Das Lied der Biene - Gabriela Groß - E-Book

Das Lied der Biene E-Book

Gabriela Groß

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Beschreibung

»Das Glück ist zu schade für einen halbherzigen Versuch.«

Marga, Anfang vierzig, hat genug davon, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und will ihren Job im Haushalt des Unternehmers Paul Alprecht kündigen, als seine Verlobte unerwartet stirbt. Durch seinen Verlust kommt auch bei Marga alte Trauer wieder hoch, und sie schreibt ihm eine tröstende, wenn auch anonyme E-Mail. Sie hätte nie mit einer Antwort gerechnet, aber Paul, berührt und neugierig zugleich, schreibt ihr zurück. Während sich Paul mit jeder weiteren E-Mail mehr und mehr fragt, wer hinter der geheimnisvollen Verfasserin steckt, wächst eine Nähe zwischen den beiden, die auf die Probe gestellt wird, als Paul zufällig einen Blick auf Margas E-Mailverlauf wirft ...

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumPrologDas Leben ist keine verdammte Sackgasse. Es sieht manchmal nur so aus.1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. KapitelWas wissen wir schon darüber, wer wir wirklich sind? Erst das Leben sorgt dafür, dass wir es herausfinden. Deshalb sollten wir uns in jeden Tag mitten hineinstürzen.18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. KapitelEs gibt immer ein Davor und ein Danach. Doch was ist mit dem Dazwischen? Was stellen wir damit an?34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. KapitelWer sagt, dass die Zukunft das Wichtigste ist? Wir leben jetzt.Epilog

Über dieses Buch

»Das Glück ist zu schade für einen halbherzigen Versuch.« Marga, Anfang vierzig, hat genug davon, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und will ihren Job im Haushalt des Unternehmers Paul Alprecht kündigen, als seine Verlobte unerwartet stirbt. Durch seinen Verlust kommt auch bei Marga alte Trauer wieder hoch, und sie schreibt ihm eine tröstende, wenn auch anonyme E–Mail. Sie hätte nie mit einer Antwort gerechnet, aber Paul, berührt und neugierig zugleich, schreibt ihr zurück. Während sich Paul mit jeder weiteren E–Mail mehr und mehr fragt, wer hinter der geheimnisvollen Verfasserin steckt, wächst eine Nähe zwischen den beiden, die auf die Probe gestellt wird, als Paul zufällig einen Blick auf Margas E–Mailverlauf wirft …

Über die Autorin

Gabriela Groß ist das Pseudonym einer Autorin, die 13 Jahre Drehbücher fürs Hauptabendprogramm (ARD und ORF), sowie Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat. Zuletzt hat sie mehrere Romane in der Frauenunterhaltung veröffentlicht.

G A B R I E L AG R O S S

Das

Lied

der

Biene

Roman

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2024 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- undData-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: Friederike Haller, Berlin

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Einband-/Umschlagmotiv: © Woodhouse/shutterstock, Arthur Balitskii/shutterstock

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-5589-4

luebbe.de

lesejury.de

Prolog

»Margas Kartenhaus ist in sich zusammengefallen.« Evas Stimme vibrierte vor Aufregung, als sie diesen Satz ins Telefon sprach.

»Was sagst du?« Kirsten sank ein paar Zentimeter tiefer in den Sessel und wiederholte ungläubig die Worte ihrer Freundin. »Es ist alles zusammengebrochen?«

»Ja. Und zwar mit Pauken und Trompeten.« Eva fasste rasch die Eckpunkte zusammen. »›Wenn schon scheitern, dann richtig‹, waren Margas Worte, als ich sie gestern am Telefon hatte.«

»Das hat sie gesagt? Na, das nenne ich Galgenhumor.« Kirsten presste ihr Handy ans Ohr und sah gleichzeitig zur Tür, durch die jeden Augenblick der Zahnarzt träte. »Wie konnte sie auch annehmen, diese anonymen Mails brächten sie nicht in Schwierigkeiten? Sie hätte damit aufhören müssen, als es noch möglich war. Sicher, es ist nie schlecht, über seinen Schatten zu springen, wenn man das Leben nicht an sich vorbeiziehen lassen will. Aber was jetzt passiert, fegt vermutlich wie ein Hurrikan über Marga hinweg.«

»Mein Gott, Kirsten. Jetzt halt mal den Ball flach. Es ist ja nicht so, als hätte sie ein Verbrechen begangen.«

»Jaja, schon gut«, lenkte Kirsten ein. »Mir ist schon klar, dass Marga kein Orakel ist, das in die Zukunft sehen kann.« Sie seufzte. »Wir aber leider auch nicht. Sonst hätten wir sie aufhalten können, bevor es zu spät war. Ihr Schiffsbruch ist jedenfalls das beste Beispiel dafür, dass das Leben eben doch kein Wunschkonzert ist.«

Kirsten dachte an ihre und Evas Freundin Marga, die vermutlich gerade irgendwo saß, die Beine angezogen, den Kopf bekümmert auf den Knien, fix und fertig wegen der neuesten Ereignisse. Es war nicht immer leicht, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen. In den letzten Jahren hatte Kirsten hin und wieder sogar den Eindruck gehabt, als meinte es das Leben nicht gerade gut mit Marga. Wie den ungebetenen Gast auf einer Party ignorierte es sie geflissentlich. Während es umherzog und sich alle anderen hier und da an seinem großen Füllhorn der Möglichkeiten bedienten, stand Marga stets daneben und ging leer aus.

Bis sie vor Kurzem völlig unerwartet dann doch zugegriffen hatte. Und als hätte Marga die vergangenen Jahre nur auf diesen einen Moment der Wende gewartet, blieb es nicht bei einem Probierhappen, nein, Kirsten kam es vor, als hätte sich neuerdings ein ganzes Büfett vor ihrer Freundin ausgebreitet. Im Stillen hatte sie Marga sogar um dieses Menü, das sich inmitten des banalen Alltags aufgetan hatte, glühend beneidet. Bis jetzt jedenfalls.

Eva erläuterte ein paar Details, die sie von Marga erfahren hatte.

»Wie viel von Margas Kartenhaus steht denn noch?«, fragte Kirsten, als sich eine Lücke in Evas Sprachstrom auftat. Im Grunde kannte sie die Antwort bereits, doch sie wollte es aus Evas Mund hören, weil es erst dann für sie Realität wäre.

»Nichts, keine einzige Wand.« Eva klang wie eine Staatsanwältin, die die Wahrheit ans Tageslicht zerrte. »Und ihren Job ist Marga ebenfalls los.« Sie spekulierte lautstark, wie Marga in Zukunft ihre Rechnungen zahlen wollte, brachte die Miete und die Kosten für das Studium von Margas Tochter zur Sprache, die sich nicht in nichts auflösen würden, ebenso wenig wie der Rest. »Heizung, Strom, Telefon«, zählte sie auf.

Kirsten schüttelte gedankenverloren den Kopf. »Mein Gott, wie konnte es nur so weit kommen?«

»Das kann ich dir sagen.« Eva räusperte sich, bevor sie verkündete: »Diese unsägliche Biene hat alles ins Rollen gebracht. Und jetzt steuert Margas Leben unaufhaltsam auf den Abgrund zu.«

Das Leben ist keine verdammte Sackgasse.Es sieht manchmal nur so aus.

Drei Monate früher

1. Kapitel

Marga schob das Kissen zur Seite und drehte sich auf den Bauch. Just in dem Moment erschallte Whitney Houstons markante Soulstimme. Ein leises Grummeln entkam Marga. Sie fuhr mit der Hand unter ihre Wange, drehte sich zur Seite und gähnte. 5 Uhr 30.

Jeden Morgen um diese Zeit erklang I Will Always Love You aus ihrem Handy, und jedes Mal strömte die Stimme der Sängerin durch Marga hindurch und sorgte dafür, dass es in ihren Fuß- und Fingerspitzen zu kribbeln begann. Es war ein herrlich lebendiges Gefühl – ihr Elixier am Morgen –, und wenn der Song zu Ende war, fühlte es sich an, als hätte Whitneys Stimme jede einzelne Zelle ihres Körpers gestreichelt.

Marga richtete sich in eine halb sitzende Position auf, lehnte den Kopf ans Betthaupt und lauschte andächtig. Die Szene aus Bodyguard kam ihr in den Sinn, in der Whitneys Seidenschal in die Luft fliegt und Kevin Costners Schwert ihn durchtrennt – eine der wichtigsten Momente im Film. Das Knistern zwischen den Hauptfiguren wird in diesem Moment mit beiden Händen greifbar. Selbst nach mehr als zwei Dutzend Malen, die Marga den Film gesehen hatte, spürte sie es noch immer: Wenn der Seidenschal, in zwei Teile getrennt, zu Boden flattert, erkennen Rachel (Whitney), und ihr Bodyguard Frank (Kevin), dass sie sich lieben. Allerdings hatte Marga bereits beim ersten Mal gewusst, dass diese Liebe nicht gut enden kann.

Whitney hatte ihrem Schicksal weder im Film noch im wahren Leben entkommen können, ebenso wenig wie ihre Tochter Bobbi Kristina, die, wie ihre Mutter, viel zu früh verstorben war. Wenigstens Kevin Costner ist zeitweise glücklich geworden, ging Marga durch den Kopf.

Für Männer sah auch heute noch vieles anders aus, überlegte sie und dachte unwillkürlich an Paul Alprecht: das beste Beispiel für einen begünstigten Mann. Mit fünfundvierzig würde er in einem Monat eine Neunundzwanzigjährige heiraten, und niemand dachte sich etwas dabei. Über eine Frau, die einen so viel jüngeren Mann ehelichen würde, hätte es mit Sicherheit jede Menge Tratsch gegeben.

Sybille war nur sechs Jahre älter als Margas Tochter Conny. Marga kämpfte gegen ein tiefes Gefühl der Traurigkeit an, als ihr das einfiel, denn leider reichte neuerdings ein Gedanke an Conny, damit es düster um sie wurde. Seit sieben Wochen und zwei Tagen sprachen Conny und sie nicht mehr miteinander. Wenn Marga sich das morgens bewusst machte, packten sie Enttäuschung und Unverständnis gleichermaßen. Wie sollte sie sich mit ihrer Tochter versöhnen, wenn sie sie weder zu Gesicht noch ans Telefon bekam? Bei ihrem letzten Treffen hatte Conny Marga nicht mal aussprechen lassen, sondern war mitten im Gespräch aus der Wohnung gerannt und hatte die Eingangstür hinter sich zugeschlagen. Seitdem herrschte Funkstille zwischen ihnen.

»I hope life treats you kind … and I hope you have all you’ve dreamed of. And I wish to you joy and happiness. But above all this, I wish you love …«

Marga fühlte, wie sie ruhiger wurde, während Whitney sang. Mit der Stimme der Sängerin im Ohr schrumpfte der Zwist mit Conny zu einem Problem, das sich früher oder später lösen ließe. Kinder, egal wie alt sie waren, hatten nun mal andere Ansichten als ihre Eltern und gingen eigene Wege. Das war der Lauf der Dinge. Sie musste ihrer Tochter einfach ein bisschen Zeit geben, um zu erkennen, dass Marga das Beste für sie wollte.

Eine tiefe Liebe zu Conny durchströmte sie, verbunden mit dem Wunsch, Conny zu schützen. Wenn ihre Tochter doch nur auf sie hören würde.

Marga stellte den Wecker aus, schob die Decke beiseite und fand in die abgewetzten Filzpantoffeln, die vor ihrem Bett standen. Sie musste sich dringend neue kaufen. Diese alten Dinger gehörten in den Müll. Im Bad betrachtete sie ihr farbloses, halblanges glattes Haar im Spiegel und begann mit der Morgentoilette.

»Du bist wie Mireille Mathieu. Eine Frau, eine Frisur«, hatte Eva mal gewitzelt, weil Marga seit Jahr und Tag nichts an ihrem Haarschnitt änderte und beim Friseur stets das Gleiche verlangte.

»Ich mag halt Beständigkeit«, hatte Marga erwidert und mit den Schultern gezuckt. Was war schon dabei?

Sie zog sich an, ging in die Küche und trank eine Tasse Kaffee im Stehen, dabei langte sie nach dem Kündigungsschreiben auf dem Küchentisch. Das Blatt zitterte in ihrer Hand, als sie noch einmal durchlas, was sie gestern Abend geschrieben und ausgedruckt hatte.

Sie war immer gut mit Paul Alprecht ausgekommen und fand es schade, ihn nun nach beinahe zehn Jahren verlassen zu müssen. Doch seit Sybille in das Leben ihres Chefs getreten und bei ihm eingezogen war, gab es keinen Platz mehr für Marga in seinem Haus.

Mitten im Lesen schrillte das Telefon. Marga schob die Kündigung zurück ins Kuvert, schnappte sich ihr Handy und nahm das Gespräch an.

»Marga. Gut, dass ich dich noch erwische.«

»Kirsten.« Mit dem Handy am Ohr ging Marga in den Flur und steckte die Kündigung in ihre Handtasche. Sie wollte sie auf keinen Fall vergessen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich selbst ausbremste, weil etwas in ihrem Inneren gegen das rebellierte, was sie vorhatte. »Was treibt dich so früh ans Telefon?«

»Deine Kündigung. Willst du das wirklich? Denk doch auch mal an die Vorteile. Du weißt jeden Tag, was dich bei Paul Alprecht erwartet, und wirst sehr gut bezahlt. Außerdem … du bist keine dreißig mehr.«

»… sondern zweiundvierzig, ich weiß«, seufzte Marga. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel, schlüpfte in ihre Jacke und griff nach dem Schlüsselbund am Haken an der Wand.

»Mir ist klar, dass du es zurzeit nicht leicht hast, eben deshalb sollte nicht auch noch ein voreiliger Jobwechsel dazukommen. Wie willst du Connys Mietanteil zahlen und den Rest stemmen ohne Job?«

»Ich hab schon was in Aussicht. Der Gärtner der Alprechts hat mir einen Tipp gegeben.«

»Wirklich?«, fragte Kirsten nach.

»Hmm.«

»Warum hast du uns das nicht längst erzählt?« Margas Freundin klang erleichtert, aber nur kurz. »Und das Gehalt? Wie steht es damit? Alprecht zahlt doch so gut.«

»Ich brauche nicht viel, das weißt du. Außerdem ist die Bezahlung bei meinem neuen Job okay.« Marga verschwieg Kirsten, dass sie keineswegs eine Zusage in der Tasche hatte, sondern lediglich einen Gesprächstermin. Sie musste abwarten, wie der lief.

»Du, ich muss los.« Marga verabschiedete sich von Kirsten, schloss die Wohnungstür hinter sich und nahm die Treppe ins Erdgeschoss. Während sie durchs Haus lief, dachte sie darüber nach, wie schwer es ihr fiel, Paul Alprecht zu verlassen. Sie bekam ihn zwar nur selten zu Gesicht, doch in all den Jahren, die sie nun schon für ihn arbeitete, war er zu einem verlässlichen Teil ihres Lebens geworden. Ähnlich der Figur einer Serie, die man über alle Folgen hinweg begleitet und sich deshalb mit ihr verbunden fühlt, obwohl es natürlich nur eine eingebildete Verbundenheit ist und keine echte.

Marga drückte die Eingangstür auf und trat ins Freie. Es war Juni und das Wetter prächtig. Sie ging zu den Fahrradständern und verstaute ihre Tasche im Korb, öffnete das Schloss ihres Fahrrads, stieg auf den Drahtesel und strampelte los.

Marga fuhr gern mit dem Rad und genoss den lauen Fahrtwind. Der Weg zu ihrem Arbeitsplatz war jeden Morgen eine willkommene Routine. Besonders bei herrlichem Wetter. Marga spürte, wie der Sommer ihr Gesicht und Hände streichelte, während ihre Füße in die Pedalen traten. Zwanzig Minuten später kam sie bei der Villa Alprecht an, einem Kubus, dessen Ausmaße sie bei ihrem Vorstellungsgespräch vor Jahren eingeschüchtert hatten und die sie bis heute beeindruckten. Die weiß verputzten Außenwände strahlten hell in der Sonne.

Marga stellte ihr Rad in den Anbau, in dem das Personal Autos und Fahrräder unterbrachte. Der Gärtner war schon da. Sie sah den Wagen mit dem Logo des Gartenbauunternehmens, für das Rolf Merk tätig war. Er arbeitete seit gut einem Jahr für Paul Alprecht, war flink und umgänglich. Manchmal trank Marga in der Mittagspause einen Kaffee mit ihm, und Rolf erzählte ihr bei diesen Gelegenheiten gern von seinen erwachsenen Kindern und von seiner Frau, mit der er neuerdings eine Menge Stress hatte, weil sie unterschiedlicher Meinung waren, was die Lebensentscheidungen der Kinder betraf. Marga hörte meist still zu und wunderte sich, wie Rolf die dauernden Auseinandersetzungen aushielt. Doch seit dem Zwist mit Conny verstand sie ihn besser. Es war nicht leicht, nur noch als Zaungast danebenzustehen. Zumal, wenn man die Menschen, um die es ging, liebte.

Marga betrat den Umkleideraum und schlüpfte in das dunkelgraue Kleid und die bequemen Schuhe, die sie bei der Arbeit trug, um all die Kilometer zu bewältigen, die die Fürsorge des tausendzweihundert Quadratmeter großen Hauses ihr abverlangten. Das Grundstück selbst umfasste beinahe zwei Hektar.

»Nicht gerade ein Schrebergarten«, sagte Eva gern, wenn sie über Paul Alprechts Anwesen und über Margas Schritte pro Tag sprachen, wobei ihnen jedes Mal bewusst wurde, wie klein ihre eigenen Wohnungen im Vergleich dazu waren.

Marga nahm die Kündigung aus der Handtasche und schob sie in die aufgenähte Tasche ihres Kleids. Als sie einen letzten Blick in den Spiegel warf, entdeckte sie einen Fleck auf ihrer Arbeitsmontur. Sie eilte zum Waschbecken, hielt ein frisches Küchenhandtuch unter den Wasserhahn und rieb energisch an der Verunreinigung herum. Sicher würde die kleine feuchte Stelle an ihrem Rock niemandem auffallen, doch sie legte Wert auf Ordentlichkeit. Sie hängte das nasse Handtuch zum Trocknen an den Haken, verließ den Personaltrakt und nahm den Seitengang zum Haupthaus.

In der Halle war es still. Paul war ein Morgenmensch und außerdem ein Arbeitstier. Einer dieser Männer, die hauptsächlich für ihre Termine lebten … und neuerdings natürlich auch für Sybille.

Paul – im Stillen nannte Marga ihn so. Das Alprecht ließ sie in ihren Gedanken weg. Wenn sie ihren Chef beim Vornamen nannte, war er ihr näher und das Arbeiten für ihn machte mehr Spaß. Manchmal, wenn Paul sich erkundigte, ob bei ihr alles in Ordnung war und ihr mit diesem ruhigen Blick seiner Augen zuhörte, fühlte sie sich beinahe wie ein Teil seines Lebens. Sie gehörte zwar nur zum Personal, aber sie war wichtig.

»Es kommt nicht darauf an, was du tust, Marga, sondern wie du es tust. Jede Arbeit kann dich stolz machen. Es liegt an dir«, hatte ihre Mutter einmal zu ihr gesagt, als sie als kleines Mädchen darüber sinniert hatte, was sie später einmal werden wollte.

Tja, das ist vorbei, wenn du Paul die Kündigung überreicht hast, flüsterte eine Stimme in ihr, die erschreckend nach Kirsten klang. Augenblicklich schwoll ein Kloß in Margas Hals, gegen den sie energisch anschluckte. Ja, mit der Kündigung gab sie einiges auf. Doch was sein musste, musste sein.

Mit trotzigen Schritten betrat Marga die Küche. Sybille schlief meistens bis neun und ging dann in den Fitnessraum oder, wenn das Wetter es zuließ, in den Pool, um ein paar Bahnen zu ziehen. Marga schien es, als drehten sich die Gedanken der jungen Frau hauptsächlich um ihre makellose Figur sowie um ihre Designerkarriere, die bis jetzt zwar nur eine fixe Idee war, von der Sybille jedoch trotzdem ununterbrochen sprach und die sie in den schillerndsten Farben ausmalte. Paul hörte ihr geduldig zu, obwohl sie ständig dasselbe wiederholte.

Marga überlegte oft, wie ein intelligenter Mann wie er nicht merken konnte, worauf Sybille in Wirklichkeit abzielte: sein Ansehen, seine Kontakte und sein Geld. Wieso betete er sie derart an?

Jedoch musste Marga zugeben, dass sich Sybille in Pauls Gegenwart herzlich und sprühend vor Lebenslust zeigte. Paul, der sich nach der Scheidung von seiner ersten Frau vor drei Jahren gesellschaftlich zurückgezogen hatte, blühte in Sybilles Gegenwart auf und war wieder zu jenem heiteren Jüngling geworden, der sein Leben fröhlich und unbeschwert anpackte.

Diese Wandlung Pauls war die eigentliche Leistung, die Sybille vollbracht hatte. Sie hatte ihn zu neuem Leben erweckt, darin war sie gut, das musste Marga zugeben. Doch kaum war Paul fort, kehrte Sybille ihre andere Seite hervor und wurde zu der oberflächlichen Person, die Marga nur zu gut kannte. Sybille war eine Frau, der das Geld ihres zukünftigen Mannes schon jetzt zu Kopf stieg.

In diesem Moment piepsten beide Geschirrspüler und rissen Marga aus ihren Gedanken. Paul war vermutlich zu nachtschlafender Zeit unterwegs gewesen und hatte die Maschinen bei seiner Rückkehr angestellt, ansonsten wären sie jetzt nicht fertig. Seit der Scheidung litt er an Schlafstörungen und arbeitete manchmal sogar nachts, weil es ihm vernünftiger erschien, etwas Liegengebliebenes zu erledigen, als Schafe zählend im Bett auszuharren. In letzter Zeit schlief er jedoch wieder besser. Dank Sybille, wie er in Telefonaten, die Marga manchmal unfreiwillig mithörte, freudig betonte.

Marga wich der Dampfwolke aus, die ihr entgegenschlug, als sie den vorderen Geschirrspüler öffnete und auf ein ganzes Bataillon an Sekt- und Weingläsern herabsah. Offenbar hatten Paul und Sybille gestern spontan Gäste empfangen. Sybille liebte Feste, die sich bis in den frühen Morgen hinzogen, sie liebte alles Spontane.

Paul war eher der vorausschauende Typ, der Dinge sorgsam plante. Genau wie Marga. Ein guter Plan war wie ein perfekt sitzender Rock, der weder zwickte, noch zu lose saß. Ein Plan gab Sicherheit.

Wenn sie doch nur einen Plan zur Beendigung ihres Streits mit Conny hätte, dachte sie, während sie nach einem Geschirrhandtuch langte, um die noch feuchten Gläser abzutrocknen. Eine Strategie, an der sie sich entlanghangeln konnte, um die unglückliche Auseinandersetzung mit ihrer Tochter zu beenden. Kern des Übels, sprich der Grund, weshalb Conny und sie sich zerstritten hatten, war die heimliche Affäre, die ihre Tochter mit ihrem Professor begonnen hatte und die Marga für einen schrecklichen Fehler hielt. Über kurz oder lang würde Tom Conny enttäuschen, dessen war sich Marga sicher, und das hatte sie ihrer Tochter unumwunden gesagt. Und was hatte Conny getan? Sie hatte Marga eine Frau geschimpft, deren Moral von vorgestern war.

»Deine ewige Korrektheit nervt, Mama«, hatte sie ihr an den Kopf geknallt. »Schau doch mal, wo dich das hingebracht hat. Du arbeitest seit gefühlt hundert Jahren als Haushälterin und stehst auf der Stelle. Du machst jeden Tag das Gleiche, du siehst gleich aus, du willst nichts. Weißt du, was das Schöne mit Tom ist? Abgesehen davon, dass er mir beim Studium hilft? Es ist aufregend und neu, Mama. Es macht Spaß, und es ist das Leben. Gönnst du mir das etwa nicht?«

Der letzte Satz hatte Marga bis ins Mark getroffen. Selbstverständlich gönnte sie ihrer Tochter alles! Nichts sollte Conny fehlen, das hatte sie sich bereits vor Jahren geschworen. Oft genug hatte es wenig rosig ausgesehen auf Margas Konto, doch sie hatte immer gewusst, dass sie ihrer Tochter ein Studium ermöglichen würde, koste es, was es wolle. Auch gegen den Druck ihres geschiedenen Mannes, der stets nur das Nötigste für Conny gezahlt hatte. Und natürlich hatte Marga immer gewollt, dass Conny ihr Leben genoss. Aber musste das ausgerechnet einschließen, dass ihre Tochter sich mit einem verheirateten Familienvater einließ, der noch dazu ihr Professor war? Wie konnte Marga so etwas gutheißen? Das hatte nichts mit veralteten Moralvorstellungen zu tun, sie machte sich ganz einfach Sorgen. Das konnte doch nicht falsch sein.

Marga trocknete die letzten Gläser ab und stellte sie in die Vitrine, als im oberen Stock Geräusche erklangen. Sybille. Pauls Verlobte trällerte vor sich hin, während sie die Treppe hinunterkam.

»Einen schönen guten Morgen«, grüßte Marga freundlich, als Sybille vor ihr auftauchte.

»Morgen, Marga. Haben Sie sich schon um die Spülmaschinen gekümmert?«, fragte sie schmallippig. »Wir hatten gestern spontan Gäste.« Sybille hatte sie von Anfang beim Vornamen genannt, im Gegensatz zu Paul, der sie respektvoll mit »Frau Reiter« ansprach.

»Selbstverständlich. Alles ist wieder an seinem Platz.«

»Gut.« Sybille fasste ihre blonde Mähne mit den Fingern zusammen. Der puderrosafarbene seidene Morgenrock stand ihr hervorragend. Sie sah darin wie eine Elfe aus einem Märchen aus.

»Es gibt heute übrigens einen Haufen Wäsche in der Waschküche. Ich habe gestern ein paar Kaschmirpullover herausgesucht, die gewaschen werden müssen, bevor der Winter kommt. Jedes Stück ist ein Unikat, und ich möchte hinterher keinen in Kindergröße in Händen halten.«

»Sie bekommen Ihre Pullover wohlbehalten zurück. Keine Sorge«, versprach Marga, während ihr etwas ganz anderes auf der Zunge lag.

»Dann kümmern Sie sich bitte gleich heute darum. Was erledigt ist, ist erledigt.« Sybille starrte auf etwas in Höhe von Margas Oberschenkel. »Sie haben da übrigens einen Fleck auf Ihrem Arbeitskleid. Ziehen Sie sich bitte um, in diesem Haus legen wir Wert auf tadelloses Auftreten.«

Marga sah an sich hinab. Die feuchte Stelle war kaum noch zu sehen, und es wurmte sie, dass sie Sybille dennoch aufgefallen war. »Ich werde mich sofort darum kümmern.«

»Ach ja, und wenn Sie mir dann bitte Frühstück machen würden. Tomaten mit Avocado, eine Scheibe Toast und einen frisch gepressten Saft aus Karotte, Apfel und Ingwer mit einer Spur Honig. Und einen Espresso natürlich.«

»Ohne Zucker?«

»Das müssten Sie inzwischen wissen, Marga.« Sybille warf ihr einen missbilligenden Blick zu, bevor sie in Richtung Terrasse entschwand.

Marga fuhr mit der Hand an die Tasche, in der die Kündigung steckte. Was sie vorhatte, war richtig, davon hatte Sybille sie gerade noch einmal eindrücklich überzeugt.

2. Kapitel

Sybilles Sommerkleid wogte im Wind, als sie später am Nachmittag den Pool ansteuerte, in dem das Wasser blau funkelte. Gegen Mittag hatte sie unerwarteten Besuch von drei Freundinnen bekommen, und die jungen Frauen hatten eisgekühlten Champagner trinken wollen und sich schließlich über den Kirschkuchen hergemacht, den Marga morgens gebacken hatte. Es war Pauls Lieblingskuchen, doch obwohl alle vier Frauen voll des Lobes gewesen waren, hatte Sybille hinterher angemahnt, Marga solle sich in Zukunft mit solchen Süßspeisen zurückhalten, schließlich wolle sie in vier Wochen noch in ihr Hochzeitskleid passen.

Marga hatte sich auf die Zunge gebissen, um den Satz hinunterzuschlucken, dass der Kuchen eigentlich für Paul gedacht gewesen sei und dass niemand Sybille gezwungen hatte, ihn zu essen.

Nachdem Sybilles Freundinnen in ihre jeweiligen Leben zurückgekehrt waren, stellte Marga das benutzte Geschirr auf ein Tablett und schob die Stühle wieder ordentlich um den Terrassentisch.

Seit sie in diesem Haus arbeitete, backte sie, wann immer sie den Eindruck hatte, ihr Chef brauche ein wenig Aufmunterung. Freitags backte sie zudem für dessen Stieftochter Inga, die Margas Kuchen liebte. Und zuverlässig lief jedes Mal ein Strahlen über die Gesichter der beiden, wenn Marga mit den kleinen Tellern in der Hand auf der Türschwelle erschien und fragte: »Ein bisschen Alltagsglück gefällig?«

Marga seufzte. Wie es aussah, war ab sofort Sybille diejenige, die regelte, was in diesem Haus zum Alltagsglück gehörte und was nicht. Sie trug das Tablett in die Küche und gab die letzten zwei Kuchenstücke auf einen Teller, den sie ganz hinten in den Kühlschrank stellte. Sie legte einen Zettel daneben, auf dem groß für Herrn Alprecht stand.

Nachdem das getan war, ging sie in den Waschraum und kümmerte sich um Sybilles Kaschmirpullover. Vierundzwanzig Exemplare in sämtlichen Farben, die bereits gewaschen und getrocknet waren und die sie nun ordentlich zusammenlegte, um sie in Sybilles Kleiderraum zu bringen.

Marga war gerade auf dem Weg nach oben, als sie jemanden das Haus betreten hörte. Nach ein paar Schritten erkannte sie, dass es Paul war. Es war nicht schwer, ihn zu identifizieren – Menschen gingen unterschiedlich, und wenn man aufmerksam war, fand man schnell heraus, wessen Gangart man hörte.

Paul war heute außergewöhnlich früh dran, normalerweise kehrte er erst in den Abendstunden zurück. Vermutlich gab es etwas wegen der bevorstehenden Hochzeit zu besprechen. Sybilles Wünsche waren unerschöpflich. Und Paul sah sich als derjenige, der sie naturgemäß zu erfüllen hatte, statt alles seinen Angestellten zu überlassen.

Marga nahm die nächste Stufe und stieß versehentlich mit dem Ellbogen gegen die Wand. Die Pullover, die sie zu einem flauschigen Wollturm gestapelt vor sich hertrug, gerieten ins Wanken. Einige segelten zu Boden.

Marga entkam ein »Oh nein«, doch bevor sie sich bücken konnte, erschien Paul neben ihr, las die hinuntergefallenen Kleidungsstücke auf und nahm ihr einen Teil der übrigen ab.

»Am besten bringen wir das gemeinsam hinauf. Vier Hände schaffen mehr als zwei, nicht wahr?!«, sagte er fröhlich.

Angesichts seiner freundlichen Geste entspannte sich Marga. Paul Alprecht war schwer in Ordnung. Standesdünkel kannte er nicht.

Du solltest nicht kündigen, schoss ihr durch den Kopf. Und du müsstest auch gar nicht, wenn du dich nicht ständig von Sybille aus der Ruhe bringen lassen würdest. Paul ist dein Arbeitgeber, und er ist freundlich und wertschätzend …

Bald ist Sybille offiziell seine Frau, dann hat sie endgültig das Sagen im Haus. Paul wird dir nicht helfen. Er kennt schließlich eine andere Sybille als du.

Die miteinander streitenden Sätze kreisten durch Margas Gedanken, und plötzlich wusste sie nicht mehr, ob sie kündigen sollte oder nicht.

Du machst jeden Tag das Gleiche, sagte Conny in ihrem Kopf, als sie oben ankamen, und Marga biss sich auf die Lippe, während sie Sybilles Pullover in den Schrank räumte. Paul stand neben ihr und reichte ihr die Stücke an. Als sie fertig waren, schloss Marga leise die Türen. »Danke, dass Sie mir geholfen haben.«

»Und ich dachte immer, Sie helfen mir … besser gesagt uns«, erwiderte er. »So kann man sich täuschen.« Er zwinkerte ihr zu.

Marga mochte es, wenn Paul scherzte. Nach den Querelen mit seiner Ex-Frau Birgit war er viel zu lange zu ernst gewesen – Marga erinnerte sich nur ungern an die lautstarken Diskussionen, die wochenlang durchs Haus geschallt waren. Das Geschrei erinnerte sie schmerzhaft an ihre Eltern. Auch zwischen ihnen hatte es regelmäßig gekracht. Ihre Mutter hatte ihrem Vater oft gedroht ihn zu verlassen, es jedoch nie wahrgemacht. Sprach sie Marga gegenüber oft davon, dass man sich selbst wertschätzen sollte, egal wer man war oder wo man herkam – sobald es um ihren Mann ging, vergaß sie jeden Stolz. Nie lehnte sie sich gegen seine Trunksucht auf. Oft hatte sie ihm sogar ihr letztes Geld gegeben, wenn er sie deswegen anflehte.

»Ich werde es in Zukunft besser machen. Du wirst schon sehen«, hatte Margas Vater regelmäßig geschworen, sein Tonfall wie das Winseln eines geprügelten Hundes. Der Blick ihrer Mutter irgendwas zwischen Abscheu und Mitleid.

Marga hatte oft im Türrahmen gestanden und die schlimmen Szenen mitverfolgt. Den jammernden Worten ihres Vaters gelauscht, mit denen er ihrer Mutter immer wieder eine bessere Zukunft versprach. Und Margas Mutter hatte ihm geglaubt, jedes Mal, die verschränkten Arme irgendwann sinken lassen und seufzend das Portemonnaie gezückt. So war es Jahr um Jahr gegangen. Bis ihre Mutter an einer Krebserkrankung verstorben war, wie es der Totenschein behauptete.

Doch Marga wusste es besser. Der Krebs war nicht die Ursache gewesen, sondern nur die Wirkung. In Wahrheit war ihre Mutter an dem vermeintlich besseren Leben zerbrochen, das nie Wirklichkeit geworden war. Irgendwann hatte sie aufgegeben, an eine rosige Zukunft zu glauben, danach hatte der Krebs leichtes Spiel gehabt. Es war schnell gegangen, und eines Tages hatte Marga am Grab ihrer Mutter gestanden, fassungslos, wie traurig deren Leben verlaufen war.

In der letzten Phase, als es ihrer Mutter immer schlechter ging und es ihnen an vielem mangelte, vor allem an Geld, hatte Marga die Schule geschwänzt, um zu jobben und das Nötigste bezahlen zu können. Ihr Plan, das Abitur zu machen und zu studieren, rückte damals in immer weitere Ferne. Gleichzeitig verkomplizierte sich das Verhältnis zu ihrem Vater, der die Erkrankung seiner Frau zum Anlass nahm, noch mehr zu trinken und endgültig zu versumpfen. So blieb Marga nach dem Tod ihrer Mutter einfach in dem Café, in dem sie kellnerte. Kam gar nicht auf den Gedanken, das Abitur nachzuholen.

Zwei Jahre später kam es zum endgültigen Bruch mit ihrem Vater. Damals war Marga, obwohl erst siebzehn, mit Nane schwanger. So jung werdende Mutter zu sein, hatte sie beschämt, doch mit Johannes, der in ihre Klasse ging und den alle nur Juppi nannten, hatte Marga so etwas wie kurze Momente des Zusammenhalts und des Glück erlebt, und im Überschwang hatten sie nicht aufgepasst.

Nane starb kurz nach der Geburt. Plötzlicher Kindstod war etwas, womit Marga sich bis dahin nie beschäftigt hatte. Die Beziehung zu Juppi zerbrach. Danach fiel Marga in ein tiefes emotionales Loch.

Conny kannte die Geschichte ihrer Mutter und behauptete, damals habe Marga aufgehört, an sich selbst und ans Leben zu glauben. Dabei hätte das Vorbild ihrer eigenen Mutter sie doch wachrütteln müssen.

»Du hast Oma immer vorgeworfen, dass sie Opas Alkoholsucht einfach hingenommen hat. Aber du änderst ja selbst nichts. Als Nane starb, bist du in einem miesen Leben angekommen und hast dich nie daraus befreit. Hinfallen ist keine Schande, Mama, doch wenn man liegen bleibt, vergisst man, wer man ist: ein Mensch mit Chancen, der immer wieder neu durchstarten kann.«

Der Streit wegen Tom hatte das wiederkehrende Thema schließlich eskalieren lassen.

»Sag mir nicht, was richtig und was falsch ist, Mama.« Conny war richtig laut geworden, und Marga war unter ihren Worten zusammengezuckt. »Ich gehe einen anderen Weg als du. Denn leider bist du beim Thema Mut nicht gerade ein Vorbild für mich.«

Es tat weh, ihre Tochter so etwas sagen zu hören, vor allem, weil es stimmte.

Pauls Stimme riss sie aus ihren Erinnerungen. Wie von fern drang sie an Margas Ohr. Sie hatte kaum gehört, was er zu ihr gesagt hatte. Ihre Gedanken nahmen einfach zu viel Raum ein.

»Wissen Sie, wo meine zukünftige Frau ist?«, wiederholte Paul nun eine Spur lauter.

Marga wischte sich mit der Hand übers Gesicht. »Sie schwimmt ihre Runden, Herr Alprecht.«

Paul verzog amüsiert die Stirn. »Da hätte ich auch selbst draufkommen können. Bei dem Wetter.« Er drehte ihr den Rücken zu, um hinunterzugehen, doch Marga hielt ihn auf.

»Herr Alprecht …«

Paul blieb stehen, drehte sich zu ihr um. Sein Blick ruhte auf ihr.

Marga gab sich einen Ruck. »Ich würde gern noch etwas mit Ihnen besprechen.«

Und ich würde gern zu meiner Verlobten in den Pool. Und sie küssen. Marga hörte seine Stimme in ihrem Kopf, doch tatsächlich sagte Paul: »Selbstverständlich. Was gibt es denn, Frau Reiter?«

Marga nestelte an dem Kuvert, in dem die Kündigung steckte. Nur ein paar erklärende Worte, dann wäre es vorbei. Alles, was sie verlor, waren zweihundertfünfzig Euro im Monat, die sie weniger verdiente, falls sie die andere Stelle annähme. Das war viel Geld, aber sie würde es schon verkraften. Im Grunde müsste sie nur auf ein paar Dinge verzichten, die sie ohnehin nicht brauchte. Der neue Wäschetrockner konnte unter den gegebenen Umständen warten, und anstatt Bücher beim Buchhändler zu bestellen, würde sie in die Bücherei gehen. Wenn sie es durchdachte, kam sie auf eine Menge Alternativen, die sich ihr boten. Sie würde es schon schaffen. Und neu durchstarten.

»Nun, wie kann ich Ihnen helfen?«, fasste Paul nach, weil Marga noch immer nichts sagte.

»Es ist Folgendes, Herr Alprecht. Ich denke, es ist das Beste, wenn …«

»Herr Alprecht!«

Marga erkannte Rolf Merks Stimme. Sie kam von draußen. Allerdings hatte sie den Gärtner noch nie in solch dringlichem Ton rufen hören.

Paul schien es ähnlich wie Marga zu gehen, er lief die Treppe hinunter und hielt auf die offen stehende Terrassentür zu. Marga folgte ihm und wäre unten beinahe über den Teppich gestolpert. Rolf stand im Türstock. Er keuchte, sein Kopf war hochrot. Blankes Grauen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Was ist denn los?« Paul klang alarmiert.

»Ihre Frau … Ihre zukünftige Frau, meine ich«, haspelte der Gärtner. Mehr brachte er nicht heraus.

»Du kannst nichts dafür, Marga. Es war ein schrecklicher Unfall.«

Kirsten sprach seit Minuten beruhigend auf Marga ein, die wie ein Häufchen Elend am Küchentisch saß und in ein Taschentuch schnupfte, während unablässig Tränen aus ihren geröteten Augen flossen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie die Kraft gefunden hatte, nach Hause zu fahren und ihren Freundinnen die Tür zu ihrer Wohnung zu öffnen, nachdem sie sie mit tränenerstickter Stimme angerufen und sie angefleht hatte, zu ihr zu kommen.

Als sie nun zu einer Erwiderung ansetzte, drangen neue Schluchzer aus ihr heraus. »Hätte ich Paul nicht wegen der Kündigung aufgehalten …«, sie schluchzte laut, »… wäre er früher in den Garten gegangen … und hätte Sybille sicher retten können. Manchmal kommt es auf Minuten oder sogar Sekunden an.«

»Du hast ihn doch nicht extra aufgehalten. Das hat sich so ergeben«, sagte Kirsten.

Eva hielt ihrer Freundin ein frisches Taschentuch hin. Marga griff danach.

»Wie kann man nur eine Biene verschlucken, die im Pool treibt? So viel Pech muss man erst mal haben.« Wie so oft sprach aus Eva die Pragmatikerin. »Jedenfalls ist Sybille an diesem Bienenstich gestorben, besser gesagt an ihrer Allergie gegen Insektengift, und nicht etwa, weil du sie ins Wasser gestoßen hast, Marga, in dem Wissen, dass sie nicht schwimmen kann.«

Kirsten sah Eva kopfschüttelnd an. »Manchmal bist du echt ein Elefant im Porzellanladen«, schimpfte sie. »Halt doch endlich mal den Mund.«

»Wieso? Es stimmt doch. Marga hat nichts Verwerfliches getan«, verteidigte sich Eva. »Ich sage lediglich …«

»… was auf der Hand liegt. Schon klar.« Kirsten stellte die Kaffeetasse, die sie in der Hand gehalten hatte, klappernd auf den Unterteller und deutete auf Marga, die nach wie vor in sich zusammengesunken dasaß. »Aber siehst du nicht, wie schlecht es Marga geht?«

»Ihr geht es schlecht, weil sie Sybille nicht ausstehen konnte und sich schuldig fühlt. Das verschärft die Sache natürlich. Und gerade das müssen wir ihr nehmen.« Eva wandte sich an Marga, strich ihr mit der Hand über die herabhängenden Schultern. »Das mit der Biene ist krass, und klar stehst du unter Schock. Dennoch war es verdammtes Pech. Ein furchtbarer Unfall. Dass du Sybille nicht mochtest, tut absolut nichts zu Sache. Du musst dich nicht schuldig fühlen.«

»Wenn du nicht augenblicklich still bist, schmeiß ich dich eigenhändig raus«, wetterte Kirsten Eva entgegen.

Die zog an dem dünnen Tuch, das sie um den Hals trug. »Also gut«, gab sie nach, während sie die Ränder des Tuchs durch die Finger gleiten ließ. »Ich sage nichts mehr.«

Durch die hin und her fliegenden Sätze kam ein wenig Leben in Marga. Sie trocknete sich das Gesicht mit einem frischen Taschentuch und sah auf. »Was glaubt ihr, was Paul jetzt macht? Morgen, meine ich … und übermorgen …« Ihre Stimme klang brüchig wie Glas.

»Na ja, die rechtlichen Dinge klären, nehme ich an. In so einem Fall gibt es sicher eine Menge zu regeln«, überlegte Kirsten, bevor sie Marga plötzlich anstarrte. »Sag mal, hast du ihm die Kündigung eigentlich gegeben?«, wollte sie wissen. »Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.«

Marga runzelte die Stirn. Erst jetzt ging ihr auf, dass sie es nicht getan hatte, und sie schüttelte den Kopf. »Dazu kam es nicht. Nachdem der Gärtner … also danach brach gleich das Chaos aus.«

»Dann gehst du morgen zur Arbeit und kümmerst dich um das Nötigste«, entschied Kirsten. »Auf die Bewältigung des Alltags kommt es in schlimmen Momenten mehr an, als man glaubt.«

Marga blickte sie mit großen Augen an. Was ihre Freundin sagte, stimmte vermutlich. Sie konnte Paul jetzt unmöglich im Stich lassen. Im Grunde hatte sie sogar die Pflicht, sich um ihn zu kümmern. Nicht um ihn persönlich natürlich, sondern um die Dinge um ihn herum: das Haus, das Essen, die Wäsche und eine Menge mehr.

»Na wunderbar, dann ist ja alles beim Alten. Nur ohne Sybille«, sagte Eva und erntete einen weiteren zurechtweisenden Blick von Kirsten.

3. Kapitel

»If I should stay, I would only be in your way. So I’ll go, but I know I’ll think of you every step of the way …«

Marga stellte den Wecker aus, bevor Whitney den Refrain singen konnte. Müde setzte sie sich auf und suchte nach ihren Pantoffeln. Heute war der erste Morgen seit ewigen Zeiten, den sie ohne Whitneys Refrain bestritt. Sie öffnete die Tür zum Bad, schlüpfte aus Pyjamahose und T-Shirt und stellte sich unter die kalte Dusche, bis sie bibberte und ihre Zähne klapperten.

»Du bist verrückt. Völlig neben der Spur«, schimpfte sie Minuten später mit ihrem Spiegelbild.

Ihr Haar sah genauso fahl aus wie ihr Gesicht. Marga fuhr mit der Bürste durch die Strähnen und steckte es mit zwei Klammern nach hinten. Dann tat sie etwas, was nur sehr selten vorkam. Sie puderte sich das Gesicht und legte einen Hauch Rouge auf. Sie tat es für Paul. Um ihm mit ein bisschen Farbe zu begegnen in seinen schwarzen Stunden. Ob sie sich bei ihm entschuldigen sollte? Vielleicht machte er sie für den Unfall mitverantwortlich, wie sie selbst es tat? Evas Worte hallten durch ihren Kopf. Sie war nicht schuld, sie hatte nur kündigen wollen. Das war ihr gutes Recht, und niemand hätte ahnen können, dass dadurch entscheidende Sekunden verstrichen.

»Noch einen Hauch Lippenstift. Korallenrot«, entschied Marga. Conny hatte ihr das Schminkutensil zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt, nun kam es endlich mal zum Einsatz.

»Du brauchst mehr Farbe, Mama. Ein Friseurbesuch wäre auch nicht schlecht. Du könntest dir blonde Strähnen machen lassen. Mach endlich was aus dir. Du lebst noch, weißt du.«

Marga genoss die Erinnerung an die Worte, weil Conny, als sie sie gesagt hatte, noch mit ihr gesprochen hatte. Sie sah in ihr ovales Gesicht und auf das halblange, zwischen dunklem Blond und Braun changierende Haar, betrachtete die weichen Schultern, die zu ihren kleinen Brüsten hinabführten. Sie war nie eine Schönheit gewesen. Früher hatte Eberhart manchmal gesagt, sie sei hübsch. Damals war sie Anfang dreißig gewesen, sozusagen in der Blüte ihres Lebens. Doch die Zeit verflog, und mit ihr verflog Margas Leben.

Sie schaute auf ihre Lippen, die in Korallenrot wie die einer anderen Frau aussahen. Die Farbe war zu intensiv für ihr blasses Gesicht, und sie wischte die Farbe mit einem Papiertuch ab. Tupfte stattdessen farblose Lippenpflege auf.

»Ja«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. »Das ist besser.« So sah sie mehr wie sie selbst aus, befand sie. Noch ein letzter Blick, dann löschte sie das Licht und verließ das Bad.

Als sie bei Pauls Villa ankam, stellte sie das Rad ab, zog ihre Arbeitskleidung an und tapste den Seitengang zum Haus entlang. Heute kam ihr jeder Schritt schwer vor, als hätten ihre Beine über Nacht an Gewicht zugelegt.

In der Halle war es noch stiller als sonst. Die Blumen auf dem Sideboard hingen herab. Marga machte sich daran, sie wegzuräumen. Sie trug die Vase in die Küche, warf die Blumen in den Biomüll und hielt die Vase unter heißes Wasser, um sie auszuspülen. Sybille hatte keine welken Blumen gemocht. Da war sie eisern gewesen. Kaum machte es den Anschein, als ließe eine Blüte den Kopf hängen, musste der Strauß weggeworfen werden.

Marga hielt inne und spürte, wie schon wieder Tränen in ihr aufstiegen. Sybille war nicht mehr da. Sie lag nicht oben im Bett und käme später hinunter, um ihr etwas an den Kopf zu werfen. Mit zittrigen Händen stellte sie die Vase auf die Arbeitsplatte und griff nach dem Küchenhandtuch, um sie trocken zu wischen.

Es war kaum zu fassen, dass ein Mensch, der gestern noch quietschfidel gewesen war, plötzlich nicht mehr lebte. Unwillkürlich sprangen Margas Gedanken zu Nane, ihrem wunderschönen Baby. Sie hatte Nane inbrünstig geliebt. Dieses kleine, offene Gesichtchen und die süßen zusammengekniffenen Augen, mit denen sie sie angeblinzelt hatte, hatten ihr Herz so zum Schlagen gebracht, dass Marga manchmal geglaubt hatte, es zerspränge. Nanes Geburt hatte alles verändert, ebenso ihr unerwarteter Tod. Marga hatte anfangs nicht glauben können, dass Nane fort war, doch dann war ihr klar geworden, welche Schläge und Entbehrungen das Leben einem auferlegen konnte.

Sie blickte in den Garten, wo es grünte und blühte, als gäbe es nur Wachstum und keinen Tod. Sie hatte keine Ahnung, wie warm es heute werden würde. Sie hörte täglich den Wetterbericht, um vorbereitet zu sein, doch gestern Abend hatte sie die Nachrichten versäumt, und vorhin, als sie hierhergeradelt war, hatte sie nichts gespürt, keine Wärme auf ihrer Haut, keine Kühle. Draußen schien die Sonne, stellte sie nun fest.

Plötzlich rührte sich oben etwas. Marga schreckte zusammen. Jemand betrat die Treppe. Sie hörte das Holz knarren. Dann sah sie zwei nackte Füße … und dann Paul, der eine Hose und ein Hemd trug, allerdings keinen Gürtel und auch keine Socken …

Er blieb stehen. »Frau Reiter …« Er blickte sie an, als wollte er sagen: »Sie sind hier? Nach allem, was geschehen ist.«

»Guten Morgen, Herr Alprecht. Darf ich Ihnen nochmals mein aufrichtiges Beileid aussprechen?«

Paul kam näher, und Marga beobachtete, wie sein Adamsapfel sich bewegte, als er schluckte. Ein fahles Grau umschattete seine Augen, und am Kinn entdeckte Marga einen Schnitt. Offenbar hatte Paul sich zu hastig rasiert. Er war völlig durch den Wind, versuchte es zu kaschieren, was ihm jedoch nicht gelang. »Danke, Frau Reiter … ich bin … ich weiß nicht …«

Marga griff instinktiv nach einem Glas und füllte es mit Wasser. Sie reichte es Paul. »Trinken Sie erst mal einen Schluck.«

»Danke.« Er nahm das Glas entgegen und leerte es, den Oberkörper gegen die Kücheninsel gelehnt, in kleinen Schlucken.

»Ich nehme an, Sie gehen heute nicht zur Arbeit?«, fragte Marga vorsichtig.

Paul stellte das leere Glas auf den Küchentresen. »Nein. Ich glaube nicht.«

Erleichtert begriff Marga, dass Paul ihr anscheinend keinen Vorwurf machte wegen dem, was gestern geschehen war … wegen Sybille und der Kündigung, von der er natürlich nichts wusste. Er war freundlich wie immer, trotz der schrecklichen Situation.

»Ich muss mich heute um eine Menge Dinge kümmern. Die Hochzeit absagen, die Cateringfirma anrufen. Später treffe ich mich mit Sybilles Eltern. Sie sind …« Paul sprach nicht weiter.

Marga ahnte, wie es Sybilles Eltern ging. Wenn etwas Schlimmes geschah, hinkten Kopf und Herz hinter dem Geschehenen hinterher. Man konnte einfach nicht so schnell begreifen, was passiert war, und fühlte sich wie in Trance.

Marga sah zu Paul. Noch nie hatte er ihr gegenüber von Sybille gesprochen. Er sagte gewöhnlich: meine zukünftige Frau. Am Anfang, als er Sybille die ersten Male mit in dieses Haus gebracht hatte, hatte er sie ihr als meine Freundin vorgestellt. Die Bezeichnung war Marga irgendwie fehl am Platz vorgekommen. Sagte man mit fünfundvierzig noch: »Ach übrigens, das ist meine Freundin?«

Sie ließ den Gedanken los. In letzter Zeit dachte sie ununterbrochen, meist nichts Gutes. Wenn sie doch nur wüsste, wie man Grübeleien loswurde oder sie umlenkte, sodass aus negativen Gedanken zumindest neutrale wurden.

»Was möchten Sie mittags essen, Herr Alprecht? Ich koche Ihnen, was Sie mögen.«

»Das können Sie sich sparen, Frau Reiter. Ich bekomme nichts hinunter. Nicht mal einen Krümel. Mein Magen ist wie zugeschnürt.«

»Meiner auch«, entkam es Marga. »Entschuldigen Sie.« Sofort ruderte sie zurück. »Das war ganz und gar fehl am Platz.«

»Aber nicht doch. Wieso denn?« Paul schenkte ihr einen mitfühlenden Blick. »Auch für Sie war es ein Schock.« Er sprach nicht mit der Herr-Alprecht-Stimme, die Marga so gut kannte. Er sprach, als sei er einfach Paul und als kennten Marga und er sich vom Tennisplatz oder von gemeinsamen Golfrunden oder von der Kö – jedenfalls, als sei Marga nicht die Haushälterin und er, Paul, ihr Chef.

Sofort entspannte sich Marga. »Ja, das war es«, gab sie zu, erleichtert, dass Paul begriff, dass auch sie Sybilles Tod kaum fassen konnte. Einen Augenblick standen sie da, in ihrem Schmerz vereint. Marga bemerkte, dass es in Pauls Augen schimmerte. Er verdrängte die Tränen, das war nicht zu übersehen.

Marga spürte, wie auch ihre Augen feucht wurden, gleichzeitig hörte sie Evas Stimme in ihrem Kopf: Glaubst du, es hilft Herrn Alprecht, wenn du ebenfalls flennst? Geht es ihm dadurch besser? Manchmal war es gut, dass Eva war, wie sie war – unerschrocken und nie um ein Urteil verlegen. Stünde sie jetzt neben ihr, hätte sie beherzt eingeworfen, Marga könne unmöglich mit ihrem Chef in der Küche stehen und weinen. Und sie hatte recht. Marga musste ein Gegengewicht zu den schrecklichen Ereignissen bilden. Im besten Fall wäre sie wie ein Sonnenstrahl, sinnbildlich gesprochen, und schenkte Paul ein Lächeln. Egal wie verunglückt dieses Lächeln wäre, es würde ihm bestimmt helfen.

Also sammelte Marga sich und zwang ihre Mundwinkel in die Breite. Sie wollte Paul außerdem gerade tröstend die Hand auf den Arm legen, als sein Handy klingelte und ihre Bewegung stoppte.

Paul blickte an sich hinab. »Himmel, ich habe keine Socken an … und den Gürtel vergessen.« Kopfschüttelnd zerrte er das Handy aus der Hosentasche und zog dabei das Futter der Hosentasche heraus, das wie ein lebloses Wesen außen hängen blieb.

»Alprecht«, meldete er sich.

Marga beobachtete, wie sich eine Falte zwischen seinen Brauen bildete, dann nickte Paul ihr zu und verschwand barfuß Richtung Wohnzimmer. Sie sah ihm nach und registrierte seine herabhängenden Schultern. Er sah so verloren aus, so allein. Verschwunden die aufgerichtete Gestalt, die das Bild eines Mannes zeichnete, der das Leben anpackte.

Paul sprach in flüsterndem Ton, dabei hielt er sich das Handy krampfhaft ans Ohr. Plötzlich klingelte es an der Tür, und Marga beeilte sich zu öffnen. Hendrik, der Postbote, stand vor der Tür.

»Hallo, Marga. Beschissener Tag heute …« Hendrik spähte ins Haus. »Für deinen Boss, meine ich. Ich hab schon gehört, was passiert ist. Schrecklich.«

»Es ist kein guter Tag für ihn, das stimmt wohl«, bekräftigte Marga.

Hendrik wühlte in seiner Tasche. »Ich hab einen ganzen Packen Briefe. Für Beileidsschreiben ist es natürlich noch zu früh. Aber das kommt schon noch. Wenn ein Unglück passiert, greifen die Leute ausnahmsweise mal wieder zu Papier und Stift. Ansonsten schreibt leider niemand mehr. Keine Zeit, du weißt schon.«

Marga hörte nur halb zu. Sie war mit ihren Gedanken noch bei Paul, der diesen schlimmen Tag irgendwie hinter sich bringen musste. Diesen und den nächsten. Und alle kommenden. Eine ganze Reihe von Tagen, Wochen und Monaten.

Marga kannte das Warten darauf, dass das Leben hoffentlich besser wurde. So war es ihr nach dem Tod ihrer Mutter ergangen und nach Nanes Tod sowieso. Auch als Eberhart ausgezogen war, hatte sie gewartet, worauf auch immer. Und nun wartete sie, dass Conny wieder mit ihr sprach. Mein halbes Leben besteht aus Warten, erkannte sie unvermittelt.

Sie nahm die Briefe entgegen, und als sie das Papier unter ihren Fingern spürte, wurde ihr bewusst, dass diese Warterei sie seit Ewigkeiten vom Leben abhielt. Wenn man wartete, stand man auf der Stelle. Mitunter lief man auch vor etwas davon oder man rannte im Kreis. Doch wohin war sie eigentlich unterwegs? Und hieß es nicht, weglaufen bedeute, nirgendwo anzukommen?

»Tja, dann noch einen halbwegs akzeptablen Tag«, verabschiedete sich Hendrik.

»Danke, Hendrik. Bis morgen.« Marga schloss die Tür. Mit den Briefen in der Hand durchquerte sie die Halle. Wenn man das Gefühl hatte, dort hinzugehören, wo man sich gerade befand, war man ein Glückspilz, überlegte sie. Doch das war leicht gesagt. Meist kam einem das Leben dazwischen und ließ einen glauben, man wäre nicht am richtigen Ort, mit den falschen Menschen zusammen oder täte etwas, das man gar nicht tun wollte. Marga kannte das gut. Just in diesem Moment marschierte sie durch die nicht enden wollende Halle und wäre viel lieber an Pauls Seite gewesen, nicht als Frau Reiter, seine Haushälterin, sondern als Marga, eine gute Freundin, die für ihn da sein konnte.

In der Realität jedoch wollte Paul höchstens eine Tasse Kaffee, oder er bäte sie später darum, sich wie sonst auch einfach um den Haushalt zu kümmern. Andererseits hatte er sie vorhin so seltsam angesehen … als erwarte er etwas anderes von ihr. Etwas, das nichts mit dem Haushalt zu tun hatte. Etwas zutiefst Menschliches. Oder bildete sie sich das nur ein? Weil sie selbst nicht allein sein wollte mit dem Schock über Sybilles Ableben?

Marga kam in die Küche und legte die Briefe ab. Paul hatte aufgehört zu telefonieren. Abgesehen vom leisen Geräusch des Kühlschranks war es wieder still im Haus.

Paul betrat die Küche und starrte auf den Stapel Papier.

»Auch das noch«, murmelte er und ließ die Briefe über die Fingerkuppen schnippen, wie Marga es früher beim Daumenkino getan hatte.

»Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen«, schlug sie vor. »Mit der Post.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Kuverts.

Paul hob den Kopf. Er blickte ins Leere, doch dann sah er in Margas Gesicht. »Wäre noch schöner, dass ich Sie auch noch als Sekretärin okkupiere.«

Ach, tun Sie es doch, antwortete Marga im Stillen, doch laut sagte sie nur: »Das ist kein Problem. Ich habe abends nichts vor und kann länger bleiben.«

4. Kapitel

Am Tag der Beerdigung erinnerte das Wetter Marga an eine Waschküche. Die Luft war schwül und drückend, und als wollte das Wetter die Schwere des Tages widerspiegeln, war ein Gewitter im Anmarsch. Es blitzte und donnerte, doch es regnete noch nicht.

Paul hatte darauf bestanden, den Leichenschmaus zu Hause auszurichten. Das Zusammensein war in vollem Gange – Marga schnitt gerade eine weitere Torte an und hielt das Messer unter den kalten Wasserstrahl –, als er in die Küche kam und den Stapel an Beileidsbriefen auf der Kücheninsel entdeckte.

»Hört das denn nie auf?« Er legte die Hand auf die Umschläge. Jeden Tag brachte Hendrik Kondolenzschreiben von Kunden und Geschäftsleuten, mit denen Paul zusammenarbeitete. Er leitete eine Hotelkette. Sein neuestes Projekt war eine Filiale in einem Palazzo in Porto, gleichzeitig beschäftigte ihn die Generalüberholung eines Hotels in Lissabon. Um nebenher die Vorbereitungen für die Hochzeit erledigen zu können, hatte Paul in letzter Zeit vermehrt von zu Hause aus gearbeitet, überall lagen Pläne und Zeichnungen herum, und Marga hatte so einiges aufgeschnappt.

Während sie Tortenstück um Tortenstück auf die goldumrandeten Teller gab, dachte sie an Pauls Rede an Sybilles Grab. Mit rührenden Worten hatte er sie als Engel auf Erden beschrieben, der zur rechten Zeit in sein Leben getreten sei, um ihn zu vervollständigen.

»Sie brachte die Liebe zurück in mein Leben.« Pauls Stimme hatte belegt geklungen. »Sie war die perfekte Verlobte.«

Während Sybilles Eltern in der ersten Reihe laut aufschluchzten, hatte Marga nur traurig den Kopf gesenkt. Vor ihr war diese engelsgleiche Seite der Verstorbenen leider verborgen geblieben. Sie hatte Sybille als jemanden erlebt, der Menschen in Schubladen steckte und abkanzelte, wenn sie nicht von Nutzen waren. Aus Sybilles Sicht war Marga nur die Haushälterin gewesen; den Menschen dahinter hatte Pauls Verlobte nicht gesehen.

Seit Sybilles Tod dachte Marga jedoch immer wieder darüber nach, ob sie Sybille nur nicht richtig kennengelernt hatte. Hätte sich ihr Verhältnis vielleicht mit der Zeit gebessert? Unter Umständen hätte Sybille irgendwann erkannt, dass Marga einfach ihre Arbeit tat und dass es nicht wichtig war, ob jemand wenig oder viel Geld besaß, gut oder nicht so gut aussah, über einen hohen Bildungsgrad verfügte oder eben nicht. Menschen gaben ihr Bestes und versuchten über die Runden zu kommen. Und es brauchte doch auch Leute wie Marga, die sich um die Dinge kümmerte, mit denen sich Menschen wie Sybille nicht beschäftigen wollten. Mit ein bisschen Glück hätte Pauls Verlobte eventuell eingesehen, dass es vernünftig gewesen wäre, mit Marga auszukommen.

Paul nahm das oberste Kuvert vom Stapel, steckte den Finger unter die Lasche, hielt dann jedoch inne. Es schien, als durchforste er sein Gehirn nach etwas, das ihm abhandengekommen war – einem Gedanken oder einem Gefühl.

»Gestern hat ein Bekannter jemandem, den ich nur flüchtig kenne, zugeflüstert, Sybille sei viel zu jung für mich gewesen. Mir selbst hat er es natürlich nie gesagt.«

Marga ließ ertappt das Messer sinken. Es war nicht leicht, den ersten Eindruck, den man sich von jemandem gemacht hatte, durch einen zweiten zu ersetzen. Auch sie hatte, was Sybille anging, damals sehr schnell geurteilt. Dass Sybille im Laufe der Zeit diesen ersten Eindruck durch ihre Handlungen bestätigt hatte, war eine andere Sache.

»Sie wissen doch, wie die Leute sind. Jeder glaubt, alles besser zu wissen. Solche Kommentare sind übergriffig. Es ist Ihr Leben, Herr Alprecht. Einzig und allein.«

Paul verzog nachdenklich die Stirn. »Eventuell stimmt es sogar. Sechzehn Jahre Altersunterschied sind keine Kleinigkeit. Sybille hat immer gelacht, wenn ich das zur Sprache brachte.« Er hielt das Kuvert mit den Fingern umschlossen, als müsse er sich daran festkrallen.

»Wer von uns weiß schon im Voraus, ob eine Beziehung hält oder nicht?«, gab Marga zu bedenken.

»Wissen Sie, wie Anthony Hopkins’ Philosophie lautet? Sie wissen schon, der Schauspieler«, schob Paul hinterher.

»Nein.«

»Er vertritt die Ansicht, dass es ihn nichts angeht, was die Leute über ihn sagen. ›Ich bin, was ich bin, und mache, was ich tue. Ich erwarte nichts und akzeptiere alles.‹«

Marga fühlte augenblicklich Bewunderung für den Hollywoodstar in sich aufsteigen. »Anscheinend kann Mr. Hopkins viel mehr als nur schauspielern.«

»Er macht sich nichts vor. Wir leben in einer Welt, in der das Aussehen, überhaupt alles Äußere, wichtiger ist, als die Substanz.«

Das Messer in Margas Hand zitterte vor Aufregung. »Das ist schade. Auf Äußerlichkeiten kommt es nicht an, finde ich. Nicht wirklich. Aber wer lebt schon danach …«

Pauls Gesicht überzog ein trauriges Lächeln. »Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft mehr auf das Innere eines Menschen zu achten statt auf seine Hülle. Das bringt der Tod einem schmerzhaft bei. Die Hülle … der Körper verschwindet von heute auf morgen, doch was ein Mensch einem durch sein Wesen und seinen Charakter gegeben hat, bleibt in der Erinnerung lebendig.« Mit einem Seufzen öffnete er endlich den Umschlag und warf die Karte, nachdem er den Inhalt überflogen hatte, in den Müll. »Im Grunde schreibt jeder dasselbe. Tut mir so leid … viel zu früh verstorben … Mit der Zeit überwindest du den Schmerz … Bla, bla, bla.«

Aus dem Wohnzimmer drangen Gesprächsfetzen, und Paul wandte überrascht den Kopf. Offenbar hatte er für einen kurzen Moment ausgeblendet, dass drüben ein ganzer Schwung Leute auf ihn wartete, Familie und Freunde von Sybille und ihm.

»Die Gäste«, murmelte er. »Neuerdings vergesse ich manchmal alles um mich herum.«

»Sie haben eine Menge um die Ohren, Herr Alprecht«, sagte Marga sanft. »Einen Moment kommen die Gäste schon ohne Sie aus. Nehmen Sie sich ruhig noch einen Augenblick für sich.« Sie griff nach der Kaffeekanne. »Ich kümmere mich um alles.« Damit verschwand sie im Wohnzimmer.

Es war kurz nach neun am Abend, als die Letzten das Haus verließen. Marga zog an den Bändern der Schürze, die sie zum Servieren getragen hatte, und als sich die Schleife löste, vernahm sie ein Geräusch. War das ein Schluchzen? Hatte Paul sich in irgendeine Ecke verkrochen und ließ endlich seinen Gefühlen freien Lauf? Oder bildete sie sich das nur ein?

Marga hängte die Schürze in den Schrank und blickte auf eine Notiz neben dem Stapel Briefe. Darauf stand Pauls Mailadresse. [email protected]. Das E vor hotels stand für Europa, das wusste Marga.

Pauls Vater hatte das erste Gästehaus in Deutschland und kurz darauf zwei weitere in Österreich und in der Schweiz eröffnet. Als Jahrzehnte später Paul ans Ruder gekommen war, hatte er nach ganz Europa expandiert. Das Hotel in Lissabon, das zurzeit generalsaniert wurde, war sein erstes eigenes gewesen. Paul sprach oft darüber und fieberte der Neueröffnung entgegen wie ein Kind seiner ersten Übernachtungsparty, was Marga seltsam anrührte.

Manchmal setzte sie sich vorm Schlafengehen an den PC und googelte sich durch Pauls Hotels. Am liebsten mochte sie das Para Lisboa, das einen atemberaubenden Blick über die Dächer der Stadt gewährte, auf Pinien und den Himmel. Beim Durchklicken träumte sie regelmäßig von einem Urlaub dort und sah sich bereits ihren Koffer packen. »Auf nach Portugal, ins Para Lisboa«, sagte sie manchmal, als wäre es wahr. Doch es war eben nur ein Traum, und nie rief sie die Seite eines Reisebüros auf.

Marga wusch sich die Hände und trocknete sie an einem Stück Küchenrolle ab. Das Schluchzen, oder was auch immer sie wahrgenommen hatte, war verstummt.

»Herr Alprecht, ich gehe jetzt. Wir sehen uns morgen«, rief sie extra laut, damit Paul sie hörte.

»Danke für alles, Frau Reiter«, schallte es zurück. Keine Spur von Tränen in Pauls Stimme.

Als sie die Tür hinter sich schloss und sich draußen aufs Rad schwang, war ihr schwer ums Herz. Zugegeben, Paul Alprecht war lediglich ihr Chef, dennoch fühlte es sich falsch an, ihn in seinem Schmerz allein zurückzulassen. Wen hatte er schon außer Menschen, zu denen er, soweit sie es beurteilen konnte, nur oberflächlich Kontakt hielt? Pauls sechzehnjährige Stieftochter Inga, die seine Ex-Frau Birgit mit in die Ehe gebracht hatte, war heute jedenfalls nicht erschienen. Ebenso wenig wie Birgit selbst. Pauls Eltern waren beide gestorben, und Geschwister hatte er nicht.

Marga radelte durch die Dämmerung nach Hause, schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf und schlüpfte als Erstes in ihren Hausanzug. Sie war gerade in der Küche zugange, um sich einen Tee aufzubrühen, als sich ihr Telefon meldete.

»Wie war die Beerdigung?«, wollte Kirsten nach einer knappen Begrüßung wissen.

Marga ignorierte den Stich im Magen, weil es wieder nicht Conny war. »Wie soll es gewesen sein? Traurig natürlich«, antwortete sie. Kirsten meinte es zweifellos gut und wollte sie ablenken, doch Marga war nicht nach Reden zumute.

»Und Pauls Rede am Grab? Hat er sie ohne Tränen gemeistert?«

»Hmm. Zumindest größtenteils. Er hat sehr emotional gesprochen. Allerdings kannte ich die Frau, die er beschrieben hat, nicht … ’tschuldige, das war pietätlos.«

»Ach was, ich weiß doch, wie du es meinst. Jedenfalls bin ich froh, dass du Paul nicht gekündigt hast und alles weitergeht wie gehabt.«

»Mir kommt nichts vor wie gehabt. Bei Paul, meine ich. Die Post, die er jeden Tag bekommt, lässt sich stapeln. Außerdem tauchen andauernd Leute auf, die ich noch nie gesehen habe, um ihm ihr Beileid auszusprechen. Manchmal habe ich den Eindruck, die kommen bloß, weil sie sich verpflichtet fühlen.«

»Jetzt klingst du schon wie Eva«, meinte Kirsten. »Ziemlich abgeklärt.«

»Entschuldige, momentan ist alles ein bisschen viel.« Marga ahnte, weshalb Kirsten eigentlich anrief. Jedenfalls bestimmt nicht wegen Pauls Grabrede. Und tatsächlich rückte Kirsten im nächsten Moment endlich mit der Frage raus, die ihr unter den Nägeln brannte.

»Hat Conny sich gemeldet? Sicherlich hat sie von der Sache mit Paul erfahren. Man liest es ja praktisch in jeder Zeitung und auch im Netz«, tastete sie sich vor.

Marga antwortete so ruhig wie möglich. Wenn es um ihre Tochter ging, tat sie sich schwer mit Gelassenheit und musste sich räuspern, um die Worte herauszubringen. »Sie hat sich noch nicht gemeldet. Leider.«

»Vielleicht weiß sie es noch gar nicht?«, spekulierte Kirsten. »Wenn man Schmetterlinge im Bauch hat, ist man damit beschäftigt. Sie ruft schon noch an. Da bin ich mir sicher.«

»Das mit den Schmetterlingen will ich mir lieber nicht vorstellen.« Ohne dass sie es wollte, zogen ausgesprochen lebendige Bilder an Marga vorbei, auf denen Conny sich von ihrem Professor küssen ließ und ein gemeinsames Leben plante. Komme, was wolle. Wie erleichternd wäre es, diese Bilder loszuwerden.

»Nimm es, wie es ist, Marga. Conny ist nun mal anders als du. Impulsiver und spontaner. So war sie schon als kleines Mädchen. Weißt du noch, wie sie sich an den Straßenrand gestellt hat, um einen Teil ihres Spielzeugs zu verkaufen, weil sie Unternehmerin sein wollte?«

Ein Lächeln stahl sich auf Margas Gesicht. Die Erinnerung war einfach zu schön. »Wie könnte ich das je vergessen? Damals sagte sie, sie sei schon erwachsen, dabei war sie erst acht …«