Das letzte Pferd - Eckard Ferdinand Siggelkow - E-Book

Das letzte Pferd E-Book

Eckard Ferdinand Siggelkow

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Beschreibung

Mit dem frisch erworbenen Meisterbrief will Carl Menking hoch hinaus. Er setzt auf den Bau von Ackerwagen und landwirtschaftlichen Geräten. Ein Patent hat er schon erworben. Auf Drängen seines Vater lässt er sich in seinem Heimatort nieder, heiratet und gründet eine Familie. Kunden bleiben anfangs aus. Es dauert, bis sich herumspricht, dass er sich mit Pferden und deren Krankheiten auskennt. Als er einen Pflug vorführt, der beim Pflügen likut löpt, ist der Bann gebrochen. Sein Können beginnt sich auszuzahlen, als der 1. Weltkrieg ausbricht. Menking übersteht ihn unverletzt, muss aber nach seiner Rückkehr von vorn anfangen: Die Schmiede liegt am Boden. Der Neubeginn wird durch Mangel, Inflation und Wirtschaftskrisen behindert. Die Einkünfte reichen nicht aus, um die Familie mit den vier Kindern zu ernähren. Die Landwirtschaft, die sein Vater nebenher betreibt, wird entsprechend ausgebaut. Bald ist Menking mehr auf dem Feld als in der Schmiede zu finden. Sein Unmut darüber strahlt auf seine Frau Anna und die Kinder aus; Zwietracht und Ärger sind die Folge. Die Kinder bekommen die Härten des Landlebens zu spüren; von klein auf werden zur Arbeit herangezogen. Unglück und Krankheit bleiben ihnen nicht erspart. Sobald sie können, gehen die Kinder ihre eigenen Wege. Tochter Meta gerät anscheinend in die Hände einer angeblichen Sekte. Sohn Manfred geht nach der Schmiedelehre auf Wanderschaft, kommt arbeitslos zurück und schließt sich den Nationalsozialisten an. Tochter Marga heiratet einen überzeugten Parteigenossen. Marlis, die Jüngste, geht in ihrem Beruf als Braune Schwester auf. Nach Ende des 2. Krieges stehen sie wieder vor der Tür. Meta findet mit ihren Kinder bei den Eltern Unterschlupf, Marga mit Kindern bei einem Bauern. Manfred kommt halbverhungert aus russischer Gefangenschaft. Marlis wandert aus. In einem Alter, wo anderer Menschen längst in Rente sind, steht Carl Menking immer noch in der Werkstatt . Er will sie am Leben halten, obwohl ein Pferd nachdem anderen abgeschafft wird und auf den Feldern fast nur noch Traktoren im Einsatz sind. Wie es mit der Schmiede weitergeht, weiß er nicht. Er weiß nur, dass mit dem letzten Pferd, das zur Schlachtbank geführt wird, eine Ära zu Ende geht. Vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte entfaltet der Roman kaleidoskopisch die Geschichte einer Familie auf dem Lande. Sie beginnt am Beginn der 20. Jahrhunderts in einem Ackerbürgerstädtchen in der Lüneburger Heide und endet Mitte der 50er Jahre im Weserbergland.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Meinen Enkelkindern

Ada, Olivia, Merle, Luzia, Leonie, Maike, Nora, Jakob, Martha, Yuri u. Suvi

Der Schmied stützt den Bestand der Welt, und seiner Hände Arbeit ist sein Gebet.

Das Buch Jesus Sirach 38,34

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Nachlese

Anmerkungen

Menkings Schmiede lag oberhalb des Baches, in dem ich als Kind gerne gespielt habe, wenn er im Sommer wenig Wasser führte und nur noch aus einigen Rinnsalen bestand. Ich ließ darin kleine, aus Borke geschnitzte Schiffchen schwimmen, baute Dämme, um das Wasser zu stauen, und versuchte Stichlinge zu fangen, die zwischen den Steinen hin und her huschten. Genauso gerne verweilte ich aber in der Schmiede, besonders wenn es draußen kalt war und regnete. Ich spüre immer noch den durchdringenden beißenden Geruch in der Nase, der mir entgegenschlug, wenn der Schmied beim Beschlagen eines Pferdes das glühende Eisen auf die Sohle des Hufes presste, um zu sehen, ob es die richtige Größe hatte, und dabei in einer gelben Wolke verbrannten Horns verschwand.

Und ich habe noch vor Augen, wenn »Mester Menking«, wie er genannt wurde, das Schmiedefeuer in der Esse auflodern ließ, um Eisen zu erhitzen, dazu das Gebläse betätigte, das die Luft durch die vor sich hin schwelenden Kohlen fauchte, die Flammen unversehens in den vom Ruß geschwärzten Rauchfang emporschossen und ich unwillkürlich zurückschreckte; und ich erinnere mich noch gut daran, wie die Macht des Feuers die Kohlen zum Glühen brachte und die Hitze langsam und unwiderstehlich ins Eisen kroch, bis es glutrot leuchtete und weich genug war, dass der Mester es mit der Zange aus dem Feuerbett nehmen und auf dem Amboss bearbeiten konnte.

Wenn das Feuer wieder still und friedlich vor sich hin brannte, ging von ihm ein sanftes Leuchten aus und eine anheimelnde Wärme, die mich anzog; wenn es aber wild aufloderte und alles ringsum in Brand zu setzen schien, hatte es etwas Unheimliches an sich, das mich abschreckte.

Geradezu urtümlich ging es zu, wenn der Meister die Eisenreifen für die Holzräder der Ackerwagen fertigstellte. Dann entfachte er ein Feuer, das die Esse in einen Glutofen verwandelte, in dem er die Enden der halbfertigen Reifen erhitzte, bis sie weiß zu leuchten begannen. Dann nahm er die Reifen aus dem Feuer und schlug auf dem Amboss auf die glühenden und hell rauchenden Enden ein, bis sie miteinander verschweißt waren und eine glatte durchgehende Fläche bildeten. Die mächtigen Schläge dröhnten durch die ganze Schmiede und ließen, wie es schien, sogar den Boden unter dem Amboss erbeben. Wie ein einziges Flammenmeer aber erschien die Esse, wenn er die fertigen Reifen noch einmal im Feuer so weit dehnte und weitete, dass sie haargenau auf die hölzernen Zargen der Räder passten. Beim Erkalten zogen sie sich darauf so fest zusammen, dass man die Räder hätte zertrümmern müssen, um die Reifen wieder herunterzubekommen.

Es brachte mich immer zum Staunen, wie selbstverständlich Mester Menking mit dem glühenden Eisen hantierte. Wenn er sich - angetan mit der schweren Lederschürze und den Holzpantinen an den Füßen - zwischen der Esse und dem Amboss hin und her bewegte und dabei ein Bein nachzog, hätte man meinen können, nicht er, sondern Hephaistos, der griechische Gott des Feuers und des Schmiedehandwerks, der ja ebenfalls ein Bein nachgezogen hatte, sei am Werke. Da er von Geburt an hinkte, war er von Hera, seiner Mutter, vom Olymp, dem Sitz der Götter, in den Okeanos geschleudert worden, wo er von den Meernymphen Thetis und Eurynome gerettet und aufgezogen wurde und, als er herangewachsen war, das Schmiedehandwerk erlernte.

Mester Menking hingegen hatte sich das lahme Bein bei einem Arbeitsunfall zugezogen, als ein riesiger Mühlstein minutenlang auf seiner Schulter gelastet hatte. Auch war er von seiner Mutter nicht verstoßen, sondern liebevoll großgezogen worden. Beide aber konnten mit Feuer und Eisen umgehen, als wären sie dafür auserwählt worden. Nach menschlichem Ermessen brauchte Menking einen Vergleich mit Hephaistos nicht zu scheuen. Nur stellte er, anders als der Gott des Feuers, keine Waffen her - sieht man einmal von Sicheln und Sensen ab, die im Deutschen Bauernkrieg notgedrungen von den Bauern gegen die Landsknechte als solche benutzt worden waren. Statt Schwerter schmiedete er Pflugscharen. Sein Sinn galt von Anbeginn seiner Tätigkeit dem Bau von Pflügen und von Acker- und Geschäftswagen, die von Pferden gezogen wurden, darunter auch bequeme Kutschen und leichte, geländegängige Jagdwagen.

Die Geschichte von Carl Menking beginnt am Ende des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Ackerbürgerstädtchen in Norddeutschland am Rande der Lüneburger Heide und endet Mitte der 1950er Jahre mit dem letzten Pferd, das in einem Flecken am Rande des Weserberglandes zur Schlachtbank gebracht wird.

1.

Deutschland ist auf dem Weg zur Großmacht. Der Ausbau des Flottenbestandes soll den kaiserlichen Seestreitkräften Weltgeltung verschaffen. Die Entente cordiale zwischen England und Frankreich verstärkt die politische Isolierung des Deutschen Reiches. Die Menschen auf dem flachen Land verharren in ihren althergebrachten Gepflogenheiten. Die hannoverschen Abgeordneten bestehen im Reichstag in Berlin auf die Restitution des Königreichs Hannover. - Carl Menking lässt sich als Schmiedemeister nieder.

Carl Menking wollte eben die Tür zur Werkstatt schließen, als er den Bauern auf den Hof kommen sah. Dieser führte ein Pferd am Zügel, das auffallend lahmte. Der Bauer tippte mit dem Finger an den Rand seiner Schirmmütze, zeigte auf die rechte Hinterhand des Pferdes und meinte:

»Kiek doch mol no, wat dat Peerd hett.«

Carl nahm die schwere Lederschürze, die er gerade erst aufgehängt hatte, vom Haken, band sie sich wortlos um und ging zum Pferd hinüber, einem Rheinisch-Deutschem Kaltblut, das ihm mit seinen großen dunklen Augen treu und ergeben entgegensah. Mit seinem ausdrucksvollen Gesicht, seiner langen, schwarzen Doppelmähne und seinen kräftigen Beinen war es ein typischer Vertreter seiner Rasse. Wegen ihres guten Charakters und ihrer Anspruchslosigkeit war sie so beliebt, dass ihr fast jedes dritte Pferd im Dorf angehörte: alles ausgesprochen gutmütige und willige Arbeitspferde.

Carl tätschelte dem Pferd den Hals und strich ihm anschließend zur Beruhigung mit der Hand über den Rücken und die Hinterbacken. Dann nahm er den rechten Hinterlauf auf, legte ihn auf seinem Knie ab und musterte den Huf. Er sah nicht gut aus: Das Horn der Sohle war weich, der Strahl am Ende des Hufes entzündet. Wahrscheinlich war das Pferd auf einen spitzen Gegenstand getreten und hatte sich verletzt. Carl setzte das Bein ab und besah sich die anderen Hufe. Sie sahen nicht viel besser aus. Hat wohl tagelang im eigenen Mist gestanden, ging es ihm durch den Kopf. Seiner Meinung nach war zu wenig ausgemistet worden. Auch wenn Stroh knapp war, die mageren Böden nicht viel abwarfen und die Bauern sogar Reisig und Heidekraut als Spreu benutzten, konnte er nicht begreifen, wie man die Tiere derart vernachlässigen konnte.

Dem Bauern sagte er nichts davon. Er war lange Zeit fort gewesen und hatte die Schmiede erst vor kurzem aufgemacht. Bis er sie von seinem Können überzeugt haben würde, konnte es Jahre dauern. Hier brauchte alles seine Zeit, wuchs langsam und zögerlich - da konnte er sich noch so sehr bemühen. Die Menschen waren bodenständige Leute, beseelt vom Bedürfnis nach Ruhe und Beständigkeit. Sie hingen an althergebrachten Gepflogenheiten und hielten an ihren überlieferten Einstellungen fest; Veränderungen und Neuerungen standen sie misstrauisch und abwartend gegenüber. An dieser rückwärts orientierten Haltung ließ sich nichts ändern. Kein Wunder, dass sie sich ihm gegenüber abwartend und skeptisch verhielten. Er musste sich zufriedengeben, dass wenigstens die Bauern der um seine Werkstatt herum verstreut liegenden Höfe zu ihm kamen, um sich den Weg zu den anderen Schmieden im Dorf zu ersparen.

Carl schob den Unmut, den er bei diesen Gedanken verspürte, beiseite und machte dem Bauern klar, dass er die Hufe behandeln und neu beschlagen müsse. Der machte ein bedenkliches Gesicht:

»Is dat neudig?«

»Is neudig«, gab ihm Carl zu verstehen.

»Dat Peerd mutt dröög stohn, ohn nee Iesen word dat nix.«

Als der Bauer missmutig einwilligte, wies Carl ihn an, das Pferd mit dem Halfter an einem Eisenring an der Wand festzumachen. Währenddessen suchte er sich das notwendige Werkzeug zusammen. Nachdem der Bauer die Hinterhand des Pferdes aufgenommen hatte, nahm er den hölzernen Klopfschlegel und die Nietklinge zur Hand, richtete die Spitzen der Hufnägel in der Hornwand auf, umfasste mit der Abnehmzange die Schenkel des Hufeisens, hebelte sie an, bis er die Nagelköpfe mit der Zange fassen konnte, zog sie bis auf die Zehennägel heraus und nahm mit einer letzten starken Hebelbewegung das Hufeisen vollends samt Zehennägeln vom Huf ab.

Im Grunde konnte er den Leuten gar nicht übelnehmen, dass sie sich ihm gegenüber zurückhaltend verhielten. Es hatte sich im Dorf herumgesprochen, dass er nur auf Drängen seines Vaters zurückgekehrt war. Seine Lehr- und Wanderjahre hatten ihn über Mecklenburg und Holstein bis nach Hamburg gebracht. Die Hafenstadt war ihm am geeignetsten erschienen, um beruflich voranzukommen. Die Betriebsamkeit des Stadtlebens hatte ihn angezogen und bewogen, dort mehrere Jahre zu bleiben, obwohl in der Innung merkwürdige Gepflogenheiten herrschten: Wiederholt war ihm eine Stelle zugewiesen worden, auf der er nur am Schraubstock arbeiten durfte. Aber mit Feilen und Bohren kannte er sich hinreichend aus, da konnte er nichts mehr lernen. Er wollte ans Feuer, wo man glühendes Eisen mit dem Hammer auf dem Amboss zu formen lernte; oder glühende Teile miteinander zu verschweißen und durch wiederholtes Schmieden, Erhitzen zu veredeln und zu härten - eine Kunst, die, wie er gehört hatte, ursprünglich den Göttern vorbehalten war, bis Prometheus ihnen das Feuer gestohlen und den Menschen gegeben hatte, die hinfort in der Lage waren, nicht nur Pflugscharen, sondern auch Schwerter zu schmieden ...

Als er dem zuständigen Meister zu verstehen gab, dass er ans Feuer wolle, wurde er aber mit der Bemerkung abgewiesen, Schmiedearbeiten seien den Schirrmeistern vorbehalten. Dafür sei er nicht groß genug. Mindestmaß sei 1,70 Meter; er bringe es aber nur auf 1,69 Meter. Er glaubte, nicht recht gehört zu haben:

»Um düssen een Zentimeter dröff ick nich an’t Füer?«

»So is dat!«, hatte ihm der Meister Antwort gegeben. »Ick heb mek wull klor noog utdrögt!«

Das konnte Carl nicht nachvollziehen. Voller Zorn kündigte er und versuchte auf eigene Faust eine Stelle zu finden. Aber da stand sein Name bei der Innung schon auf der schwarzen Liste. Wo auch immer er anklopfte, wurde er abgewiesen.

So machte er aus der Not eine Tugend und besuchte in Hamburg die Pflugschmiede- und Wagenbauschule, nebenbei arbeitete er bei Blohm & Voss, um Geld zu verdienen; eine triste Angelegenheit, der er überhaupt nichts abgewinnen konnte, obwohl er dabei war, als eines der neueren Schlachtschiffe der kaiserlichen Seestreitkräfte mit großem Brimborium vom Stapel lief.

Seine kaiserliche Majestät Wilhelm II. und Großadmiral von Tirpitz waren mit extra großem Gefolge angereist, um der Welt die geschichtsträchtige Bedeutung des Vorgangs vor Augen zu führen: »Bitter not ist uns eine starke Flotte«, ließ Wilhelm II. in seiner Taufrede verlauten; galt es doch, mit der Eroberung »deutscher Schutzgebiete in Übersee« dem Deutschen Reich einen »Platz an der Sonne im Weltgeschehen« zu sichern. Dem Ersten Bürgermeister der Freien Hansestadt, Mönkediek, war es gnädigst überlassen worden, das Schiff auf den Namen »Kaiser Karl der Große« zu taufen und die Sektflasche am eisernen Rumpf des Schiffes bersten zu lassen; worauf sich der stählerne Koloss in Bewegung gesetzt hatte und unter dem Jubel der Menschenmassen ins Hafenwasser geglitten war.

Mit dem Ausbau der Flotte ging nicht nur in Hamburg, sondern im ganzen Reich eine Welle der Begeisterung für die Seefahrt einher. Allerorten wurden Flottenvereine gegründet, um die deutsche Marine zu fördern, Vereine, die bald Millionen Mitglieder zählten. Wer auf sich hielt und es sich leisten konnte, ließ sich weiße oder blaue Anzüge und Kleider im Marine-Look schneidern; die Männer trugen dazu die Prinz-Heinrich-Mütze; die Kinder - einschließlich der Mädchen - wurden hingegen in Matrosenanzüge und -kleider gesteckt, dazu bekamen sie entsprechende Mützen mit blauen Bändern auf den Kopf.

Carls Interesse an der Arbeit war dadurch nicht gewachsen. Diese bestand weiterhin nur darin, stählerne Planken zusammenzuschrauben und Eisenplatten festzunieten. Jeden Tag das Gleiche - im Unterschied zur Abendschule. Da war kein Tag wie der andere, es gab immer etwas Neues zu lernen und auszuprobieren. Er erwarb Kenntnisse und Fertigkeiten, von denen er zuvor nie etwas gehört hatte. Erfreut stellte er fest, dass ihm das Anlegen technischer Zeichnungen leichter von der Hand ging als befürchtet, war er doch gewohnt, anstelle von Schreibfedern schwere Schmiedehämmer zu schwingen. Mit wachsender Freude fertigte er Skizzen und Entwürfe mit Einsetz- und Ziehfeder in Tinte an, die er danach kolorierte: die Teile aus Eisen mit blauer Farbe, die aus Gusseisen mit grauer und die Teile aus Holz mit heller Farbe. Letztere versah er zur Überraschung seiner Lehrer sogar mit einer dunklen Maserung. Wenn er damit fertig war, konnte man auf einen Blick die einzelnen Bauteile samt Materialien erkennen und gut auseinanderhalten - sowohl im Schnitt als auch in der Ansicht. Nachdem er sie abschließend in deutscher Kurrent beschriftet hatte - wozu er Breit- und Bandzugfedern benutzte -, hätte man meinen können, es handele sich um farbige Stiche oder Radierungen.

Als Carl jetzt mit dem Hufmesser das lose Horn aus der Sohle des Hufes entfernte, sah er, dass der Tragrand noch in Ordnung war. Ein Probeschnitt zeigte ihm, wie viel altes Horn entfernt werden musste, damit das Eisen fest aufliegen würde. Da es fast eine Daumbreite war, nahm er sie mit der Hauklinge ab, die er mit kräftigen Schlägen rund um die Sohle des Hufes trieb. Dann schnitt er die Sohle aus, entfernte die schmierigen Teile bis auf das gesunde Horn und erweiterte die Furchen des Strahls mit dem Messer, das er vorsichtig mit dem Daumen an der Klinge führte, um ein Abrutschen zu vermeiden, denn der Strahl war die Seele des Hufes, der nicht nur für die Gesundheit des Hufes, sondern auch für den Gang des Pferdes maßgeblich war.

Als er daran dachte, dass er damals in Hamburg trotz der schwarzen Liste der Innung eine neue Stelle bekommen hatte, musste er unwillkürlich schmunzeln. Nach Abschluss der Schule war ihm ein Schmiedemeister über den Weg gelaufen, den er von früher her kannte. Als der von seinem Zerwürfnis mit der Innung hörte, meinte er:

»Loot mi man moken.«

Und tatsächlich: Ein paar Tage später erhielt Carl von ihm die Nachricht, dass er bei ihm anfangen könne. Er habe den Innungsmeister mit dem Hinweis überrumpelt, dass der Geselle, den er meine, nicht auf der Liste stehe. Sein Geselle hieße Mensing und nicht Menking wie auf der Liste, und damit habe der Innungsmeister sich zufriedengegeben. Und wie es der Zufall wollte, musste in der neuen Werkstatt gerade ein Geschäftswagen mit einer neuen Blattfederung versehen werden. Die Blätter waren vorhanden, nur nicht die Federschuhe, deren Anfertigung sich der Obermeister vornehmen wollte. Da der nicht zu Potte kam und die Zeit drängte, bot Carl sich an, die Federschuhe fertigzustellen. Der Meister staunte, als er ihm den ersten Federschuh präsentierte. Seine Befähigung zum Schirrmeister wurde nie mehr in Frage gestellt - trotz seiner 1,69 Meter.

Bevor Carl daranging, die anderen Hufeisen des Pferdes abzunehmen, behandelte er die erkrankten Stellen des Hufes mit einer Tinktur. Als der Bauer wissen wollte, was das für ein Zeug sei, hielt Carl sie ihm unter die Nase. Als dieser darauf sein Gesicht verzog, fügte er erklärend hinzu, es sei eine Mischung aus Jod, Äther und ein paar anderen Sachen.

»Dat nimmt de Entzündung weg, helt un mokt dat weer beter.«

»Un woher willst du dat weten?«

»Van’n Veehdokter bi’t Militär.«

»Un wat hest du mit hüm to kriegen?«

»Ick mut mit tofaten bi’t behanneln van sückse

Peer. Do heb ick dat mitkregen.«

Carl glitt ein Lächeln übers Gesicht, als er daran zurückdachte. Irgendwie musste der Veterinärarzt einen Narren an ihm gefressen haben. Erst war er ihm als guter Reiter, dann wegen seines Umgangs mit den Pferden aufgefallen; und wenig später zog er ihn bei der Behandlung erkrankter Pferde hinzu. Seither kannte er sich ganz gut mit Pferdekrankheiten aus und wusste, welche Säfte, Pulver und Tinkturen man zur Heilung anwenden konnte. Da konnte ihm so schnell keiner mehr etwas vormachen. Auch sonst hatte ihn der Veterinär auf alle mögliche Weise gefördert. Als der Rittmeister einmal mitbekam, dass er die Pferde seines Zuges beschlug, obwohl ihm das dienstgradmäßig nicht zustand, drohte ihm ziemlicher Ärger. Da sorgte der Arzt dafür, dass er zur Hufbeschlagschule kam, den Meister machen konnte und anschließend auch noch zum Fahnenschmied befördert wurde. Heute wusste Carl, dass es ein Fehler gewesen war, von dort fortzugehen.

Beflügelt von der Erinnerung, suchte er unter den Rohlingen nach passenden Hufeisen. Er entschied sich für Eisen mit Stollen, die die Hufe des Tieres am besten schonen würden. Er ging zur Esse hinüber, trat mit dem Fuß den Blasebalg und entfachte die Glut der Feuerstelle. Dann bettete er ein Eisen ins Feuer, löschte dessen Oberfläche mit dem Löschwisch ab, um das Unterfeuer zu stärken, und als die Eisen, die er vorsorglich schon mit Zehenkappe, Nagelpfalz und Nagellöchern versehen hatte, rotweiß zu glühen begannen, packte er sie mit der Zange und brachte sie auf dem Amboss in die richtige Form.

Nach dem Ausschmieden der Eisen erhitzte er sie erneut. Bevor er die Eisen aufnageln konnte, musste er einen Abdruck von ihnen nehmen und prüfen, ob sie genau auf den Huf passten. Als das Erste eine bräunliche Färbung annahm, rief er dem Bauern zu, er solle den Huf des Tieres aufnehmen. Er packte das heiße Eisen von oben mit dem Zirkel in den Nagellöchern und presste es auf den Huf. Dichter gelblicher Rauch stieg auf und umhüllte sie mit dem beißenden Geruch verbrannten Horns. Als Carl das Eisen nach einigen Sekunden abnahm, sah er, dass die Nagelleiste bis auf eine kleine Abweichung mit der weißen Nagellinie des Hufes übereinstimmte. Ein paar Hammerschläge genügten, um das Eisen vollends anzupassen.

So weit Horn über den Abdruck des Eisens hinausragte, rieb er den Überstand mit der Hufraspel ab, um ein Absplittern und Ausbrechen des Horns nach dem Aufbringen des Eisens zu verhindern. Danach begann er mit dem Aufschlagen der Eisen. Zuerst kam der Zehennagel dran, abwechselnd folgten die Nägel auf beiden Seiten. Zum Umbiegen der Nägel setzte er den Huf des Pferdes auf den dreibeinigen Beschlagbock. Die Nägel traten nach wenigen geübten Schlägen aus der Hornwand heraus, wurden mit dem Beschlaghammer an der Hornwand angelegt, umgebogen und mit der Beschlagzange in gleichen Abständen dicht am Horn abgezwickt. Mit dem Unterhauer arbeitete er das Nietbett senkrecht zum Hufeisenrand heraus, zog die Nägel mit Hilfe der Zange und erneutem Zuschlagen an und versenkte dann die Nagelenden mit leichten Hammerschlägen endgültig in ihrem Bett, sodass sie sich nicht lockern konnten.

Es fing an zu dämmern, als Carl mit dem Beschlagen fertig war. Er verabschiedete den Bauern, zog die Tür der Schmiede zu und begab sich ins Wohnhaus hinüber, wo seine Mutter mit dem Abendessen auf ihn wartete.

Als er die Küche betrat, stand seine Mutter am Herd. Sie hantierte umständlich mit der Bratpfanne und den Töpfen über der Feuerstelle. Nach ihrem Unfall war ihr nur noch ein Arm geblieben, mit dem sie nur wenig ausrichten konnte. Selbst mit einfachen Verrichtungen tat sie sich schwer. Viele Dinge konnte sie gar nicht mehr allein bewältigen und war auf Hilfe angewiesen. Für schwere körperliche Arbeiten kam sie ohnehin nicht infrage. Im Vergleich mit vielen Frauen im Dorf war sie von geradezu schmächtiger Gestalt. Als gelernte Schneiderin hatte sie die meiste Zeit an der Nähmaschine gesessen. Die Leute aus der Umgebung hatten ihr Sachen zum Flicken und Ändern gebracht. Manche hatten sich von ihr auch Kleidung nach Maß anfertigen lassen. Sie hatte mit ihrer Schneiderei gehörig zum Unterhalt der Familie beigetragen. Seit sie das nicht mehr konnte, hatte sie sich mehr und mehr zurückgezogen. Das Gefühl, den anderen zur Last zu fallen, hatte ihr allen Lebensmut genommen. Oft saß sie nur noch still und in sich gekehrt am Fenster - und schaute hinaus.

Carl ging zu ihr hinüber und ließ seine Augen über die Töpfe gleiten.

»Na Moder, wat givt to äten van abend?«

»Wat schall’t gäben: Blootwurst, Kartuffels un Appelkompott«, meinte sie verzagt, »wat anners kreeg ick nich mehr henn.«

Carl warf ein Blick auf die Pfanne, in der die Wurst vor sich hin dampfte. Dann nahm er den Kessel mit heißem Wasser und ging hinüber in die Waschküche. Er stellte eine weiße Emailleschüssel in den steinernen Ausguss neben der Pumpe, goss das heiße Wasser hinein, füllte mit einer knappen Bewegung des Pumpenarms kaltes Wasser hinzu und begann sich mit Kernseife die Hände zu waschen. Trotz Wurzelbürste und Scheuersand, die er zu Hilfe nahm, musste er tüchtig schrubben, um die Hände einigermaßen sauber zu kriegen: Zu tief hatte sich der Schmutz in die rissige Hornhaut gefressen, die sich im Laufe der Jahre durch den Umgang mit Eisen und Kohle gebildet hatte. Nachdem er es einigermaßen geschafft hatte, goss er das schmutzige Wasser in den Ausguss, nahm ein Handtuch vom Haken, trocknete sich die Hände und begab sich in die Küche, wo seine Mutter inzwischen den Tisch gedeckt hatte und zu ihm meinte:

»Segg Voder, gifft Äten.«

Sein Vater war in der Stube. Er war damit beschäftigt, die Fäden von Webkämmen mit Schellack zu bestreichen, um sie fest und widerstandsfähig zu machen. Er war der Einzige weit und breit, der sich mit der Fertigung von Kämmen für Webstühle auskannte. Er stellte sie vornehmlich im Winter her, wenn er keine Arbeit als Maurer fand. Die Nachfrage war groß genug, um auf diese Weise den Lohnausfall während der kalten Jahreszeit ein wenig auszugleichen. Die Fertigkeit zum Herstellen der Webkämme, für die er dünn geschnittene Streifen aus Schilfrohr benutzte, hatte er in der Altmark erworben, wo er geboren und aufgewachsen war. Als junger Mann war er dort fortgegangen, weil er mit seiner Stiefmutter nicht zurechtkam, und auf der Suche nach Arbeit im Hannoverschen gelandet. Er hatte hier im Dorf eine Stelle als Handlanger, später als Maurer gefunden. So war er geblieben und hatte seine Frau gefunden.

Seine Herkunft aus Preußen war aber an ihm und seinem Sohn hängen geblieben. Carl konnte sich manchmal des Gedankens nicht erwehren, dass man ihn auch deshalb geschäftlich links liegen ließ. Die Bewohner der Region waren Welfen, Anhänger des hannoverschen Königshauses. Die hatten mit Preußen nicht viel am Hut. Besonders nicht, nachdem ihr Königreich von Preußen annektiert und ihr König außer Landes gejagt worden war. Dabei hatten die hannoverschen Truppen die Preußen bei Langensalza doch schon besiegt! Sie hatten nur kapituliert, weil sie den zahlenmäßig überlegenen Preußen nach der Schlacht nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Das wurmte sie immer noch, obgleich das gut dreißig Jahre her war - wie Carls Geburt. Aber tiefgründig, wie sie waren, trauerten sie immer noch ihrem König hinterher und wollten ihn wiederhaben. Klein beigeben und vergessen gab es für sie nicht. Ihre Vorfahren hatten sich schließlich viele Jahrhunderte gegen feindliche Übergriffe aus dem Osten zu wehren gewusst.

Als Carl die Tür zur Stube öffnete, kam ihm der Duft des frischen Schellacks entgegen.

»Givt Äten!«, rief Carl seinem Vater zu.

»Gliek, mot eben noch dissen Kamm anstrieken«, entgegnete der, ohne aufzublicken.

Carl schloss die Tür, begab sich wieder in die Küche, setzte sich an den Tisch und begann die heißen Kartoffeln zu pellen, die seine Mutter in einer Schüssel auf den Tisch gestellt hatte. Als er meinte, genug zu haben, stand er auf, holte die Pfanne mit der Wurst und platzierte sie mitten auf den Tisch. Seine Mutter und er wollten sich eben Wurst auftun und zu essen anfangen, als sein Vater erschien. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich hinter dem Tisch aufs Sofa, nahm sich Kartoffeln und eine gehörige Portion Wurst. Sie aßen schweigend.

Carls Mutter hatte gerade die kleinen Glasteller und die Glasschüssel mit dem übrig gebliebenen Apfelkompott beiseitegestellt, als Carls Vater sich unvermittelt an seinen Sohn wandte: »Wat ist nu mit Anna?«

Carl runzelte die Stirn. Anna war die jüngste Schwester seines Freundes Albert. Er hatte sie lange nicht gesehen und als unscheinbares Mädchen in Erinnerung.

»Is to jung«, erwiderte Carl kopfschüttelnd, ohne aufzublicken.

»To jung?«, ereiferte sich Carls Vater. »De is bold twinnig. De Deern kummt van’n Hoff, is düchtig und kann topacken. Sühst doch ok, dat dat mit din Moder so nich wiedergeiht.«

»Dat seeg ick sülvst!«, erregte sich Carl.

Er hatte es satt, von seinem Vater ständig bedrängt zu werden, endlich zu heiraten, anstatt dass ein Dienstmädchen ins Haus geholt wurde. Aber das lehnte sein Vater ab, dafür hätten sie kein Geld. Carls Mutter versuchte die Streithähne zu beruhigen:

»Nu dräng hüm nich so! He weet ja nich mol, off se tosamenpasst un sük lieden mögt.«

»Papperlapapp!«, fiel ihr Carls Vater ins Wort. »Dat finnt sik, wenn dat so wied is!«

Carl stand auf und ging hinaus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Er zog den Kautabak aus der Hose, den er seit der Arbeit auf der Werft immer bei sich trug, schnitt sich mit dem Taschenmesser ein Stück ab, steckte es in den Mund und kaute verärgert darauf herum. Er konnte das Gerede seines Vaters nicht mehr ertragen, obwohl er wusste, dass die Situation seiner Mutter jemanden im Haus erforderte, der sich um sie kümmern und den Haushalt besorgen müsste. Trotzdem wurmte ihn, dass ihm sein Vater damit unaufhörlich in den Ohren lag und Vorwürfe machte.

Hätte er sich in der Kreisstadt niedergelassen, anstatt auf seinen Vater zu hören, wäre ihm der ganze Ärger erspart geblieben. Dann würde er genug verdienen und für seine Mutter sorgen können. Nach der Meisterprüfung war ihm seine alte Lehrwerkstatt angeboten worden. Die hätte er gern übernommen, allein schon wegen des Altgesellen, den er noch aus seiner Lehrzeit kannte: ein übellauniger und missgünstiger Mensch, der die schreckliche Angewohnheit hatte, Lehrlinge zu piesacken, wenn ihm danach zu Mute war. Und da Carl besser im Rechnen war, was er überhaupt nicht ertragen konnte, war er den Attacken des Altgesellen besonders heftig ausgesetzt gewesen. Dessen Gesicht hätte er sehen mögen, wenn er ihm als neuer Meister vorgestellt worden wäre …

Seine Lehrzeit war schwer zu ertragen gewesen. Die Missgunst des Altgesellen ging so weit, dass er Carl bei jeder Gelegenheit heftig in den Nacken kniff, sodass sich die Stelle entzündete und zu bluten anfing. Wenn er sonntags zuhause war, hatte seine Mutter alle Hände voll zu tun, die Wunde zu versorgen. Aber kaum war sie verheilt und der Verband abgelegt, ging die Schinderei von vorne los. Carls Mutter drang dann jedes Mal auf Carls Vater ein, sich beim Meister zu beschweren; aber aus Angst, der Junge könnte die Stelle verlieren, wenn er deswegen beim Meister vorstellig würde, weigerte sich der Vater mit dem Hinweis:

»Do mut he dör. Wo schall sonst een rechten Kerl ut hüm wurn? He is lang genoch von di betüdelt wurden.«

Erst als Carls Mutter daraufhin den Arzt bestellte, machte er sich wegen der bevorstehenden Kosten auf und beschwerte sich beim Meister. Der stellte den Gesellen in Anwesenheit von Carls Vater zur Rede und trug ihm auf, derlei Schikane künftig zu unterlassen. Einfacher wurde es dadurch nicht für Carl. So oft es ging, schob ihm der Geselle die unangenehmsten Arbeiten zu.

Aus der Übernahme der Schmiede seines Lehrmeisters war jedenfalls nichts geworden: Carl hatte das Geld dafür gefehlt. Was er sich mühsam zusammengespart hatte, war für die Meisterprüfung draufgegangen. Als er sich deswegen an seinen Vater wandte, wies der ihn mit barschen Worten ab: Es sei an der Zeit nach Hause zu kommen. Er habe sich lange genug in der Weltgeschichte herumgetrieben. Er solle endlich den Pflichten gegenüber seinen Eltern nachkommen. Obwohl Carl vor Ärger kaum an sich halten konnte, versuchte er trotzdem, seinen Vater umzustimmen. Er wisse um seine Pflichten und werde ihnen auch nachkommen. Die Kreisstadt sei schließlich nicht aus der Welt. Dort würde er genügend Geld verdienen, was zuhause kaum möglich sei. Hier gebe es doch bereits drei Schmieden und davon seien zwei schon zu viel.

Sein Vater aber hatte sich nicht umstimmen lassen, wurde stattdessen immer bestimmter: Carl wisse, wo er hingehöre. Wenn er sich selbstständig machen wolle, dann zuhause und nirgends sonst. An einer Werkstatt solle es nicht scheitern. Die würde er ihm bauen, mit einer Vorhalle zum Beschlagen. Das hätte die anderen Schmieden nicht zu bieten. Die Bauern würden zu schätzen wissen, dass sie beim Beschlagen der Pferde ein Dach überm Kopf hätten, wenn es zu regnen anfinge.

Als Carl bezweifelte, dass sich die Bauern davon beeindrucken ließen, fiel ihm sein Vater ins Wort: Er dulde keine Widerworte! Er habe seinen Eltern zu gehorchen! Andernfalls würde er ihn enterben. Da hatte auch Carl nicht an sich halten können und seinem Vater zornig zu verstehen gegeben, er lasse sich nicht erpressen, er würde auch ohne seinen Vater zurechtkommen, und war gegangen.

Aber dann war wenige Wochen später seine Mutter die Treppe hinuntergestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. So kompliziert, dass die Knochen nicht richtig zusammenwuchsen und der Arm erneut gebrochen werden musste. Als sei das Unglück nicht schon groß genug gewesen, wollte die Wunde nicht heilen, hatte sich schließlich auch noch entzündet, so dass der Arm abgenommen werden musste. Da war Carl keine andere Wahl geblieben, als dem Willen seines Vaters zu entsprechen und nach Hause zu kommen.

Carl spuckte den Saft des Kautabaks im hohen Bogen Richtung Misthaufen. Er hatte die Auseinandersetzungen satt. Vielleicht sollte er demnächst doch mal mit Albert über Anna reden.

Ein paar Tage später fand er seinen Freund im Pferdestall der Mühle, wo Albert als Gespannführer tätig war. Er war gerade dabei, die Brabanter Zugpferde seines Gespanns mit Futter zu versorgen, schwere Arbeitspferde aus Belgien mit mächtigen Hälsen, ausgesprochen breiten Rücken, kurzen, muskulösen Beinen und Haarbüscheln über den breiten Hufen, die so flach waren, dass sie beinahe unter den Haaren verschwanden. Die Pferde erhielten gehäckseltes Stroh zum Fressen, das Albert mit Haferschrot vermischte und mit Wasser anfeuchtete; dazu bekamen sie Runkelrüben und trockenes Brot, über die sich die ebenso ruhigen wie sanftmütigen Tiere als Erstes hermachten.

Als die Pferde versorgt waren, setzte sich Albert zu Carl auf die Futterkrippe, holte Tabak und Pfeife aus der Hosentasche, steckte sie an und fragte nach ein paar Zügen, was Carl nach getaner Arbeit zu ihm führe. Der druckste erst ein wenig herum, dann erzählte er ihm, wie es seiner Mutter gehe und dass sein Vater ihm ständig in den Ohren liege, endlich zu heiraten, damit eine Frau ins Haus komme, und dass dieser beim Abendbrot gemeint habe, dass Alberts Schwester im richtigen Alter sei, um zu heiraten.

»Wenn he recht hett, hett he recht«, meinte Albert.

Er fühlte sich nach dem Tod seiner Eltern für die jüngere Schwester verantwortlich und hätte sie gern in festen Händen gesehen.

»Ick weet nich so recht … Heb hör lang Tiet nich sehn«, entgegnete Carl.

Albert stand auf, ging zu seiner ledernen Kutscherjoppe an der Stalltür, zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr ein Bild und hielt es Carl hin. Auf dem Foto war eine junge Frau zu sehen. Sie trug einen kleinen Strohhut auf ihren dunklen, hochgesteckten Haaren, die die hohe Stirn ihres länglichen Gesichts freiließen. Die blauen Augen unter den geschwungenen Augenbrauen schauten etwas versonnen drein. Eine große, steil aufragende Nase verlieh ihrem Gesicht aber - zusammen mit den fest geschlossenen Lippen und einem ausgeprägten Kinn - eine klare Kontur. Sie war schlank, aber nicht hager, sondern hatte - so weit dies ihr hochgeschlossenes, dunkles Kleid erkennen ließ - einen hübschen Busen und eine schmale Taille.

Das Bild habe sie von sich machen lassen, als sie nach einer Operation in Hamburg in Stellung gewesen sei, fügte Albert erklärend hinzu. Der Arzt habe ihr gesagt, sie müsse sich schonen, und brachte sie bei einer alleinstehenden Adligen unter, die ihren Lebensunterhalt als Schneiderin verdiente. Dort musste sie nur den kleinen Haushalt versorgen, was körperlich nicht anstrengend gewesen sei. Außerdem habe sie dort Nähen gelernt. Da könnte sie seiner Mutter gut zur Hand gehen. Jetzt sei sie auf der Mühle in Bernau angestellt.

»Mokt wat her«, meinte Carl, warf seinem Freund aber zugleich einen skeptischen Blick zu.

»Is nich eenfach bi uns. Is nich bloß dat Hus …, is ok dat Veeh …, un de Goorn …, un de Acker … un min Moder.«

»Wat glövst du woll, wat se bi uns op’n Hoff allens to maken hebbt hat van lütt an«, entgegnete Albert. Als ihn Carl immer noch zweifelnd ansah, fügte er hinzu:

»Överlegg di dat. Se sücht zwoor nich ut as’n Burnsfro, en de beter is givt ober nich. Se is düchtig und kann topacken.«

»He will mi heiraden?« Anna schaute ihren Bruder verwundert an.

»De ha mi doch noch nie nich wohrnommen. Un blood wiel nu een Fro nödig is, wull he mi hebben?«

»Ne, so is dat ok weer nich«, entgegnete Albert.

Er zog das Foto, das er Carl gezeigt hatte, aus der Tasche und hielt es ihr beschwichtigend hin.

»Carl meent, dat du wat hermookst; sonst ha he bestimmt all een annere nohmen.«

Um sie vollends zu besänftigen, gab er zu bedenken, dass Carl nicht jede nehme, dafür sei er zu wählerisch und zu ehrgeizig. Der suche eine Frau, mit der er etwas erreichen könne. Eigentlich habe er eine Werkstatt in der Kreisstadt übernehmen wollen. Er sei nur in Seedorf gelandet, weil ihn sein Vater erpresst und mit Enterbung gedroht habe. Auf immer und ewig würde er nicht dort bleiben, sondern sobald wie möglich eine Werkstatt übernehmen, wo er richtig Geld verdienen könne. Sie solle sich das überlegen: Einen wie ihn finde sie so schnell nicht wieder.

Anna schwieg eine Weile. Natürlich hatte sie vorgehabt, irgendwann zu heiraten, aber nicht so schnell. In ihrer jetzigen Stellung wurde sie wie eine Haustochter behandelt - nicht wie ein Dienstmädchen oder eine Magd. Hier bekam sie so viel Geld, dass sie sich etwas für später zurücklegen konnte. Von zuhause konnte sie nichts mehr erwarten. Nach dem Tod ihres Vaters war der Hof völlig heruntergewirtschaftet worden. Sie konnte immer noch nicht begreifen, wie sich ihre Mutter auf diesen Taugenichts von Mann hatte einlassen können.

Als hätte Albert ihre Gedanken erraten, gab er ihr zu bedenken, dass sie sich über eine Mitgift keine Gedanken mache müsse. Carl wisse, dass bei ihnen nichts mehr zu holen sei.

Anna schaute ihren Bruder nachdenklich an.

»Wu olt is he egentlich?«, fragte sie unvermittelt.

Carl hatte ihr immer schon gefallen, wenn sie ihn gesehen hatte. Er war zwar nicht besonders groß, aber auch nicht gedrungen wie andere Männer, mit ihren fetten Hälsen und rundlichen Gesichtern. Dagegen war Carl - kräftig wie er war - von stattlicher Gestalt. Er hatte einen kantigen Kopf mit einem ausgeprägten Kinn. Die dichten, schwarzen Haare betonten das Graublau seiner Augen. Am meisten aber bewunderte sie seine Nase. Sie saß wohlgeformt und gerade in seinem Gesicht, das genaue Gegenteil ihrer eigenen, viel zu großen und unansehnlichen Adlernase, wie sie sie zu bezeichnen pflegte. So, wie er aussah, konnte sie sich schon vorstellen, mit ihm verheiratet zu sein.

Nachdem sie vernommen hatte, dass er nur neun Jahre älter als sie war, fragte sie nebenbei, als gebe es wichtigere Dinge auf der Welt:

»Un wu schall dat nu wiedergahn?«

Albert schaute auf die Uhr, stieg auf den Wagen und griff nach den Zügeln seines Gespanns, mit dem er Getreide angeliefert hatte.

»Ji schöllt jo draapen. In Seedorf is bold Veehun Kroommaarkt. Dat wär doch wat.«

»Ick moot kieken, ob ick freekriegen do«, gab Anna ihm mit auf den Weg. Dann ging sie ins Haus.

Die Dampflok des Zuges, mit dem Anna ihre Ankunft beim Vieh- und Krammarkt angekündigt hatte, kam zwei Wochen später zischend und stampfend auf dem Bahnhof in Seedorf zum Stehen. Es dauerte eine Weile, bis Carl und Albrecht sie unter den zahlreichen Passagieren, die den Zug mit allerlei Körben, Kiepen und Rucksäcken verließen, entdeckten. Carl nahm erfreut wahr, dass sie tatsächlich so gut aussah wie auf dem Foto, das Albert ihm gezeigt hatte. Sie trug einem langen, schwarzen Rock mit einem hohen, eng geschnürten Bund. Er betonte ihre schmale Taille ebenso wie ihren Busen unter einer weißen Bluse mit weiten Ärmeln und langen, anliegenden Manschetten. Sie zog etliche Blicke auf sich, wozu ein kleiner Sonnenschirm beitrug, den sie in Hamburg von ihrer Dienstherrin geschenkt bekommen hatte und nun recht wagemutig - wie sie empfand - über ihrem Kopf hin und her schwenkte. Doch die Blicke der Leute bemerkte sie gar nicht, ihr Augenmerk war ganz auf Carl gerichtet. Mit dem Schnauzbart, den er nach der neusten Mode auf der Oberlippe trug, dem hohen, weißen Hemdkragen, der bis an sein Kinn aufragte, und dem gutsitzenden Anzug mit Weste sah er nicht wie ein einfacher Schmiedemeister vom Lande aus, sondern wie ein Stadtmensch aus Hamburg oder Lüneburg.

Nachdem Albrecht seine Schwester begrüßt hatte, gaben sich Anna und Carl verlegen die Hände, wobei Carl einen Diener machte und Anna vor Aufregung einen Knicks. Da sie nicht recht wussten, was sie sagen sollten, ergriff Albert kurzerhand Annas Reisekorb und meinte, dann könnten sie ja losmarschieren, worauf sie sich erleichtert der Menschentraube anschlossen, die der Ortsmitte entgegenströmte.

Kaum dass sie in die Hauptstraße eingebogen waren, herrschte ein geschäftiges Durcheinander um sie herum, das sich - vorbei an Kirche und Marktplatz - bis zur Mühle hinzog. Wo immer es möglich war, hatten Händler rechts und links der Straße Stände aufgebaut, an denen sich Besucher in beiden Richtungen entlangschoben und dabei begutachteten, was von den Töpfen, Pfannen und Wasserkesseln, Besen, Handfegern, Bürsten und übrigen Haushaltswaren, die feilgeboten wurden, seinen Preis wert war. Hin und wieder blieben einzelne Besucher stehen und nahmen bestimmte Dinge in die Hände, um deren Güte zu überprüfen; handgewebte Leinentücher etwa, die ebenso wie die handgewobenen schafswollenen Läufer und Teppiche aus der Gegend stammten. Andere Besucher schauten den Scherenschleifern beim Schärfen stumpfer Messer und Scheren zu. Wieder andere blieben auf dem Marktplatz bei den Gattern und Käfigen der Bauern und Viehhändler hängen, wo es beim Handeln recht lautstark zuging, wenn eines der Tiere einen interessierten Käufer fand. Sobald man sich nach einigem Hin und Her endlich auf einen Preis geeinigt und den Handel per Handschlag vollzogen hatte, brach ein wildes Gackern, Schnattern, Blöken und Quieken aus, wenn das betroffene Handelsobjekt gepackt und zum Abtransport in einen Jutesack gesteckt oder mit einem Strick um den Hals davongeführt wurde, je nachdem, ob gerade ein Huhn, eine Ente oder eine Gans, ein Ferkel oder ein Schwein, ein Kalb oder eine Kuh, ein Fohlen oder ein Pferd einen neuen Besitzer gefunden hatte.

Das Gedränge war so groß, dass die beiden Männer mit Anna nur langsam vorankamen. Hin und wieder versperrten ihnen Menschentrauben den Weg, die dicht gedrängt vor den Buden verweilten, die Wurst, Backwaren und Getränke zum Verzehr anboten. Wer eine Kiepe voller Waren auf dem Buckel hatte oder ein Kalb am Strick, fand kaum ein Durchkommen und konnte froh sein, wenn sich hin und wieder wie aus dem Nichts ein Durchlass auftat.

Anna und Carl hatten sich inmitten des Gedränges wiederholt heimlich von der Seite angeschaut, was Albert nicht verborgen geblieben war. Nach einigem Zögern gab er seiner Schwester dann auch zu verstehen, dass er dringend fortmüsse. Er habe beinahe vergessen, dass er noch ein paar Säcke Mehl auszuliefern habe. Gegen fünf Uhr sei er wohl zurück. Sie könnten ja bei ihm vorbeischauen, wenn sie nicht wüssten, was sie ohne ihn machen sollten. Woraufhin Carl meinte:

»Glöv nich, dat dat nödig wurd.«

Da sie genug vom Gedränge hatten, schlug Carl Anna nach Alberts Abgang vor, zum nahen Burgwall hinüberzugehen. Von dort habe man einen guten Ausblick auf die Umgebung. Von einer Burg war allerdings kaum etwas zu sehen, was Anna enttäuscht anmerkte, als sie dort ankamen. Vielmehr ließen die Scheunen, Schuppen und Ställe vermuten, dass sie sich auf einem Bauernhof befanden; lediglich ein massives Steinhaus innerhalb des Wallrings, an das sich ein stattliches Fachwerkhaus lehnte, und eine von Efeu überwucherte Turmruine ließen erahnen, dass das Gehöft ursprünglich als Bollwerk gegen feindliche Angriffe aus dem Osten gedient hatte. In späteren Zeiten nach Unterwerfung der Slawen habe es - wie Carl zu berichten wusste - Raubrittern als Unterschlupf gedient, bis diese nach Androhung von Strafmaßnahmen durch den Landesherrn von ihrem Unwesen abließen und fortan Landwirtschaft betrieben.

Während Carl sein Wissen zum Besten gab, waren Annas Augen an der Turmruine hängen geblieben. Dass die Raubritter dort Überfallene festgehalten hätten, um Lösegeld für deren Freilassung zu