Das letzte Zimmer - Rita Madaus - E-Book

Das letzte Zimmer E-Book

Rita Madaus

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Beschreibung

Es handelt sich um eine Art Kammerspiel, in dem zwei Personen in einem Raum ein Leben Revue passieren lassen, reflektieren und aus unterschiedlichen Perspektiven bewerten. Erst in den letzten Zeilen der Geschichte wird die Dimension der Unterhaltung deutlich.

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Seitenzahl: 25

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Rita Madaus

Das letzte Zimmer

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das letzte Zimmer

Impressum neobooks

Das letzte Zimmer

1

Der Raum verbreitete eine mysthische Atmosphäre. Obwohl die Wände in einem warmen Beigeton gehalten waren, der zweifellos zur Stimmungserhellung beitragen sollte, war der Raum durchzogen von einem unsichtbaren Hauch von Mystik, von Nicht-Erklärbarem, von undurchdringlichem Gedankendickicht. Das eine Fenster des Zimmers ließ den Blick frei auf das satte Grün halbhoher Büsche, die die morgendlich frischen Sonnenstrahlen förmlich aufsogen.

Das Krankenbett war so positioniert, dass der Blick von dort ungehindert durch das einzige Fenster des Raumes fallen konnte. Eine wenig gemütliche Sitzecke in Form von zwei geschmacksneutralen dunkelbraunen Sesseln mit leichten Abnutzungsindizien und einem runden Holztisch in Mehrfach-Braun sowie ein farblich konträrer schmaler Kleiderschrank in zartem Blau komplettierten die spartanische Einrichtung des Zimmers.

Der sich aus verschiedenen weiß-beige-Schattierungen zusammensetzende Linoleum-Fußboden vermittelte den Eindruck von bevorzugter Praktikabilität vor Behaglichkeit und Wohnwert.

Die neben dem Krankenbett positionierten, auf Rollen befindlichen Apparaturen, deren Extremitäten mit der im Bett befindlichen Person an verschiedenen Stellen verbunden waren, gaben regelmäßige, bisweilen akustisch unangenehme Geräusche von sich. Der Patient, dem die Verbindungsschläuche vielleicht Schmerzlinderung verschaffen sollten, vielleicht Lebensverlängerung oder Lebensrettung versprachen, würdigte die intime technische Kooperation keines Blickes, sondern sah bewegungslos und ausdruckslos geradeaus durch das geschlossene Fenster auf die ebenso bewegungslosen, in der Morgensonne leicht glänzenden Blätter des Buschwerks draußen vor dem Fenster. Die Pflanzen wirkten genau so starr und statisch wie der Patient auf der anderen Seite des Fensters, aber sie waren trotz der dauerhaften Verbindung durch ihre Verwurzelung mit der Erde auf seltsame Weise frei, frei auf den Wind zu warten, der ihnen Bewegung ermöglichen würde, frei, mögliche Niederschläge als Nahrung und gesicherte Fortsetzung ihrer Existenz zu verwerten. Sicher, sie waren abhängig vom Niederschlag wie der Patient hinter der Mauer von der Technik, aber ihre Abhängigkeit war eine natürliche, vielleicht gottgewollte, zumindest nicht beeinflussbare.

Dem Patienten war nicht anzumerken, ob er die sich ihm bietende Aussicht mental wahrnehmen konnte. Bisweilen zuckte es um seine Mundwinkel, bisweilen bewegten sich die Pupillen zwischen den Lidschlägen. Sein Körper unter der dünnen weißen Decke, die bis knapp unter den Brustkorb reichte und die Konturen eines schlanken, hochgewachsenen Körpers nachzeichnete, blieb bewegungslos. Selbst als sich die Zimmertür öffnete und ein junges Mädchen in weißem T-Shirt und weißer langer Hose den Raum betrat, änderte der Patient weder Position noch Blickrichtung. Mit gewissenhafter Miene und professioneller Gestik hantierte sie an der Apparatur, warf einen kurzen prüfenden Blick auf den Patienten und verließ den Raum durch die noch geöffnete Zimmertür, ohne ein Wort gesprochen zu haben.