Das Leuchten der Galaxis - Heinz-Ulrich Tenkotten - E-Book

Das Leuchten der Galaxis E-Book

Heinz-Ulrich Tenkotten

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Beschreibung

Tief sind die dunklen Abgründe der Galaxis, wollte man sie nicht unendlich nennen. Dies ist die Geschichte eines Jungen, der in sie hinabstürzte, in die Tiefe, in die ungeheuerliche Leere eines grenzenlosen Alls - denn er ging auf die Quest, auf die Suche. Auf die Suche nach einem Mädchen, das er verloren glaubte, weil es ihm geraubt und entzogen wurde in den Raum. Und dass er irgendwo dort vermutete, wo im stummen Vakuum die Sterne funkeln. Durchaus uralt, die Geschichte, doch auch immer wieder neu. Vor allem dem, dem sie widerfährt. Beon.Hardronu.Suur

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Seitenzahl: 724

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Tief sind die dunklen Abgründe der Galaxis, wollte man sie nicht unendlich nennen. Dies ist die Geschichte eines Jungen, der in sie hinabstürzte, in die Tiefe, in die ungeheuerliche Leere eines grenzenlosen Alls – denn er ging auf die Quest, auf die Suche. Auf die Suche nach einem Mädchen, das er verloren glaubte, weil es ihm geraubt und entzogen wurde in den Raum. Und dass er irgendwo dort vermutete, wo im stummen Vakuum die Sterne funkeln.

Durchaus uralt, die Geschichte, doch auch immer wieder neu. Vor allem dem, dem sie widerfährt.

Beon.Hardronu.Suur

Inhaltsverzeichnis

TEIL EINS: Absturz ins All

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

TEIL ZWEI: Die Raumstation am Rande des Spiralarms

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

TEIL DREI: Das Leuchten der Galaxis

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Kapitel 98

Kapitel 99

Kapitel 100

Kapitel 101

Kapitel 102

Kapitel 103

Kapitel 104

Kapitel 105

Kapitel 106

Kapitel 107

Kapitel 108

Kapitel 109

Kapitel 110

Kapitel 111

Kapitel 112

Kapitel 113

Kapitel 114

Kapitel 115

Kapitel 116

Kapitel 117

Kapitel 118

Kapitel 119

Kapitel 120

Kapitel 121

Kapitel 122

Kapitel 123

Kapitel 124

Kapitel 125

Kapitel 126

Kapitel 127

Kapitel 128

Kapitel 129

Kapitel 130

Kapitel 131

Kapitel 132

Kapitel 133

Kapitel 134

Kapitel 135

Kapitel 136

TEIL EINS

Absturz ins All

~~~~~ 1 ~~~~~

Tom saß im Garten hinterm Haus und langweilte sich. Sommerferien. Alle seine Freunde waren weggefahren.

Die Sonne schien warm, und eigentlich hätte Tom ja ins Freibad gehen können, doch was sollte er da alleine? Schwimmen und sich fit halten? Trübe Wochen standen bevor, auch wenn das Wetter schön blieb. Denn seine Eltern mussten arbeiten, eine Urlaubsreise konnten sie sich nicht leisten. Das war deprimierend.

Tom saß also in seinem Lieblingsliegestuhl im Garten und trank einen Schluck Cola. Sein Handy lag unbeachtet neben ihm im Gras.

Hinter der Hecke, im Garten von Nachbarin Schmitz, jaulte leise der Hund Suse. Wahrscheinlich schlief das Vieh im Schatten und träumte. Das faule Biest.

Irgendwo in einem Baum gurrten Tauben.

Vorsichtig hievte Tom sich aus seinem vor Schweiß klebenden Sitz. Er robbte langsam über den Rasen, in einer Hand hielt er sein Glas mit Cola. An der Hecke richtete er sich blitzschnell auf und leerte es auf die andere Seite aus.

Wie beabsichtigt, gab die Töle erschrocken Laut, heulte und begann wütend zu kläffen. Tom zog sich rasch ins Haus zurück. Gleich würde der Kopf von Nachbarin Schmitz über der Buchsbaumhecke aufgehen wie ein fetter Mond in einem Fantasy-Game. Und sie würde schimpfen und toben. Da wollte er lieber unsichtbar sein. Denn das Keifen einer erwachsenen Frau wirkte echt noch lächerlicher, wenn es sich gegen einen unbesetzten Liegestuhl richtete.

Tom ging zum Kühlschrank in der Küche. Er brauchte eine neue, eine kalte Cola. Zufällig blickte er aus dem vorderen Fenster zur Straße.

Und da sah er sie. Sie, ein schräges Mädchen, mit einem altmodischen Stadtplan.

Sie war gekleidet, wie man sich im Sommer normalerweise nicht kleidete. Eine dicke, aber bunte Strickjacke hing ihr über die Schultern. Darunter trug sie eine Art Norwegerpullover. An den Füßen hatte sie Wollsocken – und feste Schuhe, wie zum Wandern. Eine Mütze, wollen und giftgrün, hatte sich irgendwie zwischen den leuchtend roten Haaren eingenistet, die ansonsten hauptsächlich wild nach hinten standen.

»Da muss sie doch grüne Augen haben«, dachte Tom und zuckte zusammen, als sie aufsah. Sie schaute direkt durchs Fenster. Und tatsächlich. Sie hatte grüne Augen. Und Sommersprossen. Na klar.

Sie blickte Tom an. So als hätte sie geahnt, dass sie beobachtet wurde.

Sie hüpfte auf dem Gehsteig und winkte ihm zu.

Tom winkte zurück und fragte sich, was er jetzt wohl machen sollte. Da erinnerte er sich an Frau Schmitz und ihr Cola-kontaminiertes Hündchen. Deshalb öffnete er einfach die Haustür und betrat den Gehsteig.

»Hey«, sagte er zu dem Mädchen mit dem Stadtplan.

»Hey«, antwortete sie.

Aus Richtung der Gärten ertönte ein spitzer Schrei und dann »Was hat denn meine Suseee???«

Das Mädchen blickte sich misstrauisch um und strich ihr Haar zurück.

»Nur meine Nachbarin, Frau Schmitz«, sagte Tom. »Stellt sich dämlich an wegen ihrem Hund. Du hast einen Stadtplan?«

»Gut beobachtet«, antwortete das Mädchen, das gar nicht schwitzte.

»Patentgefaltet«, sagte Tom.

»Genau«, erklärte das Mädchen.

»Was bedeutet, dass er sich selbst zerstört, wenn man ihn benutzt«, wollte Tom bemerken.

Da hallte Frau Schmitz' Gekreische erneut zwischen den Häusern. »Igitt. Dein Schnäuzelchen klebt ja, mein Liebling. War das wieder dieser gemeine Junge von nebenan? Hat er dich mit seinem Saft vollgespritzt?«

Eben radelte Frau Heimchen, eine andere Nachbarin, vorbei und glotzte blöde. Das Mädchen wandte sich rasch zur Seite, als ob sie nicht erkannt werden wollte.

Tom grinste. »Warum hast du kein Navi?«

»Was?«, fragte das Mädchen.

»Eine App. Routenberechnung und so. Navigationssystem.«

»Hab' ich, aber das funktioniert hier nicht.«

»Nicht?«, fragte Tom verblüfft und sah nach oben. Als ob da ein defekter Satellit zu entdecken sei. Ganz weit weg, ganz hoch, kroch ein glänzendes Flugzeug über den strahlend blauen Himmel.

»Das war keine Mücke, die dich geärgert hat.« Wieder toste Frau Nachbarins Stimme bis zur Straße.

»Wo wohnt Rufus?«, fragte das Mädchen. Etwas nervös.

»Wer will das wissen?«, fragte Tom zurück.

»Ich«, sagte das Mädchen.

Tom blickte sie an. Sie war bestimmt dünner, als ihre dicke Kleidung sie aussehen ließ. Aber sie schwitzte scheinbar tatsächlich nicht in den abgedrehten Klamotten. Sie kratzte sich nur an ihrem Oberschenkel die Haut, denn zwischen den Socken und der kurzen Strickhose waren die Beine nackt, immerhin. Vielleicht doch ein Zugeständnis an den Sommer.

»Ich? Wer ist ich?«, fragte Tom.

»Verzeihung«, sagte da das Mädchen. Ihre Augen blitzten und ihre Sommersprossen tanzten. »Olive«, erklärte sie.

»Wie die – die Tarnfarbe?«, fragte Tom.

»Eher wie die Dinger auf der Pizza. Bloß gesprochen wird's ohne ›e‹.«

»Ich bin Tom«, sagte Tom. »Auch ohne ›e‹. Aber eigentlich mit ›h‹ und ›as‹.«

»Aha«, antwortete das Mädchen und strich wieder ihre Haare zurück. Kein Wunder, dass die schräg nach hinten standen.

»Ich meine, ich heiße Thomas, genannt Tom.«

»Gut – Tom. Rufus, den suche ich.«

»Ich kenne nur einen Rufus.«

»Vielleicht ist das ja der richtige.« Olive kratzte sich wieder am Bein. »Er soll hier im, in der – Ginstergasse? – wohnen.«

»Möchtest du eine Cola?«, fragte Tom.

»Nein, ich möchte zu Rufus.«

»Ich hab' sogar kalte im Kühlschrank. Und keine Erzeuger weit und breit.«

»Rufus«, erinnerte ihn Olive.

Tom fing schon an, den Kerl zu hassen. »Na schön, er hockt immer in dem kleinen Laden, bei Bernhard.«

»Der Raumöffner«, sagte Olive nachdenklich.

»Eh, ja – so ähnlich. Er hat einen Schlüsseldienst neben der Apotheke. Dort – am Ende der Straße.« Tom wischte vage mit der Hand durch die Luft.

»Gut!«, sagte Olive, rückte die Mütze in ihren roten Haaren zurecht, und stiefelte los.

»Ich kann dich hinbringen«, rief Tom und machte einen hastigen Schritt.

»Danke, aber laufen kann ich schon alleine«.

»Warum hast du eine Mütze auf bei der Wärme?«, fragte Tom verzweifelt dem Wolljackenrücken hinterher.

Doch Olive wedelte mit dem Stadtplan und stakste davon. Sie sah sich nicht einmal um.

»Ich sollte ihr nachgehen«, dachte Tom. Außerdem lauerte jetzt bestimmt Frau Schmitz hinterm Haus und der wollte er erst einmal die Gelegenheit geben, sich abzuregen.

Olive war schon weit weg.

Langsam setzte Tom sich in Bewegung.

~~~~~ 2 ~~~~~

In Bernhards Laden war es drückend schwül. Der Schlosser saß auf einem Hocker hinter der Theke und las gelangweilt in einer Zeitschrift. Um ihn herum, sauber in Metallregalen ausgestellt, all die Dinge, die er anbot: Schlüssel, Schlüsselanhänger, Feuerzeuge, Flaschenöffner, Schraubendreher, Kreisel, Briefbeschwerer und dergleichen mehr. Und natürlich sein Arbeitsgerät: Rohlinge, Feilen, Klemmen. Rechts neben dem Tresen: eine elektrische Schleif- und dann eine Bohrmaschine.

Nur keine Olive.

Tom hatte ihr ein wenig Vorsprung gelassen. Er wollte ihr nicht im Nacken sitzen, und wie ein Stalker wirken. Nur das nicht.

»Hey!«, sagte Tom.

»Hey, Kumpel«, sagte Bernhard. Obwohl er mindestens – oder beinahe – oder vielleicht – zweimal so alt wie Tom war, mochten sich beide gut leiden. Wohl deshalb, weil beide ständig mit der Leidenschaft für Computerspiele und der unbändigen Lust auf Faulheit rangen. Und beide ließen meist die Faulheit siegen. Das gefiel Tom.

»Hast du …«, begann Tom.

Ein markerschütternder Schrei unterbrach ihn, und er fuhr schaudernd zusammen. So gellte nur das Kreischen panischer Frauen in Filmen. Oder hinter Hecken. »… Besuch?«, beendete Tom deshalb seine Frage.

»Rufus«, sagte Bernhard. Ohne sich zu bewegen. »Rufus hat.«

»Ah – ja – das dachte ich mir«, nickte Tom.

Bernhard blickte neugierig auf. »Brauchst du eine neue, leistungsfähigere Grafikkarte für deine Games?«

Tom lauschte und hörte einen erregten, lauten Wortwechsel. Aber gerade weil der erregt und laut war, konnte er ihn nicht verstehen. »Ich hab' kein Geld«, bemerkte er.

»Ein Problem, das wir alle haben«, bestätigte Bernhard.

Wieder ein Schrei. Vor Wut, so wie es klang, und dann ein lautes Poltern.

Tom runzelte die Stirn. »Wie kannst du bei solchem Krach arbeiten?«

Bernhard zuckte die Schultern. »Schade, die Grafikkarte ist echt billig. Und fast neu. Ich mach dir'n günstigen Preis.«

»Da stand so ein Mädchen vor meinem Haus«, sagte Tom. »Ist sie das? Ist das Olive?«

Bernhard lehnte sich auf seine Verkaufstheke und sah Tom scharf in die Augen. »Du kennst Olive?«

»Kennen? Sie – sie hat mich nach Rufus gefragt. Und weil mir nur ein Rufus bekannt ist, in dieser Gegend und überhaupt, hab' ich sie hierhergeschickt.«

»Danke«, sagte Bernhard.

»Bitte. Sie hatte einen Stadtplan. Und ziemlich genaue Vorstellungen.«

Wieder so ein gellender Aufschrei. Er hätte ›Nein ... Auf kein … Faha …‹ lauten können.

»Hör mal.« Bernhard beugte sich noch weiter vor. »Du bist ein echter Kumpel, Tom, das mein' ich ernst. Vergiss, was du gesehen und gehört hast. Okay?«

»Wird sie misshandelt?« Toms Interesse war geweckt. »Von Rufus?«

»Quatsch. Blödsinn und Mega-Schrott.«

»Sie proben eine Performance? Da – in Rufus' Hütte?«

»Noch mehr Quatsch, Blödsinn und Mega-Schrott. Es ist nur so: Sie sollte nicht hier sein, nicht bei uns.«

»Soll ich sie mitnehmen?« Tom überlegte kurz, wo er sie verstecken könnte.

»Nein. Sie ist ausgebüxt. Weggerannt. Du verstehst? Von zu Hause abgehauen.«

»Ja. Und Rufus will sie nicht haben? Ist er ein Verwandter?«

»So was Ähnliches. Eher ein Bekannter. Das Dumme ist, ihre Eltern sind Polizisten. Und die brauchen nur mal kurz ihre Kollegen anzuspitzen, die setzen den Fahndungsapparat in Gang, und gleich kommt das Tatütata. Hörst du noch nichts?«

Tom lauschte. Aber da vernahm er bei Rufus wieder eine heftige Auseinandersetzung. Ein Streit, der alles übertönte.

»Rufus schwärmt für Kultur«, behauptete Bernhard. »Musik, Mathematik, Malerei. Er liebt das Chaos und seine Symbole.«

»Man hört's.« Tom hätte allzu gerne nachgesehen. Er wäre gerne durch die Tür hinter der Theke gegangen, durch den engen Flur, von dort in den kleinen Hof, wo an einer Mauer angelehnt ein Schuppen stand. Denn da wohnte Rufus. Rufus, der goldgelockte Jüngling von Mitte zwanzig, vielleicht auch älter, wer weiß, der immer an irgendwelchen Metallsachen schraubte und bastelte. Er nannte sich selbst einen Künstler. Seine Werke, die oft mit Elektronik und blinkenden Lichtern zu tun hatten, blieben Tom aber unverständlich. Einem breiteren Publikum wahrscheinlich ebenfalls.

Rufus war ein netter Kerl, für sein Alter, der eigentlich keine kleinen Mädchen anbrüllte, der immer glücklich war in seiner Hütte. Inmitten von Schrott. Hauptsache, er durfte löten und schrauben.

Tom juckte es in den Füßen und Fingern.

Aber Bernhard stand breit vor der Tür, über den Tresen gelehnt, so dass Tom nicht vorbeikonnte.

»Ich würde nach Hause gehen«, sagte Bernhard, freundlich und bestimmt. »An deiner Stelle.«

»Bei uns wartet keiner auf mich. Höchstens die Schmitz und ihr dämlicher Köter.«

»Würde ich jetzt nicht verachten, diese Nachbarin. Weißt du, Tom, Bullen, ich meine: Polizisten, die stellen unangenehme Fragen. Sie horchen Jungen aus. Vorzugsweise Jungen von dreizehn, vierzehn, die mit entlaufenen Mädchen sprechen. Pure Gewohnheit.«

»Wenn du meinst.« Tom zuckte resigniert die Schultern. »Vielleicht hab' ich Glück, und die Schmitz hat wieder ihren knappen Bikini an. Es ist ja warm.«

»Das ist die richtige Einstellung. Und denk über die Grafikkarte nach.« Bernhard schüttelte Tom, seinem Kumpel, herzlich die Hand. Tom schüttelte Bernhard, seinem Kumpel, auch die Hand, etwas weniger herzlich.

»Ich komm' wieder.«

»Okay. Morgen krieg' ich eine externe Festplatte und ein Headset, auch die sind nicht schlecht.«

Tom nickte und zog sich zurück auf die Straße.

~~~~~ 3 ~~~~~

Draußen, in der Sonne, fiel Tom ein, dass Bernhard ihn gar nicht nach seinem Spielstand gefragt hatte, wie er das sonst immer tat. Gut so. Er hatte heute keine Lust auf sein Onlinespiel. Denn die üblichen Mitspieler da draußen chillten im Urlaub. Alle Welt war im Urlaub.

Da musste man alleine ran, das war langweilig, da nützte einem auch die tollste Grafik nichts. Und das Fantasy-Game ›The Right Hand of Darkness‹ hatte eine superkrasse Grafik.

Tom schlenderte zurück nach Hause. Zwei Wagen brausten vorüber, aber keine Polizei. Bernhard war ein Cheater.

Und Olive? Na ja, Olive – irgendwie hatte sie ihn sowieso nicht dabeihaben wollen. Wobei auch immer.

Gedankenverloren betrat er das Haus, durchquerte es und wollte zurück in den Garten, zu seinem Liegestuhl.

Das musste ja kommen: Im Garten stand Vater an der Hecke und plauschte mit Frau Schmitz. Von Nachbar zu Nachbarin.

Eigentlich war Frau Schmitz eine verdammt hübsche Frau …, für ihr Alter. Anfang dreißig. Etwas mollig, mit einem runden Kopf. Aber wenn sie allein im Bikini hinter der Hecke in der Sonne lag, konnte Tom schon mal heimlich hingucken.

Frau Schmitz bot dazu öfter Gelegenheit. Viel zu oft, wie Toms Mutter fand. Sie posiere wie ein Model. Aber was sollte die mütterliche Aufregung? Dieses kindische Getue von Frau Schmitz um ihren faulen Kläffer verdarb doch sowieso den besten Eindruck. Zumindest bei Tom.

Vater war da großzügiger.

Tom wurde fast sofort von denen an der Hecke entdeckt.

»Ärgerst du wieder arme Hunde?«, fragte Vater streng.

»Ich? Aber überhaupt nicht.« Tom fand, dass Vater und Frau Schmitz ein interessantes Bild abgaben. Vater in seinem eleganten Sommer-Outfit in Schwarz und Weiß, denn er und Mutter betrieben ein Café in der Stadt. Frau Schmitz mit sozusagen Nichts an, unterhalb des Bauchnabels verdeckt durch die Hecke. Sie schwitzte, trotz nackter Haut. Vater wirkte kühl und unangefochten, trotz des dicht geknöpften Hemdes und der langen Hose.

»Du hast den Hund mit Saft beschmiert«, stellte sein Vater fest.

»Ihr Hund hatte sicher einen bösen Traum, Frau Schmitz. Er sollte nicht direkt in der Sonne liegen«, sagte Tom.

»Er hat offenbar immer einen bösen Traum, wenn du in der Nähe bist«, erwiderte die Schwitzende.

»Ich war ja nicht in der Nähe.«

»Und wo warst du?«, fragte Vater.

»Musst du nicht arbeiten?«, fragte Tom.

»Doch – bis um acht. Wie du ganz genau weißt. Ich bin auch gleich wieder weg, ich wollte nur etwas holen.«

»Ja.« Tom wusste schon, was. Vater nahm gelegentlich, am Nachmittag, eine kurze Auszeit, um sich einen Schluck Alk zu genehmigen. Oder auch zwei. In seinem Café, unter Mutters strengem Blick, wo die Tageskasse stimmen musste, traute er es sich nicht. Also kam er manchmal heim.

»Wo?«, fragte Vater, der keine Frage, die er Tom stellte, vergaß.

»Bei Bernhard.«

»Der kennt auch keine richtige Arbeit.«

»Aber er ist hilfsbereit«, flötete Frau Schmitz. »Ich hatte mich mal ausgesperrt, mitten in der Nacht. Bernhard ist sofort gekommen.«

»Natürlich. Das macht er«, beeilte sich Vater zu sagen.

Frau Schmitz beugte sich vor. »Und sein gut gebauter Freund, der bei ihm wohnt, dieser Künstler, auch wahnsinnig nett …«

»Künstler. Ein fauler Chaot, wenn Sie mich fragen. Und bei denen willst du gewesen sein, mein Sohn? Ich habe da aber etwas ganz anderes gehört.«

Tom krauste die Stirn.

»Du hättest dich hier mit einem Mädchen getroffen. Mit einer so komischen jungen Dame von zweifelhaftem Niveau, die in unserer Nachbarschaft direkt auffällt und nicht gerne gesehen wird. Eine Punkerin – eine Rebellin – oder so etwas Ähnliches. Aufmüpfig gekleidet eben.«

»Frau Heimchen?«

»Ja. Sie isst gerade ihren Kuchen bei uns im Café. Also, was habt ihr zwei für einen Blödsinn angestellt? Arme Haustiere gequält?«

»Vater. Da war ein Mädchen, das nach einer Adresse gefragt hat. Ich konnte ihr nicht helfen. Mehr war da nicht.«

»So? Mehr nicht?«, fragte Frau Schmitz und wischte sich mit dem Handrücken die nasse Stirn, wobei sie ihren langen Arm recht weit hochstreckte und umständlich abwinkelte, um ihre rasierten Achselhöhlen zu zeigen.

»Vielleicht hat ihre Suse das Mädchen erschnüffelt? Den fremden Geruch? Und ist deshalb nervös geworden«, schlug Tom vor.

»Das wird es sein«, bestätigte Vater. Erleichtert, denn weder klagte er seinen Sohn gerne an noch verteidigte er ihn gern in der Öffentlichkeit.

Er brauchte alles normal, ohne Aufregung. »Vertragt euch«, hätte er am liebsten wohl gesagt, aber das wäre unpassend gewesen. Immerhin war Frau Schmitz kein kleines Mädchen, und so räusperte er sich männlich und sprach autoritär: »Mein Sohn. Ich dulde keine fremden, verschrobenen Gören in unserem Haus. Merke dir das. Ich will wissen, mit wem du Umgang hast.«

Und zu Frau Nachbarin säuselte er etwas von den Kindern, die einem Mann nur Sorgen bereiteten.

Tom verzog sich ins Haus. Er ging vorsichtig zur Vordertür, öffnete sie und wollte gerade nach draußen laufen, als er gegen Wolle prallte.

Vor ihm auf der Schwelle stand Olive, das unbekannte Mädchen.

»Hey!«, sagte Tom, wich ein Stück zurück und musterte sie.

»Hey!«, antwortete Olive und trat ein. Ohne verdächtige Zeichen von Misshandlungen zu offenbaren.

»Tom. Lauf nicht einfach weg!«, schrie da Vater von der Terrassentür her.

»Tom!«, flehte vor ihm Olive. »Ich brauche deine Hilfe!«

Tom wusste nun nicht, wo ihm der Kopf stand. Er fasste Olive an ihren wollenen Schultern und schob sie gegen die Garderobe. »Werde mal eben ein Teil der Dekoration«, flüsterte er.

Dann lief er nach hinten. Vater wischte sich den Mund. »Musst du immer und immer unsere Nachbarin ärgern?«, fragte er. »Sie ist doch nett.«

»Ja – nein – ja – ich meine nein«, versuchte Tom und bemühte sich, nicht an das Mädchen im Hausflur zu denken.

»Dein Problem ist die Langeweile«, stellte Vater fest. »Du hast nichts Gescheites zu tun. Du solltest uns wirklich im Café helfen. Andere Kinder arbeiten auch in den Ferien.«

»Andere Kinder fahren in den Urlaub«, sagte Tom.

»Nur die, die es sich leisten können«, brummte Vater. »Wenn wir den Sommerumsatz nicht hätten …«

Tom ärgerte sich schon, dass er sich auf die alte Diskussion eingelassen hatte.

Wie lange hielt so eine Olive, die mächtig schreien konnte, es wohl still bei den Jacken aus?

»Ich muss jetzt gehen. Mama darf nicht alles alleine machen.« Vater tat einen Schritt vorwärts, als wolle er in den Flur zur Haustür hinaus.

»Hat Frau Schmitz nicht gerufen?«, fragte Tom hastig.

»Hat sie?«, fragte sein Vater und eilte augenblicklich auf die Terrasse. Doch die Hecke stand alleine da. Keine weibliche Gestalt hinter den Blättern.

»Du musst dich verhört haben«, schnaufte der Vater, aber immerhin stapfte er ums Haus herum zur Straße zurück. Tom winkte und sauste dann in den Flur.

»War das jemand, der mich sehen wollte?«, fragte Olive. Sie hatte tatsächlich regungslos ausgeharrt.

»Das war jemand, der dich hier auf keinen Fall sehen wollte«, erwiderte Tom.

»Komisch«, sagte Olive. »Heute will mich überhaupt niemand wirklich sehen.«

»Das stimmt nicht«, seufzte Tom. »Ich – ich schon.«

»So? Du? Na ja – du zählst ja nicht.«

Das war nun nicht gerade das, was er gerne gehört hätte, aber er bot ihr erst einmal eine Cola an.

Olive beeilte sich zu sagen: »Ich denke, du zählst schon, ab jetzt jedenfalls. Ich brauche nämlich schnell ein Versteck. Dieser dämliche Rufus wollte mir nicht zuhören. Er wollte meine Eltern holen. Das ist nicht seine Aufgabe.«

»Aha.« Tom verstand nicht ganz. »Und was ist seine Aufgabe?«

Ehe sie antworteten konnte, klingelte es an der Tür. Augenblicklich huschte Olive zurück in den Schatten und wurde zur Wolljacke, im Sommer zwischen Mänteln hängend.

Es klingelte erneut.

Dann klingelte es Sturm.

~~~~~ 4 ~~~~~

Tom schaute durch den Türspion.

Frau Schmitz.

Sie wusste, dass er zu Hause war. Wenn er nicht aufmachte, kam sie womöglich durch den Garten herein.

Er öffnete die Tür einen Spalt.

Frau Schmitz trug nun ein dünnes gelbes Sommerkleid, das ihren Bikini nur knapp verbarg. Aber wirklich nur knapp. Es hätte besser an einen Strand als hier auf die Straße gepasst.

»Hat Ihr Hund schon wieder schlecht geträumt?«, fragte Tom.

»Hör mal«, säuselte die Nachbarin, »Tom, es tut mir leid. Echt. Wenn ich dich in Verlegenheit gebracht haben sollte.«

Erst blickte sie über Tom hinweg ins Haus. Dann ihm tief in die Augen. Tom schaute fest zurück. Er hatte mal gelesen, das wäre am besten, wenn man etwas verbergen wolle.

»Also ich meine, mein Junge, wenn du da ein Mädchen zu Besuch hast … und natürlich sollte dein Vater das nicht unbedingt erfahren. Aber jetzt ist es nun einmal passiert. Ich will sagen: ich will das wieder gut machen. Kommt doch einfach zu mir rüber! Als kleine Entschuldigung gibt's Kuchen und Cola bis zum Umfallen für euch.«

Tom krauste die Stirn und sein Blick huschte ertappt nach links. In der düsteren Ecke schüttelte ein roter Kopf zwischen der Garderobe ein heftiges »Nein.«

»Hier ist kein Mädchen«, sagte Tom. Und wieder starrte er der Nachbarin in die Augen. »Da war nur jemand, der nach dem Weg fragte. Mehr nicht.«

»Ah, ja.« Frau Schmitz hob den Zeigefinger, wackelte mit ihm hin und her und lächelte. »Dann muss ich das wohl akzeptieren. Schade. Ich hätte gerne Gesellschaft gehabt.« Sie versuchte noch einmal, über Tom hinweg, ins Haus zu sehen. »Bis demnächst mal. Und lasst mir Suse in Ruhe.«

Tom schloss die Tür.

»Die hat was gemerkt.« Olive kam aus ihrer düsteren Ecke.

»Scheint so«, sagte Tom.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Olive.

»Cola trinken.« Tom ging in die Küche und wollte zum Kühlschrank, aber Olive kam hinterher und packte ihn fest am Arm.

»Hör mal, ich muss dir was sagen. Weißt du, ich bin kein normales Mädchen.« Olive zog und zerrte an Tom. »Man hat mich versteckt. In echt bin ich so eine Art Prinzessin.«

»Ja. Natürlich. Das ist klar.« Plötzlich musste Tom lachen. »Komm, das sagen doch alle Erzeuger zu ihren Ablegern. Du bist meine süße Prinzessin, du bist unser kleiner Prinz.«

»Aber bei mir stimmt es. Meine Eltern sind nur Pflegeeltern. Da sind jetzt Typen hinter mir her, die mich ausschalten wollen. Deshalb bin ich auch von zu Hause abgehauen.«

Tom schwitzte. Am liebsten hätte er Olive in die Arme genommen, sie beruhigt und mit starker Stimme erklärt: »Keine Sorge, Baby, alles wird gut!« doch Olive hatte ihre Finger in seinen Unterarm gekrallt, und wegen der Schmerzen sah er, Tom, bestimmt ziemlich uncool aus. Trotzdem, ein Mädchen, das ihn anflehte. Krass.

Zufällig blickte er aus dem Fenster zur Straße. Zwei Männer in grauen Anzügen standen bei Frau Schmitz und redeten auf sie ein. Zwei fremde Männer, die nicht in diese Siedlung passten. Ihre Gesichtszüge waren verschattet, denn sie trugen Hüte. Wahrscheinlich gegen die grelle Sommersonne.

»Schei ei… ei…«, flüsterte Olive neben Tom. Er spürte ihren warmen Atem in seinem Ohr und bekam eine Gänsehaut, trotz der Hitze. Olive ließ ihn los huschte zurück in den Flur.

Tom guckte weiter nach draußen, während er sich den Arm rieb. Frau Schmitz lächelte, die Männer standen wie Statuen, nur einer wiegte den Oberkörper hin und her.

»Das sind Agenten«, hörte er Olive vom Flur her wispern. »Ich dachte, ich hätte sie abgehängt.«

»Agenten.« Tom grinste sich eins. »Kunstagenten wahrscheinlich. Die fragen nach Rufus. Wie du. Bestimmt wollen die eins seiner bescheuerten Werke kaufen.«

Da sah Frau Schmitz auf und ihm durch die Fensterscheibe direkt in die Augen.

Tom grinste tapfer weiter und winkte.

Die Männer wandten sich ihm zu, er hatte das Gefühl, sie sahen auch zu ihm herüber. Durch düstere Sonnenbrillen. Wie es sich für Agenten gehörte.

»Ich hab' da ein ganz mieses Gefühl.« Möglichst lässig ging Tom zum Kühlschrank, cool holte er sich eine Cola, nahm einen Schluck und zog sich zurück in den Flur. »Das ist wie in ›Matrix‹. Olive. Kennst du die Filme? Oder die Games? ›Matrix‹? Olive?«

Olive antwortete nicht. Sie war nicht mehr im Flur.

»Hey. Wo steckst du? Olive?« Ärgerlich ging Tom zum Wohnzimmer. »Was soll das? Du könntest ruhig mal was ausspucken!«

Eine Hand packte ihn von hinten und hielt ihm den Mund zu. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus, dann fing es an zu rasen. Fast hätte er seine Cola verschüttet.

~~~~~ 5 ~~~~~

»Pssst. Keinen Laut«, flüsterte ihm jemand ins Ohr. »Halt einfach die Klappe, Alter.« Es war Bernhard.

Tom nickte, worauf Bernhard ihn freiließ. Tom nahm erst einmal einen kräftigen Schluck Cola. Seine Pumpe pumpte noch immer mächtig. Ah, die Terrassentür. Da war Bernhard hereingekommen.

»Olive hat Recht«, flüsterte Bernhard. »Sie sind da draußen.«

Hinter seinem Rücken tauchte Olive auf.

Bernhard fluchte: »Shit Black Hole. Ich hätte nie gedacht, dass die uns finden. Ich bring' das Mädchen weg. Und zwar nicht durch die Vordertür.«

»Wäre nicht mal eine Erklärung fällig?«, flüsterte Tom, als sie den Garten betraten. Frau Schmitz war nicht zu sehen, wie denn auch? Sie flirtete ja mit den Sonnenbrillen auf der Straße.

Bernhard schob Olive rasch über den Rasen durch die Forsythien-Sträucher zum hinteren Zaun. Er kletterte hinüber. Auf den schmalen Pfad. Olive stieg wie selbstverständlich hinterher.

Hier hätte Tom zurückbleiben können. Er hätte seine Gäste verabschieden und ziehen lassen können. Er hätte sich in seinen Gartenstuhl setzen und weiter Cola schlürfen können.

Aber das lag ihm fern. Dieser so langweilig gestartete Ferientag war irgendwie und plötzlich immer spannender geworden. Wahnsinnig spannend.

Wie ein Computerspiel.

Oder so.

Deshalb folgte er den beiden über den Zaun. Auf den Pfad, der zwischen den Gärten ein Stückchen weiter oben wieder zur Straße führte.

Bernhard beachtete ihn nicht, Tom erkannte seinen Kumpel kaum wieder. Der wirkte nervös, er bugsierte Olive ungeduldig hin und her, doch meistens vorwärts. Er sicherte nach allen Seiten, und das letzte Stückchen der Ginstergasse zu seinem Laden legte er mit ihr doch tatsächlich in einer Art Laufschritt zurück, hastig, eilig. Kaum zu glauben, und das Bernhard.

Tom blickte die Straße hinunter, in die Richtung, in der sein Zuhause lag, aber er sah nichts Verdächtiges in der glühenden Spätnachmittagssonne. Die Anzugträger waren vermutlich abgedampft und hatten gar nichts zu bedeuten …

Er folgte den Beiden in den Verkaufsraum des Schlüsseldienstes.

Hinter dem Tresen hockte Rufus.

»Was macht denn der hier?«, fauchte er wütend.

Bernhard drehte sich zu Tom um. »Was machst du denn hier?«

»Ja, was mach ich denn hier?«, fragte Tom.

»Ihr seid doch wohl nicht ganz …« Der blonde Künstler schluckte vor Zorn.

»Sie war bei ihm. Um sich dort zu verstecken«, sagte Bernhard.

»Klasse«, schnauzte Rufus. »Zuerst rennt sie offen durch die Gegend. Damit jeder sie sehen kann. Und dann jedem hinterher!«

»Was ist denn eigentlich los?«, fragte Tom.

»Wir stecken in der Klemme. Und deine Einmischung macht es nicht leichter«, seufzte Bernhard.

»Meine Einmischung?«, wollte Tom protestieren, da sagte Rufus schnell: »Wir haben keine Wahl, wir müssen ihn mitnehmen, damit sie ihn nicht erwischen und ausquetschen.«

»Mitgehangen, mitgefangen«, bestätigte Bernhard. »Oder war es umgekehrt?«

»Dann glaubt ihr mir endlich?«, fragte Olive.

»Ja.« Bernhard und Rufus nickten fast gleichzeitig.

Tom wurde es nun doch ein wenig mulmig. Diese Unterhaltung hörte sich nicht nach gemütlichem Ferienplausch an.

Bernhard fasste ihn hart an den Schultern. »Tom, alter Kumpel. Du bleibst bei Olive. Und pass mir gut auf sie auf.« Dann schob er Tom hinten durch kleinen Flur und hinaus auf den Hof.

Rufus folgte mit Olive.

»Sie werden eine Weile brauchen«, bemerkte Bernhard.

»Ich schätze, ihre Basis liegt nicht in unmittelbarer Nähe. Das gibt uns hoffentlich Zeit bis zum Einsetzen der Dunkelheit«, erwiderte der Künstler.

»Vorher kannst du auf keinen Fall aufbrechen.« Der Schlüsseldienstler nickte. »Es sei denn, du willst gleich Einladungen rausschicken.«

Dann tat Rufus etwas Erstaunliches. Er trat auf Bernhard zu und nahm ihn fest in die Arme. »So sollte es nicht sein«, sagte Rufus und drückte seinen Freund lange.

»Nein«, antwortete der. »Halt die Ohren steif. Ich bleib' und peil' die Lage. Wenn's geht, halt' ich sie auf. Später komm' ich nach.«

Dann lösten sie sich. »Rein mit euch«, rief Rufus, während er den Schuppen aufschloss. Bernhard winkte noch einmal wie zum Abschied, wandte sich um und eilte ins Haus zurück.

Tom kam es vor, als ob die beiden Älteren da eine Performance einübten. Denn schließlich betrat er einen Schuppen. Keinen Bus. Keinen Zug. Keinen Flieger. Nur einen Schuppen, in dem Rufus normalerweise an seinen Kunstwerken bastelte.

Tom war schon einmal hier gewesen. Im ›Atelier‹, wie Rufus den vollgepfropften, unübersichtlichen, nach keiner durchschaubaren Ordnung eingerichteten Verschlag großspurig nannte. An den Seiten standen Werkbänke, auf deren Arbeitsflächen funkelnde Merkwürdigkeiten: Draht- und Leuchtgebilde, Gestänge und Eisenkonstruktionen.

An ihnen und in ihnen blinkende Lichter, glimmende Schläuche, schimmernde Platinen.

In der Mitte der Werkstatt kämpften Kisten und Maschinen und Werkzeuge und Gerümpel um den knappen Platz. Die Luft roch immer irgendwie staubig.

Rufus ging zu einem Schaltkasten an der Wand und drückte einen Schalter.

Mit einem leisen Zischen fuhren Läden vor die Fenster und schlossen diese dicht. Der Raum wurde plötzlich nur noch in das schwach farbige Licht getaucht, das von den Kunstwerken ausging.

»Macht's euch auf den Sitzen bequem.« Rufus öffnete ein bemaltes Ding, das ein alter Kühlschrank hätte sein können, und entnahm ihm eine bauchige Flasche.

»Danke«, erwiderte Olive. »Ich bin froh, dass man nicht mehr von draußen reingucken kann.« Sie begann, Werkzeugkästen von einer roten Bank zu räumen. Einer viersitzigen, gepolsterten Bank, die mitten im Raum stand. Olive warf sich auf einen der Plätze und streckte ihre Beine hoch. »Wow, tut das gut!«, sagte sie und setzte sich aufrecht hin.

Tom dachte: »Super hier.«

»Momentchen«, sagte Rufus. Er schob ein paar Metallkisten zur Seite und klappte einen Tisch auf, der offenbar im Boden versenkt gewesen war. Darauf stellte er drei Gläser, in die er aus der Flasche einschenkte. Eine dunkelbraune Flüssigkeit. »Trinkt das.«

»Ist das Cola?«, fragte Tom.

»So was in der Art«, lächelte der blonde Künstler. »Ein Mixgetränk. Es hilft.«

Tom setzte sich direkt neben Olive. »Meine Liege im Garten ist bequemer«, sagte er ihr.

»Aber die steht draußen«, erwiderte Olive. »Wo jeder glotzen kann.«

Darüber konnte man schlecht diskutieren. Tom nahm ein Glas und schnupperte. »Alkohol?«, fragte er cool und tat fachmännisch.

»Nee«, lächelte Rufus wieder und nippte von seinem Glas. »Aber es wirkt.«

Olive trank und trank und trank ihr Glas leer. »Nicht übel«, sagte sie dabei. Tom wollte nicht zurückstehen und leerte sein Glas ebenfalls.

Die Flüssigkeit schmeckte süß und scharf, nach Zimt und Zucker und Lauge und Geschirrspülmittel.

Mit einem Schlag wurde es Tom leicht ums Herz. Rufus war ein toller Bursche! Ach ja, was war der Tag doch spannend. Die Lichter an den Kunstwerken sprühten in freudigen Farben wie ein Feuerwerk.

Und Olive, neben ihm Olive, in ihrem dicken, herrlich weichen Pullover, sie war das schönste Mädchen der Welt. Ach was, der Welt. Des ganzen Universums!

Die Luft im Raum duftete wie eine Sommerwiese.

Tom fasste Olive's warme Hand, die auf dem Polster ruhte, er spürte, wie ihre Hand seine sanft drückte, er drehte den Kopf, er sah ihre Sommersprossen, ihre grünen Augen, ihren lächelnden Mund.

Und Tom schlief ein.

~~~~~ 6 ~~~~~

Als Tom erwachte, fühlte er sich stark verbessert. Verbessert? Ein merkwürdiges Wort, das ihm da in den Sinn kam. Er fragte sich, wo er war.

Langsam dämmerte es ihm.

Der Sitz, das vollgestopfte Atelier, Rufus Werkstatt.

»Was ist passiert?«, fragte er laut. Tom sprang auf.

»Wir sind eingeschlafen.« Olive stand an einer der Werkbänke, aus deren Platte ein leicht gekrümmter, unglaublich dünner Bildschirm herauszuwachsen schien. Das Bild zeigte fädenartige, farbige Formen. Sein Leuchten beschien Olives Gesicht.

»Hammer Animation«, sagte Tom.

»Wenn du meinst«, erwiderte Olive.

»Wir müssen Stunden weggetreten gewesen sein.« Tom machte einen Schritt auf das Mädchen zu, irgendwie kam er sich dabei federleicht vor. »Was hat Rufus uns da nur eingeflößt? K.-o.- Tropfen?«

»Bestimmt nicht.« Olive fuhr sich durch ihr rotes Haar und verschränkte dann die Arme über der Brust. »Was er anpackt, macht er richtig, auch wenn er vielleicht träge ist.«

Tom sah sich skeptisch um. »Wo steckt der Knabe eigentlich?« Die kahlen Wände der Werkstatt schimmerten in einem kalten Blaugrau. Gemütlich wirkte das nicht. Immerhin, die Luft war jetzt klar und staubfrei.

»Beim Checken«, grinste Olive. Dann drehte sie sich um und betrachtete den flachen Screen mit seinen Fadenmustern und schwarzen Punkten. »Du glaubst also, das wär' hier eine Animation?«, fragte sie.

»Logisch. Rufus installiert doch so was. Oder Bernhard, der kennt sich auch damit aus.« Ein Gedanke kam ihm in den Sinn. Tom ging zur Tür. Bernhard. Genau. Den wollte er jetzt sehen. Er musste nur über den Hof.

Die Tür war verschlossen. Sie bewegte sich nicht einen Millimeter.

»Was soll das?« Toms Stimme kippte. »Wir sind eingesperrt.« In seinem Magen baute sich Druck auf, der langsam hochkroch, in die Brust, in die Kehle. »Jetzt kapier' ich. Rufus hat uns unter Drogen gesetzt, um uns zu kidnappen.« Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Olive wandte sich vom Bildschirm ab. Sie zeigte auf ihn. »Du – Blödmann – du« Bei jedem Wort machte sie einen Schritt und stieß mit dem Zeigefinger Richtung Tom. »Du – verstehst – gar – nichts.« Dann stand sie vor ihm.

Tom packte ihren wedelnden Zeigefinger. »Dann erklär's mir.« Er fühlte ihre warme, knochige Hand, er spürte ihren Atem und blickte in funkelnde, grüne Augen. »Ich weiß nur noch, ich hab' so 'n Zeugs getrunken und bin dann ins Koma gefallen.«

»Na und?«, fauchte sie. Er sah die feinen Fältchen, die sich auf ihrem Nasenrücken bildeten und die Sommersprossen schaukelten.

»Was heißt hier: Na und??« Er zog sie näher zu sich. »Die Fenster sind dicht, die Tür ist geschlossen. Das war Rufus. Er hat uns gefangen gesetzt.«

»Nein.« Olive ergriff seine Hand, die ihren Finger umklammerte, und so hielten sie sich gegenseitig. »Rufus hat mich gerettet.«

»Gerettet?«

»Ja. Ich bin eine Prinzessin. Eine, die gejagt wird.«

»Ja. Klaro. Das hatten wir doch schon.« Tom hätte sie am liebsten kräftig an den Schultern gefasst und geschüttelt. »Prinzessin.«

»Nicht exakt Prinzessin.« Rufus.

Die beiden wandten ruckartig den Kopf, so dass sie fast mit den Stirnen zusammenstießen.

»Mann«, stöhnte Olive, aber keiner von Beiden ließ los.

Rufus steckte seinen Kopf aus einer Luke im Boden. Ungefähr in der Mitte der Werkstatt.

»Aha«, dachte Tom. »Da gibt's also noch einen Keller. Hätte man nicht vermutet bei der Hütte.«

Rufus kletterte hinaus. »Prinzessin ist nicht die exakte Übersetzung. Rare ErzDame oder Sonnennahe Herrin – oder Erlesene Erbin – oder so. Du bist auf jeden Fall etwas ganz Besonderes, mein Mädchen.«

Olive ließ Toms Hand los und ging auf Abstand. Da hielt auch Tom nicht länger ihren Finger fest. Rufus stand nun blond und breitschultrig vor ihnen.

Tom gefiel es gar nicht, wie Olive ihn ansah. Wie einen Retter eben.

»Ihr wahrer Titel bedeutet wörtlich: Das einzige Kind, das würdig ist, in den Spuren der erhabenen Vorfahren zu wandeln. Da ist Prinzessin eben viel einfacher.«

»Ihr könnt euch meinetwegen Storys von Prinz und Prinzessin erzählen, ich will hier raus.« Tom befummelte die Tür. Sie hatte sich dem Rahmen angepasst, ohne die winzigste Ritze.

»Geht nicht«, sagte Rufus. »Die Schleuse ist dicht.«

»Dann mach sie auf!«

»Ist wirklich unmöglich. Da draußen ist – nichts.« Rufus ging einen Schritt auf Olive zu und legte ihr seinen Arm um die Schultern.

»Das hätte ich machen sollen«, dachte Tom verzweifelt. Laut rief er: »Da draußen ist schon was. Nämlich meine Freiheit!«

»Auch das ist nicht exakt. Oder vielleicht doch, auf eine andere Weise. Wir müssen uns hier einrichten, damit wir frei sind – frei werden. Stationärer Stillstand für maximalen Move.«

Dieser Rufus war verrückt. Und er hatte Olive in der Gewalt, unter seinem starken Arm. Genau genommen hatte er sie beide in der Gewalt. Er war groß und kräftig, dieser Rufus. Er konnte mit ihnen machen, was er wollte. Obwohl Tom sich gerade noch bärenstark gefühlt hatte. Er lehnte sich an die kalte Tür. Sie war echt kalt. Ziemlich kalt. Wäre Olive nicht da gewesen und hätte sie zu ›dem da‹ nicht so glücklich aufgeschaut, nur um dann ihn, Tom, schnippisch anzulächeln, so naiv, so ohne Misstrauen, Tom wäre wahrscheinlich umgekippt. Aus Schock und Protest. »Das ist – mega-bullschittig und hyper-weichhirnig!« Tom konnte nur noch flüstern.

»Hör mal, Kumpel. Es war nicht meine Idee, dass du mitkommst. Absolut nicht. Also benimm dich wenigstens. Sonst muss ich mir für dich was überlegen.« Rufus klang überzeugend. Denn er hatte seine Stimme nicht einmal erhoben.

Tom kramte umständlich nach seinem Handy. Sonst hatte er es immer geschmeidig bei der Hand. Aber das verflixte Teil war einfach nicht da. Wahrscheinlich hatte er, der Idiot, es einfach zu Haus im Garten im Gras liegen lassen.

»Egal!«, schrie Tom. »Mein Vater kommt gleich und holt mich aus diesem Schuppen raus. Er weiß, wo ich mich herumtreibe.«

»Nein. Er kommt nicht«, sagte Rufus. »Er besitzt nicht die Technologie.«

~~~~~ 7 ~~~~~

»Was heißt das denn schon wieder?«, fragte Tom. »Nicht die Technologie? Er braucht nur das Schloss zu knacken. Oder knacken zu lassen. Bernhard zum Beispiel hat einen Schlüsseldienst.«

»Bernhard wird ihm kaum helfen. Im Gegenteil. Er erklärt deinem Vater gerade, dass du einen kleinen Ferienausflug machst. Mit einem netten Mädchen, das du begleiten darfst«, erklärte Rufus.

»Ja. Dem wird er das auch sofort glauben. Er hält nicht viel von Bernhard. Er wird ihn zwingen.«

»Nein. Er wird ihn nicht zwingen. Wir sind nicht mehr in seiner Nähe. Wir sind schon auf der Reise.«

»Reise? Wir sind in deiner Werkstatt.«

»Ja, das auch.« Rufus nickte. »Nur, es ist jetzt keine Werkstatt mehr. Sie hat jetzt eine andere Funktion.«

Was sollte das? An den Seiten befanden sich noch immer die drei Werkbänke, voll beladen mit Geräten, wie dem Bildschirm, zum Beispiel. Seitlich dieser Kühlschrank. In der Mitte der Polstersitz mit dem Tisch davor. Daneben die Klappe im Boden. Und überall diese Kunstwerke und Materialien.

»Gleich erzählst du mir noch, wir sind in einem Raumschiff, was?« Tom dachte an das Spiel ›The Right Hand Of Darkness‹.

»Schiff«, sagte Rufus gerade und drückte Olive. »Fahrzeug – Vessel – Raumzeit-generierender-Himmelswagen – ich weiß nicht, ich kann das nicht gut erklären. Bernhard müsste hier sein. Und du Vogel dürftest eigentlich gar nicht hier sein.«

»Rufus«, sagte Olive energisch. »Es ist gut, dass Tom hier ist. Ich finde das gut.«

»Ja, natürlich …« Der durchgeknallte, blonde Kerl, der sich bisher für einen Künstler ausgegeben hatte, wurde plötzlich verlegen. »Nur, es verkompliziert die Lage. Er ist nicht vorbereitet.«

»Aber er ist intelligent und kapiert bestimmt schnell. Wenn er muss.« Olive strahlte Tom an, und ihm wurde weh zumute. Und plötzlich erinnerte er sich an Bernhards Worte: »Tom, alter Kumpel. Du bleibst bei Olive. Und pass mir gut auf sie auf.« Was immer hier abging, er durfte das Mädchen nicht im Stich lassen. Schon fühlte Tom sich wieder besser.

Er versuchte, sich das Atelier als das Innere eines Raumschiffes vorzustellen. Die Werkbänke wären womöglich Steuerpulte? Und diese Kunstwerke Armaturen – blinkende Armaturen?

Massenweise verschiedenfarbige Kugeln an dünnen Stangen – Schalter vielleicht? Halbrunde Glasglocken wie Blubberblasen, in denen Lichtinstallationen glühten – Messinstrumente? Ovale Spiegelgebilde – Bildschirme? Mittendrin eine dreckige, speckige Sitzbank – der Pilotensessel?

Da löste sich von der Wand eine Metallscheibe, mit Sprungfedern an den Rändern, die anfing zu kreiseln.

»Der Malocher«, sagte Rufus. »Ein Roboter würdet ihr dazu sagen, obwohl er keine menschliche Gestalt hat. Ich muss ja leider alles alleine bewerkstelligen. Da bin ich froh, dass ich ihn zur Verfügung habe.«

»Ah – ja.« Tom hatte plötzlich einen üblen Verdacht. Wahrscheinlich träumte er das Ganze. Er war betäubt worden. Oder er war schon früher, in seinem Liegestuhl im Garten eingenickt und hatte einen Sonnenstich abgekriegt. Jetzt fantasierte er. Dann konnte er ebenso gut den coolen Superhelden spielen.

»Tolle Kulisse, die du da gebastelt hast. In deinem Schuppen«, lachte Tom höhnisch.

»Nicht exakt. Keine Kulisse. Und der Schuppen war nur Tarnung. Er steht weiterhin da unten auf deinem Planeten. In Bernhards Hof. Beim Start wurde er natürlich zur Seite geklappt.«

»Start? Ach. Und du glaubst, ich glaube, es fällt keinem auf, wenn bei uns aus der Siedlung ein Ufo abhebt?«

»Das war das Problem. Wir mussten die Dunkelheit abwarten. Wir durften keine Aufmerksamkeit erregen.«

»Na klar, die Dunkelheit. Da düsen wir dann einfach durch den Flugverkehr des Düsseldorfer Flughafens.«

»Ohne Licht natürlich«, erklärte Rufus ernsthaft.

»Klar, und die Piloten der Flieger sehen uns nicht.«

»So ist es. Bist du schon einmal ohne Licht Fahrrad in der Nacht gefahren? Ich sag' dir, du wirst in den meisten Fällen von anderen Verkehrsteilnehmern übersehen. So wie wir. Und vom einfach strukturierten Radar werden wir nicht erfasst. Die ›Avobo‹ – unser Schiff – reflektiert die Strahlung nicht.«

»So. So.« Tom überlegte, ob die Droge noch wirkte oder ob er nicht doch zu viele Virtualgames spielte, wie seine Mutter immer meckerte.

Doch Olive, Olive wirkte so lebendig, so echt, wie sie in dieser blinkenden Umgebung stand und zufrieden grinste.

»Du hast uns K.-o.-Tropfen verabreicht, und jetzt hältst du uns hier gefangen.«, sagte Tom mit möglichst tiefer Stimme.

»Nein. So ist es nicht.« Rufus raufte sich die blonden Haare. »Setzt euch. Ganz entspannt. Ich probier' mal eine Erklärung.«

»Komm.« Olive nahm Toms Hand und führte ihn zu den Sitzen zurück.

»Ihr seid doch beide verrückt«, sagte Tom, ließ sich aber bereitwillig neben Olive auf das Polster fallen. Olives Hand ließ Tom nicht los. Sie hatte so etwas Warmes, Reales.

Rufus lief hin und her. »Ja. Also. Olive, und wir auch, wir kommen von innen. Nein, das ist wieder nicht exakt. Für dich und deine Leute kommen wir von außen. Ich meine, wir stammen in der Tat von einer alten Welt, vom Zentrum der Galaxis. Olive ist die Erbin eines riesigen, kaum vorstellbaren Vermögens.«

Rufus stieß beim Laufen mit dem Malocher zusammen, und die Scheibe surrte kurz auf, als wolle sie ihrem Unmut Luft machen.

»Ihre Eltern wurden kurz nach ihrer Geburt getötet. Bei einem Unfall, sagt man. Und ihre, na, du würdest sie Onkel und Tanten nennen, verwalten nun den Familienbesitz. Dort auf Urushuk.« Er seufzte und ein verträumter Ausdruck schlich sich in seine Mine.

»Mit dem Tode der Eltern war auch das einzige Kind, Olive nämlich, die Rare ErzDame, die Erlesene Erbin, den neuen Clanoberhäuptern im Weg. Als Letztes einer direkten Blutlinie. Sie mussten das Baby töten, um die Nachfolge anzutreten. Aber wir haben es gerettet. Olives Eltern waren unsere Freunde, wir wollten, dass sie lebt. Wir konnten nicht zulassen, dass die Verwandtschaft das kleine Ding einfach beiseiteschafft, nur für Geld und Macht. Wir, das sind Bernhard, ich und Betty und Alf, ihre beiden Pflegeeltern.«

»Echt edel«, höhnte Tom.

»Oder sentimental. Lassen wir das mal beiseite. Wir suchten ein Versteck. Einen Planeten außerhalb der Zivilisation, im Niemandsraum. Es gibt solche Welten. Isolierte, unterentwickelte Welten. Unsere Wahl fiel, eher zufällig, auf deine Erde. Wir assimilierten uns mit der Bevölkerung. Alf und Betty schleusten wir bei eurer Polizei ein, so konnten sie berufsmäßig mitbekommen, wenn sich etwas Ungewöhnliches tat. Und jetzt ist es passiert. Olive ist entdeckt worden. Ventoren tauchten auf. Üble Burschen. Du kannst sie auch Greifer nennen, Jäger, Manhunter, egal. Warum sie hinter Olive her sind, weiß ich nicht. Entweder wollen sie sie beseitigen, wie ursprünglich von ihrem Clan geplant, oder – ach, keine Ahnung.« Rufus schaute Olive versonnen an. Tom mochte den Blick nicht.

»Olive, du hast die Ventoren gewittert. Du hast die Gefahr sofort gefühlt. Du bist echt clever, Mädchen. Man merkt das Blut, das uralte Blut deiner Familie, das durch deine Adern rauscht. Ich wollte dir ja erst nicht glauben, aber deine Eltern, Alf und Betty, bestätigten den Ernstfall. Gut. Oder schlecht. Jetzt sind wir gezwungen, dich woanders zu verstecken. Deshalb mussten wir ziemlich hastig, und ziemlich unvorbereitet, starten.«

Tom lachte. »Quatsch – Blödsinn und Mega-Schrott.«

»Ja, da hast du recht«, bestätigte Rufus.

»Jedenfalls hoffe ich, wir waren unauffällig genug, um die Ventoren nicht auf uns aufmerksam zu machen. Wenn die uns noch immer an der Blase kleben – das heißt: uns auf den Fersen sind – nicht schön.«

»Du kannst mir ja viel erzählen«, rief Tom. »Glaubst du den Schwachsinn?«, wandte er sich an Olive. Aber sofort wusste er, dass sie genau das tat.

Sie entzog ihm ihre Hand und schaute Rufus an.

»Meine Eltern sagten immer: Wenn was passiert, geh zu Rufus. Der hilft. Ja, daher weiß ich: Rufus, du rettest mich, nicht wahr?« Ihre Augen funkelten grün.

Just in dem Moment heulte ein Ton auf, der Tom das Hirn durchbohrte.

~~~~~ 8 ~~~~~

Tom sprang von der Sitzbank auf. Er schnellte so leicht in die Höhe, dass er mit den Armen rudern musste, gegen Gleichgewichtsstörungen. Um ihn drehte sich die Werkstatt.

»Jetzt nichts anfassen«, rief Rufus. »Wir wollen keine Instabilität.«

Das grässliche Pfeifen hielt an. »Stell die dämliche Rückkopplung ab.« Tom schwankte weiter.

Rufus packte ihn von hinten. »Still, du Idiot.« Er schubste Tom zurück ins Polster. Der landete halb auf Olive, die aufstöhnte. Hastig rückte Tom zur Seite und schrie Rufus an: »Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht was?«

»Mund halten, sag' ich. Wegen dem mistigen Gelaber hab' ich doch glatt die Punktualzeit vergessen.« Rufus wandte sich hektisch verschiedenen Gebilden zu und verschob Kugeln.

Der Malocher surrte hin und her, mit seinen Stahlfedern tatschte er an die Kunstwerke. Die Farben in den Glasglocken wurden intensiver.

»Wir müssen eintauchen. Bleibt bloß sitzen.« Rufus bewegte sich fahrig. »Mann – oh – Mann – oh – Mann!« Seine Stimme überschlug sich. »Ich kann jetzt keine Panik gebrauchen. Ihr rührt euch also nicht vom Fleck. Was auch passiert. Beachtet es einfach gar nicht!«

Tom sah Olive an. Die war blass geworden, und das Pfeifen setzte ihr wohl ziemlich zu, denn sie presste ihre Fäuste gegen die Ohren.

Tom wagte nicht, noch etwas zu sagen.

Das Licht flackerte. Die Kugelstangen vibrierten. Die Wände warfen Falten. Falten, die sich wie Wellen in Bewegung setzten. Das Pfeifen wurde schriller. Die Malocher-Scheibe rotierte. Der Raum beulte aus und schnellte zurück. Wieder und wieder. Toms Gedärme wurden durchgeknetet, seine Augenlider zitterten, seine Zunge zuckte.

Olives Umrisse lösten sich auf, sie wurde durchsichtig …

Und plötzlich, mit einem Schlag, Erleichterung, Ruhe. Die Dinge und Menschen standen still und hatten Substanz. Das Pfeifen war nicht mehr. Die Beleuchtung konstant.

»Stark, was?«, flüsterte ihm Olive ins Ohr. Ihr Atem kitzelte.

Rufus drehte sich zu ihnen um. »Geschafft«, jubelte er plötzlich. »Geschafft. Danke, mein Malocher. Danke. Schande, jetzt bedank' ich mich schon bei einem Roboter. Ich bin halt kein geborener Raumpilot.« Er grinste Olive an. Dann Tom. »Unsere Vitalwerte, völlig normal. Und das finde ich gut.«

Er schielte zur Seite. »Sind wir richtig? Ja. Sind wir. Der schwierigste Teil liegt zwar noch vor uns, aber der ist eher konventionell. Das packt der kleine Malocher doch fast von alleine.«

Während Rufus aufgedreht weiterredete, verstellte er mehrere Hebel. Einige Leuchtkolben veränderten daraufhin die Farben. Die angesprochene Scheibe stand nun eher unbeteiligt abseits.

»Was war das für eine abgedrehte Show?«, fragte Tom Olive. »Wollte der unsere Gehörgänge zerfetzen?«

Olive zuckte geringschätzig die Schultern. Die Angst um ihre Trommelfelle hatte sie wohl verdrängt. »Raumzeitverschmelzung, schätze ich.«

»Ja klar. Was denn sonst? Und jetzt sind wir im nächsten Level.« Tom bückte sich. »Du hast dabei deine Mütze verloren.« Er stand auf, ging ein paar Schritte und bückte sich nach dem Wolledings, dass zwischen Schraubendrehern lag.

»Danke. Hab' ich gar nicht bemerkt. Ist ja warm genug.« Sie erhob sich ebenfalls und zog auch noch ihren Pullover über den Kopf.

»Du hast recht.« Tom schluckte, als er sah, wie schlank sie nun war, denn sie trug nur noch ein dünnes, ärmelloses Shirt. Die Haut ihrer mageren Schultern schimmerte weiß und rötlich, oder lag das an dem kalten Licht?

Olive schob die Sitze herum, so dass man bequem auf den Bildschirm blicken konnte, der auf der Werkbank positioniert war. Die kurze Wollhose betonte dabei ihre Hüften, das Shirt rutsche ein wenig hoch und gab einen Teil ihres Rückens frei.

Tom sah die knochige Wirbelsäule. Dann schüttelte er den Kopf und studierte den Bildschirm, auf dem jetzt nur Linien, Punkte und kleine, kritzelige Symbole zu sehen waren. »Kommt da noch eine verständliche Graphik?«

»Keine Ahnung. Ich erleb' das ja auch zum ersten Mal«, sagte Olive und ließ sich auf dem Sitz nieder. »Kommt da noch eine anständige Graphik?«, schrie sie Richtung Rufus, der an einer anderen Werkbank herumfummelte.

»Tut mir leid«, brummte er abwesend. »Habe vergessen, den Moni umzurüsten. Er zeigt noch die üblichen Flightdates. Ich wollte schon immer mal ein Bildgebungsprogramm einziehen, aber wie das so ist: man schiebt und schiebt und schiebt und denkt, man hat ja noch Jahre Zeit.«

»Was heißt das?«

»Macht's euch einfach bequem. Das, was da auf dem Screen abläuft, versteht ihr kaum. Mein Fehler. Denkt euch was Schönes.«

»Na super«, sagte Tom. Er stand hinter der Rückenlehne.

Olive sah zu ihm auf. »Du bist immer so negativ.« Sie krauste wieder ihre Nase und ließ die Sommersprossen tanzen. »Denk mal, wie es mir wohl geht. Ich wurde verfolgt, ich musste meine Eltern zurücklassen und fliehen.« Tom kam herum, und weil er bei ihrem Anblick weich wurde, beschloss er, das Spielchen mitzuspielen. »Du hast Recht. Ich renne hinter dir her und will dann nicht glauben.«

Ein heftiger Ruck ließ den Boden wanken, so dass Tom einknickte, vornüberkippte, mit der rechten Wange zunächst hart gegen ihr Schlüsselbein knallte und dann auf die Polsterlehne schlug, weil sie die Schultern wegzog, wobei seine Zähne sich in ihren weichen Oberarm gruben. Er rollte weiter seitwärts und kam einigermaßen cool neben Olive zu sitzen. Auf seinen Lippen der salzige Geschmack ihrer Haut. Der sich vermutlich mit ein paar Tropfen Eigenblut mischte.

Es ruckte und rumste noch einmal, diesmal stieß Olive gegen ihn.

»Ups«, stöhnte sie. Mehr nicht.

»Sorry«, tönte Rufus' Stimme. »Ich bremse nicht so geschmeidig, wie ich es mir vorgestellt habe.«

»Kann man wohl sagen«, rief Olive und rieb sich ihren Arm. »Ist dein Kopf noch dran?«, fragte sie Tom.

»Hm«, antwortete er und starrte wie besessen auf die Muster des Bildschirmes. Punkte. Huschende Streifen. Gittermuster. Auf- und untergehende Symbolreihen. Farbkleckse, kaum erschienen, schon verblasst. Aber dahinter sah er ihr Gesicht. Olives Gesicht. Olives lächelndes Gesicht. Ob die Oberfläche es widerspiegelte oder ob er es sich einbildete, konnte er nicht sagen.

»Bremsen«, murmelte Tom schließlich. »Er will bremsen. Wir bremsen für niemanden.«

~~~~~ 9 ~~~~~

»Rufus Flugstil ist abenteuerlich«, flüsterte Olive begeistert.

»Extrem«, erwiderte Tom. Während er verwirrt versuchte, eine ganz normale Erklärung für all die Phänos zu finden. Bergschäden, beispielsweise. Oder stinknormale Erdbeben. Oder Schwenkbühneneffekte? Egal, solange Olive neben ihm saß.

Er hatte es gar nicht bemerkt, aber Rufus hatte sich an den Tisch gestellt. Er schenkte erneut diese braune Nicht-Cola in Gläser ein.

»Also, ich bedaure meinen rauen Rumpelkurs, aber ich bin nicht geübt. Ich bin Künstler«, grinste der blonde Große.

»Dope?«, fragte Tom.

»Nein. Flüssige Nahrung. Und Fit-Halter. Astronauten-Trank. Du verstehst?«

»Na klar, versteht er«, sagte Olive zuversichtlich.

Und Tom wollte sie nicht enttäuschen.

»Ihr möget trinken mit vollem Vertrauen«, grinste Rufus. »Übrigens, die Rohstoffe dazu gibt's auf eurem Planeten, ziemlich günstig. Wenn die Menschen am interstellaren Handel teilnähmen, könnten sie reich werden, enorm reich.«

»Haut mich das Zeug wieder um?«, fragte Tom.

»Wahrscheinlich. Sieh mal, euer Körper muss sich erst an die Konzentration gewöhnen. Du schläfst einen heilsamen Schlaf.«

»Okay.« Tom zweifelte, ob er wirklich eindösen wollte, aber, vielleicht wachte er ja wieder in seinem Gartenstuhl auf, neben sich sein Handy …

Also probierte er ein Schlückchen, der Drink schmeckte immer noch unentschieden.

Olive leerte ihr Glas in einem Zug.

Als Tom ihr beim Schlucken zusah, wie sich ihre Wangen- und Halsmuskeln bewegten, schoss ihm das Thema künstliche Schwerkraft in den Sinn. Die existieren und um ihn herum aufgebaut sein musste, denn sonst hätte er doch wohl Tuben, und keine Gläser serviert bekommen. Andererseits, wenn sie weiter im Hof von Bernhard herumhingen, neben der Apotheke, und das Spektakel nur eine Show war, die Rufus, aus welchen Gründen auch immer, mit ihnen abzog, ja dann spielte die Schwerelosigkeit sowieso keine Rolle.

Ihm fielen die Augen zu, doch Tom fand seinen Gedankengang äußerst clever, für seine Verhältnisse, und das bedeutete irgendetwas. Was? Dass ich, er, sie, wir nicht entscheiden können, ganz objektiv, so als Detektiv, was denn jetzt Fakt ist – in etwa?

Jemand schlug ihm auf die Wange, links, rechts, er riss die Augen auf.

»Aua, warum schlägst du mich, Olive?«

»Wach endlich auf«, sagte sie. Über ihn gebeugt, ihr Gesicht so nahe, so nahe …

»Wieso? Ich bin doch gar nicht eingeschlafen? Ich hab' nur kurz nachgedacht.«

»Gepennt hast du, wie ein toter Hund.«

»Hund? Suse? Frau Schmitz?«

»Werd' endlich klar im Kopf.« Jetzt packte sie ihn an den Schultern und rüttelte ihn, was Tom sehr gut gefiel. Welches Mädchen hatte sich schon einmal so um ihn gekümmert? Er ließ sich das Schütteln noch eine Weile gefallen, auch wenn er wach war. Und immer noch in der Künstlerwerkstatt.

»Wir sind da.« Olive richtete sich auf und ließ ihn ihren Bauchnabel sehen.

»Ja?«, murmelte Tom. »Und wo?« Warum musste er jetzt an Wurmlöcher denken?

»Keine Ahnung.«

»Das ist doch mal 'ne Info.«

»Rufus macht gerade alles klar, dann können wir raus.«

»Echt?«

»Ja, echt.« Sie trat zurück, zog ihr Shirt nach unten und ergriff ihren Wollpullover, der über der Rückenlehne gelegen hatte. »Wer weiß, wie kalt es da draußen ist.« Die letzten Worte wurden vom Wollteil verschluckt, denn sie streifte es sich über den Kopf.

»Draußen ist Sommer«, erklärte Tom.

»Jahreszeiten spielen hier keine Rolle.« Rufus war unvermittelt neben ihr aufgetaucht. »Wenn ihr rauskommt, müsst ihr kräftig atmen. Die Luft ist ein wenig dünn. Wie bei euch auf zweitausend Höhenmetern.« Er wandte sich ab, ging zur Tür, legte seine Hand auf eine Fläche in der Wand, und die Tür schob sich langsam auf. Endlich, endlich glitt sie auf.

Tom erhob sich. Das wollte er auf keinen Fall verpassen. Vielleicht konnte er entwischen.

Rufus verschwand durch die Tür, kehrte aber rasch zurück. »Es ist sicher«, verkündete er.

Olive lief hinaus, zurück in Bernhards Hof wahrscheinlich.

»Pass auf. Mach einen großen Schritt«, rief ihr Rufus hinterher.

Tom hatte noch nicht durch die Öffnung blicken können. Doch er folgte Olive entschlossen. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause.

Also schritt er durch die Tür. Da war da ein schmaler Raum, den er vorher nie bemerkt hatte, wie eine Schleuse. Und eine zweite Tür. Als er vorwärts ging, glitt auch diese auf. Tom hielt erschrocken den Atem an. Er stand auf einem Metallsteg. Hinter Olive.

Olive schwieg auch. Vor ihnen lag ein blauer See, seine Ufer waren im weiten Bogen eingefasst von üppig wucherndem grünen Dschungel, der die Hänge rund um das Gewässer bedeckte.

Im hohen, stahlblauen Himmel brannte eine stechende Sonne, etwas zu klein, für Toms Empfinden. »Wo sind wir hier?«, flüsterte er.

»Auf Zwabel«, erklärte Rufus in seinem Rücken.

Olive war bereits vom Steg geklettert und lief den schmalen Sandstrand lang, der das Ufer säumte. »Was für Pflanzen.« Sie betrachtete den Dschungel. Tom sprang ebenfalls vom Steg. Er stellte sich zu ihr und sah genauer hin. Großblättrige Schlingpflanzen, wie es schien, die dichtes Gestrüpp bildeten. Sie erinnerten ihn an das Buschbohnenbeet, das Vater einmal angelegt und dann kaum gepflegt hatte.

Im dunklen Grün schimmerten fußballgroße Früchte, fast rund. Grüne, gelbe und vereinzelt rote.

Tom blickte zurück. Rufus stand noch auf dem Steg, der über den Strand zum Wasser führte. Vor dem Ding, aus dem sie gekommen waren. Nicht der Schuppen. Tatsächlich lag da eine Art umgedrehte Alu-Schüssel, in Größe des ehemaligen Schuppens, mit glatt und matt schimmernder Oberfläche und der Türöffnung am Steg.

»Unsere ›Avobo‹. Ich geb' zu, die Kiste macht nicht viel her«, entschuldigte sich Rufus lachend. Seine Stimme klang dünn. »Aber sie funktioniert. Und darauf kommt's an, oder? Ich wollte sie irgendwann mal kunstgerecht gestalten, aber wie das so ist, man schiebt und schiebt …«

Ein leichter Wind strich über die Wasseroberfläche und kräuselte sie sanft. Die Dschungelblätter knisterten geheimnisvoll. Sonst war es still. Sehr still.

Olive stand bei den Pflanzen und langte nach einem purpurfarbenen Kürbis, oder was auch immer.

»Nicht die roten Früchte angrabschen. Nicht!«

Rufus Warnung kam zu spät.

Ein dumpfes Plopp, und eine Riesenranke peitschte sirrend durch die Luft. Der rote Kürbis an ihrem Ende wurde vom höchsten Punkt fortgeschleudert und verschwand, kleiner und kleiner werdend, im stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Die Ranke fiel zurück in den Dschungel.

Olive war vor Schreck in den Sand geplumpst.

»Mädchen, bist du wahnsinnig?«, schrie Rufus aufgebracht.

»Danke, mir ist nichts passiert«, erwiderte sie keuchend.

»Wow, was für ein Katapult«, sagte Tom.

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»Wir befinden uns auf einer für euch fremden Welt«, schimpfte Rufus, während er auf Olive zueilte. »Da rennt man nicht durch die Gegend und betatscht einfach alles, was einem in die Quere kommt.«

»Du hättest mich etwas früher briefen können«, sagte Olive und besah sich ihre Hand.

»So fix, wie du bei der Sache warst?«, schrie Rufus. »Bist du wenigstens in Ordnung? Ich darf gar nicht daran denken. Es hätte dir den Arm abreißen oder deinen Schädel eindellen oder, noch schlimmer, dich gleich mit abschießen können. Dann wärest du irgendwo aufgekracht und hättest Brei statt Knochen im Leib. Ich glaube kaum, dass der Malocher dich dann noch hingekriegt hätte.« Beim Meckern untersuchte er Olive gewissenhaft.

»Mir geht's gut.« Unwillig entzog sich Olive Rufus Behandlung.

Tom stellte zufrieden fest, dass ihr Held Macken bekam.

»Diese Verantwortung, die ich mit euch aufgebürdet bekommen habe!«, schnauzte Rufus. Er mochte sich nicht beruhigen.

»Du hast dich lange genug gesperrt!«, schrie Olive.

So ähnlich war es wohl auch zugegangen, als Tom sie bis in Bernhards Laden gehört hatte.

»Das habe ich«, sagte Rufus plötzlich nüchtern. »Aber genützt hat es nichts. Passt auf, auf den Schrecken sollten wir uns erst einmal abkühlen. Warum geht ihr zwei nicht schwimmen? Unser See ist ungefährlich.«

»Gute Idee.« Olive lächelte schon wieder, zu Toms Leidwesen.

Aber dann erhob sie sich und zog sich aus. Tom stockte der Atem. Splitterfasernackt, am ganzen Körper leicht zitternd, lief sie ins flache Wasser, bückte sich, machte ihre Brust nass und ließ sich in den See fallen.

»Und du?«, fragte Rufus milde.

Tom zuckte die Schultern. Steifbeinig stapfte er zum Steg. Dort zog er sich aus, kletterte hoch und lief die Metallplanken entlang bis zum Ende.

Olive winkte ihm schon zu. Nur ihr roter Kopf und ein weißer Arm waren zu sehen.

Ein wenig schämte sich Tom, und das ärgerte ihn. Schnell glitt er in den See. Das ersparte ihm das langsame Hineinwaten.

Die Temperatur war angenehm. Olive und er schwammen aufeinander zu.