Das Lied vom Krieger oder Eskalationsstufe zwei - M. D. Eichenwald - E-Book

Das Lied vom Krieger oder Eskalationsstufe zwei E-Book

M. D. Eichenwald

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Beschreibung

Alles auf Anfang. So lautet die scheinbare Endlosschleife, in der sich Thorge Krieger befindet. Er unternimmt wieder und wieder Versuche, sesshaft zu werden, um dann doch erneut aufzubrechen. Mal ist er Langzeitstudent. Mal ist er Mitglied einer Boygroup mit viel Attitüde, aber schlechten Songs. Und mal ist er Bewohner einer WG mit einem eigenwilligen Therapiekonzept. Wird Thorge seine Wanderschaft beenden können? Und nebenbei gefragt: Worum geht es eigentlich bei Eskalationsstufe 2?

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Echte Freundschaft
T-Bone uncut
David uncut
Der Wolf und das Lamm
Rückspiel
Tour de France: Endstation?
Tour de France: feuchtes Terrain
Tour de France: Zwischenspiel
Tour de France: Smalltalk mit Bill
Tour de France: Gleichnis vom Arbeitsverweigerer im Weinberg
Die Rückkehr
Thorge glotzt TV
Nur geträumt?
Das Erwachen
Die apologetischen Reiter
Suche WG, akzeptiere Mitbewohner: Trio Infernal
Suche WG, akzeptiere Mitbewohner: Mia san Mia
Suche WG, akzeptiere Mitbewohner: Quake oder Quark?
Suche WG, akzeptiere Mitbewohner: Mein Name ist Mensch
Die Vermieterin und ihr Chauffeur
WG-Experiment Tag 1
The Tipi Experience
The next level: Eskalationsstufe zwei
I need a beat: Organisierungsphase 2
Aus allen Fugen
Die neue Ordnung
Down in a hole
Die Rückkehr
Nachspiel

Buchbeschreibung:

Alles auf Anfang. So lautet die scheinbare Endlosschleife, in der sich Thorge Krieger befindet. Er unternimmt wieder und wieder Versuche, sesshaft zu werden, um dann doch erneut aufzubrechen. Mal ist er Langzeitstudent. Mal ist er Mitglied einer Boygroup mit viel Attitüde, aber schlechten Songs. Und mal ist er Bewohner einer WG mit einem eigenwilligen Therapiekonzept. Wird Thorge seine Wanderschaft beenden können? Und nebenbei gefragt: Worum geht es eigentlich bei Eskalationsstufe 2?

Über den Autor:

M. D. Eichenwald, 1981 in Hildesheim geboren, lebt im Saarland. Dem Band „Das Lied vom Krieger oder Eskalationsstufe 2“ gingen mehrere Veröffentlichungen von Kurzgeschichten voraus.

Das Lied vom Krieger oder Eskalationsstufe zwei

Von M. D. Eichenwald

1. Auflage,

Texte: © Copyright by Malte Eikenberg

Verlag:

Malte Eikenberg

Trierer Str. 90

66763 Dillingen

Druck:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Inhalt

Eine Band in ihren letzten Tagen 7

Eskalationsstufe 2 59

mein besonders herzlicher Dank an

Andreas und Christian

für

Nele, Ann-Kathrin und Karin

Eine Band in ihren letzten Tagen

Echte Freundschaft

Ein Tag im Jahr 2009

„Euer Song ‚Forever Bros‘ handelt von echter, wahrer Freundschaft. Was bedeutet euch als Band Vanilla Skyline echte, wahre Freundschaft?“, fragte Julia und streckte David und Thorge das Mikrofon entgegen. Die beiden Jungs saßen auf einem durchgesessenen Ledersofa. Julia saß seitlich zu ihnen auf einem Klappstuhl, so dass die Kamera die beiden Frontmänner vollständig einfing.

„Auf jeden Fall ist der Song mehr als nur Attitüde. Wir bei Vanilla Skyline sind wirklich alle brothers for a lifetime“, sagte David und nickte mit dem Kopf wie eine Wackelkopf-Dekofigur. Er war halt gut drauf. Und das galt es, durch überdrehte Posen zu unterstreichen. Stefan, der Manager von Vanilla Skyline, liebte dieses Überdrehte an seinen Jungs. Er hielt es für eine kommerziell verwertbare Attitüde. Mädchen standen auf so etwas. Zumindest war Stefan davon überzeugt.

„Korrekt, Digger“, pflichtete Thorge bei und nickte ebenfalls wie eine Wackelkopf-Figur. Denn auch er buhlte um die Gunst von Stefan, der Thorge und David als Frontmänner der Band auserkoren hatte. Wegen ihrer Präsenz. Und weil sie wie Hund und Katze waren. Die aus dem ungleichen Paar resultierenden Konflikte gaben der Band den besonderen Thrill, glaubte Stefan. Und niemand wagte, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. David war der Angepasste und Zielstrebige, der perfekte Schwiegersohn. Thorge war der Surfertyp. Ohne Plan, aber immer lässig, immer gut drauf. „Gib mir Five, Bruder“, forderte Thorge grinsend. Er streckte David seine Hand entgegen.

„Das stand im Skript aber anders“, entgegnete David und gab Thorge kein High Five. „Wir sollten uns umarmen, weil das eine brüderliche Geste ist. High Five ist eine Geste für den Abiball. Dort klatscht man mit Leuten ab, bei denen man froh ist, dass man sie einen Tag später nicht mehr sehen muss. Aber mit dem High Five tut man so, als ob die Arschgeige aus dem Jahrgang zum Freund fürs Leben geworden ist.“

„Ja, genau so, David“, rief Stefan und klatschte in die Hände. Er stand neben dem Schlagzeuger Calvin und dem Bassisten Jimbo von Vanilla Skyline.

Calvin filmte das Interview mit der Kamera. Aus Budgetgründen war kein professioneller Kameramann engagiert worden. Und deshalb erhielt Calvin in der gerade in Produktion befindlichen Doku „Forever bros – Vanilla Skyline uncut“ keine eigenen Szenen. Er wird im Opener der Doku in einem gemeinsamen Statement der anderen Bandmitglieder als abwesend entschuldigt werden, weil er auf Heimaturlaub in Wales sei. Calvin hatte gegen die Rolle des Kameramanns heftig protestiert. Aber wen kümmerte die Meinung von Calvin?

Stefan textete weiter: „Das ist genau der Markenkern von Vanilla Skyline: Brüderlichkeit, die aus einer Spiritualität gespeist ist. Das Ganze muss so wie ein Gospel daherkommen. Beseelt, beschwingt.“

Jetzt schaute Thorge doof aus der Wäsche. Brüderlichkeit daherkommend wie ein Gospel. Was bedeutete das überhaupt?

„Okay, kleine Übung, damit das auf dem Bildmaterial authentisch rüberkommt: Thorge umarm David!“, dirigierte Stefan. Mit der schwarzen Wayfarer Sonnenbrille, dem Irokesenschnitt und dem Armeeparka sah er aus wie Travis Bickle, die Hauptfigur aus dem Film Taxi Driver. Ein Typ bereit für ein Attentat. Aber wozu Attentate begehen, wenn man als Bandmanager auch eine Gruppe von Musikern tyrannisieren konnte? Thorge umarmte David, der es sichtlich genervt über sich ergehen ließ.

„Du transportierst mit der Umarmung kein Gefühl. Das hätte selbst Calvin besser hingekriegt“, bewertete Stefan die Darbietung.

„Hey, come on! Das ist ein bisschen rude“, sagte Calvin und setzte mit gekränkter Pose die Kamera von der Schulter ab.

„Nimm es nicht persönlich, Calvin“, log Stefan. „Ihr Schotten geizt halt selbst bei Gefühlen.“

„Der beste Spruch des Tages“, klinkte sich Jimbo ein. Alles, was Calvin angriff, fand Jimbo klasse. Aus seiner Sicht brauchte jede Band ihren Watschenmann, weil es irgendwie gut für das Gruppenklima sei. So eine Art Entlastungsfunktion. Er klatschte mit Stefan ab. Wenn man aus L.A. kommt, darf man also doch High Five geben, dachte Thorge. Aber er verkniff sich einen Kommentar. Jimbo war zur Zeit ziemlich dicke mit Stefan. Die beiden spielten regelmäßig Hacky Sack miteinander. Das machte Stefan immer nur mit dem Bandmitglied, auf das er gerade richtig Bock hatte. Also nicht sexuell, um Missverständnissen vorzubeugen, sondern mehr von den Sympathiewerten. Er spielte nie Hacky Sack mit Calvin, immer mal wieder mit David und früher oft mit Thorge. Aber mittlerweile eigentlich gar nicht mehr mit Thorge. Und das beunruhigte Thorge. Er wollte ja nicht wie Calvin enden. Vermutlich war Jimbo zur Zeit für Hacky Sack auserkoren, weil er beim Gewichtheben ziemlich Gas gegeben hatte. Seine Muskeln waren deutlich dicker geworden und betonten seine Tattoos ziemlich genial. Nach Stefans Definition brauchte jede Boyband einen Bad Guy. Und bei Vanilla Skyline war das Jimbo aus L.A..

„Schotte? Ich bin aus Wales“, protestierte Calvin.

„Okay, okay, ich geb dir ne Hilfestellung“, schnauzte Stefan Thorge an, ohne auf Calvin weiter einzugehen. „Leg deine Arme um David und denk an irgendwas total Trauriges. Wie die Absetzung von ‚Golden Girls‘. Damit das in der Doku total beseelt aussieht.“

Kein sehr hilfreiches Beispiel, dachte Thorge. Aber er verkniff sich wieder einen Kommentar. Ansonsten war an eine Einladung auf eine Hacky-Sack-Partie von Stefan erst gar nicht mehr zu denken. Stattdessen legte er die Arme um David und dachte an den Selbstmord von Kurt Cobain. Und da kullerten ihm die Tränen aus den Augen.

„Flennen sollst du aber auch nicht“, brüllte Stefan regelrecht verzweifelt. „Okay, okay, legen wir die Szene auf Eis und gehen mal zur Live Performance von ‚Forever bros‘ über. Jungs, stellt euch zusammen und performt!“

„Okay, dann gehe ich mal aus dem Bild“, sagte Julia. Sie klappte ihren Stuhl zusammen und befolgte ihre Worte. Stefan hatte Julia als Moderatorin der Doku auserkoren, weil sie die Hipness des angesagten Teils von Kreuzberg repräsentierte. Sie trug ein bauchfreies Top kombiniert mit einer Hüftjeans und hatte langes brünettes Haar mit Strähnchen. Ihr Appeal prägte den Look der Doku ungemein, fand Stefan.

David und Thorge sprangen vom Sofa auf, Jimbo lief zu ihnen und Calvin setzte erneut die Kamera ab, um sich auch dazuzustellen. „Nein, Calvin, Kamera wieder aufsetzen!“, brüllte Stefan mit gekränkter Stimme. „Du bist noch nicht zurück aus Schottland, du kleiner, verspielter Hundewelpen. Du filmst!“

„Wales nicht Schottland“, brüllte Calvin und schulterte mit einem Seufzer wieder die Kamera. Er fügte sich seinem Schicksal. Jimbo kicherte über Calvin. Stefan ging zur Musikanlage und drückte auf Play. Das Gitarrenintro von „Forever bros“ erklang und das Trio senkte die Köpfe. Diese träumerische, leicht traurige Melodie, die einen auf den Solopart von David einstimmt. Sie sollte dem Hörer das Bild eines aufgewühlten Menschen einpflanzen, der einsam in einem Kämmerlein sitzt und sein Schicksal betrauert. Mit Auslaufen des Intros hob David den Kopf und performte Playback:

„Loneliness was chasing me,

standing alone so desperately,

but now hope is there,

cause my friends take care!“

Synchron hoben Jimbo und Thorge ihre Köpfe und bewegten die Lippen zum Playback:

„Yes, we take care on you,

cause one thing will be true.“

Und David, Jimbo und Thorge zusammen:

„Forever and ever cause we are bros,

forever and ever cause we are bros.

Never say never cause we are bros,

never say never cause we are bros.“

Dann brüllte David in ein Megafon, welches er hinter dem Ledersofa hervorgezogen hatte: „And now, ladies and gentlemen, T-Bone is coming.“

Mit lässigen Bewegungen schritt Thorge in den Vordergrund. Es war sein Einsatz. Nun galt es, den Playback-Rapper zu geben. Ein bisschen mochte er diese Rolle ja auch. Obwohl er sich nach Höherem sehnte. Stefan hatte ihm eingebläut, dass ein echter Performer auch eine besondere Art besaß, im Raum zu wirken. Deshalb setzte sein Part nicht sofort ein, sondern er groovte erstmal ein bisschen vor sich hin. Dann das Playback:

„When the bro time comes,

and the heartbeat drums,

step into that groove,

and give us a move,

cause we like the party,

and you like the party,

the beats are so tight,

the light is so bright,

when the bro time comes,

and the heartbeat drums ...“

„Stopp!“, brüllte Calvin. Keiner reagierte. Also nochmal: „Stopp!“

Stefan schaltete die Musikanlage aus und fragte: „Was ist denn los, mein schottischer Ziegenhirte?“

„Ich hatte nicht auf Play gedrückt“, gestand Calvin und unterließ es, Stefan wieder über seine Herkunft zu belehren. Er war jetzt einfach zu sehr in Defensive. „Die Performance ist nicht auf Band.“

„Soll ich ihn umbringen?“, fragte Jimbo Stefan.

Kurzes Zögern. „Nein“, entschied Stefan wie ein Scharfrichter. „Wir sind hier ja nicht im Mittelalter. Und gute Schlagzeuger sind rar gesät.“

Calvin lächelte geschmeichelt.

„Womit ich nicht sagen wollte, dass du gut Schlagzeug spielst“, sprach Stefan. Calvins Mundwinkel erschlafften. „Aber immerhin bist du einer. Und die sind halt insgesamt rar gesät.“ Dann überlegte er und sagte: „Machen wir doch mal was, um die Stimmung aufzulockern.“

„Was denn?“, fragte Thorge nicht ohne Neugier.

„Einzelinterviews. Auf Selbstdarstellung hat doch jeder Bock“, antwortete Stefan. Einen kurzen Augenblick glaubte Stefan, dass Jimbo David heimlich einen Zettel zuschob. Aber bestimmt hatte er sich das nur eingebildet.

T-Bone uncut

„Hey T-Bone, erzähl den Fans mal, wie du zu Vanilla Skyline kamst“, forderte Julia Thorge auf. Stefan hatte entschieden, dass Thorge alias T-Bone als Erstes bei den Einzelinterviews drankam. Das löste bei Thorge eine freudige Gänsehaut aus, denn er deutete diese Entscheidung als ersten Indikator, dass Stefan mal wieder mit ihm Hacky Sack spielen würde. Also hatte er jetzt abzuliefern.

„Toxoplasmose“, sagte Thorge und kicherte. Stefan hatte ihn gebrieft, dass er als alberner Typ bei den Fans immer am besten ankam. Also bediente er das auch, so gut es ging.

Irritiert fragte Julia: „Hey T-Bone, what? Toxoplasmose? Erklär mal, wie du das meinst?“

Ungläubig schüttelte Thorge den Kopf und sagte: „Ach kein Plan, wie ich zu den Jungs stieß. Deshalb habe ich einfach mal das derbste Wort der Welt rausgehauen: Toxoplasmose eben. Ich denke, es ist einfach Schicksal, dass die Jungs und ich zu einer Brotherhood geworden sind.“

„Okay, okay“, sagte Julia. „Das verstehe ich total. Sag mal, du sollst in deiner Hildesheimer Zeit ein ziemlich genialer Streetballer gewesen sein. Stimmt das?“

„Korrekt, Julia, das hast du so gut recherchiert. Aber ich konnte mich irgendwie nie entscheiden, ob Surfen oder Skaten oder Streetball mein Ding ist. Also hab ich einfach alles gemacht. Aber deshalb hab ich auch so ein bisschen schlechtes Gewissen.“

„Aber hey, T-Bone, wieso hast du denn ein schlechtes Gewissen, dass du so ein krasser Sportler bist?“

„Weil das irgendwie überhaupt nicht mit meiner Grunge-Attitüde zusammenpasst. Kurt Cobain hasste Sportlertypen. Deshalb wollte ich eigentlich nie ein Sportlertyp sein und bin es dann doch irgendwie geworden. Dammit, sag ich dir.“

„Boah, das versteh ich total. Jimbo soll in seiner Seattle Zeit ja Kurt Cobain über dem Weg gelaufen sein. Redest du ab und zu mit ihm über die Seattle Jahre?“

„Ob ich ab und zu mit ihm darüber rede? Die ersten drei Monate, nachdem ich ihn kennenlernte, saß ich nur bei ihm auf dem Schoß und stellte Fragen: Wie war Kurt? Wie war Seattle in den Neunzigern? Welche Konzerte hast du im Central Saloon angeschaut? Das ging nur so.“

Julia total begeistert: „Das ist ja voll krass, dass ihr so viel miteinander zu bereden habt. Finde ich voll gut. Aber hey, T-Bone, ist das kein gewagter Schritt vom Grunger hin zum Mitglied einer Boyband?“

Mit gespielter Tragik legte Thorge die Hände auf seine Augen, schüttelte kurz ungläubig den Kopf und ließ die Hände wieder sinken. „Überhaupt nicht, Julia. Denn Vanilla Skyline hat diese geniale Mischung aus meinen derben Gitarrenriffs im Post-Grunge-Stil und einem total sophisticated angehauchten Pop. Das kann nur funktionieren und passt total zu meinem Weg“, log er so glaubwürdig, dass er einen Moment selbst dran glaubte.

Calvin setzte die Kamera ab und sagte: „Ich hab mal kurz ausgeschaltet. Stefan ist ja gerade unterwegs, deshalb gib Julia doch noch schnell den Zettel.“

„Ach ja, stimmt“, sagte Thorge und kramte aus seiner Hosentasche einen Zettel hervor, den er Julia gab.

„Danke“, sagte Julia und überflog, was auf dem Zettel stand. Sie schmunzelte. Dann ihre Frage: „Sollen wir weitermachen?“

„Ach, ich sag mal: Es langt. Meine Sport- und Grungeliebe ist ja auf Band. Mach mal mit unserem Genie David weiter, der braucht Aufmerksamkeit!“, entschied Thorge.

David uncut

„Die Schulzeit war für mich das Schlimmste.“

„Wurdest du gemobbt?“, fragte Julia. Ihr Mund stand offen, denn sie rechnete mit einem dramatischen Geständnis.

„Nein, schlimmer.“

„Was denn?“

„Sie haben mich alle geliebt. Ich war immer der Beliebteste. Und das habe ich so gehasst.“

Julia etwas erstaunt: „Aber hat beliebt sein nicht auch viele Vorteile?“

Ungläubig seufzend erwiderte David: „Für andere vielleicht. Aber wenn du spürst, dass du etwas Besonderes hast und andere wollen sich immer nur an dich dranhängen, weil du eben dieses Besondere hast, oh mein Gott, dann ist das so furchtbar. Ich habe diese Schleimer alle gehasst.“

„Das ist ... äh ... ein interessanter Standpunkt“, versuchte Julia, Davids Arroganz etwas zu glätten. „Du giltst ja auch als jemand, der gerne einen besonderen Standpunkt vertritt.“

„Na, das hast du jetzt aber gelungen ausgedrückt.“

„Cut“, rief Julia und Calvin nahm die Kamera von der Schulter. „Möchtest du deinen Fans nicht lieber etwas von dir offenbaren, wodurch sie an deinem Leben besser Anteil nehmen? Dass du dich zum Beispiel um den Erhalt der Natur sorgst? Oder dass du hilfsbedürftige Kinder unterstützt?“

„Wieso?“, erwiderte David nur knapp.

„Na ja, die Doku ist ja als eine Art Charmeoffensive gedacht, nachdem eure Osteuropa-Tournee nicht so lief.“

„Sehe ich anders. Mick Hucknall gibt auch offen zu, dass er etwas Besonderes ist. Und die Frauen reißen sich um ihn.“

„Äh, ja, okay“, stammelte Julia. Die Doku sollte ihren Einstieg in den Musikjournalismus bedeuten, da galt es Konflikte mit der Band eher zu vermeiden. Die Tage als Kellnerin in den Szenekneipen Kreuzbergs hatte sie satt. Deshalb versuchte sie es so: „Themawechsel. Hast du schon deinen Zettel erhalten.“

Kopfschütteln und enttäuschtes Seufzen von David. „Julia, die Zettel waren doch dafür da, dass alles wortlos abläuft.“

„Na ja, immerhin ist Stefan ja zur Zeit nicht da und da dachte ich, ich könnte mal fragen.“