Das Letzte, was du siehst - Kristin Lukas - E-Book

Das Letzte, was du siehst E-Book

Kristin Lukas

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Beschreibung

Expolizistin Marie Wagenfeld hat zur IT-Beraterin für Immobilienfonds umgesattelt. Eines Abends entdeckt sie die brutal zugerichtete Leiche eines Kollegen, dem der Kopf abgesägt wurde. Schnell zeigt sich, dass der Tote alles andere als eine weiße Weste hatte. Unlautere Geschäftspraktiken, Kontakte in die SM-Szene und Erpressungsversuche kommen ans Licht. Aber wen genau hat er erpresst? Und womit? Gemeinsam mit Kommissar Kellermann taucht die eigentlich nur als Zeugin vernommene Marie immer tiefer in die Ermittlungen ein. Als Verbindungen zu alten Fällen auftauchen, wird zunehmend klar, dass ein Serienmörder am Werk ist. Und das schon seit Jahren ...

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Die Autorin

Kristin Lukas, geboren 1976 in Hagen, studierte Architektur in Berlin, Paris und Zürich, bevor sie an der Universität St. Gallen ihre Dissertation schrieb. Parallel zu ihrer Beratungstätigkeit in der freien Wirtschaft arbeitet sie als Professorin für Immobilienmanagement und Projektentwicklung.

Das Letzte, was du siehst ist der erste Band einer Trilogie, in der die IT-Beraterin Marie Wagenfeld in den Fokus eines Serienkillers gerät. Es folgen Der Zorn, der dich trifft und Das Böse, das du bist.

Für R.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

1

Bindedraht, verzinkt, in der Stärke 0,65 mm. Fünf Spulen auf Holz gewickelt. Der Draht ist jetzt verbraucht. Mein Werk ist vollendet. Die übrig gebliebenen Holzstücke, die zerschnittenen Kabelbinder, die Wachstuchdecke und das Desinfektionsmittel stopfe ich in die schwarze Sporttasche, in der eigentlich Tennisschläger ihren Platz finden. Dann nehme ich die Kamera zur Hand. Kein Blitz. Das Morgenlicht reicht.

Eine Hügelkuppe, die sacht hinunter zum Meer abfällt. Entfernt sind leise Wellen zu vernehmen. Ein leichtes, sanftes Rauschen. Hörbar, weil den Tag noch niemand will. Vor mir eine Baumgruppe. Drei Birken. Zwei, deren Äste ineinander verwoben sind. Die andere steht etwas abseits. Wie die ungebetene Dritte, die das turtelnde Pärchen belauscht. Es sind kräftige, erwachsene Birken, nicht wie die jungen, deren Stämme noch Gerten gleichen.

Auch der dritte Baum ist nicht allein. Er hat eine Kameradin. Seine Zweige nehmen die Vertraute in die Obhut, umschlingen und legen schützend ihr Blattwerk über sie. Der Kopf der Freundin ruht in einer Astgabel. Das rötliche Haar hat sich durch den Wind in den Zweigen verheddert. Ihre Füße stützen sich auf einer Krümmung des Stamms ab.

Ich schalte die Kamera ein. Das Display leuchtet auf. Sanft betätige ich den Auslöser. Die Schärfe stellt sich automatisch ein. Klick, klick, klick, sechsmal. Frontalbilder. Es ist bereits hell genug, um die Konturen zu erkennen. Der Schattenwurf verleiht Räumlichkeit.

Ich verstaue den Apparat in der Sporttasche und schaue ein letztes Mal auf mein Werk. Die Arme sind gespannt, wie Flügel ausgebreitet. Die Knie gekrümmt, die Füße leicht nach vorn gekippt, als stünde sie auf ihren Zehenspitzen. Die Fersen an den Stamm gelehnt. Ihr Hals ist freigelegt, ihr Kopf zurückgefallen. Ihre feingliedrige Figur harmoniert mit den dünnen Zweigen der Birke, ihre helle Haut mit der weißen Rinde. Zierlich, grazil. Die Schlüsselbeinknochen stehen hervor. Auch weil an ihnen die Drahtseile befestigt wurden. Ebenso an weiteren Gliedmaßen. Drähte, die wie Spinnweben zwischen den Armen des blassen Fräuleins und der Birke gespannt sind. Drähte um ihre Handgelenke und Ellenbogen, durch das Fleisch gewebt, in ihrem rötlichen Haar verfangen und um Stamm und Äste gewickelt. Sehnen und Adern sind verlängert, Arme eins geworden mit dem Netz aus Draht und Geäst.

Es ist 04:47 Uhr. Der Tag erwacht. Zeit zu gehen. Sie wird gleich sterben. Ohne Laut. Ihre Zunge ist herausgeschnitten.

2

Ich sende die Mail ab und klappe meinen Laptop zu. Ein anstrengender Tag geht zu Ende. Ein Tag gespickt mit intensiven Diskussionen in einem kleinen, stickigen Projektraum, in den nur durch ein schmales Fensterband natürliches Licht dringt. An Luftzirkulation ist nicht zu denken. Die Scheiben sind festverglast und lassen sich nicht öffnen. Zusätzlich wurde die Luft durch den Beamer aufgeheizt, dem Bruns keine Gnade gegönnt hat. Zu verliebt ist er in seine Präsentationsfolien, die den Fortschritt des Projekts demonstrieren und damit auch seinen Erfolg als Projektleiter. Meier und ich haben seine Meinung nicht ganz geteilt. Was nicht nur zur gewohnten Verärgerung führte, sondern auch zur Verlängerung der Sitzung.

Jetzt ist kaum noch jemand da. Das Gebäude der Bank wirkt verlassen. Die gewohnte Geräuschkulisse aus Gesprächsfetzen zum aktuellen Geschehen im Immobilienmarkt ist verstummt. Aus vereinzelten Büros dringt jedoch noch ein Lichtschein. Aber ich vermute, die Angestellten haben vergessen, die Lampen auszuschalten. Dass jetzt noch jemand arbeitet, ist unwahrscheinlich. Auch in unserem Projektraum brennt noch Licht. Bevor ich das zentrale Treppenhaus erreiche, biege ich schnell in Richtung Seitenflügel ab, um den unnötigen Stromverbrauch zu stoppen.

Meine Fingerspitzen berühren schon den Lichtschalter, als ich jäh innehalte. Was meine Augen sehen, will mein Gehirn nicht wahrhaben. Meine Gedanken blockieren, stehen still. Mir wird heiß, mein Magen krampft sich zusammen und Angstschweiß überzieht meine Stirn.

Hektisch drehe ich mich um. Doch hinter mir ist lediglich die blanke Tür zu den Toiletten. Regungslos ruht sie in den Angeln. Die weiße Kunststoffbeschichtung wirkt so unschuldig, so rein. Umso brutaler erscheint das, was ich gerade gesehen habe. Wie gebannt fokussiere ich die Toilettentür. Was lauert hinter ihr? Ich traue mich nicht, sie zu öffnen. Hektisch wende ich den Kopf hin und her, um alle Richtungen abzusichern. Mein Puls jagt. Meine Bewegungen werden heftiger. Es ist schiere Angst, die mich überkommt, mich lähmen will. Ich zwinge mich, Ruhe zu bewahren, mechanisch zu funktionieren.

Ich wende mich wieder dem Sitzungsraum zu, spüre, wie meine Knie weich werden und sich in meinem Nacken eine Gänsehaut bildet. Werde nicht panisch, herrsche ich mich innerlich an und richte meinen Blick auf die gegenüberliegende Wand. Wie fixiert starre ich durch das Fensterband und konzentriere mich auf ein hell erleuchtetes Büro auf der anderen Straßenseite. Stocksteif fingere ich das Handy aus meiner Jackentasche. Meine Hände zittern, als ich die Telefonnummer eingebe.

Es klingelt nur einmal, bevor sich eine Frauenstimme meldet und mich nach meinem Anliegen fragt.

Ich antworte: »Mein Name ist Marie Wagenfeld. Ich bin im fünften Stock des Gebäudes der Sega Invest in der Junghofstraße 77. Ich habe einen Toten gefunden.«

Sie fragt mich, warum ich mir so sicher sei, dass die Person tot ist.

»Weil der Körper keinen Kopf mehr hat«, antworte ich tonlos.

3

»Sie sind Marie Wagenfeld. Sie haben die Polizei informiert.«

Ein zusammengekniffenes Augenpaar sieht mich an. Nicht fragend. Wieso auch? Er stellt fest.

Breitbeinig steht er vor mir. In Jeans, grünem Wollpulli, dazu ein hellblauer Hemdkragen, der nur halb herausschaut. Der letzte Schnitt muss bereits eine Weile her sein. Seine kurzen braunen Haare zeigen Widerspenstigkeit. Erste Stellen sind silbergrau. Geklopft hat er nicht. Er hat auch nicht um Einlass gebeten. In anderer Menschen Privatsphäre einzudringen, gehört zu seinem Tagesgeschäft.

Ich wickle mich enger in eine Decke, die mir eine Polizeibeamtin ins Büro gebracht hat, mit der Bitte zu warten, bis jemand kommt. Das ist wohl jetzt dieser Jemand. Um ihm nicht so frontal ausgeliefert zu sein, drehe ich mich in meinem Bürostuhl Richtung Fensterfront. Der Seitenflügel gegenüber ist noch immer hell erleuchtet. Heller als sonst.

»Kaffee?«

Jetzt eine Frage. Ich schaue wieder zu ihm hinüber. Er streckt mir eine dampfende Tasse entgegen. Ich habe sie vorher nicht gesehen. Zu sehr war ich in meinen Gedanken verloren.

Drüben quillt hinter dem Fensterband Licht heraus und sucht sich seinen Freiraum. Genauso möchte ich dem Ganzen hier entfliehen. Doch diese Chance bietet sich mir nicht. Daher nicke ich stumm, wickle einen Arm heraus und nehme die Tasse entgegen. Die Decke rutscht dabei von meiner Schulter. Ich lasse sie, wo sie ist.

»Wieso waren Sie um diese Uhrzeit noch im Gebäude?« Wieder ein verkniffener Blick, dazu ein nach links geneigter Kopf. Trotz der engen Schlitze fällt mir auf, dass die Augenfarben unterschiedlich sind. Die linke Iris spiegelt den blauen Farbton seines Hemdes wider, die rechte weist einen deutlichen Grauschleier auf. Selbst die Kaffeetasse in seiner Hand hat Schieflage. Alles an ihm ist irgendwie schräg.

»Sie haben sich noch nicht vorgestellt«, wende ich ein und schaue abwartend zu ihm auf. Dabei schiebe ich mich tiefer in den Schreibtischstuhl. Er wird meine verkrampfte Haltung nicht erkennen. Die Decke reicht bis zum Boden.

»Kriminalkommissar Kellermann.« Kurz blitzt sein Polizeiausweis auf. Die Beschriftung ist in der Kürze der Zeit nicht erkennbar. Trotzdem insistiere ich nicht weiter. Ob ihn diese Unterbrechung stört oder ob sie für ihn reine Routine darstellt, ist aus seinem Gesicht nicht abzulesen. Ohne Betonung fügt er hinzu: »Also noch mal von vorn. Wieso waren Sie zu dieser Zeit im Gebäude?«

Ich richte mich auf und stoße mich mit den Füßen etwas zurück, sodass sich der Abstand zwischen uns vergrößert.

Kellermann muss meinen Wunsch nach Distanz bemerken, denn er tritt zwei Schritte zurück, zieht sich den Besucherstuhl heran und nimmt Platz. Er beugt sich leicht vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Jetzt ist er derjenige, der aufschauen muss. Ich frage mich, ob ihm der Polizeipsychologe zu dieser Position geraten hat. Sein Ziel hat er zumindest erreicht: Ich entspanne mich.

»Als externe Beraterin unterstütze ich die Sega Invest bei der Einführung eines neuen IT-Systems. Ich habe heute Abend das Anforderungskonzept überarbeitet und an den Systemdienstleister verschickt.«

Mein Ton ist sachlich, als würde ich ein fachliches Gespräch führen. Als würde ich in einem Konferenzraum einem Kunden gegenübersitzen. Nicht einem Kommissar, nicht in einem Gebäude, in dem ich eben einen Toten entdeckt habe. Einen Toten, dem der Kopf so weit oben abgetrennt wurde, dass vom Hals etwas übrig blieb. Ein Stück so breit, dass die Krawatte daran Halt fand. Der blutgetränkte Stoff ließ nur noch an wenigen Stellen erkennen, dass es sich einmal um grellpinke Seide gehandelt hatte.

Meine Gedanken nicht ahnend, fragt Kellermann ruhig weiter: »Was macht die Sega Invest?«

»Die Sega Invest ist eine Bank mit Schwerpunkt auf Immobilienanlageprodukten. Sie legt Immobilienfonds auf und vertreibt die Fondsanteile an Investoren oder Privatanleger.«

»Kannten Sie den Toten?«

»Ja, es ist Arne Bruns. Er war der IT-Projektleiter und koordinierte das Projektteam und den Systemanbieter. Im Kernteam diskutierten wir heute lange den Fortschritt der Programmierung.«

»Was heißt ›Kernteam‹?«, fragt Kellermann knapp.

»Das Kernteam setzt sich aus dem IT-Projektleiter, dem Abteilungsleiter Controlling und dem externen Berater zusammen. Der IT-Projektleiter koordiniert das Gesamtprojekt, der Abteilungsleiter stellt die Anforderungen und wir als Berater übersetzen diese in IT-Sprache.«

»Wer ist wir und wer ist der Abteilungsleiter Controlling?«

»Michel. Und Jana«, erwidere ich ebenso einsilbig und ergänze: »In umgekehrter Reihenfolge.«

»Wie jetzt?« Kellermanns Stirn ist mit Falten überzogen.

»Meine Mitarbeiterin heißt Jana. Jana Friese. Mit ihr zusammen bearbeite ich das Projekt.«

»Und Michel?«

Kurz schüttle ich den Kopf. »Sorry, ich meinte Mark Meier.«

Das Stirnrunzeln wird stärker.

Ohne Aufforderung ergänze ich: »Jana hat ihn so getauft. Er ist praktisch die erwachsene Version eines Michels aus Lönneberga.«

»Gut, Sie und Bruns und dieser Michel-Meier haben also heute zusammen in dem Projektraum gesessen?«, resümiert Kellermann.

In Gedanken lasse ich den Nachmittag Revue passieren. Bruns und Meier haben bereits lautstark diskutiert, als ich eintraf. Die Missstimmung war beiden deutlich anzusehen. Meiers üblicher schwedischer Charme war sichtbar abgekühlt. Bruns zog seine typische Schmolllippe. Unter seinem babyglatten Kinn glänzte der zu dem Zeitpunkt noch reine Seidenstoff in verschiedenen Pinktönen.

Bei der Erinnerung an Bruns ziehe ich die Decke wieder enger um mich. Nur meine Unterarme schauen heraus, die sich weiter an der Tasse festhalten. Ich fokussiere mich auf meine Hände. Die Finger noch schwarz von der erkennungsdienstlichen Behandlung. Das wäre nötig, um meine Abdrücke am Tatort ausschließen zu können, haben die Polizisten mir gesagt.

Kellermann unterbricht meinen Gedankenfluss: »Wenn das hier Ihr Büro ist, wieso sind Sie dann noch mal in den Projektraum gegangen?«

»Ich war auf dem Weg nach Hause und habe gesehen, dass Licht brannte. Ich wollte es löschen, um keinen Strom zu verschwenden.«

»Wieso nur dort?«, stellt er wieder mit geneigtem Kopf infrage.

Der versteckte Vorwurf trifft mich. »Weil ich zwar ein ökologisches Gewissen habe, aber nicht zuständig für alle Mitarbeiter dieses Hochhauses bin. Schauen Sie doch aus dem Fenster. Das Gebäude hat fünfzehn Stockwerke, auf jedem gibt es circa vierzig Büros und in jedem fünften brennt nachts das Licht. Das macht hundertzwanzig hell leuchtende Deckenstrahler. Vielleicht sollte man mal über Bewegungsmelder nachdenken.« Demonstrativ lehne ich mich noch weiter in meinem Schreibtischstuhl zurück und reize die Bewegungsfreiheit der ergonomisch geformten Rückenlehne vollständig aus.

Kellermann zeigt keine Reaktion und schaut mir still zu. Doch sein Schweigen macht die Situation nicht angenehmer. Und so bin ich fast dankbar, als er nach wenigen Sekunden seine Befragung fortsetzt: »Wer war noch im Gebäude?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich habe niemanden gesehen. Aber theoretisch könnte in jedem der beleuchteten Büroräume noch jemand gewesen sein.«

»Wer hat Zutritt zum Gebäude?«

Wieder ziehe ich meine Schultern hoch. »Da fragen Sie besser den Sicherheitsdienst. Die vergeben die Zutrittskarten. Jede wird quittiert, daher müssten die Sicherheitskräfte die aktuellen Listen haben. Aber generell haben alle Mitarbeiter der Sega Invest Zutritt. Und alle externen Dienstleister, die über einen längeren Zeitraum im Gebäude arbeiten.«

»Darf ich Ihre Karte sehen?«

Ohne zu antworten, ziehe ich das weiße Plastikrechteck aus der Hosentasche und reiche es Kellermann. Konzentriert prüft er es, blickt kurz zu mir auf und schaut erneut auf den Ausweis.

Ich bin irritiert. Auf der Karte steht mein Name, darüber ist ein Foto. Zur Zeit der Aufnahme trug ich meine Haare noch länger, doch erkennen sollte man mich trotzdem.

Nach ein paar weiteren Sekunden gibt Kellermann mir den Ausweis kommentarlos zurück und ich lasse ihn wieder in der Hosentasche verschwinden.

Schon scheint der Kommissar das Interesse an der Karte verloren zu haben, denn er wendet sich dem nächsten Thema zu: »Wer war der Letzte, der Bruns lebend gesehen hat?«

Innerlich stöhne ich auf. Eine weitere Frage, auf die ich keine konkrete Antwort geben kann. Ich berichte, dass Bruns, Meier und ich ungefähr bis kurz vor sieben zusammengesessen haben. Danach ist jeder in sein Einzelbüro gegangen, doch ich weiß nicht, ob sich Bruns danach noch mit jemandem getroffen hat.

»Dann sind Sie also eine der Letzten, die das Opfer lebend gesehen hat!« Kellermanns Ton klingt vorwurfsvoll.

Ich kontere direkt: »Ich würde sagen, zum aktuellen Sachstand ist das eine Vermutung.«

Der Kommissar wiegt den Kopf hin und her, als wolle er sagen, dass an diesem Einwand etwas dran sein könnte. Lange währt seine abwägende Haltung allerdings nicht und er ergreift erneut das Wort: »Was haben Sie gesehen, als Sie den Projektraum betraten?«

Ich zögere einen Moment, bevor ich antworte. Kellermann hat mich kalt erwischt. Gerade war ich noch innerlich auf Abwehr gepolt. Jetzt zieht er mich zurück an den Tatort. Allein die Erinnerung macht mich sofort dünnhäutig. Ich gebe mir ein paar Sekunden und fokussiere den dunklen Kaffee in der Tasse, die glatte, schimmernde Fläche, das sich darauf spiegelnde Deckenlicht.

»In Gedanken war ich bereits auf dem Heimweg, wollte nur kurz durch den Türrahmen greifen, um den Lichtschalter zu drücken. Ich habe nichts erwartet, mit nichts gerechnet. Habe erst gar nicht auf den Innenraum geachtet. Doch dann irritierte mich etwas. Instinktiv wusste ich, dass noch jemand im Raum war. Aber etwas stimmte nicht. Ich sah eine Gestalt, doch mein Gehirn sagte mir, dass es keine sein kann. Ich sah einen menschlichen Körper und doch war es keiner. Es fehlte etwas. Es war nur ein Rumpf. Ein Rumpf auf einem Stuhl. Eng an den Tisch geschoben. Als wolle er arbeiten, etwas notieren, geschäftig mitdiskutieren. Als wäre für diesen Rumpf alles normal, als würde für ihn das Tagesgeschäft beginnen. Nur hatte er keinen Kopf mehr. Dort war nur ein blutiger Stumpf. Und überall Blut. Auf dem Körper, der Tischplatte, dem Boden. Tiefrotes Blut.«

Ich bin von den aufkommenden Erinnerungen ganz benommen. Doch ohne Pause setzt der Kommissar seine Befragung fort: »Was haben Sie gedacht, als Sie ihn gesehen haben?«

Innerlich begehre ich auf und will Kellermann anfahren, was ich schon gedacht haben soll, als ich in so einen Albtraum hineingeriet. Doch ich nehme mich zusammen, schaue wieder zu meiner Tasse. »Dass ich gleich tot bin. Das habe ich gedacht.« Ich schaue dem Kommissar jetzt direkt in die Augen. »Dass hier noch jemand ist. Dass gleich jemand aus der Toilettentür hinter mir auftaucht und ich ein Messer im Rücken habe. Sie müssen das doch kennen, wenn einen die nackte Angst packt und sich einem die Kehle zuschnürt.« Beim letzten Satz ist mein Ton lauter geworden, vielleicht nicht feindselig, aber so, als wolle ich eine Grenze ziehen, als wolle meine Stimme ihn warnen, diese unsichtbare Linie nicht zu überschreiten.

Doch Kellermann lässt sich von meiner verbalen Abschottung nicht aufhalten. »Was haben Sie noch gesehen?«

Mich überkommt ein unbändiges Verlangen, ihn zu schütteln, ihm zu sagen, er soll mich in Ruhe lassen, er soll sich den Raum doch selbst anschauen.

Ich unterdrücke meine Wut, streiche stattdessen mit dem Daumen über die abgerundete Porzellanfläche der Tasse, suche dort Halt. »Ich habe mich umgedreht. Habe auf die Toilettentür gestarrt. Gewartet, dass sie sich öffnet. Aber es kam niemand. Ich habe den Flur geprüft, links, rechts, stetig im Wechsel, um meinen Angreifer nicht zu übersehen. Dann habe ich meinen Blick wieder auf Bruns gerichtet. Auf den blutigen Stumpf. Die zerfetzten Hautlappen, die an seinem Hals hinabhingen. Das ruinierte Hemd. Die einmal pinke Krawatte. Er saß so aufrecht. Er muss fixiert gewesen sein, oder? Wurde er festgebunden? Mit Kabelbindern?« Meine Stimme überschlägt sich bei den letzten Sätzen, wirkt zitterig, fast schrill.

Doch Kellermann geht nicht auf mich ein, antwortet nicht auf meine Fragen und lässt auch meinen Tonfall unkommentiert verhallen. Schweigen breitet sich aus. Ein Vakuum.

Und diesmal bin ich es, die erneut das Wort ergreift: »Haben Sie ihn gefunden? Den Kopf?«

»Ja«, antwortet der Kommissar emotionslos. »Er lag neben dem Stuhl, unter dem Tisch.«

In Gedanken taucht Bruns vor mir auf: seine Babyhaut, seine fusselige Haarpracht. Dann flimmern wirre Bilder vor meinem inneren Auge. Sein Schädel, der über den Boden kullert und durch ein Tischbein gestoppt wird. Blut, das in den Teppich rinnt. Bruns’ Augen flehen mich an, ein stummer Hilfeschrei. Eindringlich, bittend, anklagend. Ich schüttle kurz den Kopf, reiße meine Augen weit auf, um die Bilder zu vertreiben. Aber die Anklage bleibt bestehen. Lässt sich nicht abschütteln und schwebt über mir.

»Warum hat er nicht geschrien?« In meine Stimme hat sich ein Zittern eingeschlichen, als würde sie jeden Moment wegbrechen. In meiner Frage schwingt die Angst mit, dass ich seinen Hilferuf überhört habe. Unnachgiebig nagt die Schuld an mir. Der Verdacht, dass ich diesen Mord hätte verhindern können und dass ich für Bruns’ Tod mitverantwortlich bin.

Kellermanns Antwort erlöst mich von der Anklage: »Mund und Nase waren mit Paketklebeband umwickelt.«

Ich nicke stumm und stelle beschämt fest, wie sich die Erleichterung in mir breitmacht.

Um dieses selbstbezogene Gefühl nicht vor dem Kommissar zu offenbaren, schiebe ich die nächste Frage nach: »Haben Sie die Tatwaffe gefunden?«

Ihn scheint der Rollenwechsel nicht zu irritieren, denn er antwortet ohne Zögern: »Ja. Sie lag auch unter dem Tisch. Eine Säbelsäge.«

Ich senke wieder meinen Kopf und schaue auf den Kaffee. Mittlerweile ist er nicht mehr heiß. Er wirkt schal.

»Kennen Sie solche Sägen?« Kellermann ist zurück in seine Rolle geschlüpft.

»Ja. So etwas wie ein elektronischer Fuchsschwanz.«

Kein weiterer Kommentar. Jetzt sind auch dem Beamten die Fragen ausgegangen. Er betrachtet mich stillschweigend. Ohne dass ich ihn direkt anschaue, spüre ich, wie seine Augen auf mir ruhen. Mir wird unbehaglich. Ich lege die Decke über die Stuhllehne und stehe auf. Den kalten Kaffee stelle ich auf die Schreibtischplatte. »Kann ich jetzt gehen? Es ist spät und ich habe morgen früh einen Termin bei einem Kunden in Berlin.«

Kellermann bleibt sitzen. Seine Ellenbogen sind nicht mehr auf die Knie gestützt. Sein Körper ist jetzt aufrecht, fast etwas nach hinten gebeugt. Nun ist er es, der sich tiefer in den Stuhl sinken lässt. »Wie kann ich Sie erreichen?«

Ich krame eine Visitenkarte aus meiner Handtasche und strecke sie ihm entgegen. Er nimmt sie, nickt, erhebt sich und verlässt lautlos den Raum. Die Stille ist unerträglich.

4

Gerädert schäle ich mich aus dem Bett.

Mein Termin in Berlin gestern war überhaupt nicht produktiv. Zu sehr saß mir der Schock noch in den Knochen. Immer wieder haben die Erinnerungen an Bruns meine Konzentration unterbrochen. In der Sitzung wurde, wie so oft, heftig diskutiert und ich hoffe, meine Unaufmerksamkeit wurde nicht bemerkt.

Eine Wohltat war das Treffen mit Anna im Anschluss. Ihre sanfte Hand in meinem Rücken flößt mir jetzt noch Ruhe ein. Nach all den Jahren kennt sie mich ganz genau, weiß sofort, wenn mich etwas bedrückt, und beherrscht alle Tricks, um mich wieder zum Lachen zu bringen. Nachdem ich ihr unter Tränen von der Mordnacht berichtete, lenkte sie mich bereits wenige Minuten später mit Geschichten über ihre nichtsnutzigen Studenten und dem neuesten Professorenklatsch ab.

Die kurze Auszeit hat mir gutgetan, denn die Gedanken an Bruns und den Projektraum bei der Sega Invest stellten sich schnell wieder von allein ein und verfolgten mich in meine Träume. Vom Schlaf noch benommen, stehe ich in meiner Frankfurter Wohnung, schaue aus der Balkontür und versuche, Kellermann anzurufen. Trotz der frühen Stunde hat er bereits zweimal versucht, mich zu erreichen.

Im Innenhof regt sich das Leben auf einer Baustelle. Die ersten Handwerker mit ihren gelben Helmen bedienen die Gerätschaften. Wenn demnächst die Kälte einbricht, werden ihre Hände aufreißen, vom Frost, der Feuchte und dem Baustaub.

Alte Erinnerungen steigen auf. Nicht an eine Baustelle, aber aus der Werkstatt. All die Stunden, die ich in diesen Kellerräumen verbracht habe. Wie meine eigenen Hände bei der Entsäuerung des Papiers aufrissen und mir die Haut vom Aufbringen der Schutzlasur juckte. Und dennoch habe ich die Arbeiten in der Restaurationswerkstatt geliebt. Diese behutsamen Versuche, die Verfallserscheinungen zu bremsen und dem Kunstwerk seinen ursprünglichen Glanz zurückzuverleihen. ›Die Konservierung ist eine Kunst für sich.‹ Die Stimme meines Vaters, der diesen Satz so oft in den Arbeitsräumen wiederholt hat, erklingt ehrfurchtsvoll in meinen Gedanken.

Doch bevor meine Erinnerungen noch weiter in meine Jugendzeit abdriften, werden sie von Kellermanns Stimme unterbrochen. Auf seine einsilbige Begrüßung antworte ich ebenso knapp: »Sie wollten mich sprechen.«

»Wann können wir uns heute treffen?«

»Ich habe um acht Uhr eine Sitzung bei der Sega Invest. Danach ginge es. Gegen zwölf«, antworte ich monoton.

»Gut. Ich bin um zwölf Uhr in der Junghofstraße.«

Es klickt. Er hat aufgelegt. Mehr als zwingend nötig wurde nicht gesagt.

»Wie geht es dir? Es muss schlimm gewesen sein.«

»Schon okay.« Schmal lächle ich Mark Meier an.

Von seinen feinen Lachfältchen, die sich sonst um Mund und Augenpartien sammeln, ist heute nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: Sein Gesichtsausdruck vermittelt Besorgnis. Auch der Kaffee, den er mir mitgebracht hat, zeugt von seinem Mitgefühl. Normalerweise besorgt er den nur, wenn man ihn explizit darum bittet. Die Sorge um mich muss groß sein. Ich sage nichts, aber seine Geste rührt mich zutiefst.

Wir sitzen uns still in seinem Büro gegenüber, die Kaffeetassen zwischen uns auf dem Schreibtisch. Rundherum Stapel von Aktenordnern und Hochglanzbroschüren zu verschiedenen Immobilienmärkten. Dazu Stadtpläne, die ihm zur Einordnung der Lage der Gebäude dienen. München, Basel und sogar Sydney entdecke ich. Australien ist ein neuer Markt für die Sega Invest. Mittendrin eine Pflanze, die nur aufgrund der Fürsorge der Reinigungskräfte überlebt. Am Übertopf klebt noch das Preisschild. 7,80 Euro. Ich schaue mich weiter um, obwohl mir jeder Zentimeter bekannt ist. Alles, um sich nicht krampfhaft unterhalten zu müssen.

Meiers tiefblaue Augen hingegen ruhen auf mir. Doch im Gegensatz zu Kellermann fühle ich mich von ihm nicht beobachtet. Sein Blick flößt mir ein Gefühl der Ruhe ein, so als ob jemand über mich wacht.

Gleiches gilt für den Geruch des Büros, durchtränkt von seinem Aftershave. Old Spice. Ein Klassiker, von dem sich Michel nie trennen konnte. Dieser Geruch nach feuchter Erde und Gewürzen, der dennoch etwas Frisches an sich hat. Ein körperloser, aber doch vertrauter Freund.

Nachdem Meier mir und meiner vergeblichen Suche nach einem sinnvollen Fixpunkt eine Weile zugeschaut hat, fragt er vorsichtig: »Magst du von dem Abend erzählen oder sollen wir direkt zum Projekt übergehen?«

Ich betrachte seine weichen Gesichtszüge. Den aschblonden Haaransatz, der an den Schläfen schon etwas ausgedünnt ist, und die kleinen Bartstoppelinseln, die der Rasierer heute Morgen mal wieder übersehen hat.

»Lieber direkt zum Projekt«, antworte ich erleichtert und setze nach: »Wenn das für dich in Ordnung ist.«

»Selbstverständlich.« Über Meiers Gesicht huscht ein dezentes Lächeln. Kein Schmunzeln, das wäre zu viel gesagt. Nur ein leichtes Heben der Mundwinkel, um mich seines Verständnisses und seiner Zustimmung zu versichern. Dann zieht er ein zusammengefaltetes DIN-A3-Blatt aus einem Aktenstapel hervor und breitet es zwischen uns auf dem Schreibtisch aus. Ich erkenne den Projektplan. Natürlich ist es nicht der aktuellste. In Meiers Chaos wäre das zu viel erwartet. Aber es fehlen nur Kleinigkeiten und diese Lücken werden wir mündlich überbrücken können.

Er räuspert sich und beginnt etwas holperig: »Ja, also, das Projekt … Auch wenn der Tod von Bruns sehr tragisch ist, ändert das nichts an unserem Zeitdruck. Die Einführung des IT-Systems muss bis zum ersten Februar abgeschlossen sein. Andernfalls verlieren wir unsere Banklizenz, da sitzt uns das Gesetz im Nacken. Daher die Frage: Könnten wir deine Aufgaben im Projektmanagement erweitern und würdest du auch die Systemtests leiten?«

»Ja, das geht sicher«, antworte ich, ohne zu zögern, und bin erleichtert, zum Geschäftsalltag überzugehen.

Sichtlich dankbar nimmt Meier den Ball auf und fährt direkt fort: »Es wäre gut, wenn du interimsweise die Leitung des Projekts übernehmen, die Berichterstattung gegenüber dem Lenkungsausschuss sicherstellen und auch die Leistungsstände und Rechnungen des IT-Dienstleisters kontrollieren könntest.«

Jetzt bin ich von der Tragweite der zusätzlichen Themen doch etwas überfahren. »Ist das denn mit der Geschäftsführung abgestimmt? Das würde bedeuten, dass ich Zugriff auf euer Buchhaltungssystem bekomme«, frage ich skeptisch. Mit der angesprochenen Ausdehnung meiner Kompetenzen würden sich auch meine Rechte in den Systemen der Sega Invest erheblich erweitern.

»Ich habe Dr. Weck gestern Abend schon informiert, er ist einverstanden. Du sollst ab jetzt bei den Treffen des internen Lenkungsausschusses dabei sein. Bis morgen werden deine Systemzugänge und Berechtigungen angepasst.«

»Okay«, stimme ich ihm zu, noch etwas überrascht von der schnellen Entscheidungsfindung. Die Treffen mit dem Lenkungsausschuss bedeuten, dass ich die Herren der Geschäftsleitung in Zukunft öfters treffen werde. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Nachricht ist.

Auf dem Weg nach draußen drehe ich mich im Türrahmen noch einmal zu Meier um. Ich habe das Bedürfnis, mich zu bedanken. Ihm etwas zurückzugeben für die kollegiale Zusammenarbeit und die Möglichkeit, so schnell wieder in den Alltag zu fliehen.

Doch Meier bearbeitet längst den nächsten geschäftlichen Vorgang. Unser Michel ist in seine eigene Welt zurückgekehrt. Ich wende mich ab und gehe.

Auf dem Weg in mein Büro nehme ich bewusst einen Umweg in Kauf. Ich entscheide mich für das Fluchttreppenhaus. Es liegt am Kopfende unseres Flügels und verschafft mir die größtmögliche Distanz zum Tatort.

Im Büro angekommen, fahre ich meinen Rechner hoch. Es wäre jetzt an der Zeit, mit den Systemtests zu beginnen, doch durch das Gespräch mit Meier bin ich noch zu aufgewühlt. Ich weiß, wer mir meine Rastlosigkeit nehmen wird. Statt mich dem Rechner zuzuwenden, zücke ich daher das Telefon. Anna ist nach zwei Klingeltönen am Apparat.

»Marie, hast du dich etwas erholt? Wie geht es dir?«

»Ja, es ist schon viel besser. Unser Gespräch gestern hat wirklich gutgetan. Balsam für meine Seele«, versichere ich ihr und spüre zugleich, wie durch Annas Stimme die innere Ruhe einkehrt. »Aber lass uns bloß nicht auf die Geschehnisse der letzten Tage zurückkommen. Ich brauche Abwechslung. Diskutieren wie lieber unsere Veranstaltung im Frühjahr. Hast du eine Alternative für den abgesagten Eventraum gefunden?«

Aus Anna sprudelt es förmlich hervor. Auf dem Sommerfest der Berliner Hochschulen hat sie nicht nur die historische Hörsaalruine der Charité als Konferenzraum akquirieren können, sie hat auch gleich einen passenden Referenten dazu gefunden.

Wie fast immer bin ich von Annas Engagement begeistert und bekräftige: »Topidee! Vor allem in seiner Doppelrolle als Professor für die Welt der Wissenschaft und Strippenzieher als Aufsichtsrat von Sega Invest.«

»Das finde ich auch. Ich habe ihn auf dem Fest gesehen und dachte, das wäre es doch. Der hört sich bestimmt gerne reden.«

»Nimmst du den Kontakt auf? So unter euch Professoren?«, schlage ich Anna vor.

»Aber selbstverständlich. Wenn du gerade in ein Projekt bei der Sega Invest involviert bist, kann ich viel unabhängiger auf ihn zugehen als du.« Anna trifft direkt ins Schwarze meiner unausgesprochenen Bedenken.

Nach einer kurzen Plauderei lege ich auf und kann keine Ausrede mehr finden, um mich nicht den Systemtests zu widmen.

Den restlichen Vormittag verbringe ich mit der Prüfung der Programmierung und tauche gedanklich in die Tiefen der Datenbanken ab.

Als mein Handy auf der Schreibtischplatte vibriert, schrecke ich kurz hoch. Über der Arbeit habe ich alles andere ausgeblendet und die Zeit vergessen.

Schnell einige ich mich mit Kellermann auf ein italienisches Restaurant und schnappe mir meinen Mantel.

Auf dem Weg nach draußen begegne ich Meier im Flur. Er hat einen ganzen Stapel Unterlagen bei sich und wirkt beschäftigt. Für eine Mittagspause reicht ihm oft nicht die Zeit. Daher frage ich, ob ich ihm etwas mitbringen kann. Zerstreut nickt er und kramt aus seinen Hosentaschen ein paar Münzen.

Ich schüttle den Kopf. »Nein, lass mal. Ist schon gut. Und außerdem kann ich für die Schweizer Franken hier ohnehin nichts kaufen.«

Meier lacht kurz auf. »Da bin ich wohl zahlungsunfähig. Lieben Dank! Ich revanchiere mich beim nächsten Mal.«

Nachdem ich die Bank verlassen habe, steuere ich den Italiener am Eingang zum Westend an. Das Restaurant ist unter ästhetischen Aspekten kein Schmuckstück. Es wirkt, als wäre das Lokal in einen ehemaligen Frachtcontainer eingebaut. Kein Gast würde sich zufällig hineinverirren. Wer nicht weiß, wie gut hier gekocht wird, öffnet die Eingangstür nicht freiwillig.

Kellermann sitzt bereits an einem der Tische, der sich mit seiner rot-weiß karierten Decke an die Glasfront schmiegt. Salz- und Pfeffermühle finden auf der Fensterbank Platz. Ich hebe kurz die Hand zur Begrüßung und schiebe mich zwischen Wand und Tischplatte, sodass ich die spärlichen Gäste und den Tresen im Blickfeld habe, auf dem dampfende Pizzen auf ihren Abtransport warten.

»Irgendeiner hat einmal gesagt, das wäre immer so«, sagt Kellermann knapp.

Ich bin verdutzt. »Wie bitte?«

»Dass Frauen und Männer so sitzen«, ergänzt er.

»Wie sitzen?«, frage ich.

»Frauen sitzen immer mit dem Rücken zur Wand, Männer mit dem Rücken zum Innenraum.«

Ich bin irritiert über Kellermanns Gesprächseröffnung. Erfahrungswerte zur allgemeinen Sitzordnung von Frauen und Männern. Will er etwa mit mir plaudern? Hat man dafür als Kommissar in dieser Situation Zeit? Mitten in den Ermittlungen zu einem Mordfall?

Ohne weiter darüber nachzudenken, versuche ich, dem Grund unseres Treffens auf die Spur zu kommen. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Sie haben gesagt, Sie führen ein neues IT-System bei Sega Invest ein? Was machen Sie da genau? Wie sieht Ihr Job aus?« Kellermann hat das Interesse an seinem Einstiegsthema verloren. Die Befragung beginnt.

Meine Antwort kommt prompt und technokratisch: »Wir führen eine Softwarelösung für die Controlling-Abteilung ein. In diesem System wird die Performance der Immobilienfonds und die Rendite und Wertentwicklung der Einzelimmobilien errechnet. In unserer Funktion sind wir eine Schnittstelle zwischen dem Kunden, also der Sega Invest, und dem IT-Dienstleister. Wir übersetzen die fachlichen Anforderungen in ein IT-Konzept und prüfen, ob die programmierten IT-Funktionen den Anforderungen gerecht werden.«

»Wieso macht das die Sega Invest nicht selbst?«, hakt Kellermann nach.

»Das ist eine gute Frage. Zum einen aus Ressourcengründen. Es handelt sich um ein Projekt und der erhöhte Personalbedarf fällt nur temporär an. Daher ist es günstiger, uns für diesen Zeitraum zu beauftragen, als einen neuen Mitarbeiter einzustellen.«

»Und zum anderen?« Der Kommissar ist jetzt in seinem Element.

»Aus Erfahrung. Wir haben bereits diverse IT-Systeme eingeführt. Wir erkennen Risiken und Stolperfallen im Vorfeld und das Unternehmen bleibt davor gefeit.«

»Und Bruns hatte diese Erfahrung nicht?«

Ich werde hellhörig. Ohne mich zu weit auf das Glatteis zu wagen, antworte ich diplomatisch: »Ein interner Mitarbeiter kann nur durch die eigene Konzernbrille blicken. Wir sind bei diversen Unternehmen im Markt tätig. Allein daher sind unsere Erfahrungen breiter aufgestellt.«

Kellermann bemerkt meine eingeschränkte Gesprächsbereitschaft und versucht es daher auf einem anderen Gebiet: »Sie haben angegeben, dass Sie das Projekt mit Ihrer Mitarbeiterin Jana Friese durchführen. Arbeiten Sie immer zu zweit?«

»In der Regel schon. Es gibt jedoch auch Projekte, die allein, zu dritt oder zu viert abgewickelt werden. Das Team setzen wir je nach Kunde und Anforderungsprofil neu zusammen.«

»Dann haben Sie noch mehr Mitarbeiter?«

»Neben Jana arbeiten noch Helena Jovicek und Christian Kraft bei uns. Helena ist auf das Gebiet Finance spezialisiert, Christians Schwerpunkt sind Datenbanken. Zudem unterstützt uns Frau Prof. Anna Raumer als freie Mitarbeiterin bei Marktanalysen.«

»Und Christian Kraft ist Ihr Quotenmann? Ist dieser Frauenanteil in der Immobilienbranche üblich?«, fragt Kellermann spitz.

»Ganz und gar nicht. Die Immobilienbranche ist von Männern dominiert. Aber ich muss Sie enttäuschen. Hinter unserer Mitarbeiterstruktur steckt keine politische Haltung, nur fachliche Expertise.«

Weder unsere Organisation noch die Geschlechterquote wecken bei Kellermann sonderliches Interesse. Er wechselt erneut das Thema: »Und in Berlin betreuen Sie ebenfalls einen Kunden?«

»Ja, dort führen wir eine Reorganisation durch. Das heißt, wir definieren Organisationseinheiten und Aufgabengebiete neu. Die Immobilienanlagegesellschaft heißt CMP. Aber jemand, der sich nicht in der Immobilienwelt bewegt, kennt die Firma sicherlich nicht.«

»Also setzen Sie Mitarbeiter auch vor die Tür?«, schlussfolgert Kellermann unmittelbar.

»Das nicht zwingend. Aber wenn Sie darauf hinauswollen: Unsere Entscheidungen gefallen nicht immer allen und wir werden oft gerufen, um unbequeme Wahrheiten laut auszusprechen.«

Trotz seines sozialkritischen Vorstoßes geht der Kommissar auch auf diese Thematik nicht näher ein. Unbeeindruckt schließt er an: »Mmh. Und für wen arbeiten Sie noch?«

Ich bin etwas genervt von der flatterhaften Verhörtechnik und entgegne: »Ist das relevant für den Mordfall?«

»Nein. Interesse«, konstatiert er, auch wenn sein Gesichtsausdruck das Gegenteil vermittelt. Emotionslos bringt er seine Anliegen vor. Eins nach dem anderen. Und ich bin mir sicher, dass er das Interesse erneut verlieren und zum nächsten Sachverhalt übergehen wird. Gut, beruhige ich mich‚ spiele ich sein Spiel mit.

»Für eine Versicherung in Wien. Zusammen mit Helena. Hier geht ebenfalls um die Neugestaltung der Organisation. Die Anpassung des IT-Systems beschäftigt uns nur in einem Nebenprojekt.«

»Also wiederum um die Verteilung des Kuchens«, stellt Kellermann fest.

»Also wiederum um die Verteilung des Kuchens«, bestätige ich.

Ich prüfe seine Reaktion, doch seine Augen verraten nicht, was er von der Wiederholung seiner Aussage hält.

Der Kommissar fährt ruhig fort: »Und was macht die Professorin in diesem Haifischbecken?«

Ich stutze. Kellermann hat mich mit seiner Gleichförmigkeit aus der Reserve gelockt und ich habe ihn unterschätzt. Er hat nicht nur intensiv meine Aussagen verfolgt, er hat auch unser Geschäftsfeld verstanden.

Ohne meine Verblüffung preiszugeben, erkläre ich etwas steif: »Wir werden beauftragt, wenn Ressourcenengpässe bestehen und unbequeme Entscheidungen getroffen werden müssen. Ein weiterer wesentlicher Pluspunkt ist jedoch unsere Marktkompetenz. Die erweitern wir kontinuierlich durch Marktanalysen in Kooperation mit Frau Prof. Raumer. Anna und ich kennen uns seit vielen Jahren, wir haben zusammen studiert.« Noch einmal stutze ich, diesmal über mich selbst. Wieso gebe ich Kellermann plötzlich bereitwillig diese private Information, ohne dass er überhaupt danach gefragt hat?

Schon bereue ich meine Offenheit, denn mein Gegenüber macht sie sich direkt zunutze: »Welches Studium?«

»Meins oder ihres?«, werfe ich ein, um die Unterhaltung zu bremsen und mir mehr Zeit zum Nachdenken zu verschaffen.

»Beide.«

»Sie Architektur und ich Wirtschaftswissenschaften.«

»Und dann trifft man sich in der Mensa?«

Zum ersten Mal ist eine Reaktion in Kellermanns Gesicht zu sehen. Der amüsierte Blick eines Spitzbuben.

Ich bin irritiert über die plötzliche Veränderung in seiner Gemütslage, lasse mir aber nichts anmerken: »Nein, im Kurs für Kunstgeschichte.«

»Was macht eine Wirtschaftswissenschaftlerin im Kurs für Kunstgeschichte?« Der spitzbübische Ausdruck bleibt bestehen. Auch aus seinem Ton ist eine leichte Belustigung herauszuhören.

Ich gebe mich weiterhin monoton: »Persönliches Interesse geprägt durch mein Elternhaus. Mein Vater war Direktor des Städel.«

»Oha«, ruft der Kommissar mit Bewunderung aus.

Das hiesige Kunstmuseum ist ihm also ein Begriff.

»War? Heute nicht mehr?«

»Heute nicht mehr«, versuche ich, trotz aufkeimendem Unbehagen so neutral wie möglich zurückzugeben. Kellermann hat einen wunden Punkt getroffen. Inständig bete ich, er möge in seine flatterhafte Verhörtechnik zurückfallen und von meinem Familienumfeld Abstand nehmen.

Der Kommissar tut mir den Gefallen. Er bohrt nicht tiefer, schneidet jedoch auch kein neues Thema an. Jegliche Belustigung ist jetzt aus seinem Gesicht verflogen. Er wirkt gelassen, entspannt, fasst zufrieden. Bewegungslos ruht sein Blick auf mir. Er mustert mich achtsam, ohne den Anschein zu erwecken, dass er nach etwas suchen würde.

Mit einem Mal greift er sich plötzlich mit der Rechten an den Hinterkopf, fährt wild durch das ohnehin zerzauste Haar und lässt dann die Hand auf die noch unberührte Speisekarte fallen. Die Fingerkuppen trommeln kurz auf die Plastikoberfläche. Im nächsten Moment schlägt er die Karte ruckartig auf und fragt, als hätte es nie ein Vorgespräch gegeben: »Wieso schauen Sie nicht rein? Wissen Sie schon, was Sie nehmen?«

Noch etwas verwundert über den Gesprächsverlauf bestätige ich: »Ich nehme hier immer Pasta mit Gorgonzola und Spinat.«

»Können Sie die empfehlen?«

»Ich habe noch nie etwas anderes probiert.«

Der Kellner kommt. Doch bevor er den Mund öffnen kann, gibt Kellermann ihm bereits die Antwort auf seine nicht gestellte Frage: »Zweimal Pasta mit Gorgonzola und Spinat und eine große Flasche Wasser.«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Sie haben ja großes Vertrauen.«

»Ich würde eher sagen, einen gesunden Magen.«

Um das Gespräch nicht zu meinem Privatleben zurückzuführen, rufe ich den eigentlichen Grund unseres Treffens in Erinnerung: »Aber es geht hier um Mord und nicht um einen gesunden Magen, oder?«

»Da mögen Sie recht haben.« Kellermann tippt mit den Fingern auf die zugeklappte Speisekarte und blickt mir ins Gesicht. Nach wenigen Sekunden ergänzt er: »Bruns war in Kontakt mit der Sadomasoszene.«

Während er den Satz ausspricht, hält der Kommissar weiterhin Blickkontakt. Er will erneut meine Reaktion testen. Unaufgeregt gebe ich zurück: »Ich weiß. Jana hat es vor ein paar Wochen herausgefunden.«

Entgegen seiner Erwartungen habe ich ihn jetzt überrascht. Zwar kein Kommentar, aber eine Augenbraue ist hochgezogen. Ich zucke nur kurz die Schultern. »Wir arbeiten in einer IT-Beratung. Das ist keine Hexerei.« Da Kellermanns Miene auch in den folgenden Sekunden nicht weniger ratlos wirkt, füge ich hinzu: »Also gut, wie heißen Sie mit Vornamen?«

»Ben.«

Ich hole mein Telefon heraus und tippe ein paar Buchstaben ein. »Sie mögen schwedische Krimiautoren und sind ein Fan vom ersten FC Köln.«

Der fragende Blick bleibt.

»Amazon-Wunschliste. Für jeden durch drei Klicks einsehbar, sofern sie nicht explizit gesperrt wird«, erläutere ich und verstaue mein Telefon wieder in der Manteltasche. In dem Moment serviert der Kellner die Pasta und warnt uns vor den heißen Tellern. Ich ergreife beherzt das Besteck, wünsche Kellermann einen guten Appetit und die Amazon-Wunschliste wird zur Nebensache.

»Sind Ihnen die sexuellen Vorlieben von Bruns auch an anderer Stelle aufgefallen? Hat er mal einen Namen fallen lassen oder eine Lokalität erwähnt?«

Der Kommissar hat weder seine Pasta noch sein Besteck angerührt. Hunger war also definitiv nicht der primäre Grund dafür, mit mir essen zu gehen.

Nachdem ich meinen ersten Bissen hinuntergeschluckt habe, antworte ich ihm: »Nein, ich habe nichts bemerkt. Aber in einem so konservativen Büroumfeld wäre es auch ungewöhnlich, wenn Bruns von einem Ausflug in einen einschlägigen Klub berichtet hätte.«

»Kennen Sie das Dark Magic?«, fragt Kellermann weiter, ohne seinem Teller Beachtung zu schenken.

»Nein, nie gehört. Ist das ein SM-Klub?«

»Mmh«, brummt der Kommissar und schaut mir weiter beim Essen zu.

»Hier in Frankfurt?«, frage ich mit halb vollem Mund.

Wieder antwortet er nur mit einem »Mmh«.

Ich versuche, mehr aus ihm herauszubekommen: »War Bruns dort?«

Kellermanns Stimme ertönt diesmal sofort. Doch seine Antwort ist anders als erwartet. »Wieso haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie einmal bei der Polizei waren?«

Mit dieser Kehrtwende hat er mich kalt erwischt. Er hat also seine Hausaufgaben gemacht. Ich versuche, den Anschein zu wahren, dass mich sein Angriff kaltlässt. Dass er mich nicht aus der Ruhe bringt.

Ich kaue scheinbar gemächlich zu Ende und entgegne: »Haben Sie danach gefragt?« Auch ich kenne die Regeln seines Pingpongspiels. Auf jede Frage folgt eine Gegenfrage.

»Wieso sind Sie gegangen?«

Wieder am Ende ein Fragezeichen. Dabei müsste er das eigentlich wissen. Sicher hat er meine Personalakte gelesen.

»Ich wollte mich mit Wirtschaftskriminalität befassen und letztendlich habe ich mich nur mit Zivilklagen vor dem Arbeitsgericht befasst.«

Ich wische mir meinen Mund ab und lege die gefaltete Serviette auf den leeren Teller. Die Zellulose saugt die Gorgonzola-Sahne-Soße auf und ich beobachte, wie die Feuchtigkeit den Stoff hochkriecht.

»Ich würde eher sagen, Sie können schlecht mit festen Strukturen umgehen.«

Kellermanns Pasta steht immer noch unberührt vor ihm. Nur dampft sie jetzt nicht mehr. Er wartet und beobachtet. Hofft auf eine Reaktion von mir, will mich aus der Reserve locken.

Statt ihm zu antworten, greife ich nach dem Mantel auf dem Stuhl neben mir. Ich ziehe ihn auf meinen Schoß und presse den Stoff fest in meiner Faust zusammen. »Ich muss jetzt wieder los.«

Kellermanns Gesichtszüge werden weicher. Seine Mundwinkel umspielt ein leichtes Grinsen. Ein Schelm, der bei einem schlechten Scherz erwischt worden ist und es durch ein Lächeln wiedergutmachen möchte. Als wolle er sagen: War ja nur Spaß. Stattdessen höre ich ihn ausrufen: »Also gut, Sie sind eingeladen.«

»Nein, ich zahle«, bestimme ich und stehe auf. Kein Widerspruch möglich.

»Wieso?« Jetzt wieder schiefe, zusammengekniffene Augen, die zu mir aufblicken.

»Weil es mir lieber ist.«

Zurück in den Räumen der Bank mache ich zuerst Halt in Meiers Büro. »Salamisandwich okay?«, rufe ich vom Türrahmen.

»Die mit Fenchel?«

»Aber selbstverständlich!«

Durch die monatelange Zusammenarbeit sind mir Meiers kulinarische Vorlieben nicht verborgen geblieben. Die Freude über die pikante Stärkung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Grinsen ist so breit, dass seine Mundwinkel fast bis zu den Ohren reichen. Ich werfe ihm das Lunchpaket über seinen Schreibtisch zu. Gekonnt fängt er die Brötchentüte aus der Luft.

Ich wünsche ihm einen guten Appetit und mache mich auf den Weg zu meinem Arbeitsplatz.

Zurück in meinem nüchternen Büro umgeben mich lieblos beklebte Wände. Terminpläne, Funktionslisten, Systemarchitekturen. Nur an meinem Bildschirm klebt ein Sticker mit einem Haifisch, der durch azurblaues Wasser zieht. Ich logge mich in das System ein und vergleiche den Stand der Programmierung mit der Liste der Systemanforderungen. Aber die Konzentration verlässt mich und meine Gedanken sind weit entfernt.

Ich öffne den Internetbrowser und gebe als Suchbegriff Dark Magic SM-Klub Frankfurt ein. Ich klicke auf den ersten Link und eine schwarze Seite öffnet sich. In roten Buchstaben erscheint der Name des Klubs. Darunter in kleinerer Schrift établissement privé. Mehr nicht. Keine weitere Information, kein Link.

Aber davon lasse ich mich nicht entmutigen. Ich weiß, wer mir jetzt helfen kann.

Ich zücke mein Telefon und schreibe Karla eine SMS.

Hey, Karla, ich bin morgen in Berlin. Bist du da? Ich könnte nach meinem Termin zu dir kommen und bis Samstag bleiben. Und noch eine Frage, kennst du den Klub Dark Magic?

Ich widme mich wieder den Systemtests, werde aber umgehend abgelenkt. Das Handy vibriert auf der Schreibtischplatte. Karla.

Willst du da rein? Freitagnacht klingt verlockend! Bin vorher noch unterwegs. Schlüssel deponiere ich wie gewohnt beim Türken. Kuss, K.

Ich antworte direkt.

Vielleicht. Kannst du mal recherchieren, was das für ein Klub ist? Ihr habt doch sicher etwas darüber in eurer unerschöpflichen Datenbank. Danke! Große Vorfreude, M.

5

Merals Dönerbude ist brechend voll. Es herrscht Hochbetrieb. Trotzdem werde ich sofort erkannt, als ich mich zur Tür reinquetsche.

Einer der drei Burschen hinter der Theke winkt mich an der Schlange vorbei und greift unter den Tresen. Er hält mir die Schlüssel vor die Nase. Ich schnappe sie ihm weg und lasse mich durch sein süffisantes Grinsen nicht beeindrucken. Keine Ahnung, was in den Gedanken dieses jungen Kerls vorgeht. Wer weiß, wann, wie und mit wem Karla hier schon gewesen ist.

»Hallo«, rufe ich laut in die Wohnung, als ich den Schlüssel erfolgreich im Schloss umgedreht habe.

Die Tür knarzt. Klassischer Berliner Altbau. Im Winter furchtbar kalt. Warm wird einem da nur durch das ewige Treppauf-Treppab, um Kohlen aus dem Kehler zu holen. Dafür ist die Wohnung günstig und passt in Karlas Budget. Oder besser gesagt, in Karlas Priorisierung von Freizeit. Es ist immer eine Frage der Währung, für die man sich entscheidet. Karlas Währung heißt Zeit.

Es antwortet niemand. Sie scheint noch unterwegs zu sein. Auf dem Küchentisch entdecke ich einen Zettel.

Bin noch im Proberaum. 22:00 Uhr Riva Bar.

Ich bin nicht traurig über die gewonnene Zeit, genieße die Stille und die Möglichkeit, für mich allein zu sein. Ohne Gesprächspartner, ohne hitzige Diskussionen, ohne diplomatische Schlichtungsversuche. Obwohl die Sitzungen heute bei CMP erstaunlich friedlich verliefen. Das Wochenende naht. Diskussionen fallen dann in der Regel immer äußerst kurz aus.

Nach etwas Überlegung suche ich im Flur nach meinen Turnschuhen. Eine Runde Joggen ist jetzt bestimmt genau das Richtige.

Ich laufe Richtung Görlitzer Park, in dem ein multikulturelles Mischvolk eine Grillmeisterschaft veranstaltet. Mit jedem Schritt verliert sich ein Stück der Anspannung der letzten Tage. Als würde jede Muskelbewegung einen Knoten in meinem Kopf lösen. Einen Fuß vor den anderen. Je gleichförmiger, desto besser.

Zurück in Karlas Wohnung verstaue ich die Turnschuhe weit hinten im Regal. Ich werde sie erst bei meinem nächsten Besuch wieder hervorziehen. Nach einer kleinen Pause, in der ich eine ganze Flasche Apfelschorle austrinke, schlüpfe ich unter die Dusche. Wohltuend prasselt das heiße Wasser in meinen Nacken.

Wieder draußen vor der Haustür lässt mich die kühle Abendluft frösteln. Zum Glück habe ich mir einen von Karlas dicken Kapuzenpullis übergestreift. Während ich den Bürgersteig entlangschlendere, vergrabe ich meine Hände tief in den Jeanstaschen und ziehe die Schultern hoch. Die einbrechende Dunkelheit rückt näher und andere Lichter treten in den Vordergrund. Es sind die Glühbirnen der bunten Lampions der Riva Bar, die auf den Gehweg scheinen. Ich öffne die Tür und eine Woge von Elektromusik, Stimmgewirr und Zigarettenrauch schwappt mir entgegen. Ich tauche ein.

Karla sitzt an ihrem Lieblingsplatz: der Bar. Eine Zigarette in der Hand. Leicht vorgebeugt zu ihrem Gegenüber. Der Gitarrist aus ihrer Band, der sich nach der Probe ebenfalls ins Nachtleben stürzt. Ich berühre ihre Schulter.

Karla dreht sich um, steht auf und schlingt die Arme um mich. Kuss auf die Wange. Ihre langen Haarsträhnen kitzeln meinen Hals.

»Magst du noch etwas essen?«, schreit sie mir direkt in die Ohrmuschel. »Gegenüber gibt es leckere Burger. Ich sterbe vor Hunger.«

Ich nicke. Bei der Lautstärke die klügere Variante.

Wenige Minuten später freue ich mich erst recht über den Kapuzenpulli und ziehe die Ärmel so lang, dass sie bis über meine Hände reichen. Karla und ich sitzen draußen auf einer Klapptischgarnitur, zwischen uns Bier und Burger.

»Also, was hat es denn jetzt mit dem Dark Magic auf sich? Wieso willst du etwas darüber wissen?«

Ich erzähle Karla in Kurzform von den Geschehnissen der letzten Tage. Diesmal jedoch ohne dass mich meine Erinnerungen und Gefühle überwältigen.

Sie hört still zu. Als ich fertig bin, fragt sie mit ernster Miene: »Bist du okay?«

»Ja«, sage ich und lächle dankbar, weil ich froh bin über diese kurze, aber sehr vertraute Art, mir ihre Hilfe anzubieten. »Und, hast du etwas rausgefunden? Haben eure unerschöpflichen Datenbanken etwas ausgespuckt?«, frage ich sie, ohne weiter auf das zuvor Erzählte einzugehen.

»Gut, meine Liebe, wir sind ein Nachrichtensender, nicht der Nachrichtendienst«, relativiert Karla ihre Ergebnisse vorab. »Ein bisschen etwas habe ich gefunden. Klingt jedoch alles mehr oder weniger undramatisch. Das Dark Magic gibt es bereits seit über zehn Jahren. Besitzer ist ein gewisser Harald Kreutzer. Er ist ein paar Mal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen: Schlägereien, Drogen und eine Anklage wegen versuchten Totschlags. Aber ihm konnte nichts nachgewiesen werden. In dem Laden arbeiten mehrere Frauen als Dominas, die man telefonisch buchen kann. Zudem unterhält er einen Barbetrieb. Der scheint aber sauber zu sein. Keine Klagen.«

»Verkehren dort ausschließlich Männer?«, hake ich nach.

»Nein, soviel ich weiß auch Frauen und Paare. Wobei der Anteil der devoten Männer mit Lust auf Elektrobehandlung und Rohrstockzüchtigung am größten ist.« Karla schmunzelt vielsagend beim letzten Satz.

Ich bleibe sachlich und will mehr erfahren. »Was kann man dort alles machen?«

»Das volle Programm. Das Dark Magic ist ein Bordell mit Spezialbehandlung. Und für diese besonderen Dienste sind verschiedene Räume arrangiert. Stell dir das vor wie ein Themenhotel, in dem jedes Zimmer nach einem bestimmten Motto eingerichtet ist. Ein Krankenhauszimmer, ein Fitnessstudio, eine Gefängniszelle. Bekommen kannst du dort alles, wonach dein Schmerzempfinden verlangt: Peitschen, Klammern, Nadeln, Analbehandlungen. Und das Ganze mit viel Lack, Leder und Gummi. Also alles, was du dir erträumen kannst, und noch mehr.«

Karla setzt demonstrativ ihr Bier an und lässt mich dabei nicht aus den Augen. Auch wenn ihre letzten Worte einen süffisanten, leicht ironischen Unterton hatten, wirkt ihr Blick kritisch. Als wolle sie andeuten, dass sie genug Informationen preisgegeben hat und jetzt ich am Zug bin.

Trotzdem frage ich weiter: »Wo ist der Laden?«

Sie stellt die Flasche ab und antwortet nach einer kurzen Pause: »Nicht weit von dir. Auf der anderen Seite vom Main im Rotlichtviertel am Bahnhof. In der Moselstraße. Du müsstest also tagtäglich auf deinem Weg ins Büro daran vorbeilaufen.«

Ich nicke und beschäftige mich jetzt selbst mit meinem Bier. Mit den Fingernägeln knibble ich das silberne Etikett ab. Auch ohne hinzusehen, spüre ich Karlas protestierenden Blick auf mir.

»Warum willst du das alles wissen?«, unterbricht sie die Stille. »Ist deine Liebe zur Polizei wieder entfacht? Willst du etwa in dem Mord ermitteln?«

Ich schaue ihr jetzt direkt in die Augen, sage aber nichts. Vielleicht, weil ich die Antwort selbst nicht weiß.

Statt mir ergreift Karla erneut das Wort: »Oder hat das alles überhaupt nichts mit dem Toten in der Bank zu tun und es geht hier um Erik? Du kannst nicht wissen, ob es dort passiert ist!«

Direkt winke ich ab. »Hey, mach dir mal keine Gedanken. Der Laden hat mich einfach nur interessiert.«

Ich nehme einen weiteren Schluck aus der Bierflasche und da Karla ihren kritischen Blick beibehält, versuche ich, sie auf andere Art abzulenken: »Gehen wir noch in die Bordstein Bar? Du stirbst zwar jetzt keinen Hungertod mehr, aber dafür erfriere ich!«

6

Der Abend mit Karla ist lang geworden. Kopfschmerzen sind die Konsequenz. Aber mein Bett und ein dringend nötiger Mittagsschlaf sind nicht mehr weit entfernt.

Ich schließe die Wohnung auf und lasse meinen Rollkoffer direkt im Flur stehen. Mein Handy fische ich aus dem Mantel, bevor ich ihn über die Kleiderstange werfe. Ein Blick auf das Display verrät einen Anruf in Abwesenheit. Ich höre die Mailbox ab.

»Kellermann hier. Könnten Sie Montag um neun ins Präsidium kommen? Es ist wichtig.«

Ich stöhne innerlich. Montag bin ich eigentlich mit Helena ihn Wien. Ich wähle ihre Nummer. Wie zu erwarten war, ist sie nach dem zweiten Klingelton am Apparat. Ihre Generation ist mit dem Handy vierundzwanzig Stunden am Tag verwachsen.

»Hi, Helena, alles klar bei dir?«, frage ich zur Gesprächseröffnung, obwohl Einführungsfloskeln bei ihr unnötig sind.

»Ja, passt schon. Und bei dir? Sind ja schlimme Geschichten, die da laufen. Jana hat mir alles erzählt. Bist du okay?«

»Ja, danke. Geht schon. Aber ich hätte eine Frage: Ich müsste Montag noch mal in das Präsidium, könntest du allein nach Wien fahren und mich entschuldigen?«

»Sicher, kein Thema. Wir gehen ohnehin nur die Buchungssätze durch. Das schaffe ich auch allein.«

»Prima, das wäre klasse.«

»Und jetzt, was machst du noch mit dem Wochenende? Party?«

Allein bei dem Gedanken daran tut mir wieder der Kopf weh. »Nein, auf keinen Fall«, wehre ich ab. »Ich falle erst einmal müde ins Bett. Aber apropos, sagt dir das Dark Magic etwas? Muss ein SM-Laden sein. Ist hier direkt im Bahnhofsviertel in der Moselstraße.«

Helena ist noch nicht einmal überrascht, dass ich nach einer SM-Lokalität frage. Sie lebt stets nach dem Motto des alten Fritz: ›Jeder nach seiner Fasson.‹ Daher überrascht es mich nicht, dass sie ohne Gegenfrage und völlig neutral antwortet: »Nee, nicht wirklich. Kann höchstens sein, dass ich mal den Namen irgendwo gehört habe.«

Ich fasse einen spontanen Entschluss. »Gehst du heute Abend mit mir dorthin?« Während ich die Worte aussprechen, bin ich mir selbst nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.

Helena nimmt mir die Entscheidung ab. »Klar. Treffen wir uns um zehn Uhr im West and East. Dann hast du noch genug Zeit, die Augen zuzumachen und dich für den Abend zu erholen.«

Ich lege auf und wähle Kellermanns Nummer. Anrufbeantworter. Ich hinterlasse ebenfalls eine Nachricht: »Montag neun Uhr im Präsidium ist in Ordnung.«

7

Helena hat sich dem Anlass angemessen gekleidet: schwarz und knapp. Viel Leder, viele Nieten. Die Haare hat sie zu einem wirren Dutt hochgesteckt. Blonde Strähnen sprießen links und rechts aus dem Gebilde hervor, so als hätte sie ihre Frisur beiläufig und in Windeseile bewerkstelligt. Aber dieser Trash-Style ist Teil des Outfits. Für einen hektischen Aufbruch sind ihre Augen zu perfekt geschminkt.

Da mein Kleiderschrank weniger Experimentelles enthält, habe ich mich darauf beschränkt, einfach Kleidungsstücke wegzulassen. Unter meiner Jeansjacke trage ich ein schwarzes Trägershirt. Das muss reichen.

Trotz ihres flexiblen Grundprinzips, will Helena jetzt doch meinen Grund für den Besuch im Dark Magic wissen. Eine Frage ist es jedoch nicht, vielmehr eine Feststellung: »Du willst wegen dem Mordfall dorthin, oder? Weil Jana Bruns SM-Vorliebe entdeckt hat. Stimmt’s?« Ihre Vermutung scheint sie nicht zu beunruhigen. Ganz im Gegenteil funkeln ihre Augen abenteuerlustig.

Ich nehme noch einen Schluck aus meiner Cola und gebe herausfordernd zurück: »Aber das würde dich nicht daran hindern mitzukommen, oder?«

Helena wirft den Kopf lachend zurück. »Nein, sicher nicht. Aber willst du dort wirklich Fragen zu Bruns stellen? Ich meine, das kommt denen vielleicht ein bisschen komisch vor.«

Ihre Bedenken sind mir auf dem Weg hierher auch gekommen, daher antworte ich direkt: »Nein, nein. Ich will mich nur einmal umsehen.«

»Na los.« Helena zeigt in Richtung Tür. »Schauen wir uns den Laden mal von innen an.«

Das Dark Magic ist nicht leicht zu finden. Keine Reklame, kein Namensschild. Nach Karlas Adressbeschreibung stehen wir jetzt vor einer glatten, dunkel angelaufenen Stahltür. In den Putz daneben ist eine Klingelplatte aus dem gleichen Material eingelassen. Ich drücke den Knopf, bis er tief in der Stahlplatte versinkt. Doch nichts passiert. Keine Türklappe, die sich auftut, um die um Einlass bittenden Gäste in Augenschein zu nehmen. Keine Kamera, die uns fokussiert.

Helena schaut mich fragend an, zuckt mit den Schultern und zieht die Stirn kurz in Falten. Was so viel heißt wie: Dann eben nicht.

Ich bin frustriert von der augenscheinlichen Sackgasse. Enttäuscht drehe ich mich um. Doch als wir gerade wieder gehen wollen, öffnet sich die Tür. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie sich ein Vorhang hinter einem der Fenster des gegenüberliegenden Hauses schließt.

Die Tür steht jetzt halb offen, ohne dass ein Mensch oder ein Mechanismus ersichtlich wird. Nachdem wir den schmalen Flur passiert haben, erreichen wir die Garderobe. Ich schiebe meine Jeansjacke über den Tresen. Die Frau hinter der Theke wirft den Kopf in den Nacken, sodass ihre roten Haarsträhnen zurückfallen und ihr bereits faltiges Gesicht freigeben. »Das reicht nicht, Schätzchen«, bestimmt sie mit Whiskeystimme.

Für einen kurzen Moment bin ich versucht, auf dem Absatz kehrtzumachen und das Etablissement wieder zu verlassen. Doch damit hätte ich nichts erreicht. Daher opfere ich auch mein Trägershirt. Was mir an Stoff bleibt, ist mein schwarzer BH. Die unmittelbar auftretende Gänsehaut stammt nicht von der Raumtemperatur.

Während Helena ihre Jacke gegen eine Garderobenmarke eintauscht, entdecke ich rechts von der Theke eine Wand mit Schließfächern. Wie damals zu Schulzeiten in der Umkleidekabine der Sporthalle. Nur gab es in den Achtzigerjahren noch kein Zahlenschloss via Touchscreen. Dort werden also die Wertsachen hinterlegt, wenn man bereit ist, noch mehr Kleidung als ich zu opfern.

Elektrotöne wummern aus den Bässen, als wir die Bar betreten. Wir haben freie Platzwahl, denn es ist kaum jemand da. Statt der Separees, die sich links und rechts an die Tanzfläche reihen, wählen wir den Tresen. Von dort haben wir freien Blick auf das Bühnenpodest, das die Tanzfläche nach hinten abgrenzt. Darauf ragt eine Poledancestange in die Höhe.

Helena bestellt für uns zwei Gin Tonics. Routiniert greift die Bardame in schwarzer Lederkorsage eine Flasche aus dem verspiegelten Regal, in dessen Mitte ein Totenkopf funkelt, der mit Strasssteinchen übersät ist. Die Streichholzschachteln, die neben der Zigarettenpackung der Bardame liegen, wiederholen das Motiv.

Während ich mich noch über die aufwendig gefertigten Schachteln wundere, überqueren drei neu angekommene Gäste die Tanzfläche. Es sind ganz unterschiedliche Typen: der vorderste ein Südländer, dunkelhaarig und mit Dreitagebart, direkt hinter ihm ein hagerer Blondschopf von vielleicht zwanzig Jahren und zuletzt stampft ein untersetzter Glatzkopf hinter ihnen über das Parkett. Alle drei tragen eine schwarze Lederhose mit Nietengürtel und haben einen freien Oberkörper.

Rechts hinter dem Podest, fast versteckt von den wallenden Vorhängen der Separees, entdecke ich eine mit schwarzem Leder bespannte Tür. Über dem Rahmen schimmert schwach eine rote Leuchtschrift: Privat. Ich rutsche von meinem Barhocker und rufe Helena zu: »Ich muss mal zur Toilette.«

Während ich die Tanzfläche passiere, höre ich ihre Worte inmitten der Musik: »Hey, die sind doch bei der Garderobe.« Aber ich drehe mich nicht mehr um und steuere zielsicher auf die lederbespannte Tür zu.

Im ersten Moment denke ich, sie ist abgeschlossen. Aber ich irre mich, sie ist nur so schwer, dass sie sich kaum öffnen lässt. Hier wurde wohl Wert auf Schallschutz gelegt.

Wieder ein schmaler Gang, der jetzt jedoch links und rechts von schwarzen Türen gesäumt ist. Die silbernen Zahlen auf dem dunklen Holz rufen die von Karla angekündigte Hotelatmosphäre hervor. Ich drücke die Klinke von Nummer drei. Die Tür öffnet sich.

Die von der Decke herabhängenden Leuchtstoffröhren tauchen den quadratischen Raum in leicht bläuliches Licht. Diese unterkühlte Beleuchtung wird durch die verspiegelten Wände noch verstärkt. Ich erblicke mein eigenes Spiegelbild, unterbrochen durch eine Ballettstange, die auf Hüfthöhe montiert ist. In der linken Ecke steht ein blauer Wäschekorb, in dem sich Kleidungsstücke auftürmen. Tutus aus rosafarbenem Tüll und silbrig schimmernder Viskose. Im Kontrast zu dieser Ballettidylle hängt an der hell lackierten Eschenholzstange eine Bullenpeitsche. Um ihr die Garstigkeit zu nehmen, ist der Griff mit schwarz geflochtenem Leder dekoriert.

Ich schließe die Tür und öffne den nächsten Raum mit der Nummer fünf. Wieder kaltes Neonlicht. Das Zimmer ist ebenso kahl, jedoch ohne Spiegel und bis auf Schulterhöhe mit weißen Kacheln gefliest. Im Zentrum posiert ein Krankenhausbett. In der Leere des Raumes erscheint es wie ein Opfertisch. Für einen späteren Gebrauch hängen Handschellen an dem umlaufenden Gestell.

An der rückwärtigen Wand ragt ein schmales Edelstahlregal auf. Ich erkenne die zu erwartenden Utensilien: Zangen, Ketten, Schraubzwingen. Aber auf dem obersten Brett entdecke ich etwas Unbekanntes. Aufrecht stehen dort kleine Rechtecke aus Holz, die mich im ersten Moment an Küchenbrettchen denken lassen. Doch als Schneideunterlage eignen sie sich nicht. Etwas Silbriges ragt ein paar Millimeter aus ihnen hervor. Die Holzflächen sind durchzogen von feinen Linien, die leicht im Neonlicht schimmern wie straff gezogenes Lametta. Ich will die Holzbretter näher untersuchen und wage mich einen Schritt vor. Meine Hand rutscht dabei von der Türklinke ab.

Plötzlich schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Es fehlt etwas. Meine Muskeln versteinern. Wo blieb das Klicken der Tür? Im nächsten Moment reißt mich eine kraftvolle Hand jäh an der Schulter herum. »Was wollen Sie hier?« Lederhose, dunkler Vollbart, Vokuhila. Wenn ich von Karlas Beschreibung ausgehe, steht Kreutzer vor mir.

Meine rechte Schulter tut weh und ich greife intuitiv mit meiner linken Hand danach. Als hilfreicher Nebeneffekt verschafft mit der vor der Brust verschränkte Arm Abstand. Mein ausgestreckter Ellenbogen wirkt jedoch nahezu lächerlich im Vergleich zu dem vor mir stehenden Muskelpaket. Die spärliche Bekleidung macht die Situation nicht besser. Meine nackte Haut im BH im Gegensatz zu seiner groben Lederkleidung macht mich noch schutzloser. Ich fühle mich bloßgelegt, verletzlich und da hilft mir auch kein vorgestreckter Ellenbogen.

»Ich suche die Toilette«, erkläre ich mit kleinlauter Stimme.

Kreutzer gibt sich nicht die Mühe, mir mitzuteilen, ob er diese Ausrede glaubt oder nicht. Er tritt einen Schritt zur Seite und schreit: »Raus hier!«

Ich gehe durch den frei gewordenen Türrahmen und spüre, wie sich sein Blick auf meiner Haut einbrennt. Ich bin versucht, mich umzudrehen, mich ihm entgegenzustellen, ihn anzuschnauzen, er solle mich nicht so anstarren. Doch das verkneife ich mir. Mehr aus Furcht als aus Überzeugung. Mechanisch setze ich einen Fuß vor den anderen in Richtung Bar. Als ich die Schallschutztür erneut öffne, drehe ich mich noch einmal um. Der Flur ist leer. Kreutzer ist verschwunden.