Das Lied der Zikaden - Sabrina Capitani - E-Book
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Das Lied der Zikaden E-Book

Sabrina Capitani

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Beschreibung

Ein historischer Roman um eine junge Frau zwischen Pflicht und Liebe im Frankreich zur Zeit der Reformationskriege   1521, die blutjunge Magali wird an den fünfzigjährigen menschenscheuen Baron de La Motte in ein kleines provençalisches Dorf verheiratet. Der Baron ist enttäuscht über das kindliche Alter seiner neuen Frau, und so scheint ihr zunächst ein bitteres Schicksal bestimmt. Doch mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem mitfühlenden Charakter nimmt sie bald ihre Untertanen, meist waldensische Siedler aus dem Piemont, für sich ein. Als Papst und König gegen diese Ketzer in den Krieg ziehen, versucht Magali sie zu beschützen ...

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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© dieser Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München 2020

© Sabine Korsukéwitz 2000

© der deutschsprachigen Ausgabe: S. Fischer Verlage 2000

Covergestaltung: Favoritbüro München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Alamy genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

 

Ich berühre kaum die welligen Stufen, grauer Stein, die Oberfläche weich und rund geschliffen, wie ausgetretenes Holz. Wie viele Füße müssen diesen Weg gegangen sein nach mir, um Stein zu formen, als wäre es nichts als Pinienplanken? Wie viele Jahre, wie viele Jahrhunderte haben diese Quadern morsch und rissig werden lassen, diese Quadern aus Stein, den wir für ewig hielten?

Unter meinen sanften Füßen zerfallen die granitenen Stiegen zu Schutt und Staub.

Ich steige weiter hinauf, die Treppe zum Turm, der sich dem Himmel geöffnet hat. Trotzige Zacken waren das einmal, jetzt zerbrochen, geschleift, verstummt; bedeutungslos gegenüber den Waffen, derer sich die Menschheit heute bedient.

Immer noch dasselbe Spiel, nur andere Namen. Werdet ihr denn niemals müde?

Und dort zwischen den Zinnen, unter dem Moos, hinter einem losen Stein, dort liegt mein Schatz, mein Gewissen, mein Herz. Meine Vertraute, die ich vor ihm versteckt habe. Eine hölzerne Puppe. Reste von Stoff hängen noch an ihren Gliedern. Ihr Gesicht ist nicht mehr zu ahnen.

Wie meins. Aber wir erinnern uns …

1.

Schwere Räder mahlten über die Auffahrt, metallene Beschläge schleiften auf Kopfstein, hölzerne Speichen knarzten, Hufschlag hallte von den Mauern, ein plötzlicher und geradezu gewaltsamer Ansturm seltener Geräusche in dieser Abgeschiedenheit. Kaum hatte man Zeit, das beschlagene Eichentor ganz aufzuziehen, als auch schon die Kutsche mit dem Wappen der Fürsten von Orange durch den Torbogen einfuhr. Schneidig brachte der Kutscher sie zum Stehen inmitten von flatternden, keifenden Graugänsen und gaffendem Gesinde.

Es war ein fensterloser, schwerer Kasten von einer Karosse, vierrädrig aber immerhin und bereits mit der neumodischen Riemenaufhängung ausgestattet, die Reisenden erlaubte, längere Strecken ohne größere Beschädigungen zu überstehen. Von drinnen klopfte es vernehmlich. Der oder die Insassen vermochten wohl aus eigener Kraft die Türe nicht zu öffnen, und beiderseits, sowohl inner- als auch außerhalb des Kastens herrschte gespannte Erwartung.

»Was gafft ihr! An eure Arbeit!« Die Châtelaine, eine stattliche Mittdreißigerin, segelte mit wenig Wirkung diese kläglich kurze Nachempfindung einer Freitreppe hinunter, hinter ihr ein livrierter Diener und eine Zofe. Madame Puget blieb am Absatz der Treppe stehen, ruckte an ihrer tadellos steifen Haube, strich die rehbraunen Röcke glatt und legte die Hand zur inneren Stärkung auf den großen Schlüsselbund, der an ihrem Gürtel hing, Zeichen ihrer Würde und Verfügungsgewalt über Haus und Keller, seitdem die Dame de La Motte verstorben war.

»Rasch, Bertrand, Ninette: Helft Demoiselle aus dem Wagen! Das Gepäck! Vite!« Herrisch schnippte sie mit den Fingern, während der Diener Bertrand die Stufen der Kutsche herunterklappte und den Schlag aufriss.

Entgegen Madame Pugets Anweisung waren sämtliche Arbeiten im Hof zum Erliegen gekommen. Die Mützen waren von den Köpfen genommen, die Köpfe gebeugt, aber nur so viel, dass man unter den Brauen hervor alles erkennen konnte, was da vor sich ging. Ninette ging in Knicksstellung. Alle Blicke hingen gebannt an der lackierten Kutschentür.

»Wo ist denn nun mein Mann?«, ertönte eine helle, klare Kinderstimme. Ninette, die als Erste die neue Herrin zu Gesicht bekam, kicherte los, und leises Gelächter setzte sich über den gesamten Innenhof des Schlosses fort, eine aufgeregte kleine Welle, die über seichten Kiesgrund streicht. Die beiden Frauen hoben die Hand vor den Mund. Die Männer machten sich schnell wieder zu schaffen, Holz stapeln, ein Weinfass in den Keller rollen, Pferde striegeln …

Auf der obersten von den drei Stufen der Kutsche, aber dennoch nicht hoch über dem Boden stand die zukünftige Herrin von Cabrièttes, die Princesse de Chalon-Rosselini aus dem Hause der Fürsten von Orange: Ein Kind mit zerzausten braunen Locken und vor Aufregung funkelnden Augen, eine hölzerne Puppe an sich gepresst.

»Tiens, Loulou, lachen die etwa über mich?«

»Ja sicher«, antwortete die Puppe. Es konnte sie natürlich niemand außer Magali hören. Es war ja ihre Puppe.

»Aber wie können sie es wagen? Ich bin die Princesse de …«

»Sei nicht so aufgeblasen. Du bist ein Kind, und sie haben eine Dame erwartet.«

»Oh, Loulou, aber ich bin eine Dame!«

»Ja, morgen vielleicht, aber jetzt schau nur den kleinen Esel dort!«

Mit einem Aufschrei des Entzückens sprang die Fürstin mit einem Satz von der obersten Stufe mitten hinein in den Schlamm und Pferdemist, dass es nur so spritzte, vorbei an den helfend ausgestreckten Händen von Bertrand und Ninette, und hopste in ihren dünnen Schuhen über den schlammigen Hof zur Eselstute und ihrem Fohlen hin. Freundlich sah sie zu dem Mann auf, der die Eselin am Zaum hielt. Da er aus Schüchternheit den Blick gesenkt hielt und nicht gleich reagierte, zupfte sie ihn am Ärmel seines Kittels. »Beißt es? Hat es Angst? Kann man es streicheln?«

Der Knecht sah sich Hilfe suchend um, er wusste nicht recht, wie man sich hier zu verhalten hatte. »Madame?«

»Bah! Nenn mich nicht Madame, noch bin ich nicht verheiratet. – Duldet die Stute, dass man ihr Kleines berührt? Mag es Zuckerzeug?«

Das Eselchen zog sich vorsichtig unter den Bauch seiner Mutter zurück, doch die Eselin suchte mit weichen Lippen die entgegengestreckten Hände nach Leckereien ab. Sie blies ihren warmen, grasigen Atem in Magalis weite Ärmel und knabberte an den Zaddeln. Das Mädchen kicherte hell auf.

»Ach, dummes Tier, das kann man nicht essen!«

Oben im ersten Stock wurde ein Fenster mit einem heftigen Ruck zugeschlagen. Der Baron wandte sich vom Hof ab und wieder seinem Verwalter zu.

»Nicht zu fassen! Man hat mich betrogen! Dieses Mädchen da ist nie und nimmer zwölf Jahre alt!«

»Wie willst du das von hier oben sehen? Warte doch ab. Auf dem Porträt sah sie außerordentlich reizvoll aus.«

»Ha! Das Bild! Diese Maler sind doch die reinsten Gaukler. Ich habe nicht übel Lust, sie auf der Stelle wieder zurückzuschicken!«

Claude, der über die Schulter seines Herrn das Mädchen beobachtete, fühlte sich an eine junge Katze erinnert, die – nach erzwungener Ruhestellung – erst einmal ihrem Bewegungsdrang mit den tollsten Kapriolen Luft zu verschaffen suchte. Nein, eine Frau war das sicher nicht. Doch umso mehr fühlte er sich zu ihr hingezogen. Noch besaß sie jene unbewusste Leichtigkeit der Bewegung, um die sich die besten Tänzer des Königreichs erfolglos mühten, perlende Bewegungen wie Sonnenlicht, das durch grüne Blätter tanzt. Sie rührte ihn, obwohl er wusste, dass sie nicht für ihn bestimmt war.

Leise lachte er in sich hinein, als sie, die Umgebung vollständig vergessend, unter den Bauch der Eselin tauchte, um nach dem Füllen zu haschen. Und er spürte jetzt schon, nach wenigen Augenblicken, dass er sie ungern missen würde. So wandte er sich ab und sagte so beiläufig wie möglich:

»Zurückschicken kannst du sie nicht mehr. Der Ehevertrag ist unterschrieben. Willst du dir die Chalon zu Feinden machen?«

Der Baron zog ein saures Gesicht und spitzte verächtlich die Lippen, sodass Claude fürchtete, er würde ausspucken, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich im Freien aufhielt.

»Na komm schon! So schlimm ist es nicht. Du musst nur ein wenig Geduld aufbringen, und bald wird man dich um deine schöne junge Frau beneiden …«

»Pah! Frau? Nun, man wird sehen. Zurück zum Geschäft.« Die beiden Männer setzten sich wieder an den Schreibtisch, von dem sie beim Einfahren der Kutsche aufgestanden waren. »Wie viele Siedler sind in dieser Gruppe?«

»Noch einmal 56 Familienoberhäupter, 42 verheiratete Frauen, 21 ledige, 39 junge Männer und 68 Kinder, 216 insgesamt.«

»Hm, so – und es sind religiöse Flüchtlinge, nicht wahr?«

»Kann schon sein, dass es Waldenser sind. Ich habe nicht danach gefragt.«

»Nun ja, du hättest wohl kaum eine offene Antwort bekommen. Hat es nicht kürzlich wieder Ketzer-Vertreibungen gegeben im Tal von Freissinières? Warum sonst sollte einer Haus und Feld verlassen – eh? Ich frage mich nur: Kann man ihnen trauen?«

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Wenn es um Fleiß geht, dann gibt’s keine besseren. Sogar der Bischof von Marseille duldet sie in seinen Ländereien – Glauben contra Profit, da ist die Geistlichkeit auch nicht zimperlicher als andere.«

»Ah, mon vieux. Es ist ja wahr, aber irgendwann führst du solche Reden unter den falschen Ohren!«

Jean-Marie de La Motte und sein Verwalter gingen recht vertraut miteinander um, sie waren schließlich Vettern.

» Allez – Jean-Marie! Aufrichtige Freunde der Paperei wirst du wenige finden!«

»Na, sei vorsichtig, einige von den Alten im Dorf sind strenggläubig und verstehen keinen Spaß, aber schon gut. Was soll ich schließlich machen? Das Land muss bestellt werden. Also: Der Notar Guillaume aus Cabrièttes soll den Vertrag aufsetzen. Ich biete den Siedlern – hm – fünf Jahre Abgabenfreiheit und Freistellung von Frontagen für mich.«

»Üblich sind zehn.«

»Ja, das können sich die Boulier leisten, ich nicht. Wem’s nicht passt, der kann ja weiterziehen. Im Übrigen: Für die Kirche kann ich nicht sprechen, natürlich. Das sollen sie mit dem Pfaffen aushandeln. Und sie müssen meinen Brotofen benutzen und unsere Ölmühle. Dafür zahlen sie – wie viel?«

»Ein Fünftel vom Öl, ein Brot auf vierzig.«

»Gut. Einschlaggenehmigung für Holz zur eigenen Verwendung aus unseren Wäldern, – noch was, Claude?«

»Steine zum Aufbau des Dorfes Cabrièttes …«

»Sollen sie sich von den römischen Ruinen holen. Ich werde das Pack doch nicht in meinen guten Steinbruch lassen!«

»Und dann ist da einer dabei, der will die Ziegelei wieder in Betrieb nehmen. Man muss festlegen, wann und wie viel Wasser aus der Croc er nutzen darf.«

»Besprich es mit dem Sourcier, unserem Quellenmeister.«

Die kleine Fürstin war inzwischen von Madame Puget und Ninette in ihre Räume geleitet worden: Ein großes, leer wirkendes Empfangszimmer mit einem venezianischen Sekretär – dem einzigen Luxusgegenstand –, zwei abgeschabten, schäbigen Sesseln und einem Fußschemel, um einen ochsenblutfarbenen Kamin herum gruppiert, in dem einige dicke Scheite glühten und knackten, sodann ein Ankleideraum, ein Schlafraum, kleiner und intimer mit einem breiten Himmelbett, welches den Raum fast völlig ausfüllte. Angrenzend fand sich ein salle d’eau mit Waschtisch, Krug und Schüssel und einer kleinen hölzernen Sitzwanne. Seitlich abgeteilt an der meterdicken Außenwand war die »retrète«, das Örtchen.

Magali hüpfte durch die Räume, inspizierte alles, ließ sich in einen der Sessel fallen, strich über die mit Krapp gefärbte Steppdecke auf dem Bett und sog den Lavendelduft der Laken ein.

»Euer Hoheit verzeihen, aber wir hatten nicht genug Zeit, die Räume so herzurichten, wie Sie es sicher gewöhnt sein werden. Es kam alles so plötzlich …«, sagte die Hausdame etwas verlegen. Ninette zog die Nase kraus. »Orange! Da geht es sicher feiner zu als hier in diesem Provinznest!«, überlegte sie. Ihr kritischer Blick glitt über die gekalkten Wände, zartrosa eingefärbt von den Ockerbeimischungen, aber keine Tapete, nicht einmal Gemälde, um die Kargheit zu bedecken. Eine gemalte Bordüre aus Blättern und stilisierten Blüten auf halber Höhe bildete den einzigen Wandschmuck. Möbel aus gutem Kirschholz, gewiss, aber alles Reiben und Polieren mit Bienenwachs hatte die Gebrauchsspuren von zwei, drei Generationen wilder adliger Gören nicht verdecken können.

»Der Baron haben Anweisung gegeben, aus Apt oder Carpentras besorgen zu lassen, was immer Ihr haben möchtet. Tuch für die Sessel, Kissen, neue Vorhänge … Ihr möchtet es nur äußern. Es war nur – die Zeit – versteht Ihr, Demoiselle – wir sind hier doch recht abgelegen …«

»Ja, und der alte Geizkragen wollte jetzt während der Aussaat niemanden mit einer solchen Aufgabe betrauen«, dachte Ninette verächtlich.

»Ach, sorgt Euch nicht, es gefällt mir recht gut. Was für eine hübsche Decke! Habt Ihr die gemacht, ja? Oh, vielen Dank«, rief Magali und sprang schon wieder auf und zum Schlafzimmerfenster. Das Fenster ging nach Westen. Es war hoch und schmal, und die Kleine musste auf einen Stuhl steigen, um hinaussehen zu können.

»Hm, nun ja, ein bisschen Farbe …«

Madame Puget machte ihrer Verlegenheit und einer gewissen Erleichterung über die Anspruchslosigkeit der zukünftigen Herrin des Hauses Luft, indem sie den Diener Bertrand und seine Helfer herumkommandierte, die das Gepäck heraufschleppten. »Die Truhe mit der Aussteuer hierhin – nein dorthin! Und nicht so grob mit den feinen Ledertaschen, was fällt euch ein, ihr Tölpel! Nein, nein, das Auspacken besorgt Ninette, Finger weg! Das könnte euch so passen, ihr Lümmel, die Hände an Damenwäsche zu legen! Fort mit euch! Halt, hiergeblieben! Ist das alles?«

Ninette zwinkerte der kleinen Fürstin zu und schaute mit ihr zusammen aus dem Fenster. Jetzt, wo das Mädchen auf einem Stuhl stand, waren die Augen auf gleicher Höhe. Schüchtern lächelte Magali zurück.

»Was ist das dort?« An den gegenüberliegenden Hügel schmiegten sich weiße Häuser mit rötlich gelben Ziegeldächern, verfallene Torbögen. Enge, steile Gassen wanden sich zur Hügelkuppe empor. Nur aus wenigen Schornsteinen stieg Rauch auf.

»Das ist das Dorf Cabrièttes. Es sieht nach nicht viel aus im Augenblick. Die meisten Häuser stehen leer. Zweimal hatten wir die Pest, und die Söldner haben immer wieder die Bauern ausgeplündert, wie’s ihnen gefiel. Da waren die Herren weit, und man konnte sehen, wie man mit ihren Hinterlassenschaften zurechtkam. Aber das ist jetzt vorbei. Für die Soldaten hat man einen neuen Krieg gefunden, und für uns geht es wieder aufwärts.«

Magali hatte mit großen Augen zugehört: »Wie denn?«

»Seit ein paar Jahren kommen Siedler aus den Alpen und aus dem Piemont. Endlich neues Leben in Dörfern und Städten! Die Felder werden wieder bestellt, und die Taschen füllen sich von Neuem. Nicht so sehr unsere, versteht sich …«

»Ninette!«, kam die mahnende Stimme der Puget.

»Schon gut! Da – schaut, Demoiselle, wenn Ihr Euch etwas nach rechts hinauslehnt, dann seht Ihr den Luberon.«

Blauschwarz, die Konturen von aufsteigenden Nebeln weich gegen die Abenddämmerung gezeichnet, lag das Gebirge des Luberon in den grünen Hügeln der Provence, wie ein im Gras ausgestreckter Wolf, lang und zum Sprung gespannt.

Nach der anderen Seite, in Richtung Meer, blickten sie weit über Wiesen und Felder auf ein spiegelndes gewundenes Band, die Durance, jetzt im Frühjahr angeschwollen vom Schmelzwasser aus den fernen Alpen und von den Zuflüssen aus den Felsentälern des Luberon.

»Ich glaube, es wird mir wohl gefallen!« Magali strahlte die Zofe an.

»Das freut mich zu hören, Demoiselle!« Ninette knickste, aber bei sich dachte sie: »Es sollte mich wundern. Nach Orange, wie könnte sie anders, als sich zu langweilen bei uns. Und sie hat den groben Klotz von Ehemann noch nicht gesehen, an den man sie verschachert hat, armes Ding! Er hat es ja noch nicht einmal für nötig gehalten, sie selbst zu begrüßen. Dem sind seine Abrechnungen wichtiger als seine junge Frau. Na, das ist vielleicht auch ein Glück für die Kleine.«

Später, beim Auspacken, bewunderte Ninette die Kleider der kleinen Fürstin, nicht gerade viele, auch nicht nach der neuesten Mode, aber gutes, solides Zeug. Und – olàlà! – die Kammerzofe hob den sensationellen Gegenstand hoch in die Luft und schnalzte vor Staunen mit der Zunge: Unterhosen! Ein schräger Blick, sie fühlte sich von ihrer Herrin ertappt und wurde tiefrot. Man konnte sich aber ganz sicher darauf verlassen, dass sie diese Neuigkeit im Dorf herumtratschen würde. Unterhosen! So was trugen doch höchstens Bäuerinnen bei der Arbeit, dann aber grobes Zeug aus Werg und nicht so zart wie ein Schnupftuch. Und die Stoffe! Feinstes Barchent, auch Samt und Lyoner Seidendamast, das meiste in Weinrot und warmen Brauntönen, Krägen, Manschetten und die Ränder der Hemden aus italienischer Reticella-Spitze, auch ein elegantes Jagdkostüm …

»Ihr reitet, Demoiselle?«

»O ja, sehr gern. Zu Hause bin ich jeden Morgen ausgeritten. Ich hatte sogar ein eigenes Pferd, ein kleines. Mein Vater hat es aus England kommen lassen, als er noch lebte.« Für einen Augenblick verlor die kindliche Fürstin ein wenig an Haltung, und ihre Augen glänzten verdächtig. »Ich durfte es nicht mitnehmen. SIE hat es nicht erlaubt. Es sei zu alt für die Reise, und für so etwas sei nun mein Ehemann zuständig, hat sie gesagt.«

Ninette spürte wohl, das sei gefährliches Terrain. Sie zügelte ihre Neugier fürs Erste und sagte nur leichthin: »Ach, Pferde hat der Baron genug. Es wird sich sicher eins für Euch finden, Demoiselle. Ein schöner Fuchs vielleicht, passend zu Euren eigenen Farben, wäre das nicht hübsch? Mit dem könnt Ihr dann jeden Morgen über die Wiesen zum Fluss reiten oder einmal einen Ausflug in den Luberon wagen, vielleicht? Jetzt im Frühjahr ist es wunderschön in den Hügeln, Ihr werdet sehen!«

Magali schluckte ihren Kummer herunter und lächelte, dankbar für die Ablenkung.

Sie begann ihre Puppen auszupacken. Die hatten sogar ihr eigenes Gepäck: eine zierlich bemalte Truhe für ihre Puppenkleidung. Ninette kam aus dem Staunen nicht heraus: So viele Puppen, aus Stoff, aus Leder und eine sogar mit einem Gesicht aus feinst glasiertem und bemaltem Ton, eine arrogante kleine Adligenmaske, schwarzes Echthaar, von einem zart gesponnenen Haarnetz aus Goldfäden gehalten. In Reih und Glied wurden sie auf der Kommode im Schlafzimmer aufgebaut. Nur eine durfte auf das Bett. Seltsamerweise die hässlichste von allen: eine ramponierte kleine Holzpuppe, nur etwas über handlang, mit Zöpfen aus naturbrauner Schafswolle, zwei schwarze Perlen als Augen eingesetzt, jeweils ein Strich für Mund und Nase, das war alles.

Ninette hätte die feine weiße Keramikpuppe vorgezogen.

Nach einem Nachtmahl am Kaminfeuer – Brot, frische Milch, heiße Gemüsesuppe und hausgemachter Käse – wurde Magali endlich allein gelassen.

Sie setzte sich im Bett auf, sodass sie durch das schmale Fenster die Sterne sehen konnte, und drückte die Holzpuppe schützend an sich. Vor dem Personal hatte sie sich gelassen gegeben, so wie man es sie gelehrt hatte. Vor Personal zeigte man kein Gefühl. Aber nun, ganz allein in dem fremden Zimmer und dem riesigen Bett, da war ihr Mut plötzlich ganz und gar verbraucht, und ihre Kehle wurde eng.

»Ach, Loulou: Es ist alles so anders als zu Haus.«

»Sei kein solcher Dummkopf. Du klingst ja fast wie eine von diesen Zimperliesen bei Hof! Ach, Monsieur! Ich fürchte mich so sehr, beschütz Er mich!«

»Sei nicht so gemein, Loulou! Ich bin keine Zimperliese, aber …«

»Aber was? Schau doch, wie schön alles ist. Die großen Räume, der rote Kamin und die hübsche, gestickte Überdecke! Sie haben sie extra für dich gemacht, damit du gleich etwas Heiteres und Buntes vorfindest in deiner Kammer. Und wie es duftet. Riechst du das nicht? Es duftet hier überall nach Kräutern und Pinien – nicht nach Unrat und ungewaschenen Menschenmassen wie in der Stadt, nach Kot, Puder und Parfum.«

Magali schnupperte. »Ja, da hast du recht, aber …«

»Aber was? Warte nur ab, bis du alles gesehen hast: Die Pferde und den Fluss, den Wald und die Berge. Es gibt sogar eine Schafherde, und jetzt, im Frühjahr, ganz sicher junge Lämmchen, die du streicheln kannst.«

Das Gesicht der Kleinen hellte sich etwas auf: »Aber man hat mir einen Mann versprochen, einen eigenen Mann! Und den habe ich noch nicht mal zu Gesicht bekommen.«

»Dummerchen! Er wollte dich sicher erst zur Ruhe kommen lassen. Morgen wirst du ihn sehen. Morgen ist auch noch ein Tag.«

Magali fielen die Augen zu. Sie kuschelte sich unter die Steppdecke und murmelte schlaftrunken:

»Aber ich will ihn sofort sehen. Er hätte mich doch wenigstens begrüßen müssen, Loulou, meinst du nicht?«

»Das kommt noch früh genug«, flüsterte die Puppe. »Schlaf jetzt.«

»Gute Nacht, Loulou!«

»Gute Nacht, Magali!«

Der Kutscher, der Magali gefahren hatte, saß inzwischen in der Küche, wo sich die Dienerschaft, soweit nicht vom Herrn des Hauses anderweitig beschäftigt, um den wärmenden Herd versammelt hatte.

»Eine Schande ist es wohl! Eine Dame allein reisen zu lassen, ohne Diener, ohne Garde, nicht einmal eine weibliche Begleitperson! Unglaublich!«, ereiferte sich eine Gänsemagd. »Das arme Ding muss sich ja in Grund und Boden schämen!«

Doch dass sie nicht von einer Anstandsdame begleitet wurde, war das Letzte gewesen, was die kleine Magali bedrückt hatte. Das Personal im Schloss ihres Vaters, das waren ohnehin alles i h r e Kreaturen seit seinem Tod. S i e war schnell bei der Hand gewesen, alle zu entlassen, die ihr nicht ergeben waren. Magali war viel zu aufgeregt gewesen in der Aussicht, ihren eigenen Mann und ihr eigenes Haus zu bekommen, viel zu gespannt in der Erwartung der Veränderungen die sich ankündigten, um sich das Erlebnis durch die saure Gegenwart einer Anstandsdame verderben zu lassen.

Ihr Leben war still und einsam geworden, seit dem Tod ihres Vaters. Die meisten Menschen um sie herum beeilten sich, der neuen Herrin angenehm zu sein. Niemand fand noch ein Wort oder eine freundliche Geste für ein kleines Mädchen ohne Bedeutung und Einfluss.

Andererseits hatten diese Umstände für eine gewisse Freiheit gesorgt. Sie hatte sich Tagträumen hingegeben, war stundenlang verschwunden, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre oder es irgendeine Person gekümmert hätte, wo sie hinging oder dass sie mit dieser Puppe sprach, die sie überall mit sich herumtrug.

Jene, die Sympathien für das kleine Gespenst in sich trugen, wagten es nicht, dem offen Ausdruck zu verleihen.

Nein, es gab nichts, was sie noch an das Haus ihres Vaters band, und sie hatte eine fortdauernde Erinnerung daran nicht vermisst.

»Nun, nun, ich bin auch kein schlechter Beschützer, wenn’s drauf ankommt«, brummte der Kutscher zwischen zwei tiefen Schlucken heißen Weins und zwickte die Magd in ihre wohlgerundete Kehrseite. Sie kicherte einladend und dümmlich. »Aber es ist wahr: Man hat die kleine Demoiselle recht lieblos verpackt und auf die Reise geschickt«, erzählte er weiter. »Man war ja froh, dass sie wegkam.«

Er schwieg, grinste schlau, wusste sich im Besitz begehrter Information. Und auf diese Andeutung hin bedrängten die Neugierigen ihn noch mehr. »Was denn, warum denn? Ist etwas falsch an ihr, dass man sie loswerden wollte?«

»Nein, an ihr ist nichts falsch. Sie ist das liebste, freundlichste Geschöpf auf Gottes Erde. Aber ihre Stiefmutter, die alte Geschichte, wisst ihr: Sie war das einzige Kind. Ihre Mutter starb bei der Geburt, und ihr Vater hing sehr an der Kleinen. Sie durfte alles, ist ein Wildfang, ihr werdet schon sehen. Hatte schon früh einen eigenen Hauslehrer, einen deutschen Bakkalaureus, saß mit den Erwachsenen zu Tisch und hörte alle ihre gelehrten Gespräche mit an.«

»Wozu soll das gut sein, bei einem Mädchen?«

»Das wird dem Baron nicht gefallen!«

»Tja, es gefiel der Mätresse ihres Vaters auch nicht, eine schöne Frau, so was Rechtes zum Bettenzerwühlen, aber dumm und kalt. Von Anfang an, als sie ins Haus kam, hat sie die Kleine gehasst. Konnte aber nichts gegen sie ausrichten. Zwei Bastardsöhne hat sie dem Herrn geboren, und dann wurde er krank und schwach. Ärzte kamen und gingen, und keiner konnte herausfinden, woran er litt.«

»Hat sie ihn vergiftet?«

»Das glaube ich kaum. Wäre auch eine ausgemachte Blödheit gewesen, da sie ja seine Mätresse war und keine Rechte hatte. Aber kurz bevor er starb, hat sie ihn dazu gebracht, sie vom Krankenbett aus zu ehelichen, ihre Söhne anzuerkennen und als Erben einzusetzen. Sie musste ihm dafür versprechen, auf sein Herzblatt zu achten und für es zu sorgen.«

»Und, und …?!«

»Das seht ihr ja. Und wie sie für sie gesorgt hat! Der Vater ist kaum ein halbes Jahr unter der Erde, da hat sie die kleine Magali verheiratet, so weit weg von Orange und so tief unter ihrem Stand als möglich.«

»Sie hat ja kaum einen Brautschatz dabei, über den zu reden sich lohnt«, steuerte Ninette bei, die die Ausstattung genau gesehen hatte, »nicht einmal viel Schmuck: eine Granatgarnitur: Ring, Ohrringe, Armband, ein schmales Ding von einem Diadem und eine einfache Kette aus sächsischen Flussperlen. Das ist alles!«

»Der größte Teil vom Schmuck ihrer Mutter ist in Orange verblieben, man kann sich denken, wo. Außerdem kommt sie aus einer wenig begüterten Nebenlinie. Der Baron musste einwilligen, sie praktisch ohne Mitgift und ohne Ländereien zu nehmen.«

»Wie viel bringt sie denn in die Ehe?«

»Ach, ein paar Tausend Livres nur«, glaubte einer zu wissen – empörtes Schnalzen rundum …

»Die Chalon sind ständig in Geldnöten.«

»Da verkaufen sie auch schon mal ihre Untertanen!«

»Aber das war doch Kriegsschuld …«

»Ja, und der König hat ihnen ihre Souveränität zurückgegeben, seiner Frau Anne de Bretagne zuliebe.«

Der Kutscher leerte mit einem Zug seinen Becher, rülpste und hielt ihn zum Nachfüllen hinter sich. »Ja, die schieben uns hin und her, wie’s beliebt. Unser Leben wird nicht leichter und die Abgaben nicht geringer. Und trotzdem haben die Chalon mehr Schulden als sonst irgendwas auf der Welt. Euer Baron kriegt die Ehre und keinen Sou drauf.«

Madame Puget winkte ab: »Ich wette, er hat’s dennoch nur zu gern getan. Er ist nun mit einem großen Haus verschwägert, Nebenlinie oder nicht.«

»Tsk, tsk – Auranjo«, schnalzte jemand verächtlich in breitestem Provenzalisch, »das sind doch keine von uns! Wie kann man sich mit solchen verbinden?«

»Ach, aber dafür Hochadel. Da wäre unser Herr Baron anders nie hineingekommen mit seiner Bauernklitsche.«

»So haben alle einen guten Handel gemacht außer der Kleinen.«

»Na, meine Hübsche!« Der Kutscher griff nach der Gänsemagd und zog sie auf seinen Schoß. »Was hättest du lieber: Einen adligen Tattergreis, dessen Spieß zur Jagd nicht mehr taugt, oder einen strammen Kerl wie mich, eh?«

Sie quietschte und wehrte sich strampelnd, aber nur ein klein wenig.

2.

Genüsslich leckte sie sich die Zuckerkrümel von der Oberlippe. Wie fast jeden Tag seit ihrer sogenannten Hochzeit waren Magali und Loulou schon im Morgengrauen in die Küche geschlichen, zu Thomasine, der Köchin, die selber nur allzu gerne Süßes schleckte und Verständnis dafür hatte, wenn die »kleine Herrin« morgens lieber Kuchen aß statt Suppe aus Dörrgemüse, in der die Fettaugen vom Olivenöl schwammen.

Die Küche war ein Ort der Zuflucht, warm und voller widersprüchlichster Gerüche: Dem trägen Schlafdunst der Knechte und Mägde, die sich um den Herd herum Nacht für Nacht um die besten Plätze balgten und morgens mit Asche im Gesicht und Stroh im Haar erwachten. Es roch nach Blut und Honig, nach altem Fett und frischer Milch, nach süßem Brotteig, der in langen hölzernen Bottichen zu blasiger Vollendung gärte, nach Trester, Kohl und Holzfeuer.

Da gab es für Magali einen Krug warme Mandelmilch und Zuckerbrot, das sie meist gleich in die Rocktasche steckte, um schnell mit der Beute zu verschwinden, denn sie wusste wohl, dass es sich nicht schickte, in der Küche beim Gesinde zu essen.

Und was sie danach tat, schickte sich noch viel weniger. Aber sie hatte sich mit ein paar Stücken Zuckerbrot und einigen Kupfermünzen Schweigen und Mittäterschaft vom Stalljungen André »dem Ohr« erkauft, so benannt nach einer durch einen Zwischenfall mit einem bösartigen Maulesel zerfetzten und grotesk vom Kopf abstehenden Gehörmuschel. Und wenn sie, immer noch im Halbdunkel, erste Streifen Goldes über den fernen Ausläufern der Provenzalischen Alpen schimmernd, in den Stall schlüpfte, dann stand André l’Oreille schon da, in der einen Hand die Zügel der sanften roten Stute, die andere zum Empfang des seltenen Leckerbissens ausgestreckt.

Vor Mittag erwartete der Baron nicht, sie zu sehen, und wenn sie es geschickt anstellte, dann konnte sie kurz vor dem Mahl, wenn alle anderen entweder in der Küche oder im Speisesaal waren, ungesehen ins Haus zurückgelangen.

Sie nahm den engen Carreiro, den Trampelpfad der Schafsherden, der am Dorf vorbei hinauf in die Hügel führte, durch stufig terrassierte Ölbaumgärten, dann durch blühendes Gestrüpp, mannshohen Ginster, Myrrhen und Rosmarin. Von da an ging es steil aufwärts durch zerklüftete graue Felsen in die Hochebene. Auf halber Höhe über dem Tal von Aigues lag ihr Lieblingsplatz, eine grüne Kräuterwiese mit einer alten Zeder, vom Blitzschlag gekappt und mit doppelter Krone. Darunter hatten die Nadeln vieler Jahre ein weiches, trockenes Bett gemacht, und die unteren Zweige hingen bis zum Boden, sodass sie sich fühlte wie in einem grünen Haus.

Dort setzte sich Magali mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, neben sich auf dem Nadelteppich Loulou.

»Bleibe ja im Schatten. Deine Haut muss lilienweiß sein, sonst merkt der Baron, was du treibst, meine Liebe!«, mahnte Loulou streng. Sie war mit diesem Unternehmen ganz und gar nicht einverstanden, und das ließ sie Magali Morgen für Morgen mit aller Deutlichkeit spüren.

»Ah, Loulou, es wird schon niemand merken. Ich bin ja so leise und vorsichtig …«

»… sagte die Maus in der Speisekammer, kurz bevor die Katze sie fraß!«

»Die Domestiken werden mich nicht verraten.«

»Weil sie Wetten darauf abgeschlossen haben, wie lange du es durchhältst. Wenn die Herrschaft uneins ist, bietet sie dem Gesinde immer spannende Unterhaltung.«

»Schon möglich. Aber dennoch …« –

… welche Herrlichkeit! Wie konnte man nicht das Leben lieben und alle Zuversicht der Welt empfinden, wenn es doch Frühling war, die Welt voller Säfte und Düfte und die Sonne über der östlichen Biegung des Flusses die unglaublichsten Farben an den Himmel malte. Staunen und große Freude überkamen Magali bei diesem Anblick, und sie faltete die Hände zum Gebet. Wie viel besser ließ es sich hier draußen beten als in der düsteren, goldbeladenen Kirche von Cabrièttes, unter den strengen Blicken des dürren Pfarrers.

Der Gedanke führte unweigerlich und unerfreulicherweise weiter zur Erinnerung an ihre sogenannte Hochzeit. Magali würde für den Rest ihres Lebens das Beiwort »sogenannte« nicht einmal in Gedanken fortlassen können. Am Sonntag nach Ostern hatte der säuerliche alte Dorfpriester sie in der Hauskapelle des Schlosses getraut mit vielen Ermahnungen an die Braut und Bemerkungen über ihr unpassendes Alter. Jean Marie de La Motte hatte sich traditionsgemäß auf einen Zipfel ihres Schleiers gekniet, um damit die Unterwerfung der Braut auszudrücken – das hatte Madame Puget ihr später erklärt.

Einstweilen hatte Magali an ein Versehen geglaubt und mehrmals am Schleier geruckt, um auf ihre unbequeme Lage aufmerksam zu machen. Worauf der Baron sie zornig angezischt und sein Knie noch fester auf den zarten Stoff gesetzt hatte, und das so heftig, dass Magalis Kopf ruckartig in eine erzwungene Büßerinnenstellung gerissen wurde.

Nach der Trauung sollte es zum Festmahl gehen. An der Schwelle zum Speisesaal hielt ihr Madame Puget einen Becher Wasser entgegen mit einem Goldstück darin. Das sollte sie trinken und an ihren Gatten weitergeben, um dem Haus Reichtum und Fruchtbarkeit zu verheißen. Er aber hatte es ungeduldig beiseite gewinkt … »Lass den Unsinn, Puget! Ich habe ja noch nicht einmal den versprochenen Brautschatz erhalten.« Magali waren die Tränen in die Augen geschossen ob dieser beschämenden Behandlung. Er hatte über sie gesprochen, als wäre sie gar nicht vorhanden. Und was gingen die Dienstboten ihre Vermögensverhältnisse an?

Zum Festmahl waren einige Freunde des Barons erschienen und ein paar Damen, die gewiss nicht die dazugehörigen Ehefrauen waren. Magali wurde zu Bett geschickt, aber das Singen, später Grölen und Kreischen ließ wenig Zweifel aufkommen, was dort vor sich ging … Wie in Orange nach dem Tode ihres Vaters.

Ein hässlicher schwarzer Gedankengang, den Magali schnell beendete.

Der Baron Jean Marie de La Motte sah so ganz anders aus, als sie sich ihren Gatten erträumt hatte – kein Roland aus dem »Orlando furioso«, ein Ritter, groß, edel und schön.

Man konnte ihn eigentlich auch kaum »hässlich« nennen. Er war nur so – so – so … alt! So unscheinbar. Weder groß noch klein, weder dick noch dünn, weniger stark als zäh, blau geäderte Hände, schlaffe Wangen, eine vom Wein gerötete und kolbenartig angeschwollene Nase, harte, müde Augen, die nichts als Tadel für sie bereithielten.

Magali hob Loulou aus dem Gras und drückte sie an sich. »Ach, Loulou, ich mag ihn nicht! Und dabei habe ich doch vor Gott schwören müssen, ihn zu lieben und zu ehren. Was soll ich nur tun?«

»Lieben, das sagt man nur so. Aber ehren, das heißt ihn respektieren, ihm gehorchen, und das musst du wohl. Aber nun fängst du schon wieder an zu jammern. Claude ist doch sehr freundlich, oder nicht?«

»Schon. Aber er ist n o c h älter!«

Sie sah auf das Schloss hinunter. Eigentlich war es gar kein Schloss, nur ein besseres Donjon, ein befestigtes Herrenhaus. Vierschrötig und gedrungen mit nachträglich angefügten Erkertürmchen an den vier Ecken. Aber auf seinen schroffen Felsen, mit den dicken grauen Mauern, die den Hof umschlossen, den Pechnasen und Wehrgängen, kam es ihr wie ein Gefängnis vor oder die Behausung eines bösartigen Riesen.

In ihren Träumen war sie eine Prinzessin, von einem Riesen oder Wassermann entführt. Eines Tages würde ein schöner junger Prinz kommen, sie befreien und in sein Königreich mitnehmen, wo sie dann glücklich leben würden.

Hier oben in den Hügeln schien alles vorstellbar. Die knorrigen Bäume hatten Gesichter, und sie waren alle ihre Freunde. Unter jedem der großen, quarzglitzernden Brocken lag ein Schatz, die Kröten waren allesamt verzaubert, und die Zikaden sangen Lieder, deren Worte ihr bekannt vorkamen, wie eine fremde Sprache und doch der eigenen so ähnlich, dass man sie fast verstand, wie Gemurmel knapp unterhalb der Schwelle des Hörbaren.

Etwas weiter oben gab es uralte, verlassene Behausungen aus trocken geschichteten Feldsteinen, mit runden Kuppeldächern, Bouries genannt. Vielleicht würde sie dorthin fliehen mit ihren Puppen und der violetten Steppdecke, den Feenmärchen, der Bibel und einem Sack voller Winteräpfel. Sie wünschte, sie könnte einen magischen Ring um ihr Steinhaus ziehen und über ein kleines Stück dieses Gottesreiches herrschen, mit Hasen und Eichhörnchen als Untertanen.

»Hasen und Eichhörnchen! Närrin! Simpelchen«, schimpfte Loulou, »was willst du essen – Haselnüsse? Und wer sollte dich retten kommen? Hm? Besser, du gehst jetzt in deinen goldenen Käfig zurück und versuchst, deinem Papa keine Schande zu machen. Du musst vernünftig sein und abwarten. Etwas wird sich schon ergeben.«

»Das sagst du immer!«

»Und? Ist es denn so schlimm? Du hast ein Dach über dem Kopf, viel mehr als das, Zuckerbrot zu essen und musst nicht einmal arbeiten dafür – das ist mehr, als die meisten Menschen von sich behaupten können – alors?!«

Die Sonne hatte die Nebel über der Durance getrunken. Die Luft war klar und begann über den Kalkfelsen zu flimmern, als Magali den Rückweg antrat. Vorsichtig setzte die Stute einen Huf vor den anderen auf dem unebenen, steinigen Pfad. Es war am besten, ihr die Zügel zu lassen und sich ihren schaukelnden Bewegungen anzupassen. Sie passierten einige Weggabelungen, bei denen sich Magali an kleinen Steinhaufen orientierte, die irgendjemand dort aufgeschichtet hatte. Den Zweck konnte sie nicht erraten.

Als sie sich den nieder gelegenen Wiesen näherte, hörte sie von Weitem Schafe blöken, erst nur unruhig, dann aufgeregt, angstvoll. Ein Hund begann wild zu kläffen. Wölfe? Wölfe am helllichten Tag? Magali nahm die Zügel auf und schnalzte, um die Stute in einen leichten Trab zu versetzen. Bald kam die Herde in Sicht und damit eine Szene, die sie augenblicklich Vorsicht und Diskretion vergessen ließ.

Einige adlige Bengel, der Kleidung und den Pferden nach zu schließen, trieben johlend die Schafe auseinander, während der Hirtenhund hin und her hetzte und sich vergeblich bemühte, sie zusammenzuhalten. Die Schafe blökten jammervoll, brachen nach allen Seiten hin aus und versuchten panisch ihren Peinigern zu Pferd und auf vier Pfoten zu entkommen.

Eine zerlumpte Gestalt lief hinter den Reitern her, fluchte lauthals und fuchtelte mit einem gebogenen Stock – der Schäfer. Magali gab der Stute die Fersen. In wenigen Sätzen war sie heran, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sich einer der jungen Männer aus dem Sattel beugte und dem Schäfer mit der Peitsche ins Gesicht schlug.

Jetzt wurde der Hund vollends närrisch. Mit giftigem Geknurr und gefletschtem Gebiss stürzte er vor, um seinen Herrn zu verteidigen. Todesmutig sprang er wieder und wieder an dem riesigen Pferd hoch und schnappte nach den Stiefeln des Reiters. Die anderen beiden Tunichtgute ritten um die Schafe herum, die nach der offenen Flanke hin ausbrachen. Der Angegriffene schrie: »Elender Teufelsköter«, zog seinen Degen, wollte dem tobenden Hund den Garaus machen, da war Magali schon bei ihm. Ohne zu zögern, fiel sie ihm in den Arm. Die Pferdekörper dröhnten schwer aneinander, der Hieb ging in die Luft. Vor Schreck tänzelte der Hengst und stieg, der Reiter verlor den Halt, fiel, blieb mit dem Fuß im Steigbügel hängen und wurde mit seinem extravagant bestickten Hosenlatz durch den Dreck geschleift, bis ihm seine Kumpane zu Hilfe kamen.

Magali, deren Beine durch den Damensitz geschützt, nämlich auf der anderen Seite ihres Tieres gewesen waren, hatte nicht eine Schramme abbekommen. Schnell hob sie eine Hand vor den Mund, um ihr Gekicher zu verbergen. Der junge Schnösel erhob sich unter Stöhnen und Ächzen. Er war übel zugerichtet, von Kopf bis Fuß, besonders auf der Vorderseite, von Schlamm und Kot beschmutzt, hinkte und wirkte so zu Fuß nicht mehr halb so würdevoll, wie er es wohl gern gehabt hätte.

»Was fällt Euch ein!«, brüllte einer seiner Begleiter. »Wie könnt Ihr es wagen!«

»Wie könnt Ihr es wagen«, gab die kleine Baronin zurück. »Dies ist das Land meines Herrn, des Barons Jean Marie de La Motte, seine Schafe und sein Subjekt! Was fällt Euch ein, hier zu wüten wie die Landsknechte?«

»Das Weib hat diese stinkenden Kreaturen mit Absicht in unseren Weg getrieben!«

»Wohl kaum!« – »Weib?«

Magali sah sich nach dem Schäfer um, und richtig: Es handelte sich um eine Schäferin. Ungerührt besah sie sich unter ihrem Schlapphut hervor, was sie angerichtet hatte. Sie stützte sich leicht auf ihren Hirtenstab, schlug nicht einmal die Augen nieder. Unter dem Hut quoll eine Unmenge dunkler, silbergrau durchzogener Locken hervor. Quer über das dunkle Gesicht zogen sich Peitschenstriemen.

»Und eine wehrlose Frau so zu schlagen! Hat man Euch kein Benehmen beigebracht? Ich kann kaum glauben, meine Herren, dass Ihr von Stand seid, schämt Euch!«

»Pah! Wehrlos ist sie nicht gerade, die alte Hexe.«

»Ach, fürchtet Ihr den Hirtenstock, Ihr ritterlichen Herren mit Euren Degen und Pistolen?«

»Das muss die neue Dame von Cabrièttes sein«, murmelte der eine. »Von wegen ›Dame‹ – ein rotznäsiges Kind«, der andere. Ironisch zogen die zwei zu Pferd ihre Hüte.

»Madame. Wir geben uns vor Eurem Zorn geschlagen und überlassen Euch Euren sicherlich dankbaren Untertanen mit den wolligen Hinterteilen!«

Sie halfen ihrem lädierten Freund in den Sattel und ritten ohne weitere Worte davon.

Jetzt erst begann Magali zu zittern, so stark, dass sie absteigen musste. Die Schäferin reichte ihr die Hand und half ihr herunter, ein seltsames spöttisches Grinsen im Gesicht, nicht gerade respektvoll, nein, ganz und gar nicht respektvoll.

»Vielen Dank, Herrin«, sagte sie. »Welche Mühe für diese unwürdige Person – wie beliebten soeben … ›Subjekt‹ …« Sie deutete einen Hofknicks an.

Jetzt stieg Magali auch noch die Schamesröte ins Gesicht. »Es – es war nicht so gemeint. Ich wollte nur …«

»… schnell eine Begründung dafür liefern, warum du das Recht hattest einzugreifen?«

»Ja.«

Die Schäferin lachte. »Na, und ich bin auch außerordentlich dankbar, Baronesschen, wie gesagt: Ein anderer hätte sich wohl kaum die Mühe gemacht.«

Sie beugte sich zu ihrem Hund herunter, der um ihre Beine sprang, jappte und immer noch aufgeregt winselte, zauste ihm die Ohren. »Und ohne meinen treuen Filou käme ich schlecht durch den Sommer. Na! Lauf, mein Alter, bring sie zurück, lauf! Allez!«

Flink und effektiv umrundete der schwarze struppige Köter die Herde, zwickte hier und da in Fersen und Flanken, lief Ausbrechern nach und gleich darauf an das entgegengesetzte Ende der Herde, bis die Schafe wieder zusammenstanden, ein dicht gedrängtes grauweißes Vlies. Die wertvollen Hammel und einige der Mutterschafe trugen Amulette um den Hals, kleine Beutel und Lederstücke mit seltsamen Zeichen.

Die Schäferin musterte Magali ganz offen. »So, du bist also die neue Baronin, ›das Vöglein‹. Jetzt kann ich auch sehen, warum sie dich so nennen. Klein, zart und braun wie eine Lerche.«

Sie nestelte aus einer Tasche ihres weiten Mantels einen kleinen verschlossenen Krug, zog den Korken ab und hielt ihn Magali an den Mund.

»Komm, meine Kleine, du zitterst ja. Manou hat etwas, das wird dich beruhigen, hier, nimm ruhig einen Schluck, das ist gut.«

Magali trank vorsichtig und hustete. Das Getränk war scharf, bitter und süß zugleich. Sie konnte spüren, wie es sie von der Kehle bis in den Magen wärmte.

»Farigoule!«, sagte Manou und nahm gleich selbst einen tiefen Zug. Sie seufzte zufrieden und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Das tut gut nach der Aufregung, nicht wahr, Vögelchen?«

Magali schoss mit einiger Verspätung der Gedanke durch den Kopf, ob es nicht etwas unpassend sei, dass eine Schäferin sie so ansprach, aber es tat ihr wohl, und sie fühlte, dass sie sich nur lächerlich machen würde, wenn sie auf höflich distanzierten Formeln bestünde. Also ließ sie es durchgehen.

»Was ist das?«

»Kräuterlikör – ich mache ihn selbst. Keine Sorge, das ist die reine Medizin – bessere kriegt man nicht vom Leibarzt des Königs.«

»Das kannst du? Ich dachte so etwas stellen nur die Mönche her?«

Manou lachte wieder dieses spöttische, aber freundliche Lachen. »Die auch. Die verstehen sich gut auf Destillate, Bier und Wein, alles, was berauscht und die böse Welt vergessen macht: Schnaps und Gebete. Aber was die Mönche können, das kann Manou auch. Und weil sie die wilden Kräuter kennt, sind noch ein, zwei geheime Zutaten darin, die man nicht im Klostergarten findet!«

Magali schnupperte noch einmal am Flaschenhals. »Es ist mir ein wenig scharf, aber aah! Wie gut das duftet! Thymian, Salbei, Engelwurz und Honig … Was ist das Bittre? Santoline?«

»Oh! Bist eine Kräuterkundige? Ja, das und noch ein paar Dinge.«

Sie verstaute den Krug wieder in ihrem unergründlichen Beutel.

»Kräuterkundig – nein«, sagte Magali. »Ein paar Pflanzen habe ich mir gemerkt. Solche, die gut riechen oder schöne Blüten haben. Und die am Essen sind. Ein Freund meines Vaters war ein Apotheker, und er zeigte mir dies und das. Aber ich war ja noch zu klein, um mir alles zu merken.«

»Und jetzt wüsstest du gern mehr?«

»Ja – schon …«

»Nun, ich könnte dich einiges lehren – das heißt, wenn du dich traust, dich mit der alten Manou sehen zu lassen.«

»Warum sollte ich nicht?«

Manou lächelte unergründlich. »Frag halt ein paar von deinen ›Subjekten‹ nach Manou, der Schäferin. Und wenn du dann immer noch willst – und darfst –, dann wirst du mich leicht finden. Ich bin das ganze Frühjahr hier.« Ihre Geste umfasste die Wiesen um Cabrièttes bis zu den lichten Eichenwäldern am Fuß der Hügel.

»Ich werde kommen!«

»Man wird sehen.«

Die Schäferin half Magali wieder in den Sattel. Sie grüßte und ritt eilig auf das Schloss zu. Manou sah ihr lange nach, auf ihren Stock gestützt.

Wenn sich die Kleine aber ausgerechnet hatte, wie gewöhnlich in der häuslichen Geschäftigkeit vor dem Mittagessen untertauchen zu können, so waren ihre Pläne für heute durchkreuzt. Am Tor begegneten ihr ebenjene drei jungen Herren, die auf der Wiese eine so schmähliche Niederlage erlitten hatten. Der Geschädigte grinste boshaft im Vorbeireiten und zog seinen Hut. »Madame …«

Vor den Stallungen erwartete sie bereits ihr Gemahl, mit Claude im Gefolge. Hastig versteckte Magali Loulou unter ihrem Umhang. Der Baron war blaurot im Gesicht und sprühte vor Wut Speicheltröpfchen beim Sprechen. Ohne Weiteres zerrte er sie vom Pferd, sodass sie schmerzhaft auf dem Knöchel umknickte.

»Wie lange geht das schon so?«, wollte er wissen. »Wo wart Ihr! Was erlaubt Ihr Euch? Ausreiten, ohne mich zu fragen! Allein! Ohne Begleitung! Schlampe! Herumtreiberin! Ihr habt mich vor den Söhnen meiner Freunde blamiert!« Claude versuchte, ihm beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen, und wurde abgeschüttelt.

»Ich bitte dich, Jean-Marie! Sie hat es sicher nicht getan, um dir zu schaden! Sie ist noch so jung.«

»Alt genug, zu wissen, dass eine Dame nicht allein ausreitet! Sie ist meine Frau, und was sie tut, fällt auf mich zurück! Nicht genug, dass das ganze Tal über diese Ehe lacht, sie sorgt gleich für Nachschub mit ihrem skandalösen Benehmen! Aber das werde ich dir austreiben, du …!«

Magali stieg das Blut ins Gesicht. Sie senkte den Blick. Zu Hause war sie auch ausgeritten, aber man hatte ihr wohl gesagt, dass es damit nun zu Ende sei, da sie eine erwachsene Frau würde. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen.

André das Ohr erschien, um die Stute wegzuführen, und bat sie wortlos und mit verzweifeltem Augenrollen, ihn nicht zu verraten. Magali schüttelte kaum merklich den Kopf. Natürlich würde sie ihn nicht mit hineinziehen. Es war ja ihr Fehler, und sie hatte ihn allein auszubaden.

Währenddessen tobte ihr Ehemann weiter. »… verbiete ich dir, jemals wieder zu reiten! Du wirst keinen Fuß mehr in den Stall setzen. Du wirst, wenn es unbedingt sein muss, in der Kutsche reisen, so wie es sich für eine Dame von Stand schickt! Und das auch nur, wenn ich es ausdrücklich erlaubt habe! Hast du mich verstanden?«

Claude, der hinter dem Baron stand, versuchte ihr mit Grimassen und Handzeichen zu bedeuten, dass alles nicht so schlimm kommen würde, dass sie nur still sein und abwarten solle. Doch das sah sie nicht.

Magali brach in Tränen aus. Nie mehr reiten, keine Sonnenaufgänge mehr, nie mehr Ruhe und Frieden, nur noch eingesperrt sein in diesem düsteren Haus mit den winzigen Fenstern? So musste sich ein gefangener Vogel fühlen. Das war das Ende. Eingesperrt würde sie sterben! Schluchzend floh sie in ihre Kemenate.

Für den Rest des Tages verweigerte sie das Essen und sah mit tragischem Blick aus dem Fenster ihres dunklen Gefängnisses. Sie würde einfach jede Nahrung verweigern und sterben, fern der Heimat und ungeliebt. Voilà! Dann würde es ihnen allen leidtun. Ausnahmsweise blieb Loulou stumm, denn Loulou war eine kluge Puppe, und sie wusste, dass man manche Stürme sich einfach austoben lassen muss.

»Ah – ah!«, murmelte sie nur wieder und wieder. »Aber ich bin ja da. Tsk! Tsk! Tsk!«

Magali wäre nicht ganz so verzweifelt gewesen, wenn sie das Gespräch im Speisesaal mit angehört hätte.

»Jean-Marie! Du kannst nicht erwarten, dass sie dich liebt, wenn du ihr fortnimmst, woran sie hängt!«

»Sie braucht mich nicht zu lieben. Sie soll nur ihre Pflicht tun.«

»Welche Pflicht? Niemand braucht sie, niemand kümmert sich um sie, am wenigsten du! Sie ist zu jung, um in der Ecke zu sitzen und zu sticken!«

»So? Du meinst, dass sie sich langweilt, nun: Sie wird in Zukunft lernen, wie man ein Haus führt. Die Puget wird sie einweisen. Damit hat sie dann genug zu tun!«

»Aber ein Mensch muss doch auch ein wenig Freude haben.«

»Hrrump.« Der Baron stürzte seinen zweiten Becher Wein unverwässert herunter.

»Und ich – welche Freude habe ich? Die versprochene Mitgift bleibt aus, und das wäre schon wenig genug gewesen. Ich darf meine Braut nicht anrühren, mindestens noch weitere zwei Jahre nicht. Und sie tut ihr Bestes, um mich zum Gespött zu machen.«

»Es ist wahr, man hat dich belogen, was ihr Alter betrifft. Aber dafür kann das Kind doch nichts.«

»Dann muss es eben schnell erwachsen werden.«

»Das wird sie, Jean-Marie, das wird sie. Und sie wird eine wahre Schönheit. Das kann man jetzt schon sehen. Darin hat der Porträtist nicht gelogen, er hat lediglich ein wenig in die Zukunft geblickt. Wenn du jetzt gut zu ihr bist und das arme Ding nicht so ängstigst, dann wird sie es dir eines Tages danken.«

»Wann, das frage ich mich.«

Claude, wie es seine Gewohnheit war nach einem guten Essen, lehnte sich zurück, legte sich den linken Arm über den Bauch, stützte den rechten darauf und zupfte sich mit Daumen und Zeigefinger an der Nase. Schlau fixierte er sein Gegenüber:

»Wenn du alt bist, mon chèr, und sie immer noch taufrisch!«

»Ah ja – wunderbare Aussicht – und was hat das alles mit dem Reiten zu tun?«

»Nun, mach ihr eine Freude. Du hast ihr noch nicht einmal etwas zur Hochzeit geschenkt. Schenk ihr die Stute.«

»Wie? Ich soll ihren Eigensinn auch noch belohnen?«

»Ach was! Schenk ihr die Stute und sorge dafür, dass sie immer einen deiner Gascogner mitnimmt als Begleitung. Dann werden sich auch solche Szenen nicht mehr wiederholen!«

Jean-Marie de La Motte blickte grimmig in den Weinkrug. Plötzlich verzog sich sein Gesicht, und er fing an, laut zu lachen. »Ha! Mut hat sie ja! Zehn Jahre alt, ein Spatz von einem Mädchen und geht auf drei Kerle los …!«

Claude fiel in das Gelächter ein: »Und der junge Lauris, das Bad im Dreck hatte der schon lange einmal verdient.«

»Den Hosenlatz voller Schafsscheiße! Eh-eh!«

Aber vorerst kam es nicht zur geplanten Versöhnung. Am Abend bezog sich der Himmel. Über eine Woche lang tobte der Mistral, sodass man nicht vor die Türe gehen, geschweige denn ausreiten konnte. Die Temperaturen fielen ins Eisige. Der Schlammfresser trieb den Staub durch alle Ritzen und in jede Ecke. Mensch und Tier waren gereizt, die Gespräche bei Tisch einsilbiger denn je.

Magali trotzte. Die Puget hatte begonnen, sie in der Haushaltsführung einzuweisen. Das Mädchen kam seinen neuen Pflichten geradezu mustergültig nach, aber in Gegenwart des Barons schwieg sie eisig und hartnäckig. Richtete er das Wort an sie, so antwortete sie knapp:

»Ja, Monsieur«, »Nein, Monsieur«, »Wie Ihr meint, Monsieur«. Mit Claude schwatzte sie gern, kam aber ihr Gatte dazu, verstummte sie und zog ein Gesicht, so blasiert, wie es eine launische Kurtisane nicht schlimmer hätte machen können. Claude lachte in sich hinein. Ja, sie war noch ein Kind, aber sie übte sich bereits im Einsatz der weiblichen Waffen: Nörgelei und üble Laune.

3.

»Jean-Marie! Du bist ein Ochse!«

Magali kam gerade mit Brigitte Puget aus den tiefsten Vorratskellern, wo sie die durch den langen Winter stark dezimierten Vorräte besichtigt hatten. Das Trockengemüse war von Ungeziefer zerfressen, das restliche Getreide musste gesiebt werden, um die Würmer zu entfernen, und am Schinken waren die Ratten gewesen. Nur gut, dass jetzt allmählich Frisches zu haben war. Man würde wilde Gemüse und Salate sammeln lassen, denn die ewigen dicken Getreidesuppen und das fette, salzige Fleisch hatten sie alle herzlich satt.

»Du bist und bleibst ein ungebildeter Hornochse, nicht besser als das dümmste Vieh!«

Wie angewurzelt blieb die Puget auf der Kellertreppe stehen, während Magali höchst neugierig auf die Halle zustrebte.

»Pst! Non, non!«, zischelte die Hausdame und wies an Magalis staubiger Kleidung herunter. »Das ist La Cental, die Gräfin von La Tour d’Aigues! So könnt Ihr Euch nicht präsentieren!«

»Wenn sie unangemeldet kommt, muss sie damit rechnen, Leute bei der Arbeit anzutreffen«, sagte Magali spitz, blieb aber hinter der angelehnten Tür stehen und sah durch den Spalt hinaus. Die Puget schlich hinter ihr her und machte einen langen Hals.

In der Halle stand der Baron, mit dem Rücken zu den beiden in ihrem Versteck. Vor ihm hatte sich eine Dame von beachtlicher Statur aufgebaut, groß und stattlich, in schwarz-silbernem Brokat gekleidet mit einer Witwenhaube, aber nicht allzu alt und offensichtlich voller Energie. Heftig gestikulierend, machte sie dem Baron auf eine Art Vorhaltungen, wie es Magali nicht für menschenmöglich gehalten hatte.

Und was noch unglaublicher war: Statt zurückzubrüllen, stand er lammfromm da und ließ es sich gefallen.

»Aber, liebe Cousine, beruhige dich! So eine Aufregung wegen ein paar verrotteter Säulen.«

»Verrotteter – was?!«, schrie sie. »Du hast wirklich keine Ahnung, was du da zerstören lässt! Tausend Jahre Schönheit und Perfektion, die Blüte einer Kunst und Kultur, wie die Menschheit sie nie wieder erreichen wird, da sie ja hauptsächlich aus ungebildeten Eseln und Schweinsköpfen wie dir und deinesgleichen besteht! Und du lässt deine Bauern mit Spitzhacken darauf los, um ihre elenden, schmutzigen Hütten damit auszustopfen! Jean-Marie, ich fordere – wenn es sein muss, flehe ich dich an: Halte ein mit dieser barbarischen Zerstörung. Verbiete sie – sofort!«

Jean-Marie de La Motte fing an zu lachen, krümmte sich vor Lachen, schlug sich auf die Schenkel.

»Mérite, du bist köstlich! Welch vulkanischer Ausbruch wegen ein paar alter Steine!«

Sie schlug mit Fäusten auf ihn ein, er zog sie in seine Arme und drückte sie an sich mit bärenhafter Ungeschicklichkeit. »Ich schenke sie dir, all die hässlichen alten Steine, wenn es dich glücklich macht, schöne Cousine! Und jetzt hör auf, mich anzuschreien.«

Sie machte sich los.

»Ist das dein Ernst? Du ziehst deine Bauerntölpel zurück?«

»Ja und ja, Mérite, es wird mich zwar eine Menge kosten, denn ich muss die Siedler dann in meinen guten Steinbruch lassen, damit sie sich verproviantieren. Das schmerzt mich sehr, aber deinen Zorn kann ich noch weniger ertragen.«

Nun, da der Ton so friedlich geworden war, klopfte sich Magali Mehl und Staub aus den Röcken und trat in die Halle.

»Bon jour, Madame! Jean-Marie, stellst du mich bitte vor?«

Er drehte sich zu ihr herum. Sein Gesicht nahm einen Ausdruck steifer Förmlichkeit an.

»Mérite, Magali de Chalon-Rosselini, meine – ähm – Frau. Magali, das ist Madame de Bouliers de Cental, Mérite, meine Cousine.«

Magali knickste, Mérite nickte nur andeutungsweise mit dem Kopf und musterte die Jüngere.

»Das ist deine neue Frau?« Fassungslosigkeit schwang in ihrer Stimme mit. Magali ballte die kleinen Hände zu Fäusten. Sie wusste nur zu gut, was jetzt kommen musste. Wenn sie es noch oft hörte, würde sie schreien.

»Aber das ist doch noch ein Kind!«

»Glaubst du, das ist mir nicht klar? Sie haben mir ein Medaillon mit ihrem Porträt geschickt, darauf sah sie ganz anders aus. Und man hatte mir berichtet, sie sei schon zwölf …«

Mit einer gezierten Gebärde legte die Gräfin de Bouliers ihre Hand auf ihr Herz.

»Mon dieu! Sie ist noch keine zehn, oder ich bin ein Huhn! Jean-Marie, dis-donc! Du hast doch nicht etwa …?«

Magali beschloss für sich, dass dieses unsympathische alte Weib sehr wohl ein Huhn sei: eine fette, alte, eingebildete, gakelnde, mit dem Hintern schaukelnde, flügelschlagende, schwarze, hässliche, blöde Henne!

»Wofür hältst du mich?!«, sagte gerade der Baron gereizt. »Ich bin doch kein Tier.«

Er nahm die Gräfin am Arm und zog sie zur Wendeltreppe, die hinauf in sein Arbeitszimmer führte. Am Fuß der Treppe wandte er sich kurz zu Magali um und sagte: »Besprich das Mittagessen mit Thomasine. Es wird ein paar Änderungen geben müssen. Du bleibst doch zum Essen, ma chère?«

»Selbstverständlich gern, ich habe fest damit gerechnet. Sag, kannst du mir ein paar Livres leihen?«

»Was – schon wieder – du schuldest mir noch 1425 Livres und 25 Sous vom letzten Mal!«

»Komm, sei kein solcher Knauser. Du weißt, ich habe dir bisher noch immer alles zurückgezahlt. Ich habe da eine Lieferung wunderbarer handgemalter Bücher bekommen, und wenn ich sie nicht zahle, dann muss ich sie zurückgeben – Du weißt doch, wie geldgierig diese Kopisten sind!«

»Ha!«

Sie gingen die Treppe hinauf und ließen Magali stehen. Für einen Augenblick blieb sie da, wie angewurzelt. Dann erinnerte sie sich an die Puget hinter der Tür und raffte ihr bisschen Würde zusammen.

»Brigitte! Du hast den Baron gehört. Lass uns in die Küche gehen.« Mit hocherhobener Nase schritt sie der Küche zu.

»Thomasine! Wir haben einen Gast zum Mittag. Was war denn vorgesehen?«

Thomasine warf einen Hilfe suchenden Blick zur Puget. »Soupo de bastoun …«

Wieder einmal die verhasste Getreidesuppe, allgegenwärtige Winterkost, schleimig-sämig vom häufigen Aufkochen und so dick, dass man sie mit einem Stock umrühren musste.

»Das geht natürlich nicht unter diesen Umständen«, erklärte Magali fest. Brigitte Puget drehte den Kopf zur Seite, um das Zucken ihrer Mundwinkel zu verbergen. Die Abneigung der Baronin gegen Getreidesuppe war allzu bekannt.

»Was haben wir denn sonst?«

»Schinken, geräuchertes Geflügel, in Öl eingelegten Ziegenkäse …?«

»Nichts Frisches?«

»Nein, Madame. Zum Schlachten reicht die Zeit nicht.«

»Wenn ich einen Vorschlag machen darf«, mischte sich die Châtelaine ein. »Wir könnten den Schinken in Zitronensoße servieren, vorher Geräuchertes, und wir könnten jemand schicken, um Spargel zu stechen und Melonen zu kaufen.«

Spargel waren eine Neuentdeckung und daher hochgeschätzt.

»O ja, Brigitte – das klingt herrlich!« So war der unerwünschte Gast doch noch zu etwas gut, freute sich Magali. »Ich habe heute Morgen im Bach Brunnenkresse gesehen. Davon könnten wir einen Salat machen lassen als Entrée. Und zum Dessert Melonen? Sind sie schon reif? Sind sie süß?«

»Ja«, sagte Thomasine, »das sollten sie wohl sein. Und wegen des Süßen macht Euch keine Sorgen, Vögelchen! Da hat die alte Thomasine vielleicht noch eine Überraschung für Euch!«

»Fein! Und frisches Brot – kein geröstetes!« Der kleinen Baronin lag plötzlich viel daran, den Gast zu beeindrucken. »Von wegen – nur ein Kind. Sie wird schon sehen!«

Wie ein Wirbelwind fegte sie los, um sich umzuziehen. Nach ein paar Sprüngen fiel ihr ein, wie unpassend das war, und sie verfiel in einen gemessenen Gang. Es fiel ihr sichtlich schwer.

Brigitte Puget und Thomasine schüttelten die Köpfe und verschwanden in der Küche. »Arme Kleine! Wie sehr sie sich verstellen und zwingen muss!«

»Na, was soll’s! Schließlich mussten wir auch erwachsen werden und früher als sie!«

»Schon, aber sie ist so ein niedliches Ding, wie ein Lämmchen. Ein richtiges Püppchen, unsere Magali!«

»Ach ja!«

Oben drehte sich Magali vor dem Spiegel und streckte die Brust heraus.

»Ninette! Lüfte mir das rote Kleid aus Damast!«

»Das ist viel zu dünn für die Jahreszeit und viel zu weit ausgeschnitten für ein Mittagessen!«, tönte es aus dem Vorzimmer. »Nehmt lieber das braune aus Wolle!«

»Ach, braun, immer braun! Ich kann das Zeug nicht mehr sehen«, maulte Magali. »Und brav genug für einen Kirchgang. Kein Wunder, wenn mein Mann mich nicht anschauen mag.«

»Aber es wäre wirklich passender«, bemerkte Loulou. »Wenn du dich zu sehr herausputzt, dann merkt sie, das du sie beeindrucken willst.«

»Die alte Fetthenne. Die soll sich ja nichts einbilden!« – »Gut, dann das braune Oberkleid, Ninette.«

»Aber darunter trage das mit Schmetterlingen bestickte Unterkleid und dazu passende Schuhe und die purpurfarbene Kalotte. Das sieht fein aus, aber nicht so, als ob du angeben willst …«

»Ninette …!«

Da kam sie schon herein und trug genau die Sachen über dem Arm, die Loulou ausgesucht hatte.

»Wo ist das Korsett, Ninette?«

»Aber Madamchen, wozu braucht Ihr ein Korsett?«

Magali stampfte mit dem Fuß auf. »Ich brauche sehr wohl eins. Hol es mir sofort!«

»Stell dir vor, sie hat gesagt, ich sei ein Kind«, berichtete sie ihrer Puppe. »Gemustert hat sie mich, als wäre ich ein Pferd, das sie kaufen will. Und sie haben über mich gesprochen, als wäre ich taub!«

Loulous schwarze Perlenaugen glitzerten amüsiert. »Das heißt noch gar nichts. Dass dein Mann ein Klotz ist, das wissen wir ja. Und sie – sie war sicher einfach nur erstaunt. Warte nur, vielleicht wirst du sie bald besser kennenlernen, und dann findest du sie ganz nett.«

»Niemals! Ich will sie gar nicht kennenlernen! Ich hasse sie!«

»Wen hasst ihr so sehr, Demoiselle? Doch hoffentlich nicht mich?« Ninette kehrte mit dem Korsett zurück, das sie mit spitzen Fingern vor sich hertrug.

»Nein, dich nicht, Ninette. Dich hab ich gern. Aber diese Gräfin de Bouliers …«

Magali betonte es so hochnäsig und theatralisch, dass sie beide in Gelächter ausbrachen.

»Na, sie ist so schlecht nicht«, sagte Ninette, während sie das Korsett von hinten schnürte. »Sie ist sehr anständig zu ihren Leuten, habe ich gehört. Hat viele aus ihrer Heimat nachgeholt, als es denen dort schlecht ging in Roccasparvera. Man nennt sie ›La Cental‹ – Die Cental, als ob sie die Einzige wäre.«

»Roccasparvera? Das klingt nach Italien.«

»Ist es auch … Ouf! Ist das jetzt fest genug? Ich würde mich nicht zu fest schnüren, denkt an die süße Überraschung, die Thomasine Euch versprochen hat! Ja, die Familie der Gräfin kommt aus Italien, und die meisten ihrer Siedler auch.« Ninette senkte ihre Stimme: »Man sagt, es seien alles Waldenser …«

»Was sind denn Waldenser?«

»Da fragt Ihr besser Claude.«

Magali ließ sich ins Unterkleid helfen und dann das Überkleid darüberziehen, das vorn von der Taille an abwärts offen blieb, sodass die schönen Stickereien des Unterkleides zur Geltung kamen. Ninette schlug vor, das Haar auf griechische Art zu flechten, wie es die Comtadines trugen, und Loulou nickte zustimmend.

»Wenn es mich älter aussehen lässt … Höre, Ninette. Sie hat so etwas gesagt wie: ›Du hast doch nicht etwa …‹, als sie über mich gesprochen haben. Und da hat der Baron geantwortet, er sei doch kein Tier. Weißt du, was sie gemeint hat?«

Ninette kicherte verlegen.

»Wisst Ihr das nicht?«

»Nein, aber ich will es wissen«, rief Magali. »Lache nicht. Ich befehle dir, es mir zu erzählen«, und als Ninette gar nicht mit dem Prusten aufhören wollte: »Sag schon!«

»Nun, ähm – na ja, sie wollte wissen, ob er die Ehe vollzogen hat.«

»Was meinst du? Natürlich hat er mich geheiratet.«