Das letzte Lebwohl - Dorian Caulfield - E-Book

Das letzte Lebwohl E-Book

Dorian Caulfield

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Beschreibung

Mein Name ist ... Mein Name ist nicht wirklich von Bedeutung, ist meine Geschichte doch die deine. Ein jeder von uns lernt zu stolpern, zu fallen, zu scheitern. Dies hier ist die Erzählung, wie ich mich verlebte und damit begann, wieder aufzuerstehen. Du liest die authentischste aller Fiktionen, den magischsten aller Alltage, die ehrlichste aller Lügen, mein letztes Lebwohl. Danke, Nikki.

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Seitenzahl: 479

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kapitelverzeichnis

Ein erstes Kapitel

Vorhang auf, Bühne frei

Nikki

Meine erste Zigarette

Egal, was ist...

Der Tod des Götterlieblings

Über Gott und die Welt

Weiße Lilien

Eine Ode an den Determinismus

Von der tödlichen Neugier

Aufbruch nach Nivine

Ein Fundament für das Herdentier

David und Goliath

Ein ausgetretener Pfad

Ein letztes Lebwohl

Goldgräber

Das Geschlecht der Karolinger

Bei Manchen eben pfennigweise

hermosa nueva bruja

Liebes Tagebuch

Kassandras Echo

Urteilsspruch

Deja Vu und Auszeit

Die wichtigste aller Fragen

Die Parabel des Prinzen Charles

Ikarus und Daidalos

Panta Rhei

„Three strikes und you are out“

Die Rettung des Robinson Crusoe

Von der gespaltenen Seele

Collin, Natalia und Mr. Caulfield

Des Rätsels Lösung

Ein letztes Kapitel

1 Ein erstes Kapitel

Sprache ist ein faszinierendes Phänomen, findest du nicht? Sie ist soziales Abkommen, eine Übereinkunft darüber, dass bestimmte Gefühle, Dinge oder Menschen in Lauten veranschaulicht werden können. Es ist eine verrückte Vorstellung, dass ich es mit Zeichen auf Papier schaffen soll, bunte Bilder in deinem Kopf zu kreieren und eindringliche Gefühle in dir auszulösen oder fremden Ideen den nötigen Funken Zündstoff zu verleihen vermag. Eine Kraft, die uns allen innewohnt, das Wunder der Kommunikation, derer wir uns aber selten im ihrem vollem Maße und ihren erschreckend weitreichenden Kräften bewusst werden.

Was aber existiert außerhalb von Sprache, können wir Dinge begreifen, die wir nicht aussprechen können? Was kommt nach diesem schier unendlichen Tellerrand, wenn wir die Reise dorthin denn wagen würden? Oder schlimmer, was passiert, wenn das lauernde Unheil, das buchstäblich Unaussprechliche, dich suchen kommt?

Nun mein Freund, dann bist du an der Stelle in deinem Leben angekommen, an der ich mich gerade wiederfinde. Ich stehe vor einer gläsernen Tür, in dessen Oberfläche ich mein Spiegelbild bewundern kann und halte ihren Türknopf in meiner rechten Hand. Denn, siehst du, ich bin stehengeblieben und so hat es, das Unaussprechliche, seine Jagd auf mich eröffnet.

Es äußert sich nicht, beziehungsweise nur sehr selten, in meiner Stimmung oder meinem Handeln, sondern stellt nur den scheinbar unscheinbaren Hintergrund dar, vor dem dieses konfuse Schauspiel vorgetragen werden wird. Die Bühne, das Leitmotiv, das zwar offensichtlich vorhanden ist, aber trotzdem nicht offensichtlichen Ausdruck findet.

Stattdessen findet es sich in den verschwommenen Rändern und unscharfen Kanten, die schweigenden Vorboten des Irrsinns, welche des Rätsels Lösung auf ewig in meiner Peripherie gefangen halten, zumindest bis ich den Mut dazu finde, in eben diese abgelegenen Gefilde, weit weg vom Tellerrand und hinter dieser Tür, zu stoßen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, handelt es sich hierbei aber nicht um Neuigkeiten, zumindest nicht wirklich. Mein Verstand leidet schon lange, ich werde gejagt, eine kurze Ewigkeit, wenn du so willst, so lange, dass ich mich kaum mehr an eine Zeit zurückerinnern kann, in der er frei von Schmerz war.

Denn die Wahrheit ist, dass ich auf meiner Odyssee, welche mich auf der Suche nach Erlösung vor diese Glastür führte, an dessen Klinke meine Hand bereits zu schwitzen beginnt, etwas mit mir tragen musste. Der Ballast, den ich schulterte, ist schwer und unhandlich, erdrückend und zermürbend und dennoch ist er nicht sichtbar, weder für die Menschen um mich herum, noch, wie sich herausgestellt hat, für mich. Er war es, der mich hielt, der mich verlangsamte und derjenige, welcher es dem Unaussprechlichen ermöglichte, mich zu fangen.

Eine weitere traurige Wahrheit ist, dass ich alleine stehe, alleine hier vor dieser Tür, nur begleitet von meinen Problemen und meinem Ballast, denn es gelingt mir nicht wirklich ihn mit Jemandem, ganz gleich ob Freund oder Familie, zu teilen. Wie auch, könnte ich dir doch noch nicht einmal verraten, welches Unheil mir im Nacken lauert?

Nun, und wie ich herausgefunden habe, ist Schweigen auch nicht immer Gold, zumindest nicht in meinem Fall, Schweigen ist nicht mein Gold. Denn so gesichtslos und schemenhaft der Gegner in der anderen Ecke des Rings auch sein mag, es lindert nicht mein Bedürfnis mich kundzutun, denn die Gefahr, die er darstellt, könnte nicht realer oder konkreter sein.

Ich habe das Gefühl verrückt zu werden, das Gefühl nicht zu Gänze die Person zu sein, die ich darstelle. Verrückt aus der vorgegebenen Marschrichtung, der allgemeinen Konvention und dem Schutze der Masse, aber vor allem: Verrückt von mir selbst.

Also, was bleibt, wenn mir sowohl die Befriedigung des Mitteilens als auch die Heiligkeit des Schweigens entsagt wird? Ein Dilemma in seiner traurigsten Form, da ich scheinbar keine der mir gebotenen Optionen wahrnehmen kann.

Die Lösung jedoch, ist selten einfach: Ich erzähle es dir.

2 Vorhang auf, Bühne frei

Der anfängliche Applaus ebbt ab, verstummt, auf das sich der Vorhang endlich öffne. Zwei Personen sitzen an der Spree, es ist morgen.

„Weißt du, was ich nicht verstehe?“

„Dicker, du siehst gerade aus wie Gollum.“

Ein Blick auf meine Handyoberfläche brachte mich etwas zum Schmunzeln. Dave hatte nicht unbedingt unrecht, ich sah in der Tat mehr als nur ein wenig mitgenommen aus. Man konnte mir immer sofort ansehen, wenn ich etwas intus gehabt habe. Am Tag danach hatte ich immer dieselben Augenringe, in denen man Wasser hätte sammeln können. Sie waren einer der vielen kleinen Preise, die man bezahlt für die Art von Nacht, die Dave und ich gerade verlebt hatten. Leider war ich langsam am Runterkommen und an mir kroch dieses eklige Gefühl hoch. Ein weiterer Preis, den man scheinbar bereitwillig zahlt, nur ist dieser weitaus weniger klein. Ich ahnte jetzt schon, dass der nächste Tag an den mickigen mir verbliebenen Kraftreserven zehren würde. Gesellschaft war nun das, worauf es ankam. Dave sah mir wohl an, dass ich ihm insgeheim ein wenig beipflichtete und verschluckte sich vor Lachen fast an seiner Mate. Er war noch nicht am Runterkommen, das war gut. Ein wenig gute Stimmung. Gute Stimmung und Gesellschaft waren jetzt das,

worauf es ankam.

„Halt die Klappe.“

„Nein, mein Ernst. Hier.“

Er zog sich einen seiner Ringe aus und hielt ihn mir triumphierend vor die Nase.

„Sprich mir nach: Mein Schatzzzz.“

Das machte er immer. Einen halbwegs guten Spruch oder Witz, den er dann solange breittritt, bis er es geschafft hat, einem damit auf die Nerven zu gehen. Der Mist kann einen wahnsinnig machen. Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie er sich an einem Nachmittag gleich dreimal derselben Pointe bediente. Jedes Mal schaute er dann so unglaublich gespannt in die Runde, in seinem Gesicht konnte man wieder und wieder die freudige Erwartung, Lachen zu ernten, quasi ablesen. Zum Fremdschämen.

„Echt unnormal witzig.“

„Ich weiß. Ist ganz einfach, komm einmal für mich bitte: Schatzzz.“

Genau das meine ich. Nervig eben, wenn auch auszuhalten.

„Ist jetzt nicht so, als würdest du völlig normal aussehen. Was macht dein Kiefer?“

„Puh. Ich habe das Kaugummi regelrecht besiegt.“

„Du warst das Ding echt gut am behacken. Brauchst du ein Neues?“

Ich werde immer so, wenn ich von Emma runterkomme. Ich habe dann dieses unglaubliche Bedürfnis, gemocht zu werden, also werde ich etwas fürsorglich und freundlich. Eigentlich verständlich, wenn man drüber nachdenkt, trotzdem irgendwie befremdlich. Ich bin sonst überhaupt nicht so. Unter normalen Umständen musst du mit mir um meine Kaugummis bis auf den Tod kämpfen und selbst dann gebe ich sie nur ungern ab.

Jetzt hatte Dave schneller eines der orangenen Airwaves im Mund, als er gucken konnte. Das Komische bei chemischen Drogen ist, man kriegt noch voll und ganz mit, dass man sich anders verhält, man kann nur nichts dagegen machen. Man gibt die Kontrolle einfach ab. Eklige Vorstellung, ich weiß, aber es hat seine faszinierenden Seiten.

„Zurück zum Thema: Weißt du, was ich echt nicht blicke?“

„Kein Plan, du bist ein ziemlicher Depp, ich wette da gibt es eine Menge. Bäm, Junge ich bin on fire heute Morgen.“

„Ein wahres Wunderwerk rhetorischer Kunstgriffe. Können wir vielleicht über etwas mit ein wenig Substanz quatschen? Ich muss mich ein wenig mitteilen, sonst werde ich wahnsinnig.“

„Shit, ja sorry, ist ja gut. Was kapierst du nicht?“

Und mit einem Mal hatte ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich verstehe nicht, warum die Leute der Ansicht sind, Ecstasy sei eine Partydroge. Also klar, schon für Partys gemacht, aber ich kriege zum Beispiel nie so besonders Lust zu tanzen, manchmal ist mir Bewegung per se zu viel, wenn ich auf Sendung bin. Ich kann allerdings unwahrscheinlich gut reden auf dem Zeug, auch mit Fremden und auch vollkommen gleich über welches Thema. Tatsächlich macht mir das am meisten Spaß daran. Soziales Schmiermittel in seiner reinsten und zweifelsfrei auch effektivsten Form. Gut, dass Dave noch ein wenig am Trippen war, so war sein Enthusiasmus noch etwas (künstlich) angeschraubt. „Das ist das Instaprofil von dem Ding eben.“

„Ach, laber. Zeig mal her. Willst du mich natzen? Die ist ja voll hübsch.“

„Ich glaube, die hatte auch erwähnt, dass die modelt, aber kann mich nicht mehr so genau erinnern. Junge, die hat mir ja zwischenzeitlich so ein Ohr abgekaut.“

„War die druff?“

„Nur Speed, glaub ich. Aber wenn das nur Speed war, will ich die auf Emma gar nicht sehen. So übel uninteressantes Geschwätz.“

„Hast du einen Namen?“

„Steht doch da über den Bildern. I.Am.MAYA oder so.“

„Ah klar, sorry.“

Dass er sich dafür entschuldigt, war schon fast ein bisschen niedlich. Aber wie gesagt, man ist einfach um einiges freundlicher, soziales Schmiermittel eben. Letztes Silvester hatte ich über eine halbe Stunde damit zugebracht zwei unnormal fette Türken über Vegetarismus zu unterrichten. Und ich meine nicht übergewichtig fett, sondern medizinisch – bedenkliche -Maße - fett. Das Komischste daran war, dass ich in dem Moment aufrichtig Spaß daran hatte. Diese Art Kunststück wäre mir in meinem normalen Modus nie und nimmer geglückt. Dave war unterdessen das Instagramprofil meines neusten Schwarms am Durchblättern.

„Junge, ist die süß. Gib dir mal das Bild bitte, soll das ein Witz sein?“

Er zeigte mir ein Post, wo Maya sich in einem pinken, sehr knappen Body auf einem Stuhl rumräkelte. Sie war tatsächlich sehr hübsch. Braune Haare, blaue Augen, volle Lippen, eigentlich total mein Typ. Aber irgendwie war ich trotzdem abgefuckt, vielleicht nur vom langsam einsetzenden Kater, wer weiß das schon.

„Ja, nicht schlecht.“

„Nicht schlecht? Junge die ist sowas von nicht deine Liga, gute Arbeit Bro.“

Bei dem Satz warf er etwas zu rasch seinen Arm um mich, woraufhin ich fast in der Spree, die sich zu unseren Füßen langschlängelte, baden gegangen wäre.

„Chill mal bitte bisschen.“

„Ich chille.“

Er saß jetzt echt nahe an mir dran, ich konnte ihm direkt in die Augen gucken. Nicht, dass da viel zu sehen gewesen wäre, seine Pupillen waren, genauso wie meine wahrscheinlich auch, noch überdimensional geweitet, sodass seine Augen eigentlich komplett schwarz waren. Zusammen mit seiner bleichen Haut und den wasserstoffblonden Haaren gab das Ganze ein sehr stimmiges, wenn auch bedenkliches Gesamtpaket ab.

„Dave du siehst gerade aus wie der letzte Druffi. Setzt dich mal bitte ein Stück von mir weg.“

„Mann, sei doch nicht so negativ. Ich bin eben noch etwas Liebe am Versprühen, so what?“

Immer diese Anglizismen, meine Güte. Ich benutze selbst gern ab und an welche, aber er hat schon seit ich ihn kenne, total übertrieben damit. Anglizismen-Overkill. Dabei war er nie im Ausland oder so, er macht es einfach grundlos.

Ich glaube, er macht vieles von dem, was er so tut, ohne wirkliche Intention oder Plan. Deshalb ergänzen wir uns aber auch ganz gut. Ich bin ein ziemlicher verkopfter Mensch, ein Denker, wenn man so will (glaube mir an dieser Stelle, wenn ich dir sage, dass dir dies noch allzu bewusstwerden wird). Dave hingegen freestylt sich die Hälfte seines Lebens über die meisten Hürden. Es nervt mich manchmal, dass ihm das so oft gelingt. Auf der einen Seite gönnt man es einem Freund natürlich, aber es gibt irgendwas in mir, das ihm wünscht, einmal so richtig aufs Maul zu fallen. Damit er lernt, wie sich das anfühlt. Damit er lernt, dass auch das durchaus im Bereich des Möglichen ist.

„Ja, dann besprüh‘ andere Leute mit deiner Liebe, ich bin nicht der richtige Adressat. Egal, zurück zu Punkt: Guck dir mal bitte die Unterschrift bei dem Bild hier an.“

Ich hielt ihm mein Handy hin. Darauf zu sehen natürlich Maya im verführerischen schwarzen Top vor schwarzem Hintergrund. Man konnte ziemlich gut ihre Brüste ausmachen, die, ich will nicht lügen, dem Top um nichts nachstanden.

„Gei-le Möpse.“

Ich hätte das Namensrecht meines ersten Kindes darauf verwettet, dass er genau diesen Kommentar in genau diesen Worten als erstes macht. Wir kennen uns schon ewig und mir fiel es noch nie besonders schwer, meine Mitmenschen zu lesen, ganz besonders die nicht, mit denen ich viel Zeit verbringe.

„Ja schon. Aber du sollst die Unterschrift lesen.“

„Baby we both know, that the nights where mainly made for saying things that you cant say tomorrow, Dicker, was?“

„Erstmal: Ich hasse es ja, der Grammarnazi zu sein-“

„Du liebst es, Grammarnazi zu sein, aber red‘ weiter.“

Touché, er hatte recht. Das tue ich wirklich. Na gut, eins zu eins also.

„- es heißt hier eindeutig were nicht where made. Zweitens, und das ist mein eigentlicher Punkt: What the Fuck? Was soll der Scheiß bitte heißen?... Das Ding ist so: Zugegeben, das ist wieder ein sehr geiles Foto, aber was in dir hat dich dazu überredet, da drunter diesen unnormalen Bullshit hinzuschreiben? Und wozu? Der Satz hat schon für sich genommen schon echt eher mäßig Gehalt, aber was war ihr Hintergrundgedanke dabei? Uns zu zeigen, was für eine besondere, einzigartige Schneeflocke sie doch ist, dass sie nicht nur ein Selfie von sich hat machen lassen - so wie das Bild aussieht ist das ja professionell - sondern, dass sie dann auch noch den unwahrscheinlichen Geniestreich sich hat einfallen lassen, da drunter das intellektuelle Exkrement eines minderbemittelten Poeten zu setzen? Ich mein-“

„Hast du denn noch irgendeine Agenda hier oder willst du nur ein bisschen Dampf ablassen?“

„Vielleicht würdest du das rausfinden, wenn du mich ausreden lassen würdest. Mein Punkt ist der: Der Satz ist prätentiöser Mist, können wir uns darauf einigen?“

„Agreed!“

Er rief das unnötig laut auf die Spree hinaus, während er so tat, als würde er mit einem unsichtbaren Hammer ein Gerichtsurteil über Mayas unübersichtliche Austauschbarkeit sprechen. Manchmal wird er unnötig laut. Ohne Grund, einfach so.

„Okay, hier also meine Frage: Warum machen Frauen das? Ich will nicht sexistisch klingen, aber sag mir Bescheid, wenn du so einen Bullshit unter dem Bild von einem Typen findest. Warum beraubt sich Maya aller Authentizität, aller Ehrlichkeit, wenn man so will, bevor man überhaupt ein Wort mit ihr gewechselt hat?“

„Aber du hast doch vorher Worte mit ihr gewechselt.“

„Ja. Nein, du weißt was ich meine. Häng dich nicht an Details auf.“

„Roger!“

Er war nun mit seinen Händen keine unsichtbaren Urteile mehr am Sprechen, sondern mit seinem Oberkörper und auch nur mit seinem Oberkörper zu nicht vernehmbaren Beats am Tanzen. Er hätte sich dem Druffistereotyp nicht noch weiter unterwerfen können, wenn er es gewollt hätte.

„Und?“

„Und was?“

„Naja, hast du eine Antwort? Oder einen Gedanken dazu, irgendeine Art von Adendum, von Beitrag zu unserer kleinen Post – Konsum - Konversation?“

Ich war jetzt tatsächlich leicht gereizt. Das ist immer das Komische, man will zwar gemocht werden, man ist größtenteils deshalb auch nett und zurückhaltend, aber man schiebt gleichzeitig so ein riesiges Minus auf seine Stimmung, seine Aussicht auf die nächsten Stunden, sein gesamtes Leben eigentlich, dass es nicht viel braucht, um einen aus diesem gleichermaßen unnatürlichem wie deprimierenden Gleichgewicht zu schupsen.

Wirklich nur die kleinste Unaufmerksamkeit, der kleinste Lapsus seitens deiner Freunde und du drehst am Rad. Und dann bist du da angekommen, wo es wirklich gefährlich werden kann. Denn genau so, wie man im Rausch leichter mit Leuten reden kann, weil man die ganze Welt liebt, so gehen einem beim Runterkommen leichter Dinge über die Lippen, die ihr Dasein besser dahinter gefristet hätten, weil man die ganze Welt eben satthat.

Zu meinem Glück antwortete Dave allerdings nach kurzem Überlegen.

„Hmm. Ich weiß nicht. Das ist eben der Charakter von sozialen Medien. Das Konzept eben, weißt du? Du kriegst eine Bühne, du kriegst eine Plattform, auf der eben du der Star bist. Für die Leute, Leute die anders ticken als du oder ich, die bisschen auf Sendung sein wollen, sicherlich cool.“

„Ich würd‘ sagen, du bist auch ein bisschen auf Sendung.“

„Wer lenkt hier jetzt vom Thema ab? Pass auf. Es gibt Leute, die es enorm genießen, sich inszenieren zu können. Gönn‘ den Leuten das.“

Es war etwas Belehrendes in seinem Tonfall, das mir überhaupt nicht gefiel.

„Tue ich doch! Ihr könnt alle posten bis euch die Arme schwach werden, ich verstehe nur nicht, warum sich manche dann noch verhalten wie 'ne kleine Nutte und diesen aufgesetzten Scheiß nötig haben.“

„Aber das ist doch genau das, was ich meine.“

„Dann hast du einen verdammt miesen Job gemacht, dich zu erklären.“

Ich war definitiv ein wenig angefressen. Ich wollte gar nicht diskutieren, ich wollte jemanden, der mir beipflichtet. Vielleicht, weil ich einfach ein bisschen Recht haben wollte, vielleicht, weil ich gegen Ende unseres Clubbesuchs merkte, dass ich wahrscheinlich das erste und letzte Mal mit Maya geredet hatte. Sie war tatsächlich nicht meine Liga. Fuck.

„Inszenieren, Bruder. Darstellen, nicht Abbilden. Niemand will auf Insta sehen, wie du aussiehst, wenn du aufstehst. Es geht darum, sich ein wenig zu verkaufen. Alles andere wäre... Zweckentfremdung. Die Leute sehen dich und du willst, dass die Leute dich sehen. Deshalb wirfst du dir dein geilstes Outfit über, bevor du ins Rampenlicht trittst.“

„Ok, natürlich, aber wie erklärst du den hohlen Spruch dann?“

„Nein, versteif dich nicht auf den Modeaspekt.“

Versteif dich nicht auf Mode. Der Satz war aus seinem Mund ziemlich frech. Wenn die Arroganz und Eitelkeit je menschliche Form annehmen und auf Gottes grüne Erde hinabsteigen würde, so würde sie wahrscheinlich in etwa so aussehen wie Dave. Nicht, dass er übermäßig gut aussah, er legte nur unglaublichen Wert auf seine Erscheinung. Wenn man mich fragt, macht er das weit über ein gesundes Maß hinaus, aber wer weiß das schon. Ich kann bei Leuten, die nach außen hin so betont selbstbewusst und laut sind nie ganz ausmachen, ob das Überkompensation oder Glaube in die eigenen Fähigkeiten ist. Auch bei ihm hat es ewig gedauert, bis ich eine These gewagt habe. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass es bei ihm, wie auch bei den meisten anderen Fällen, die mir bekannt sind, eine Mischung aus beiden Komponenten ist.

Ich kenne niemanden, nicht, dass das besonders viel heißen würde, ich kenne nicht so furchtbar viele Leute, der einen so großen Anteil seines verfügbaren Geldes und davon hatte Dave nicht gerade wenig, in sein Äußeres investiert. Es passt also vielleicht doch ganz gut, dass er mir was über Inszenierung erzählen wollte. Er war ohnehin nicht mehr zu bremsen.

„Das Ding ist Folgendes: Jeder Burgerladen in Berlin wird dir sagen, dass seiner der Leckerste ist, jeder würde versuchen die leckersten Fotos von ihrem Shit zu machen -“

„Ja, gecheckt, wir machen Werbung für uns und deshalb bereichern wir uns mit allem was geht, um den ganzen Mist noch ein wenig zu schminken, schon verstanden worauf du hinauswillst.“

Es war ein letzter verzweifelter Versuch der mir bevorstehenden Standpauke auszuweichen, aber ich wusste, dass ich schon zu tief drinsteckte.

„Lass mich verdammt nochmal auch ausreden, du Snitch.“

„Alles was ich sagen wollte, war, dass mir das Geheuchel auf die Nerven geht, verschon mich -“

Ich hatte wirklich keine Lust. Manchmal konnte er aber tatsächlich ganz gut reden, auch wenn er in erster Linie laut war.

„Geheuchel? Junge es geht hier nicht um Wahrheit oder Lüge. Insta hat keinen Anspruch auf Wahrheitsgehalt, die Frage nach der Authentizität ist obsolet im Zeitalter der Digitalisierung!“

Er fing ein wenig an zu predigen. Schrecklich.

„Es geht nicht mehr darum, ob etwas echt ist oder nicht, es geht darum, ob es cool ist. Wir gehen raus auf die größte Bühne der Welt und betteln um die einzige Währung, die hier, in diesem gläsernen Haus, noch von wert ist.“

„Likes?“

„Fucking Likes. Facebook, Insta, selbst fucking twitter sind fake, Bro. Wenn du echte Menschen willst, geh vor die Tür. Du klingst gerade ein bisschen wie ein verbitterter Millenia, der zum ersten Mal den ‚Fänger im Roggen‘ gelesen hat und denkt, dass er jetzt weiß, wie der Hase läuft.“

„Du kannst mich mal... Aber... du hast nicht unbedingt unrecht. Es sind dieselben Probleme wie damals, mit dem einzigen Zusatz, dass man jetzt auch noch die ganze Scheiße von den Posern hier unter die Nase gerieben bekommt.“

„Du bist ein richtiger Prinz, weißt du das? Das Buch ist irgendwie fucked.“ „Was meinst du?“

„Naja, Holden ist selber einer dieser “Phonys“. Überleg mal kurz, kannst du dich an das Kapitel erinnern, nachdem er mit diesem einem Mädel Schlittschuh fahren war und sich danach mit dem Intellektuellen in der Bar trifft?“

„Ja... doch schon.“

Ich muss zugeben, ich war ein wenig neugierig. Dave war in vielerlei Hinsicht ein etwas unangenehmer Mensch. Egozentrisch, arrogant und zuweilen auch ziemlich fies, aber eine Sache kann man ihm weiß Gott nicht vorwerfen - er ist kein Idiot. Man muss auch hier längere Zeit mit ihm verbracht haben, um das überhaupt mitzukriegen, denn er versteckt seinen Intellekt gern hinter einer dicken Schicht von aufgesetztem Gehabe und einer noch viel dichteren Ladung dämlicher Anglizismen. Aber manchmal war das, was er zu sagen hatte, dann doch ganz interessant.

„Also in der Szene geht er mit dieser einen Schwuchtel Martinis trinken, ja? Hier ist es, was mich stört: Der Typ, mit dem er säuft, ist nicht nett. Im Gegenteil: Er guckt extrem auf unseren Mr. Caullfield hinab. Aber er lässt sich trotzdem voll auf ihn ein. Krasser noch: Er schaut total zu dem Spasti auf. Bis zu dem Moment, an dem er wieder allein ist und er so keinen Nutzen mehr aus dem Typ hat. Bam! -“

Er schlug mit aller Kraft in seine linke Hand.

„ - Sofort und ich meine sofort, fängt er an zu lästern. Oder nehmen wir meinetwegen die Olle, mit der er aus war davor. Beschrieben als super affektiert und trotzdem bezahlt er ihr Theaterkarten und macht mit ihr im Taxi rum, ich meine, sagt er ihr nicht sogar noch, dass er sie liebt? Er ist selber unnormal fake. So häufig in diesem Drecksbuch kommt es vor, dass er innerhalb von paar Seiten seine Meinungen über Personen und Dinge komplett ändert, nur weil er ein einsamer Spast ist. Und dann regt er sich die ganze Zeit über uns Heuchler auf und merkt gar nicht, dass er auch einer von uns ist. Er checkt das nicht, weil er zu sehr damit beschäftigt ist zu leiden oder so zu tun, als hätte ihm jemand in den Bauch geschossen, um Himmels willen!“

Ich hörte schon nicht mehr ganz genau zu. Ich wollte mir das Buch wirklich nicht verderben lassen. Bemerkenswert, wie wir vor den Dingen, die uns lieb sind, so gerne die Augen verschließen, damit wir ihre Macken nicht sehen müssen. Ich hatte ohnehin kein Bedürfnis danach, eine Tiefenanalyse zum ‚Fänger im Roggen‘ zu machen. Generell lasse ich meine Augen gerne zu.

„... und er wechselt einfach zu schnell die Meinung bei sowas, wie ich finde.“

Er war endlich fertig und ich ließ mir die Chance nicht entgehen, einen Schlusspunkt zu forcieren.

„Ja, vielleicht hast du recht, vielleicht liegst du falsch, scheiß drauf. Das Buch war auf jeden Fall der Hammer. Danke für den Tipp, Mann.“

„Ja, schon interessant, keine Frage. Hat mich nur abgefuckt, dass der so oft über andere Bücher gelabert hat. Habe Gatsby immer noch nicht gelesen und wie du weißt, hasse ich es, wenn ich eine Referenz nicht kapiere. Kommentare zu anderen Büchern sollte man schlichtweg nicht in Bücher schreiben.“

„Ich bitte dich, wenn du Gatsby nicht gelesen hast, deine Schuld. Pass mal dein Drehzeug, ich will eine rauchen.“

Ich rauche unter der Woche gar nicht, dafür am Wochenende meistens Unmengen. Oder mehr. Zigaretten verstehen sich einfach zu gut mit jeder anderen Art von Droge, egal, auf was du bist, rauchen geht einfach immer. Zumal es auch eine gute Möglichkeit bietet, sich mit einem Mädel aus dem Staub zu machen und ein bisschen ins Gespräch zu kommen. Wie oft ich schon kurz mal mit irgendeiner beliebigen Tussi eine puffen gegangen bin, nur um

dann ewig im Kalten zu stehen und mit meiner Auserwählten den Sinn des Lebens zu erörtern, ist definitiv nicht mehr an zwei Händen abzuzählen.

Ich habe mal gehört, dass es eine Studie gab, die belegt hat, dass vereinzeltes Rauchen, an einem Tag in der Woche beispielsweise, deiner Lunge guttun würde. Klar, du kriegst immer noch Krebs und so, aber deine Lunge adaptiert zum Sauerstoffmangel oder sowas und profitiert dadurch. Genauso, wie es Studien gibt, die belegt haben sollen, dass ein Glas Wein genauso gut sein kann, wie eine Stunde im Fitnessstudio. Natürlich totaler Schwachsinn. Man muss echt aufpassen, die Leute versuchen einen von allen Seiten mit Scheiße zu füttern. Ich hab‘ mal im Fernsehen gesehen, wie dieser grässlich überhebliche Wichser, glaube, der Typ sollte angeblich sogar irgendeine Art Wissenschaftler sein, einem anderen, nicht viel sympathischerem Clown, den Ratschlag gab, man solle sich bei Studien, ungeachtet der Wahrheit, einfach die raussuchen, die einem am besten gefällt, um sich dann daran zu orientieren. Wie ich es hasse, wenn Idioten Wissenschaft und Religion durcheinanderbringen.

„John Oliver hat ein neues Video hochgeladen, yes.“

Wie aus dem nichts drang seine Stimme wieder an mein Ohr, ich war wohl abgedriftet. Das konnte ich manchmal sehr gut, besonders in Momenten wie diesem.

„Schon wieder? Den wievielten haben wir eigentlich?“

„Es ist der sonnige Morgen des 1. März 2017 in der schönsten Stadt Deutschlands, meine Damen und Herren...“

Kennst du dieses Gefühl, wenn du nach deinem Handy greifst und kurz denkst, dass es nicht da wäre? Genau das meine ich. Der 1. März, heute war Nikkis Geburtstag. Dave war schon wieder am Predigen, der Rest des Emmas ließ ihn reden wie am Fließband, diesmal war ich allerdings definitiv zu weit weg. Ich hatte den ganzen Abend nicht einmal an sie denken müssen. Das war selten, allerdings gelang es mir mit Drogen immer etwas leichter. Einer der besten Gründe überhaupt welche zu nehmen, eine Auszeit von dem ganzen Kopfkino.

„...Unbetont, betont, unbetont, betont, Mann, der Mist ist echt wesentlich schwerer, als er aussieht. Zu deiner Verteidigung, Taktgefühl war noch nie wirklich -“

„Ich hasse dieses komische Gefühl nach einer durchgemachten Nacht. Weißt du, wenn die Sonne aufgeht und andere Leute schon wieder wach sind und so. Ich hab‘ das Gefühl, was verpasst zu haben.“

„Was sollst du bitte verpasst haben?“

„Schlaf, Dave. Ich hab‘ Schlaf verpasst.“

3 Nikki

Nikki,

ich hätte sehr gerne deine Reaktion gesehen in dem Moment, als du erkannt hast, von wem der Brief hier ist. Schwer zu sagen, ob du überrascht warst oder es erwartet hast, ob du genervt bist gerade oder neugierig (ich tippe auf nein und Letzteres). Schließlich ist doch alles gesagt, oder? Naja, jein. Das hier ist auch weniger für dich, als ein Versuch der Selbsttherapie für mich. Ich mache das hier öfters, also, schreiben meine ich. Es hilft mir immer sehr dabei, meine Gedanken zu ordnen und mir Klarheit im Kopf zu verschaffen. Du kannst dir ja vorstellen, dass es über das vergangene Jahr da so einiges an Bedarf gab.

2016 war für uns beide unglaublich anstrengend und ich bin froh, bald ein neues Blatt anfangen zu können. Wenn auch nur kalendarisch, irgendwie, ich weiß auch nicht, es hat einfach Symbolcharakter. Natürlich habe ich bis jetzt noch keinen dieser gedankenordnenden Briefe auch wirklich abgeschickt, was ja eigentlich auch bedeutet, dass es keine Briefe sind, sondern nur, naja, Blätter voll mit Buchstaben und Wörtern.

Die meisten habe ich sofort weggeschmissen, andere aufgehoben, sei es als Momentaufnahme in schönen Zeiten oder um sie, für den dramatischen Effekt in weniger schönen Zeiten, zu verbrennen. Der hier ... ich weiß nicht, vielleicht schicke ich ihn tatsächlich ab. Der könnte gut werden. Der könnte ein Brief werden. Briefe sind eine seltsame Art der Kommunikation, so schrecklich einseitig. Irgendwie eine befremdliche Vorstellung, dass ich jetzt quasi ununterbrochen für ein paar Minuten in deinem Kopf am Reden bin. Zugegeben, nicht so seltsam, wie ein Blatt Papier vollzuschreiben, um es anschließend zu vernichten, aber trotzdem doch nicht ganz richtig. Ich wünschte, ich könnte deine Mimik beobachten während du das hier liest. Ich war nicht der einzige von uns, der eindeutige Give - aways hatte.

Ich sitze gerade auf meiner Couch, in der heillosen Unordnung meines Zimmers, zwischen Yeezys, leeren Bier- und Mateflaschen und Playstationcontrollern. Ich fühle mich ein bisschen unwohl, hiermit anzufangen. Es hat etwas Endgültiges und ich weiß nicht, ob ich bereit bin, das zu begreifen. Ich bin normalerweise sehr schnell im Lernen, aber hierbei, beim Loslassen, habe ich mir schon immer unfassbar schwergetan. Wenigstens bin ich da mit dir in guter Gesellschaft. Ich hoffe übrigens, dass es dir gut geht. Wirklich.

Okay, also warum oder wozu ich schreibe habe ich ja schon verraten: Selbsttherapie. Bleibt nur noch die Frage nach dem Was zu klären. Wir haben uns übrigens vor zwei Tagen getrennt, da ich noch nicht weiß, ob und wann ich dich das lesen lassen kann, ist der zeitliche Kontext eventuell von Interesse. Ich habe, wie du sicherlich vermuten kannst, seitdem über nicht viel Anderes nachdenken können. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, sind einige Dinge gesagt worden, die mir seitdem im Kopf herumgeistern. Wenn du in der richtigen Stimmung bist, kannst du echt sehr viel reden. Sicherlich nicht alles davon interessant, aber wenn es um ernste Themen, Themen mit Substanz ging, hast du dich immer auf das Nötigste beschränkt. Ich habe das immer sehr geschätzt an dir, weißt du, es gab einfach wenig unnötiges Geschwafel.

Du sagtest, dass wir, würden wir jetzt weitermachen, die eine Sache verlören, die wir immer besonders gut hingekriegt haben: Nämlich ehrlich zueinander zu sein. Der aufrichtige Umgang, den wir miteinander hatten, war glaube ich das, was mir an der Idee von uns am meisten gefallen hat. Zunächst musst du wissen, dass du Recht hattest. Das hier ist kein letzter Versuch dich vom Gegenteil zu überzeugen, das hier ist nicht diese Art von Brief.

Aber das Problem ist, dass das, was du gesagt hast, auf eine andere Art und Weise nicht ganz richtig war. Nein warte, falsch formuliert: Es stimmt zwar, dass wir immer einen sehr direkten und transparenten Umgang miteinander hatten, aber auch bei uns gab es Tabuthemen: Dein Exfreund war beispielsweise immer eins davon. Ich habe dir sehr viel von Nina und mir erzählt und nur sehr wenig von dir und Max gehört. Ich habe mich immer gefragt, woran das wohl liegt, jetzt habe ich da so eine Ahnung. Galgenhumor, entschuldige. Nicht, dass ich das unbedingt hätte hören wollen, es war auch sehr in Ordnung, dass du nie bereit warst, diesen Teil von dir preiszugeben.

Du hast vorgestern auch gesagt, dass du mir nur deine Seite der Geschichte erzählen kannst und auch das ist zwar ziemlich banal, aber nicht weniger richtig. Womit wir zurückkommen zum Worüber es hier gehen soll, was das hier ist: Das hier ist meine Seite der Geschichte, Nikki. Mit allem Schönem und allem Schlechtem, aber vor allem das erste Mal völlig ohne Filter, völlig ohne Überlegen, was ich dich wissen lassen darf und was nicht, denn auch wenn wir echter miteinander waren, als es die Meisten sind, so gab es auch bei uns immer eine Menge Subtext, der ungesagt blieb. Manchmal ist eben dieser Subtext von immenser Bedeutung, denn, wie sagt man so schön, der Teufel liegt nun mal im Detail begraben.

4 Meine erste Zigarette

Ich hasse S-Bahn fahren.

Die meisten Leute die ich kenne, bevorzugen die S - gegenüber der U - Bahn, aber ich fühle mich unter der Erde irgendwie wohler. Man ist abgeschottet und kriegt von dem ganzen Mist da draußen für die Dauer seiner Reise nichts mit. Es gibt einem die Gelegenheit ein bisschen mit sich allein zu sein. Ich kann das sehr gut, allein sein, meine ich. Meine Eltern waren beide berufstätig und wenn ich von der Schule kam, hatte ich immer bis abends das ganze Haus für mich. Traumhaft.

Unter normalen Umständen wäre es mir also sehr recht gewesen, ein paar Minuten in der Isolation meiner Kopfhörer zu verbringen und mich voll und ganz meinem Kopfkino hinzugeben. Ich kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von mir behaupten, dass mein Kopfkino überdurchschnittlich unterhaltsam ist, denn wie gesagt, ich denke sehr gern. Aber die Umstände waren nicht normal. Das sind sie schon lange nicht mehr.

Die Leute scheinen zu glauben, dass, wenn man von jemanden verlassen wird, diese Person nach und nach aus deinem Bewusstsein verschwindet. Totaler Schwachsinn, tatsächlich habe ich Nikki noch nie so häufig auf meiner kleinen Bühne begrüßen dürfen, wie zu dieser Zeit, der Zeit, nachdem sie mich hat sitzen lassen. In meinen schlechtesten Phasen schwelgte ich einfach in schmerzhafter Nostalgie oder verlor mich in ungesunden Tagträumereien, in denen wir noch immer ein Paar waren. Manchmal ging das sogar soweit, dass ich ganze Konversationen in meinem Kopf abspielte, Gespräche, die wir natürlich nie hatten und auch nie mehr haben werden. In meinen besseren Momenten vergaß ich sie für ein kurzes Aufatmen, nur um durch Banalitäten wieder zurückgeworfen zu werden in meine toxische Träumerei.

Alles Mögliche kann so ein potenzieller Trigger sein: Wann immer ich Nudeln koche, breche ich sie aus Trotz vorher, weil ich aus vertrauenswürdiger Quelle weiß, dass sie das nicht gemocht hätte. Oder ich kaufte mir nach einer langen Nacht im Hain eine Fanta, weil ich wusste, dass sie die immer getrunken hat, wenn sie verkatert war. Sie ist das Kreuz auf meinem Rücken.

Ich habe mir, als ich noch mit ihr zusammen war, Yeezys gekauft. Nicht die 350s, die mittlerweile jeder Zweite gefälscht hat, sondern die 750s, in schwarz. Vielleicht der geilste Schuh, der je gemacht wurde. Nachdem sie mich abserviert hatte, konnte ich die Dinger nicht mehr ansehen. Keine Ahnung, warum, aber es ging einfach nicht. Ich hab‘ versucht, sie zu verkaufen, aber als mir das nicht gelingen wollte, hab ich diese verdammten Schmuckstücke eiskalt weggeschmissen. 800 Euro, verschwendet als eine Art romantischer Kollateralschaden. Aber am schlimmsten war Musik. Mein verrückter Verstand schafft es mit überraschender, wenn nicht sogar beeindruckender, Konstanz jedes zweite Lied irgendwie zu ihr zurückzuführen. Ich habe einen meiner Lieblingsinterpreten, G Eazy, nicht mehr hören können seitdem. Es gab sie zwar noch, diese kurzen Augenblicke der Stille, wo ich daran denke, dass es mir eigentlich gut gehen sollte, weil mein Leben an und für sich genommen ein sehr angenehmes war, aber diese Momente dauern nun mal immer nur so lange, bis sie wieder damit aufhören zu sein.

Der Punkt ist, ich trage sie, wo immer ich auch hingehe, mit mir und ich kann dir sagen, dass sie es für ihre zierliche Größe unwahrscheinlich gut schafft, mich gen Boden zu ziehen. Diese Frau war für mich wie meine erste Zigarette. Ich hab‘ sie einfach angemacht und gehofft, dass ich dabei halbwegs cool aussehe, auch wenn ich keine Ahnung hatte, was ich da eigentlich tue. Kurze Zeit später war ich schließlich abhängig und jeder, der schon mal mit dem Rauchen angefangen hat, wird dir attestieren, wie beschissen es ist, auch nur zu versuchen, damit wieder aufzuhören.

Der Gedanke, der mich am meisten störte war, dass sie in jenem Moment, wo ich so gedankenverloren in der U-Bahn saß, sowie in diesem, wo ich das hier schreibe, als auch jetzt, wo du das hier liest, einfach weitermacht. Ich schaue ihr vor meinem inneren Auge dabei zu, wie sie Pläne für ihre neue Uni macht, Verabredungen mit ihrem Freunden trifft und wahrscheinlich mit Jemanden am Flirten ist. Das erschien mir nicht fair. Ich musste mich mit all dem hier rumschlagen, den Wutanfällen, den depressiven Phasen und vor allem mit den drei apokalyptischen Reitern, dem wäre ich, hätte ich oder sollte ich, während sie schlicht und ergreifend ihr Leben problemlos ohne mich auf die Reihe kriegt. Ich hatte ihr Mal gesagt, dass ich ihr aus ganzem Herzen wünsche, dass sie glücklich wird und so, aber seien wir mal ehrlich, nur für ein paar Sekunden: Wenn Jemand mit einem Schluss macht, will man für die Person nur eine Sache, nämlich, dass sie sich genauso beschissen fühlt, wie man selbst.

So saß ich also in meinem verlassenem Vierer in der U8 und stellte sie mir vor, wie sie süße Whatsapp - Nachrichten mit einem Fremden austauscht, als ich sah, dass neben mir ein Typ saß, der mich nicht nur anguckte, sondern auch, seinem Blick nach zu urteilen, ein Gespräch mit mir zu suchen schien. Seiner Mimik zufolge war er mir nicht gerade nette Sachen am zuflüstern, ich beschloss trotzdem meine Kopfhörer kurz abzusetzen, um mir anzuhören, was er mir denn zu berichten hatte.

„Was guckst du?“

Ja, sowas in etwa hatte ich erwartet. Der Junge war ungefähr 18 Jahre, hatte aber bereits deutlich mehr Bartwuchs als ich. Leicht übergewichtig und auch ansonsten ziemlich hässlich, mit viel zu viel Gel in den Haaren und unfassbar schlechten Yeezy Fakes an den Füßen (wenn man vom Teufel spricht), saß also dieser kleine Kanacke vor mir und machte mich allen Ernstes an.

„Du hast mich angeguckt.“

Ich konnte nicht anders. Eine reifere und schlauere Person hätte ihn vollends ignoriert, aber ich hatte nicht vor meine Fassung zu verlieren.

„Halt die Fresse.“

Er hatte einen schrecklichen Akzent, einer jener Akzente, der vermuten ließ, dass er zu Deutsch in komplexeren Sätzen, jenen mit einer Wortkombination jenseits der Drei, nicht unbedingt in der Lage war.

„Verbiete mir nicht den Mund, Kleiner.“

Ich hätte mir wirklich das Lächeln verbieten sollen, aber ich konnte nicht anders. Wie gesagt, es war zu verlockend.

„Halt die Fresse.“

„Das sagtest du bereits.“

Nun, ins Debattierteam seiner Schule wird er es sicherlich nicht geschafft haben. Ich wollte ihn nur noch ein bisschen reizen.

„Junge, red‘ doch nicht. Halt dein Maul und guck mich nicht an!“

Perfekte Vorlage.

„Auf die Gefahr hin, dass wir uns hier im Kreis bewegen, werde ich nochmals versuchen das Gespräch in andere Richtung zu lenken: Was ist, wenn nicht?“

Er guckte mich an, als hätte ich gerade einen dritten Mittelfinger hinter seinem Ohr hergezaubert. Und auch wenn seine Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um richtiges Deutsch zu reden, so schien er es doch zumindest zu verstehen.

„Ich ficke dich.“

Natürlich tust du das. Er versuchte dabei so angsteinflößend zu gucken, wie es ihm mit seiner Art Gesicht nur möglich war. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihm. Außerdem reichte es mir jetzt, also brachte ich unser Gespräch zu einem eher abrupten Ende.

„Ah, verstehe. Pass auf, das wird ziemlich schwierig von da hinten, aber wenn du es dir anders überlegst, dann kannst du gerne hier bei mir vorbeischauen und dein Glück versuchen.“

Ich lächelte dabei so süffisant, wie nur irgendwie möglich. Und ich kann wirklich sehr gut arrogant lächeln. Wahrscheinlich weil ich ziemlich arrogant bin, keine Ahnung. Ich setzte aber meine Kopfhörer wieder auf und warf dem jetzt noch viel schlimmer fluchenden Wortakrobat einen Kussmund zu. Ich wusste, dass er niemals aufstehen würde. Dafür hielt ich ihn für zu feige. Eine Sache hierbei verstehe ich aber nicht: Wie in drei Gottes Namen kann man so verdammt streitsüchtig sein? Mir ist sowas von egal welche Hautfarbe oder Ethnie, aber wenn du dich so verhältst, wie unser Moppel hier in der U8, dann bist du überflüssig. Punkt. Was stimmt mit solchen Menschen nicht, dass man sich nicht nur unbewusst in eine potenzielle Gefahrensituation begibt, sondern sie auch noch aktiv sucht? Er wollte jemanden finden, der ihn anguckt, damit er diesem jemand rhetorisch stabil und exorbitant eloquent, wie es nun einmal seine bevorzugte Vorgehensweise zu sein schien, dann erklären kann, dass er ihn, in meinem glücklichen Fall, also mich, ficken würde. Ich habe übrigens auch nie verstanden, wie sich ficken als Synonym für zusammenschlagen durchsetzen konnte. Scheint mir irgendwie, ich weiß auch nicht, kontraintuitiv zu sein.

Natürlich war ich verärgert darüber, dass so jemand derart respektlos mit mir redet, auf der anderen Seite war ich für einen Moment abgelenkt von Nikki und ein wenig über die Streitsucht jener Idioten am Nachdenken. Vielleicht hat er es Zuhause vorgemacht bekommen. Vielleicht wird er in der Schule noch viel schlimmer behandelt, als ich gerade von ihm. Vielleicht war er auch einfach nur überflüssig. Je länger ich darüber nachdachte, umso mehr tat er mir eigentlich Leid. Diesmal wirkliches, fast schon an Aufrichtigkeit grenzendes, Mitleid.

Ich war an meiner Haltestation, dem Hermannplatz, als ich mich darauf geeinigt hatte, dass es vermutlich, wie so oft bei solchen Dingen, eine Mixtur aus all dem sein musste und machte mich auf, als etwas passierte, was ich niemals, nicht in hundert Jahren, antizipiert hätte. Der fette Idiot schlug mich. Zumindest versuchte er es, seine schwabblige Hand hatte kaum Power, er schien schon halb außer Atem zu sein von der Anstrengung sich über einen Sitz zu lehnen, damit ich überhaupt in Reichweite seiner kurzen Arme war. Und er machte generell den Eindruck, nicht unbedingt für Schlägereien gebaut worden zu sein. Ein müder, bemitleidenswerter Schwinger gegen den äußersten Rand meines linken Oberarms war das wenig einschüchternde Ergebnis. Ich war trotzdem fassungslos. Er hatte mich geschlagen. Geschlagen.

Es gab jetzt zwei Optionen für mich: Ich hatte noch etwas Zeit, da ich die Art von Mensch bin, die aufsteht, sobald die U-Bahn meine Haltestelle ansagt, nicht die Art Person, die aufsteht, wenn sie auch tatsächlich da ist. Ich spielte kurz mit dem Gedanken ihm den Gefallen zu erwidern, allerdings wäre ich das Ganze deutlich beherzter angegangen, jedoch erschien mir auch das eher überflüssig zu sein. Ich entschied mich also, glücklicherweise, für die zweite Option. Nämlich schonungslose Ehrlichkeit. Ich bin sehr oft sehr ehrlich, wenn ich sonst nicht weiterweiß.

„Weißt du Kleiner...“

Sein Gesicht, als ich ihn erneut bei seinem neuen Kosenamen nannte war schlichtweg zum Anbeten. Kein Spaß.

„...ich bemitleide dich. Aus ganzem Herzen. Ich saß eben da, nach unserem geistigen Schlagabtausch und habe ernsthaft versucht zu verstehen, was bei dir schief gelaufen ist, dass du dich jetzt verhältst wie der größte Hurensohn. Mein bester Tipp ist, dass du nicht nur überdurchschnittlich hässlich, sowie gleichermaßen

unterbelichtet bist, sondern, dass irgendein kleiner, sehr, sehr trauriger Teil von dir sich tragischer Weise auch dessen bewusst ist. Aber können wir mal ehrlich sein? Du fickst mich nicht. Ich bin vermutlich 5 Jahre älter als du, außerdem zehn Zentimeter größer und mit der Kraft, die du in deinen Armen zu haben scheinst, die du sonst deinem ekelerregenden Aussehen nach zu urteilen nur zum Schaufeln von Burgern benutzt, könntest du mir gerade so einen runterholen. Also pass auf: Ich steige jetzt aus, du kannst gerne mit rauskommen und dann schlag ich dir, vor deinem kleinen Freund hier, ...“ Neben ihm saß übrigens ein nicht weniger unsympathisch aussehender Begleiter.

„...den Schädel ein oder ich steige schlicht und

ergreifend alleine aus, your call.“

Zeit, ihm den Todesstoß zu geben.

„Außerdem wünsche ich dir einen wunderschönen Tag. Ciao Bella.“

Er versuchte mir ein letztes, ärmliches „Halt die Fresse“ hinterher zu werfen, aber selbst er hatte wohl verstanden, dass er gerade den Kürzeren gezogen hatte. Ich war überraschender Weise sehr erleichtert, dass er wie erwartet sitzen geblieben war. Das mit dem schönen Tag gefiel mir rückblickend fast am besten. Überzogene Höflichkeit hat in der richtigen Dosis an der richtigen Stelle etwas sehr Erhabenes, wie ich finde. Wenn du immer noch nett zu jemanden sein kannst, obwohl dieser jemand sich so verhält wie jener jemand hier, dann signalisiert man den Leuten deutlich, dass dich ihr Mist nicht treffen kann, dass er gar nicht erst an dich rankommt, da du so weit in eisiger Einsamkeit über ihnen thronst, dass es dir sogar noch gelingt den Maßstab gesellschaftlicher Norm feierlich zu hissen. Ein letztes Banner vor dem Chaos der Primitivität. Schade, dass das ein Zeichen von Stärke ist, aber ich habe die Regeln nicht gemacht.

Natürlich war meine kleine Rede nicht vollends

improvisiert. Ich hatte mir ein paar Dinge zurechtgelegt, sollte er mich nochmal ansprechen auf den Weg hinaus aus der Bahn und dabei handelte es sich in Retrospektive schließlich um weise Voraussicht meinerseits. Es hat manchmal große Vorteile ein Denker zu sein. Das Überanalysieren solcher Situationen führt manchmal, wenn auch sehr selten, zu reicher Ernte. Die meiste Zeit quält man sich allerdings mit hypothetischen Fragen, grübelt darüber, was man in welcher Situation hätte besser machen können und verkrampft allgemein ein wenig mehr.

Dort, wo ich herkomme, gibt es diesen Spruch „dumm fickt gut“. Ich glaube, dass da was dran ist. Nicht, dass Mädels mit Köpfchen zwangsweise schlechter im Bett wären, sondern ich glaube, dass Menschen, die von Natur aus nicht so viel hinterfragen, sei es wegen der Abwesenheit des Bedarfs oder des Mangels der dafür nötigen Kompetenz, weniger Probleme haben, sich Sachen hinzugeben. Es muss sehr schön sein, nicht jeden Schritt aus drei verschiedenen Winkeln reflektieren zu müssen, bevor man ihn tut. Manchmal fühle ich mich nämlich so. In letzter Zeit sogar sehr oft. Am Hermannplatz angekommen, stieg ich also, mit einem kleinem Hoch aufgrund meines kolossalen Triumphes, aus der Bahn aus. Bahnfahren finde ich in Ordnung, teilweise sogar entspannend, wie gesagt, in Bahnen ein- oder aussteigen ist jedoch eine absolute Zumutung. Der reißende Strom aus Passanten, bestehend aus Fremden, die du nie gesehen hast und nie wiedersehen wirst, macht mich fertig. Die ganze Zeit musst du jemanden ausweichen oder du kassierst eine Schulter. Es hat etwas von Tetris, nur eben mit Menschen, unangenehmen Gerüchen und einem weitaus geringeren Maß der Organisation.

Ich konnte nicht ganz ausmachen, ob ich mit der größeren Welle rausgetragen wurde oder ob der Gegenstrom, die herunterkommenden Menschen, alle sichtlich beeilt wieder in die rettende Oase der U-Bahn zu flüchten, Überhand hatte. Jedenfalls musste ich mich ziemlich verbiegen und ein paar Leute unhöflich zur Seite bitten, um überhaupt irgendwo hinzukommen. Ich schaffte es jedenfalls halbwegs unbeschadet und mit ein bisschen Rest der guten Laune, auf die Sonnenallee und dann in die Reuterstraße. Ich hätte den Weg übrigens auch im Schlaf laufen können. Am Ziel angekommen, klingelte ich zweimal, obwohl ich wusste, dass die Tür wahrscheinlich geöffnet sein würde, weil sie das nämlich immer war. In dem Altbau-Treppenhaus der Reuterstraße 24 roch es nach alten Möbeln, nassem Holz und Motten, es war widerlich. Ich glaube, ich habe eine sehr empfindliche Nase. Die Tür war tatsächlich offen, da ich aber geklingelt hatte, hatte ich mich meines Überraschungseffektes beraubt. Aisea stand, mich lächelnd erwartend sowie oberkörperfrei, unter seine Flurlampe. Ich will nicht lügen, er sah gut aus.

„Was geht, mein Guter?“

Aisea gehört zu der Art von Menschen, die dir bei der Begrüßung so hart wie nur irgendwie möglich in die Hand schlagen müssen. Dazu kommt erschwerender Weise, dass er viel trainieren geht, soll heißen, er hat sowohl Kraft, als auch eine ekelerregend dicke Schicht Hornhaut auf seinen Händen, was das Ganze noch viel unangenehmer macht. Wenn er irgendwann einmal in eine Schlägerei mit einem fetten Kanacken in der U-Bahn gerät, sollte er einfach versuchen dem Kopf seines Gegenübers hallo zu sagen. Garantierter Knockout.

„Jo, was geht?“

Ich hasse es, wenn jemand zur Begrüßung „was geht“ sagt. Man beantwortet es sowieso nie und muss sich damit begnügen, die selbe Phrase zu wiederholen. Ein eher nerviges Ritual.

„Ach, nicht viel, bisschen was gechillt heute. Mein Tag war so sinnfrei. Pass auf, ich hatte heute eine Sache zu tun. Eine Sache...“ Er hielt mir dabei einen seiner fleischigen Finger unter die Nase. Aisea konnte das gut, einfach ein Gespräch anfangen, meine ich. Ich habe noch nicht viele Menschen kennengelernt, die das draufhaben, ich selbst brauche immer eine halbe Stunde bis Stunde, bis ich mit jemanden aufgetaut bin. Davor verklemme und zensiere ich mich ein wenig, selbst bei engen Freunden, zu denen ich Aisea definitiv dazuzähle, auch wenn wir uns noch nicht allzu lange kannten.

Wir quatschten also eine Weile, er erzählte mir von seinem misserfolgreichen Versuch sich beim Sotostore zu bewerben, ich berichtete von meiner Begegnung in der U-Bahn und vom letzten Wochenende, sprich meinem ecstasy - getränktem Abend mit Dave. Wir bauten erst einen, dann einen zweiten Joint und hörten Musik. Viel mehr konnte man in seinem Zimmer auch nicht wirklich machen, denn er hatte nur ein großes und aufgrund einer Unachtsamkeit meiner Wenigkeit auch kaputtes Bett, eine geradezu lächerlich winzige Couch und sonst nur noch zwei Regale mit Klamotten in dem Raum stehen. Kein Fernseher, kein Netflix und keine PS4. Dafür war sein Zimmer voll mit skurrilen

Kunststücken an jeder Ecke: Ein Fahrradpedal, welches er mit einer Menge Draht über eine Lampe gehängt hatte, sodass ein ominöser Schatten an die Wand geworfen wurde, eine Mateflasche, die bis zum Hals in orangenem Panzertape eingekleidet war, ein paar kaputte Schallplatten, die über Kleiderbügeln in einem Bilderrahmen ohne Glas an der Wand hingen und, vielleicht mein persönliches Lieblingsstück, ein riesiges Schild, auf dem nur „Berlin Models“ zu lesen war.

Dazwischen fand man eine Vielzahl von Vintage-Jacken, die nicht selten in fraglicher Organisation überall im Raum verteilt an den hohen Decken seiner Wohnung prangten, ein immer sichtbares Testament seines guten Modegeschmacks. Aisea war nicht unbedingt bescheiden.

Wenn ich so drüber nachdenke sind das nur sehr wenige meiner Freunde. Wie du dir von seinem, nennen wir es mal, besonderen Geschmack für Innendekoration vielleicht schon denken kannst, ist Aisea ein ziemlicher Hipster. Damit meine ich sowohl seine Einstellung, als auch seine Erscheinung. Er war sehr betont gegen den Mainstream, verurteilte den Ottonormalverbraucher bei jeder passenden und ein paar unpassenden Situationen, dazu war er unwahrscheinich kunstaffin und gab sich alle Mühe auch modisch dieselbe Schiene zu fahren. In zerrissenen Skinnyjeans, Oversized Pullis, die er in selbige Skinnyjeans steckte, Jacken, die er gerne einmal wendete, bevor er sie sich überstreifte und einem sehr kleinem, aber gleichermaßen pornösen Schnauzer, gab er ein sehr überzeugendes Bild ab, das nur noch von einem dicken Silberohrring an seinem linken Ohrläppchen komplettiert werden konnte.

Ich hatte ihn zu Anfang für einen eher flachen Charakter gehalten, er überraschte mich allerdings ein ums andere Mal mit einer unerwarteten Dosis Feingefühl, Sensibilität und aufrichtiger Neugier. Dieser Eindruck bestätigte sich allerdings keineswegs, wenn man ihn über Frauen reden hörte:

„... halt in der Magda. Die Magda war ja so eine Goldgrube für Chicksen, verdammte Schande, dass die zugemacht hat. Naja, auf jeden Fall hab‘ ich die da kennengelernt.“

„Warte mal, an dem Abend, wo wir davor zusammen im „Weißen Hasen“ waren?“

„Si, Si.“

„Aber da hast du die nicht gefickt, oder?“

„Nein, pass auf: Wir sitzen da so in dem Außenbereich und die therapiert mich aufs übelste. Hält so voll die Rede von wegen, sie muss jemanden kennenlernen, bevor man zusammen fickt und so. Blablabla.“

„Häh, warte. Du hast die aber doch nur einmal davor gesehen, oder?“

Ein bisschen Hintergrundinformation hier: Letztes Wochenende sind wir beide auf eine Home in Lichtenrade gefahren. Fucking Lichtenrade. Naja, als wir da waren hat uns der Gastgeber auf jeden Fall gesagt, dass wir uns wieder verpissen könnten (er formulierte dies allerdings noch eine Spur

unfreundlicher). Das Mädel, um das es gerade hier ging, Therese, hatte uns eingeladen, ohne zu prüfen, ob das

auch wirklich in Ordnung ist und so weiter. Naja, langer Rede, gar kein Sinn: Aisea und ich sind dann mit zwei Mädels zu ihm gefahren, er hat seine gebumst und ich habe mit der Freundin ein bisschen auf der Miniaturcouch gefummelt. Am Tag danach haben wir uns bepisst vor Lachen, dass wir wie die letzten Räuber auf eine Home kommen, rausgeschmissen werden, nur um dann mit den zwei hübschesten Frauen, von dem kurzen Blick nach zu urteilen waren Therese und Maike tatsächlich die schönsten dort anwesenden Frauen, abzuhauen. Wie dem auch sei.

„Ja genau, das ist ja das Ding. Die macht so einen auf

schwer zu kriegen, schiebt voll den Film, während ich gerade am runterkommen bin von der unheiligen Menge Pep. Und dann, keine Woche später kommt die mit zu mir. Weißte, hat ihre Tage, bah, und lässt sich trotzdem drücken. Und ich denk mir nur so -“

Entweder legte er eine unnötig theatralische Pause ein oder er war zu stoned und fand nicht die richtigen Wörter.

„- du kleine Nutte.“

Er lachte sich schlapp über seine eigene – sehr mäßige – Pointe. Ich lachte nicht. Mittlerweile war ich ziemlich verklatscht von dem Gras und manchmal, wenn ich high bin, komme ich in einen sehr stillen und sehr nachdenklichen Modus, so wie auch jetzt.

„Was ist denn schon wieder mit dir los, lach doch mal.“

Er schlug mir dabei mit seiner vom Gewichtheben gezeichneten Hand auf den Oberschenkel und auch das wieder viel zu fest. Manchmal konnte er einen brutal nerven. Er wurde oft ohne Vorwarnung übertrieben laut oder packte einen irgendwie an und so. Vor allem, wenn ich stoned war, konnte ich weder das eine noch das andere besonders gut ab.

„Nein, alles gut. Ich bin nur voll stoned und... ja... und ich hab‘ vor paar Tagen mit Nikki geschrieben -“

„Ja, fick dich mal komplett.“

Vor fünf Tagen, kurz vor ihrem Geburtstag, hatte ich sie auf Facebook angeschrieben. Ich hatte ihre Nummer nicht mehr. Ich bin diese Art von Exfreund, der, sobald man mit ihm Schluss macht, sämtliche Erinnerungen zerstört. Ihre Nummer und unsere Chats waren aus meinem Handy entfernt, ich hatte sie auf Instagram und auf Facebook entfreundet und so gut wie alles, was auch nur am entferntesten an sie erinnerte, weggeschmissen. Alles bis auf eine alte metallene Kippenpackung, wo ich meine Selbstgedrehten beim Feiern aufbewahrte. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie musste ich gerade das Ding behalten, sonst war ich allerdings vollends frei von jeglicher Art der physischen Erinnerung an sie. Ich brauchte das zum einen, weil ich sowieso schon genug an sie dachte und ich zusätzliche Stimuli diesbezüglich als überaus überflüssig erachtete. Zum anderen, weil ich so zumindest so tun konnte, als hätte ich mit ihr abgeschlossen. Außerdem dachte ich mir, dass sie das bestimmt kindisch finden würde und auch den Gedanken fand ich auf eine seltsame Art und Weise angenehm. Dann war ich eben kindisch. Und jetzt?

Wie gesagt, Aisea war, für seine sonst doch sehr flache Art, an manchen Augenblicken überraschend einfühlsam. So auch jetzt: In dem Moment, in dem Nikkis Name fiel, wurde er von einen auf den anderen Schlag ernst und man bekam den Eindruck, dass er zumindest versuchte, einem mit dem ihm verfügbaren Mitteln zu helfen.

„Worüber habt ihr denn geplaudert?“

„Ach, total behindert. Sie hatte noch etwas von mir und ich wollte das wiederhaben und... Keine Ahnung, ich wurde zum Schluss dann etwas zickig und wir haben uns bisschen gezankt. Ich weiß nicht, im Grunde genommen ist das schon so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte, trotzdem fickt sowas einem den Kopf.“

Das etwas, was ich wiederhaben wollte, war mein Abschiedsbrief an sie. Ich weiß, dass es durchaus unkonventionell ist, einen Abschiedsbrief nach besagtem Abschied nochmal zurückzufordern und ich weiß auch, dass ich theoretisch kein Recht mehr darauf hatte. Wir reden hier aber nicht über irgendeinen Abschiedsbrief. Das, was ich da abgeschickt hatte war das Persönlichste, Ehrlichste und Schönste, was ich je in meinem Leben fabriziert hatte und in den letzten Wochen hatte ich es endlich geschafft, ein wenig sauer zu werden und zwar nicht nur sauer auf meine Situation

und meine Laune, sondern tatsächlich auch sauer auf sie. Das war ein gutes Gefühl, zumindest besser als das, mit dem ich mich sonst so rumschlagen musste. Es erschien mir unfair, dass sie etwas derart Schönes von mir behalten durfte, während ich hier mit einer Menge schmerzender Erinnerungen und meiner miesen Laune zurückblieb. Zwar wollte sie ihn mir zunächst nicht wiedergeben, im Endeffekt gab sie aber dann doch nach, sie merkte wohl, dass mir, wie so oft bei uns, an dieser Angelegenheit wesentlich mehr lag als ihr.

„Ja, ok... verstehe, verstehe.“

Er fuhr sich dabei mit seinen wurstigen Fingern über seinen Schnauzer. Ich konnte merken, dass er sich sammelte, um etwas zu sagen, während er die nächste Mische machte.

„Also, ... was mich halt abfucken würde, so aus meiner Sicht... Naja also, ich hätte halt gehofft, dass sowas kommt wie: Oh hey, schön von dir zu hören, wie geht’s dir, können wir uns sehen… blabla. Keine Ahnung, wie ihr euch getrennt habt, aber das wäre so mein Ding.“

Sein zusammengestammelter Satz traf mich härter, als ich es für möglich gehalten hätte. Er hatte tatsächlich Recht. Ich wollte es mir nicht eingestehen, geschweige denn laut aussprechen, aber das war natürlich der Grund, weshalb ich deprimiert war. Ein winziger, sehr realitätsferner Teil von mir, hatte wirklich gehofft. Gehofft, dass es reichen würde sie anzuschreiben, um sie wiederzusehen. Oder zumindest mit ihr zu reden. Was war stattdessen passiert? Sie schrieb zum Schluss: Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass es dir gut geht.

Das ich nicht lache, wenn du wüsstest wie weit ich von gut entfernt bin. Aber das war irrelevant, denn diese leise Hoffnung, diese letzte befangene Höflichkeit war alles, was sie noch für mich aufzubringen imstande war, ein letztes, ärmliches Relikt verwelkter Zuneigung. Es hatte tatsächlich bis zu diesem Moment, dem Moment, in dem Aisea meinen Zustand stammelnd (und stoned) diagnostizierte, während er den nächsten Joint baute, gedauert, bis ich verstand, was mein wirkliches Problem hier war: Die Naivität der Menschen mit gebrochenem Herzen ist äußerst bedauernswert. Es braucht nicht viel, eine Nachricht und manchmal noch nicht mal das, prompt erlauben wir uns etwas sehr Dämliches: Wir fangen an zu träumen. So sehr ich mich auch dagegen wehrte, ich kann nicht anders, als mir zu wünschen, dass die Verhältnisse andere waren, dass wir wieder zueinander fänden. Zu hoffen, wo keinerlei

Hoffnung ist, ist eine schreckliche und augenscheinlich unheilbare Krankheit. Du verstehst zwar, dass du ein Idiot bist, aber das macht dich leider Gottes auch nicht weniger zum Idioten. Das Identifizieren eines defizitären Verhaltensmusters ist leider Gottes nicht equivalent mit deren Lösung.