Das letzte Buch - Helmut Ziegler - E-Book

Das letzte Buch E-Book

Helmut Ziegler

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Beschreibung

Liebe. Leichen. Literatur. Erst verliert Kulturredakteur und Zitat-Freak Jan Kevlar seinen Job. Dann seine große Liebe, die Köchin Cataleya. Schließlich sogar seine Vorhaut. Und als er sich fragt, ob sein Leben einen alten Bluessong nachäfft (Spoiler: nein) oder gar verflucht ist (na, irgendwie schon), schneiden ihm zwei Auftragskillern die Kehle durch. Doch immer, wenn etwas endet, beginnt etwas Neues ...

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Annett und Anton,

die A-Klasse.

Inhaltsverzeichnis

Eins

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Zwei

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Vier

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Fünf

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Sechs

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Sieben

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Eins

»May everyone live

and may everyone die.

Hello, my love,

and my love, goodbye.«

Leonard Cohen

1

Westlich von Marokko

(Lanzarote, 2007)

Inez de la Muerte bekam schlechte Laune. Wie es die Vorschrift befahl, war die Beauftragte zum Einsammeln der Seelen westlich von Marokko exakt um null Uhr an ihrem Arbeitsplatz eingetroffen und hatte mit einem Blick erkannt, dass die rot blinkende Darstellung einer Sanduhr ihr einen freien Tag versaute.

Ohne diese Anordnung wäre sie vielleicht in den Norden gefahren, zum Surfen oder zum Schwimmen mit Tintenfischen. Über die verwehte Sandpiste nach Famara, an den endlosen weißen Strand, wo der Atlantik so wild anbrandete, dass ein rostiges Schiffswrack bis heute nicht geborgen werden konnte. Damals, 1862, als der Zementfrachter in der Bucht auf Grund gelaufen war, hatte sie Überstunden schieben müssen, sich gleichwohl an der Schönheit des Ortes erfreut.

Oder sie wäre gen Süden gereist, zum Wandern in die Feuerberge. 1730, dem Jahr des ersten Vulkanausbruchs, und 1824, als der bisher letzte erfolgte, hatte sie immer wieder Aushilfskräfte anfordern müssen, Zeitarbeiter, um die Situation in den Griff zu bekommen. Seither herrschte allerdings Ruhe. Bis auf wenige Flechten und kleine, dornige Sträucher, durch die der wenige Regen auf der erkalteten Lava den üblichen, sinnlosen Kreislauf wieder in Gang brachte, gab es dort kein Leben.

Kein Leben, dachte Inez de la Muerte grimmig, keine Arbeit.

Sie war nicht faul, das war es nicht. An ihrem Arbeitsplatz, direkt neben dem Kontrollpult, hingen drei Urkunden für vorbildliche Pflichterfüllung. Aber sie hatte sich absichtlich an diesen abgeschiedenen Ort versetzen lassen, mit seinen gerade mal hunderttausend Bewohnern. Nach den hektischen Jahren des Mittelalters wollte sie als Canaria ihren Wirkungskreis begrenzen. In Ruhe über ihr Leben nachdenken. Die Ironie der Begriffswahl war ihr bewusst.

Wie auch immer, Punkt Mitternacht öffnete sie die Tür zum Kontrollraum und ging zu dem elektronischen Pult in der Gewissheit, hier würde heute niemand sterben. Alle Fälle von gestern waren abgehakt. In den übrigen Sanduhren – Symbole als Respekt vor einer längst vergangenen Zeit – ausreichend Zukunft. Die meisten glommen grün, manche gelb. Gelb war kein Grund zur Hektik.

»Verdammte Touristen«, murmelte Inez de la Muerte, als sie auf das zuckende Rot starrte. Immer mehr Reiselustige kamen auf ihre Insel und sorgten für Unregelmäßigkeiten.

Sie berührte das Piktogramm. Informationen bauten sich auf. Erst das Bild eines rothaarigen Mannes, dann dessen Daten.

Name: Kevlar, Jan.

Geboren: 16. Mai 1958.

In: Hamburg, Deutschland.

Beruf: Journalist und Autor.

Familienstand: ledig, Vater eines Sohnes, 14.

Konfession: keine.

Todeszeit: 11 Uhr 50 (Ortszeit).

Todesort: Tahiche, Fundación César Manrique (Innenhof, neben dem Swimming Pool).

Todesursache: verbluten (durchgeschnittene Kehle).

Mit einem Knopfdruck bestätigte sie der Verwaltung den Auftrag. Früher oder später geht es für jeden ans Sterben. In diesem Fall - nun ja, früher eben.

Schade eigentlich. Mit dem gestutzten Vollbart, den wachen blauen Augen und dem schalkhaften Lächeln wirkte dieser Kevlar ganz sympathisch. Außerdem schätzte sie es nicht besonders, Leute holen zu müssen, die noch nicht mal die Fünfzig erreicht hatten, Eltern minderjähriger Kinder schon gar nicht. Aber was solls? Mitgefühl war kein Teil ihrer Arbeitsplatzbeschreibung.

Auch César Manrique, den Inselkünstler, hatte sie gemocht. Schützend hatte er die Hand über seine Heimat gehalten und die Reiseindustrie in Schach. Kein Haus dürfe höher werden als eine Palme, alle weiß gestrichen, mit blauen oder grünen Fensterläden und Türen. Nachdem er betrunken an einem Kreisverkehr überfahren worden war, hatte sie sogar die Zeit über Gebühr gedehnt, um sich ausführlich mit ihm zu unterhalten. Gleichwohl, als es darum ging, zur Stelle zu sein, hatte sie letzten Endes ihren Job erledigt.

Und unterm Strich ruinierte dieser Kevlar ihre Ruhe.

Um 11 Uhr 30 stand sie vor der Fundación. Wie üblich summte sie Zeilen eines alten Liedes vor sich hin: When I look back upon your life, it’s always with a sense of shame … Den Rest hatte sie vergessen.

Gemäß der Dienstordnung hätte sie in Weiß gekleidet sein müssen, der Farbe des Todes. Aber sie sah das seit Jahren nicht mehr so eng: Ein knapper bronzefarbener Rock ergänzte ihr weißes Shirt und die weißen Turnschuhe. Kevlar dürfte es eh gleichgültig sein.

Dafür sprachen schon die beiden Männer, die am Tor warteten: Kevlars Eskorte in den Tod. Sie hatte viel über dieses Duo gehört, ging es doch ganz in seiner Profession auf. Für ihren Geschmack zu sehr: Sie fand es überflüssig darauf zu achten, dass lebenswichtige Organe möglichst lang möglichst wenig beschädigt wurden.

Kerzengerade stehend blickte sie über die schmale Straße. Die beinah hüfthohe Gartenmauer aus schwarzem Stein. Das weiß gekalkte Haus mit den arabesk anmutenden Türmchen. Die Bäume, deren Blätter sich herbstlich färbten. Die riesige Tonflasche, ein Hinweis, dass Wasser hier ein knappes Gut darstellte. Die Männer hatten die Holztür hinter sich geschlossen, das Knirschen ihrer Schritte auf dem Lavaschotter wurde leiser.

Inez de la Muerte folgte ihnen. Als sie sich dem Swimmingpool näherte, sich auf den sanften Wind konzentrierte, der mit einem Hauch Salz und staubigen Steins ihr Gesicht streichelte, erklang ein Geräusch, als fiele ein schwerer Sack zu Boden. Dann ein Röcheln.

Die Brise ließ nach, sie hörte nichts mehr, rührte sich nicht. Zwei, drei Minuten vergingen. Dann frischte der Wind wieder auf.

»Ich glaube, er will uns etwas sagen, Mister Frost.«

»Mag sein, Mister Wagner, mag sein. Aber wir sind hier nicht bei Flipper, dem klugen Delfin, oder?«

Sie vernahm ein heiseres Kichern. Es klang wie rieselnder Sand.

»Sie haben die Stimmbänder sorgsam durchtrennt, Mister Wagner?«

»Aber sicher.«

Inez de la Muerte seufzte. Waren die Angaben präzise, lag dieser Kevlar auf dem Boden, wohl ohne zu wissen, wie ihm geschah. Neben ihm gluckste das Wasser des Pools, dazu leichter Chlorgeruch, während sich links und rechts von seinem Hals Blutpfützen bildeten. Über ihm kniete bestimmt der Kleinere der beiden, der mit der Wollmütze. Während der Größere, der mit dem Rentnerhütchen und der Krankenkassenbrille, sarkastische Kommentare abgab.

Sie seufzte erneut. Menschen zu quälen, das war so … Sie suchte einen Moment nach dem passenden Wort. So … so … unnötig? Dekadent? Einfach?

Ach egal, die Menschen trugen ja selbst Schuld. Mal waren sie in ihrer Stoffeligkeit anrührend, mal in ihrem Egoismus anwidernd, vor allem aber machten sie sinnlose Pläne, hatten stets unnütze Träume, verlagerten alles in die Zukunft. Statt zu sagen, Schluss jetzt, ich setze das um, warteten sie auf den idealen Zeitpunkt. Der, logisch, nie kam. Dabei vermied es Missverständnisse, war banal, fast schon ein Gassenhauer: Wenn man weiß, worauf die Dinge zusteuern, ergeben sie oft mehr Sinn. Die Menschen mussten also dringend das Ende zuerst schreiben. Mit Erinnerungen sterben, nicht mit Sehnsüchten und Illusionen.

Sie hatte diesen Gedanken schon oft gedacht. Wie jedes Mal fiel ihr direkt im Anschluss auch ein Gleichnis ein, ihr einst zugetragen von einem Shaolin-Meister: Ein General war mit seinen Soldaten zu Pferd unterwegs, als er auf einen Mönch traf, mitten auf dem Weg, tief in Meditation versunken. Der General befahl ihm aus dem Weg zu gehen. Der Mönch blieb regungslos sitzen. Ob er taub sei, rief der General. Aber der Mönch blieb still. Der General wurde zornig und drohte: Er wisse wohl nicht, wen er vor sich habe? Einen Mann, der ohne mit der Wimper zu zucken töten könne. Da habe der Mönch aufgeschaut und ruhig geantwortet, dass der General wohl nicht wisse, wen er vor sich habe. Einen Menschen, der ohne mit der Wimper zu zucken sterben könne.

Das wars: Die Menschen mussten ihr albernes, kostbares Leben so gestalten, dass sie sterbefein waren. Nur unzufriedene Menschen hatten Angst vor dem Tod. Die zu quälen, die für ihr Ende bereit waren, bereitete niemandem Spaß. Nicht einmal jenen zwei, die jetzt die Fundación verließen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Beiläufig wischte der Kleine sein blutverschmiertes Messer an einem Palmenblatt ab.

Sterbefein, dachte Inez de la Muerte, die Beauftragte zum Einsammeln der Seelen westlich von Marokko. Wie komme ich jetzt auf dieses abgelaufene Wort? Ponderabel, fiel ihr ein, auch so eine fast begrabene Vokabel. Zwischengas. Sogar anno Schnee. Sie hing definitiv zu viel mit alten Menschen ab. Sie seufzte ein drittes Mal und blickte auf ihre Armbanduhr.

11 Uhr 50. Auf die Sekunde.

Sie legte ihre Hände vor der Brust zusammen und verneigte sich. Aus Respekt vor dem Toten. Vor den Toten überhaupt.

Am Swimmingpool sah es so aus, wie sie es erwartet hatte. Neben einer zerdrückten Bierdose lag der Körper von Jan Kevlar ein wenig verdreht auf dem Boden, der Hinterkopf in einer Lache aus hellem, arteriellem Blut, die an den Rändern bereits eingetrocknet, dunkler und fester war. Automatisch ging sie in die Knie und fühlte am Hals den Puls: null. Die ungewohnt weiße Haut, das erkennbare Netz der Adern, der Blick ins Leere, die dünne Schicht auf der Lederhaut, der etwas eingefallene Augapfel bestätigten ihre Diagnose: tödlicher Schock durch massiven Blutverlust.

Inez de la Muerte ging an die Arbeit.

2

Sie fertig …?

(Hamburg, 2002)

Mann, Mann, Mann, denke ich, der erste Satz ist doch wichtig. In der Liebe wie in der Literatur. Doch der erste Satz funktioniert nicht, kein Stück. Er ist nicht kurz. Er ist nicht knackig. Er sagt nicht einmal etwas Ungewöhnliches in gewöhnlichen Worten.

»Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Anwesende, ich begrüße Sie alle recht herzlich, hier im schönen Stockholm, wo wir uns heute versammelt haben, um …« Falls es der König von Schweden beabsichtigt hatte, seine Zuhörer mit dem ersten Satz wie mit einem Lasso einzufangen, es ist ihm missglückt.

Wir wissen doch, denke ich, wo wir sind. Und weshalb. Seit Wochen berichtet die Presse. Es steht auf den Plakaten am Eingang. Es ist auch auf den Einladungskarten aus büttengeschöpftem Papier zu lesen, die uns dein Sekretär zuschickte, angeblich von dir handgeschrieben. Zittrige Handschrift übrigens. Nach dem Besuch im Sex-Club unterzeichnet? Ach, egal. Wir wissen das jedenfalls alles, mach hin.

Irgendwann hebt der König seine Stimme ein wenig. In Wahrheit redet er zwar erst knapp zehn Minuten über die Macht der Literatur, doch mir kommt es vor, als wären meine Zehennägel zwei Zentimeter gewachsen.

»Literatur«, sagt der König, »ist eine Einladung, fremde Lebenswelten zu bereisen.«

Ach echt, ist das so, Hochwohlgeboren?

»Dadurch«, fährt der Regent fort, »eröffnet sich die Möglichkeit, nicht nur andere Menschen, sondern auch sich selbst besser kennenzulernen.«

Na, Dank für diesen Hinweis, Ihro Majestät. Wäre es nicht das Mindeste zu behaupten und auch eleganter formuliert, dass man aus sich heraus tritt, um sich selbst anzusehen?

»Denn Literatur spielt mit Wirklichkeiten, spannt einen Bogen, wo vorher keiner war.«

Is’ nich’ wahr, geschätzter Monarch. Vermutlich haben Deine Redenschreiber auch noch das Zitat von Umberto Eco eingefügt, dass Lesen eine Unsterblichkeit nach hinten ist.

Aber ich bin ungerecht. Erstens ist es ja nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Carl XVI. Gustaf den Nobelpreis für Literatur überreicht, ein knallharter Legastheniker. Dazu passt, dass er das, wovon er kaum Ahnung hat, in dieser putzigen Sprache preist, voller Äs und Ös und Üs, voller Ks und Vs und Ls. Die Institution, welcher der König vorsteht, heißt in der Landessprache Kungahus. Klingt das nach mit Juwelen besetzten Kronen, Mätressen, willkürlichen Hinrichtungen? Eher nach einem Türstopper von Ikea. Zweitens fehlt das Zitat. Und drittens kommt jetzt der schönste Moment.

»In diesem Jahr«, sagt der Monarch und seine Stimme klingt mit einem Mal salbungsvoll, »ehren wir einen Schriftsteller, der schon im Alter von siebzehn Jahren für eine Kurzgeschichte ausgezeichnet wurde. Dessen Romane präzise Zeitgenossenschaft beweisen, aber weit über die reine, schnell vergessene Aktualität hinausreichen. Ja, ich möchte sagen, die allgemeingültig sind, ihre eigene aufgeklappte Welt.«

Immerhin, die erste hübsche Formulierung.

»Und darüber hinaus verfasst in einem Stil, der automatisch jeden in den Bann zieht, die Hausfrau wie den Literaturwissenschaftler. So geht der Preis, und ich könnte mir keinen würdigeren Vertreter vorstellen, in diesem Jahr …«

Er macht eine kurze, wie ich finde, dramaturgisch komplett überflüssige Pause.

»an …«

Noch so eine Pause.

»Jan …«

Yeah, ergänze ich in Gedanken. Jan fuckin’ …

Die dritte Pause erscheint mir endlos. Hat er meinen Namen vergessen?

»… Kevlar.«

Aber ganz genau. Mein Name geht dem König leicht über die Zunge. Kein Wunder, es kommt ein K vor, ein V und ein L.

Mit angemessener Verzögerung erhebe ich mich. Knöpfe in aller Ruhe das Oberteil meines Fracks zu, eine Sonderanfertigung von Dries van Noten. Richte noch einmal die weiße Schleife, obwohl sie perfekt sitzt. Gehe langsam, vorbei an den rechts und links sitzenden Ehrengästen, in Richtung Treppe.

Kaum wahrnehmbar wippt der Boden unter meinen Füßen. Keine Ahnung, woher ich weiß, dass diese Dielen aus handpolierter Eiche sind, kürzlich einen hässlichen blauen Teppichboden ersetzten, ich weiß es. Die sieben Stufen nehme ich lässig, aber der Wucht des Augenblicks angemessen. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Hand, die auf den Startknopf der Druckmaschinen haut, um die nächste Auflage zu produzieren, sehe Aufkleber auf dem Cover, Literaturnobelpreis, sehe Schaufenster mit Buchstapeln und meinem Foto, dem schwarzweißen, das mit dem einen hochgezogenen Mundwinkel, skeptisch, aber wohlwollend. Dann stehe ich auf der Bühne.

Beifall brandet auf, als der König mir seine rechte Hand reicht und die linke meinen Unterarm berührt. Ein Griff, Freude, wahre Sympathie symbolisierend. Wir drehen uns so, dass wir beide das Publikum ins Visier nehmen. Der Beifall wird stärker, enthusiastischer.

Ich lächle, als ich die in mattschwarzes Leder gebundene Mappe auf dem blumengeschmückten Podest entdecke. In ihr wohl die Urkunde. Daneben, schon geöffnet, die mit gelbem Samt ausgeschlagenen Schatulle, darin die 200 Gramm schwere Medaille aus 18-karätigem Gold, überzogen mit 24-karätigem. Der Beifall hört einfach nicht auf.

Der König greift nach Ledermappe und Schatulle. Das sofort einsetzende Blitzlichtgewitter der Fotografenmeute hinter den Absperrgittern stört mich nicht, im Gegenteil. Ich bekomme eine Gänsehaut, spüre Adrenalin in meiner Blutbahn.

Das Preisgeld wird natürlich, noblesse oblige, mit keiner Silbe erwähnt. Jeder hier im Saal kennt die Summe von zehn Millionen schwedischer Kronen, umgerechnet gut eine Million Euro. Trotzdem muss ich mich zusammenreißen, um meine rechte Hand nicht zur Faust zu ballen, sie nicht gen Himmel zu stoßen.

Stattdessen knie ich nieder. Demut, so verlogen sie sein mag, kommt immer gut. Ich weiß, dieses Bild wird in wenigen Minuten im Internet zu sehen sein, später im Fernsehen, morgen die Titelblätter aller Tageszeitungen weltweit schmücken. Als ich mich wieder erhebe, schüttelt mir der König, obwohl vom Protokoll nicht vorgesehen, erneut die Hand, offensichtlich gerührt.

Ich begebe mich hinter das Podest. Das kopierte Manuskript meiner Rede liegt in einem Fach, aber ich trage das Original bei mir, welches ich jetzt wie nebenbei aus der Innentasche meines Fracks hervorhole.

Ich räuspere mich. »Ihre Königliche Hoheit, vielen Dank für diese so bewegende Rede, die, gehalten von einem Menschen, wie sie es sind, ich nur als Kompliment verstehe. Verehrte Exzellenzen, geschätzte Mitglieder der Akademie, meine Damen und Herren! Es ist eine große Ehre für mich, hier zu stehen, und ich möchte den heutigen Anlass nutzen, um …«

Der Beginn ist betulich, um die Zuhörer in Sicherheit zu wiegen. Wer Sicherheit will, denke ich, sollte besser gar nicht geboren werden. Während der ersten Sätze registriere ich aus dem Augenwinkel, dass sich in der dritten Reihe eine dunkelhaarige Frau leicht vorbeugt und tief einatmet. Ihr Dekolleté ist beeindruckend, eine schmale schattige Schlucht zwischen zwei Wölbungen, die den Stoff ihrer weißen Bluse herausfordern. Ich drehe meinen Kopf einige Millimeter in ihre Richtung. Sie hält meinem Blick stand. Sie weiß, dass ich jetzt weiß, dass sie keinen BH trägt, und schenkt mir ein Lächeln.

»Sie fertig?«

Ich schüttle den Kopf. Es geht gerade erst los, will ich sagen …

Doch der Rücksturz ist gnadenlos.

Die mit Goldreliefs verzierten Fliesen, gegen die ich die dunkelhaarige, stoßweise atmende Frau in Gedanken drücke – sie lösen sich auf. Die weiße Bluse, an der inzwischen zwei Knöpfe fehlen, und die habe nicht ich abgerissen – sie verblasst. Die Reporter, der livrierte Fahrer, die Limousine mit den verdunkelten Scheiben – alles verschwindet schlagartig. Auch das Konserthuset selbst – zack, weg.

Ersetzt wurde all das durch nikotinbraune, leicht fleckige Kacheln einer Herrentoilette im vierten Stockwerk eines roten Backsteingebäudes in Hamburg. Die Redaktion der Wochenzeitung Der Schlüssel hatte hier ihren Sitz.

Mit offener Hose stand Kevlar am Urinal.

»Sie fertig?«

Eine voluminöse afrikanische Reinigungskraft zerrte ihren Wagen voller Putzutensilien in den Raum. Ihr Kittel war vom gleichen Blau wie der Klostein. Die Räder des Wagens klackerten über die Fugen.

Kevlar verschloss die Augen, verzog den Mund.

»Sie fertig, jetzt?«

Die Stimme bekam einen barschen Unterton. Ihr Drängen könnte Aufforderung zum Suizid sein, zum sich die Kehle durchzuschneiden, müsste sie dann nicht noch das Blut wegwischen.

Kevlar öffnete die Augen wieder und bezähmte sich, die bestimmt illegal eingewanderte, schon mehr als genug ausgebeutete Reinigungskraft gegen ihr Schienbein zu treten. Stattdessen schloss er seine Hose. Ein Tropfen ging daneben. Er wischte mit der Schuhsohle drüber und wechselte in den Vorraum, Hände waschen.

Mit Vierzig ist Schluss stand da neben dem Spiegel in Augenhöhe. Mit schwarzem Filzstift geschrieben. Dann musst du dir etwas einfallen lassen.

Außer ficken, hatte jemand darunter gekritzelt.

Lesen. Wandern. Minigolf. Empfahl ein Dritter.

Ich bin dreiundvierzig, dachte Kevlar. Und ja, ich bin fertig.

3

Die Sieben

(Hamburg, 2002)

Es war der 6. März, ein Mittwoch mit morgendlichen Graupelschauern, dem Winter näher als dem Frühling. An seinem Bürofenster rannen langsam Tropfen hinunter, kollidierten, verschmolzen, liefen lustlos weiter.

Er starrte eine Weile aus dem Fenster. Wie üblich hatte er schon im Bus auf dem Weg zur Arbeit nach neuen Geschichten gesucht und dabei von einer Umfrage gelesen, nach der einundachtzig Prozent aller US-Amerikaner den Wunsch hätten, ein Buch zu schreiben. Immerhin sechs Millionen von ihnen hätten gar fertige Manuskripte in der Schublade. Das könnte was sein.

Kevlar arbeitete gern hier, als Literaturredakteur auf halber Stelle. Jeden Morgen musste er schon in der auf Marmor getrimmten Eingangshalle über die Plexiglasschilder lächeln. Im vierten Stock Der Schlüssel, die seriöse Wochenzeitung. Schlüsselloch, das billige Sex-Magazin, im fünften. Jedes Mal musste er sich beherrschen, im Fahrstuhl nicht auf den falschen Knopf zu drücken.

»Moin.« Jonathan klopfte an seine Glastür. »Ich muss gleich in die Konferenz. Kriegen wir die Geschichte über die Sieben ins Blatt?« Jonathan vertrat die Ressortleiterin, wenn sie krank oder auf Dienstreise war.

»Nee, ich habe gerade erst mit der Recherche begonnen. Du weißt, wie mysteriös die sich geben. Das wird dauern. Wir nehmen das Interview mit Per Olov Enquist mit, der ist Favorit für den Buchpreis in Leipzig …«

»Wann ist die Messe?«

»In zwei Wochen. Das Buch ist schon etwas älter, wurde aber kaum wahrgenommen. Außerdem spricht Enquist erstmals über seinen Alkoholismus. Sollte er den Preis gewinnen, wird das von allen Agenturen rauf- und runterzitiert. Headline: Klar schreiben, Klaren trinken.«

»Und worum gehts?«

»Um einen geisteskranken dänischen König, der bereits mit sechzehn Jahren auf den Thron kommt und mit einer minderjährigen englischen Prinzessin verheiratet wird. Als die nach dem ersten Beischlaf schwanger wird, verliert er das Interesse, sein Leibarzt soll sich um sie kümmern. Der beginnt eine Affäre mit der Prinzessin, gewinnt aber auch das Vertrauen des Regenten. Er wird sogar ermächtigt, eigene Beschlüsse zu erlassen. Mit denen kämpft er für die Ideen der Aufklärung, Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Als der Leibarzt immer mächtiger wird, kommen dessen Gegner am Hof jedoch mit einem gefälschten Umsturzplan aus ihren Löchern. Erfolgreich, schließlich schickt der König seinen Vertrauten aufs Schafott.«

»Historie, Politik, Aufklärung, Intrigen, Sex und Tragik – das sollte die Chefs ruhigstellen«, sagte Jonathan mehr zu sich selbst.

»Deshalb habe ich es ausgesucht. Und vergiss die Suffbeichte nicht. Als Kontrast kommt unten auf der Seite noch die Besprechung eines Comics von Ole Könnecke dazu, Doktor Bodo schreibt ein Buch, in dem er spielerisch erklärt, wie man Bestseller verfasst.«

»Ist dieser Enquist gut?«, fragte Jonathan.

»Woher soll ich das wissen? Ich lese nie die Bücher, die ich rezensiere – man ist sonst so voreingenommen.«

Jonathan lachte. »Der Zynismus steht Dir zwar nicht, aber lass mich raten: Oscar Wilde?«

Kevlar grinste nur. »Solltest Du wider Erwarten zum Stil befragt werden, murmle einfach tiefsinnig was von poetischem Realismus. Passt schon.«

Kevlar beneidete Jonathan ein wenig. Er besaß Anzüge, so abgeschabt wirkend, als habe er sie vor Jahren als Gitarrist einer Underground-Band auf der Bühne getragen. Er wurde nicht weich um die Hüfte, obwohl er nicht weniger Bier trank als er selbst. Und er besaß feste Überzeugungen, was richtig und was falsch war, die er aber mit einem Lachen vortrug und so niemandem auf die Nerven fiel.

Kevlar wühlte in seiner Tasche nach dem Ausriss mit den schreibwütigen Amerikanern und wartete, bis der Computer hochgefahren war. Ein paar Klicks später war klar, dass die Umfrage von einer Firma stammte, die ausschließlich Werke von Amateuren veröffentlichte – gegen einen Zuschuss von sechstausend Dollar für die Druckkosten, ohne jede Qualitätskontrolle. Die Geschichte war gestorben.

Obwohl. Man könnte Leseproben ordern und unter dem Motto Ich schreibe, also bin ich einen Querschnitt des Programms vorstellen. Schließlich lesen immer weniger, immer mehr aber wollen schreiben. Autor und Titel also, erster Satz, bester Satz, der, bei dem jedes Interesse erlischt, so in der Art.

Kevlar las sich durch einige Leseproben, die online verfügbar waren. »Gelegentlich wollte ich oft meinen eigenen Kopf durchsetzen« stand da. Oder »Nun komme ich zum Brotbacken«. In jedem Abschnitt starrte er auf gefühlte fünfhundert Ausrufezeichen, manchmal gab es mehr Stilfehler als Worte. Die Geschichte war tatsächlich gestorben.

Kevlar ging in die kleine Küche am Ende des Ganges. Während das Wasser durch den Kaffeefilter sickerte, konzentrierte er sich auf das Rätsel der Sieben.

Niemand wusste etwas über den Verlag, er war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Zwar gab es diesen Namen, Die Sieben. Aber keinen offiziellen Verleger, kein Lektorat, keine Presseabteilung, keinen Vertriebsleiter, nicht einmal eine Adresse. Dafür diesen unfassbaren Überraschungserfolg. Und eine Homepage, die exakt eine Seite umfasste – rief man die dort angegebene Telefonnummer an, lief ein Anrufbeantworter, der einen vielleicht möglichen Rückruf zart andeutete.

Kevlar hatte mehrfach Nachrichten hinterlassen. Stets meldete sich ein Rechtsanwalt aus München namens Frederic Parr, der über eine extrem tiefe und warme Stimme verfügte, mit der er alle Anfragen abperlen ließ. »Auf Wunsch der Verantwortlichen kann ich Ihnen leider keine Auskünfte geben.« – »Die Verantwortlichen haben mich mit der juristischen Stellvertretung beauftragt, damit sie im Hintergrund bleiben«. – »Was ich persönlich weiß oder nicht, spielt keine Rolle.« – »Netter Versuch, aber die Berichterstattungspflicht gilt nur für Aktiengesellschaften oder Behörden.«

Parr hatte auf alle Fragen eine nichtssagende, aber absagende Antwort. Das Lächeln, das seine Lippen dabei umspielte, Kevlar konnte es hören. Mit der altertümlichen Formulierung »Seien Sie für Ihr Interesse bedankt« schloss der Jurist jedes Telefonat und legte auf.

Das Handelsregister war auch keine Hilfe. Es enthielt zwar die unverzichtbaren Informationen, die windige Gesellschaftsform GmbH & Co. KG etwa, aber als einzige vertretungsberechtigte Person war eben jener Frederic Parr eingetragen. Nicht anders lief es, wenn man bei Geschäftspartnern nachhakte: dem Papierhändler, der Lithografie, der Druckerei, dem Hersteller des Lesebändchens. Sie alle baten um Verständnis, aber sie gäben grundsätzlich nicht über ihre Kunden Auskunft und verwiesen an den Münchner Rechtsanwalt.

»Seien Sie für Ihre Informationen bedankt«, sagte Kevlar am Ende stets frustriert. Das brachte immerhin den einen oder anderen wissenden Lacher.

Über Yvainë Heller war natürlich auch nichts herauszufinden. Keine Altersangabe. Kein Geburtsort. Kein Foto. Keine Telefonnummer. Kein Eintrag bei den Suchmaschinen, abgesehen von Buchhändlern sowie einige Spekulationen. Sie war, soviel stand fest, weder in Deutschland gemeldet, wo ihr Roman veröffentlicht wurde, noch in England, wo er spielte. Aber der Name auf dem Buch musste ja nicht der sein, der in ihrem Pass stand. Falls es sie überhaupt gab.

Kevlar erinnerte das an einen todessehnsüchtigen Text, den eine Siebzehnjährige hinterlassen haben sollte, nachdem sie sich vor einen Zug geworfen hatte. Ein Vierteljahrhundert später wurde der Text veröffentlicht und entwickelte sich zu einem Untergrund-Erfolg. Dass es von der jungen Ausreißerin kein Foto gab, keine weiteren Informationen, machte sie zu einem Mysterium, heizte den Mythos umso mehr an. Bis der Herausgeber des Buches gestand, den Text selbst verfasst zu haben. Der Glaubwürdigkeit halber hatte er sein Typoskript sogar von einem pubertierenden Mädchen in ein Schulheft abschreiben lassen.

Von Yvainë Heller gab es auch nur ihr angebliches Debüt. Numb. Das Cover zierte die Nahaufnahme eines weiblichen Körpers, die Hand der Frau war tief in ihrem Spitzenschlüpfer versenkt. Die Geschichte erzählte von einer empfindungslosen Frau, die permanent Sex suchte und fand, manchmal allein, meist aber in Gesellschaft, zahlreicher Gesellschaft durchaus, und in billigen Hotels, auf Spielplätzen oder Friedhöfen. Hellers Stil war dürftig, aber sie – ihr Ghostwriter, ihr Lektor, wer auch immer – hatte diesen Vorwurf in einem Nebensatz prophylaktisch gekontert: »Ich weiß, meine Sprache ist ruppig. Aber ich will nicht über die Funktion des Semikolons nachdenken, ich will fühlen, ich will ficken.« Was sie mit manchem Literaturkritiker gemein haben könnte. Wäre es nicht sein Job, er hätte das Werk aus vorhersehbarem Snobismus ignoriert. Wie zuvor Süßkinds Parfüm, wie Noah Gordon oder John Grisham.

Der »perfekt komponierte Seelenstriptease einer Nymphomanin« war Numb, wie Times Literary Supplement meinte. Die »subtile und dabei rasierklingenscharfe Biografie eines Mädchens, das Männer so schlecht aussehen lässt, als hätte man sie brutal durch eine Dornenhecke gezogen«, so GQ. Und »geschrieben mit dem Herzblut einer frisch Verknallten und der Abgeklärtheit einer sechzigjährigen Crack-Hure«, befand die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Kevlar hatte sich diese Sätze notiert, auch einige Wortspiele. Der Verlag war »Die glorreichen Sieben« genannt worden, angesichts des Erfolges auch »Das siebte Weltwunder«. Zusammen mit Protokollen der Anwalts-Telefonate und Zahlen – mehr als eine Million verkaufte Exemplare von Numb allein in Deutschland, mehr als vierzig Lizenzen im Ausland, Verkauf der Filmrechte für kolportierte drei Millionen Dollar an ein natürlich nicht genanntes Studio in Hollywood – waren das die im Rechner gespeicherten Informationen.

Die geöffnete Datei gähnte ihn unverhohlen vom Bildschirm an, als er mit dem Kaffee zurückkehrte. Im Küchenschrank war nur noch der Becher mit der Aufschrift Shakespeare hasst deine Texte gewesen. Er hasste Bürohumor.

Es war kurz nach halb zehn, Parr sollte an seinem Schreibtisch sitzen. Also rief Kevlar erneut an, die Nummer der Kanzlei kannte er inzwischen auswendig.

»Jan Kevlar, Der Schlüssel, guten Morgen.«

»Sie schon wieder, Herr Kevlar.«

»Ich schon wieder, Herr Parr.« Leg etwas Charme in deine Stimme, befahl sich Kevlar. »Ich wollte mich erkundigen, ob sich an den Richtlinien Ihrer eitlen Selbstdarstellung etwas verändert hat.«

Parr lachte. »Tut mir leid. Aber gestatten Sie eine Gegenfrage. Wie kommen Sie auf eitel?«

»Gibt es Eitleres, als sich der Öffentlichkeit zu entziehen, wenn man so leicht – und lassen Sie mich hinzufügen: so verdient – im Rampenlicht stehen könnte?«

Parr lachte erneut, sagte aber nichts.

»Vielleicht sollten Sie den Verlag umbenennen. Das siebte Siegel …«

»Ich werde Ihren Vorschlag weiterleiten«, sagte Parr. »Sollte sich etwas ergeben, erfahren sie es als Erster, mein Ehrenwort.«

»Wissen Sie schon, welches Buch als nächstes erscheinen wird?«

»Kommen Sie, natürlich nicht. Es steht noch nicht einmal fest, ob es weitere Verlagsaktivitäten geben wird.«

»Warum habe ich diese Antwort erwartet?«

»Weil Sie das Prinzip begriffen haben? Wenn es keine weiteren Fragen gibt, zu denen ich Ihnen keine Antwort geben kann, seien Sie in der Zwischenzeit …«

»… schon gut, schon gut«, unterbrach Kevlar genervt und legte auf. Fuck! Er verschränkte seine Hände im Nacken und atmete durch. Wollte er weiterkommen, musste ihm langsam mal etwas Durchschlagenderes einfallen.

Jonathan tauchte an seiner Bürotür auf.

»Schon fertig mit der Konferenz? Das ging schnell …«

Jonathan blickte ernst. »Du solltest hochkommen.«

»Jonathan, damit diese Geschichte irgendwann rund ist, habe ich echt zu tun. Und Du weißt, wie mich Konferenzen anöden. Außerdem kannst Du unsere Themen wortgewandt …«

Jonathan unterbrach ihn. »Du solltest besser hochkommen«, wiederholte er. Und war verschwunden.

4

Weihrauch und Babypuder

(Oman, 2002)

Das Leben war doch wirr. Da stand sie zum ersten Mal während eines Sonnenuntergangs in der Wüste. Der Sand unter ihren Füßen war noch warm vom Tag, nicht mehr zum Hüpfen heiß. Langsam wechselte er die Farbe, wurde grau. Eine Stille, in der man es rieseln hörte, wenn ein Skarabäus etwas vergrub.

Und sie? Ausgerechnet in diesem andächtigen Moment zitterte sie unkontrolliert. Ihre Beine. Ihr Kiefer.

»Habibi, wir sollten …« Chris kam langsam auf sie zu, beschleunigte dann. »He, alles okay?«

Mit klappernden Zähnen schüttelte Cataleya den Kopf und knickte ein. Automatisch griff ihr Chris unter die Arme, fühlte dann ihre Stirn.

»Du bist ja ganz heiß.«

»Mir ist kalt.«

»Stütz’ Dich auf mich. Wir fahren sofort ins Camp.«

Minuten später, vom kurzen Marsch über die nachgebenden Dünen zum Wagen völlig erschöpft, ließ sich Cataleya in den Sitz fallen. Chris setzte eine Wasserflasche an, der Großteil lief Cataleya über Kinn und Oberkörper. Als Chris den Vierradantrieb startete, röchelte Cataleya: »Keine Klimaanlage.«

Wenige Stunden zuvor hatte Chris die Klimaanlage noch von sich aus abgestellt. Vor einer sich steil auftürmenden Düne.

»Keine gute Idee, glaube ich«, hatte Cataleya gesagt. »Da draußen scheint die Sonne.«

»Habibi, hier scheint überall die Sonne. Aber nützt ja nichts, der Motor braucht jetzt alle Energie, die er kriegen kann.« Sie zeigte auf die Düne.

»Du willst da hoch?« Cataleya wies erst auf die Windschutzscheibe, dann zu den Pedalen. »In Flip-Flops?«

Chris schaute sie ausdruckslos an. »Hast Du Dich im Souk verlaufen?«

»Nein«, sagte Cataleya.

»Roch das Parfüm gut?«

»Ja. Zu intensiv vielleicht, nach zwei Tagen hätte ich gern die oberste Hautschicht abgetrennt.«

Chris verdrehte die Augen, machte aber weiter. »Habe ich Dich davon abgehalten, das süße Lamm auf dem Viehmarkt zu kaufen?«

»Ja, verdammt. Zum Glück.«

»Und habe ich Dir Rezepte für Samak pablo, Maqboos und Halwa besorgt, nach denen Du gebettelt hast?«

»Ja-ha.«

»Also. Das für die im Erdloch gebackene Ziege kriegst Du auch noch.« Chris drückte das Gaspedal durch und der Motor röhrte auf. »Vertrau mir einfach«, rief sie, »der Sand ist weich.«

Der Sand war eher unberechenbar. Hier nachgiebig, dort knallhart, der Wagen schlitterte wie auf Eis. Chris fuhr zudem nicht direkt hoch, sondern bohrte sich immer wieder schräg in die Steigungen. Links und rechts schleuderten die Reifen den feinkörnigen Sand hoch. Der Jeep rutschte zur Seite, in eine Neigung gehobenen Achterbahnniveaus.

Cataleya klammerte sich panisch an den Überrollbügel, kreischte aber gleichzeitig vor Vergnügen. Chris grinste, obwohl sie nichts sehen konnte: In mächtigen Schüben rauschte orangefarbener Sand über die Windschutzscheibe wie eine kosmische Verwirbelung. Das Röhren des Motors klang wütend, die Räder drehten durch, Chris riss das Lenkrad herum. Auf Sandwellen ritten sie ein paar Sekunden, dann ging es rasant abwärts, mit der Fahrzeugnase über einen Dünenkamm.

Cataleya musste lachen, unwillkürlich, vollkommen grundlos, als ihr Magen durch ihren Körper hüpfte. Unten drehte Chris einen weiten Kreis, bis sie wieder freie Sicht hatte, dann nahm sie erneut Anlauf, fuhr aber gradliniger, reizte nur kurz unter dem Kamm noch einmal die Balance aus Motorkraft, Wagengewicht und nachgebendem Sand aus und erreichte, den Fuß voll auf dem Gas, mit einem leichten, unberechenbaren Sprung die Spitze der Düne.

Beide stiegen aus. Cataleya umarmte ihre Fahrerin begeistert. Chris sog die Luft tief ein.

»Willst Du mal?«, fragte sie und klimperte mit dem Autoschlüssel.

»Mann, Dich hats aber erwischt«, sagte Chris und schleppte Cataleya zu ihrem Zelt. Inzwischen war es dunkel, nur das Hauptgebäude des Camps illuminiert. Chris leuchtete mit ihrer Taschenlampe den Weg, um nicht auf einen Skorpion zu treten.

Cataleya ließ sich auf das wunderbar harte Bett fallen. »Ich habe bestimmt zu wenig getrunken, zu viel geschwitzt. Schüttelfrost in der Wüste, beknackter geht es kaum.«

Chris ließ die Fenster offen, zog aber die Vorhänge vor. »Du bist den Wechsel zwischen vierzig Grad im Schatten und Klimaanlage nicht gewohnt.«

»Hier gibts Schatten?« Ihre Worte klangen undeutlich, die Zähne klapperten leicht.

Als Chris sah, dass Cataleya selbst unter der Decke fror, zog sie sich bis auf die Unterwäsche aus und kletterte zu ihr.

Nachdem Cataleya eingeschlafen war, saß Chris vor dem Zelt und rauchte eine Zigarette, um den sanften Geruch nach Babypuder zu verdrängen, der selbst eine kranke, verschwitzte Cataleya umgab. Fragte sich, ob sie dabei war, sich in das zitternde Bündel zu verlieben.

In mildem Dampfbadklima hatte Cataleya erhitzt vor dem Hoteleingang zwischen Palmen auf sie gewartet, auf ihre Reiseführung. Der erste Eindruck: Die würde den Rest der Welt nicht in den Schatten stellen. Ihre Sonnenbrille war seit Jahren aus der Mode und würde es erst in weiteren wieder sein, vielleicht. Sie reichte Cataleya die Hand. Deren Druck war bestimmter, zupackender, als Chris vermutet hatte.

»Habibi«, begann sie ihren Standardspruch, »Du merkst schon: Hier ists heißer als in der Hölle. Meine Aufgabe ist es, Dir in den nächsten Wochen zu beweisen, dass es im Oman auch schöner ist. Qahwa?«

Cataleya nickte nur.

Mit Blick auf die leuchtend grüne, arabesk verzierte Kuppel am Eingang des Souk saßen sie an der Corniche, nippten an dem starken Getränk und entwarfen den Reiseplan: Kamele reiten. In einem Wadi baden. Die große Moschee besuchen. Weihrauch entzünden, die harzigen, nach Kirche duftenden Tränen des Baumes, in den ein Dschinn verwandelt wurde, weil er sich unerlaubterweise in eine menschliche Frau verliebte. Eine Dishdasha anprobieren, das weiße Gewand der Männer. In einem uralten Lehmhaus schlafen, einen Krummdolch schleifen, auf einer Werft spargelgroße Holznägel in eine Dhau schlagen – Cataleya stimmte allem zu. Für eine Touristin aus Deutschland war das ungewöhnlich.

Schließlich stellte Cataleya doch eine Frage. »Dieser Kaffee. Hast Du das Rezept?«

Irgendwann hörte Chris auf zu lachen.

»An einem Tag, an dem einem nichts gelingt«, erklärte Cataleya in aller Ruhe, »gibt es nichts Besseres, als lecker zu kochen. Phở bo, Schwarzbrot mit Rührei und Petersilie, Cassoulet, vollkommen egal. Man kann grübeln, schmollen, schimpfen – oder kochen. Ich koche. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt: Ich koche – und der Tag ist gelungen. Ich mag sogar den Abwasch, das meditative Rauschen der Spülmaschine. Und eines Tages werde ich ein eigenes Restaurant leiten.«

Chris legte den Kopf schief, da kam wohl noch mehr.

»Genau genommen mache ich das schon. Aber nicht so, wie ich will. Eigentlich koche ich nicht, ich bereite nur Essen zu. Kochen tut man, glaube ich, wenn man an jemanden denkt.« Cataleya machte eine weitere kurze Pause. »Hast Du jetzt das Rezept oder nicht?«

Chris fragte den Kellner.

»Espresso, arabisch hart geröstet«, übersetzte sie. »Kardamom, ein Spritzer Rosenwasser und eine Spur Safran.«

Unterwegs kamen sie wiederholt aufs Kochen. Cataleya erzählte von ihren Reisen, Chile, Peru, wo sie unfassbar aromatische Rezepte aufgespürt hatte. Von der Liebe zum Kochen kamen sie zur Liebe an sich. Und irgendwann von der Liebe an sich zum Sex.

»Muslime«, sagte Chris auf der Terrasse eines Restaurants, in dem es sogar Wein gab, auch wenn er nicht auf der Karte stand, »haben mehr Spaß am Sex. Weil sie Verbotenes tun.«

»Aha.« Cataleya untersuchte die Meeresfrüchte auf dem Teller. »Womit würzen die dieses Curry? Ich schmecke Kreuzkümmel, Kurkuma, aber da ist etwas Liebliches. Vanille etwa?«

»Ein Hauch Rosenblütenwasser«, erklärte Chris, die sich an die Obsession gewöhnt hatte. Nahm den Faden wieder auf: »Aber eigentlich sind die alten Griechen schuld.«

»An Rosenblütenwasser?«

»An unserer Vorstellung von Liebe. Am Mythos von der Seelenverwandtschaft. Dem Gefühl, im Anderen die perfekte Entsprechung gefunden zu haben.«

Endlich sah sie Cataleyas neugierigen Blick.

»Platon«, erklärte Chris. »Sein Gastmahl. Ein Haufen Dichter feiert eine Party und jemand macht den Vorschlag, eine Lobrede auf Eros zu halten. Irgendwer, er dürfte ordentlich getankt haben, sagt, früher waren wir Kugeln – mit vier Händen, vier Füßen und zwei Gesichtern, zwei Geschlechtsteilen. Diese Wesen, stark, schnell, fast fehlerfrei und deshalb auch übermütig, wurden von den Göttern zur Strafe in zwei Hälften geschnitten. Der Drang der zwei Hälften, sich wieder zu vereinen, wurde als Liebe bekannt.«

»Ich erinnere mich. Habe ich in der Schule gelesen. Du willst sagen, Liebe ist nur ein Trick, um Sex haben zu können?«

»Viel mehr: Liebe ist eingeredeter Mangel. Und ich finde es witzig, dass wir uns an einem Thema abarbeiten, das sich jemand vor vielen Tausend Jahren im Vollrausch ausgedacht hat.«

Nach zwei Tagen war Cataleyas Fieber abgeklungen. Zum Abschluss der Reise hatte Chris ihr drei Tage in einem luxuriösen Ressort gebucht: Maurischer Baustil, der wirkte wie arabisches Playmobil, gehauen in ein hier kupfergrün, dort eisenrot schraffiertes Gebirge, das direkt am Meer auslief. Mit Privatstrand, Dattelpalmen, Eisbrunnen und langflorigem, fast bis zu den Knöcheln reichendem Teppichboden.

Als Chris sich auf dem Parkplatz von ihr verabschieden wollte, nahm Cataleya sie bei den Händen, zog sie zu sich und log ihr lächelnd ins Gesicht. »Mir ist kalt. Ich glaube, ich habe mir etwas eingefangen.«

Chris sog den zarten Duft von Babypuder tief in sich hinein.

5

Heute keine Konferenz

(Hamburg, 2002)

Unschlagbarer Vorteil seiner halben Stelle als Literaturredakteur: Nervte Kevlar eine Konferenz, konnte er schnell zu seinem Kind fliehen. Nervte Wilko, stand schon die nächste Konferenz an.

Auf diese allerdings hätte er gern verzichtet. Diesmal wurde nichts bis zum Nervenzusammenbruch ausdiskutiert. Diesmal ging es nicht um Geschmacksfragen. Nicht einmal um persönliche Eitelkeiten, Hinterhalte, Schlammschlachten.

Bleich und eingefallen saß Wolff, der Chefredakteur, an seinem Platz. Sein Vollbart wirkte grauer als sonst, wie Schimmel. Rechts neben ihm der Verleger, dem Kevlar in all den Jahren nie begegnet war.

Als er sich in den überfüllten Raum schob, hob der Verleger die Ausgabe in die Höhe, die ab morgen an den Kiosken liegen würde. Er sah aus wie der Zeitungsjunge eines alten Films, bereit, Neuigkeiten herauszubrüllen.

Kevlar wusste sofort: Das wars.

»Um es kurz, aber leider nicht schmerzlos zu sagen«, sagte der Verleger, »diese Woche erscheint Der Schlüssel zum letzten Mal.«

Es folgte ein längeres Referat über die gesamtwirtschaftliche Situation. Die sich abzeichnende Medienkrise. Fehlendes Anzeigenvolumen. Stagnierende Abonnentenzahl. Die gestorbene Perspektive auf eine positive Geschäftsentwicklung und die zerschlagene Verhandlung mit einem größeren Konzern.

Kevlar hörte kaum zu. Abriss.

Automatisch begann er zu rechnen. Sechs Wochen Kündigungsfrist, in der das Gehalt noch gezahlt würde. Eine vermutlich eher niedliche Abfindung, falls es einen Sozialplan gäbe. Maximal ein Jahr Arbeitslosengeld, wegen der halben Stelle nicht gerade üppig. Und dann? Wie sollte er Wilko ernähren? Wie sich? Wie die Miete bezahlen?

Der Verleger hatte alles gesagt, ließ die kommende Ausgabe achtlos auf den Konferenztisch fallen und ging zur Tür.

»Können wir das Blatt nicht weiterführen?«, fragte ein Kollege.

Der Verleger blieb stehen, drehte sich zur Belegschaft. »Gern«, antwortete er. »Sie müssen nur rund hunderttausend Euro in jede Ausgabe investieren. Und Sie müssen mir die Namensrechte abkaufen. Zwei Millionen und Der Schlüssel gehört Ihnen.«

Niemand stellte sich ihm in den Weg, als er den Raum verließ. Schockstarre.

Wolff übernahm, erläuterte stockend, wie die Abwicklung vonstatten gehen würde. En détail: Die Redaktion hätte bis Ende der Woche Zeit, ihre Büros zu räumen. Den Rest regele der Betriebsrat. Dann ging auch er, schleppend, gealtert, geschlagen.

Es wurde laut. »Keine positive Entwicklung, so ein Arsch. Vor Monaten schon habe ich der Anzeigenabteilung eine Liste aller Filmverleiher erstellt. Bei keinem haben die nachgehakt.« – »Muss er halt aufhören, Ferraris zu sammeln.« – »In Wahrheit ist doch Osama bin Arschloch schuld, er hat die Welt in eine gigantische Krise gebombt.« – »Der gibt uns nicht mal eine letzte Ausgabe, damit wir uns verabschieden können.«

»Wir hätten es wissen können«, sagte Kevlar leise, mitten in das Durcheinander.

Der Politikredakteur blickte ihn böse an. »Hinterher ist man immer klüger, was? Geh Cornflakes zählen, Feuilletonfotze.«

Hinterher ist man immer klüger, so lautete ihr Werbeclaim. Kevlar hatte damals gegen die Arroganz, das Altkluge plädiert, aber das unterschlug der Kollege. Kevlar ging ebenfalls.

Der Teppichboden, auf dem er durch leere Gänge zu seinem Büro zurückkehrte, war grau und abgelatscht.

Er googelte »Der Schlüssel« und »eingestellt«. Die Nachricht war durch, es existierte bereits eine Presseerklärung, sogar eine Stellungnahme des Betriebsrates. Sie drückte betroffenen Kollegen ihre Anteilnahme aus und fügte hinzu: »Gleichwohl halten wir die Entscheidung des Verlegers kaufmännisch für vernünftig. Selbstverständlich verbinden wir diese mit der Hoffnung, dass die in das Projekt geflossenen finanziellen Mittel wieder bestehenden Objekten zur Verfügung gestellt werden, zur Sicherung unserer Arbeitsplätze.«

So viel zu gewerkschaftlicher Solidarität. Flachwichser.

Einen schlechteren Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen, dürfte es kaum geben. Frisch Gekündigte, das wusste auch Kevlar, klangen weinerlich. Andererseits: Sie würde schonungslos ausfallen.

Im Regal standen zwei Flaschen Champagner, Geschenke des Chefredakteurs. Seine Art zu zeigen, dass ihm ein Artikel besonders gut gefallen hatte. Kundengeschenke oder Weihnachtspräsente vermutlich, weitergereicht, aber die Geste zählte.

Der Moët & Chandon war schon Jahre alt, Kevlar hatte ihn für die Rezension eines Romans von Günter Grass erhalten. Eine Zeile nur: »Buch zu verschenken.« Dazu seine Durchwahl. Wolff – ganz Profi – hatte die Reaktionen richtig eingeschätzt. Fast tausend Leser riefen an, um das Buch zu schnorren oder sich zu beschweren. Kevlar musste Interviews geben, in anderen Blättern wurde über das »undifferenzierte Wadenbeißen« und »Anpinkeln mit blässlichem Strahl« geschrieben. Für nur einen Satz war der PR-Effekt wundervoll, effektiv wie sonst nur Erpresserschreiben.

Kevlar ging in die Küche, um sich Eiswürfel zu besorgen. Dann öffnete er den Moët.

Er war dreiundvierzig Jahre alt und Literaturredakteur einer angesehenen Wochenzeitung. Gut. Der gerade der Stecker gezogen worden war. Schlecht.

Würde er einen so angenehmen Job jemals wiederfinden? In dem er aus der Flut der Neuerscheinungen keine hundert guten filtern musste? Dazu mal eine Doppelseite mit Schreibtischen berühmter Autoren oder die auf Karten handschriftlich verfassten Empfehlungen von Buchhändlerinnen wie »Viel Glück« beim Ulysses. Mal schwerer Wiegendes, die Analyse, warum alle Cover skandinavischer Krimis einsame Blockhütten vor still ruhendem See zeigten, oder eine Reportage über die Einkommen von Schriftstellern, die zehn Prozent netto vom Ladenpreis bekommen, Amazon dagegen das Vier- bis Fünffache. Vor den Ferien dann eine Typologie der Urlaubsleser, auch mal ein Essay über Widmungen, die keiner verstand, oder eine Sammlung der lustigsten und bittersten Absagen an Ernest Hemingway oder Sylvia Plath. Zu Weihnachten schließlich ein Besinnungsaufsatz über die heilende Kraft der Literatur, die Alzheimer vorbeugt, Gedächtnis und Konzentration stärkt wie auch analytische Fähigkeiten, den Stil verfeinert, zudem Empathie, Kreativität, Lebensdauer und den eigenen wirtschaftlichen Wert steigert sowie in spannendere, mächtigere, lustigere Welten als die eigene entführt. Fertig war die Laube.

Aus seiner Idee, Fotos von Menschen zu zeigen, die sich literarische Zitate tätowieren ließen, war gar ein eigenes Werk geworden, Und das Wort ward Fleisch. Er nahm es aus dem Regal und blätterte sentimental darin.

Er war selbst kurz davor gewesen, sich von Nadel und Farben verführen zu lassen. Wegen Kafkas Erzählung In der Strafkolonie, der Einheit von Schrift und Tod. Wegen einer Sage, in der zwei tätowierte Göttersöhne ein Mädchen verführten. Wegen der russischen Mafia, der Haut als Ausweis und Leinwand. Nur hatte er sich nie entscheiden können. Ein Totenkopf am Oberarm – und man sah aus wie ein Autoschlosser mit Haftstrafe. Ein Seepferdchen am Knöchel – und man ähnelte einer Kinderzimmertapete. Außerdem waren Tattoos längst in Mode gekommen: Man ragte nicht mehr aus der grauen Masse hervor, sondern ging in der bunten unter.

Kevlar schenkte sich nach.

Darum liebte er die Literatur: Sie eignete sich perfekt als Differenzierung, schenkte einen Grat an Abstufungen und Angabe, der mit Ankern, Herzen oder Stacheldraht nicht erreichbar war. Dass sie ein Auslaufmodell war, verstärkte ihren Outlaw-Status noch. Und je abstrakter es wurde, desto geheimnisvoller. Selbst wer verstehen wollte, wurde von der Systematik der Bibliotheken verwirrt. 827: Liebhaber britischen Humors. 885: Fan griechischer Reden. Solch ein in die Haut gebrutzeltes Outing entschlüsselten wirklich nur die Wenigsten.

Das Glas war schon wieder leer. Er öffnete die zweite Flasche. Erst sorgfältig, dann wütend, schließlich verzweifelt riss Kevlar eine Seite nach der anderen aus dem Buch, zerknüllte sie, warf sie in den Papierkorb.

Nie wieder würde er Interview-Reisen machen wie die nach Maine. Nicholson Bakers Rolltreppe oder Die Herkunft der Dinge hatte ihn gelockt, in dem einem Büroangestellten erst der linke, dann der rechte Schnürsenkel reißt. Dass das für einen Roman reichte, lag an opulenten Fußnoten, die eigentliche Nebensachen – eine Liebesgeschichte, Betrachtungen zur Arbeitswelt, die Liste, an was man wie oft im Jahr denke – zur Hauptsache werden ließen. Um den Jetlag abzumildern, hängte er an das – natürlich auf einer Rolltreppe stattfindende – Gespräch Tage dran. Unternahm eine Kanutour auf einem Fluss, von dem Baker geschwärmt hatte, mit sanften Stromschnellen zwischen Mangrovenwäldern. Den Flug zahlte der Verlag, die Übernachtungen Der Schlüssel.

Auf der Rückseite des Schutzumschlages stand später ein Zitat aus seinem Artikel. »Bakers Schreiben ist reine Alchemie: Er fügt schwarze Pigmente zusammen und es entsteht, plötzlich, Gold. Und Leben.« Was sich vermutlich über jedes gelungene Buch sagen ließ. In diesem Fall aber stand sein Name drunter. Natürlich hatte er den Satz zu diesem Zweck geschrieben, in einer der sechzehn Fußnoten des Artikels versteckt1.

Ach, mit solch haarsträubend schönem Quatsch war jetzt Schluss. Sein Leben würde in Zukunft aus lauter Ecken bestehen: Hinter jeder könnte etwas lauern.

Er war kein Prophet. Musste er auch nicht, um zu wissen, dass der Schlüssel nur Vorbote einer sich abzeichnenden Entwicklung zum Schlechteren war. Weitere Blätter würden kielgeholt, schon bald. Weniger Platz, auf dem Geschichten gedruckt wurden, mehr gekündigte Kollegen, die um diesen Platz kämpften. Zudem würden Verlage ihre Redakteure anhalten, Kosten zu sparen, mehr selbst zu publizieren, weniger freie Journalisten zu beschäftigen. Der Rest war simple Mathematik: Es würde eng werden und ungemütlich, sehr ungemütlich.

Er stand schwankend auf. Mehr als eine Flasche Champagner nach dem Frühstück? Er hatte keine Termine und einen sitzen? Großartig.

Aus einer Schublade holte er Streichhölzer hervor. Spürte die raue Reibefläche, roch Schwefel, ließ das Zündholz über dem Papierkorb fallen. Rauch quoll hoch, in kleinen schwarzen Wolken, die sich an der Decke verteilten, von oben begannen, den Raum auszufüllen.

Jonathan stand plötzlich in seinem Büro. »Sag mal, hackts?« Er griff nach dem Champagner und goss ihn über die Flammen. Ein lautes Zischen. Noch mehr Rauch, grauer, süßlicher.

Kevlar zuckte nur mit den Schultern und griff nach seiner Jacke. Vor seinem Büro hatten sich ein paar seiner Ex-Kollegen versammelt, neugierig, irritiert, hämisch. Einer kam mit einem Feuerlöscher.

»Iss doch schaißegal«, murmelte er verschliffen und drängelte sich durch. Jonathan riss das Fenster auf.

Dann stand Kevlar im Fahrstuhl. Er drückte den Knopf neben dem kleinen Messingschild: Schlüsselloch. Wann, wenn nicht jetzt?

Als der Fahrstuhl hielt, sah er hinter der sich öffnenden Tür ein riesiges Poster. Ein vergrößertes Cover mit einer barbusigen Frau. »Tyra, 25: Wie mich drei Möbelpacker packten!« Dann versperrten ihm zwei dickliche Männer den Blick. Vollbärte, Jeansjacken, karierte Hemden – als stammten sie direkt aus einer Baumarktbroschüre. Der eine schluchzte verhalten.

»Sagt nicht, man hat Euren Laden auch dichtgemacht«, lallte Kevlar.

Der andere schaute ihn überrumpelt an. Sagte: »Schlechte Nachrichten verbreiten sich wohl schnell.«

[1] Das war er Baker schuldig, wobei Kevlar die Fußnoten in David Foster Wallace’ Reportage über eine Luxuskreuzfahrt in der Karibik noch besser gefallen hatten. Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich war ein Füllhorn an Fußnoten. Sein Favorit war ein Eintrag aus dem Veranstaltungsprogramm. »9:30 Uhr: In der Bibliothek können Brett- und Kartenspiele sowie Bücher entliehen werden. Ort: Bibliothek2, Deck 7.«

[2] Dazu Wallace’ Fußnote Nummer 97: »Hätte ich jetzt nicht gedacht.«

6

Die Bibliothek der Rache

(Berlin, 2002)

Daniel Lokisen erwachte erfrischt wie seit langem nicht. Er streckte die Beine bis in die Zehenspitzen, bog das Rückgrat, ballte zwei, drei Mal seine Hände zu Fäusten. Fühlte: Ich bin da.

Er warf die Bettdecke mit den dünnen grauen Streifen zurück. Kochte sich eine Kanne Ginseng Oolong. Bei geöffnetem Fenster, dessen helle Vorhänge sich leise bauschten, begann er das Fitness-Programm, mit dem eigenen Gewicht als einzigen Widerstand. Zuerst Dehnübungen, die Mobilisation der Wirbelsäule. Sonnengruß mehrmals, das zog das Knochengerüst auseinander. Einen Schluck Tee, noch heiß. Hampelmann, Wandsitzen, Bauchpressen, immer im Wechsel äußere und innere Muskelgruppen. Wieder Tee. Step-ups, Kniebeugen, Trizeps-Dips am Stuhl. Planke gerade und seitlich, Aufder-Stelle-Laufen, Ausfallschritt. Tee. Liegestütze schaffte er, die Hände als Dreieck, das Kinn fast am Boden, nur fünfunddreißig Stück, wobei Schweiß auf die Matte tropfte. Schulterbrücke noch und Rumpfheber. Nach einem Kopfstand rollte er sich zusammen, sprang auf, schlenkerte lockernd aus, spürte aufgepumpte Muskeln. Und wechselte zum Crosstrainer im Modus Vorgebirge.

Vor ihm der Blick ins Weite, die Rummelsburger Bucht. Durch hohe, oben gerundete Fenster sah er auf den Nebenarm der Spree und die Reste eines kleinen, längst stillgelegten Industriehafens mit einer vom Rost fast besiegten Schute. Am gegenüberliegenden Ufer wild wuchernder Wald, überragt vom unbewegten Riesenrad eines ebenfalls aufgegebenen Vergnügungsparks. Heute lagen graue Schleier über den Baumspitzen, es regnete.

Sein Mobiltelefon im Becherhalter vibrierte. Lokisen schaute auf das Display. »Frederic, mein Lieber, was gibts?«

»Hallo, Daniel. Ich höre Dich ja atmen. Gerade durch mit dem Frühsport?«

»Nicht ganz. Aber der Gipfel sollte bald erreicht sein.«

Parr lachte. »Dieser Redakteur hat sich gemeldet.«

»Kevlar?«

»Lässt nicht locker. Allerdings könnte sich das schnell ändern. Gerade kam die Meldung, dass das Blatt eingestellt wird. Deshalb rufe ich an.«

Lokisen trat fester. »Dann warten wir ab, wie Kevlar reagiert. Du behältst ihn im Blick?«

»Ich bin mit André, einem seiner Nachbarn, bekannt. Da erfahre ich so dies und das. Wir müssen aber noch über das nächste Buch reden.«

»Das läuft. Sobald ich aus Rom zurück bin, vermutlich nächste Woche, verkünde ich Genaueres.«

Beide legten gleichzeitig auf.

Nach dem Gipfel und dreiminütigem Abwärmen stieg er ab. Einmal, während des Telefonats, so das Display, war sein Puls angestiegen.

In seiner Küche schnitt Lokisen eine Zwiebel in Würfel, eine Möhre in Scheiben, geröstete Algen in Streifen. Er schätzte die wiegende Bewegung, sein Atem beruhigte sich. Er briet das Gemüse an, warf vorgekochte Nudeln in den Wok und rührte rotes Miso ein. Ließ alles kurz simmern. Frühstück.

Mit der Schale in der Hand wanderte er in Unterhose durch das Loft. Von seinem Vater übernommen und entkernt, bestand es aus einem einzigen, rund zweihundert Quadratmeter großen Raum. Nur der Nassbereich sowie das unangetastete Heiligtum seines Vaters waren abgetrennt. Verschiedene Funktionsecken lockerten auf, was einst Umkleideraum für die Belegschaft des Relais-Werkes gewesen war.

Von der Feuerstelle mit dem langen Block aus schwarz lasiertem Holz, in dem vom Induktionsherd bis zum Geschirrspüler alles untergebracht war, ging er zum Arbeitsplatz mit Schreibtisch und diversen Schubladenschränken, abgestimmt auf das schwarze Linoleum der Tischplatte. Zum Ecksofa ohne Kissen.