt und motiviert haben, dem Thema den ersten Teil dieses Buches zu widmen.
„Endlich erwachsen werden“, das wäre vielleicht sogar der bessere Titel für das „Innere Kind“ gewesen. Aber für ein Seminar mit diesem Titel hätte sich wahrscheinlich kaum jemand interessiert.
Was bedeutet es, wirklich erwachsen zu werden? Und weshalb fällt es uns so schwer? Um sich in natürlicher Weise als Mensch entwickeln zu können, müssen wir selbst die Verantwortung für Glück und Zufriedenheit im eigenen Leben übernehmen. Nur so überwinden wir unsere Bedürftigkeit und werden unabhängig von dem Wohlwollen anderer.
Wirklich erwachsen zu werden ist keine leichte, dafür aber eine langfristig umso lohnenswertere Aufgabe.
Das Kind in uns
Der Begriff des „Inneren Kindes“ beschreibt Gefühle und Erinnerungen aus der Kindheit, die im erwachsenen Menschen weiterhin vorhanden sind. Ob die Erfahrungen überwiegend positiv oder überwiegend negativ waren, hat Auswirkungen auf das Selbstbild sowie auf die Verhaltensweisen des Erwachsenen.
In den Momenten, in denen der Erwachsene sich mit dem „Inneren Kind“ identifiziert, kommt er mit Verletzungen in Berührung, die ihm als Kind beigebracht wurden. Auslöser können Worte und Verhaltensweisen anderer Menschen sein. Der Erwachsene spürt den gleichen Schmerz, den er als Kind erfahren hat, weil er in diesem Augenblick wieder mit dem Kind identifiziert ist.
„Inneres Kind“ ist inzwischen zu einem festen Begriff geworden. „Du solltest dich einmal mehr um dein Inneres Kind kümmern“ hat sich als wohlmeinender Ratschlag durchgesetzt, der gerne erteilt wird, wenn ein Mensch etwa eine Trennung erfährt und nun Probleme damit hat, sein Leben ohne diesen Partner weiterleben zu müssen. Sich um das „Innere Kind kümmern“ heißt eigentlich nichts anderes als endlich selbst die Verantwortung für das Glück in seinem Leben zu übernehmen, anstatt sich von anderen abhängig zu machen. Anders ausgedrückt, sich selbst das zu geben, was man sich von anderen wünscht oder von ihnen erwartet. Am schwersten fällt es meist, die Verantwortung für die eigene Verwundbarkeit zu übernehmen, die ihre Wurzeln in den Verletzungen aus der Kindheit hat. Es fehlt das Bewusstsein eines Inneren Erwachsenen, der noch nicht ausreichend gelebt wird.
Um die Wunden zu heilen, ist es zentral wichtig, zu erkennen, dass der Partner die Verwundbarkeit/ die Schmerzen durch sein Verhalten zwar auslöst, aber nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann. Im Grunde hat er oder sie „nur“ so etwas wie eine Wunde berührt, die bereits in der Kindheit entstanden ist.
Wie befähige ich mich aber nun, selbst Verantwortung für mich zu übernehmen? Zu diesem Zweck haben die Autorinnen von „Aussöhnung mit dem inneren Kind“, Chopich und Paul, neben den Begriff des „Inneren Kindes“ den Begriff des „Inneren Erwachsener“ gestellt. Dieser „Innere Erwachsene“ soll im erwachsenen Menschen jetzt sozusagen die neue Vater- oder Mutterrolle übernehmen, damit er sich anders verhalten kann, als die wirklichen Eltern es taten. Indem der erwachsene Mensch dem „Inneren Kind“ den neuen „Inneren Erwachsenen“ gegenüberstellt, kann er nun sich selbst geben, was er braucht, um zufrieden und glücklich zu sein. Hatte man als Kind etwa überwiegend das Gefühl, nicht geliebt zu werden, kann der „Innere Erwachsene“ sich genau entgegengesetzt verhalten und das „Innere Kind“ so annehmen, wie es ist. Er begegnet ihm mit der Liebe, die das Kind früher nicht bekommen und das Gefühl entwickelt hat, nicht liebenswert zu sein. Der „Innere Erwachsene“ ist weniger kritisch als es Vater und Mutter waren. Er geht großzügig und verständnisvoll mit dem „Inneren Kind“ um. Je mehr Vertrauen das „Innere Kind“ zu seinem „Inneren Erwachsenen“ gewinnt, desto weiter nimmt die Abhängigkeit von anderen ab. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht weiterhin freut, wenn man Liebe von anderen erfährt. Man ist ihrer aber nicht mehr bedürftig.
„Das ist aber nicht einfach!“ höre ich in meinen Seminaren dann immer wieder aufs Neue, wenn ich die Teilnehmer mit dieser Vorstellung Zugang zu ihrem „Inneren Kind“ finden lasse. „Wo soll ich denn diesen liebevollen Erwachsenen in mir finden?“ Und es stimmt. Es mag sofort einleuchten, dass es sinnvoll ist, einen solchen „Inneren Erwachsenen“ heranzubilden. Die praktische Umsetzung gelingt allerdings nicht von heute auf morgen. Es ist ein Prozess, der viel Bewusstheit und Ausdauer erfordert. Doch dazu später mehr.
Falls Sie noch Schwierigkeiten haben, zu erkennen, dass Sie mit dem „Inneren Kind“ identifiziert sind bzw. sich dann mit einem „Inneren Erwachsenen“ zu identifizieren, dann bitte ich Sie noch um etwas Geduld. Im Zweiten Teil erläutere ich Ihnen ausführlich den Unterschied zwischen unbewusster Identifikation und sich bewusst mit etwas identifizieren können.
Das verletzte Kind
Wie entstehen nun aber diese Verletzungen genau? In den meisten Fällen ergeben sie sich, wenn Grundbedürfnisse des Kindes nicht oder nur ungenügend erfüllt werden. Um diesen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, schauen wir uns zunächst einmal an, wann ein Kind sich verletzt fühlt, um daraus die Bedürfnisse abzuleiten.
Diese Bedürfnisse habe ich selbst herausgearbeitet. Die Impulse hierfür gab mir das Modell von Stephen Wollinsky, das ich im zweiten Teil dieses Buches noch ausführlich vorstelle.
Ein Kind fühlt sich verletzt, wenn es
nicht gesehen, beachtet, wahrgenommen wird.
sich nicht angenommen fühlt, so wie es ist.
überwiegend negativ bewertet oder beurteilt wird.
nicht liebenswert, nicht gut, nicht klug/intelligent oder nicht attraktiv genug zu sein scheint.
im Vergleich mit anderen überwiegend negativ bewertet wird
Die Verletzungen des Kindes sind es, die dazu führen, dass ein Mensch im Erwachsenenalter verwundbar ist. Von den Eltern oder Bezugspersonen nicht beachtet, geringgeschätzt oder auch ständig kritisiert worden zu sein, löst im späteren Leben schließlich heftige emotionale Schmerzen bei dem Betroffenen aus, sobald dieser Punkt durch einen anderen Menschen berührt wird, der ihm oder ihr nahe steht.
Die Verwundbarkeit bleibt oftmals ein ganzes Leben lang bestehen, sofern man sich die Ursachen weder bewusst macht noch sich den damit verbundenen Abhängigkeiten stellt.
Ein Kind kann sich zum Beispiel auch dann verletzt gefühlt haben, wenn sein Geschlecht nicht dem Wunsch der Eltern entsprach, wenn es eigentlich ein Junge beziehungsweise Mädchen hätte werden sollen. Jedes Kind leidet darunter, wenn es nicht den Erwartungen der Eltern entspricht. Es versucht, die Erwartungen dann doch noch zu erfüllen, indem es sich wie ein Junge oder wie ein Mädchen verhält. Der Erwachsene hat schließlich Schwierigkeiten, die Frau oder den Mann in sich zu leben.
Grundbedürfnisse des Kindes
Die Grundbedürfnisse eines jeden Kindes sind mir in den zahlreichen Einzelgesprächen und Seminaren bewusst geworden, die ich durchgeführt habe. Verletzungen entstehen, wenn sie nicht erfüllt werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer berichteten mir immer wieder, dass es ihnen in der Kindheit an Wahrnehmung und Bestätigung gemangelt, ihnen das Gefühl gefehlt habe, o.k. zu sein, so wie sie waren, sie zu wenig Zuneigung bekommen oder wenig Interesse durch ihre Eltern erfahren haben, oder ein Ausdruck von Liebe und auch Anerkennung für das, was man glaubte, gut gemacht zu haben, nicht erfolgte.
In einem Interview antwortete der Dalai Lama auf die Frage, was er für das Wichtigste halte, das man nach der Geburt zu tun habe:
„Ich denke als soziales Wesen, als ein Säugetier, das von der Mutter zur Welt gebracht wird, ist für das Kind zuerst die Mutterliebe wichtig und die Zuneigung der gesamten Familie. Echte Zuneigung ist ungeheuer wichtig. Kinder müssen in einer Umgebung aufwachsen, in denen sie Mitgefühl, Liebe und Fürsorge erleben. Das halte ich für außerordentlich wichtig.“
Erleben Kinder keine Fürsorge und Liebe, hat das Folgen, wie der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther deutlich macht. Die Erfahrungen des Kindes im Mutterleib beschreibt er in seinem Buch „Die Freiheit ist das Kind der Liebe“ als ein „stetes Wachstum“. Die oben genannten Grundbedürfnisse entwickelten sich aus der Erfahrung der „Verbundenheit mit der Mutter“ nach der Geburt im heranwachsenden Kind. Es wolle sich als individuelles Wesen gemäß seines Potentials entfalten und gleichzeitig im Zustand der Verbundenheit verweilen. Erlebe es diese Verbundenheit nach der Geburt nicht, sei es später schwer, sie mit anderen Menschen zu leben, so Gerald Hüther. Anders formuliert: Wer als Kind wenig oder gar keine Zuneigung, Liebe und Fürsorge erfahren hat, für den ist es später schwierig, sie anderen Menschen zu geben. Die Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit ist zur selben Zeit größer als bei anderen. Sie von anderen einzufordern, kann zu einer Sucht, zu einer Bedürftigkeit nach Wahrnehmung, Bestätigung, Zuneigung und Anerkennung anwachsen. Die fehlende Zuneigung zum Kind führt den Erwachsenen direkt in die Abhängigkeit von anderen hinein. In ihm existiert eine ähnliche Abhängigkeit wie es beim Kind der Fall war. Der Unterschied: Das Kind konnte sich nicht selbst geben, was es brauchte, der erwachsene Mensch dagegen schon, sobald er sich bewusst wird, wonach er sich sehnt und was die darunterliegende Verletzung ist.
Die Grundbedürfnisse noch einmal im Detail. Das Kind braucht:
1. Aufmerksamkeit der Eltern und/oder anderer Bezugspersonen. Das Kind will gesehen und wahrgenommen werden. Das bestärkt sein Gefühl von Existenz, vom Vorhandensein auf dieser Welt. Das Kind fühlt sich einbezogen und als ein Teil der menschlichen Gemeinschaft.
2. Bestätigung, dass es in Ordnung ist, so, wie es ist. Dem Kind werden so eine gewisse Sicherheit und auch ein Grundvertrauen in sich selbst vermittelt, dass es in der Lage ist, die Erwartungen seiner Bezugspersonen zu erfüllen. Es fühlt sich in seiner Existenz gesichert.
3. Anerkennung für das, was es tut und wie es ist. Dadurch entwickelt sich das notwendige Selbstvertrauen. Dazu gehört auch konstruktive Kritik, die nicht verletzend ist, sondern aufbauend wirkt. Sie unterstützt vor allem das Streben des Kindes nach Wachstum.
4. Liebe und Wertschätzung, die ihm Geborgenheit und Vertrauen geben. Sie sind die Grundlagen, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln und fördern eine gute Beziehung zu sich selbst. Wie bei allen Grundbedürfnissen, die erfüllt werden, wirkt sich auch die Erfahrung von Liebe und Wertschätzung auf den späteren Erwachsenen aus.
Sind diese Grundbedürfnisse des Kindes in der Kindheit überwiegend erfüllt worden, so fühlt es sich als Erwachsener in seiner Existenz sicher. Das Kind hat sowohl Vertrauen in sein Umfeld gefasst als auch zu sich selbst. Wurden die Bedürfnisse nur unzureichend oder gar nicht erfüllt, sind Defizite geblieben, die weitreichende Folgen für das Leben des Erwachsenen haben. Es besteht eine Art Nachholbedarf. Der Erwachsene lebt in der Erwartungshaltung, dass andere Menschen ihm seine Bedürfnisse erfüllen. So entstehen Ansprüche an Partner und Freunde, die durch sie aber nie wirklich erfüllen können. Die Beziehungen werden auf harte Proben gestellt.
So ist nicht nur das Selbstwertgefühl des erwachsenen Menschen in starkem Maße davon abhängig, in welchem Maß seine Grundbedürfnisse erfüllt wurden, als er noch ein Kind gewesen ist. Auch der Umgang der Eltern oder Bezugspersonen mit dem Kind hat einen beträchtlichen Einfluss auf die innere Zufriedenheit und das Vertrauen, das der erwachsene Mensch zu sich selbst und seinen Fähigkeiten aufgebaut hat.
Als Folge des Mangels an Aufmerksamkeit, Anerkennung, Liebe und Wertschätzung hat sich eine entsprechende Verletzbarkeit entwickelt. Sobald Partner und andere Menschen im persönlichen und auch beruflichen Umfeld sich ähnlich verhalten wie die Bezugspersonen im Umfeld des Kindes, wird die alte Wunde angetastet. Wird der Erwachsene nicht wahrgenommen, nicht beachtet, glaubt, zu spüren, dass irgendetwas mit ihm nicht stimme, dass er nicht liebenswert sei, reißt die Wunde sofort auf. Die Tatsache, dass in der Kindheit bestimmte Grundbedürfnisse nicht erfüllt wurden, verursacht ständige Ängste, so etwa auch die Angst, wieder verletzt und zurückgewiesen zu werden.
Sobald man sich diese Verwundbarkeit aber bewusst macht, kann man ihre Ursache erforschen und dann lernen, entsprechend damit umzugehen.
Abhängigkeiten
Wurden die Grundbedürfnisse des Kindes überwiegend nicht erfüllt, sind daraus ‚wunde Punkte‘ im Erwachsenen entstanden. Obwohl er im erwachsenen Alter niemanden mehr braucht, der für ihn sorgt, er folglich nicht mehr abhängig von anderen ist, sondern für sich selbst sorgen kann, lebt der Mensch nicht als unabhängiger Erwachsener.
Wurde er als Kind nicht genügend wahrgenommen, nicht wirklich gesehen, ist es möglich, dass sich eine Sucht nach Aufmerksamkeit entwickelt hat. Der erwachsene Mensch legt ein zwanghaftes Verhalten an den Tag, um wahrgenommen zu werden. Wird er nicht wahrgenommen, fühlt er sich verletzt.
Wurde er als Kind nicht darin bestätigt, o.k. zu sein, wie er ist, kann sich eine Sucht nach dieser Bestätigung einstellen. Jede Art von Kritik wirkt verletzend, da sie als das Gegenteil von Bestätigung empfunden wird.
Wurde er für das, was er geleistet hat, nicht anerkannt, kann sich daraus ein ständiges Heischen nach Anerkennung entwickelt haben. Erhält er keine Anerkennung, fühlt der erwachsene Mensch sich unglücklich und resigniert.
Die schwerwiegendste Verletzung aber ist, als Kind nicht wirklich geliebt worden zu sein, oder wenig Zuneigung bekommen zu haben. Die daraus entstehende Bedürftigkeit nach Liebe und Wohlwollen durch andere führt dazu, dass man, um diese Liebe zu erhalten, alles tut, was andere von einem erwarten und sich wünschen. Das drückt sich zum Beispiel so aus, dass man nur noch Ja sagen kann, weil ein Nein das Wohlwollen anderer gefährden könnte. Das Risiko, dass andere bei einem Nein mit Liebesrückzug reagieren, ist zu groß. Der Schmerz, der sich als Kind bei Liebesentzug einstellte, wird hier vorsorglich vermieden.
Der entsprechende Mensch lebt nicht mehr wirklich selbst. Er wird gelebt. Er bestimmt nicht mehr selbst sein Leben, sondern andere bestimmen es durch ihre Erwartungen und Wünsche, die er zu erfüllen strebt. Die dahinterstehende Sehnsucht nach echter Verbundenheit wird aber nie erfüllt.
Ängste und Zwänge
Insgesamt lassen sich 9 Hauptängste zusammenfassen, die mit Abhängigkeiten einhergehen. Es gibt die Angst
zu versagen
nicht gut genug zu sein (auf verschiedenen Ebenen)
zurückgewiesen zu werden
nicht beachtet zu werden
Fehler zu machen
andere zu enttäuschen und die damit verbundenen Folgen
verlassen zu werden
kritisiert zu werden (wird wie Liebesentzug empfunden)
Im Aussehen nicht attraktiv genug zu sein
Ein Mensch tut alles, um das, wovor er am meisten Angst hat, den Schmerz, den er nicht wieder spüren möchte, zu vermeiden. Die eigenen Bedürfnisse kennt er oftmals gar nicht mehr. Er strebt nur danach, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Ein Mensch, der seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr fühlt, leidet häufig an einem sogenannten ‚Helfersyndrom‘. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem nicht erfüllten Bedürfnis in der Kindheit und der daraus resultierenden Verwundbarkeit und dem Versuch, den Mangel über das Außen auszugleichen. Nicht selten findet sich diese Dynamik bei Menschen, die etwa in sozialen Berufen arbeiten. Indem er anderen hilft, hofft ein Mensch, die ersehnte Anerkennung, Zuneigung … zu erfahren. Ein Wunsch, der ewig unerfüllt bleiben muss, solange er nicht gelernt hat, sich das, was er im Außen sucht, auch selbst zu geben.
Alles das ist keine Theorie, sondern hat sich in meinen Seminaren und in Einzelgesprächen immer wieder bestätigt. Und das besonders Traurige ist, dass es sich nicht um Ausnahmen handelt. Mein Eindruck ist, dass es in unserer westlichen Kultur sehr viele Menschen gibt, die unter diesen Ängsten leiden. Meistens ist ihnen das zwanghafte Verhalten allerdings gar nicht bewusst. Sobald man sich aber dessen bewusst wird, fühlt man sich vom Thema „Inneres Kind“ wie von selbst angezogen und möchte an die Wurzeln seiner Verhaltensweisen und Ängste, um endlich unabhängig zu werden.
Das Eltern-Ich
Unter den vielen Stimmen, die im Bewusstsein jedes Menschen existieren, gibt es eine Stimme, die es schafft, ein ohnehin schon mangelndes Selbstwertgefühl noch stärker negativ zu beeinflussen. Es ist die Stimme der Eltern, die im erwachsenen Menschen weiterhin existiert. Mit den gleichen Worten, die man als Kind so häufig gehört hat. Wenn diese Stimme überwiegend kritisch war und einen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl hatte, wirkt sie in dieser Weise weiter.
Die Stimme der Eltern wird im psychologischen Modell der Transaktionsanalyse als „Eltern-Ich“ bezeichnet. Von dieser Stimme unterschieden wird das „Kind-Ich“, die im Grunde das Gleiche bezeichnet wie der Begriff „Inneres Kind“. Ziel des psychologischen Modells der Transaktionsanalyse ist zu erkennen, ob und wann man gerade mit dem „Kind-Ich“ oder „Eltern-Ich“ identifiziert ist. Als drittes Ich wird das „Erwachsenen-Ich“ angenommen, das es zu entwickeln gilt. Aufgabe ist, sich bewusst mit diesem „Erwachsenen-Ich“ zu identifizieren, das sachlich und emotionslos handeln kann. Das „Erwachsenen – Ich“ ist mit dem „Inneren Erwachsenen“ gleichzusetzen. Die Transaktionsanalyse geht davon aus, dass die drei Ichs in allen Menschen existieren. Es ist so, als würden in jedem Menschen sowohl das Kind als auch seine Eltern mit ihrem Verhalten weiterleben. Die entsprechenden Erfahrungen wurden im Gehirn abgespeichert. Am bedeutendsten sollen dabei die Ereignisse sein, die in den ersten fünf Lebensjahren stattgefunden haben. Ich beziehe mich bei diesen Ausführungen auf das Buch von Thomas A. Harris: „I’m OK - you’re OK“. Da das „Kind-Ich“ oben bereits ausführlich beleuchtet wurde, wenden wir uns nun dem „Erwachsenen-Ich“ zu. Ich beschränke mich für unseren Zusammenhang darauf, nur das „Eltern-Ich“ in der Transaktionsanalyse zu erläutern. Thomas A. Harris erklärt „das Eltern-Ich“ wie folgt:
„Das Eltern-Ich ist eine gewaltige Ansammlung von aufgenommenen Informationen von äußeren Ereignissen im Gehirn eines Kindes, grob angenommen in den ersten 5 Jahren seines Lebens … Alles, was das Kind bei seinen Eltern in ihrem Tun beobachtete und alles, was es die Eltern sagen hörte, ist in diesem Eltern-Ich wie in einem Tape-Recorder aufgenommen … Im Eltern-Ich sind alle Glaubensmuster, Regeln und Gesetze angesiedelt, die das Kind von seinen Eltern hörte oder was es aus ihrer Lebensweise aufnahm … Beispiele: „Vergiss nicht mein Sohn, die besten Menschen sind …“, „du wirst beurteilt nach den Menschen, die um dich sind“, „Verschwendung ist eine Todsünde“, „du kannst keinem Menschen trauen“, usw. usw. Entscheidend dabei ist, dass es keine Rolle spielt, ob diese Regeln gut oder schlecht im Lichte einer vernünftigen ethischen Betrachtungsweise sind, sie sind aufgenommen als Wahrheit der Instanz, die dem Kind Sicherheit für sein Leben gewährt. Das Abspielen dieser Aufnahmen hat während des ganzen Lebens einen mächtigen Einfluss zur Folge. Ohne die physische Gegenwart seiner Eltern würde das Kind sterben. Das verinnerlichte Eltern-Ich ist somit auch lebensrettend und schützt es gegen viele Gefahren, die zum Tode führen können … Eine andere Aufnahme ist die Vertrauenswürdigkeit dieser Aufnahmen in ihrer Unbeständigkeit. Die Eltern sagen „Lüge nicht!“, aber sie selbst erzählen Lügen.“ (Diesen Text aus dem Buch „I’m OK – you’re OK“ habe ich ins Deutsche übersetzt)
Das „Eltern-Ich“ kann beim Erziehen überwiegend kritisch sein, Leistung, bestimmte Verhaltensweisen und Handlungen fordern. Das ‚Ziel‘ des Kindes ist, sich anzupassen, nicht aufzufallen, möglichst von allen Menschen beachtet und gemocht zu werden. Die Botschaften der Eltern und des Umfeldes gehen wie von Harris beschrieben in das „Eltern-Ich“ ein. Es sind die Botschaften, die Bilder, die das Kind allmählich von sich entwickelt und die es das ganze Leben lang prägen können. Das „Eltern-Ich“ ist ein innerer Kritiker, der ständig etwas auszusetzen hat. Das drückt sich in Gedanken aus wie „Das war wieder nicht gut genug“, „Das kannst du noch viel besser“, „Das hast du schon wieder falsch gemacht“, „Das brauchst du erst gar nicht zu versuchen, das kannst du sowieso nicht“, dem das Individuum je nach Bewusstseinsgrad Glauben schenkt oder zumindest dazu verleitet ist. Solche Botschaften reduzieren das Selbstvertrauen. Hinzu kommen die Reaktionen und Verhaltensweisen, die ich im Kapitel „Entwicklung von Selbstbildern“ beschreibe. Obwohl man erwachsen, unabhängig und selbstständig ist, haben die Stimmen der Eltern im Inneren noch immer Macht. Innerlich ist der Erwachsene selten mit sich zufrieden. Das „Eltern-Ich“ wirkt wie ein innerer Saboteur. Selbst wenn man Grund zu Freude und Anerkennung für sein Tun verdient hätte, kommt die Stimme der Eltern wieder mit Formulierungen wie „Bilde dir bloß nicht ein, dass das, was du getan oder erreicht hast, etwas Besonderes ist“, „Vergiss nicht, was du nur mangelhaft erledigt hast. Du hast keinen Grund, dich über irgendetwas zu freuen.“ Das Negative überwiegt immer. Der Erwachsene vergisst so häufig, was ihm wirklich Freude bereitet. Aus eigener Einsicht kennt er kaum Erfolgserlebnisse. Er braucht ständig die Bestätigung und Anerkennung anderer. Der Kontakt zum „Inneren Kind“ besteht überwiegend über die kritische Perspektive und Sprache des „Eltern-Ichs“.
Die Zusammenhänge machen deutlich, wie wichtig es ist, die immer noch vorhandene Macht der Eltern durch das „Eltern-Ich“ zu beenden. Das „Innere Kind“ braucht einen liebevollen „Inneren Erwachsenen“ als Gegenüber, ein neues, liebevolles „Eltern-Ich“, das der erwachsene Mensch in sich selbst, unabhängig von seinen Kindheitserfahrungen, aufbauen kann.
Das mag jetzt so klingen, als gäbe es überhaupt keine liebevollen Eltern, sondern nur solche, die sich so wie oben beschrieben verhalten. Häufig habe ich auch die empörte Reaktion bekommen, dass man seine Eltern doch nicht so negativ darstellen könne. Natürlich lieben die meisten Eltern ihre Kinder. Das Tragische ist ja gerade, dass man als Vater oder Mutter sogar meint, dass die eigenen erzieherischen Verhaltensweisen dem Kind gegenüber aus Liebe zu ihm notwendig seien. Sie haben die Verhaltensweisen zum Teil von ihren eigenen Eltern übernommen, die häufig noch strenger waren, als die, die ihre Kinder nun wiederum selbst praktizieren. Der Hintergrund dessen ist meist das unbewusste Erziehungsziel, die Kinder zu Menschen zu erziehen, die Leistungen bringen, sich den Normen der Gesellschaft anpassen, um später einmal auf der materiellen Ebene erfolgreich zu sein. Ein mir bekannter akademisch gebildeter Mensch und regelmäßiger Kirchgänger sagte mir einmal, dass ein Kind auch Schläge der Eltern als Ausdruck von Liebe erfahren könne. Die Form, die Erziehung in einer bestimmten Zeit annimmt, scheint eine fast hypnotische Wirkung zu haben, so sehr, dass der Erziehende selbst sein Verhalten nicht als Unrecht empfindet.
Es geht also überhaupt nicht darum, die Eltern wegen ihres mangelhaften Verhaltens zu schelten und ihnen die Schuld für die Problematiken des jetzt erwachsenen Menschen zu geben. Jede Generation praktiziert Erziehung und die Kinder haben mehr oder weniger darunter gelitten. Nur wenige haben die Konsequenzen bestimmter Verhaltensweisen ihrer Eltern erkannt, sie reflektiert und sich entsprechend ihren Kindern gegenüber anders verhalten, um nicht die gleichen Fehler wieder zu machen. Ein Teilnehmer einer meiner Workshops ist mit dem festen Vorsatz nach Hause gefahren, bei seinen Kindern jetzt die Kette, die sich von Generation zu Generation gebildet hat, zu durchbrechen und die Fehler der Vergangenheit heute nicht fortzusetzen.
Falls Sie selbst noch kleine Kinder haben, dann können Sie ab sofort Einfluss darauf nehmen, welche Botschaften deren „Eltern-Ich“ ihnen jetzt und auch später vermittelt. Denken Sie dabei an die zuvor beschriebenen Grundbedürfnisse des Kindes, die das Kind erfüllt haben möchte. Wenn Sie die zum Maßstab bei der Begleitung Ihrer Kinder beim Erwachsenwerden nehmen und möglichst dafür sorgen, dass Ihre Kinder später in diesen Bereichen keine Defizite haben, dann werden Sie sich später an dem guten Selbstwertgefühl und dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein erfreuen können. Sie werden dann zu guten Freunden, Sie und Ihre erwachsenen Kinder.
Der Kind-Erwachsene
Den erwachsenen Menschen, der häufig mit seinem „Inneren Kind“ identifiziert ist, bezeichne ich jetzt einfach einmal als einen „Kind-Erwachsenen“.
Er ist dies, weil er
nicht bereit ist, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, weil er Angst vor Kritik hat, wenn er Fehler macht, sich geirrt hat, nach Meinung der anderen falsche Entscheidungen getroffen hat, nicht den Erwartungen der anderen entsprochen hat.
nicht wirklich frei, sondern abhängig von anderen ist, die ihm das nun geben sollen, was er in seiner Kindheit zu wenig oder gar nicht bekommen hat: Bestätigung, Zuneigung, Anerkennung … Wenn er das bekommt, geht es ihm gut. Wenn nicht, fühlt er sich schlecht. Seine Beziehungen werden dadurch belastet. Mit der Abhängigkeit gehen permanent Gefühle von Machtlosigkeit und Unsicherheit einher, weil man sich selbst nicht fähig fühlt, sich das zu geben, was man braucht, um ein glückliches oder zumindest überwiegend zufriedenes Leben zu führen.
keinen Kontakt zu seinen eigenen Bedürfnissen hat. Er weiß nicht, was er wirklich will, was seine Wünsche sind, weil er zu sehr auf die Bedürfnisse anderer und deren Erwartungen fixiert ist. Für die Erfüllung der Erwartungen anderer empfängt er Dankbarkeit und Wohlwollen, was er nicht gefährden möchte, weil er das Gegenteil nicht aushalten kann: Ablehnung, Liebesentzug, möglicher Groll oder verlassen zu werden.
sich nicht bewusst ist, dass er einen Willen hat, eine Wahl hat, ja oder nein zu sagen. Ich habe Menschen sagen hören, dass sie „nein zu sagen“ überhaupt nie in Betracht ziehen.
Liebe als vor allem von anderen geliebt zu werden versteht. Sie ist für ihn in diesem Fall immer mit Bedingungen verbunden. Nur wenn man die Bedingungen erfüllt, kann man erwarten, geliebt zu werden. Es ist nicht vorstellbar, dass man jemanden lieben kann, ohne, dass damit Erwartungen, Bedingungen verbunden sind.
nicht wirklich im Leben agiert, sondern überwiegend unbewusst aufgrund von Konditionierungen und einprogrammierten Verhaltensmustern reagiert. Bewusstes Entscheiden im Sinne von Klarheit darüber zu haben was man sagt und tut, geschieht nur selten.
