Das letzte Sextett - Gerd Johann Teebken - E-Book

Das letzte Sextett E-Book

Gerd Johann Teebken

0,0

Beschreibung

Sechs beruflich erfolgreiche Ehemänner beschließen mit ihrer Jazzband an alte Erfolge anzuschließen. Mit Skrupelloser Gier und Coups auf Banken und Juweliere mit tödlichem Ausgang wird aus der Band eine blitzschnell agierende Gang, die spurlos untertaucht. Fahndern vom Drogendezernat gelingt es, einen Bridgeklub der Kapstädter Hautevolee auszuheben. Sie stoßen auf Mengen von Cannabis und auf einen Teil der geraubten Pretiosen und bereiten den Zugriff vor. Die Band wird verhaftet. Mit der Gier und Mordlust eines Pärchen haben sie nicht gerechnet und können zwei Doppelmorde nicht verhindern.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gerd Johann Teebken

Das letzte Sextett

Den Mördern auf der Spur

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Tag der Erleuchtung 25. Juni 1966

Sex Apostels 16. Dezember 1966

Posträuber Dienstag, 10. Januar 1967

Raubmord Montag, 12. Juni 1967

Die Pianistin Freitag, 11. August 1967

Der Kurier Samstag, 16. September 1967

Fish Hoek Montag, 22. Oktober 1967

Meeting Freitag, 5. Januar 1968

Schicksale Mittwoch, 7. Februar 1968

Happy Birthday Samstag, 2. März 1968

Delphische Weihen Freitag, 3. Mai 1968

Zerknirschung Donnerstag, 4. August 1968

Der Fahnder Freitag, 5. August 1968

Die Chansonette Samstag, 10. August 1968

Der Dealer Donnerstag, 15. August 1968

Die Verräter Dienstag, 10. September 1968

Der Bridgeklub Mittwoch, 13. November 1968

Der Masseur Mittwoch, 13. November 1968

Alte Liebe Dienstag, 19. November 1968

Galakonzert Freitag, 22. November 1968

Zugriff Samstag, 23. November 1968

Verzweiflung Samstag, 23. November 1968

Impressum neobooks

Tag der Erleuchtung 25. Juni 1966

Bevor Robert Eliot das Immobiliengeschäft für sich entdeckte, wohnte er mit seiner jungen Frau, Zehava, den Kindern Martina und Rupert, mit zwei Meerschweinchen, Hund und Katze in einem dreistöckigem Hanghaus in der Ricketts Close im östlich von Kapstadt gelegenen Simonstown. Seine Kumpels auf der Marinebasis nannten ihn Bobby und beneideten ihn um seine hübsche Frau und die niedlichen Kinder, die der Grund für seine robuste Gelassenheit zu sein schienen, mit der er jeden Morgen im Ingenieurbüro erschien und in der Lage war, für fast alle Probleme, gleich welcher Art eine Lösung zu finden, oder wenigstens einen Weg vorzuschlagen, wie man an eine verfahrene Sache rangehen sollte. Und davon gab es bei der südafrikanischen Navy eine ganze Menge. Bobby behielt stets den Überblick, was daran liegen konnte, dass er jeden Morgen auf seinem Balkon stand und auf die unter ihm liegenden Dächer, die Hafenanlagen mit den Tanks, der Werft und den Kriegsschiffen schaute, die wegen der relative ruhigen Zeit nur ganz selten in die False Bay hinaus fuhren und hinter der östlichen Kim des Indischen Ozeans verschwanden. Nach südlichem Kurs änderten die Schiffe nach wenigen Meilen den Kurs nach Steuerbord und umrundeten das Kap der Guten Hoffnung in westliche Richtung, um dann unter Volldampf auf Kapstadt im Norden zuzuhalten und die ehenmalige Lebrainsel Robbeneiland und er Tabel Bay zweimal zu umrunden. Dieses letzte Manöver war eigentlich eine unnötige Demonstration der militärischen Macht, weil von Robbeneiland noch nie ein Inhaftierter das Festland erreicht hatte. Diese absolute Sicherheit hatte die flache, kaum erkennbare Insel im Westen des Tafelberges mit dem Felsen von Alkazar in der Bucht von San Francisco gemeinsam. Ein Entkommen war wegen der starken Strömungen nicht möglich und erstickte die Hoffnung auf Freiheit im Keim. Einmal auf Robbeneiland, immer auf Robbeneiland. Und weil die nicht hingerichteten Guerillas schwarzer Hautfarbe auf der Insel Steine kopften, schlugen die Herzen der weißen Minderheit Tag und Nacht im gleichmäßigen Takt. Nichtsdestotrotz musste militärischen Stärke in der Tabel Bay demonstriert werden, um die Gemüter weißer Frauen und Mädchen zu beruhigen. Ob Bobby sich jeden Morgen darüber Gedanken machte, ist nicht überliefert, wohl aber, dass er von seinem Balkon auf die vielen Segel- und Motoryachten schaute und davon träumte, eines schönen Tages die Planken einer Yacht als Schiffseigner betreten zu können.

Bevor Bobby in den Hafen fuhr, um als bei der SAN (South African Navy) sein Geld zu verdienen, stellte er sich hin und wieder die Frage, was er tun könnte, um weg vom kargen Gehalt hin zum Reibach zu kommen. Er war jung genug, und unternehmungslustig genug, um auch ein Risiko einzugehen, das mit jedem Neuanfang verbunden war und erkannte, dass er in dem kleinen von den Briten gegründeten Städtchen mit mediteranem Touch an der Simonsbaai keine Chancen hatte, an des große Geld zu kommen. Ein Erbe stand nicht in Aussicht und die Besuche der Rennbahn in Kenilworth brachten auch mehr Verluste als Gewinne. Die Idee, wieder eine Jazzband zu gründen und als Saxophonist zusätzlich einen Mammon nach Hause tragen zu können, verwarf er anbetracht der Tatsache, dass seine alten Kumpels ebenfalls Väter geworden waren, Haus und Garten pflegten und keine Gedanken an eine Jazzband verschwendeten.

Nach seinem Studium Ende der 50ger Jahre schloss er mit Pit (Peter Bogner aus München) und Birgit, die als Heilgymnastin am Vincent-Pallotti-Hospital in Pinelands ihre Sporen verdiente, als gleichgesinnter Musikus Freundschaft. Eine Dreizimmerwohnung im Stadtteil Green Point im Westen der City war deren gemütliches Zuhause. Pit arbeitete nach seiner Einwanderung Mitte der 50ger Jahre als Elektroingenieur auch bei der SAN in Simonstown, bevor er auf die Idee kam, sein Salär als Barkeeper in der Sky Bar des Hotels Ritz in Sea Point mehr als zu verdoppeln. Wenn immer Bobby damals noch als unverheirateter Jungingenieur in der City weilte, besuchte er Pit, der ihm umsonst ein frisches Pils vom Fass zapfte und stets etwas Lustiges zu erzählen wusste. Hin und wieder griff er Bobby finanziell unter die Arme und half ihm aus größter Not. Das hatte Bobby nie vergessen und dafür war er ihm so dankbar, dass er Pit streng gehütete Geheimnisse anvertraute und mit ihm laut über seine und Pits Zukunft sinnierte.

An einem heißen Februarabend 1960 saß er wieder bei Pit im 20. Stock des Hotels Ritz an der Theke in der Sky Bar und schaute gelangweilt über sein Bierglas hinweg auf die im kitschigen Abendrot leuchtenden Wolken über der einsamen Insel mitten in der Tabel Bay. Seinen Freund hatte er bereits vor vielen Wochen gefragt, was er davon halte, wieder ihre alte Band zu neuem Leben zu erwecken. Aber Pit, dieser talentierte Klarinettist, hatte nur mitleidig gegrient und mit Hinweis auf seinen Job den Kopf geschüttelt. Wie so oft unter den Wirkungen des Alkohols, suchte Bobby damals als junger Ingenieur nach Wegen, sich aus ewiger Geldnot zu befreien, musste aber einsehen, dass er mit seiner gut bezahlten Tätigkeit als Maschinenbauingenieur zufrieden sein musste und sich die Flausen einer leidigen Jagd nach zusätzlichem Geld als marterielle Voraussetzung zur Erfüllung seiner luxuriösen Bedürfnisse aus dem Kopf schlagen musste. Dass Handel mehr Geld bringt, als Arbeit, war ihm damals schon klar, aber ihm fehlte die Phantasie, womit er als Ingenieur schwunghaften Handel treiben könnte.

Mehr aus Mitleid als aus Neugier wandte Bobby sich an diesem Freitagabende einem alten Mann am Ende der Theke zu, dem er schon einige Male am Tresen in der Sky Bar eher flüchtig begegnet war. Der Mann saß introvertiert auf seinem Hocker und blickte wie Bobby auf das Meer und die Insel in der Tabel Bay. Er schien an einem Gespräch nicht interssiert zu sein, deswegen hatte Bobby nie ein Wort mit ihm gesprochen. Heute schien er besonders traurig und mit seinen Gedanken allein zu sein und Bobby fragte sich unwillkürlich, ob auch er einmal traurig und einsam am Ende seiner Zeit an dieser Theke seine Zeit verbringen würde.

“Da sitz wieder der alte Ben Kaminski”, hatte Pit vor langer Zeit einmal geflüstert und dabei die gespreizten Finger vor sein Gesicht gehalten, um anzudeuten, dass der alte Knacker nicht ganz bei Trost zu sein scheint.

“Nach zwei Pils und zwei Schnaps glotzt er jedes Mal völlig bescheuert ins Abendrot, hebt die Gläser, als säße ein Freund vor ihm, kippt beides hinunter, zahlt und geht.”

“Armer Kerl, sitz immer auf dem gleichen Hocker.”

“Pole, spricht aber fließend Deutsch und Englisch.”

Bobby, der eher den Eindruck machte, als wäre er einer von den rebusteren Typen, die am Tresen palabernd den ersten Teil ihres Feieabends verbringen, spürte nach zweimaligem Hinblicken irgendwie Mitleid mit dem alten traurigen Einwanderer, den er des Öfteren allein am äußeren Ende der Theke sitzen sah und der offensichtlich in seiner Einsamkeit nicht gestört werden wollte. Wenn er mit dem Glas in der Hand nach Nordwesten glotzte und nichts von sie gab, gewann Bobby den Eindruck, dass er sich nach seiner Heimat zu sehnen schien oder sich an eine Begebenheit erinnerte, die nur schwer zu verarbeiten war. Auf jeden Fall machte er keinen lustigen Eindruck und Bobby nahm sich vor, das zu ändern. Er stellte sich nonchalant mit dem Glas in der Hand neben ihn und quatschte ihn unverbinndlich auf seine burschikose Art an.

“Na, überkommt dem Gentleman heute Abend ein bisschen Heimweh nach dem alten Europa?”

“Es ist nicht das Heimweh, das mich belastet”, sagte der Alte und richtete seine extrem hellbauen Augen mit einer Pfiffigkeit auf Bobby, dass ihm im ersten Moment eine Unsicherheit in Hinblick auf seine ursprüngliche übereilte Taxierung des Alten überfiel und ihn skeptisch als durchaus normal betrachtete. “Worüber ich mir Sorgen mache, ist die Zukunft dieses Staates, dessen zukünftige Regierung auf der fernen kleinen Insel zusammengefrecht darauf wartet, befreit zu werden, um dem Land die Freiheit zu garantieren, die es seit zwanzig Jahren verlangt.”

“Solange die ANC-Führung auf der Insel Steine klopft, solange können wir auf dem Festland in Frieden leben.”

“Und jeder Weiße weiß, dass es die Ruhe vor dem Sturm ist, jeder Weiße weiß, dass es so nicht weiter gehen kann, dass die Kathastrophe darauf lauert, zuzuschlagen.”

“Noch ist es nicht so weit. Und so lange uns Pretoria Frieden garantiert und die Macht nicht aus den Händen gibt, so lange wird Südafrika prosperieren und stolz darauf sein, eine der härtesten Währungen der Welt zu prägen.”

“Aber auch nur so lange, so lange die USA die weiße Diktatur unterstützt und das wird sie sich nicht mehr lange ohne die Zustimmung der westlichen Verbündten können. Es gibt nur eine Gattung Mensch auf der Welt.”

“Eine, die die Oberhand behält und die andere, die sich beugen muss, ob sie will oder nicht. In unserem Staat gilt das Gesetz des Stärkeren und der ist weiß. Und so lange der weiße Mann die Macht in Händen hält, wird sich daran nichts ändern. So einfach ist das in Südafrika.”

Der alte Mann runzelte die Stirn, schaute abwesend Bobby an, zuckte ob der Ignoranz mit den Schultern und glotzte weiter ins Abendrot. Bobby entschloss sich, kehrt zu machen, als der Alte sich umdrehte, sich räusperte und ihm wieder mit seinen mit ungewöhnlich blauen Augen ins Gesicht schaute.

“Amerika und die europäischen Verbündteten sind weit weg. Auch in meinen Erinnerungen rückt der Krieg, die Verfolgungen, Vertreibungen und das Wettrüsten in Europa immer weiter weg. Ich denke gerade nicht an das vom Kalten Krieg beherrschte Europa, sondern an das, was uns hier vor unserer eigenen Haustür abspielt. Ich denke an die Ungerechtigkeiten, die in vielen Staaten, die von einer weißen Minderheit mit eisender Hand regiert werden, von einer dunkelhäutigen Mehrheit oder von einer religiös differenten Glaubensgemeinschaft erduldet werden müssen.”

“Das werden Sie auch nichts ändern können, das war schon so, als die Menschen weder schreiben noch lesen konnten und das wird so bleiben bis ans Ende der Welt.”

“Und was denken Sie über die dunkelhäutigen Männer, über die promovierten Häftlinge auf der kleinen Insel unter uns in der Tabel Bay? Denken Sie vielleicht auch mal an die schwarze Elite, die unter Aufsicht weißer ungebildeter Wachmänner auf Robbeneiland Steine klopfen muss. Den ganzen Tag müssen diese Schwarzen, die Hochschulreife erlangt haben, im Ausland studierten, promoviert wurden, mehrsprachig sind, als Ärzte und Rechtanwälte ihre Familien in ihren stattlichen Häusern ernährten und eine rosige Zukunft vor Augen hatten, wie die Juden in Deutschland, bevor die Nazis an die Macht kamen, Frondienste übelster Art auf der Insel verrichten. Jetzt müssen sie stundenlang in brütender Hitze ausharren und die primitivste Sklavenarbeit ausführen, die man sich auf dieser Welt überhaupt vorstellen kann.”

“Die Elitenigger haben es nicht anders verdient.”

“Aus Ihrer ignoranten Ansicht spricht eine den Weißen eigene und nicht nachvollziehbare Aversion gegen alle dunklen, schwarzen und nicht weißen Menschen. Das ist Rassismus, den ich nicht teilen kann und will. Ich wurde selbst diskriminiert, verfolgt und außer Landes getrieben. Ich weiß, was es heißt, wenn man sich gegen eine Diktatur nicht wehren kann, die Rassenhass auf ihre Fahnen geschrieben hat und sich und ihresgleichen als arische Herrenmenschen über alle anderen Menschen stellte.”

“Das ist Geschichte. Die Deutschen mussten bitter für ihren Hochmut bezahlen, die einst fanatisch jubelnden Kriegerwitwen ihre Halbwaisen ernähren und ohne väterliche Unterstützung erziehen. Arroganz kam vor dem Fall der buckelnden Trümmerweiber, die ihren geliebten Führer an die Macht gejubelt hatten, sich im Beginn Ihres tausendjährigen Reichs sonnten und mit ausgestreckltem rechten Arm Heil Hitler und Sieg heil brüllten. Sie alle haben bitter für ihren Hochmut bezahlt.”

“Ich habe meine Familie vor der Diktatur verloren.”

“In Südafrika leben wir nicht unter einem Diktator, wir leben in einer Demokratie, halten freie Wahlen ab und wehren uns mit Recht gegen die Übermacht der Nigger. Mittels strenger Apartheidgesetze halten wir sie in Schach. Wenn wir die Apartheid nicht durchsetzen würden, hätten diese studierten Nigger da unten auf der Insel bereits die Macht übernommen und Südafrika ins Chaos gestürzt.”

“Die da unten sind keine Nigger, sondern Schwarze.”

“Für euch Europäer vielleicht, aber für uns Buren sind diese mordenden Guerillas da unten Nigger, nichts anderes als dreckige Nigger, die von den Russen mit Waffen versorgt werden, um unsere weiße Regierung zu stürzen und uns Europäer außer Landes zu treiben.”

“Waren Sie schon mal in Europa?”

“Nein. Meine Vorfahren und meine Cousins gehören zum Clan der Eliots und leben seit Generationen in der Nähe von Edinburg in Schottland. Ich bin mit Herz und Seele immer noch ein stolzer Schotte und lasse mich von den primitiven Niggern nicht aus der von meinem Großvater gewählten neuen Heimat vertreiben.”

“Davor habe ich keine Angst, wobei ich gestehen muss, dass ich erst vor zwölf Jahren, also 1948 nach Südafrika immigriert bin. Zehn Jahre habe ich in Manchester gelebt und ein zweites Mal geheiratet. Als zum christkichen Glauben konvertierter Urenkel polnischer Händler wurde ich in Kiel geboren, bin dort zur Schule gegangen und sollte in dritter Generation das Familienunternehmen in Kiel übernehmen. Daraus wurde nichts. Hier hatte ich keine Chance, bin aber ein glücklicher Familienvater.”

“In so kurzer Zeit, kann niemand ein Heimatgefühl entwickeln. Mein Vater, meine beiden Brüder und ich wurden hier geboren und verteidigen unser Heimatrecht mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Kein Nigger hat das Recht, mich aus diesem Land zu verteiben.”

“Da liegen Sie falsch, junger Mann. In absehbarer Zeit werden die Schwazen das Sagen haben und die politische Verantwortung übernehmen. Dagegen können Sie sich nicht wehren. Wenn Ihnen die Politik nicht passt, steht es Ihnen frei, zum Clan nach Edinburg zurückzukehren.”

“Ich bin Südafrikaner und den Buren sehr verbunden.”

“Das bin ich mittlerweile auch. Mich zieht es nicht nach Deutschnd zurück. Ich fühle mich in Kapstadt sehr wohl und zu Hause, habe meine Kinder hier großgezogen und genieße meine alten Tage in diesem schönen Land.”

“Darauf hoffe ich auch und ich wünsche Ihnen vom ganzen Herzen, dass sie das auch weiter können.”

“Wenn Sie die ausländische Presse lessen würden, hätten Sie erfahren, dass es mit dem Lecker Leve bald zu Ende sein wird und wir unruhigen Zeiten entgegen sehen.”

“Sie scheinen einen bemerkenswert pessimistischen Standpunkt zu vertreten. Das tue ich nicht. Ich bin da lieber Optimist und freue mich über jeden neuen Tag.”

“Ich bin Realist und betrachte die derzeitige Situation in Südafrika eher mit Skeptis. Für mich als Pessimist sieht die Zukunft nicht besonders rosig aus. Es brodelt überall, das Ausland will in Südafrika mitreden, will Bürgerrechte für alle Rassen von der Regierung garantiert wissen.”

“Das ist unmöglich. Das führt nicht nur zu chaotischen Aufständen, sondern zu Mord und Totschlag und letztlich zu einem Bürgerkrieg, der mit allen Mitteln verhindert warden muss.”

“Wie wollen Sie das verhindern?”

“Dadurch, dass die Führer der schwarzen Guerillas verhaftet und weggesperrt bleiben. Auf Robbeneiland sollen sie Steine klopfen, bis sie verrecken. Diese Insel ist der sicherste Ort in Südafrika, um schwarze Verbrecher von weißen Bürgern fernzuhalten bis sie unter den Steinen liegen und für uns keine Gefahr mehr bedeuten.”

“Obrigkeit ohne Recht, nur mit Gewalt wird nicht alt.”

“Früher sind die Lebrakranken auf der Insel verreckt.”

“Wo hätte man die armen Schweine sonst verstecken sollen. Damals war die Ohnmacht zur Mutter der Gewalt.”

“Das ist lange her”, sagte Bobby und schaute auch versonnen auf die Insel, die in weiter Ferne als schwarzer Strich in der Bucht zu erkennen war. “Einsame Inseln sind oft dazu verdammt, traurige Zeiten hinter sich zu lassen. Dennoch hing damals das verlängerte Überleben der armen Erkrankten von der Macht der Gesunden ab. Das ist in sich ein Widerspruch.”

“Noch länger ist es her, dass nur Robben auf der Insel lebten und Jäger an Land gingen, um die Brut zu töten.”

“Robbeneiland ist zwar ein von den Briten erfundenes Konzentrationslager ohne Zaun aber keines mit großen Gaskammern und Krematorien, in denen deutsche und polnischen Wachmannschaften Millionen von Juden ins Jenseits beförderten, aber die Insel ist und bleibt der sicherste Ort für die Führer des ANC und schützt uns davor, dass sie mit Hilfe der Russen auf das Festland übersetzen, um die weiße Minderheit zu massakrieren.”

“Kein Volk kann fünf Millionen massakrieren.”

“Die Nazis haben’s innerhalb von drei Jahren geschafft und die Welt hat zugeschaut. Wenn die Alliierten und die Russen Deutschland nicht von den Nazis befreit hätten, hätten sie in den Konzentrationslagern ungehindert weiter Juden vergast und verbrannt. Wenn die Nigger in Südafrika über die Weißen herfallen und Blutrache üben, wird die Welt ebenso untätig zuschauen wie sie während des tausendjährigen Reichs den Nazis zugeschaut hat.”

“Da bin ich mir nicht so sicher. Die Welt hat sich verändert. Heute sind NATO, UNO, Westliche Allianzen und Demokratien alerte Wächter, dass solche Genozide auch von fanatischen Diktatoren auf der ganzen Welt nicht ungestraft wiederholt werden können.”

“Solange Mandela und seine Banausen auf der Insel Steine klopfen und rund um die Uhr bewacht werden, sind wir, unsere Frauen und Kinder vor den Niggern sicher und können ruhig in unseren Häusern schlafen.”

“Furcht sieht überall Gespenster. Ihr Buren leidet unter euren Befürchtungen nicht weniger als unter der nicht abzuwendenden und selbst verschuldeten Katsstrophe. Ich fürchte mich nicht vor der Zukunft.”

“Sie können zur Not nach Deutschland abhauen.”

“Ich werde mich mit den Schwarzen arrangieren. Der Grad der Furchtsamkeit ist der Gradmesser der Intelligenz hat Friedrich Nitsche behauptet und ich gebe ihm recht”, sagte der alte Mann und erzählte Bobby, dass er polnischer Abstammung sei, sich 1938 vor der Gestapo in Sicherheit gebracht hatte und in Kiel seine Familie zurücklasssen musste. Er hatte seine Frau im Auschwitz verloren. Die Hoffnung, seine beiden im Osten Europas vermissten Töchter jemals wiederzusehen, hatte er bereits vor Jahren aufgegeben. Nach zehnjährigem Aufenthalt in Manchester lebte er seit 1948 mit seiner britischen Familie im nördlich gelegenen Vorort Pinelands. In der Textilbranche hatte er mit seinem Sohn, Benny, vergeblich sein Glück versucht, arbeitete als Manager in Epping und wartete auf die Rente, während Benny als Barkeeper auf der Europa zwischen Beira und Venedig hin und her pendelte und ihn ab und zu besuchte.

“Übrigens, mein Name ist Kaminski”, hatte er nach seinem langen Monolog und einer Kunstpause gesagt. “Benedikt Kaminski. Meine Freunde nennen mich Ben.”

“Freut mich, Sie kennenzulernen. Mein Name ist Eliot, Robert Eliot, Immobilienmakler. Meine Freunde nennen mich Bobby.”

Nach dem Motto, wenn man einander nicht überzeugen kann, soll man auf jeden Fall versuchen, einander zu verstehen, besiegelten sie trotz differnter Standpunkte, konträrer Meinungen und nicht überzeugender Argumente und Ansichten über die politische Situation in Südafrika ihre lebhafte Disskussion in 90 Meter über dem Meersspiegel mit einem Händedruck, doppeltem Schnaps und Pils vom Fass. Das Gleiche traken sie ein zweites Mal, um nicht den Eindruck eines Schnorrers zu hinterlassen. Aber all das nützte nichts, um den alten Ben Kaminski in Stimmung zu bringen. Den Schmerz über den Verlust seines Handelshauses in der Long Street am Rande der City und, dass sein deutscher Sohn auf der MS Europa den Barkeeper machte, hatte er immer noch nicht verwunden. Das war in Bobbys Augen der Grund, warum er in der Sky Bar am Tresen saß und verträumt auf die im Atlantik versinkende Sonne starrte. Er hatte nicht nur den Traum von einer Niederlassung für feine englische Tücher aus Manchester ausgeträumt, sondern auch den Glauben an sich selbst verloren.

“Die Ignoranz der südafrikanischen Gesellschaft”, sagte Ben, “die sich weder mit Luxus, noch mit Eleganz umgeben will, habe ich vor Eröffnung meiner Filiale schlicht ignoriert. Groß und Klein rennen bei diesen Temperaturen in luftiger Kleidung herum und legen auf feine englische Tücher keinen Wert. Das war leider mein Untergang, den ich nur schwer verkrafte.”

Lange nachdem die sinkende Sonne die unter ihnen liegenden Gebäude in Orange erglühen ließ und dann als Schattenrisse in ein Konglomerat unförmig Bauklötze verwandelte, saßen sie immer noch am Tresen. Bobby hatte geduldig zugehört und während dieser unendlich langen Monologe eigentlich alles aus dem gescheiterten Leben des unglücklichen Mannes erfahren.

Einige Wochen später trafen sie sich zufällig erneut am Tresen, ließen sich von Pit ein Pils vom Fass zapfen und setzten ihre Gespräche fort. Benny, des alten Bens deutscher Sohn, so erfuhr Bobby, war mit ihm nach Kapstadt ausgewandert, hatte nach der Insolvenz in der Sky Bar zwei Jahre hinterm Tresen gestanden, Peter Bogner als Nachfolger eingewiesen und anschließend auf der Europa als Barkeeper angeheuert.

“Wenn Benny in Kapstadt von Bord geht”, flüsterte Pit, als Ben das Örtchen aufsuchen musste, “bucht er ein Zimmer im Obergeschoss gleich unterhalb der Bar und kommt auf ein Pils vorbei. Seine farbige Freundin kommt zur vereinbarten Zeit als Putze verkleidet aufs Zimmer und dann geht es so richtig zur Sache. Ich sage dir, diese Annette ist ein Rasseweib mit allen Attributen, die sich ein Mann nur wünschen kann. Benny meinte, dass sie unersättlich sei, Eskapaden liebt und ein unvorstellbares Temperament personifiziert. Nach Pils und Schnaps fährt er anschließend zum alten Ben nach Peinlands und verpennt seinen halben Urlaub. Bisher hatte er Glück, dass er mit der Mulattin nicht in flagranti erwischt wurde. Zehn Peitschenhiebe auf den nackten Arsch muss er kassieren, wenn er erwischt wird.”

Peter Bogner, wie Pits voller Name lautete, wuchs im Münchner Norden auf und nannte sich selbst einen echten Hasenbergler. Mitte der 50ger Jahre war er mit seinen Eltern aus einer dunklen Hinterhofwohnung in Harthof in eines der ersten Reihenhäuser im neuen Stadtteil Hasenbergl umgezogen. Sozusagen aus dem Slum in der Finsternis in das sonnendurchflutete Obergeschoss eines freistehenden Mehrfamilienhauses mit Blick auf Rasen und aus der Baumschule importierten Bäumen vor Neubauten gleichen Ausmaßes. Als Maschinenschlosser bei der Bundesbahn und als halbtägig beschäftigte Putze schafften es die Eltern nur mit äußerster Sparsamkeit, mit drei Kindern über die Runden zu kommen.

Die wenigen Jahre Sonnenschein wurden mit der Scheidung von Peters Eltern abrupt beendetet. Eine junge Frau aus einem der in die Höhe schießenden Blocks war in das Leben seines Vaters getreten und hatte seines zerstört. Im zarten Alter von nur zwölf Jahren wurde Peters sorglose Kindheit über Nacht beendet. Die folgenden kummervollen Jahre bestanden aus Schmerz, Krankheit, Depression und Einsamkeit, die ihn während der Pubertät zu Seinesgleichen auf die Straße trieben.

Der Zufall wollte es, dass er mit seiner Clique auf Mädchen vom städtischen Gymnasium in Moosach traf und ihm eine hübsche Blondine schöne Augen machte. Birgit Schuster war die Freundin von Jörg Hansen, der im Schülerorchester Saxophon spielte und ihn einlud, zu den Proben zu kommen. Nach seinem zweiten Besuch, entschloss sich Peter, Mitglied des Schülerorchesters zu werden und bekniete seine Patentante Resi. Er bekam, was er sich wünschte und wurde mit seiner Klarinette unter die Fittiche des jungen Dirigenten genommen.

Jörg Hansen und Peter Bogner verstanden sich auf Anhieb ausgezeichnet, übten gemeinsam und scheuten sich nicht, auf dem Chemnitzer Platz in Moosach ihr Talent unter Beweis zu stellen. Der Obolus im Pappbecher war nicht erhebend, machte ihnen aber Mut, ihre Fühler nach Talenten auszustrecken. Mit vier jungen Musikanten hatten sie in einer Garage geprobt und hoben nach acht Wochen ihre Swingband aus der Taufe. Sie wollten es den Beatels gleichtun, besorgten sich deren Notenblätter und Texte und traten als “Hot Hare Feet” (Heiße Hasenfüße) in den umliegenden Gaststätten an Wochenenden auf. Die Wirte verköstigten die Jungs in der Pause und schickten zeitgleich zwei Sektkübel auf die Reise. Damit sorgten sie für strahlende Gesichter und ermöglichten dem Drummer, Fritz, sein kleines Intrumentarium zu vervollständigen. Peters Mutter freute sich über jede Mark, die er am Sonntag auf den Tisch legte und sie damit zum Teil von finanziellen Sorgen befreite.

Eines Sonntags stellte Peter ihr und den Geschwistern Jörg Hansen und Birgit Schuster vor. Birgit lernte damals Heilpraktikerin im Schwabinger Krankenhaus und war die Vokalistin von Hot Hare Feet. Aufgrund ihrer Initiative waren die Riverboat-Shuffels auf dem Ammersee ausgebucht und brachten Geld in die von ihr verwaltete Kasse. Im Juni 1957 verließ Peter das Politechnikum als Elektroingenieur und wurde im August eingezogen. Während des Wehrdienstes erfuhr er, dass Jörg das 2. Staatsexamen der Rechtswissenschaften nicht bestanden hatte und sich aus Gram, die Kanzlei seines Vaters niemals übrnehmmen und leiten zu können, erschossen hatte.

Der Schock saß tief und führte zur Auflösung der Band. Noch mit dem Verlust seines besten Freundes beschäftigt, überraschte seine Mutter ihn mit der Botschaft, dass seine Patentante, Resi, sich in ihrem Haus in Allach erhängt hatte. Ihrer Schwester, ihrer Nichte und ihren beiden Neffen hatte Tante Resi ihr Haus in Allach vermacht. Mit seinem Anteil, hätte Peter die erste Rate einer Anzahlung für ein kleines Apartment in München bezahlen können, hatte aber andere Pläne. Nach seiner Entlassung aus dem Wehrdienst beriet er sich mit Birgit, die ebenfalls auf ein ansehnliches Sparkonto blicken konnte, was sie mit dem kleinen Vermögen machen sollten. Nach kurzem hin und her, sagte sie endlich “Ja” und saß nach vier Monaten als Frau Bogner neben ihm im Flieger nach Cape Town. Kurz vor Weihnachten 1957 zogen sie in ihre Wohnung in der Scholz Road in Green Point und erkundeten in den ersten Ehejahren die neue Umgebung, die langen weißen Strände an beiden Ozeanen, die Wanderwege über den Tafelberg, über die zwölf Apostels und durch den Silver-Mines-Park.

Vor ihrer Einwanderung hatte Peter sich bei der South African Navy in Simontown als Elekroingenieur beworben und Birgit am Pallotti-Hospital als Heilpraktikerin einen Job gefunden. Mittels ehrgeizigem Pauken hatten beide zu Hause ihre Englischsprachkenntnisse aufgefrischt und Romane in englischer Sprache gelesen. Sie waren für einen Neuanfang in Kapstadt gewapnet und stürzten sich in ihr jeweiliges Arbeitsfeld. Dank ihrer Arbeitsverträge und einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung stand ihrer sicheren Zukunft am Kap der Guten Hoffnung nichts im Wege. Nicht bedacht hatten sie allerdings, dass ihre hübsch gelegene Wohnung in Green Point sehr weit von Peters Arbeitsplatz in Simonstown entfernt lag. Für Birgit war es weniger beschwerlich, ihre Wirkungsstätte in Pinelands zu erreichen, aber Peter musste von der Westküste über eine Stunde durch Kapstadt und die östlichen Vororte an die Ostküsste nach Simonstown am Indischen Ozean fahren.

Nach einem halben Jahr hatte er die Schnauze voll und verdingte sich auf Probe als Barkeeper in der hoch über dem mondänen Vorport Sea Point gelegenen Sky Bar vom Hotel Ritz. Ein etwa gleichaltriger Immigrant aus Kiel, namens Benny Kaminski unterwies ihn in der Kunst des Mixens und machte ihn mit den Gepflogenheiten im Ritz vertraut, bevor er als Barkeeper auf der Europa anheuerte. Zu seiner eigenen Überraschung entwickelte Peter bezüglich exotischer Cocktails ein in ihm schlummerndes Talent und übernahm als Barkeeper Pit nach zwei Jahren mit deutscher Effizienz das Management in der Sky Bar.

Am Monatsende blickten sie mit strahlenden Augen auf einen Batzen Bargeld und dachten daran, ein bebaubares Grundstück oder ein altes Haus zu kaufen und eine Familie zu gründen. Sie waren glücklich verheiratet, hatten einen netten Freundeskreis und schrieben ihren Eltern, dass sie Ende der 50ger Jahre die richtige Entscheidung getroffen hatten. Obwohl beide ihren leidenschaftlichen Spaß im Bett hatten, wurde Birgit nicht schwanger. Große Sorgen machten sich beide deswegen nicht, sondern waren der Meinung, dass es irgendwann schon klappen würde.

Wenn Bobby allein mit Pit am Tresen der Sky Bar saß und ihr Gespräch mal wieder den alten traurigen Ben zum Thema hatte, geriet Pit rotz seiner glücklich zu nennenden Ehe ins Schwärmen. Besonders wenn der Alte sich mit seiner jungen und überaus hübschen Tochter, Zehava, an Pits Bar erfrischt hatte, pries er Zehavas Attraktivität, ihren Witz und ihre Schlagfertigkeit in höchsten Tönen und scheute sich nicht, zu verbergen, dass er liebend gerne das Kopfkissen mit der temperamentvollen Lady teilen würde. Flugs entschloss sich Bobby, sich auch ein Bild von Bens hübscher Tochter zu machen, lenkte die Kumpanei mit ihm in freundschaftliche Bahnen und erreichte, dass Ben ihn zu einem seiner Grillnachmittage an einem Samstag im Mai einlud. Es kam wie es kommen musste. Bobby war von Zehava Ausstrahlung derart fasziniert, dass er dem minderjährigen Mädchen auf seine burschikose Art den Hof machte und mit ihr in seinem alten Ford zu Eisessen nach Simonstown fuhr. Er musste auch als Saxophonist Eindruck und Sympathie bei ihr geweckt haben, wenn er auf der Terrasse sein Talent demonstrierte und nie vergaß, seiner Angebeteten heimlich ein kleines Geschenk zu überreichen. Nach einem Kinobesuch lud er sie in sein Apartment ein und war nach wenigen Wochenenden stolz darauf, die zarte Zehava geschwängert zu haben.

Mit wiederholter Unzucht hatte er verhinderte, dass seine zukünftigen Schwiegereltern nach Kniefall und mit Blumen begleiteter Aufwartung ihren Segen verweigerten. Ben wollte eigentlich verhindern, dass es seiner zarten Tochter ähnlich erging wie ihrer Mutter, die ebenfalls ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatte, bevor ihre Ausbildung abgeschlossen war. Seine Hoffnung hatte sich leider nicht erfüllt. Sechs Monate nach der Hochzeit erblickte Martina das Licht der Welt und nach zwei weiteren Jahren wurde Rupert geboren.

Sex Apostels 16. Dezember 1966

Robert Eliot war nicht nur ein begabter Saxophonist, sondern auch voller Ideen und ein brillianter Organisator, der im Vorort Belleville aufgewachsen war und an der UCT (University of Cape Town) sein Studium als Maschienenbau-Ingenieur erfolgreich abgeschlossen hatte. Seine Bewerbung bei der South African Navy hatte den erhofften Erfolg und bescherte ihm den gut honorierten Job als Ingenieur in Simonstown, einem Vorort von Kapstadt am Indischen Ozean. Schon als Schüler hatte Bobby sich einer Band angeschlossen und bei späteren Jam Sessions die Leitung der Southern Cross Jazz Band. übernommen. Vor einigen Jahren wurde er als junger Musiker von einem Freund zu einer unvergesslichen privaten Filmshow eingeladen, nach deren Besuch seine Sinne revoltierten, die prägende Musik immer wieder auftauchte und die Erinnerung an diesen Streifen ihn zeitlebens mental belastete.

In düsterer kaltblauer Atmosphäre eines fernen Planeten lag ein toter Astronaut an einem felsigen Hang. Diese Szenerie wurde von einem vernebelten eisigen Jazz mit orientalischen Elementen erst leise und dann immer lauter untermalt. Ein aus dem Nebel erschienener Greis mit dem Gesicht einer Echse prophezeite mit vibrierender Stimme im Sprechgesang das Ende der Welt. Zu den von einzelnen gehämmerten Tönen des Keyboards begleiteten Sequenzen singender Frauen war von deren Sündhaftigkeit und Verderbnis die Rede. In den starren abgestumpften Augen der alten Frau spiegelten sich die Exekution eines jammernden Kindes und die schemenhafte Schändung eines jungen nackten Mädchens. Über dem immer noch krächzenden Mund des von roten Bandagen umwickelten, sich langsam wendeten Schädels starrten aus tiefen Höhlen zwei schwarze Knöpfe, während im Hintergrund zwei sich umklammernde nackte Paare zu den nervenden Lauten von Saxophon und Klarinette mit grotesken Zuckungen versuchten, sich im dumpfen Rhythmus eines scheinbar wahnsinnigen Drummers zu vereinigen. Je heftiger die Zuckungen, desto brünstiger die Laute des Greises und die Klänge der Klarinette. Aus grünem Nebelschwaden stieg eine weiß gekleidete Frau mit offenen grauen Haaren und weißem Gesicht zu dem toten Astronauten herab und öffnete den Helm. Die Kamera folgte dem Blick ihrer blutenden roten Augen und erschreckte das Publikum mit einem edelsteinbesetzten Totenkopf, der mit Mimik und Gestik den unerträglich lauten Sprechgesang des Greises übernahm, stiller wurde, leise sang, flüsterte, verstummte.

Das starre Gesicht des Sängers erschien ohne rote Bandagen. Nur die Lippen formten die Worte, während sich die Kamera entfernte und ein Buch fokussierte, das der Sänger beschwörend in die Höhe gehoben hatte. Auf dem Cover erkannte man einen Drudenfuß. einen fünfeckigen goldenen Stern, das Pentagramm der bösen Mächte. Von allen Seiten huschten zombiartige Wesen vorbei. Von einem Baumstamm hingen Vogelscheuchen vor flackernder Feuersbrunst und erinnerten bei sakraler Jazzmusik an die Kreuzigung Christi. Weißgewandete Frauen sangen wippend ein abgewandeltes Halleluja. Für Bruchteile von Sekunden erschien ein schwarzes brennendes Kreuz. Die Frauen verfielen zu den Klängen von Klarinette und Saxophon wie Derwische in eine drehende Trance bis sie umkippten und im Kreis mit ausgestreckten Armen bäuchlings ihre Finger nach einem Baby ausstreckten das geopfert werden sollte.

Aus der Tiefe stiegen zwei Hände empor, die das Baby in die Höhe hoben, immer höher, immer weiter entfernt von den ausgestreckten Fingern der sich wendenden und auf dem Rücken liegenden nackten Frauen aus deren Brüsten kleine Flammen züngelten.

Damit endete das Psycho-Horror-Spektakel und hinterließ bei dem betreten schweigendem Publikum den bitteren Geschmack des Abgeschmackten. Dieses Spektakel verbannte in Bobbys Psyche den Rock ‚n‘ Roll in eine Anbetungsmusik für den Satan. In wechselnden Intervallen zog der Film mit seiner krassen musikalischen Untermalung unerträglich oft durch sein Gehirn und ließ ihn mit den Gedanken spielen, von hier fortzuziehen.

Seit zwei Jahren lebte Bobby mit seiner kleinen Familie recht und schlecht in der Nähe zu seinem Arbeitsplatz in Simonstown und träumte von der großen Freiheit, vom großen Geld, großer Yacht und vom großen Haus in Green Point mit Panoramablick über City, Hafen und Tabel Bay. Das alles würde immer nur ein Wunschtraum bleiben solange er weiter als Ingenieur bei der SA-Navy ein Gehalt bezog. Schnelle Aufstiegsmöglichkeiten gab es ohne Beziehung nicht, ein Erbe war auch nicht in Sicht. In finanzieller Hinsicht sah die Zukunft trübe aus. Während er sich vom Balkon auf seinem Saxofon den Frust von der Seele blies, dachte er daran, seinen Job als Ingenieur an den Nagel zu hängen.

Seit Monaten liebäugelte er im Geheimen mit der lukrativen Branche der Immobilienhändler. Allerdings kannte er sich in dem Metier nicht aus und ließ sich von einem befreundeten Agenten in die Zunftgeheimnisse einweihen. Neben seiner Ingenieurtätigkeit versuchte er mit Zehavas begeisterter und tatkräftiger Unterstützung, sein Glück als Vermittler von Apartments, Grundstücken, Häusern und Eigentumswohnungen an der Ostküste. Mit Erspartem finanzierten sie teure Annoncen in den beiden Tageszeitungen ‚Argus‘ und ‚Cape Times‘. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete sprang Zehava hoffnungsvoll in die Höhe und meldete sich mit fröhlicher Stimme: „Bobby Eliot Agencies. Good Morning. Can I help you?“

Freunde, seine alten Klassenkameraden, Bekannte und Zehavas Freundeskreis sagten ihre Unterstützung zu. Aber das Glück hatte einen langen Atem, forderte Geduld und Eigeninitiative in Hinblick auf neue Kontakte und Wiederbelebung alter Freundschaften.

„Rain speaking. Can I help you?“

„Robin Rain?“

„Yes, what can I do for you?“

„Bobby Eliot speaking, old fellow. How-do-you-do?“

„Bobby Eliot! Das gibt es nicht! Wie geht es dir altem Hasen? Immer noch auf Freiersfüßen? Lang ist’s her.“

„Nein, ich bin glücklich verheiratet und nenne ein Mädchen und einen Jungen mein Eigen und Du?“

„Erinnerst du dich noch an Gesine?“

„Aber Hallo! Wer Gesine kennenlernen durfte, hat sie nie vergessen. Sie war damals eine Ikone und ich bin sicher, dass sie heute noch die kleine Göttin ist, die sie damals war. Wenn immer eine schlanke blonde Frau vor mir schreitet, überhole ich sie und schau ihr voll ins Gesicht, um sie anzusprechen. Stets ein lautes ‚Hallo Gesine‘ auf der Zunge, konnte ich die beiden Worte nie aussprechen.“

„Seit neun Jahren ist sie meine Frau und Mutter unseres Pärchens. Wir wohnen in Rondebosch in der Nähe vom Baxter Theater. Komm uns mal besuchen. Sie wird sich freuen. Bring deine Frau und eure Kinder mit.“

Ein Termin wurde für nächsten Sonntag vereinbart. Bobby lehnte sich zurück, schloss die Augen, sah Gesine in ihrer jugendlichen Schönheit vor sich und machte sich Gedanken, wie sie wohl nach zehnjähriger Ehe und zwei Kindern aussehen wird. Er war gespannt und dachte an die Zeit, als sie im Schülerorchester musizierten und ihre eigene Band gründeten. Robin war ein Drummer par excellence, saß am Keyboard und stand hin und wieder auch als Vokalist vor dem Mikro. Aufgrund vieler Zigaretten, Joints und harten Drings klang seine unausgebildete Stimme rostig und rau. Aber sie hatte ein Tembre, das die Audienz gegeisterte. Das war Rap, dieser, rhythmische Sprechgesang in der Popmusik, wie ihn das junge Publikum hören wollte.

Gesine hielt unverrückbar an ihren von ihren Eltern übernommenen festgefügten Prinzipien nach wie vor fest. Sie verachtete Heroin und solche Menschen, die Cannabis verkauften, konsumierten, sich in fataler Abhängigkeit an das Kraut ruinierten und elendlich zugrunde richteten. Ihr war es zu verdanken, dass Robin nicht wieder in die Anhängigkeit geriet und zum Haschischsklaven wurde, wie Ritche Rickloff, der vor vielen Jahren aus London in Kapstadt auftauchte und kurzzeitig als Keyboarder und Vokalist die „Southern Cross‘ auffrischte. Ritchie war ein arroganter Angeber, der den Cockney in Kapstadt heraus hängen ließ und damit protzte, dass er nie verheiratet war, zwei Söhne von zwei Frauen in London zurückgelassen hatte und eine reiche Witwe in Kapstadt vögeln würde. Andererseits war er ein talentierter Musiker und witziger Unterhalter, der seine reiche Witwe mit Jungvolk nach Strich und Faden betrog, ihr das Geld aus der Tasche zog und erreichte, dass sie ihm mitten in der City in der Burg Street Ecke Shortmarket Street einen Laden mietete, in dem er mit wachsendem Erfolg europäische Sportwagen und japanische Limousinen verkaufte und binnen kurzer Zeit einen schwunghaften Handel mit den elegantesten Modellen betrieb. In der Main Road in Mowbray leitete er eine Werkstatt mit acht Mechanikern, die die in Zahlung genommenen alten Autos auf Vordermann brachten und für beträchtlichen Gewinn sorgten.

„Du willst raus auf die Bühne“, hatte Ritchie unter Drogen mit glasigen Augen stets wiederholt. „Du willst spielen. Du willst Applaus, Applaus und nochmal Applaus. Du willst Zugabe hören. Du willst die Weiber vögeln und dich besaufen. Dafür tust du alles, wenn du am Kaybord sitzt und dir die Stimme aus dem Hasl brüllst. Du bist geil auf die Anerkennung der Mädchen. Das ist es, worum es bei einer Band geht. Weiber, Weiber und nichts als geile Weiber, die nicht genug kriegen können, wenn sie unter Drogen stehen. Das ist das was du jeden Abend willst.“

Ritchie legte flach, was er flachlegen konnte, scherte sich einen Dreck um Moral und Anstand und meinte in seinem Rausch von Drogen und Alkohol, dass man den Schnepfen nur schnell genug zwischen die Beine und an die Muschi greifen müsse, um sie rumzukriegen.

„Selbst, wenn sie dir nach der ersten Schrecksekunde eine schmieren, wollen auch sie immer nur das eine: Flachgelegt werden.“

Er war eine Negatikoryphäe die traditionell jegliche unmoralische Lebensart: Sex, Drugs, Rock‚n‘ Roll und Alkohol in dunklen Spelunken pflegte und andererseits ein vollblütiger Musiker und erfolgreicher Geschäftsmann, der in den feinsten Kreisen der Kapstädter Hautevolee verkehrte und nach Geld stank. Aber, wenn er am Konzertflügel oder am Keyboard saß, war er unschlagbar, einfach bravourös. Tosender Applaus war ihm sicher, die Audienz verlangte mindestens zwei Zugaben. Das war seine große Zeit und die Zeitspanne seines Gastspiels am Kayboard von Bobbys kleiner Jazzband.

Starker Drogenkonsum machten Ritchie unzuverlässig, unerträglich launisch und führte letztendlich zur Trennung von der Band. Ritchie zog zu seiner reichen Witwe, der er, wie er pralte, es mindestens zweimal wöchentlich besorgt hatte. Von ihr wurde er in regelmäßigen Abständen in eine Reha geschickt, aus der er nach kurzer Zeit trocken ins normale Leben zurückkehrte, um bald wieder der alten Sucht zu verfallen.

Ritchie, seine Witwe und seine Weibergeschichten waren die Themen, über die Bobby, Robin und Gesine immer wieder in lautes Gelächter ausbrachen. Zehava war Bobbys ehemaliger Freund und dessen Frau, Gesine, unbekannt. Sie interessierte der Klatsch über Menschen nicht, die sie nicht kannte. Stattdessen kümmerte sie sich im Garten liebevoll um die vier Kinder. Als Robin mit den Steaks auf dem Grill beschäftigt war, nahm Gesine Bobby zur Seite und erzählte ihm mit knappen Worten, was sie mit ihrem Mann vor der Ehe durchgemacht hatte.

„Ich sage dir, Bobby, es war absolute Scheiße. Es war so viel Scheiße, dass ich dabei war, ihn zu verlassen. Nach der lange zurückliegenden Auflösung unserer Band saß er Freitag und Samstag am Flügel im Foyer des Baxter Theaters, hämmerte und jammerte Jazz und Soul ins Mikro, um ein paar Kröten mit nach Hause zu bringen.“

„Ich rinnere mich“, sagte Bobby. „Damals war Cool Jazz in Amerika en vogue und Robin mühte sich. den neuen Stil mehr schlecht als recht zu kopieren und hatte nach Rap und tosendem Beifall stets noch einnmal in die Tasten gegriffen. Applaus war wichtig für ihn.“

„Leider brach seine Blutkrankheit Sichelzellenanämie wieder aus“, sagte Gesine. „Eine lange Zeit konnte er kaum laufen, litt an Magengeschwüren und Depressionen. Er kämpfte wie ein Löwe, nahm seine Pillen und saß jeden Tag tapfer im Hörsaal der Uni. Nach drei Jahren bestand er die Examen, die ein Betriebswirt bestehen muss, um im Berufsleben Erfolg zu haben.“

„Ich hörte von alten Freunden, dass du eine schwierige Zeit hattest, in der Robin der Sucht zu verfallen drohte.“

„Das stimmt“, sagte Gesine. „Ich war wirklich drauf und dran, ihn zu verlassen, halte mir aber zugute, dass ich ihn aus diesem Sumpf, in dem er bis zum Hasl drinsteckte, herausgeholt habe. Er ist jetzt absolut trocken und sehr erfolgreich mit dem Verkauf von Annoncen für die Yellow Pages. Wenn er in der Provinz unterwegs ist, sehe ich ihn oft eine ganze Woche nicht. Der Erfolg ist für ihn zu einer neuen Sucht geworden, die ich unterstütze, wo immer ich kann. Er ist einfach Spitze. Er spielt erfolgreiche Konkurrenten der gleichen Branche gegeneinander aus, indem er ihnen suggeriert, dass eine größere Annonce zwar mehr Geld kostet, aber auch mehr Aufmerksamkeit erregt und zum Erfolg führt. Seitdem rollte der Rubel und ermöglichte uns den Kauf unseres Hauses. Schade, dass du erst spät in der Branche tätig wurde, sonst hättest du das Geschäft gemacht. Mir scheint, dass es bei euch nicht so gut läuft, aber das ist ja in jedem Beruf nicht so einfach.“

Bobby wurde notgedrungen gezwungen, neue Kontakte zu knüpfen und wurde nicht müde, alte Freundschaften aufleben zu lassen und erkaltete Kontakte wieder aufzufrischen. Mit großem Hallo wurde er von Ritchie Rickloff in seinem Autosalon in der Burg Street willkommen geheißen. Sein alter Freund wollte ihm gleich einen Neuwagen verkaufen, registrierte aber instinktiv, dass die Agentur nicht so lief, wie Bobby es sich als Makler wünschte. Nichtsdestotrotz versprach er, mit ihm in Kontakt zu bleiben, seine Fühler auszustrecken und ihn zu benachrichtigen, wenn einer seiner Freunde sein Haus oder seine Wohnung veräußern will. Bevor sie sich verabschiedeten, führte Ritchie seinen alten Freund in sein elegant möbliertes Apartment über dem Autosalon und machte den Vorschlag, die alten Mitglieder der damaligen Band zum Kaffee einzuladen. Bobby war sofort Feuer und Flamme, dachte laut darüber nach, ob sie nicht wieder zusammen jazzen sollten. Er erzählte von seinem Besuch bei Robin Rain und Gesine und versprach, den von ihm organisierten und voraussichtlich wieder lustig werdenden Nachmittag in Ritchies Apartment so bald wie möglich über die Bühne gehen zu lassen. Auch er brauchte wieder Abwechslung für die Augen und Musik in den Ohren.

Jeden Morgen grübelte Bobby über Möglichkeiten, wie er seine in den Kinderschuhen steckende Agentur populär machen konnte, wie er Kontakte zu Eigentümern von Grundstücken, Häusern und Wohnungen knüpfen konnte, die planten, ihre Immobilie in naher Zukunft zu Bargeld zu machen, oder zum Tausch für eine größere wertvollere anzubieten. Er hatte Vermittlungsprovisionen in beiden Tageszeitungen, im Argus und in der Cape Times in teuren Annoncen angeboten, aber niemand schien davon Gebrauch machen zu wollen, kein Besitzer meldete sich. Es vergingen Wochen und Monate, bis endlich der Eigentümer eines alten Hauses im östlich der City gelegenen Vorort Wynberg anrief und mit Zehava einen Termin an einem Samstag vereinbarte, den Bobby wahrnehmen konnte und es mit groß aufgemachten Annocen schaffte, mit drei interessierten jungen Ehepaaren einen Besichtigungstermin zu vereinbaren. Erst nach weiteren vier langen Wochen meldete sich wieder ein Hausbesitzer und ermöglichte es Bobby, in seinem anvisierten Beruf wieder tätig zu werden. Er war frustriert und wollte sich von seinem Maklerdasein verabschieden. Die Provisionen deckten nicht einmal die Werbungskosten und zwangen ihn, seine Kündigung bei der SA-Navy zurückzuhalten. Letztendlich waren er und Zehava froh, dass er einen festen Job in Simonstown hatte und seiner kleinen Familie ein adequates Zuhause bieten konnte. Er verdiente kein übermäßges, aber regelmäßiges Gehalt, mit dem Zehava ihren Haushalt führen und eine kleine Summe beiseite legen konnte.

Bereits nach Rupperts Geburt überkam sie der Wunsch, nicht nur etwas Geld dazu zuverdienen, oder einen Job auszufülllen, sondern mehr aus sich zu machen. Sie wollte nicht nur Ehefrau, Mutter, Gärtnerin und Telefonistin ihres Mannes zu sein. Dr. med. Thomas Baker, Chefarzt am Vincent-Pallotti-Hospital in Pinelands und langjährige Freund ihres Vaters brachte sie auf die Idee, sich zur Krankengymnastin ausbilden zu lassen und Abendkurse zu besuchen, in denen sie als Masseuse ausgebildet wurden. Das sei ein Job, den sie nach Abschluss der Ausbildung in freier Entscheidung zu jeder Zeit auch zu Hause ausführen könnte, während die weiter Telefondienst für Bobby machen konnte. In eigener Praxis würde sie später nebenbei, oder sogar hauptsächlich nicht üppig, aber immerhin für den eigenen Bedarf gutes Geld zu verdienen.

Dr. Baker eröffnete ihr die Möglichkeit, halbtags, wenn die Kinder im Kindergarten beaufsichtigt wurden, im Pallotti für ein geringes Gehalt zu arbeiten und sich von der deutschen Masseuse, Birgit Bogner ausbilden zu lassen. Bobby glaubte seinen Ohren nicht, als er hörte, dass Zehava von seiner alten Freundin, Birgit Bogner im Pallotti ausgebildet werden sollte und schlug vor, Pit und Birgit zum Abendessen einzuladen, um die alten Kontakte wieder aufleben zu lassen. Vielleicht könnte er Pit dazu überreden, doch wieder seine Klarinette aus dem Kasten zu holen und sich der Jazzband anzuschließen. Auf jeden Fall unterstützte er Zehava Ambitionen, einen Beruf zu erlernen, der die Haushaltskasse etwas auffrischten würde. Ein Anrufbeantworter wurde angeschafft, der potentielle Eigentümer von Immobilien auf nachmittags vertröstete.

Aber Bobby war mit sich selbst unzufrieden. Er machte seinen Ingenieur-Job im Büro, aber er liebte ihn nicht. Obwohl er Maschinenbau studiert hatte, gerne am Zeichenbrett stand oder saß und als Konstrukteur sein erstes Berufsziel vor einigen Jahren erreicht hatte, war er mit sich und der Welt nicht im Reinen. In seinen Augen war der stets mit neuer Hoffnung anvisierte Versuch, in die Tätigkeit eines Immobilienmaklers einzusteigen, mehr als frustrierend gewesen. Es klappte einfach hinten und vorne nicht. Die Annoncen in den Zeitungen waren teuer und brachten nichts. Er grübelte Tag und Nacht und wartete auf den Tag der Erleuchtung.

„Das ist die Lösung!“, dachte er eines Morgens, als die Sonne blutrot über dem Indischen Ozean ihre Laufbahn begann und die weichende Dämmerung ihn zwang, sich aufrecht im Bett hinzusetzen. Trotz der frühen Stunde stieß er Zehava an, beugte sich über sie und flüsterte:

„Ich hab’s.“

„Doch nicht mitten in der Nacht. Lass mich zufrieden.“

„Die Sonne geht auf und ich habe eine Idee.“

„Warum hat das nicht bis Morgen Zeit?“

„Es ist Morgen. Ich hab die Lösung.“

„Welche Lösung?“

„Wie wir an das große Geld kommen.“

„Aber doch nicht um diese Zeit. Lass mich in Ruhe.“

„Am Samstag klappern wir die Ostküste ab und machen Besuche bei den Farmern, die neben den Küstenorten Land besitzen, das an den Indischen Ozean grenzt.“

„Was soll so ein Quatsch? Willst du Farmen kaufen?“

„Parzellieren, Grundstücke verkaufen.“

„Du hast sie doch nicht mehr alle. Mit welchem Geld?“

„Kredit von der Bank.“

„Keine Bank gibt dir Geld ohne Sicherheit.“

„Das Risiko ist gleich null. Der Wert einer Immobilie steigt. Die ersten Monate arbeite ich umsonst, organisiere alles von der ersten Unterhaltung mit den Farmern und den Bürgermeistern bis hin zu der Beauftragung eines Landvermessers, eines Planungsbüros und den für die Genehmigung zuständigen Behörden.“

„Also wirklich, du solltest lieber die Augen wieder schließen und dir alles in Ruhe überlegen. Beim Frühstück können wir über alles reden, aber jetzt will ich endlich wieder schlafen, verdammt noch mal. Lass mich mit deinem Schmarrn am Samstagmorgen in Ruhe.“

Vor dem Frühstück grübelte Bobby wie ein Verrückter, überlegte, was zu tun sei und ersann Alternativen, wie und wo er beginnen sollte. Bei Tisch fragte er Zehava, was sie davon halten würde, wenn sie beide die Farmer und Bürgermeister in den kleinen Gemeinden am Indischen Ozean an zwei, drei Samstagen besuchen würden, um ihnen die Umwandlung ihrer Salzwiesen in Bauland schmackhaft zu machen. Er wollte sowohl den Farmern als auch den Gemeindevorständen vorschlagen, durch Umwidmung ihres Weidelandes in Bauland Raum für eine Ortserweiterung zu schaffen.

Zehava meinte, dass sie sich den Vorschlag in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen müsse, aber im Prinzip einverstanden sei, wenn die Kinder bei den Großeltern untergebracht werden können. Beim Abendessen wurde Bobby mit der von ihm entwickelten Strategie konkreter. Zwei Wochen später saßen sie im Auto und klapperten die Farmer und Bürgermeister der Küstenorte Kleinmond, Hermanus, Bettys Bay und Gaansbaai ab, Frustriert mussten sie feststellen, dass der Wille zur Erweiterung der kleinen Küstenorte zwar vorhanden war und die Idee einer Ortsvergrößerung besonders bei den Farmern Euphorie hervor rief, für die umgehende Umsetzung jedoch die finanziellen Mittel fehlten. Bobby gab die Hoffnung nicht auf und vereinbarte Termine mit Bankern in der City, um sie von seiner Idee einer Küstenbebauung zu überzeugen.

Planung, Vermessung, Straßenbau, die kompletten Verlegungen von unterirdischen Wasser-, Elektro-, Telefon- und Entwässerungsleitungen kosteten viele viele Rand und konnten nur von einer risikobereiten Bank vorfinanziert werden. Die Vermarktung der einzelnen Parzellen könnte zwar parallel laufen, aber das Risiko, alle Grundstücke mit Gewinn verkaufen zu können, war auch für eine Bank ein viel zu großes Risiko. Bobbys Vorschläge, potentielle Käufer zum Erwerb von Parzellen zu animieren, indem man ihnen vertraglich vereinbarte Ratenzahlungen von geringer Höhe über einen Zeitraum von zehn Jahren und mehr anbietet, waren Überlegungen wert, waren aber nicht zur Lösung der Vorfinanzierung geeignet. Bobby ließ nicht locker, vereinbarte Termine mit versierten Notaren in der City und ließ sich beraten. Er musste finanzkräftige Investoren finden und mit ihnen eine kleine Aktiengesellschaft gründen, die die Planung und Verlegung aller notwendigen Versorgungsleitungen vorfinanzieren müsste. Die Vermarktung wollte Bobby übernehmen und es den Käufern ermöglichen, ihre Parzellen mit monatlichen Ratenzahlungen zu erwerben. Bis zur völligen Bezahlung sollten die Grundstücke zwar von den zukünftigen Eigentümern bebaut werden können, aber bis zur Begleichung des Restbetrages im Besitz der Gesellschaft bleiben.

Die ehemaligen Bandmitglieder, wie Robin Rain, Mendel Grosmann, Peter Bogner und er selbst waren mittlerweile verheiratet hatten zum Teil Häuser erworben oder gebaut, um ihre Kinder in solider Umgebung zu erziehen. Einige hatten sich selbständig gemacht, Firmen gegründet und standen als gemachte Männer mitten im Leben. Es ging ihnen gut und die boomende Wirtschaft versprach, dass es ihnen in naher Zukunft noch besser gehen würde. Alle nahmen Bobbys Einladung zu einem zwanglosen Treffen in Ritchies Apartment ohne zu zögern an. Wie zu erwarten, war die Wiedersehensfreude so groß, dass man sich spontan zu monatlichen Treffen entschloss, bei denen wieder in bewehrter Besetzung gemeinsam musiziert werden sollte. Jazz, Swing, Rap, Rock and Roll, Boogie Woogie und im Trend liegende Tanzmusik sollte zum Repertoir gehören. Pit und der inzwischen von ihnen gewonnene Ben Kaminski sollten als Klarinettist und Trompeter hinzugezogen werden. Robin war der erste Gastgeber, auf dessen Terrasse sie am nächsten Samstag zeigen wollte, was sie noch drauf hatten. Es dauerte auch nicht lange bis die sechs Gentlemen in neuer und wechselnder Besetzung wie in alten Zeiten jazzten, sangen und versuchten, Cool Jazz ins Programm zu nehmen. Tatsächlich überlegten sie, ob sie als Grufties in die Szene zurückkehren sollten, um dem Nachwuchs zu zeigen, wie echter Jazz klingen muss. Egal wie, alle hatten wieder ihren Spaß und jeder gab bei den nächsten Trefffen auf unterschiedlichen Terrassen sein Bestes. Bevorzugt wurde von allen die Proben auf der Dachterrasse über der Sky Bar vom Ritz, bei denen ein paar Zuhörer applaudierten. Bei schlechtem Wetter übten sie in den Wohnzimmern oder in Ritchies Apartment.