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Niemand kennt das Konzert, das Wolfgang Kyrieleis, ein alter Dirigent seit über vierzig Jahren vor der Öffentlichkeit versteckt hält. Jetzt soll ein junger Musikwissenschaftler Kyrieleis dazu bewegen, das Konzert zu veröffentlichen und aufzuführen. Er setzt damit Ereignisse in Gang, mit denen niemand gerechnet hat.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Der Auftrag
Wiener Melange
Das Geständnis
Nachtschicht
Das Versprechen
Ein Blankoscheck
Montevideo
Ella
In der Lobby
Wieder jung
Gemischter Satz
Gordo
Überraschung
Generalprobe
Notaufnahme
Das Konzert
Epilog
Danksagung
Für Lilo,
ohne deren stete Ermutigung
dieses Buch nie entstanden wäre.
Ich bin kein Schriftsteller.
Zwar träumte ich in meiner Jugend davon, bedeutende Romane und Dramen zu verfassen.
Sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die – beide Musiker – sich nichts sehnlicher wünschten, als dass ich einmal in ihre Fußstapfen treten würde. So begann ich, nach meinem Zivildienst, in Marburg Germanistik und Musikgeschichte zu studieren. Aber schon während des Studiums und erst recht während meiner sich lange hinziehenden Doktorarbeit über die Erzählstrukturen in den Opern Richard Strauss‹ und den Erzählungen Thomas Manns wurde mir eindringlich klar, dass ich niemals in die Fußstapfen des Letzteren treten würde.
Heute arbeite ich bei einem großen Label für klassische Musik. Und ich schreibe tatsächlich! Im Wesentlichen die Einführungs-und Begleittexte in den Booklets der veröffentlichten CDs.
Zugegeben, nicht ganz, was ich mir einmal erträumt hatte, aber ich bin zufrieden. Mit meinem Chef und meinen Kollegen verstehe ich mich gut und wenn ich aus dem Fenster meines Büros in Berlin Friedrichshain blicke, schaue ich zwar auf eine viel befahrene Hauptstraße. Aber ich weiß, die Büros auf der anderen Seite des Gebäudes haben den Blick direkt auf die Spree.
Ich bin kein Schriftsteller geworden. Aber die Geschichte, die an einem Montagmorgen im August 2012 ihren Anfang nahm, will erzählt werden. Und da kein anderer zur Verfügung steht, ist es an mir, diese Geschichte zu erzählen.
»Der Alte will Dich sehen!« Alex steckte den Kopf in mein Büro und riss mich aus der Lektüre des morgendlichen Feuilletons.
»Wie? Welcher Alte?«
»12. Stock.«
Ich war überrascht und erschrocken. Der 12. Stock war die Vorstandsetage. Ich war bisher nur einmal oben gewesen, an meinem ersten Tag vor zwei Jahren. Der Personalvorstand hatte mich offiziell in der Firma begrüßt und ein wenig mit mir gesprochen. Der Vorstandsvorsitzende Prof. Noether hatte kurz hereingeschaut und mir die Hand geschüttelt. Ich war mir fast sicher, dass beide mich längst wieder vergessen hatten.
»Weißt Du, worum es geht?«
»Keine Ahnung, vielleicht hast Du Dein Auto auf dem Vorstandsparkplatz abgestellt?«
»Ich komme mit dem Fahrrad!«
»Na dann kann es ja nicht so schlimm sein.« Alex, unsere Teamassistentin, verschwand grinsend und ich stand auf, um ihr zu folgen. An der Kaffeemaschine holte ich sie ein.
»Und Du weißt wirklich nichts?«
»Ich hatte nur heute Morgen einen Zettel auf dem Schreibtisch, dass ich Dich hochschicken soll. Sobald Du im Büro bist.«
Sie nahm mir die Kaffeetasse aus der Hand und nahm selbst einen Schluck.
»Also beeil Dich, der Alte wartet ungern.«
Während ich im Fahrstuhl nach oben fuhr, versuchte ich mir vorzustellen, worum es gehen könnte. Ich hatte keine Idee. Ich ging den Gang im zwölften Stock entlang und stand unvermittelt vor der offenen Tür des Vorzimmers von Prof. Noether. Ich klopfte an den Türrahmen.
»Ah, Herr Dr. Merkl.« Eine Blondine in etwa meinem Alter schaute auf. »Er telefoniert noch, aber gehen Sie ruhig durch.«
Ich durchquerte das Vorzimmer und stand in einem großen Eckbüro mit Blick auf die Spree. Der »Alte« winkte mich herein und wies auf die Sitzecke. Während er den Telefonhörer ans Ohr gedrückt hielt, formte er mit dem Mund die Worte »BIN GLEICH SOWEIT«.
Ich ging zur Sitzecke und betrachtete im Stehen das großformatige Bild, das über einem skandinavischen Sofa hing. Ich versuchte, das Gespräch nicht zu belauschen. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das Gemälde.
»Ja, im März können wir das gut unterbringen. Lassen …«
…
»Ja, lassen sie uns noch mal drüber reden, wenn Geisen aus Tokio zurück ist. Der kann da am besten ….«
…
»Ja, genau. Und grüßen Sie mir Ihre Frau. Bis bald.«
Professor Noether stand auf und kam um den Schreibtisch.
»Setzen Sie sich doch.«
Er selbst nahm in einem Sessel Platz.
»Sie haben sich in der Firma gut entwickelt, sagt mir Dr. Tauber. Das Gubaidulina Konzert haben Sie praktisch alleine gemacht.«
»Das war nicht so schwer. Frau Gubaidulina hat mir die wichtigsten Sätze praktisch in die Feder diktiert.«
Ich bemühte mich, nicht rot zu werden.
»Tauber hat mir erzählt, dass Sie einen guten Draht zu der alten Dame haben.«
»Ich mag sie. Und ihre Kekse. Ich habe sie nach dem Rezept gefragt.«
Noether blickte interessiert auf.
»Und? Hat Sie’s Ihnen gegeben?«
»Nein. Dazu müsse Sie mich erst besser kennen,« antwortete ich. »Sie gebe das Rezept schließlich nicht jedem dahergelaufenen Jüngling. So eine sei sie nicht. Aber über ihr Violinkonzert hat sie mir alles erzählt, was ich wissen wollte.«
Noether schmunzelte.
»Tauber hat schon recht. Sie haben ein Händchen für schwierige Menschen. Wussten Sie, dass Sofia Gubaidulina in den letzten acht Jahren mit niemandem aus der Firma mehr als zwei Sätze gesprochen hat?
»Warum das? Auf mich wirkte sie sehr gesprächig.«
»Es gab Unstimmigkeiten bei einer Aufnahme ihres Viola-Konzerts. Sie wollte unbedingt eine bestimmte Solistin – mir fällt der Name nicht mehr ein. Die war nicht einmal schlecht, aber völlig unbekannt. Wir konnten das mit ihr nicht machen.«
»Weil wir ohne einen bekannten Namen auf dem Cover heute kaum mehr die Produktionskosten einspielen.«
»Eben. Noch dazu bei zeitgenössischer Musik! Aber sie wollte das nicht verstehen.«
Ich nickte.
»Sehen Sie, und dank Ihnen haben wir jetzt wieder einen Kontakt. Das will was heißen.«
»Vielleicht war einfach nur genug Zeit vergangen.«
»Jetzt stellen Sie Ihr Licht aber unter den Scheffel. Die alte Sofia ist eine harte Nuss.«
Er stand auf und ging durch den Raum. Vor dem großen Fenster mit Blick auf die Spree blieb er stehen.
»Kennen Sie Wolfgang Kyrieleis?«
»Den österreichischen Dirigenten? Natürlich.«
Noether setzte den Spaziergang durch sein Büro fort. »Er wird nächstes Jahr fünfundachtzig. Wir möchten gerne eine Geburtstagsedition mit seinen Konzerten der letzten dreißig Jahre machen. Wir haben bald hundert Konzertmitschnitte von ihm da unten …«, er zeigte auf den Boden, meinte aber natürlich das Archiv im Keller des Gebäudes, »… und diesen Schatz wollen wir ein wenig heben, wenn Sie verstehen.«
»Ja natürlich.«
Ich kannte inzwischen das Geschäft. Die Konzertaufnahmen waren einst als Einzelwerk veröffentlicht worden und hatten sich längst bezahlt gemacht. Jetzt eine Gesamtausgabe dieser Konzerte herauszubringen, bedeutete geringe Produktionskosten und damit eine gute Gewinnmarge.
»Und Sie wollen, dass ich das Booklet mache.«
»Nicht nur das. Sie sollen die ganze Ausgabe verantwortlich betreuen! Sie trauen sich das doch zu?«
Ich schluckte. Das war zwar größer als alles, was ich bisher gemacht hatte, aber da die Aufnahmen alle längst im Kasten waren, schien die Aufgabe überschaubar.
»Ja, ich denke schon.«
»Das Marketing übernimmt in Absprache mit Ihnen Frau Freitag.«
Er setzte sich wieder.
»Da wäre nur noch eines. Kyrieleis hat ein Konzert geschrieben. Für Orgel und Orchester. Es ist noch nie aufgeführt worden.«
»Das wusste ich nicht. Ich kenne nur einige kleinere Arbeiten von ihm. Und auch die sind meines Wissens alle aus den sechziger Jahren. Seitdem hat er nichts mehr komponiert.«
»Keiner wusste davon. Ich habe ihn am vergangenen Wochenende in Wien auf einem Empfang getroffen und auf die Gesamtausgabe angesprochen. Dabei hat er eine entsprechende Bemerkung gemacht. Es scheint, als ob er seit Jahrzehnten daran gearbeitet hat. Als ich Genaueres wissen wollte, wurde er ziemlich einsilbig. Das Konzert sei eine alte Marotte von ihm und nicht so gut.«
Noether schaute mich an.
»Wissen Sie, was das für Wellen schlägt. Kyrieleis erstes Konzert, dirigiert von ihm selbst. Wann hat es das zuletzt gegeben? Wenn wir das an den Kopf der Edition stellen können, würde das die Verkaufszahlen verdreifachen.«
»Und jetzt?«
»Ich habe den ganzen Abend auf ihn eingeredet. Und ihm schließlich das Versprechen abgenommen, einen jungen Mann zu empfangen, der sich die Konzertpartitur ansieht. Und dann entscheidet, ob wir das machen.«
Noether schaute mich beschwörend an.
»Wenn das Konzert auch nur das Geringste taugt, dann will ich, dass wir es rausbringen! Und Sie, Dr. Merkl sind derjenige, der es ihm aus dem Kreuz leiern wird.«
Am Mittwoch flog ich nach Wien. Meine Reiseunterlagen waren bereits auf meinem Schreibtisch gelegen, als ich von 12. Stock zurückgekommen war.
Ich nahm die Frühmaschine und landete kurz nach neun Uhr in Schwechat. Mein Hotel lag am Schubertring, nicht weit von Konzerthaus und Musikverein. Es war nicht groß und nicht so mondän wie das benachbarte Marriott und die Atmosphäre war wienerisch familiär.
Mein Treffen mit Kyrieleis war für den frühen Nachmittag vereinbart. Ich vertrieb mir die Zeit mit einem frühen Mittagessen und einem Spaziergang im Stadtpark und an der Donau entlang. Eine Taube lief vor mir auf dem Weg und ich summte die Melodie zu einem schon lange nicht mehr gehörten Lied von Georg Kreisler:
Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau,
Gehen wir Tauben vergiften im Park!
Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau.
Gehen wir Tauben vergiften im Park!
Wir sitzen zusammen in der Laube
und ein jeder vergiftet a Taube,
Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark,
Beim Tauben vergiften im Park.
- - - - - -
Um halb drei setzte mich ein Taxi vor dem Haus von Wolfgang Kyrieleis im 18. Bezirk ab. Ich stand vor einer nicht zu großen, frei stehenden Villa aus der Zeit der letzten Jahrhundertwende. Auf den großzügig geschnittenen Grundstücken rechts und links davon standen gepflegte Einfamilienhäuser.
Ich ging den gepflasterten Weg zur Haustür und läutete. Schon wenige Momente später öffnete mir ein schmächtiger alter Mann die Tür. Sein Haar war weiß und umrundete in einem lockigen Kreis seinen Kopf. Seine dünnen Arme ragten aus einer zu großen Strickjacke und seine dunklen Augen blickten forschend zu mir auf.
»Kommen Sie von Walter Noether?«
»Ja. Ich bin Dr. Merkl, Michael Merkl.«
»Michael, der Drachentöter? Da hat Walter ja den Richtigen geschickt.« Er wedelte mit der Hand. »Kommen Sie rein, Michael.«
Er führte mich in eine große Diele und zeigte mir die Garderobe. Nachdem ich meinen Mantel aufgehängt hatte, ging er in eine große Küche voraus und fragte im Umdrehen: »Wollen Sie einen Kaffee?«
»Wenn es keine Mühe macht, gerne.«
»Können Sie diese Maschine bedienen? Meine Frau ist einkaufen, und ich kenne mich damit nicht aus.« Er zeigte mir einen modernen Kaffeeautomaten, der in einem Eck stand.
»Wir haben im Büro so einen Ähnlichen. Ich denke, damit komme ich zurecht. Was wollen Sie denn? Cappuccino, Latte macchiato, Espresso …«
»Eine Melange.«
»Entschuldigung, was ist das?«
»Eine Melange, die kennen Sie nicht?« Er stöhnte: »Du lieber Gott! Da schickt mir der Walter einen Michael, der eine Melange nicht kennt.« Er kam mit erhobenem Zeigefinger auf mich zu.
»Also, jetzt lernen Sie mal was fürs Leben, Herr Michael. Eine Melange ist das wichtigste Getränk des Wieners, zumindest des kultivierten Wieners. Zuerst geben Sie den Espresso in die Tasse.«
Er holte zwei mittelgroße Kaffeetassen aus dem Schrank. »Dann füllen Sie die Tasse mit warmer Milch fast auf. Und am Schluss machen’s ein Hauberl mit aufgeschäumter Milch drauf. Aber passen’s auf, dass Sie die Haut von der Milch vorher wegtun.«
»Ach so, einen Cappuccino meinen Sie.«
»Nein, doch keinen Kappu…dingsda! Eine Melange halt.«
»Ich probier’s. Aber ich verspreche nichts.«
Fünf Minuten später folgte ich dem alten Herrn mit einer Tasse in jeder Hand in sein Arbeitszimmer. Der Raum war an drei Seiten mit Bücherregalen möbliert, vor einer Terrassentür stand ein brauner Flügel.
Er stellte seine Tasse auf den Flügel und räumte einen Sessel, auf dem sich Bücher und Partituren stapelten, für mich frei. Er selbst setzte sich auf den Klavierhocker und nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse.
»Nicht ganz wie aus dem Kaffeehaus, aber schon ganz gut.«
Er stellt die Tasse ab.
»Na dann erzählen Sie mal. Was wollen Sie denn alles in mein Geburtstagspaket reinpacken?«
»Na ja, natürlich die drei großen Symphonie-Zyklen: Beethoven, Bruckner, Mahler.«
Er nickte.
»Ja, ja, natürlich«.
»Dann die Klavierkonzerte. Beethoven natürlich, und Chopin.«
»Nein, nicht den Chopin! Den hab‹ ich nur gemacht, weil der Walter damals keine Ruhe gegeben hat. Die sind alle misslungen. Ich kann keinen Chopin. Das hab ich damals schon gesagt. Lasst die weg!«
»Ja, dann vielleicht die Mozart-Konzerte?«
»Ja, die sind gut geworden. Das hat mich selber überrascht. Das Flötenkonzert freut mich heute noch.«
Wir sprachen über den tschechischen Zyklus, Dvorák, Martin , Janá ek und Smetana, über die Rachmaninoff-Konzerte. Er erklärte mir gerade, warum er immer einen großen Bogen um Bach gemacht hatte, bis irgendwann eine Frau ins Zimmer trat, die mindestens zwanzig Jahre jünger sein musste als der alte Dirigent.
»Sie sind der Mann aus Berlin?«
»Ja, guten Tag, Michael Merkl.«
»Grüß Gott. Mein Mann muss sich jetzt ausruhen. Er hatte erst kürzlich einen Infarkt!«
»Das war kein Infarkt Maria. Das waren nur Rhythmusstörungen.«
»Aber der Arzt meinte, es hätte leicht ein Infarkt sein können.«
Sie wandte sich an mich:
»Sie können morgen wiederkommen.«
Kyrieleis hob resignierend die Arme.
Ich wandte mich zum Gehen. »Gut, dann komme ich morgen wieder. Wieder um drei?«
»Na, wieso kommen’s net schon zu Mittag. Essens doch mit uns. Maria könnt’ a Beuscherl machen.«
»Ja wenn Sie mögen? Aber nach dem Essen muss sich mein Mann für ein Stünderl hinlegen.«
»Das ist kein Problem. Ich mache gerne so lange einen Spaziergang.«
»Gut, dann morgen um zwölf« bestimmte Kyrieleis. »Und ich geh am Vormittag beim Fleischer vorbei und hol ein frisches Kalbsbeuscherl.
Ich läutete am kommenden Tag pünktlich kurz vor Zwölf und wurde dieses Mal von Frau Kyrieleis eingelassen. Sie führte mich in ein großes Esszimmer, in dessen Mitte ein Tisch mit zwölf Stühlen stand. Am hinteren Ende beim Fenster war für drei Personen gedeckt.
