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Shanghai, 1939: Eine schillernde Stadt der Widersprüche und der Gegensätze. Für die einen das «Paris des Ostens», für die anderen ein Sündenpfuhl. Für viele europäische Juden bedeutet die Stadt vor allem eins: Hoffnung. Shanghai ist einer der wenigen Häfen, die noch Flüchtlinge aufnehmen. Auch Kitty und Esther haben ihre Leben in Wien und Berlin hinter sich lassen müssen, um am anderen Ende der Welt Zuflucht zu suchen. Auf der Schiffspassage freunden sich die beiden ungleichen Frauen an. Die verwitwete Esther reist zusammen mit ihrer kleinen Tochter. Die lebenslustige Kitty hingegen legt Wert darauf, kein Flüchtling zu sein. Schließlich erwartet sie in Shanghai ihr Verlobter und an seiner Seite ein Leben im Luxus. Kaum dort angekommen, zerplatzen ihre Träume jedoch schnell. Genau wie Esther muss sie hart darum kämpfen, sich ein neues Leben aufzubauen.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2020
Juliet Conlin
Roman
Shanghai, 1939: Eine schillernde Stadt der Widersprüche und der Gegensätze. Für die einen das «Paris des Ostens», für die anderen ein Sündenpfuhl. Für viele europäische Juden bedeutet die Stadt vor allem eins: Hoffnung. Shanghai ist einer der wenigen Häfen, die noch Flüchtlinge aufnehmen. Auch Kitty und Esther haben ihre Leben in Wien und Berlin hinter sich lassen müssen, um am anderen Ende der Welt Zuflucht zu suchen. Auf der Schiffspassage freunden sich die beiden ungleichen Frauen an. Die verwitwete Esther reist zusammen mit ihrer kleinen Tochter. Die lebenslustige Kitty hingegen legt Wert darauf, kein Flüchtling zu sein. Schließlich erwartet sie in Shanghai ihr Verlobter und an seiner Seite ein Leben im Luxus. Kaum dort angekommen, zerplatzen ihre Träume jedoch schnell. Genau wie Esther muss sie hart darum kämpfen, sich ein neues Leben aufzubauen.
Juliet Conlin wurde in London geboren und wuchs sowohl in England als auch in Deutschland auf. Sie hat Psychologie und Kreatives Schreiben studiert und arbeitet heute als Autorin und Übersetzerin. Zusammen mit ihrem Mann und vier Kindern lebt sie in Berlin. «Das Licht des neuen Morgens» ist der erste Roman von ihr, der auf Deutsch erscheint.
Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel «The Lives Before Us» im Verlag Black & White Publishing, Edinburgh.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, August 2020
Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«The Lives Before Us» Copyright © 2019 by Juliet Conlin
Redaktion Katharina Rottenbacher
Covergestaltung Hafen Werbeagentur, Hamburg
Coverabbildung Elisabeth Ansley/Trevillion Images; Ildiko Neer/Trevillion Images; History collection 2016/Alamy Stock Foto; istock
ISBN 978-3-644-00513-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Das Geschäft des Flüchtlings ist: hoffen.
Bertolt Brecht, 1943
Spät am Abend sitzt Esther Niermann im Gästezimmer ihrer Eltern auf dem Bett und versucht, ein Buch zu lesen. Im Hintergrund hört sie die Geräusche eines Streits der Nachbarn von oben. Ihre Tochter Anneliese schläft in ihrem Bettchen. Neben der Tür stehen zwei gepackte Lederkoffer, bereit für die Reise.
Zum hundertsten Mal legt Esther ihr Buch zur Seite und überprüft die Reisedokumente: Zugfahrkarte, Ausreisevisa, Reisepass, Tickets für das Schiff. Halb fürchtet und halb hofft sie, dass die Dokumente nicht vollständig sind; dass ihre Reise irgendwo zwischen hier und Genua, wo sie mit Anni an Bord des Schiffs gehen soll, aufgrund eines verschmierten Stempels oder eines fehlenden Formulars gestoppt wird, sodass sie nach Hause zurückkehren und zu ihren Eltern sagen kann: «Seht ihr, ich habe es versucht, aber sie haben mich nicht gehen lassen.» Hätte sie nicht die Verantwortung für Anneliese – für Annelieses Zukunft –, würde sie genau das tun.
Sie steht auf und tritt ans Fenster. Draußen geht eine junge Frau mit einem Kohleneimer über den Hof. Esther erkennt sie – Lotte Kühnel, die mit ihrer Familie zwei Stockwerke tiefer wohnt. Lotte blickt auf, hält Esthers Blick einen Moment lang fest und senkt dann den Kopf mit finsterer Miene. Esther tritt zurück und versucht, sich zu beruhigen. Sie schließt die Augen, doch davon wird ihr nur schwindelig. Sie möchte, dass dieser Abend schnell vorbeigeht. Sie möchte, dass er niemals endet.
Es klopft leise an der Tür, und ihre Mutter Leah kommt herein, begleitet von den verbliebenen dunklen Gerüchen des Tscholent-Eintopfs, den sie zu Abend gegessen haben. Mit nicht koscherem Kaninchen gekocht – Rind- oder Schaffleisch ist auf dem Schwarzmarkt nur zu Wucherpreisen zu bekommen –, was ihre Eltern aber niemals zugeben würden. Leah nickt lächelnd und tritt zum Kinderbett. Sie betrachtet die schlafende Anneliese lange schweigend und sagt dann mit ein wenig brüchiger Stimme: «Mayn kleyn malekh.» Mein kleiner Engel.
Esthers Herz schlägt so unregelmäßig, dass sie befürchtet, ihr könnte schlecht werden. Sie setzt sich wieder aufs Bett und wartet darauf, dass ihr Pulsschlag sich beruhigt. «Ich lasse euch nachkommen, Mutti», sagt sie. «Dich und Papa. Sobald Anni und ich dort ankommen, werde ich …»
Leah schüttelt den Kopf. «Papa und ich gehen nirgendwohin. Unser Zuhause ist hier in der Wittelsbacherstraße, sei es zum Guten oder zum Schlechten.»
Ihr Gesicht verrät, dass sie die Lässigkeit nur vorspielt. Sie scheint in den letzten Monaten um zehn Jahre gealtert zu sein. Ihr Haar, das schon seit vielen Jahren grau ist, ist alarmierend schütter geworden und lässt an manchen Stellen die rötliche Kopfhaut durchschimmern. Esther hebt die Hand zu ihrem eigenen Kopf und lässt sie dann wieder auf den Schoß sinken. «Sie werden ihn holen, Mutti. Früher oder später.» Ihre Stimme ist ein leises, verzweifeltes Knurren.
Leah winkt unwillig ab. «Nein. Er ist ein Kriegsheld. Er hat für sein Land gekämpft, und sie werden ihn in Ruhe lassen. Wir müssen einfach nur einen kühlen Kopf bewahren und abwarten.»
«Es wird immer schlimmer. Das wisst ihr doch selbst. Sonst würdet ihr uns nicht wegschicken.»
Aus der Wohnung oben dringt ein Brüllen, gefolgt von einem Schrei. Beide schauen zur Decke.
«Bitte, lass uns nicht streiten», sagt Leah. Sie setzt sich neben Esther. «Hier.» Sie nimmt einen gefalteten Zettel aus ihrer Tasche und drückt ihn Esther in die Hand. «Er ist dort. In Shanghai.»
«Wer?» Esther will den Zettel entfalten, doch ihre Mutter legt die Hand auf ihre.
«Aaron. Ich habe mit seiner Tante Sara gesprochen; sie hat mir seine Adresse gegeben.» Sie blickt zu Esther auf. «Schau, ob du ihn dort finden kannst.»
Als Aarons Name fällt, kehrt Esthers Schwindel in einer neuen Woge zurück. Wie viel muss sie heute Abend noch ertragen? Sie beißt sich auf die Lippen. «Mutti, ich …»
«Schhh, sag nichts. Es spielt jetzt keine Rolle mehr.» Leah tätschelt sanft Esthers Hand. «Es würde mich glücklich machen zu wissen, dass ihr nicht gänzlich allein dastehen werdet. Dort drüben.»
Esther schluckt. Sie zwingt sich zu einem Nicken.
«Und du schreibst uns, sobald du angekommen bist.»
«Natürlich, Mutti.»
Leah steht auf. «Jetzt lasse ich dich schlafen. Ihr müsst morgen zeitig los.» Sie beugt sich über das Bettchen und küsst Anneliese sanft auf die Stirn. Das Kind regt sich, wacht aber nicht auf. «Na, dann gute Nacht», sagt sie leise und verlässt das Zimmer.
Esther starrt auf den gefalteten Zettel in ihrer Hand, die Augen nass von Tränen. Oben schreit jemand etwas, und eine Tür wird zugeschlagen.
Mit einer Nagelschere schneidet Kitty Blume eine schmale Öffnung in den Stoff. Behutsam holt sie einen kleinen Baumwollbausch heraus und legt ihn zur Seite. Die beiden dünnen Goldkettchen passen sehr gut in den entstandenen Hohlraum; mit der Perlenkette – sie gehört ihrer Mutter – ist es kniffeliger. Sie schiebt die Perlen mit den Fingerspitzen an der Innenseite der Binde entlang, bis sie mehr oder weniger gleichmäßig verteilt sind. Als sie die Baumwolle wieder in die Öffnung gesteckt und diese zugenäht hat, gibt sie ein paar Tropfen rote Tinte auf die Binde und befestigt sie am Bindengürtel. Es wird unbequem sein, aber sie will kein Risiko eingehen. Sie legt den Bindengürtel auf die Kleider, die sie morgen auf der Reise anziehen wird, und schlüpft ins Bett.
In der Wohnung ist es geradezu unheimlich still. Resi, die junge Frau, mit der sie die schmuddeligen Zimmer am Naschmarkt teilt, ist bei der Arbeit und kommt nicht vor Tagesanbruch zurück. Bis dahin will Kitty längst aus Wien weg sein. Sie schaltet ihre Nachttischlampe aus, und der Raum versinkt im Dunkel. Die schweren, von Motten zerfressenen Samtvorhänge, die sie aus zweiter Hand gekauft hat, sollen dazu dienen, das Tageslicht abzuhalten und Geräusche von der Straße unten zu dämpfen. Jetzt aber, bei Nacht, hängen sie wie riesige Fledermausflügel herunter und verleihen dem Raum mit seiner niedrigen Decke eine Atmosphäre wie bei einer Beerdigung. Obgleich sie sie im Dunkeln kaum erkennen kann, wendet sie sich ab und dreht sich mit dem Gesicht zur Wand. Wenn sie es schafft, sofort einzuschlafen, bekommt sie fünf Stunden Schlaf. Ihr Zug fährt morgen früh um Viertel nach sechs vom Wiener Südbahnhof los und wird nach aufreibenden zwölf Stunden Fahrt in Genua eintreffen. Sie schließt die Augen, aber trotz ihrer Müdigkeit ist es, als wären ihre Augenlider auf eine Stahlfeder montiert. Es kostet sie mehr Mühe, sie geschlossen zu halten, als sie aufgleiten zu lassen.
Als sie so in dem Zimmer liegt, dessen Stille nur vom leichten Knacken der Heizungsrohre durchbrochen wird, fällt die Aufregung der letzten Tage von ihr ab und weicht – ganz plötzlich – einer durchdringenden Angst. Sie ist nie weiter als bis Salzburg gekommen, jetzt aber wird sie sich auf eine Reise um die halbe Welt begeben. Ihr Atem beschleunigt sich, und sie empfindet leichte Übelkeit. Sie wird niemals zurückkehren. Sie nimmt die Hände nach oben und legt sie unters Gesicht. Ihre Fingernägel sind frisch lackiert, und der scharfe Geruch des Nagellacks haftet noch an ihnen. Sie versucht, sich zusammenzureißen. Hier gibt es nichts, wovon ihr der Abschied schwerfallen würde, sagt sie sich energisch.
Sie denkt an das Telegramm von Vitali, in dem er sie informierte, dass er eine Überfahrt auf der Conte Biancamano sichern konnte. Es geschieht, es geschieht wirklich! Sie hat damit gerechnet, mindestens noch einen weiteren Monat warten zu müssen. Aber da stand es schwarz auf weiß. Und noch dazu eine Kabine der Ersten Klasse! Sie lächelt im Dunkeln, und ihr Herz verändert seinen Rhythmus und schlägt jetzt schnell, leicht und aufgeregt. Aber sie muss schlafen!
Sie dreht sich im Bett um, und eine Haarnadel verrutscht und sticht sie in die Kopfhaut. Sie zieht sie heraus und wirft sie quer durch den Raum. Es hilft nichts. Ihre Augen weigern sich einfach, geschlossen zu bleiben. Sie steht auf und öffnet die Vorhänge einen Spalt. Mondlicht fällt auf die Nagelschere, die auf dem Nachttisch liegt. Sie greift nach ihr und spielt kurz mit dem Gedanken, in Resis Zimmer zu gehen und ihre Kleider zu zerschneiden. Die Vorstellung, wie Resi schauen würde, wenn sie bei der Rückkehr ihre Kleidung aus Seide, Federn und Pelz in Fetzen vorfände, ist ungemein verführerisch … Aber nein, auf dieses Niveau wird Kitty sich nicht herablassen.
Sie klappt den Koffer auf und wirft die Schere hinein. Inzwischen ist sie vollständig wach. Sie zieht sich schnell und lautlos an und geht nach draußen.
Die Straßen sind menschenleer, aber sie schreitet rasch aus. Vom Naschmarkt zum Haus ihrer Eltern in der Czerningasse sind es zu Fuß nur dreißig Minuten, aber sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie zuletzt dort war. Vor sechs Jahren oder vor sieben?
Vor der Nummer 18 bleibt sie stehen. Aus dem Kamin schlängelt sich eine Rauchspirale nach oben, verblüffend weiß vor dem schwarzen Nachthimmel. In einem kleinen Fenster im ersten Stock sieht sie das gelb flackernde Licht einer Jahrzeit-Kerze. Heute Morgen hat Kitty mit dem Gedanken gespielt, dem Grab ihrer Schwester Elli im jüdischen Teil des Zentralfriedhofs einen Besuch abzustatten. Ein düsterer und sentimentaler Akt, der ihr gar nicht ähnlich sähe, doch es wäre eine Art endgültiger Abschied gewesen. Aber sie wusste, dass ihr Vater dort sein würde, mit seinen Teffilin und seinem Tallit, dem Herunterleiern der Psalmen und dem E-l malei rachamim, und das war mehr, als sie ertragen konnte.
Weiter vorn auf der Straße erklingen Stimmen. Ein Paar, ein Mann und eine Frau, tritt ins Licht der Straßenlaterne und verschwindet gleich darauf um eine Ecke. Kitty geht auf die andere Straßenseite. Es würde reichen, dass ein Polizist bei ihr stehen bleibt, nach ihren Papieren fragt und feststellt, dass sie gegen die Ausgangssperre verstößt, dann wären all ihre Pläne zunichte.
Im Dunkeln stolpert sie über einen losen Pflasterstein, kann sich aber fangen, bevor sie fällt. Sie richtet sich auf und empfindet einen wilden, kindischen Drang, den Stein aufzuheben und ihn durchs Fenster im Erdgeschoss von Nummer 18 zu werfen. Ein Geräusch – ein Scharren und Rappeln –, das aus einiger Entfernung von der Straße zu ihr dringt, lässt sie erstarren. Sie zieht sich in einen Türeingang zurück und steht ganz still da. Das Geräusch hört auf. Wahrscheinlich Ratten oder ein verirrter Fuchs. Sie wirft einen letzten Blick auf das Haus gegenüber. Ein Stein, den sie durchs Fenster schleuderte, wäre eine Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was die beiden hier in Österreich erwartet. Mit einem Gefühl, das Mitleid so nahe kommt, wie sie es nur je für ihre Eltern empfunden hat, dreht Kitty sich um und geht nach Hause.
Sie wird niemals zurückkehren. Niemals.
Die Sonne steht an einem blassblauen Himmel und schickt einen Lichtstrahl durch das Bullauge in die Kabine. Die Schiffsmaschinen dröhnen, und obgleich der Teppich unter Esthers Füßen weich und dick ist, wandert die Vibration von den Sohlen über die Beine und die Hüften bis in die Magengrube hinauf, wo sie sich niederlässt. Hoffentlich ist das kein Vorzeichen von Seekrankheit.
«Dann sollten wir wohl besser einmal auspacken.» Es ist ebenso sehr ein Selbstgespräch wie ein Gespräch mit Anneliese, etwas, was sie seit einem Jahr immer öfter tut. «Dann können die Falten sich aushängen.» Seit ihr Mann Carl gestorben ist.
«Hängen», sagt Anneliese.
«Ja, Herzchen.»
Sie macht sich manchmal Sorgen, dass sie die Wende verpassen könnte, die bestimmt bald kommt. Dann wird die Zweijährige alles verstehen, was sie sagt, und nicht nur einzelne Wörter nachplappern, die ihr vom Klang her gefallen – als hinterließen sie einen angenehmen Geschmack auf ihrer Zunge.
Esther klappt den ersten der beiden Koffer auf. Aus dem Inneren steigt der Geruch von feuchtem Leder auf. An der Grenze zu Italien am Brenner sind die beiden Koffer zusammen mit denen von Esthers jüdischen Mitreisenden aus dem Zug geholt worden. Sie wurden von deutschen Zollbeamten kontrolliert – alle wertvollen Gegenstände konfisziert – und dann stundenlang auf dem Bahnsteig im Regen stehen gelassen. Als einer der Passagiere ausstieg, um sich zu beschweren, schlug ihm ein SS-Mann seinen Pistolengriff gegen die Schläfe. Der Mann kehrte benommen und blutend in den Zug zurück. Danach gab es keine Beschwerden mehr.
Anneliese hustet. Esther legt ihr die Hand auf die Stirn, ein Reflex. Anneliese hatte vor einer Woche eine Erkältung, nichts Ernsthaftes, aber man kann nicht vorsichtig genug sein. Die Stirn der Kleinen ist ein wenig warm, aber vielleicht sind Esthers Hände auch einfach nur kalt. Sie wirft einen raschen Blick auf Annis Zunge – sie ist rosa und feucht – und küsst das Kind auf die Wange. Es hatte einen Frosch im Hals. Mehr nicht.
Sie wendet sich wieder dem Koffer zu und geht die Kleider durch, die ihre Mutter für Anni und sie eingepackt hat – Unterwäsche, Nachthemden, Blusen, ihr bestes Kleid, jetzt hoffnungslos zerknittert. Wer weiß, wie das Wetter dort sein wird? Wer weiß, wie überhaupt irgendetwas dort sein wird?
Es klopft an der Tür. Esther steht auf, doch bevor sie die Kabine durchquert hat, wird die Tür geöffnet. Ein Steward in einer weißen, mit Goldtressen besetzten Uniform – ein blendend heller Kontrast zum mediterranen Braun seiner Haut – schiebt die Tür auf und winkt eine junge Frau herein.
«Sieht so aus, als würden wir die Kabine teilen», sagt die Frau. Sie hat einen breiten, etwas nasalen Akzent. Vermutlich eine Wienerin. Die Frau lächelt Esther an und mustert dann die Kabine: Die beiden großen Betten, die Wandtäfelung aus Mahagoni, die schmale Tür, hinter der ein kleines Badezimmer liegt, die Art-déco-Lampen auf den schmalen Nachttischen und die Schale mit frischem Obst, die auf einem von ihnen steht. Esthers Blick folgt dem der Frau, und zum ersten Mal fällt ihr auf, wie luxuriös hier alles eingerichtet ist.
«Sehr schön», murmelt die Frau. Sie ist vielleicht fünfundzwanzig und blondiert. Ihre Lippen sind geschminkt und die Augenbrauen in dem breiten blassen Gesicht perfekt geformt. Sie nickt dem Steward zu, der einen Koffer in der einen Hand trägt und eine große Hutschachtel in der anderen. Dann wendet sie sich an Esther. «Sie waren als Erste da – haben Sie sich das Bett am Fenster geschnappt?» Sie lacht.
Esther runzelt die Stirn. Hier ist ein Fehler passiert. «Es tut mir leid», sagt sie. «Es hat ein Missverständnis gegeben. Dies hier ist meine – unsere – Kabine.»
Die Frau macht große Augen, sieht den Steward an, zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder Esther zu. «Das hier ist Kabine 201?»
«Ja, aber …»
«Signorina?» Der Steward hat sich an die Frau gewandt. «La valigia?» Er deutet auf den Koffer in seiner Hand, der schwer aussieht.
«Sì, sì», antwortet sie. «Stellen Sie ihn einfach hin. Wir kommen schon zurecht.»
«Tut mir leid», wiederholt Esther, diesmal energischer. «Dies ist meine Kabine.»
Der Steward setzt Koffer und Hutschachtel einfach beim Bett neben der Tür ab – mit offensichtlicher Erleichterung.
«Due», sagt Esther zu ihm und deutet auf sich selbst und dann auf Anneliese, die auf einen Stuhl geklettert ist, um aus dem Bullauge zu schauen. «No tre. Eine Kabine für zwei. Für meine Tochter und mich.»
Der Mann antwortet mit einem Schwall Italienisch.
«Ich verstehe nicht», sagt Esther und merkt, dass sie der Frau einen hilfesuchenden Blick zuwirft. Aber diese schaut einfach nur mit leicht hochgezogenen Augenbrauen auf den Steward, als fände sie das alles sehr amüsant.
«Dies ist eine Kabine für zwei», versucht Esther es erneut. Der Mann breitet die Hände aus und zuckt mit den Schultern. Liegt es daran, dass sie ihm vorhin kein Trinkgeld gegeben hat? Sie hat versucht, ihm zu erklären, dass sie kaum Geld dabeihabe und das Ablegen des Schiffs abwarten müsse, bevor sie sich vom Purser das Bordgeld auszahlen lassen könne – ihre Eltern haben es vor Wochen an die Schifffahrtslinie überwiesen, damit Esther vor ihrer Ankunft am anderen Ende der Welt auf dem Boot ein wenig Komfort genießen kann.
Dann ergreift die andere Frau das Wort. «Kitty Blume», sagt sie und streckt Esther die behandschuhte Hand hin. «Es tut mir leid, falls es zu einem Durcheinander gekommen ist, aber …»
Esther lässt sie nicht ausreden. Sie dreht sich um, hebt Anneliese vom Stuhl und setzt sie sich auf die Hüfte. «Ich werde mit einem der Schiffsoffiziere sprechen. Das hier ist ein Fehler. Ich teile mir keine Kabine.»
Als sie zur Kabine zurückkehrt, ist sie noch immer so wütend, dass sie einen Moment lang vor der Tür stehen bleiben muss.
«Mama? Mama?»
Anneliese zieht an ihrer Hand.
«Nicht jetzt, Anni!», fährt sie sie an. Eintausend Reichsmark haben Esthers Eltern für die Überfahrt auf der Conte Biancamano gezahlt, ihre gesamten Ersparnisse und mehr. Das Silber, der Schmuck ihrer Eltern und das Eiserne Kreuz ihres Vaters. Der Orden, den er sich im Ersten Weltkrieg verdient hat, hat bisher seinen Abtransport nach Dachau oder in ein anderes Lager verhindert, wohin so viele jüdische Männer geschickt wurden. Das alles für zwei Fahrscheine, einen für sie und einen für Anneliese. Und eine Überfahrt in der Ersten Klasse, die als einzige noch verfügbar war.
Esther öffnet die Kabinentür. Der süßliche Duft eines schweren Parfüms hängt in der Luft. Die Frau – der Eindringling, wie Esther unwillkürlich denkt – hat Hut und Handschuhe abgelegt und steht mit dem Rücken zu Esther vor dem Bullauge. Ein dunkelgrüner Mantel mit Fuchspelzkragen liegt auf einem der Betten. Sie dreht sich um, als Esther und Anneliese eintreten, und öffnet den Mund zum Sprechen.
Doch Esther kommt ihr zuvor und sagt scharf: «Meine Tochter macht zwischen ein und zwei Uhr einen Mittagsschlaf. Das ist …», sie blickt auf ihre Uhr, «in ungefähr einer Stunde.» Sie sagt es, obgleich sie weiß, dass Anneliese heute für ein Nickerchen viel zu aufgedreht ist. «Um sieben Uhr abends geht sie ins Bett. Ich halte es für das Beste, ein paar Regeln festzulegen, falls wir diese Kabine teilen sollten.»
Falls wir sie teilen sollten … Ihr bleibt gar keine andere Wahl – der Zweite Offizier hat ihr das sehr deutlich gemacht, als sie sich beschwerte. Die Kabine sei groß genug für zwei Erwachsene, sagte er. Die andere Passagierin habe für ein Erste-Klasse-Ticket bezahlt, und das werde sie auch bekommen. Falls das ihr, Signora Niermann, nicht passe, nun, das Schiff habe den Hafen noch nicht verlassen. Sie könne gern von Bord gehen und ihr Glück bei einer anderen Schifffahrtslinie versuchen. Außerdem sei Signorina Blume ebenfalls Jüdin – un’ebrea – und weiter gebe es nichts zu diskutieren. Esther hätte ihn am liebsten angeschrien, doch sie wusste, dass es sinnlos wäre. Sie ist nicht in der Position, es auf einen Streit ankommen zu lassen.
Jetzt steht sie dieser Frau gegenüber und muss sich beherrschen, um nicht vor Enttäuschung zu weinen.
«Ich verstehe», sagt die Frau und hält den Blick ruhig und stetig auf Esther gerichtet. Dann sieht sie Anneliese an, die sich halb hinter den Beinen ihrer Mutter versteckt, und schaut erneut auf Esther. «Das ist alles sehr unglücklich», fügt sie hinzu. «Es tut mir leid. Ich wollte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten. Aber anscheinend ist das Schiff überbucht.»
«Kitty», sagt Anneliese plötzlich. «Kitty.»
Die Frau geht vor ihr in die Hocke und lächelt sie an. «Ja. Ich heiße Kitty. Du hast ein gutes Gedächtnis.»
Anneliese streckt ihre Puppe vor. «Kitty.»
«So heißt ihre Puppe», erklärt Esther, und Kitty lacht.
«Dein Püppchen hat einen sehr schönen Namen. Und wie heißt du?»
Doch statt zu antworten, durchquert Anneliese die Kabine und klettert auf das Bett neben dem Fenster. «Ki-tty, Ki-tty», singt sie leise.
In diesem Moment nimmt das Dröhnen und Hämmern der Maschinen eine andere, eindringlichere Qualität an, und von Deck dringen Rufe und Gelächter herein.
«Es klingt so, als hätten wir abgelegt», sagt die Frau.
Esther wirft einen raschen Blick auf Anneliese. Jetzt ist es zu spät, um noch irgendetwas zu unternehmen. Sie werden sich die Kabine in den nächsten fünf oder sechs Wochen teilen, und das ist eine lange Zeit für das Zusammensein mit einer Fremden, selbst falls man sich gut versteht. Sie tritt einen Schritt vor und streckt die Hand aus. «Niermann. Esther Niermann. Und das ist meine Tochter Anneliese.»
Die Frau schüttelt ihr die Hand. «Bitte lass uns du sagen. Und nenn mich Kitty. Noch einmal, die Ungelegenheiten tun mir leid, aber …»
Sie wird vom Tuten der Schiffssirenen unterbrochen, und erneut ertönt Geschrei und Jubel; die Passagiere rufen den Zurückbleibenden einen letzten Abschiedsgruß zu.
«Gehst du nicht raus zu den anderen?», fragt Kitty Esther.
Esther setzt sich aufs Bett und streichelt die weichen blonden Locken ihrer Tochter. «Nein», antwortet sie. «Wir haben uns bereits verabschiedet.»
Kitty zuckt mit den Schultern und tritt zum runden Fenster, um aufs Meer hinauszuschauen. «Shanghai», sagt sie, und ihre Stimme klingt eingeschüchtert. «Wer hätte das gedacht.»
Bis vor vier Monaten hätte Shanghai – je nach Blickwinkel das ‹Paris des Ostens› oder die ‹Hure des Orients› – Esthers wegen auch auf dem Mond liegen können. Oder es hätte ein fiktiver Ort sein können, als Filmset zum Leben erweckt, mit einer sinnlichen Marlene Dietrich, die türkische Zigaretten raucht und zwielichtige Bars und Opiumhöhlen besucht. Aber scheinbar über Nacht war diese entlegene Stadt in aller Munde. Das heißt, im Mund der Juden. Es gab Gerüchte – zunächst ein ungläubiges Raunen, dann ein dringlicher Schrei –, Shanghai sei eine Freizone, in der jeder, ob reich oder arm, alt oder jung, Jude oder Nichtjude, von Bord eines Schiffs gehen und die Stadt ohne Visum oder Reisepass betreten könne. Esther bekam mit, wie Leute verzweifelt ihre kompletten Ersparnisse auflösten und Besitztümer, das Familiensilber oder Kunstwerke verkauften, um ein Ticket für eine Überfahrt zur anderen Seite der Welt zu ergattern.
Und jetzt reist sie selbst mit einem solchen Schiff und dreht stundenlang Runden auf den oberen Decks der Conte Biancamano, die Hand fest um die von Anneliese gelegt. Für Passagiere der Ersten Klasse gibt es viele Freizeitangebote – Shuffleboard, ein offenes Schwimmbecken, Champagner-Bars und Tanzkurse –, aber Esther ist gar nicht auf den Gedanken gekommen, einen Badeanzug einzupacken, und Tanzen und Champagner kommen natürlich nicht in Frage. An Bord muss es mehrere tausend Passagiere geben, denkt sie, als sie einen Blick über die Reling hinweg auf die Rettungsboote wirft. Wie viele von ihnen würden dort hineinpassen, wenn das Schiff unterginge?
Jeden Morgen sieht sie zu, wie einer der Stewards an einer Tafel vor dem Speisesaal eine rote Nadel in eine Seekarte sticht, um die Position des Schiffs kenntlich zu machen. Auf der Karte ist das Mittelmeer nur ein schmaler, ausgefranster Streifen Blau, winzig im Vergleich zu der Weite der Ozeane, die vor ihnen liegen. Sie zeichnet die Strecke mit dem Finger nach: durch den Sueskanal, das Rote Meer und den Golf von Aden ins Arabische Meer und dann vorbei an Bombay, Colombo und Singapur nordwärts durch das Südchinesische Meer, dann noch Hongkong, und schließlich landet sie mit einem Klacken ihres Fingernagels auf Shanghai. Plötzlich weiß sie, dass das hier real ist. Diese unbekannte Stadt wird ihr Zuhause werden. Sie unterdrückt die aufsteigende Panik.
Ihr wird bewusst, dass eine Gruppe von Kindern hinter ihr sich um die Seekarte drängt. Sie nimmt Anneliese auf den Arm und tritt zur Seite. Anni streckt die Hand aus, um die Zöpfe eines der Kinder zu berühren, eines etwa achtjährigen Mädchens mit sandfarbenem Haar. Das Mädchen dreht sich um, lächelt sie an und kitzelt sie unter dem Kinn. Esther überlegt sich, sie zu fragen, ob sie ein bisschen mit Anni spielen will. Es kann nicht gut für Anneliese sein, den ganzen Tag nur mit ihrer Mutter zu verbringen. Doch gerade als sie den Mund aufmacht, schießt eine Frau nach vorn und schnappt das Mädchen am Handgelenk.
«Fass sie nicht an!», zischt sie. «Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du dich von den Juden fernhalten sollst?»
Das Mädchen zieht die Mundwinkel nach unten und sieht Esther und Anneliese böse an, als hätten sie sie an der Nase herumgeführt und deswegen werde sie jetzt gescholten. Esther wird wider Willen rot. Sie drückt Anni fester an ihre Brust und eilt davon, stolpernd, weil das Schiff krängt. Sie geht über das Promenadendeck und setzt Anneliese ab, als ihre Arme schmerzen. Auf einer langen Holzbank, die durch Schatten vor der Mittelmeersonne geschützt ist, lässt sie sich nieder. Ein paar Meter links von ihr sitzt eine Gruppe von Passagieren eng beieinander und unterhält sich leise.
«Es gibt nur Schmutz und Krankheit», sagt einer von ihnen. «Die Menschen schlafen und sterben auf der Straße.»
Esther schaut zu den Leuten hinüber. Der Mann, der gerade spricht, hat ein schmales graues Gesicht und sehr kurzes weißes Haar. Er hält eine Kappe zwischen den Händen, die er beim Sprechen dreht. «Glaubt ihr wirklich, dass sie uns entkommen lassen würden, wenn sie nicht wüssten, dass Shanghai einfach nur eine weitere Kammer der Hölle ist?»
«Da habe ich etwas anderes gehört», sagt eine gut gekleidete Frau, die neben ihm sitzt. «Der Neffe meiner Nachbarin ist schon mehrere Monate dort. Er hat geschrieben, es gebe ein Komitee von Juden, die den Flüchtlingen mit Unterkunft und Nahrung helfen. Und die ihnen helfen, Arbeit zu finden.»
«Ein Komitee? Pah!» Der Mann setzt seine Kappe auf und steht auf.
Esther sieht dem Davongehenden nach. Sie erkennt die anderen Juden auf den ersten Blick. Nicht weil sie alle dunkelhäutig und hakennasig wären, wie die Karikaturen in den Zeitungen einen glauben machen wollen. Nein, es ist die unverkennbare Ausstrahlung von Angst und Unsicherheit, die sie wie einen schweren Mantel der Schande mit sich herumtragen, und diese Ausstrahlung unterscheidet sie von den wohlhabenden deutschen Passagieren: von den Leuten, die einen langen Urlaub in einer exotischen Region geplant haben, oder von den jungen Paaren in den Flitterwochen oder den Geschäftsleuten und ihren schicken Frauen, die auf dem Weg zu gewinnbringenden Chancen in Asien sind. Nur die Frau, mit der Esther die Kabine teilen muss, Fräulein Blume – sie ist irgendwie anders. Wenn der Zweite Offizier Esther nicht mitgeteilt hätte, dass diese Frau ebenfalls Jüdin sei, hätte sie es nicht geglaubt.
Esther denkt an die langen Wochen, die auf dem Schiff vor ihnen liegen, und wünscht sich, Anneliese hätte andere Kinder zur Gesellschaft. Als sie sich mit Carl verlobte, wollte er viele Kinder haben – mindestens vier –, aber nach Annelieses Geburt versank Esther lange in einer düsteren, depressiven Stimmung. Und gerade als Carl begann, sie sanft wegen eines zweiten Kindes zu bearbeiten, hatte er den Unfall.
Sie hat ihn geheiratet, weil er um ihre Hand angehalten hat; so einfach war das. Er war ihr direkter Vorgesetzter bei der Arbeit und zwölf Jahre älter, ein peinlich korrekter Mann mit einer gutherzigen Seite, die er streng verbarg, damit man ihn nicht für weich hielt. Die anderen Mädchen bei der Arbeit machten sich hinter seinem Rücken über ihn lustig. Sie spotteten darüber, dass er selbst den kürzesten Strich mit einem Lineal zog oder dass er die Gewohnheit hatte, die Briefklammern auf seinem Schreibtisch der Größe nach zu sortieren. Anfangs hielt auch Esther ihn für einen eigenartigen und ganz entschieden unattraktiven Mann. Aber dann ging Aaron weg und ließ sie verletzt und wütend in dem Gefühl zurück, von ihm betrogen worden zu sein. Als Carl begann, sie – äußerst behutsam – zu umwerben, leistete sie keinen Widerstand und überraschte sich dann selbst damit, dass sie ja sagte, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten werde. Sie redete sich ein, selbst wenn sie Carl nicht liebe, werde diese Liebe sicherlich mit der Zeit entstehen. Die Gefühle, die sie für Aaron gehegt hätte, seien nicht mehr als eine jugendliche Schwärmerei gewesen und wären früher oder später wie eine nur für kurze Zeit aufflammende Wunderkerze erloschen. Inzwischen weiß sie, dass sie eine selbstsüchtige Närrin war, ebenso von der Aussicht auf Bequemlichkeit geblendet wie von dem Feuer, das Aaron in ihr entzündet hat.
Sie lehnt sich zurück, schließt die Augen und versucht, Carls Gesicht vor ihrem inneren Auge heraufzubeschwören, doch sie kann nur einzelne Gesichtszüge vor sich sehen – seine Augenbrauen, eine gebogene Linie links von seinem Mund, wenn er lächelte, ein kleines Muttermal dicht bei seiner Schläfe. Kurz kann sie sich darauf konzentrieren, dann verblassen sie ebenso schnell wieder und verschmelzen mit einem ganz anderen Gesicht, einem Gesicht, das sie unbedingt vergessen wollte. Sie schluckt und schlägt die Augen wieder auf. Jetzt sind es Anni und sie, nur sie beide.
Sie schaut sich auf dem Deck um. Anneliese ist nirgends zu sehen. Sie springt auf, verbietet sich, sich einen kleinen Körper vorzustellen, der vom Deck ins Meer stürzt, und entdeckt ein Paar mittleren Alters, das in zwanzig Meter Entfernung an der Reling steht, Anneliese zwischen sich. Alle drei schauen aufs Meer hinaus.
«Anni!», ruft Esther. «Anneliese! Komm sofort her.»
Beim Klang ihres Namens wirft Anneliese den Kopf herum, rennt dann auf ihre Mutter zu und schlingt ihr die Arme um die Beine.
«Du darfst nicht einfach so weglaufen», sagt Esther. «Dir könnte etwas zustoßen.»
«Ist das Ihre Tochter?», fragt die Frau, die Anneliese gefolgt ist. Sie hat eine stämmige, rundliche Figur und trägt eine Wolljacke und einen Wollrock aus Kammgarn, deren Faltenwurf auf teure Schneiderarbeit schließen lassen. Ihre Nase ist rot vom Sonnenbrand.
Esther nickt. «Ja, Anneliese. Ich konnte sie nicht finden und habe mir Sorgen gemacht.»
«Tut mir leid, sie ist allein herumgewandert», sagt die Frau. «Und da hielt ich es für das Beste, ein Auge auf sie zu haben, bis wir ihre Eltern finden würden.» Sie zwinkert Anneliese zu und sieht Esther lächelnd an. «Ich glaube, Sie haben da eine kleine Abenteurerin.»
«Baum», meldet sich Anneliese zu Wort.
Die Frau wirkt entzückt. Strahlend nimmt sie Annelieses Hand in ihre. «Genau, Rosenbaum, so heiße ich. Wie klug du bist, dass du dir das gemerkt hast!» Zu Esther sagt sie: «Lieselotte Rosenbaum. Freut mich, Sie kennenzulernen.» Sie reicht ihr eine mollige Hand.
«Esther Niermann.» Sie schütteln sich die Hände.
Die Frau wirft einen Blick auf den Mann, der an der Reling steht. «Und das ist mein Mann Fritz.»
Der Mann nickt grüßend, lächelt aber nicht.
«Danke, dass Sie auf Anneliese aufgepasst haben», sagt Esther. «Hier auf dem Schiff wird sie allmählich rastlos.»
Frau Rosenbaum nickt. «Ich verstehe. Nun, es war schön, Sie kennenzulernen.»
Sie wirft Anneliese ein letztes Lächeln zu und begibt sich an die Seite ihres Mannes. Ein Windstoß weht übers Deck, drückt die linke Seite von Frau Rosenbaums Silhouette flach und zerzaust ihr das Haar.
Als Esther den Davongehenden nachschaut, wird ihr ein wenig elend zumute. Ihre Eltern sollten hier auf dem Schiff sein, zusammen mit Anni und ihr selbst. Die beiden sollten nicht in ihrer Wohnung sitzen und hoffen, dass die nächste Nachrichtensendung im Radio nicht wieder eine Kürzung der Rationen für Juden ankündigt; sie sollten nicht beten müssen, dass das Klopfen an der Tür von der letzten verbliebenen jüdischen Nachbarin Frau Schüler kommt, die eine Tasse Mehl leihen möchte, und nicht von einem Haufen uniformierter Verbrecher. Aber wie könnte sie, Esther, erwarten, dass ihre Eltern, die inzwischen über siebzig sind, alles hinter sich zurücklassen? Vielleicht hätte sie bei ihnen bleiben sollen; vielleicht hatte ihre Mutter ja recht, und es ging wirklich nur darum, einen kühlen Kopf zu bewahren und abzuwarten. Aber worauf sollte man warten?
Die Temperatur steigt mit jeder Meile, die sie südwärts reisen; als sie bei Port Said eintreffen, ist der kühle österreichische Frühling vergessen. Es ist ein vierstündiger Halt vorgesehen, bevor das Schiff die Durchfahrt durch den schmalen Sueskanal in Angriff nimmt. In dieser Zeit dürfen sie von Bord gehen. Die acht Tage, seit sie in Genua in See gestochen sind, sind rasch vergangen; trotzdem freut Kitty sich darauf, das Schiff für ein paar Stunden zu verlassen und wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Sie beschließt, zu diesem Anlass ihr bestes Kleid anzuziehen – denn wer weiß, wen sie treffen könnte? Es ist aus smaragdgrünem Viskose-Crêpe mit Puffärmeln und einem wadenlangen Rock, der sich von der Taille abwärts allmählich weitet. Der einzige Hut, den sie eingepackt hat – ein brauner Filzhut – passt nicht zum Kleid und ist in dem heißen Klima auch völlig ungeeignet. Stattdessen entscheidet sie sich für ein Kopftuch als Sonnenschutz.
Oben an Deck stößt sie im blendend hellen Sonnenschein auf eine Gruppe von Passagieren, die sich um einen der Schiffsoffiziere versammelt haben. Anscheinend streiten ein paar von ihnen mit ihm, ihre Stimmen sind angespannt und scharf, die anderen dagegen stehen schweigend mit gebeugten Köpfen da, als lauschten sie dem Urteil eines Richters. Was immer da diskutiert wird, es ist kein freundschaftliches Gespräch. Kitty nähert sich einem Paar, das am Rand der Gruppe steht.
«Entschuldigung», sagt sie.
Die Frau wendet sich ihr zu. Ihre Nase ist gerötet, und die Haut schält sich. «Ja?»
«Was ist los?»
«Sie lassen die Juden nicht vom Schiff», erklärt die Frau. Ihre Kleidung sieht viel zu warm aus, um angenehm zu sein; tatsächlich sind ihre Stirn und ihre Oberlippe mit Schweißperlen bedeckt.
Auf der Landungsbrücke stehen ein Dutzend Passagiere, die bereits von Bord gegangen sind. Sie reichen ihre Papiere den wartenden britischen Beamten.
«Na ja, wir können das Schiff verlassen», sagt der Mann mit leiser Stimme, «aber die dort» – er deutet auf die britischen Beamten – «lassen uns nicht ins Land. Wir hätten ebenso gut in Deutschland bleiben können.» Er sagt es mit zitternder Stimme und hält dabei seinen geöffneten Reisepass hoch, über dessen Seite ein großes rotes J gestempelt ist.
Kitty legt die Hand fester um den Griff ihrer Handtasche. Ihr Reisepass trägt natürlich den gleichen Stempel. Als der «Anschluss» kam, hat sie sich nicht als Jüdin registrieren lassen. Sie hatte gar nicht daran gedacht – sie hatte sich schon vor Jahren von ihrer Religion losgesagt. Aber die Behörden fanden es trotzdem heraus. «Sind Sie sicher?», fragt sie.
Der Mann wirft ihr einen aufgebrachten Blick zu. «Natürlich bin ich mir sicher. Und so viel, wie der hier mir nützt …», er hebt seinen Reisepass hoch, «… kann ich ihn auch wegschmeißen.»
Doch bevor er ihn über Bord schleudern kann, packt seine Frau ihn am Arm. «Sei nicht dumm, Fritz», sagt sie. «Damit löst du kein einziges Problem.»
Er lässt den Arm schwer herabfallen und verzieht das Gesicht. Einen beunruhigenden Moment lang denkt Kitty, er werde in Tränen ausbrechen. Doch stattdessen beugt er sich über die Reling und spuckt in Richtung der Beamten weit unten. Als er sich wieder aufrichtet, hat er einen Speichelfaden am Kinn. Seine Frau wirft ihm einen nervösen Blick zu und reicht ihm ein Taschentuch.
«Es nützt nichts, sich aufzuregen», sagt sie leise.
«Sich aufzuregen?», fragt er mit ausdrucksloser Stimme und wischt sich das Kinn ab. «Ich rege mich nicht auf, Lieselotte. Ich rege mich nicht auf.» Er dreht sich um und geht langsam weg. Die Frau schüttelt leicht den Kopf und lächelt Kitty verlegen zu. Dann folgt sie ihrem Mann.
In diesem Moment räuspert sich jemand hinter Kitty, und als sie sich umdreht, steht sie einem Steward gegenüber. Wortlos legt er ihr die Hand um den Ellbogen und lenkt sie zum Strom von Bord gehender Menschen.
«Signorina», sagt er mit breitem Lächeln. «Wunderschönes Wetter heute für einen Ausflug an Land. Sie gehen und schauen den Markt an, nein?»
Kitty entzieht ihm ihren Arm. «Ich, äh …»
Plötzlich streicht eine Brise übers Deck und bringt den Geruch von Salz und verfaultem Fisch mit.
«Eigentlich finde ich es heute ein bisschen zu warm», sagt sie und zupft ihr Kopftuch zurecht, unter dem der Wind eine Haarsträhne hervorgezogen hat. «Ich möchte schließlich keinen Hitzschlag bekommen.»
Sie macht sich von ihm frei und eilt davon, bevor er noch etwas sagen kann. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie spürt die Hitze der niederbrennenden Sonne und sieht sich nach Schatten um. Sobald sie sich auf einen hölzernen Deckstuhl gesetzt hat, kommt auch schon ein Kellner und fragt, ob sie gern etwas trinken oder eine Kleinigkeit essen möchte. Sie bestellt eine Limonade und weist ihn nach einem Moment des Zögerns an, einen großen Schuss Gin hineinzugeben. Sie schirmt die Augen mit den Händen gegen die grelle Sonne ab. Trotzdem spürt sie das Brennen von Tränen.
Sie hat ihren normalen Rhythmus verloren, sagt sie sich. Das ist alles. In Wien stand sie normalerweise am Nachmittag auf, verbrachte ein paar Stunden mit Resi, kaufte Milch und Brot und trank reichlich Kaffee oder vielleicht noch ein oder zwei Schnäpse, bevor sie sich für die Arbeit im Nachtfalter fertig machte. Sie kamen selten vor sechs Uhr morgens ins Bett, wenn sie kichernd, plaudernd und lachend aus dem Nachtclub zurückkehrten. In ihrer Erinnerung ist natürlich alles rosarot gefärbt und fröhlich. Es war ein einziges Vergnügen – nächtelang tanzen, trinken und noch anderes. Die Erschöpfung und der Abscheu ließen sich leicht mit ein paar starken Cocktails betäuben oder mit einem langen, genüsslichen Zug an einer mit Drogen versetzten Zigarette.
Hier an Bord ist so etwas nicht nötig. Die Cocktails sind köstlich, und obgleich sie sich unter den hochmütigen Damen im Ballsaal, die jede Nacht ein anderes Designerkleid tragen, ein wenig befangen fühlt (sie selbst behilft sich damit, abwechselnd ihre beiden guten Abendkleider anzuziehen), wird sie diesen Luxus nach Kräften auskosten. In Shanghai wird es natürlich so oder noch besser weitergehen, aber sie weiß, dass man klug daran tut, die Feste zu feiern, wie sie fallen.
«Frau Blume?» Eine Frauenstimme links von ihr. «Kitty?»
Sie blickt auf. Es ist die Frau aus ihrer Kabine, Esther irgendwas. Sie trägt einen weichen Strohhut, dessen Krempe sie mit einem Chiffonschal nach unten gebunden hat, was ihre Wangenknochen betont.
«Ist alles in Ordnung? Du siehst ein bisschen unwohl aus.»
Kitty nickt leicht. «Die Hitze», sagt sie. «Ich habe mich noch nicht recht daran gewöhnt.»
«Darf ich?» Esther deutet mit einem Nicken auf den Deckstuhl neben dem von Kitty. «Anni spielt dort drüben, und ich muss sie im Auge behalten.» Sie zeigt auf das kleine Mädchen, das ein paar Meter entfernt herumhopst.
«Gern, setz dich doch», antwortet Kitty.
Esther lässt sich nieder und versucht vergeblich, sich mit der Hand Kühlung zuzufächeln. «Es ist wirklich heiß», sagt sie mit einem Lächeln.
Kittys Kleid klebt an ihren Oberschenkeln. Sie zupft am Stoff, um etwas kühlere Luft an die Haut zu lassen. «Aber vermutlich nichts im Vergleich zu dem, was uns noch erwartet.»
«Nein, vermutlich nicht.»
Esther lehnt sich zurück, die Augen gegen die Sonne geschlossen. Kitty merkt, dass sie sie einzuschätzen versucht und sich überlegt, wer diese Frau gewesen sein mag, bevor sie das Schiff bestieg. Sie ist hübsch, hat weiche, mädchenhafte Züge und eine gute Figur, auch wenn sie ihre schmale Taille besser betonen könnte als mit diesem lose fallenden Sommerkleid. Sie trägt einen Ehering, den sie fast zwanghaft am Finger dreht, und doch reisen sie und ihre Tochter offensichtlich allein. Kitty wirft einen Blick auf ihren eigenen, ringlosen Finger, und ein Zucken von Erregung durchläuft sie.
Dann stößt Esther einen leisen Laut aus. «Hör mal hin!», sagt sie und steht plötzlich reglos da.
Kitty lauscht, aber abgesehen vom gelegentlichen Gelächter einiger Kinder und ein oder zwei kreischenden Möwen, die am Himmel kreisen, hört sie nicht viel. «Was denn?»
«Die Maschinen», sagt Esther. «Sie haben sie abgestellt. Ach, was für eine Erleichterung!»
In der Tat, jetzt, da Esther es anspricht, merkt auch Kitty, dass das stete Dröhnen und Vibrieren der Schiffsmotoren verstummt ist.
Sie sitzen eine Weile schweigend da.
Dann fragt Esther: «Hast du irgendeine Vorstellung von dem, was uns erwartet? Ich meine, man hört immer wieder von einem Komitee und so, aber keiner scheint etwas Genaues zu wissen.»
«Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung», antwortet Kitty. Sie leert ihr Limonadenglas und genießt die einsetzende Wirkung des Gins.
«Aber was wirst du tun, wenn wir ankommen?», fragt Esther.
«Ach!» Kitty stößt ein helles Lachen aus. «Mein Verlobter lebt dort. Vitali. Ich bin kein …», sie winkt so lässig ab, wie sie nur kann, «… Flüchtling oder so.»
Esthers Körper neben ihr spannt sich an.
«Tut mir leid. So hatte ich es nicht gemeint.» Sie wirft Esther ein entschuldigendes Lächeln zu. «Ich habe einfach nur Glück, das ist alles. Vitali und ich haben uns vor ein paar Monaten in Wien kennengelernt, und es war, wie man so sagt, Liebe auf den ersten Blick. Er ist Geschäftsmann. Wie sich herausstellte, arbeitet er für eine Tabakfirma in Shanghai. Er hat die entscheidende Frage gestellt, ich habe ja gesagt, und voilà» – sie breitet die Hände aus –, «hier bin ich.» Sie lässt die Hände wieder in den Schoß sinken. Ihr Blick wandert zu dem steten Strom an Bord gehender Passagiere.
«Wird er dich vom Schiff abholen?», fragt Esther.
«Das hoffe ich doch sehr, verdammt noch mal», antwortet Kitty, nimmt die Sonnenbrille aus ihrer Handtasche und setzt sie auf. «Ich will bestimmt nicht in Shanghai herumlaufen und ihn suchen.»
Die Schiffsmaschinen erwachen dröhnend zu neuem Leben, als hätte die Erwähnung des Wortes «Shanghai» sie an die vor ihnen liegende Aufgabe erinnert.
«Und was ist mit dir?», fragt sie Esther.
«Mit mir?»
«Kennst du dort jemanden?»
Esther schüttelt den Kopf. «Nein. Niemanden.» Kitty meint, bei dieser Antwort einen Moment des Stockens zu bemerken, doch sie ist sich nicht sicher.
Esther steht schwankend auf, sie wirkt ein wenig schwindelig von der Hitze. «Ich gehe besser und hole Anni aus der Sonne», sagt sie.
«Ich frage mich, was sie mit den ganzen Resten machen», sagt Kitty, legt Messer und Gabel auf den Teller und tupft sich die Winkel ihres lippenstiftroten Mundes mit einer Leinenserviette ab.
Sie sitzen im Speisesaal der Ersten Klasse, der so gut wie leer ist, weil die Mehrheit der Passagiere an Seekrankheit leidet. Auf einem Podium am hinteren Ende des Saals spielt ein einsames Streichquartett ein Stück – Schubert? Oder Strauss? Weil das Schiff so stark schwankt, klingt es ein wenig misstönend.
Abgesehen von Kitty und natürlich Anneliese, die auf Esthers Schoß sitzt, sind nur eine Handvoll verstreute Passagiere im Saal. Eine ältere Dame, die sich normalerweise in Gesellschaft ihrer Schwester befindet, sitzt allein an ihrem Tisch und schaut ziemlich schwermütig drein. Die beiden Rosenbaums sitzen ein kleines Stück entfernt, und Anneliese hat ihren Tisch bereits mehrmals besucht. In der Nähe des Buffets hat ein elegant gekleidetes Paar mit seinen drei stillen Kindern Platz genommen, von denen keines Annelieses Energie zu haben scheint. Alle wirken schwerfällig und furchtbar gelangweilt.
Die vom Meer heranwehenden Windböen machen einen entspannten Spaziergang auf dem Promenadendeck unmöglich, doch selbst wenn das Wetter schön wäre: Der Gestank des Erbrochenen, der von den tiefer gelegenen Decks heraufdringt, ist überwältigend. Im Gegensatz zu den Erste-Klasse-Decks, die mehrmals täglich gewischt und geputzt werden, werden die Teile der Conte Biancamano, die den Passagieren der Zweiten und Dritten Klasse vorbehalten sind, nur selten gereinigt.
«Vielleicht bringen sie die Reste auf die unteren Decks», sagt Esther und versucht, Anni mit ein wenig geschmortem Kalbfleisch zu füttern. «Ich meine, sie können ja wohl kaum das ganze Essen über Bord kippen, oder?»
Sie blickt auf Kittys Teller, auf dem eine leergegessene korallenrote Hummerschale liegt. Die Auswahl an Gerichten übersteigt alles, was Esther sich hätte vorstellen können, aber sie hat den Glasierten Schinken und den Hummer Thermidor gemieden, obgleich sie köstlich aussehen. Sie hat ihren Eltern versprochen, möglichst nach den Geboten ihres Glaubens zu leben, und daran will sie sich halten. Sie denkt täglich an die beiden, und es ist noch keine Nacht vergangen, in der sie nicht mit der erschütternden Angst, sie vielleicht niemals wiederzusehen, aus einem eigenartigen und schrecklichen Traum erwacht ist.
Kitty isst anscheinend alles mit großem Behagen: Schweinefleisch oder Schalentiere – wie sie jetzt den Fruchtpudding vertilgt! Sie hat einen Verlobten in Shanghai, sagt sie, aber hat sie niemanden zurückgelassen? Obgleich sie dieselbe Kabine teilen, kreuzen sich ihre Pfade an den meisten Tagen kaum. Kitty schläft normalerweise bis mittags und steht auf, wenn Esther Anneliese für ihren Mittagsschlaf hinlegt. Dann verlässt sie die Kabine und kehrt spätnachts, lange nachdem Esther und Anni zu Bett gegangen sind, leise zurück. Jetzt, bei ihrem ersten gemeinsamen Mittagessen, ist das Gespräch angenehm, aber, so empfindet Esther es, oberflächlich. Sie haben über das Wetter gesprochen, über das Vorankommen des Schiffs im Arabischen Meer, erneut über das Wetter und jetzt über das Essen. Kitty ist nett – es könnte weit schlimmere Kabinengefährtinnen geben –, aber wenn man so wenig miteinander gemein hat, worüber soll man dann eigentlich reden?
Esther will gerade gehen und Anni für ihren Mittagsschlaf hinlegen, als ein Mann in den Vierzigern, der einen cremefarbenen Leinenanzug trägt, quer durch den Speisesaal zu ihnen kommt. Er ist tief gebräunt, und sein Haar ist scharf gescheitelt und mit Pomade befestigt. Er sieht gut aus, und erst auf den zweiten Blick entdeckt Esther den Hakenkreuz-Anstecker an seinem Revers. Sie verkrampft sich und legt Anni den Arm fester um die Taille.
«Heil Hitler», sagt der Mann und hebt die rechte Hand zur schlaffen Andeutung eines Hitlergrußes. Er lächelt, und dabei tritt ein rasiermesserschmaler Schmiss auf seiner linken Wange hervor.
«Heit-ler», echot Anneliese. Esther würde das am liebsten unterbinden, will aber nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Doch der Blick des Mannes gleitet über sie hinweg. Seine Augen sind auf Kitty geheftet.
«Fräulein Blume», sagt er geschmeidig. «Erweisen Sie uns heute Nacht im Ballsaal erneut die Ehre Ihrer Anwesenheit?»
Kitty beugt sich vor, stützt die Ellbogen auf den Tisch, zieht lang an ihrer Zigarette und bläst den Rauch dann in Richtung Decke.
«Das werden Sie ja sehen», antwortet sie und zieht eine Augenbraue hoch.
Der Mann bleibt noch ein wenig stehen und denkt offensichtlich über eine Antwort nach. Dann aber lächelt er einfach nur, verbeugt sich leicht und wendet sich zum Gehen.
«Günter von Schönhausen», sagt Kitty leise, als er außer Hörweite ist. «Der designierte Kulturattaché für Shanghai.» Sie schnalzt mit der Zunge. «Ein schrecklicher Tänzer.»
Esther sieht ihm nach, wie er den Speisesaal raschen Schrittes verlässt, und wendet sich dann Kitty zu. «Er weiß nicht Bescheid, oder?»
Kitty drückt ihre Zigarette aus. «Worüber?»
«Dass du Jüdin bist.»
Kitty stößt den Atem aus. «Na ja, nein. Es ist nichts, was ich an die große Glocke hänge.» Sie zuckt mit den Schultern, nimmt die an der Rückenlehne ihres Stuhls hängende Handtasche und stellt sie sich auf den Schoß. «Das hier ist gestern Abend aus seiner Jackentasche gefallen.» Sie greift in die Handtasche und zieht ein schmales Zigarettenetui hervor. Ein Lächeln spielt um ihre Lippen. «Sterlingsilber. Ich habe nach dem Stempel geschaut.»
Esther schnappt leise nach Luft und blickt von dem Zigarettenetui zu Kitty. «Hast du – hast du es gestohlen?»
«Mein Motto: Wenn du sie nicht schlagen kannst, nimm sie aus», sagt Kitty und sieht Esther direkt in die Augen.
Esther blinzelt. Redet Kitty über Nazis oder über Männer im Allgemeinen? Unmöglich zu sagen. Esther spürt ihre eigene Naivität; Kitty ist anders als alle Frauen, die sie bisher kennengelernt hat.
Kitty schiebt das Zigarettenetui über den Tisch. «Nimm es», sagt sie.
«Nein, das kann ich unmöglich …»
«Nimm es», wiederholt Kitty. «Ich brauche es nicht, und …»
Anneliese streckt blitzschnell die Hand aus, schnappt sich das Etui und beginnt, damit zu spielen.
«Nein, Anni, gib das her!»
Esther entreißt es ihr, und natürlich beginnt jetzt das Kinn des Mädchens zu zittern. Wie aus dem Nichts taucht ein Kellner auf und fragt, ob die bambina vielleicht ein Stück Kuchen möchte? Esther, deren Herz inzwischen rasend schnell hämmert, schiebt das Etui in ihre Jackentasche, damit keiner es sieht. Sie streichelt Annis Wange.
«Ja, geh doch zum Desserttisch und schau, ob du etwas magst.»
Das muss sie Anneliese nicht zweimal sagen. Die Kleine springt von Esthers Schoß und rennt zum langen Tisch auf der anderen Seite des Speisesaals, der sich unter dem Gewicht von Kuchen und Teilchen, Petit Fours und weiterem Gebäck biegt.
Esthers Aufmerksamkeit wandert erneut zu den beiden Rosenbaums, die sich zu streiten scheinen. Frau Rosenbaum sagt anscheinend etwas Herausforderndes, denn die Miene ihres Mannes verdüstert sich, und er packt sie am Arm. Doch sie schüttelt seine Hand ab und nimmt ihre Handtasche von der Stuhllehne. Esther schaut schnell weg, weil sie nicht als Zeugin der peinlichen Situation ertappt werden möchte. Doch gleich darauf tritt Frau Rosenbaum an ihren Tisch. Sie steht eine ganze Weile mit einem zögernden Lächeln vor den beiden jungen Frauen, und das Dröhnen aus dem Maschinenraum klingt lauter als je zuvor.
Esther lächelt sie ermutigend an, doch als die Frau weiter schweigt, sagt sie: «Das ist meine … meine Freundin Fräulein Blume.» Sie wendet sich Kitty zu. «Kitty, das ist Frau Rosenbaum. Sie hat sich mit Anni angefreundet.»
Frau Rosenbaums Blick zuckt kurz zu Kitty hinüber, kehrt aber sofort zu Esther zurück. «Eigentlich, Frau Niermann …», beginnt sie. Sie wirft einen kurzen Blick nach hinten zu ihrem Mann, und als sie sich wieder Esther zuwendet, ist ihr Gesicht gerötet. «Ich möchte nicht …» Sie hält inne und wühlt in ihrer Handtasche. «Ich möchte Ihnen nicht lästig fallen», fährt sie fort und nimmt etwas aus der Tasche. «Aber ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht das hier gebrauchen könnten.» Sie hält ihr mit leicht bebender Hand eine Männeruhr hin. «Sie ist vergoldet. Hat ein erstklassiges Uhrwerk. Mein Mann besitzt sie schon viele Jahre. Sie hat ihn nie im Stich gelassen.»
Esther runzelt die Stirn. «Ich weiß nicht, ob ich …»
«Es ist eine Schweizer Uhr», fährt Frau Rosenbaum mit einem eindringlichen Blick auf sie fort. «Ich dachte, vielleicht …» Sie schluckt und senkt den Blick erneut auf die Uhr. «Zehn Dollar, denke ich. Es wäre ein gutes … ein gutes Geschäft.»
«Oh», sagt Esther, die jetzt allmählich versteht. «Frau Rosenbaum, es tut mir leid, aber ich …»
Die Frau schüttelt rasch den Kopf. «Nein, verzeihen Sie. Ich wollte Sie beide nicht stören. Bitte.» Sie steckt die Uhr in ihre Handtasche zurück, ihre Wangen sind jetzt so rot wie ihre Nase. «Ich wünsche Ihnen noch einen guten Appetit.»
Sie dreht sich um und eilt davon, vorbei an ihrem Mann, der noch immer auf seinem Stuhl sitzt, mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf. Gleich darauf steht er auf und folgt ihr schwerfällig.
«Tja, das war peinlich», sagt Kitty nach einem langen Schweigen. «Die arme Frau.»
Der Boden hebt und senkt sich. Das Schiff kommt ihr wie etwas Lebendiges vor; ja, wie eine Art wildes Tier, in dessen Bauch sie auf ewig gefangen ist. Glaubt man den Nadeln, die in der Seekarte stecken, befinden sie sich irgendwo zwischen Colombo und Singapur, aber sie fühlt sich, als wäre sie in den Tiefen der Hölle. Seekrankheit ist schlimmer als der schlimmste Kater, den sie je erlebt hat. Schlimmer als die fürchterlichen Kopfschmerzen und die würgende Übelkeit nach einer Nacht im Nachtfalter, wenn die einzige Möglichkeit, den Abend zu überstehen, darin bestand, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken.
Sie ist zu erschöpft, um sich aufzusetzen, und als sich ihr erneut der Magen umdreht, wendet sie einfach den Kopf zur Seite und übergibt sich in den Kübel, der neben ihrem Bett steht. Sie trifft ihr Ziel, mehr oder weniger. Der Anblick, die Geräusche und – am schlimmsten – der Geruch sind so eklig, dass sie gleich wieder würgen muss. Sie hat einen widerlichen Geschmack im Mund, als verfaulte etwas in ihrem Hals. Die Bettwäsche ist feucht von Schweiß, und sie zittert.
Sie hat seit zwei Tagen nichts gegessen und kann nicht mehr als einen Schluck Wasser im Magen behalten, obgleich sie so dehydriert ist, dass sie von innen nach außen austrocknet. Ihre Haut fühlt sich bereits so an, als wäre sie aus Papier, und Gott weiß, wie viele Falten sie am Ende der Überfahrt haben wird. Sie ist vollkommen erschöpft. Wenn nur das Erbrechen aufhören würde, damit sie eine Stunde – oder auch nur eine halbe Stunde! – schlafen könnte.
Ein Kater hält nur ein paar Stunden an; einen Tag, wenn man Pech hat, und selbst dann gibt es Möglichkeiten, ihn sanft abzumildern. Ein oder zwei Gläschen Schnaps oder ein Glas perlender Wein. Aber das – das hier – hört niemals auf. Sie lässt sich auf die Matratze zurücksinken, rollt sich auf der Seite zusammen und dreht sich dann erneut um, um eine Position zu finden, die die Übelkeit erträglicher macht. Es ist hoffnungslos. Das gnadenlose Dröhnen der Maschinen und das Auf und Ab des Schiffs durchdringen den ganzen Körper. So schlecht wie jetzt hat sie sich zum letzten Mal vor zwölf Jahren gefühlt, im November 1927, als ihre Schwester Elli und sie krank waren. Auch das ist ihr damals wie eine Ewigkeit vorgekommen, obgleich sie sich nach sechs langen Tagen mit Fieber, peinigendem Kopfweh und schmerzenden Gelenken erholte.
Sie wären überhaupt nicht krank geworden, wäre ihr Vater nicht gewesen. Salomon Blumenthal war Rabbi an der Beth-Hachneseth-Synagoge, ein kleinlicher, boshafter Mann, der seine Töchter hasste, weil sie keine Söhne waren, und seine Frau, weil es ihr nicht gelungen war, einen männlichen Nachkommen zu gebären. Es war wohl unvermeidlich, dass seine Angst und seine Abscheu vor Kittys Frauwerdung ihm früher oder später ins Bewusstsein dringen mussten. Und tatsächlich kam der Tag, an dem er sah, wie der Vorbeter Ari Fleischmann auf dem Weg aus der Synagoge Kittys Hintern streichelte. Das machte dieser Mann immer, und tatsächlich gefiel Kitty das Gefühl der Macht, das seine Aufmerksamkeit ihr verschaffte. Aber ihr Vater wurde komplett meshugge. Obgleich sie erst dreizehn war und Fleischmann dreimal so alt wie sie, verheiratet und Vater von sechs Kindern, war Kitty in den Augen ihres Vaters eine nafka, eine schmutzige Hure. Er packte sie vor Wut brüllend und prügelte sie auf dem ganzen Weg von der Synagoge bis nach Hause. Als die neunjährige Elli ihr zu Hilfe eilte und am Gartel ihres Vaters zerrte, bis er in den Schmutz fiel, sperrte er sie beide auf den Balkon aus, wo sie aneinandergekauert und bis zur Erschöpfung schluchzend eine bitterkalte Nacht verbrachten. Bei Tagesanbruch, als ihre Haut sich von Rosig über Weiß zu einem geisterhaften Blau verfärbt hatte, holte ihre Mutter sie wortlos herein. Kurz darauf begann das Fieber. Ein Arzt wurde gerufen, diagnostizierte Grippe und berechnete teure Besuche. Aber Ellis Zustand verschlechterte sich zusehends. Sie erholte sich nicht mehr und starb, eine Woche nachdem Kitty ihre übliche strahlende Gesundheit wiedererlangt hatte.
Das Schiff macht einen plötzlichen Satz nach vorn, kracht gleich darauf nach unten und lässt den Kübel durch die Kabine rollen. Kitty sieht unglücklich zu, wie er seinen Inhalt auf den Teppich entleert. Jemand wird es aufwischen – dreimal täglich kommt ein Zimmermädchen –, aber bis dahin wird sie den Gestank erdulden müssen.
Sie wälzt sich unter ihrer feuchten Bettdecke hin und her und kämpft gegen eine neue Woge von Übelkeit an. Sie schließt die Augen. Für einen Neuanfang und ein neues Leben ist dieses Elend sicherlich den Preis wert.
Sie hört nicht, wie die Tür aufgeht, aber da ist Esther und setzt sich zu ihr aufs Bett.
«Wie geht es dir?»
«Als wäre ich heruntergeschluckt und wieder ausgespuckt worden», antwortet Kitty schwach.
Anneliese sieht sie mit aufgerissenen Augen an, die Miene eine Mischung aus Erstaunen und Entsetzen.
«O nein, ich hatte … ich hatte das nicht wörtlich gemeint. Ich …» Ihr Magen krampft sich zusammen, und sie würgt über dem Teppich, wonach ihr ein ekliger Schleim in einem Faden von den zitternden Lippen hängt. Sie hat praktisch nichts mehr im Magen. «Mein Gott, wann hört das endlich auf?»
«Der Arzt sagte, es sei wahrscheinlich mal di mare», berichtet Esther und reicht ihr eine Serviette. «Bist du dir sicher, dass ich ihn nicht holen soll?»
Kitty wischt sich den Mund ab. Ihre Zunge ist wund und geschwollen. «Nein, ich möchte nicht, dass jemand mich so sieht.»
«Er rät dir, dich auszuruhen und viel zu trinken. Ich glaube, er hat auch etwas über eine Injektion gesagt, falls es zu schlimm wird, aber», Esther zuckt entschuldigend mit den Schultern, «er ist immer wieder ins Italienische gewechselt, und ich konnte das meiste nicht verstehen. Tut mir leid.»
Kitty schüttelt den Kopf. «Dann also trinken.»
Esther steht auf und packt ein Legespiel aus Holz aus, das sie wohl aus dem Spielezimmer mitgebracht hat. «Damit Anni etwas zu tun hat», sagt sie.
«Ihr müsst nicht bei mir bleiben», sagt Kitty, obgleich sie Esthers Fürsorge und Aufmerksamkeit mehr genießt, als sie zugeben würde. Wie lange ist es her, seit jemand zum letzten Mal nach ihr geschaut hat, wenn es ihr nicht gutging, ihr die Stirn abgewischt, ihr etwas zu trinken gebracht und ihr Kopfkissen aufgeschüttelt hat?
Esther legt ihr ein feuchtes Handtuch auf die Stirn. «Sie haben die unteren Decks durchsucht», sagt sie leise.
«Was?» Kitty schluckt und zuckt zusammen. Ihre Kehle ist wund.
«Von Schönhausen lässt die Kabinen der unteren Decks durchsuchen. Nach seinem Zigarettenetui.» Sie weicht Kittys Blick aus.
«Sollen sie doch», knurrt Kitty.
«Aber denkst du nicht …»
«Sie werden es dort nicht finden, oder? Und hier in der Ersten Klasse werden sie bestimmt nicht suchen.»
Esther blickt auf ihre Hände hinunter und beginnt, den Ring an ihrem Finger zu drehen. «Ich weiß, aber diese Menschen, was sie durchgemacht haben, ich …»
Kitty packt Esther am Handgelenk und zieht sich zu einer halb sitzenden Position hoch. «Was schlägst du denn vor?» Ihre Stimme ist ein hässliches Krächzen. «Willst du zu ihm gehen und ihm das Etui zurückgeben? Ihm sagen, dass es ihm wohl aus der Tasche gefallen sein muss?»
Esther zuckt vor dem Geruch von Kittys Atem zurück. «Ich weiß nicht, ich …»
Der Versuch, aufrecht zu sitzen, hat Kitty erschöpft. Sie lässt sich aufs Kopfkissen zurückfallen. «Es tut mir leid. Ich habe da etwas Dummes angestellt. Und vor allem tut mir leid, dass ich dich in die Sache hineingezogen habe.» Sie meint es ernst. Sie handelt immer zu impulsiv, geht dumme Risiken ein und schnappt nach Fetzen des Lebens, bevor das Leben sie selbst schnappen und in seine Tiefe ziehen kann. Aber es war unfair, Esther in die Sache zu verwickeln.
Esther schüttelt ganz leicht den Kopf, aber bevor Kitty ihre Entschuldigung wiederholen und versprechen kann, dass sie eine Möglichkeit suchen wird, dem Mann sein verdammtes Etui unbeobachtet zurückzugeben, zieht sich ihr Magen zusammen, und sie beginnt erneut krampfhaft zu würgen.
Als sie in die Andamansee gelangen und das Wasser endlich ruhiger wird, ist Kitty ein Wrack. Sie wagt nichts zu essen, obgleich sie schon seit Jahren nicht mehr so hungrig war, und sie ist so ausgelaugt und energielos, dass ihre Beine einknicken, wenn sie zum Duschen aufsteht.
