Das letzte Schuljahr - Wilfried Baumannn - E-Book

Das letzte Schuljahr E-Book

Wilfried Baumannn

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Beschreibung

Der größte Teil des Buches wurde in den Jahren 1988/89 geschrieben, also dem letzten normalen DDR-Schuljahr. Der totale Zusammenbruch des Regimes war noch nicht absehbar. Die Gedanken und Gefühle des Lehrers Horst Müller, der Hauptperson, sind daher Zeit identisch. Sein Schicksal wird ohne Nostalgie spannend dargestellt, und es wird dem Leser begreifbar, warum sich so viele Menschen gegen das System zur Wehr setzten und es zu Fall brachten. .... und was geschah danach? Wer früher die DDR-Schule besuchte, wird in diesem Buch an vieles erinnert, was er schon längst vergessen glaubte.

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Seitenzahl: 632

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Wilfried Baumannn

Das letzte Schuljahr

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das letzte Schuljahr

Vorwort - Die 40 Jahre der DDR

Vorwort - Die Schule in der DDR

Lehrer Müller und Prag 1968

Vorbereitungswoche - Müller macht sich seine eigenen Gedanken

Fahnenappell und Schuljahresbeginn

Wandertag - Potsdam - Stalin - Cecilienhof

Westreise in die Oktoberferien

Die elend lange Zeit von Oktober bis Weihnachten

Januar und Februar

Winterferien

Die Situation spitzt sich zu

Die zweite Westreise

Wieder zurück und Schluss mit der Schule

Freies Leben

Tag der Republik 1989

4. November - Alexanderplatz

Wendereaktionen

Wiedervereinigung

Müller wird wieder Lehrer

Der Ausgang

Abkürzungen und Anmerkung

Impressum neobooks

Das letzte Schuljahr

Ein Roman über das letzte normale

Schuljahr 1988/89 in der

Deutschen Demokratischen Republik

und die überraschenden Ereignisse

danach

von Wilfried Baumann

(begonnen 1988, beendet 2006)

1. Auflage

Vorwort - Die 40 Jahre der DDR

Die DDR wurde am 7. Oktober 1949 gegründet und ging aus der sowjetischen Besatzungszone hervor. Die Phase vom Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bis 1949 wurde als antifaschistisch-demokratische Umwälzung bezeichnet.

Große landwirtschaftliche und Industriebetriebe wurden im Zuge dieser Umwälzung rigoros enteignet. Die Industriebetriebe wurden Volkseigene Betriebe (VEB) und die großen landwirtschaftlichen Flächen durch die Bodenreform an arme Bauern und Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten verteilt.

1952 verkündete Walter Ulbricht, der Generalsekretär der SED, den Übergang von der antifaschistisch-demokratischen Revolution zur sozialistischen Revolution.

1948 hatte der Bergmann Adolf Hennecke durch eine besondere Organisation des Arbeitsablaufs eine Sonderschicht gefahren und seine Arbeitsnorm erheblich gesteigert. Er wurde Aktivist. Die SED stellte ihn als leuchtendes Beispiel vor, da er im Sinne der Partei das Beispiel sozialistischer Arbeit darstellte. Das Aktivistenwesen wurde nun im ganzen Lande angestrebt. Das war auch mit der Erhöhung der Normen verbunden und machte das Regime verhasst. Viele gingen da lieber in den Westen. Am 17. Juni 1953, einige Zeit nach Stalins Tod, dem sowjetischen Diktator, begannen die Bauarbeiter der ersten sozialistischen Straße Berlins wegen der fast unerfüllbaren Normerhöhungen zu streiken. Sehr bald entwickelte sich daraus eine breite Protestbewegung in allen Landesteilen, und es kamen noch weitere Forderungen hinzu:

Freie Wahlen, Ende des SED-Regimes, Einheit Deutschlands, Freiheit und Demokratie. Die Volksbewegung wurde letztendlich vom sowjetischen Militär brutal zusammengeschlagen.

Die Verhafteten wurden durch Stasi und sowjetischem NKWD brutal behandelt und in oft schon vorher gefällten Urteilen zu sehr langen Zuchthausstrafen und auch zum Tode verurteilt. Die SED bezeichnete den 17. Juni 1953 zynisch als faschistischen Putschversuch.

Die radikale Veränderung des Privateigentums, willkürliche Verhaftungen, vorgefertigte Urteile über angebliche Feinde der Republik im politischen Bereich, führten zu einer Fluchtwelle in den Westen. In der Zeit der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft und des Handwerks, wo die ehemaligen Bauern ihr Land in eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) als deren zukünftige Mitglieder einbringen sollten und die Gründung von Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) führten wieder zu einer Massenflucht in den westlichen Teil Deutschlands.

Dazu kam die fast ins Unerträgliche gehende Verschärfung der ideologischen Bevormundung. Wer etwas gegen die SED sagte und sie kritisierte, war gegen den Frieden und damit für die westdeutschen Imperialisten. Wer es versäumte, zur Wahl zu gehen, war ebenfalls gegen den Frieden. In Klassen- und Abschlussarbeiten war es immer gut, ein Zitat von Marx, Engels, Lenin, Stalin oder einer SED-Ikone anzuführen. Die Überwachung durch den Staatssicherheitsdienst, einem Machtorgan der SED, wurde immer intensiver. Es herrschte der Spruch: „Wo ein Genosse ist, da ist auch die Partei.“ Alle Errungenschaften und auch guten Maßnahmen scheiterten an dieser unsinnigen ideologischen Beeinflussung und Bevormundung. Wer da nicht mitspielte, konnte mit hohen Strafen rechnen, die oft schon vorher von irgendwelchen Parteigremien festgelegt wurden. Die SED und ihre Machtorgane wollten alles unter Kontrolle haben und über jeden wissen.

Im Juli 1958 verkündete Walter Ulbricht auf dem SED-Parteitag die Zehn Gebote der sozialistischen Moral. Viele christliche Bürger sahen darin einen Schlag gegen die Kirche. Die Gebote selbst waren im Vergleich zu den biblischen lächerlich und primitiv.

Die Grenze zur Bundesrepublik wurde unter schärfere Kontrolle gestellt, so dass hier eine Flucht immer schwieriger wurde.

In Berlin war die Flucht über die offene Grenze sehr einfach. Es genügte nur eine Fahrkarte von 20 Pfennig, um mit der S-Bahn nach Westberlin zu fahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Siegermächte Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich Berlin in Sektoren eingeteilt, die unter der Befugnis jeweils einer Macht standen. Die Sektorengebiete der USA, Frankreichs und Großbritanniens wurden Westberlin genannt. Den sowjetischen Sektor bezeichnete die SED als Demokratischen Sektor und nach 1949 als Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Die offene Grenze am Scheitelpunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West zog natürlich auch zahlreiche Geheimdienste an, vor denen die DDR eine wahnsinnige Angst zu haben schien. In jeder kleinen Opposition sah sie schon Agenten eines westlichen Spionagedienstes. Das führte oft zu willkürlichen Verhaftungen und hohen Zuchthausstrafen.

Zu Beginn ihrer Gründung plädierte die Regierung der DDR in ihren Proklamationen immer noch für die Einheit Deutschlands und schob die Schuld an der Teilung der Bundesrepublik zu.

Die nach dem Potsdamer Abkommen der drei Siegermächte Sowjetunion, USA und Großbritannien festgelegte deutsche Wirtschaftseinheit wurde durch die Währungsreform 1948 gebrochen.

Nun gab es in Deutschland zwei verschiedene Währungen.

Durch die Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 wurde auch die politische Teilung Deutschlands perfekt.

Die DDR erkannte kurz nach ihrer Gründung die nach dem Krieg markierte Oder-Neiße-Grenze zu Polen als endgültig an im Gegensatz zur Bundesrepublik, die eine Lösung über den Grenzverlauf 1937 verstand mit West- , Ostpreußen, Pommern und Schlesien, die nach westlichem Verständnis unter der Verwaltung Polens oder der Sowjetunion standen. 1952 bot Stalin in einer Note die Wiedervereinigung unter Bedingung der Anerkennung der Grenzversion des ostdeutschen Staates an. Das war für den Westen inakzeptabel.

1958 entschloss sich die DDR, den Farben Schwarz, Rot, Gold ein Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz beizufügen. Somit unterschied sich die Nationalfahne von der der Bundesrepublik.

Mit Hilfe des Marshallplanes konnte sich Westdeutschland bald in den 50-er Jahren von den Kriegsschäden erholen. Diese Entwicklung wurde auch als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet.

Da der Osten diese Wirtschaftshilfe aus den USA ablehnte, weil er befürchtete, in Abhängigkeit vom amerikanischen Kapital zu geraten, konnte er mit der westlichen Entwicklung nicht standhalten.

Dagegen stellte man die Planwirtschaft. Ein Zeichen dafür war der Siebenjahresplan von 1959 bis 1965. Mit ihm wollte man das Wirtschaftsniveau des Westens erreichen und sogar überholen. Außerdem schloss man sich dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) an, der die DDR an die Wirtschaft der Länder des Ostblocks band.

Im Grunde genommen war das nichts anderes als die Erlangung der totalen Kontrolle über alle Bereiche der Wirtschaft. Da hatten also kapitalistische Unternehmen, private Bauernwirtschaften, Handwerksbetriebe und noch vorhandene kleinere Privatunternehmen keinen Platz und keine Berechtigung mehr.

Ende der 50-er Jahre verstärkte sich die Fluchtbewegung in den Westen enorm. Erfahrene Handwerker, Landwirte, Wissenschaftler, Facharbeiter, Lehrer und viele andere verließen die DDR.

Auch der politische und ideologische Druck führten dazu. Ein großer innenpolitischer Feind war nach Ansicht der SED die Kirche. Sie konnte man nicht marxistisch-leninistisch beeinflussen. Nach dem historischen Verständnis der vom Atheismus geprägten Partei gehörte die Religion zu den Relikten einer überholten Gesellschaftsordnung und stand der Entwicklung zum Sozialismus entgegen. Besonders die Junge Gemeinde der evangelischen Kirche wurde vielen Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Mitglieder hatten große Schwierigkeiten bei der Erreichung eines Platzes an der Oberschule oder eines Studiums an einer Hochschule oder Universität. Die SED fürchtete die Religion wie die Pest. Sie war nach ihrer Auffassung gegen den Frieden gerichtet und unterstützte somit die westdeutschen Imperialisten. Diese Furcht der Partei war schon fast als neurotisch zu bezeichnen.

Dass es auch noch Menschen in diesem Staat gab, die anders dachten als sie, konnte sie nur schwer akzeptieren.

Seitdem der russische Marxist und Revolutionär Lenin den Marxismus als „allmächtig“ bezeichnete, „weil er richtig ist“, wurde diese Idee zu einer dogmatischen Lehre, ja man kann sagen, zu einer Art Ersatzreligion. Die progressive historische Entwicklung bestand nach ihrer Auffassung darin, dass eine fortschrittlichere Gesellschaftsordnung der überholten und veralteten folgte. Das sei ein historisches Gesetz. Der Urgesellschaft folgte die erste Klassengesellschaft, dann die Sklavenhaltergesellschaft, die vom Feudalismus abgelöst wurde. Der wiederum mündete durch bürgerliche Revolutionen in den Kapitalismus, in dem die Klasse geboren wurde, die dann später die historische Mission erfüllen musste, den Sozialismus aufzubauen, nämlich die Arbeiterklasse. Sie errichtet durch den Sturz der kapitalistischen Bourgeoisie dann die Diktatur des Proletariats, in der die ehemaligen Ausbeuter, die Kapitalisten und Monopolisten, ihre Macht verlieren und unter die Herrschaft der Arbeiterklasse gezwungen werden. Der Sozialismus ist die Zwischenstufe zum letztlich erstrahlenden Kommunismus, wo das produzierende Eigentum der ganzen Gesellschaft gehört und seine Produkte von allen genutzt werden können. Die Klassen verschwinden in der kommunistischen einheitlichen Gemeinschaft. Es existiert dann keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mehr. Kriege wird es dann auch nicht mehr geben. Der Friede und das Glück werden alles beherrschen. Der schaffende Mensch schafft sich sein Himmelreich auf Erden.

Das oberste Organ der DDR war laut Verfassung die Volkskammer. Die Fraktion der SED stellte bis 1989 die Mehrheit aller Abgeordneten. Anfang Juni 1945 erlaubte die SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) im Befehl Nr. 2 die Bildung antifaschistisch-demokratischer Parteien und freier Gewerkschaften. Somit existierten in der späteren DDR mehrere Parteien, die als Blockparteien bezeichnet wurden und ebenfalls in der Volkskammer vertreten waren. Ihre Rolle im öffentlichen Leben war aber sehr beschränkt, da sie oft den Parteitagsbeschlüssen der SED zustimmten. Der Volksmund bezeichnete sie deshalb auch als Blockflöten. Zu ihrer Ehre muss erwähnt werden, dass sie bei der Gesetzgebung und auch Artikeln der Verfassung harte Formulierungen abmildern oder verhindern konnten, die Teile der Bevölkerung benachteiligt hätten. Außerdem setzte sich das Parlament aus Abgeordneten von Massenorganisationen zusammen. So konnte ein Mitglied der FDJ (kommunistischer Jugendverband der DDR) z.B. auch gleichzeitig Genosse der SED sein. Die Parteien und Massenorganisationen wurden in der Nationalen Front zusammengefasst. Sie stellte die Kandidaten für die nächsten Wahlen auf. In den Büros der Nationalen Front konnten sich die Bürger über die Partei- und Massenorganisations-Zugehörigkeit informieren, was aber die Mehrzahl der Bevölkerung nicht nutzte. Wahlkampf, wie in westlichen Demokratien, existierte nicht. Der Wahlzettel selbst enthielt nur die Namen der aufgestellten Kandidaten ohne weitere Informationen. Deshalb knifften die meisten Bürger diesen Zettel und steckten ihn in die Urne.

Staatliche Gesetze wurden in der Volkskammer beraten und beschlossen. Oftmals wurden sie sehr stark von den Parteitagsbeschlüssen der SED beeinflusst.

Bis 1960 hatte die DDR sogar einen Präsidenten: Wilhelm Pieck. Nach dessen Tod schwang sich Walter Ulbricht zum Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär der SED empor.

Laut DDR-Propaganda war Walter Ulbricht sehr beliebt, und als er in den 50-er Jahren den Karl-Marx-Orden, die höchste Auszeichnung der DDR, erhielt, kannte die mit unerträglichem Pathos vorgetragene Lobhudelei des „Augenzeugen“, des DDR-Kinojournals keine Grenzen mehr: „Er, der Leipziger Tischlergeselle, der Schüler Liebknechts und Stalins, der Kampfgenosse Ernst Thälmanns und Wilhelm Piecks, der Schöpfer unserer Pläne, der Mann scharfen Blicks und schnellen Entschlusses, der Freund des Lebens und der Jugend, der Generalsekretär des arbeitenden Volkes, er, Genosse Walter Ulbricht.“ Die Berliner mochten ihn mit seinem Spitzbart „besonders gern“, wenn er mit seiner Fistelstimme im sächsischem Dialekt zu ihnen sprach. Schon am 17. Juni 1953 forderten die Berliner Arbeiter: „Der Spitzbart muss weg!“

Die Vergesellschaftung des handwerklichen und landwirtschaftlichen Eigentums, die ideologische und politische Bevormundung und auch das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik im Westen mit seinem reicheren Angebot an Waren und die Aussicht auf eine bessere Entlohnung für geleistete Arbeit führten zu einer sehr starken Fluchtbewegung aus der DDR.

Am 13. August 1961 wurde die Berliner Mauer errichtet. Im SED-Jargon hieß sie „antifaschistischer Schutzwall“. Besonders in Berlin und Umgebung wirkte dieses Monstrum wie ein psychischer Schock.

Von Ostberlin aus sah man zuerst die aus Beton errichtete Hinterlandsmauer. Dahinter befand sich der Grenzsignalzaun, der Anlagen zum Entdecken eines Flüchtlings installiert hatte. Wer diesen überwunden hatte, konnte mit seinen Füßen auf einer mit scharfen Nägeln gespickten Flächensperre landen und sich erheblich verletzen. An anderen Stellen waren hier auch Höckersperren, dreibeinige Stahlkonstruktionen aufgestellt. Darauf folgten die Beobachtungstürme und Führungsstellen. Eine Lichttrasse erhellte grell die Grenze nachts.

Auf dem dann folgenden Kolonnenweg fuhren die Grenzer ihre Kontrollstrecke ab. Nun folgte der Kontrollstreifen, der jeden Fußabdruck sichtbar machte und danach die KFZ-Sperre, eine Art schräglaufender Graben.

Erst jetzt kam das, was die Westberliner als Mauer bezeichneten und ein Eldorado für viele Graffiti-Sprayer war. Erst danach kam die eigentliche Grenzlinie. Die Grenzanlagen lagen alle auf dem Territorium der DDR oder Ostberlins.

Dieses Land für die Grenze musste erst einmal zur Verfügung stehen.

So verschwanden in Berlin ganze Häuserzeilen, Straßen und Kleingartenanlagen. Auch vor Kirchen und Friedhöfen machte man nicht halt. Die dort Wohnenden wurden zwangsevakuiert.

Dass die Mauer gegen die eigene Bevölkerung in der DDR gerichtet war, erkannte man am Grenzsignalzaun und den brutalen Flächensperren. Wenn sich der Staat gegen den „faschistischen“ Westen hätte schützen wollen, wie er es mit der Formulierung „antifaschistischer Schutzwall“ behauptete, wären die Grenzanlagen umgekehrt strukturiert gewesen.

Die Lüge war so dummdreist, dass sich die SED damit kaum Freunde schaffen konnte.

Schlimm für die Berliner war, dass Ulbricht ein Jahr später dieses Monstrum auch noch feiern ließ durch den Aufmarsch von Angehörigen der 1956 gebildeten Nationalen Volksarmee und Kampfgruppen der Betriebe. Letztere waren überwiegend Mitglieder der SED, die sonst in verschiedenen Berufszweigen innerhalb der Volkseigenen Betriebe als Arbeiter beschäftigt waren. Sie hatten den Staat bei der Errichtung der Mauer unterstützt.

Die Armee war eine Folge des Beitritts der DDR zum Warschauer Pakt 1955, der ein Militärbündnis des Ostblocks gegen die westliche NATO darstellte. Somit standen sich in Europa wieder feindliche Militärbündnisse gegenüber. Hinter dem Bau der Mauer stand somit die geballte Militärmacht der Warschauer Vertragsstaaten: Sowjetunion als Führungsmacht, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und DDR.

Für Deutschland entwickelte die DDR 1964 die Theorie, dass sich das Land in drei Staaten teile, die DDR, die Bundesrepublik und Westberlin. Die DDR-Staatsbürgerschaft wurde 1967 Gesetz (vorher „Staatsbürgerschaft: deutsch“).

Da der Westen nicht überholt werden konnte, proklamierte der 6. Parteitag der SED im Januar 1963 das „Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ (NÖSPL). Es wurden Gewinnanreize geschaffen und wirtschaftliche Experimente zugelassen. Der dadurch verursachte wirtschaftliche Aufschwung führte die DDR an die Spitze der Ostblockstaaten.

Auch im Kulturschaffen war eine Lockerung zu bemerken. Im Film „Das Kaninchen bin ich“ wurde sogar eine etwas freizügige Liebesszene gezeigt. Die Beatles begannen auch die DDR-Jugend zu begeistern. Ulbricht befürchtete, dass diese Musik die jungen Leute zu Exzessen aufputschen könnte. 1965 folgte der kulturelle Kahlschlag. Der oben erwähnte Film wurde wegen angeblicher Pornographie kritisch von der SED-Führung zerrissen und auch andere DEFA-Produkte (DEFA - Deutsche Film AG - DDR-Filmfabrik in Potsdam-Babelsberg) wurden verboten, Künstler und Schriftsteller reglementiert. Alle musikalischen Auftritte bedurften nun einer staatlichen Erlaubnis.

Gesellschaftskritik wurde mit manchmal brutalen Mitteln unterdrückt. Schriftsteller und andere Künstler, die noch keinen Namen hatten, wurden unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert oder besonders von der Stasi beobachtet.

1968 wurde Alexander Dubcek Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Er wollte einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz schaffen. Im Nachbarland konnte nun jeder frei seine Meinung sagen, ohne dass er sofort verhaftet wurde. Im Rundfunk diskutierte man sehr offen über die weitere Entwicklung des Landes, über Menschenrechte, Reisefreiheit und Gestaltung der Demokratie. Die dort gewonnene Freiheit begann auch die DDR-Bürger zu beeinflussen. Die DDR-Medien fanden für diese Entwicklung nur einen Begriff: Konterrevolution.

Im Sommer 1968 zerschlugen die Truppen der Warschauer Vertragsstaaten den Versuch eines menschlichen Sozialismus. Die Sympathien und das Gedächtnis an den Prager Frühling konnten sie aber nicht beseitigen.

Im März 1970 trafen sich in Erfurt Bundeskanzler Willy Brandt und der Vorsitzende des DDR-Ministerrates Willy Stoph zu Gesprächen auf höchster Ebene. Blamabel für Stoph war, dass die DDR-Bürger den westdeutschen Bundeskanzler umjubelten. Das Ereignis zeigte auch, dass die zunehmende Abkehr der SED vom Einheitsbegriff der „deutschen Nation“ damit in Frage gestellt wurde.

Im Mai 1971 trat Ulbricht aus „Altersgründen“ zurück.

Sein Nachfolger wurde Erich Honecker.

Unter ihm gelang es, die DDR zunehmend aus der außenpolitischen Isolation herauszubringen, die auch eine Folge der unter Bundeskanzler Adenauer vertretenen Hallstein-Doktrin war, wonach die Bundesrepublik die Alleinvertretung Nachkriegsdeutschlands beanspruchte.

Allen Staaten, die mit der DDR Verbindungen aufnahmen, wurden diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik verweigert.

1971 wurden Reisen nach Polen und die Tschechoslowakei pass- und visumfrei möglich.

1972 wurde der „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der BRD und der DDR“ (Grundlagenvertrag) abgeschlossen. Damit endete die außenpolitische Isolation der DDR.

Ein Jahr später wurde die DDR sogar Mitglied der UNO. Als Folge davon nahmen jetzt auch viele westliche Staaten diplomatische Beziehungen mit ihr auf. Das erkühnte die Volkskammer der DDR, die Verfassung vom April 1968 zu verändern. „Deutschland“ und „deutsche Nation“ wurden aus dem Verfassungstext gestrichen und eine „sozialistische Nation“ proklamiert. Zudem band man sich fest an die Sowjetunion. Der Wiedervereinigung erteilte man damit eine Absage.

Die erwarteten Reisefreiheiten wurden nicht erfüllt. Zwar wurde das Einkommen der arbeitenden Menschen und die Renten erhöht, das Angebot an Industriewaren billiger, Arbeitszeitverkürzungen eingeführt und auch ein Wohnungsbauprogramm beschlossen, aber die bürgerlichen Freiheiten stießen immer noch an ihre Grenzen.

Am 1. August 1975 unterzeichnete die DDR die Schlussakte der KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) in Helsinki. Hier bekannte sich auch Honecker für die Einhaltung der Menschenrechtscharta der UN, die er mit Wort und Tat zu erfüllen versprach.

Die Hoffnungen der DDR-Bürger, dass die Grenzen nun durchlässiger werden, erfüllten sich nicht. Die Mauer widersprach allen euphorischen Argumenten.

Nach der KSZE-Schlussakte häuften sich die Anträge auf ständige Ausreise und Familienzusammenführung. Entgegen den Beteuerungen Honeckers wurden die Antragsteller diskriminiert, verloren ihre Arbeit, wurden als Staatsfeinde, Klassenfeinde und Verräter diffamiert. Da es in der DDR offiziell keine Arbeitslosen gab und damit auch kein Arbeitslosengeld, mussten diese Menschen vom Verkauf ihrer Habseligkeiten leben. In den krassesten Fällen wurden sie sogar vor Gericht gestellt.

Wie bei den Nazis gab es die „Sippenhaft“. So konnte jemand beruflich nicht mehr vorwärtskommen, weil sein Bruder per Antrag in den Westen übergesiedelt war.

Die diplomatische Öffnung nach außen führte auch zu einem größeren Bedarf an Devisen. Hochwertige DDR-Industriewaren wurden unter dem Preisniveau in den Westen exportiert. BRD-Bürger mussten für die Einreise einen Tagessatz bezahlen. Besonders schändlich war der Handel um den Freikauf von Häftlingen aus DDR-Haftanstalten.

Der Kampf der SED gegen die Kirche trug Früchte. Die seit 1954 eingeführte Jugendweihe wurde von immer mehr Schülern der 8. Klasse und ihren Eltern akzeptiert. Sie stand im Gegensatz zur Konfirmation und war durch und durch atheistisch geprägt. Am Ende stand nach den vorbereitenden Jugendstunden das feierliche Gelöbnis auf den Sozialismus. Dazu gab es noch das Buch „Weltall, Erde, Mensch“.

Gegen die zunehmende Gott- und Religionslosigkeit setzte am 18. August 1976 der Pfarrer Oskar Brüsewitz aus der Nähe von Leipzig ein Fanal. Er verbrannte sich vor der Michaeliskirche in Zeitz.

Im November desselben Jahres wurde der Liedermacher Wolf Biermann während eines Aufenthaltes in der Bundesrepublik ausgebürgert. Er hatte dort DDR-kritische Lieder vorgetragen. Die Hetzkampagne der Partei gegen ihn förderte in ungewolltem Maße seine Popularität. Schriftsteller und Künstler, die gegen seine Ausbürgerung protestierten, wurden reglementiert, aus den Verbänden ausgeschlossen, diffamiert oder völlig ignoriert, was einem Berufsverbot gleichkam.

Im August 1978 flog der NVA-Oberstleutnant Siegmund Jähn als erster Deutscher an Bord des sowjetischen Raumschiffes „Sojus 31“ in das Weltall.

Das neue, von der Volkskammer beschlossene Verteidigungsgesetz vom Oktober 1978 erinnerte stark an die Verordnungen Hindenburgs gegen Ende des Ersten Weltkrieges, wobei die Belange der Armee und der Rüstung gegenüber den Bedürfnissen der Bevölkerung den Vorrang hatten.

1979 wurden westliche Journalisten durch eine Verordnung zur Genehmigung von Befragungen und Interviews verpflichtet, weil immer mehr DDR-Bürger die Angst verloren, sich offen zu äußern.

Um noch mehr West-Devisen abzuschöpfen, wurden die sogenannten Intershops, Intertanks und Genex eingeführt. Die Intershops waren eine Art Kramladen für Westwaren, die schon vom Duft her verlockend waren. Die Intertanks boten hochwertige Kraftstoffe und die Genex, die Geschenkdienst und Kleinetransporte GmbH, erlaubte es Westverwandten, in DM bezahlte Waren (z.B. Autos - in der DDR war der Kauf erst nach zehn Jahren Anmeldung möglich) an ihre Lieben im Osten zu verschenken. Dazu durften die DDR-Bürger ihre DM-Bestände bei einer Bank in sogenannte Forumschecks

(nach der dafür gegründeten „Forum-Außenhandelsgesellschaft“ benannt) umtauschen, die zum Einkauf westlicher Waren und für Dienstleistungen genutzt wurden. So war eine bessere Kontrolle des DM-Umlaufs möglich.

Wer nicht die Möglichkeit hatte, DM (Deutsche Mark - Westgeld) zu bekommen, sah voller Neid auf die, welche sich so etwas leisten konnten. Dadurch stieg auch der Unmut gegenüber dem System.

Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan erschütterte den Glauben an die Friedenspolitik der Sowjetunion, da dieses Land nicht zum Ostblock gehörte.

Angeblich hatte die dortige Regierung die Sowjets um militärische Hilfe gebeten.

In Polen konnte sich eine freie Gewerkschaft, die Solidarnosc, durchsetzen, was auch bei Teilen der DDR-Bevölkerung begrüßt wurde. Die DDR-Regierung befürchtete ein Übergreifen dieser demokratischen Bewegung.

Schon ein Jahr zuvor war das politische Strafrecht verschärft worden. So veröffentlichte man Bestimmungen über die „staatsfeindliche Hetze“ und stellte Publikationen im Ausland unter Strafe.

1980 wurde die DDR für zwei Jahre Mitglied des UNO-Sicherheitsrates.

Honecker drängte nun auf die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft.

Die DDR geriet Anfang der 80-er Jahre in Schwierigkeiten durch die hohe Auslandsverschuldung. Die Importe wurden daraufhin gedrosselt und der Export erhöht.

Die Sicherheit an der Grenze wurde durch den Schießbefehl verschärft und Selbstschussanlagen installiert.

Die Missstände in der Wirtschaft führten zu einem immer größer werdenden Ausreiswillen mit Antrag und den darauf folgenden Schikanen bis zur Ausreisegenehmigung.

Auch die Hilfe durch den in den 50-er Jahren als Kriegstreiber verfemten Franz Joseph Strauß in Form eines Milliardenkredites konnte den langsamen wirtschaftlichen Niedergang nicht aufhalten.

Unter der Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ entwickelte sich, besonders von der evangelischen Kirche unterstützt, eine vom Staat unabhängige und verfolgte Friedensbewegung.

Der von der SED-Führung definierte real existierende Sozialismus wurde unter dem Begriff „Hauptaufgabe“ strapaziert. Darunter verstand man die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Davon profitierte allerdings größtenteils die Hauptstadt Berlin, wo im Norden große Neubaugebiete entstanden wie Berlin-Marzahn und Hellersdorf und damit Wohnraum zu erschwinglichen Mietpreisen.

In der Gesamt-DDR aber verfielen die Städte und verschlechterte sich die Versorgung der Bevölkerung.

1985 distanzierte sich die DDR-Führung von Gorbatschows Perestroika- und Glasnost-Politik (Perestroika - Umgestaltung; Glasnost - Klarheit). Der neue Staatsführer der Sowjetunion wollte politische und wirtschaftliche Reformen durchführen.

Die SED-Führung zeigte sich für neue Wege unfähig und beharrte auf dem alten Stil. Das führte zu ständig wachsendem Unmut mit den bestehenden Verhältnissen.

Als im Januar 1988 Demonstranten ein Jahr vor dem 70. Jahrestag der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg festgenommen wurden, weil sie ein Zitat von Rosa Luxemburg („Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“) auf einem Transparent vor sich her trugen, wurden Forderungen nach Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit lauter.

Im Mai 1989 wurde der Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen offenbar. Die erreichten 99% für die Kandidaten der Nationalen Front auf der Einheitsliste konnten einfach nicht wahr sein.

Viele Menschen bezweifelten nun die Legitimation der Partei- und Staatsführung.

Da öffnete Ungarn im Juli die Grenzen zu Österreich. Viele DDR-Bürger wollten nun über Ungarn in den Westen. Botschaften der Bundesrepublik in Budapest und Prag wurden von Tausenden DDR-Bürgern besetzt. Ungarn ließ gegen den Protest der DDR-Regierung die Flüchtlinge nach Österreich ausreisen.

Am 4. September begannen in Leipzig die Montagsdemonstrationen.

Am 7. Oktober 1989, dem letzten und 40. Jahrestag der DDR, fand wieder die große Militärparade an der Tribüne der Partei- und Staatsführung vorbei auf der Karl-Marx-Allee in Berlin, der Hauptstadt der DDR, statt. Am gleichen Tage formierte sich auf dem Alexanderplatz eine Protestwelle. Kurz vorher hatte Honecker noch verkündet, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen würde und den aus der DDR geflüchteten Menschen werde er keine Träne nachweinen.

Einige Wochen zuvor hatte die chinesische Parteiführung in Peking die Oppositionsbewegung mit Armee und Panzern niedergewalzt, was besonders von einem führenden Mann der SED namens Egon Krenz begrüßt wurde. Völlig unverständlich war auch, dass einem der damals schlimmsten kommunistischen Diktatoren in Rumänien, Ceaucescu, der Karl-Marx-Orden verliehen wurde, die höchste Auszeichnung der DDR. Die Wut der Menschen war verständlich.

Vom Alexanderplatz gingen sie zum Palast der Republik, wo die Feiern zum 40. Jahrestag stattfanden und riefen: „Demokratie, jetzt oder nie!“ und „Keine Gewalt“.

Die Tage von Erich Honecker waren gezählt und Egon Krenz wurde Parteichef.

Am 4. November forderten die DDR-Bürger auf dem Alexanderplatz bei der ersten genehmigten freien Demonstration den Rücktritt der Regierung und die Annullierung des Alleinvertretungsanspruches auf die Führung des Staates durch die SED in der Verfassung.

Der Zerfall der DDR war nun nicht mehr aufzuhalten. Die Offiziere der Nationalen Volksarmee und auch die sowjetischen Truppen weigerten sich, die chinesische Version durchzuführen.

Am 9. November fiel wie durch ein Wunder die Mauer.

Am 3. Oktober 1990 wurde die DDR Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland und nannte sich jetzt „die neuen Länder“.

Vier Tage fehlten noch, um das 40. Jahr der DDR zu vollenden.

Der Zusammenbruch des real existierenden sozialistischen DDR-Systems erfolgte durch eine friedliche Revolution ohne Blutvergießen und Gewaltexzesse. Das war einmalig in der Geschichte der Menschheit.

Die Menschen in der DDR litten keine wirtschaftliche Not trotz Mangelwirtschaft. Sie hatten in der Mehrzahl einen gesicherten Arbeitsplatz. Das Gesundheitswesen sorgte für regelmäßige Gesundheitsvorsorge z.B. durch Aufforderungen zu Schutzimpfungen und Röntgenuntersuchungen zur Bekämpfung von Lungenkrankheiten. Es gab ein großes Netz von Ambulatorien und Polykliniken.

Die Eltern konnten ihre Kinder in Kitas und Kindergärten unterbringen. Es gab Pionierhäuser. Kulturhäuser, Klubs, zahlreiche Möglichkeiten für sportliche Betätigungen oder Theater- und Ballettkurse.

Die Wohnungsmieten waren nicht hoch und oft nur im zweistelligen Bereich.

Was die Menschen nervte, war die ideologische Verbohrtheit der Partei, die Mauer, welche die Bürger unverdient einsperrte und das ihnen entgegengebrachte Misstrauen. Hinzu kamen die vielen offensichtlichen Lügen, Zwänge und die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, obwohl sie in der Verfassung verankert war. 1989 hatten die Menschen die Nase von der ewigen Bevormundung und Verdummung voll. Sie wollten endlich auch mehr von der Welt sehen und selbst die SED-Märchen überprüfen, die sie über den Westen erzählten.

Die DDR-Menschen freuten sich euphorisch über den Fall der Mauer und des Systems, aber nun erging es ihnen wie einem entlassenen Strafgefangenen, der sich in der Freiheit nicht mehr zurechtfand, weil sich draußen alles weiterentwickelt hatte, er nicht mehr reglementiert wurde und nun selbst sein Leben ohne Anordnungen gestalten musste.

Die Volkseigenen Betriebe wurden abgewickelt, privatisiert oder ganz stillgelegt, weil sie nicht konkurrenzfähig waren. Die wirtschaftlichen Bindungen an die anderen Ostblockstaaten durch den RGW brachen zusammen. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) wurden aufgelöst und der Boden oft ehemaligen Besitzern aus dem Westen zugesprochen. Die 1990 gebildete Abwicklungsinstitution namens „Treuhand“ half da kräftig mit. Viele Menschen wurden arbeitslos. Was der SED-Führung in allen Jahren nicht gelungen war, gelang der Bundesrepublik:

Jetzt erst fühlten sich die ehemaligen DDR-Bürger wirklich als DDR-Bürger.

Als die Kirchensteuer vom Westen eingeführt wurde, traten viele Menschen aus der Kirche aus. Das jahrelang verstreute Gift der Antireligionserziehung zeigte seine Wirkung.

Auch hier schaffte der Westen das, was der DDR-Führung in 40 Jahren nicht gelang.

Viele fielen in eine Art ideologisches Vakuum. Sie glaubten an gar nichts mehr.

Viele hofften auf westliche Hilfe für die Brüder und Schwestern im Osten. Sie vertrauten so manchen Spekulanten und verloren alles, oder hatten jahrelange teure Gerichtsverfahren am Hals.

Es gab nicht wenige, die sich aus Verzweiflung das Leben nahmen, weil sie mit den neuen Verhältnissen nicht klarkamen.

Der größte Teil der ehemaligen DDR-Bevölkerung musste eine hohe Intelligenzleistung vollbringen. Er musste sich Wissen aneignen über Lebensverhältnisse, die er nur aus dem Geschichtsbuch in oft verzerrter Weise erlernt hatte. Der Wille war aber da, sich zurechtzufinden, und die Mehrheit packte diese Anforderungen.

Wer aber kümmerte sich um die Zurückgebliebenen, am Leben Gescheiterten, die sich selbst nicht helfen konnten?

Ein vollkommen ideales gesellschaftliches System, wo alle Menschen zufrieden sind, wird es wohl nie geben. Vielleicht wäre das sicherlich auch total langweilig.

Vorwort - Die Schule in der DDR

Das Schulsystem in der DDR war sinnvoll strukturiert. Bis zum 3. Lebensjahr konnten die Kinder in einer Kinderkrippe untergebracht werden und lernten dort die ersten sozialen Kontakte kennen. Den Müttern wurde es dadurch ermöglicht, wieder am Berufsleben teilzunehmen. Der Aufenthalt der Kinder dort konnte einen ganzen Tag beansprucht werden.

Vom 4. Lebensjahr bis 6. Lebensjahr kamen sie in den Kindergarten, der sie auf die Schule vorbereitete. Die Erzieher und Erzieherinnen mussten dafür ein sinnvolles Beschäftigungsprogramm ausarbeiten.

Mit 6 Jahren wurden die Kinder eingeschult. Schulbeginn war immer Anfang September.

Die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) war für alle Kinder obligatorisch. Sie gliederte sich in drei Stufen: Unterstufe (1. bis 3. Klasse - 6. bis 10. Lebensjahr), Mittelstufe (4. bis 6. Klasse - 10. bis 12. Lebensjahr) und Oberstufe (7. bis 10. Klasse - 12. bis 16. Lebensjahr).

Nach dem Abschluss der 10. Klasse eröffneten sich mehrere Möglichkeiten der Weiterbildung. Ein großer Teil der Schüler begann seine Berufsausbildung in einem Lehrbetrieb, der sie nach dem Abschluss auch meist übernahm. Den theoretischen Teil der Lehrzeit übernahmen die Berufsschulen. Mit 18 Jahren begann dann ihr Berufsleben. Auch hier gab es zahlreiche Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung.

Es gab nach der 10. Klasse auch den Weg, gleichzeitig eine Berufsausbildung mit dem Abschluss durch das Abitur zu beschreiten (BmA - Berufsausbildung mit Abitur) und damit die Hochschulreife zu erreichen.

Den direkten Weg zum Studium an einer Fachhochschule oder Universität ermöglichte die Ausbildung an einer erweiterten Oberschule (EOS - 11. und 12. Klasse). Die BmA-Ausbildung dauerte ein Jahr länger mit dem Vorteil, dass der Schüler hier schon einen Berufsabschluss vorweisen konnte. Es gab zahlreiche Möglichkeiten für Schüler, sich sinnvoll zu beschäftigen und die berufstätigen Eltern zu entlasten. In der Unterstufe besuchten viele Kinder den Schulhort, die ausgebildete HorterzieherInnen und Unterstufenlehrer betreuten. Sie halfen bei den Hausaufgaben, spielten oder bastelten mit ihnen und versuchten natürlich auch, sie für den Staat zu begeistern, der ihnen alles bot. In der Mittel- und Oberstufe wurden spezielle Arbeitsgemeinschaften angeboten. Außerdem wurde ein Netz von Pionierhäusern, Pionierparks, Klubhäusern, Sportklubs, Kinderferienlagern und Betriebsferienlagern errichtet. Den Kindern und Jugendlichen wurden zahlreiche Möglichkeiten geboten, sich sinnvoll je nach ihren Interessen zu beschäftigen. Diese Möglichkeiten konnten selbst von Eltern mit geringen Geldmitteln für ihre Kinder genutzt werden. So war z.B. die Teilnahme an einer Arbeitsgemeinschaft kostenlos.

Auch Konzert- und Theaterbesuche von Schulklassen wurden gefördert, z.B. durch Schülerkonzerte.

Das normale Schuljahr begann immer mit der Vorbereitungswoche, in der die wichtigsten organisatorischen Fragen auf der Tagesordnung standen. In Berlin erhielten die Schüler Lehrbücher und Lehrmittel umsonst. Diese wurden vom Verlag Volk und Wissen an alle Schulen versandt. Das war der zentrale Schulbuchverlag. Die Preise für Schulbücher waren niedrig und der private Erwerb erschwinglich. Festgelegt war das durch den EVP, den Einheitsverkaufspreis, der im ganzen Lande galt. Gut erhaltene alte Bücher wurden weiter verwandt. Diese Bücher wurden in den Ferien eingelagert und in der Vorbereitungswoche je nach Klassenstufe verteilt, so dass am ersten Schultag die Schüler vollgepackt mit neuem Lernmaterial nach Hause kamen. Jeder Lehrer bekam seinen Einsatzplan, in dem die Zeit, der Raum und das Fach festgelegt waren. Diesen Plan erarbeitete vorwiegend der stellvertretende Schulleiter, eine Arbeit, die Geschick und Einfühlungsvermögen verlangte. Er musste dafür sorgen, dass die Kollegen nicht zu viele Freistunden hatten, dass die Räume richtig eingeplant wurden und auch auf individuelle Belange Rücksicht genommen wurde. Ein nicht sorgfältig ausgearbeiteter Einsatzplan konnte schon große Unstimmigkeiten, Frust und Ärger hervorrufen. Aus diesem Plan resultierte dann der Stundenplan für die einzelnen Klassen. Der Direktor musste mit der gesamten Schulleitung den Schuljahresarbeitsplan erarbeiten. Er beinhaltete die vorgegebenen politischen und pädagogischen Aufgaben, wichtige Ereignisse im Schulleben, Verantwortlichkeiten, spezielle Aufgaben für die einzelnen Klassenstufen und vieles mehr. Er war so eine Art Grundgesetz für das neue Schuljahr. Erläutert wurde er dann auf der ersten Schulkonferenz, dem Pädagogischen Rat, in der Woche vor dem Ferienende. Eröffnet wurde der Rat stets mit der sogenannten Rotlichtberieselung, um die Lehrer auf die parteipolitische Linie zu bringen. Da der Direktor meist SED-Genosse war, übernahm er gewöhnlich diese Aufgabe. Die Klassenlehrer mussten einen Klassenleiterplan erarbeiten und warteten auf den zentral veröffentlichten Pionier- und FDJ-Auftrag, der vom Staatsverlag als „Verfügungen und Mitteilungen“ erschien und eingearbeitet werden musste. Somit fungierten sie quasi auch als Pionier- oder FDJ-Leiter ihrer Klasse. Pioniere waren die Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse. Bis zur 4. Klasse wurden sie Jungpioniere genannt, trugen das blaue Halstuch, ein weißes Hemd, und am Hemdsärmel war ein großes JP, über dem der Pioniergruß „Seid bereit“ zu lesen und darauf eine flackernde Flamme zu sehen war. Alles war in gelber Umrahmung. Ab 4. Klasse wurden sie Thälmannpioniere genannt. Trugen das rote Halstuch und nahmen sich den Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands zu Zeiten der Weimarer Republik (1919 - 1933) zum Vorbild. Für alle Pioniere der Schule war der Freundschaftspionierleiter (FPL) verantwortlich. Für diese Tätigkeit musste er vorher ein Studium z.B. in Droyßig bei Leipzig absolviert haben. In der 8. Klasse wurden die Schüler Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ), dem kommunistischen Jugendverband der DDR. Ihr Markenzeichen war das blaue Hemd und am Ärmel das FDJ-Emblem der aufgehenden Sonne mit den darüber stehenden gelben Majuskeln „FDJ“ auf schwarzem Hintergrund und gelber Umrahmung. Das Ganze nannte sich Verbandskleidung. In dieser Klassenstufe fanden auch die Jugendweihen statt als Ersatz für die kirchlichen Konfirmationen. 1988 waren sie ein fester Bestandteil im gesellschaftlichen Leben. Die ersten Ansätze für eine sozialistische Namensgebung für Neugeborene konnte sich aber nicht mehr durchsetzen. Gleichzeitig begann in der 8. Klassenstufe auch die vormilitärische Ausbildung durch die Beimler-Wettkämpfe, nach dem im Spanienkrieg 1936 gefallenen kommunistischen Kommandeur Hans Beimler benannt. In den oberen Klassen setzte sich das fort mit dem Wehrkundeunterricht, dessen Teilnahme freiwillig sein sollte. Es war aber nicht ratsam, daran nicht teilzunehmen. In der 10. Klasse fuhren dann die meisten Jungen ins Wehrlager und die Daheimgebliebenen übten sich in der Zivilverteidigung. In der Unterstufe gab es Veranstaltungen wie z.B. des „Manövers Schneeflocke“ mit einfachen Geländeübungen und Pioniernachmittage mit Angehörigen der Nationalen Volksarmee (NVA).

Alle Schüler bis zur zehnten Klasse besuchten die allgemeinbildende polytechnische Oberschule (POS) und konnten dann in einer Art Delegationsverfahren die Erweiterte Oberschule (EOS) mit Abiturabschluss besuchen. Die Auswahl erfolgte nicht nur nach den intellektuellen Fähigkeiten, sondern auch nach politischen Kriterien. Wer nicht Mitglied der FDJ war oder Christ, hatte kaum Chancen auf einen EOS-Platz, obwohl das nach Artikel 20, 1 der DDR-Verfassung verfassungswidrig war. (Artikel 20, 1: Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat unabhängig von seiner Nationalität, seiner Rasse, seinem weltanschaulichen und religiösen Bekenntnis, seiner sozialen Herkunft und Stellung die gleichen Rechte und Pflichten. Gewissens- und Glaubensfreiheit sind gewährleistet. Alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich.)

Wer aber wagte der allmächtigen Partei zu widersprechen? Auf das Berufsleben wurden die Schüler schon in den unteren Klassen vorbereitet durch Berufsbilder von Elternvertretern, Vertretern des Patenbetriebes und vor allem des Berufsberatungszentrums in den einzelnen Bezirken. An der Schule gab es extra einen Lehrer, der für die Berufsbildung verantwortlich war. Für Abgänger wurden dann Berufsbewerbungskarten herausgegeben, mit denen sie sich im zukünftigen Betrieb vorstellen konnten, der für ihre Lehrausbildung verantwortlich zeichnete. Diese Karten erhielten zuerst behinderte Schüler, um ihren zukünftigen Arbeitsplatz sichern zu können. Die neuen Lehrlinge wurden auch gewöhnlich nach Ende der Ausbildung von den Betrieben übernommen. Mit Ausnahme der Schüler, die eine Erweiterte Oberschule (EOS) besuchten, war es äußerst selten, dass jemand nach dem Schulabschluss ohne Lehrvertrag dastand, da der Lehrer für Berufsbildung und das Berufsberatungszentrum äußerst bestrebt waren zu melden, dass alle Schüler versorgt sind.

Das neue Schuljahr begann für die Schüler am 1. September mit einem Fahnenappell, der alle politisch einschwenken sollte. Er hatte fast militärischen Charakter mit Fanfarenkonserve vom Tonband, Fahnendelegation, dem vom Freundschaftspionierleiter ins Mikrophon gerufenen Pioniergruß (Seid bereit - Immer bereit), FDJ-Gruß (Freundschaft) und Meldungen der einzelnen Klassen an den Direktor, der mit Genosse Direktor angesprochen wurde, dass alle Schüler zum Appell angetreten sind. Danach kam in den Klassen, die in ihrem neuen Raum saßen, die Politinformation, wo über die Ereignisse in der Weltpolitik diskutiert werden musste unter dem Aspekt: „Frieden und Sozialismus sind eine Einheit“, was seit den Ereignissen in Afghanistan 1980 fragwürdig erschien, wo die friedliebende Sowjetunion „brüderliche Hilfe“ in einem Land leistete, das nicht zu ihrem Machtbereich gehörte. Dass sie in der DDR 1953, in Ungarn 1956 und der Tschechoslowakei 1968 militärisch eingriff, um eine gegen sie gerichtete Volksbewegung zu unterdrücken, nahm man ja noch hin, weil die genannten Staaten zu ihren Satelliten gehörten.

Dann ging es um die Verteilung der neuen oder noch brauchbaren Schulbücher, den neuen Stundenplan und Informationen über die nächsten Vorhaben. Jeder hatte dann auch sein Hausaufgabenheft, wo alle Aufgaben sorgfältig eingetragen werden mussten.

In den ersten Schulwochen fand die Neuwahl des Klassenelternaktivs (KEA) statt. Im Pädagogischen Rat wurde extra darauf hingewiesen, dass in das Aktiv unbedingt ein Genosse der SED gewählt wird, denn die Partei wollte überall präsent sein.

Ebenso fanden die Wahlen der Pionier- oder FDJ-Leitungen in den einzelnen Klassen statt. Die mussten dann nach dem Pionier- oder FDJ-Auftrag gemeinsame Vorhaben, angefangen von der Lernarbeit, Schulordnung, Ausflügen, politischen Diskussionen erarbeiten und im Schuljahr realisieren.

Niederschlag fanden diese Aufgaben auch im Klassenleiterplan des Klassenlehrers. Die Leitungen setzten sich aus den verschiedenen Funktionären zusammen, dem Gruppenratsvorsitzenden (in der FDJ dann der FDJ-Sekretär), den Stellvertreter, den Schriftführer und Funktionären für Kultur, Wandzeitungsarbeit usw.. Zwei aus der Pioniergruppe wurden in den Freundschaftsrat gewählt, der die Pioniere der ganzen Schule vertrat. Bei der FDJ war das dann die GOL, d.h. die Grundorganisationsleitung der FDJ. Die Organisation von Lernbrigaden gehörte auch zu den Aufgaben der Kinder- und Jugendorganisation mit dem Ziel, lernschwachen Mitschülern zu helfen, damit sie ihr Klassenziel erreichen. Diese Schüler wurden auch oftmals verpflichtet, sich ein Lernziel zu stellen, über dessen Ergebnis sie Rechenschaft ablegen mussten. Wenn das alles zusammen war, konnte erst das Schuljahr richtig beginnen. Die Kinder- und Jugendorganisationen führten nun nach dem zentralen Auftrag, dem Kampfprogramm, Gruppennachmittage durch, deren Hauptverantwortung der Klassenleiter hatte. Manchmal halfen ihm auch Eltern oder die Patenbrigade aus einem VEB, die das als Pluspunkt zur Erlangung des Titels „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ verbuchen konnte. Das betraf z.B. Exkursionen, Klassenfahrten, Besuche von Kino- und Theatervorführungen. Dafür erhielten die Gruppen und Klassen von der Schule die entsprechenden Fahrkarten ausgehändigt, so dass für den Einzelnen die Fahrten meist umsonst waren. Klassenfahrten wurden von der Abteilung Volksbildung finanziell unterstützt. Kein Schüler musste also aus diesen Gründen zu Hause bleiben.

Die Pionier- und FDJ-Nachmittage waren oft thematisch, z.B. Behandlung der Lebensläufe von Kommunisten wie Ernst Thälmann oder Lenin, oder historische Ereignisse der Arbeiterbewegung. Außerschulisch existierten auch eine Reihe von Arbeits- und Sportgemeinschaften. Schüler der höheren Klassenstufen konnten auch in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) sich vormilitärisch bilden lassen. Viele nutzten dort die günstigen Bedingungen zur Erlangung des Führerscheins, der in der DDR Fahrerlaubnis genannt wurde. Angestrebt wurde, dass alle Schüler sich außerhalb des normalen Schulablaufs sinnvoll beschäftigen. Damit einher ging auch die ständige Folge irgendwelcher Gedenktage, die vorbereitet werden mussten. Gefordert war auch die Teilnahme an Großdemonstrationen für die oberen Klassen, wie dem 1. Mai, dem Marsch zum Friedhof der Sozialisten Anfang Januar zum Gedenken an die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1919 u.a. Die Demonstrationen wurden staatlich angeordnet, und das Fußvolk erhielt bunte Winkelemente, d.h. bunte Papierfähnchen mit DDR-Emblem (Hammer, Zirkel, Ährenkranz auf Schwarz, Rot, Gold) oder dem, was gerade erforderlich war, wenn z.B. ein ausländischer Staatsgast die Stadt besuchte. Manche mussten auch ein Transparent mit einer vom ZK, dem Zentralkomitee der SED, herausgegebenen Losung gut sichtbar tragen. Meistens war das rot mit weißer Schrift. Nach dem Vorbeimarsch an der Tribüne, wo die Herrschenden jovial lächelnd saßen und winkten, ein Sprecher dem Sozialismus lobhudelte und einzelne Betriebe und deren Kampftruppen hoch-hoch-hoch-leben ließ, begleitet vom Marschrhythmus der Arbeiterkampflieder, war die Demonstration beendet. In den Ferien wurden die Kinder durch die Ferienspiele im Schulhort betreut. Der Tagessatz betrug eine Mark. Dafür bekamen die Kinder Mittagessen, Kinobesuch, Besuch des Schwimmbades usw.. Betriebe besaßen Betriebsferienlager. So war für die Kinder das ganze Jahr über gesorgt. Größere Schüler beteiligten sich am Schülersommer, d.h. sie arbeiteten für einige Wochen in einem Betrieb, der sie angefordert hatte. Ferientätigkeiten waren aber stets freiwillig, denn viele Eltern fuhren mit ihren Sprösslingen in den Urlaub.

Die Lehrpläne wurden erst nach gründlicher Erprobung in ausgewählten Schulen in der Praxis erprobt, Verbesserungen eingearbeitet und dann schließlich Gesetz. Einen wichtigen Beitrag leisteten dafür die Expertengruppen an der Pädagogischen Akademie der Wissenschaften (APW), die sich aus Wissenschaftlern der einzelnen Fachgebiete, wissenschaftlichen Mitarbeitern und aktiv im Schuldienst arbeitenden Pädagogen zusammensetzten.

Die Lehrpläne galten für das ganze Land. Der Vorteil bestand darin, dass Schüler, die mit ihren Eltern in einen anderen Teil der Republik zogen, sehr schnell auf den Stand des Wissensniveaus der neuen Schule kamen.

Die im Westen oft vorherrschende Meinung, dass alle DDR-Lehrer Mitglieder der SED waren, entspricht nicht den Tatsachen. Zahlreiche Lehrer gehörten keiner Partei an, mussten aber unter moralischem Zwang am Parteilehrjahr teilnehmen. Zentrale Weiterbildungsveranstaltungen begannen zumeist mit Vorlesungen und Seminaren zum Marxismus-Leninismus, wobei aktuelle Ereignisse unter dieser Sicht betrachtet wurden. Eine abweichende politische Meinung zu vertreten, wurde schon fast unter dem Aspekt der Blasphemie betrachtet.

Der Leser wird die geschilderten Ereignisse vielleicht als extrem empfinden. Aber der Roman wäre nie geschrieben worden, wenn sie nicht Realität gewesen wären.

Lehrer Müller und Prag 1968

Die im DDR-Plattenbaustil errichtete Neubauschule war an die Ecke von drei sich treffenden, stark vom Verkehr frequentierten Straßen erbaut worden. Die Lehrer fürchteten um das Leben der von ihnen unterrichteten Schüler, und es grenzte an ein Wunder, dass in den ersten Jahren nach der Eröffnung kein Kind zu Schaden gekommen war, denn Ampeln wurden zu aller Ärger erst sehr spät installiert.

Dazu waren mehrere Eingaben beim Rat der Stadt notwendig gewesen und wahrscheinlich auch einige schwere Autounfälle, die, nebenbei bemerkt, für die Schüler stets eine Abwechslung ihres öden Schuldaseins darstellten.

Horst Müller war seit ihrer feierlichen Eröffnung Lehrer dieser Schule. Sein ehemaliger Direktor hatte, nachdem er für die Leitung der neuen Bildungseinrichtung eingesetzt wurde, ihn gleich mitgenommen, weil er dessen Arbeit schätzte.

Horst unterrichtete in den Fächern Musik und Geschichte von der fünften bis zur zehnten Klasse.

Bisher hatten sie ihn in Ruhe gelassen. Er unterrichtete gewissenhaft stur nach Lehrplan, denn schließlich sollten sie ihm nichts nachsagen können.

Der Kollege, der ihn ständig mit der Frage nervte, warum er als Geschichtslehrer immer noch nicht der Partei der Arbeiterklasse, der SED (SED - Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die führende Partei in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)), beigetreten sei, war im Jahr vor der Schuleinweihung an einer Embolie nach erfolgreicher Operation gestorben.

Müller argumentierte seine Weigerung stets mit den hohen Beiträgen, die Parteimitglieder - kurz: Genossen - zu zahlen hätten und mit der dort geforderten Parteidisziplin. Er beschwichtigte diese Ablehnung mit dem Hinweis, dass er bisher mit der Politik der Partei übereinstimme, aber er wolle sich doch das Recht auf eigene Meinung nach wie vor selbst vorbehalten. Mochten sie doch von ihm denken, was sie wollten. Von seiner christlichen Überzeugung her war ein Parteibeitritt kein Thema für ihn.

Nach dem Tode des auf ihn angesetzten Genossen ließen sie ihn - wie schon erwähnt - in Ruhe, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als die Schule die neue Direktorin bekam. Sie trat 1987 ihren Dienst an und wurde vom Schulrat als Genossin Sanam vorgestellt. Müller fand sie anfangs schön und sympathisch.

Aber diese Frau wurde für ihn nur der I-Punkt von Erkenntnissen und Überzeugungen, die in ihm seit den Ereignissen des Jahres 1968 in der Tschechoslowakei gekeimt waren.

***

Als Horst Müller damals seinen Urlaub in Prag der Schulleitung bekannt gab - denn sie wollte immer wissen, wo die Kollegen zu erreichen waren -, wurde er zum damaligen Direktor, dem Genossen Schneeacker, gerufen.

„Sagen Sie mal, Kollege Müller, wissen Sie überhaupt, in was für ein Land Sie dort fahren? Haben Sie denn nichts von den dortigen antisozialistischen Umtrieben gehört?“

Müller fand die kluge Antwort, die man solchen Leuten nur sagen konnte:

„Herr Schneeacker, ich weiß, was ich meinem Land, der Deutschen Demokratischen Republik, schuldig bin, deren Staatsbürger ich mich nennen darf.“

„Ich kann diese Reise zwar nicht verhindern, aber ich möchte Ihnen doch dringend davon abraten.“

„Du kannst mir viel erzählen„, dachte sich Müller und war froh, dass sie seine Gedanken nicht auch noch kontrollieren konnten, „Im Januar hast du mir auf einem gemeinsamen Nachhauseweg erzählt, dass du im Krieg bei der Waffen-SS warst. Du bist doch der Letzte, dem ich eine sozialistische Überzeugung abnehme.“

Durch eine Bekannte hatte Müller im Jahr zuvor einen tschechischen Journalisten kennen gelernt und ihm bei Übersetzungsarbeiten geholfen. Aus dieser ersten Begegnung wurde eine gute Freundschaft, die Jahre andauern sollte.

Anfang des Jahres 1968 traf er Pavel auf dem Weg zur Schule. Müller war völlig überrascht, als er von seinem Freund stürmisch umarmt wurde.

„Horst, wir sind frei. Alexander Dub?ek ist gewählt worden.“

Müller verstand ihn nicht ganz, aber freute sich doch mit ihm. Sie verabschiedeten sich in großer Herzlichkeit.

Umso ernüchterter war Herr Müller, als ein Schüler auf ihn zutrat und sich neugierig erkundigte, wer der Mann da gewesen sei. Müller zog es vor, nicht zu antworten.

Mit großem Interesse verfolgte Müller von nun an die Ereignisse im Nachbarland.

Pavel war Korrespondent der Zeitschrift „Sw?t v obrazech“ („Welt in Bildern“) und schrieb auch Artikel für das Blatt „Literarni listi“ („Literaturblätter“), das besonders in den Tagen des Widerstandes gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes eine wichtige illegale Informationsquelle blieb.

Horst Müller war Geschichtslehrer mit Leib und Seele. In der Tschechoslowakei konnte er Geschichte mit den Händen greifen. Das sollte er sich entgehen lassen? Nein, Herr Genosse Schneeacker, deine hohlen Argumente ziehen bei mir nicht.

Er war von Bekannten seiner Eltern, die dort einmal im Urlaub gewesen waren, eingeladen worden. Sie wohnten nicht weit von der Karlsbrücke in Prag. Der Weg zum Hradschin war außerordentlich reizvoll. Dort konnte er eine für ihn unvergessliche Beobachtung machen. Er erblickte freudig erregte Menschen, die einigen Männern zujubelten, als sie in das historische Gebäude des tschechischen Staatspräsidenten Ludvik Svoboda traten. Unter ihnen erkannte er Alexander Dub?ek.

Die Freude der Menschen war spontan. Sie kam aus ihrem Herzen. Müller verglich die Pflichtübungen in seinem Land mit dieser Szene, und er wurde sehr nachdenklich.

Die Bekannten übersetzten ihm abends die Rundfunksendungen. Da sprachen Bürger frei und offen aus, was sie bewegte. O, wie er die Tschechen um ihren Dub?ek beneidete.

In der Kneipe „U dvou ko?ek“ („Zu den zwei Kätzchen“) luden ihn zwei Arbeiter zum Bier ein. Sie schwärmten von der „Demokrace“, waren aber gleichzeitig von großer Sorge erfüllt, dass ihr Weg von den Warschauer Vertragsstaaten nicht geduldet wird.

„Sagen Sie allen Menschen in der DDR, dass wir den Sozialismus nicht beseitigen wollen. Wir wollen ihn nur demokratischer und menschlicher.“

Überall sah er am Tage die Menschen Zeitung lesen. Einen solchen Hunger an Informationen hätte er sich nie vorstellen können. Von der Nationalstraße auf den Wenzelsplatz kommend, erblickte er in tschechischer Sprache die Inschrift: „Breshnew, Ulbricht …. sind die Kreuzritter von heute“, in einem Hausflur: „Karel Gott ist unser Mann“ und auf dem Pet?in, wo der Prager Fernsehturm errichtet war, sah er die russische Schrift, die den aus der Sowjetunion stammenden Touristen Informationen über die Anlage gab, schwarz durchgestrichen mit der Bemerkung: „To neni pro nas! Das ist nichts für uns!“

Pavel sagte zu ihm, die Tschechen wollten aus dem Warschauer Vertrag austreten und den Status von Österreich erhalten. Bald kann auch jeder Tscheche dorthin reisen, wohin er will.

Danach sehnte sich Müller auch: grenzenlos reisen zu können. Sein Land kam ihm wie ein Gefängnis vor. Jeden Tag sah er diese elende Mauer, ein unüberwindbares Hindernis für seine Wünsche. O ja, er gönnte den Tschechen ihre Freiheit, denn ihre Ziele entsprachen auch seinen Interessen.

Er traf amerikanische Studenten aus Washington D.C., die ihm erzählten, wie sehr sich die Menschen hier für praktische Demokratie interessierten. Nur ein einziges Mal traf er einen Mann, in Tabor, der Dub?ek am liebsten erschossen hätte und ihn als Verräter titulierte.

Die alten Parteidogmatiker waren eine Minderheit geworden. Aber sie waren noch gefährlich stark.

Kurz bevor er Mitte August nach Berlin zurück fahren wollte, machte er abends vor dem Waldsteingarten eine eigentümliche Entdeckung. Eine Reihe schwarzer Limousinen, den üblichen Staatskarossen gleichend, hatte dort Halt gemacht. Leute huschten durch das kleine Tor, als ob sie nicht gesehen werden wollten.

Er erzählte gleich am nächsten Tag seinem Freund Pavel, was er gesehen hatte. Der konnte sich keinen Reim darauf machen. Vielleicht war diese Beobachtung für die folgenden Ereignisse ohne Bedeutung, oder hatte sie etwas damit zu tun?

Als Müller nach Berlin zurückgekommen war, erzählte er seinen Bekannten mit begeisterter Freude von dem, was in der Tschechoslowakei geschah. Er begegnete viel Skepsis.

Dann überschlugen sich die Geschehnisse. Invasion der Truppen der Warschauer Vertragsstaaten - nein „brüderliche Hilfe“. Verantwortungsbewusste tschechische Patrioten hätten um ein Eingreifen ersucht. Nur, wer waren diese „Patrioten“? Müller dachte an seine Beobachtung in der Nähe des Waldsteingartens.

Er schnitt auf Band die verzweifelten Aufforderungen des Prager Rundfunks mit, die er über Kurzwelle empfangen konnte: „Lieben deutschen Freunde! Hier ist Prager tschechoslowakische Rundfunk. Wir und das tschechische Volk sind mit der Okkupation unseres Landes nicht einverstanden. Lieben deutschen Freunde, verhalten Sie sich ruhig …“, dann den Aufruf des eigenen Senders, der mit unwahrscheinlichem Zynismus die Aggression als brüderliche Hilfe und die menschlichen Züge des tschechischen Weges als Konterrevolution bezeichnete.

Müller ekelte es. Er traf in diesen Tagen eine ehemalige Kommilitonin und machte seiner Empörung Luft. Sie reagierte:

„Horst, sei bloß ruhig. Ich bin in der Partei und verpflichtet, dich zu melden.“

„Wenn du das mit deinem Gewissen vereinbaren kannst? Die Wahrheit lässt sich nicht für immer unterdrücken.“

Der Student Jan Parlach verbrannte sich in Prag vor dem Wenzelsdenkmal, um gegen die Okkupation und für die Freiheit seiner Heimat ein Fanal zu setzen. Die Parteileute wurden nervös.

Überreizt und gespannt war auch die Atmosphäre in der Vorbereitungswoche auf das neue Schuljahr 1968/69.

In der ersten Unterrichtsstunde nach den Schulferien und dem Fahnenappell, auf dem die Schüler in Pionier- oder FDJ-Kleidung (FDJ – Freie Deutsche Jugend – kommunistische Jugendorganisation in der DDR – Zeichen der FDJ-Kleidung war ein blaues Hemd mit dem Wappen einer strahlenden Sonne am Hemdsärmel) zu erscheinen hatten, musste eine obligatorische Politinformation abgehalten werden, in der die aktuellen Geschehnisse während der Ferienzeit ins parteiideologisch „richtige“ Licht gerückt werden mussten.

An den Reaktionen vieler Kollegen stellte Müller fest, dass eine Anzahl so dachte wie er. Das beruhigte seine aufgeputschten Gefühle etwas.

„Natürlich werden die Schüler wieder mit Argumenten der Westmedien kommen“, ereiferte sich Genosse Direktor Schneeacker.

Eine Genossin der Schulparteileitung (SPL) fand dann die befreiende Lösung:

„Wen der Feind lobt, der hat Fehler gemacht.“

Nun war alles wieder in Butter. Das ideologische Schema stimmte wieder, in das alles eingeordnet werden konnte.

Sie zeigte sogar Verständnis für den Widerstand des tschechischen Volkes; aber, so betonte sie, der Sieg des Sozialismus sei nicht aufzuhalten und eines Tages werden die tschechischen Menschen im Rückblick auf ihre Geschichte den Truppen des Warschauer Vertrages für ihre selbstlose Hilfe dankbar sein.

Schade, dass sie es nicht mehr erleben konnte, wie sich später die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten für diesen Einfall vor dem tschechischen Volk entschuldigten.

Müller sollte diese Politinformation in einer neunten Klasse durchführen. Eine Genossin der SPL (Schulparteileitung) wollte bei ihm hospitieren.

„Sie waren in Prag, Kollege Müller, und ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen schwer fällt, unbefangen über diese Dinge dort zu sprechen. Fragen Sie doch einfach, was die Schüler darüber wissen. Außerdem hat mein Sohn einen Kurzvortrag zu den Ereignissen vorbereitet.

Der Fahnenappell wird Ihnen die Zeit auch noch etwas verkürzen.“

Sie zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu, und er merkte, dass die Genossen untereinander auch nicht so einmütig dachten.

Erst später erfuhr er, dass die Genossin noch ein anderes Motiv hatte, ihm aus dieser vertrackten Situation, die ihm Beruf und Altersversorgung gekostet hätte, zu helfen. Sie stammte aus der gleichen ostpreußischen Stadt, in der er während des Krieges geboren wurde. Müller konnte in seinem Leben immer wieder die Erfahrung machen, dass Menschen, die von dort kamen, innerlich tief miteinander verbunden waren.

Trotzdem wurmte es ihn, dass er vor den Schülern bisher keine Stellung bezogen hatte.

Als er im Geschichtsunterricht einer sechsten Klasse die Hussitenbewegung nach dem vorgeschriebenen Lehrplanstoff behandelte, spielte er den Kindern Bed?ich Smetanas Komposition „Tabor“ aus dem Zyklus „Mein Vaterland“ vor.

Er erläuterte die Komposition so, dass man leicht Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen konnte.

Er ging sogar noch einen Schritt weiter und erklärte ihnen den Inhalt der folgenden Sinfonischen Dichtung „Blanik“:

„Das ist ein Berg in der Tschechoslowakei, in dem nach der Sage die Befreier der Tschechen warten. Eines Tages werden sie heraus kommen und ihnen die Freiheit bringen.“

Die Kinder schauten ihn groß an. Einer wollte sich sogar die Platte kaufen.

Als er seinem Freund Pavel davon erzählte, holte der stumm ein kleines Relief aus der Schublade und zeigte es ihm bewegt.

„Nur meine besten Freunde dürfen das sehen.“

Horst Müller sah die Darstellung des Wenzelsdenkmals mit einem angelehnten Kranz.

„Jan Parlach“, murmelte er, „was bedeutet aber die Inschrift ,NEPOMINAME’?“

„Wir werden es niemals vergessen.“

„Weißt du, neulich traf ich unseren Pionierleiter. Er war so voller Hass gegen euch. Ich sagte ihm, ich bezweifle, dass überhaupt jemand die Truppen um Hilfe gebeten hätte. Er antwortete mir, dass er gut mit Heinz Hoffmann, dem Verteidigungsminister, bekannt sei und der hätte in diesem Zusammenhang die Namen Bilak und Husák erwähnt.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen, denn Husák versucht ja noch zu retten, was zu retten ist“, zweifelte Pavel.

Das war nun schon 20 Jahre her. Pavel verstarb Mitte der 70er Jahre ganz unerwartet an einem Herzinfarkt.

Vorbereitungswoche - Müller macht sich seine eigenen Gedanken

Das neue Schuljahr 1988/89 begann mit der üblichen Vorbereitungswoche, in der die Lehrer sich um ihre Fachräume, die Lehrbücher und Materialien zum Unterrichten kümmerten und vor allem politisch eingeschwenkt werden sollten. Außerdem erhielten die Klassenleiter die Stundenpläne des ihnen anvertrauten Schülerkollektivs und alle Kollegen ihren persönlichen Einsatzplan. Dann mussten organisatorische Fragen des Schuljahres gelöst werden, wie die Überarbeitung der Hausordnung, die Bekanntgabe des Schuljahresarbeitsplanes, die Pausenordnung, die Ordnung während der Schülerspeisung, die Festlegung der Pausenaufsichten und, und, und ...

Die Direktorin, Genossin Sanam, wurde in der ersten großen Sitzung für alle Lehrer nicht müde, die führende Rolle der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, eine marxistisch-leninistische Partei, die für sich die führende Rolle im Staatswesen der DDR beanspruchte) zu betonen.

Jedes Klassenelternaktiv (KEA), das bis zum Oktober neu aufgestellt und gewählt werden musste, hatte mindestens einen Genossen der Partei zur Mitarbeit in diesem Gremium zu gewinnen.

Warum eigentlich, fragte sich Müller, der jetzt eine zehnte Klasse zum Abschluss führen sollte.

***

Seine Gedanken schweiften wieder ab.

Diesmal zum Urlaub, den er in diesem Jahr mit seiner Frau Carolin in Rumänien verbracht hatte.

Ihr Sohn hatte ihnen diese Reise verschafft. Schon mit achtzehn Jahren war er mit einem Kollegen kreuz und quer durch Ungarn, Bulgarien, die Tschechoslowakei, die Sowjetunion und Rumänien gefahren, gewandert und getrampt.

Nun hatte er seinen Eltern eine Individualreise verschafft, eine Reisemöglichkeit, die nicht DDR-typisch war. Für die Angestellten im Haus des Reisens am Alexanderplatz schien diese Individualreise ein Horror an Arbeit zu sein. Müllers mussten lange am Schalter warten, bis sie alle Voucher und anderen Unterlagen wie beispielsweise Flugtickets in der Hand hielten.

Der Flug nach Bukarest mit einer Maschine der rumänischen Fluggesellschaft TAROM verlief ohne besondere Zwischenfälle. Nur das Bordessen war schon ein kleiner Vorgeschmack auf die Mahlzeiten im Hotel. Es mundete nicht sehr gut.

Als Individualreisende wurden sie vom Flughafen von einer jungen Reiseleiterin zu einem schwarzen Dacia mit gelber Nummer geführt, dessen Fahrer einen schwarzen Anzug trug. Er fuhr sie zu einem der Erste-Klasse-Hotels in Bukarest, nahm einen der Voucher entgegen und fuhr ab.

Am nächsten Tag wurden sie mit diesem Wagen zu einer Stadtrundfahrt geladen, besichtigten ein Landmuseum, eine orthodoxe Kirche und vieles andere mehr. Müller wunderte sich, mit welcher Frechheit der Fahrer durch die Straßen von Bukarest fuhr. Zur Kirche benutzte er eine Einbahnstraße in Gegenrichtung. Ein ihnen entgegen kommender Polizist salutierte sogar.

„In was für einem Wagen saßen wir denn da? Der Mann konnte sich alles erlauben“, wandte sich Müller nach der Stadtrundfahrt verwundert an seine Frau. Carolin konnte sich das auch nicht erklären.

Bei der Rundfahrt fielen die großen Plätze und protzigen Bauten auf. Carolin flüsterte ihrem Mann spontan ins Ohr:

„Staatlicher Größenwahnsinn! Der Ceaucescu muss verrückt sein.“

Nachts war Bukarest dunkel. Die Straßenbahn, die vor ihrem Hotel hielt, schien innen nur mit einer installierten Taschenlampe beleuchtet zu sein, deren Batterien schon ziemlich schwach waren. Auch die Straßen waren finster. In den Fenstern der Einwohner brannte kaum Licht. Nur die Großbauten des Ceaucescu-Sozialismus prangten die ganze Nacht über im grellsten Flutlicht.

Aber erst am letzten Tag ihres Urlaubs empörten sie sich maßlos über dieses übertriebene Licht aus zahlreichen Scheinwerfern. Da waren sie auch in Sibiu (Herrmannstadt), Mamaia und Suceava gewesen. Da wussten sie, dass die Rumänen nur 42 KW Strom im Monat verbrauchen durften. Das ist der monatliche Energiebedarf eines Kühlschrankes!

Das rumänische Fernsehen, welches kurz vor 20 Uhr mit seinem Programm den Äther beleidigte, war auch für den, der kein Wort Rumänisch verstand, ein absolutes Brechmittel. Zuerst kam heroische Marschmusik, der sich noch ein Chor zugesellte, und danach wurde in den Nachrichten das Lob Elena und Nicolae Ceaucescus gesungen vor einem Neubau, auf einem Feld, und man sah immer wieder grinsende, zufriedene Gesichter.

Die Hofberichterstattung ist hier ja noch schlimmer als bei uns, dachte sich Müller, aber sie konnte sehr schnell auch in der DDR solche Formen annehmen, wenn der Generalsekretär der Partei anders hieße.

In Sibiu erfuhren sie, dass es dort kaum Milch und Eier zu kaufen gäbe. Nach drei Happen aus einem Schnellimbiss war es Müller mehrere Tage schlecht ergangen. Der Magen hatte sich umgestülpt.

Im Hotel gab es jeden Tag Ei und Milch.

„Wir essen den Rumänen alles weg“, schämten sich Müllers und aßen ohne Appetit.

In Mamaia erfuhren sie erstmals, dass diese schwarzen Dacias mit den freundlichen Fahrern im schwarzen Anzug auch noch andere Aufgaben hatten. Das junge Mädchen, das sie als Reisebegleiterin zugeteilt bekamen, hatte Mut. Erstmals lernten sie einen neuen Begriff kennen: „SECURITATE“.

Am Schwarzen Meer lernten sie auch ein nettes Seniorenehepaar aus Brašov (Kronstadt), der berüchtigten Stadt des Grafen Dracula, kennen.

Sie sprachen fließend Deutsch, da sie zur Volksgruppe der Siebenbürgener Sachsen gehörten. Sie betätigten sich als Reiseleiter. Ihren Enkel hatten sie mitgenommen, damit er endlich einmal gutes Essen kennen lernt.

Sie waren sehr unglücklich, dass er nicht viel aß und ständig herummäkelte.

Müllers empfanden die Zustände in den Schwarzmeerkurorten empörend normal. Hier gab es gutes Essen, ein reichliches Warenangebot, Abwechslung und vielseitige Möglichkeiten der Erholung. Ein deutscher Urlauber prahlte in penetrant lauter und angeberischer Weise:

„Ich fahre schon über 30 Jahre hierher. Rumänien ist ein wundervolles Land!“

Hat der Mann in den 30 Jahren überhaupt etwas von diesem Land mitbekommen, von seinen Problemen und dem Frust der hier lebenden Menschen?

Müllers waren froh, als sie in der kleinen AN in den Norden nach Suceava fliegen konnten.

Zum Hotel „Arcašul“ („Der Bogenschütze“) fuhr sie wieder ein Dacia mit schwarzer Farbe und gelber Nummer. Beide dachten nur: „Securitate“ und schwiegen.

Dem Hotel gegenüber befand sich eine kleine griechisch-orthodoxe Kirche, der gerade, als sie aus dem Hotelfenster schauten, Frauen in dunkelfarbenen Kopftüchern und Männer mit den typischen Gesichtern bäurischer rumänischer Abstammung entströmten.

Sie versammelten sich draußen vor einem steinernen Kreuz und hielten Liebesmahl.

Neugierig geworden, wollten Müllers die Szene näher betrachten. Ein Mann führte sie in das vom Weihrauch geschwängerte Kirchlein, entpuppte sich aber schnell als ein Schnorrer, der unbedingt Zigaretten haben wollte. In der Kirche dauerte es lange, bis sich Müllers an die Dunkelheit gewöhnt hatten.

Zwei Tage später war hier eine Trauerfeier. Das Schauspiel berührte sie eigenartig. Männer trugen Kirchenfahnen voran. Der Tote wurde auf offener Trage zum Sarg gebracht und auf der Straße eingesargt. Hinter ihm folgten die Angehörigen mit dem schwarz gekleideten Popen und den Trauergästen. Ein mit einem Baldachin überdachter von vier schwarzen Pferden gezogener Leichenwagen bewegte sich, die Trauergemeinde nach sich ziehend, zum Friedhof.

Der Friedhof von Suceava schien nur aus Gruftgräbern zu bestehen, über denen oft kleine Kapellen gebaut waren, in denen man nach dem Aufschließen still Andacht halten und des Verstorbenen gedenken konnte. Die Grüfte waren durch große, mit Henkeln versehene Platten abgedeckt. Horst Müller konnte sich jetzt gut die Horrorvisionen der Draculafilme vorstellen, in denen eine Leichenhand den Deckel hochhob. Carolin war deshalb froh, als sie wieder in die Stadt zurückkehrten.

„Du, „, bemerkte sie nachdenklich, „fällt dir nichts an den Häusern hier auf? Die sehen alle so merkwürdig neu aus. Hier stimmt doch irgendetwas nicht.“

Müller konnte sich das ebenfalls nicht erklären.

Am Sonntagabend besuchten sie die Versammlung einer freien evangelischen Gemeinde. Der wunderschöne Gesang hatte sie angelockt. Sie fanden auch gleich Kontakt und wurden eingeladen.

Die Unterhaltung war in Englisch.

„Wo könnten wir uns treffen?“

„Wir wohnen im ,Arcašul’.“

„Nein, dort auf keinen Fall. Das gehört der Securitate.“