Das Lied von Storch und Dromedar - Anjet Daanje - E-Book

Das Lied von Storch und Dromedar E-Book

Anjet Daanje

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Beschreibung

Eliza May Drayden ist bereits tot, als der Roman 1847 im englischen Yorkshire beginnt. Sie wuchs mit ihren Schwestern in einem einsamen Pfarrhaus in dem kleinen Dorf Bridge Fowling auf, wo sie vor dem wütenden Tod, der nach und nach ihre Familie dahingerafft hat, in eine Fantasiewelt flüchtete. Das Ergebnis: der so verstörende wie faszinierende Roman Haegar Mass – Effekthascherei, urteilen die Zeitgenossen, ein Meisterwerk, schwärmt die Nachwelt. Mit den Jahren wächst ihr Ruhm, ebenso wie das Mysterium der Drayden-Schwestern – zumal sich eines Tages herausstellt, dass der Sarg der großen Schriftstellerin, zu dem jährlich Tausende Literaturliebhaber pilgern, leer ist. Über das Leben Elizas ist wenig bekannt, die Todesumstände sind geheimnisumwittert, und neben ihrem Roman hat sie nur ein Notizbuch mit undurchsichtigen Zeichnungen, Gedichten und Tabellen hinterlassen. Wir lernen Eliza durch die Leben von Menschen kennen, die alle auf die eine oder andere Weise mit ihr zusammenhängen, und in Auszügen aus Biografien und Zeitungsartikeln, die die großen Rätsel zu lösen suchen. Inspiriert vom Leben und Werk der britischen Schriftstellerin Emily Brontë schafft Anjet Daanje ein kaleidoskopisches Meisterwerk über die ewige Suche des Menschen nach Stabilität und Sinn – und inszeniert dabei ein packendes literarisches Verwirrspiel.

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Seitenzahl: 1419

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Eliza May Drayden, die Hauptfigur in Das Lied von Storch und Dromedar, ist bereits tot, wenn der Roman 1847 im Dorf Bridge Fowling in Yorkshire beginnt. Jedes weitere Kapitel rückt in Bezug auf das vorhergehende ein wenig in der Zeit voran, bis die Geschichte im 11. Kapitel in unserer Gegenwart angekommen ist. Der Roman erzählt also nicht vom Leben der Eliza May Drayden, sondern ihr turbulentes Leben nach dem Tod.

Der Leser lernt Eliza May durch das Leben anderer, durch Biografien und Abhandlungen über sie kennen, denn sie war die Autorin eines einzigartigen Romans, der zu ihren Lebzeiten geschmäht worden ist, aber im Laufe von hundertsiebzig Jahren von immer mehr Lesern als Meisterwerk erkannt wird. Über ihr Leben ist herzlich wenig bekannt, die Umstände ihres Todes sind mysteriös, und neben ihrem Roman ist der einzige nachgelassene Text ein Notizbuch mit geheimnisvollen Zeichnungen, Gedichten und Tabellen.

Anjet Daanje ließ sich für ihren Roman vom Leben und Werk der Schriftstellerin Emily Brontë aus dem 19. Jahrhundert inspirieren. Das Lied von Storch und Dromedar baut auf der erfindungsreichen Erzählstruktur des Romans Die Sturmhöhe (Wuthering Heights) auf. Während Die Sturmhöhe zwei Erzähler hat und die Geschichte zwei Generationen und zweimal achtzehn Jahre umspannt, hat Das Lied von Storch und Dromedar elf Erzähler, die den Leser in eine Geschichte entführen, die sich über drei Jahrhunderte erstreckt.

Anjet Daanje

DAS LIEDVON STORCHUND DROMEDAR

Roman

Aus dem Niederländischenvon Ulrich Faure

friedenauerpresse

inhalt

1

Susan Knowles-Chester (1788–1851)

2

William P. Dwight: »Erinnerung an Millicent Drayden (23. Juli 1850)

Florence Eccleston: Das Leben von Millicent Drayden (1852)

Eliza May Drayden: »Ach, das Sprengen der Fesseln will nur schwer gelingen« (undatiert)

Grace Jennings-Appleton (1814–1870)

3

Olivia Black (Hrsg.): Die Briefe von Millicent Drayden (1986)

Agnes Chambers: Eliza May Drayden (1862)

Sterbeurkunde von Eliza May Drayden (12. Dezember 1847)

Kathleen Chambers (1851–1882)

4

Agnes Chambers: Notizen (1868–1878)

Eliza May Drayden: Haeger Mass (1845)

Eliza May Drayden: »Ich komme, wenn dir bange ist« (8. Februar 1836)

Emery Bowman (1858–1881)

5

Nathaniel Pettigrew: Die Drayden-Schwestern (1877)

Hazel Galloway: Literarische Orte (1995)

Eliza May Drayden: »So sprach ich und wiederhol’ es Mal für Mal«

Clyde Middleton (1825–1894)

6

Oliver Layton Longstaff: Spinn mich in mein einsam' Lager ein (1884)

Eliza May Drayden: »Bin gehüllt in die Finsternis der Nacht« (undatiert)

Jonas Croft (1839–1906)

7

Agnes Chambers: Notizen (1868–1878)

Rosemary Gibbs: Die vergessene Schwester; das Leben der Helen Drayden (2020)

Eliza May Drayden: »Wenn Gram um Gram dich rühren kann« (14. Juni 1840)

Phoebe Selena Goodman-Deering (1863–1912)

8

Rachel Hester Hamilton-Smith: »Eliza May Draydens großer und stiller Kummer (1892)

Brief von Julia Fitzroy an Oliver Layton Longstaff (27. Mai 1883)

Eliza May Drayden: »Sie kommt mit den westlichen Lüften, dem abends aufziehnden Wind« (19. November 1842)

Amélie de Louvrière des Garrons (1895–1971)

9

The Daily Telegraph: »Briefe von Millicent Drayden entdeckt«, (9. September 1898)

Angel Parish: Füttere mich mit deinen anmutigen, schwarz gefleckten Worten (1973)

Eliza May Drayden: »Komm, setz dich in die Sonne auf den Stein« (6. Dezember 1845)

Dagmar Balthasar / Dora Barker (1934–1988)

10

Agnes Chambers: Notizen (1868–1878)

Craig Nowell: »Meine Liebe ist tödlich« (23. August 2002)

Eliza May Drayden: »Verlassener, da liegst du kalt« (undatiert)

Emery Niles (1947–2030)

11

Agnes Chambers: Notizen (1868–1878)

Eliza May Drayden: »Schließlich hat der Nebel sich verzogen« (19. Juli 1846)

Ties Auwerda (1956–2007)

Anmerkungen

Gewidmet Emily Jane Brontë (1818–1848),

Charlotte Brontë (1816–1855)

und Anne Brontë (1820–1849).

Und meinen Eltern, Wil den Boer-Daanje (1933–2015)

und Piet den Boer (1926–2016).

Und allen anderen, die nicht mehr unter uns sind,

aber in unserer Vorstellung weiterleben.

Komm, setz dich in die Sonne auf den Stein

Dies winterliche Licht auf blütenlosem Moor

Setz dich, wir sind doch ganz allein

Rein überwölbt von atemlosem Himmelsflor.1

Susan Knowles-Chester (1788–1851)

Der 12. Dezember 1847 ist der Tag, der das Leben von Susan Knowles bestimmt, sie ist da schon um die sechzig, und vier Jahre später stirbt sie. Im Laufe ihres Lebens gibt es viele Tage, auf die sie sich freut, die sich im Vorhinein und auch, wenn sie herangerückt sind, mit Bedeutung füllen, aber im Nachhinein ihre Verheißung nicht einlösen können. Doch als nun jener 12. Dezember im Jahre unseres Herrn 1847 anbrach, schien es ein ganz gewöhnlicher Wintertag zu sein, der in Finsternis begann und in Finsternis und Kälte endete, ein Nordwind bläst, der körnigen Schnee in seinem Atem mitführt und die Straßen von Bridge Fowling während der Dämmerung fröstelig weiß färbt. Nur kurz verraten Susans Fußspuren, wohin sie gegangen ist, rechts in die Church Street, steil hinauf am Friedhof vorbei, aber schon zu der Zeit, als sie leise den Platz vor dem Pfarrhaus betritt, könnte anhand ihrer Spuren niemand mehr erkennen, zu welcher armen Seele die Abgesandte des Todes geeilt ist.

Die Einheimischen verabscheuen ihre Arbeit, wo sie auch hinkommt, schwimmt Trauer wie Treibholz in ihrem Kielwasser, doch wenn die Zeit gekommen ist, rufen viele sie zu Hilfe, das ist ein offenes Geheimnis. Wie sie alle wissen, dass die meisten Menschen, selbst die gläubigsten, nicht hinübergleiten ohne Angst oder körperliche Erniedrigungen, obwohl sie sich in Behauptungen ergehen, wie ruhig sich der Verstorbene dem Willen Gottes gefügt habe und wie friedlich, wie tröstlich es gewesen sei, so weiß jeder im Ort auch, dass viele Frauen nach Wochen, manchmal sogar Jahren der Pflege eines Familienangehörigen diese allerletzte Obliegenheit vor lauter Kummer nicht mehr auf sich nehmen können, oder sie wagen es nicht, wollen es nicht, wissen nicht, was sie tun sollen. Susan lehrt sie die ehrerbietigen Rituale, die praktischen Handgriffe, und selbst dann, wenn sie nach dem ersten Mal die Gebräuche kennen, legen sie die Ausführung doch lieber in ihre Hände. Sie kommt heimlich, geht heimlich, an der Hintertür drücken ihr die Wohlhabenden ein paar Shilling in die Hand, die Armen ein paar Pennys, niemand braucht davon zu wissen, manchmal nicht einmal die Familie, der eigene Ehemann.

Ihre Mutter hat es ihr beigebracht, als ihre liebe, kleine Susey starb, gerade vier Jahre alt war sie, als sie dem Scharlach erlag. Das Schrecklichste an dem ganzen Ritual war für Susan die nasse Watte, die sie ihrem Töchterchen auf die Augenlider hatte legen müssen, denn noch Stunden, nachdem Susey ihre Augen zum letzten Mal geschlossen hatte, hatte Susan immer wieder den Eindruck, sie würde sie wieder öffnen wollen, um mit ihrem hilflosen, sanften, braunen Blick nach der Mama Ausschau zu halten. Und auch das Tuch, mit dem Susan die Kiefer zusammengebunden hatte, ehe die Leichenstarre einsetzte, war schrecklich, als würde sie ihr endgültig den Mund zuschnüren. Aber Susans Mutter erklärte ihr, dass sie Susey aus Liebe und Respekt so gut wie möglich auf das ewige Leben vorbereiten müssten. Die Gebete, die sie sprachen, das Waschen, das saubere Nachthemd, das Bürsten ihres kurz geschnittenen Haars, die gefalteten Hände, alles musste vollkommen sein für die, die sie noch ein letztes Mal sehen wollten, und auch für Susey selbst, die ihrem Schöpfer bald in Würde entgegenträte, um als kleiner Engel in den Himmel eingelassen zu werden. Es ist wie bei einer Hochzeit, sagte Susans Mutter, da putzt du dir auch die Ohren und wäschst dich zwischen den Beinen, ziehst deine besten Kleider an, sprichst feierliche Worte, und dann beginnst du ein neues Leben. Susan hatte das nie vergessen, ein Hochzeitsfest, so versuchte sie es zu sehen, während es für andere einfach nur der Tod war.

Nach Suseys Hinscheiden breitete sich Düsternis über Susans Leben, sie erwachte im Schatten des Todes und legte sich in ihm zur Ruhe, jeden Tag aufs Neue, wie ein nicht enden wollender Gang von Bett zu Bett. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie über das symbolische Schwarz der Trauer nachgedacht, über die Weisheit von Pfarrer Draydens biblischen Worten, über den Trost, der von einem Familiengrab ausging, das wie ein sorgfältig gemachtes Bett war, in das sie eines Tages selbst hineinkriechen konnte, um Susey in den Schlaf zu wiegen. Als Stütze diente ihr vor allem der Gedanke, dass all diese Rituale im Laufe der Jahrhunderte gediehen waren, weil Millionen von Menschen ihr in der Trauer vorangegangen waren und festgestellt hatten, dass es eben diese Verrichtungen waren, die für Erleichterung sorgten. Das Grab von Susey konnte man aufsuchen, die Locke von Suseys blondem Haar war zum Anfassen da und um an die Zeit zu erinnern, als es noch nicht wegen des Fiebers kurz geschnitten war, und die Predigt, die Psalmen und Gebete gab es, damit sie gehört, gesungen und geflüstert werden konnten. Wie eine Beschwörung näherten sich die sorgfältig gewählten Worte dem Rand des Dunkels, wo der Lichtkreis des Lebens die Toten berührte, ihre Zehen kitzelte, ihren Scheitel streichelte, mehr nicht, sodass sie wussten, dass ihrer gedacht wurde, aber sie nicht erwachten. Und deshalb ging Susan am Sonntag, allein am Sonntag, mit dem friedlichen Gefühl zu Bett, dass sie da oben bei Susey gewesen war, um ihr einen Gutenachtkuss zu geben und sie warm zuzudecken, und dass sie schlafen würden, sie und Susey.

Am liebsten würde Susan die leibhaftige Erscheinung des Todes vergessen, aber gerade das Bild von Suseys aufgebahrtem Körper war ihr am lebendigsten in Erinnerung geblieben. Dieses unnatürlich blasse Gesicht, die Züge erstarrt zu einem Ausdruck irgendwo zwischen Ergebenheit und Erstaunen, die Hände rechtschaffen fromm auf der Brust gefaltet, und kalt war sie, jedes Mal, wenn Susan sich nicht hatte zurückhalten können, nach den kleinen Fingern zu greifen oder die Wange zu küssen, ließ das Steife, Kalte, das sie berührte, sie zurückschrecken, es war wie gestärkte Laken im Winter. Sie sprach darüber mit Pfarrer Drayden, der sagte, dass es sehr menschlich sei, gerade ein solch schockierendes Erlebnis im Gedächtnis zu bewahren. Wenn du lernst, den Tod als einen unverzichtbaren Teil des Lebens anzusehen, sagte er, werden deine Erinnerungen an die lebendige Susey zurückkehren.

Susan wusste nicht, was sie mit diesem Ratschlag anfangen sollte, sie war sich jetzt mehr denn je bewusst, dass jeder Mensch sterben würde, aber was sie darüber hinaus noch verstehen musste, um Susey wiederzufinden, war ihr nicht klar. Sie wagte es nicht, Pfarrer Drayden noch einmal zu fragen, aber der spürte ihren anhaltenden Kummer. Und so geschah es, dass er am schrecklichsten Tag seines Lebens sein eigenes Leid beiseiteschob, zumindest für eine Weile, und sich um das ihre bekümmerte.

Pfarrer Robinson Drayden war mit Betty Stancliff verheiratet, die er während seines Studiums in Cambridge kennengelernt hatte. Er liebte sie sehr, viel zu sehr, tuschelte man in Bridge Fowling, denn sie wurde mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks schwanger, obwohl sie zart gebaut und von schwacher Gesundheit war. So hatte sie in sechs Jahren zwei Fehlgeburten und bekam vier Töchter, aber keinen einzigen Sohn, und bei der Geburt ihres fünften Kindes musste sogar Doktor Allsopp hinzugezogen werden. Mary Pickles, das Dienstmädchen der Pfarrei, war gegen Ende des Nachmittags aufgekreuzt, um ihn zu holen, Susan hatte die beiden eilig die Barley Street entlanglaufen sehen. Sie hatte für Betty gebetet und in den folgenden Stunden noch mehrmals an sie gedacht.

Mitten in der Nacht wurde sie durch Wummern an die Haustür geweckt, Joseph ging verschlafen und im Nachthemd die Treppe hinab, und einen Moment später rief er nach oben, dass es die Mary aus dem Pfarrhaus war, sie sei wegen Susan gekommen. Susan schlüpfte in ihr Kleid und eilte die Treppe hinab. Geht es Betty nicht gut, fragte sie, und Mary erzählte, dass das Baby falsch gelegen habe, mit den Füßen zum Ausgang, sagte sie. Doktor Allsopp hatte Pfarrer Drayden gefragt, wen von beiden er behalten wolle, Mutter oder Kind, und Pfarrer Drayden hatte, ohne zu zögern, seine Frau gewählt. Die aber hatte ihm diesen romantischen Beschluss untersagt, die Entbindung habe so lange gedauert und sei so schwer gewesen, hatte sie gesagt, dass sie sowieso in ein paar Tagen sterben würde, das bisschen Leben, das sie noch in sich habe, solle dem Baby vorbehalten bleiben. Die beiden Männer hatten keine andere Wahl, als ihren Wunsch zu respektieren. Mit großer Mühe gelang es Doktor Allsopp, das Baby zu drehen, und es wurde geboren, gesund und wohlauf, ein wahres Wunder, und wieder war es ein Mädchen. Helen heißt sie, sagte Mary, aber über Betty schwieg sie.

Susan ging mit ihr durch das schlafende Dorf zum Pfarrhaus. Es war eine laue Augustnacht, der Himmel begann sich am Horizont bereits zartrosa und blau zu färben, und es roch feucht nach dem warmen Tag, der hinter den blühenden Hügeln in der Ferne schlummerte. Susan fragte Mary nicht, warum Pfarrer Drayden nach ihr geschickt hatte. Er saß am Tisch im Salon, den Kopf tief gesenkt, als sei er tonnenschwer von all den aufgestauten Tränen, aber er betete nicht, stellte Susan fest, als Mary sie eintreten ließ. Er sah zu ihr auf, sie erkannte diesen Blick, die Verwirrung, den Schmerz, so groß, dass er jedes andere Gefühl betäubte, und sie wusste, warum sie hier war. Sie ist oben, sagte er, zweite Tür links, würden Sie sie bitte herrichten. Bettys Familie lebte weit weg in Cambridge, seine eigene Mutter und seine Schwestern wohnten in der Nähe von Manchester, seine Töchter, zwischen sieben Jahren und zwei Stunden alt, waren viel zu klein, Mary hätte es für ihn erledigen können, aber er bat Susan darum.

Susan bekam von Mary eine Schüssel mit lauwarmem Wasser aus der Küche, einen Waschlappen, zwei Handtücher, einen Bausch Watte und das Totenhemd, das Smith Baines, der Konditor und Leichenbestatter des Ortes, mitgebracht hatte, als er gekommen war, um Bettys Maße für den Sarg zu nehmen. Als sie die Treppe hinaufstieg, hatte Susan das Gefühl, dem Tod höchstpersönlich entgegenzutreten, und mit klopfendem Herzen öffnete sie die Schlafzimmertür. Betty lag auf dem Rücken im Bett am Fenster, sie war mit einem Laken bedeckt, und das Licht der Öllampe auf der Kommode flackerte über ihr Gesicht. Jemand, wahrscheinlich Mary, hatte ihr zwei nasse Wattebäusche auf die Augen gelegt und ihr ein Tuch mit großem Knoten oben am Kopf unters Kinn gebunden. Sie sah komisch aus, wie ein eingespanntes Zugpferd mit Scheuklappen und einem Federbusch am Stirnriemen des Halfters. Obwohl das Fenster offen war, roch es seltsam im Zimmer, ein Geruch, den Susan zwar kannte, aber nicht gleich zuordnen konnte. Bis sie das Laken zurückschlug und das ganze Blut sah. In einem sich weit ausbreitenden, bizarren Fleck von den Knien bis knapp unter die Brüste war das Innerste aus Betty herausgeflossen, über das Nachthemd, über das Bettlaken, das umsonst gewechselt worden war, über die Beine und die Hände. Das Grauen, das sich in diesem Raum abgespielt haben musste, sprang Susan an, es war, als würde sie auf sich selbst schauen, wie sie nach der Geburt von Susey im Bett gelegen hatte. Keine Mutter eines vollkommenen, kleinen Mädchens, das auf wundersame Weise in ihr gewachsen war, nur dieser zerfetzte Körper. Während sie einen großen Wattebausch in Betty hineinschob, vorn und hinten zwischen die Beine, dachte sie an die schmale Grenze zwischen Leben und Tod und betete für sie.

Sie war nicht auf diese herausfordernde Aufgabe vorbereitet, die Betty von ihr verlangte. Als sie auf die Bitte von Pfarrer Drayden eingegangen war, hatte sie nur eine undeutliche Vorstellung von dem, was sie erwartete, er jedoch muss gewusst haben, was er ihr auferlegte, denn er hatte Hunderte seiner Gemeindemitglieder sterben sehen. Und während sie mit Bettys Körper kämpfte, ihren widerspenstigen Armen und Beinen, ihrem langen, losen Haar, dem klammen, übelriechenden Nachthemd, und schließlich in ihrer Verzweiflung allen Anstand über Bord warf und sie dann eben nicht unter dem Laken auszog, sie sogar nackt und bloß wusch, verfluchte sie ihn, sie verstand nicht, warum er ihr das angetan, warum er sie dafür mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatte.

Betty war wie ein hilfloses Kind, das Susan beruhigen und waschen musste, sie sprach in sanftem Ton mit ihr, flehte sie an, doch jetzt bitte mal mitzumachen, sie tröstete sie, erzählte ihr von Susey und betete mit ihr. Ein seltsames Einvernehmen entwickelte sich in dieser langen, dämmerigen Stunde zwischen den beiden, das alle anderen ausschloss, als wären die Wände des Zimmers die Grenzen der Welt. Und ungemein deutlich erinnerte sich Susan an die letzten beiden Wochen von Suseys Leben, als sie sich wegen der Ansteckungsgefahr mit ihr in dem kleinen Schlafzimmer eingeschlossen hatte und zusammen mit ihr gestorben war, dann aber allein weiterleben musste. Nachbarsfrauen und ihre Schwestern stellten ihr regelmäßig Essen auf den Flur, und mit Joseph sprach sie getrennt durch die Tür. Ihr ganzes Leben hatte sie in den Dienst dieses kranken, kleinen Körpers gestellt, den sie pflegen und retten musste. Aber sie hatte nur machtlos dagestanden, Aug in Aug mit ihm, dem Tod, der kein Erbarmen kennt.

Das Wasser in der Waschschüssel färbte sich rosarot, sie müsste gehen und frisches von der Pumpe holen, die blutigen Sachen in der Waschküche einweichen, mit Mary einen Schwatz halten. Sie ging nicht, sie blieb bei Betty im Zimmer, wo die ersten Sonnenstrahlen durchs offene Fenster hereinfielen und mit ihrer Wärme die eiskalte Nähe des Todes unterstrichen. Sie bürstete Bettys langes Haar, faltete ihre Hände auf der Brust und setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Bett. Eine große Ruhe überkam sie, als wäre sie nur um Haaresbreite nicht in den Abgrund gestürzt, als hätte sie einen Blick in das Land werfen können, in dem Susey sich jetzt aufhielt, ein Land, das eine Fortsetzung all dessen war, was Susan kannte, die Kehrseite des Lebens.

Es dauerte nicht lange, keine fünf Wochen, bis sich herausstellte, dass Susan schwanger war. Joseph war glücklich, aber sie war im Stillen davon überzeugt, dass sie das Kind des Todes in sich trug, das in jener ungewollt unsittlichen Umarmung mit Bettys Körper gezeugt worden war. Zwei Jahre lang war sie sehr vorsichtig gewesen, weil sie Susey nicht mit einem neuen Baby verraten wollte. Manchmal hatte sie vorgetäuscht, dass sie schon schlief, wenn Joseph sie begehrte, und war es doch einmal dazu gekommen, hatte sie sich danach in die Küche geschlichen, um Samen der wilden Möhre zu essen. Sie hatte nicht gewusst, dass sie auch nach dem Herrichten einer Toten Vorkehrungen hätte treffen müssen, das hatte ihr niemand gesagt, und sie hatte sich auch nicht getraut, Pfarrer Drayden danach zu fragen.

Jetzt, da sie es wusste, erkannte sie Übereinstimmungen zwischen dem einen und dem anderen. Sie dachte ständig an ihre Dämmerstunde mit Betty, sie sehnte sich nach einem weiteren Mal, und dann würde sie sittsamer zu Werke gehen, nahm sie sich vor. Sie suchte Smith Baines auf, den Leichenbestatter, und bot ihm ihre Dienste an, er versprach ihr, seine Klienten diskret darauf hinzuweisen, dass sie ihre Toten bei ihr herrichten lassen konnten, und dann bat sie Doktor Allsopp und Pfarrer Drayden um dasselbe.

Wenig später stand sie dem Tod aufs Neue Aug in Aug gegenüber, diesmal kam sie besser zurecht, ohne die Verzweiflung, die Betty in ihr ausgelöst hatte, und deshalb war es auch weniger überwältigend. Bei den nächsten Todesfällen, die ihr anvertraut wurden, fand sie zu einem Ritual, das feierlich alle früheren Male mit einbezog und wie ein Gebet intim und doch angemessen zurückhaltend war. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem sie die Zimmertür öffnete und den Verstorbenen in seinem menschenunwürdigen Zustand auf dem Bett liegen sah, und dem, wenn sie seinen nun makellosen Körper mit einem Laken bedeckte und ein letztes Wort an ihn richtete, gehörte allein ihr und dem Tod. Nur sie allein kannte sein wahres Wesen, alle anderen sahen über seine schmutzigen Streiche hinweg, seine Unbarmherzigkeit, seine ungezügelte Begierde, und sie war seine Handlangerin, sie verwischte seine Spuren, damit ihre Mitmenschen ihn in tröstende Worten fassen konnten und nicht allzu unumwunden seine Bekanntschaft machen mussten, bis er eines schicksalhaften Tages an ihr Bett treten würde.

Sie brachte einen Sohn zur Welt, John, der nicht missgebildet oder kränklich war, wie sie es befürchtet hatte, und dann bekam sie noch eine Tochter, Martha, und auch die nahm er ihr nicht. Sie liebte ihre Kinder, aber nicht so, wie sie Susey geliebt hatte. Es war nicht aus Angst, sie war einfach nicht mehr dazu in der Lage, etwas in ihr war wohl gestorben, als Susey ihren letzten Atem aushauchte. Sie sprach mit niemandem über ihre Erstgeborene, nur mit ihm, in dieser sich immer wiederholenden Stunde, wenn sie ihm das Fleisch, in das er sich verbissen hatte, zu entreißen trachtete, während er ihre Versuche mit stiller Ironie beäugte, denn nach der Beerdigung würde er doch wieder freie Hand haben. Susey war das Geheimnis, das sie mit ihm teilte, und wie sie früher die Hälfte ihrer Tochter an Joseph abtreten musste, schenkte sie diese nun widerwillig dem Tod. Susey begann, ihrem neuen Vater auf bestürzende Art ähnlich zu sehen. Nach den Dutzenden Leichen, die sie versorgt hatte, wusste Susan nicht mehr mit Sicherheit, ob sie Susey das letzte Mal selbst gewaschen hatte oder ob ihre Mutter es getan hatte. Sie konnte sich nicht mehr genau erinnern, wie Susey ausgesehen hatte, als sie im Esszimmer in ihrem kleinen, von Joseph angefertigten Sarg aufgebahrt war, sie hatte das friedsame Lächeln der toten Gesichter angenommen, die Susan fachkundig in die richtige Form gezwungen hatte. Und noch immer, auch wenn Pfarrer Drayden es ihr versprochen hatte, war die lebendige Susey nicht hinter ihrem blassen, regungslosen Doppelgänger zum Vorschein gekommen.

Susan versorgte nicht nur die Toten, sie nähte auch Leichenhemden, Bahrtücher und Trauerkleider, und Joseph, der Tischler war, begann neben seinen Tischen, Stühlen und Schränken auch Särge herzustellen. Der Tod war ein großzügiger Arbeitgeber, ein einfacher Sarg aus Ulme kostete schnell zwei Pfund, und wohlhabende Dorfbewohner wünschten oft einen Sarg mit drei Wänden, für den Joseph sechs oder sieben Pfund verlangen konnte. Wenn es in Bridge Fowling schlecht ging, ein strenger Winter, Arbeitslosigkeit, eine Epidemie, hatten Susan und Joseph Knowles ein gutes Auskommen, was im Ort mit Neid beargwöhnt wurde, und nicht allein bei Susan und Joseph. Sie arbeiteten eng mit Smith Baines zusammen, der die Beerdigungen organisierte, die Sargträger, das Totenmahl und bei Bedarf eine Kutsche mit Pferden. Auch der Steinmetz William Randall, die Totengräber Frank Joiner und Job Wynne, der Goldschmied Ezra Wade aus Steadborough, der aus den Haarlocken der Toten Trauerschmuck herstellte, und der Drucker Joel Witherspoon, der Karten und Briefpapier mit Trauerrand verkaufte, sowie der Küster Thomas Finch, Pfarrer Drayden und Doktor Allsopp, alle profitierten sie, wenn andere litten. Sie waren wie Aasgeier, tuschelten die Leute hinter ihrem Rücken, und einige vermuteten sogar, dass sie die Krankheiten, die Bridge Fowling heimsuchten, selbst herbeiriefen, denn nie traf das Schicksal die Familien Knowles oder Baines.

Im vierten Jahr von Susans Pakt mit dem Tod, im Herbst 1817, starb Sarah, die älteste Tochter von Pfarrer Drayden, im Alter von elf Jahren an Schwindsucht. An einem verregneten Nachmittag kam Mary Susan holen. Susan griff nach der Tasche, in der sie ihre Bibel und Bänder, Tücher, Watte sowie Totenhemden und Hauben in verschiedenen Größen verwahrte. Pfarrer Drayden sah sie nicht, die Stubentür blieb vorsorglich geschlossen, und sie hörte keine Kinderstimmen, im ganzen Haus herrschte Stille. Mary machte eine Gebärde nach oben. Die erste Tür links, sagte sie, dort steht eine Schüssel mit Wasser für Sie bereit.

Sarah war vor nicht einmal einer halben Stunde gestorben, sie war noch warm, ihr Leiden noch spürbar. Susan schloss ihr die Augen, beschwerte die Augenlider mit nasser Watte und band ein Tuch um ihren Kopf. Völlig ausgezehrt war sie, ausgemergelt, kein elfjähriges Mädchen, sondern eine kleine, alte Frau. Susan schob den Stuhl an das Bett und setzte sich mit der Bibel auf dem Schoß neben sie. Kinder herzurichten war immer heikel, was sie auch versuchte, Susey hielt sich erschrocken verborgen. Sie wollte ihrer Mutter wohl nicht bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, nicht zuhören, wenn Susan mit ihr sprach, nicht auf dem Boden zu ihren Füßen spielen.

Am Bett sitzend las Susan aus der Bibel vor, betete für die arme Sarah, und hin und wieder schloss sie die Augen und wartete ab, ob Susey ihr dieses Mal vielleicht doch Gesellschaft leisten wollte. Nach einer Stunde stand sie auf, und während sie Sarah unter dem Laken mit diskreten und eingespielten Handgriffen entkleidete, hörte sie unten im Flur Kinderstimmen. Sie dachte an Susey, dieser Gedanke war so stark, dass sie sie vor sich sah, ihre hellbraunen Augen, ihr blaues Kleid, ihr blondes Haar, ihr verschmitztes Lächeln. Dann wurde an der Tür gerüttelt, die Klinke bewegte sich nach unten und oben, dann wieder nach unten, als würde ein Kind auf Zehenspitzen danach greifen. Susans Herz setzte einen Schlag aus, in ängstlicher Erwartung starrte sie auf die Tür. Die öffnete sich langsam, und ein etwa vier- oder fünfjähriges Mädchen in blauem Kleidchen erschien auf der Schwelle. Eine Sekunde lang, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, weigerte sich Susan, die Wahrheit an sich heranzulassen. Sie verschlang das Mädchen mit ihren Blicken, färbte ihr braunes Haar blond, die grauen Augen braun, füllte ihren schmalen Körper mit Babyspeck auf. Es war Eliza May, die zweitjüngste Tochter von Pfarrer Drayden. Du darfst nicht hierherkommen, sagte Susan, wenn ich gleich mit ihr fertig bin, kannst du deine Schwester besuchen. Eliza reagierte nicht, sie hielt den Blick auf Sarahs Körper unter dem Laken gerichtet, schloss die Tür hinter sich und trat auf sie zu.

Jedes andere Kind hätte Susan weggeschickt, notfalls mit Gewalt, aber ein Restchen von Susey war an Eliza kleben geblieben, etwas Unfassliches, das ein warmes, zärtliches Gefühl in Susan wachrief, wie sie es seit Suseys Tod nicht mehr gekannt hatte, von dem sie nicht einmal wusste, dass sie es vermisst hatte, bis es sie jetzt in Gestalt dieses unbekannten Mädchens überfiel. Da war keine Mutter, die sich um das arme Kind kümmerte, Betty würde sich schämen, ihre Tochter war aus dem hellblauen Kleid herausgewachsen, die Ärmel waren zu kurz, der Saum reichte ihr nicht bis zu den Knöcheln, sondern nur bis zur Hälfte der Waden, und ihre Füße waren nackt und schmutzig. Sie sah aus wie ein Kind aus dem Armenviertel. Hast du auf dem Heidemoor gespielt, fragte Susan.

Eliza streckte ihren Arm aus und berührte sanft Sarahs Wange. Überrascht von der Veränderung ihrer Schwester, zog sie die Hand schnell zurück. Susan erklärte, dass es sich um Sarahs sterbliche Überreste handle und ihre Seele schon im Himmel sei. Hat die Seele sie warmgehalten, fragte Eliza. Sie richtete einen scheuen Blick auf Susan. Die schönsten Augen, die Susan je gesehen hatte, schauten aus diesem mageren Kindergesicht, graublau mit einem Hauch von Goldbraun, groß und glänzend, durchscheinend wie ein Becken voll Wasser in der Sommersonne.

Setz dich dort hin, sagte Susan und deutete auf den Stuhl, dann kann ich mit meiner Arbeit weitermachen. Eliza kletterte auf den Stuhl und schaute mit großem Ernst zu, während Susan Sarahs Körper unter dem Laken mit einem nassen Waschlappen wusch. Alles war anders unter dem unschuldigen, graublauen Kinderblick, der Raum füllte sich mit Suseys Gegenwart, so trügerisch echt, dass der Kontrast zwischen Susans Resignation von vor nicht einmal zehn Minuten und diesem Glück schmerzhaft groß war und es sie Mühe kostete, die Tränen zurückzuhalten.

Wird man vom Sterben schmutzig, fragte Eliza. Nicht so schmutzig wie deine Füße, sagte Susan, kniete sich vor sie hin, wusch ihr die Füße mit dem sauberen Wasser aus der Schüssel und trocknete sie mit einem unbenutzten Handtuch ab. Hast du keine Strümpfe und Schuhe, fragte sie sie. Eliza wackelte mit den Zehen, ich will keine Schuhe, sagte sie. Susan versuchte sie davon zu überzeugen, dass sie dann krank werden würde, aber ihre Argumente machten keinen Eindruck.

Sie holte ein Totenhemd aus ihrer Tasche und breitete es unter dem Laken über Sarah aus. Beim Anziehen des rechten Ärmels hielt sie Sarahs Hand fest, als liefen sie gemeinsam die Straße entlang, und sie sah Elizas Blick auf die ineinander verschlungenen Finger. In einer plötzlichen Eingebung streckte Susan ihr die freie Hand entgegen. Eliza wandte den Kopf ab, und beschämt zog Susan ihre Hand zurück, und weil diese Abweisung in dem stillen Zimmer immer weiter Raum zu greifen schien, erzählte sie ihr vom Himmel und dass sie Sarah später, viel später, an diesem unvorstellbar wunderbaren Ort wiedertreffen werde und dass Sarah in der Zwischenzeit mit den Engeln spiele, die dort lebten, und dass sie es sicher sehr schön habe. Eliza dachte eine Weile darüber nach. Aber was passiert dann mit ihr, fragte sie und zeigte auf den Körper auf dem Bett, als gäbe es zwei Sarahs, eine hier auf Erden und eine unerreichbar fern im Himmel. Susan konnte nicht umhin zu erklären, dass sie Sarahs Leiche in drei Tagen in einem schönen, komfortablen Sarg beerdigen würden. Eliza erzählte, dass sie Brady, ihren Kater, auch im Heidemoor begraben hätten und dass sie Brady nicht wiedererkannt habe, als ihr Hund ihn einen Monat später ausbuddelte, aber er war es wirklich, sagte sie. Hat Gott Hunger, wollte sie wissen.

Hat Gott Hunger, das war die Zusammenfassung aller unziemlichen Gefühle Susans nach Suseys Tod, der Wut, des Zweifels, des Selbstmitleids, denn warum hatte Gott Susey überhaupt erschaffen, wenn sie ihr irdisches Dasein nur so kurze Zeit genießen durfte. Pfarrer Drayden predigte immer, dass Gott die Auserwählten, die Er am meisten liebte, zuerst zu sich nehme. Was Susan nicht verstand, denn dann hätte Susey also sündigen müssen, um am Leben zu bleiben. Am Ende kam sie zu dem Schluss, dass es an Gott liege, nicht an Susey, eine Folgerung, die sie im Stillen zog und niemals laut auszusprechen wagte. Gott hatte Hunger und ließ den Tod die Schmutzarbeit verrichten.

Als sie im Regen nach Hause ging und nachts schlaflos im Bett lag, versuchte sie, sich eine gute Antwort auf Elizas Frage zu überlegen, eine Antwort, die besser gewesen wäre, als sie feige damit abzuspeisen, dass Sarah sicher froh sei, ihren Kater Brady im Himmel zu treffen. Mama ist auch da, hatte Eliza sie korrigiert. Ach, das arme Kind, keine Mutter, keine ältere Schwester, die sich um sie kümmerte, und einen Monat später wurde Susan wieder ins Pfarrhaus gerufen, denn auch Rebecca, die zweitälteste Tochter von Pfarrer Drayden, hatte sich mit der Lungentuberkulose infiziert und war ihr erlegen. Die richtige Antwort auf Elizas Frage war drängender geworden, aber Susan hatte sie nicht gefunden. Als Mary sie holen kam und sie ihre Tasche packte, beschloss sie, Eliza zu trösten, denn was sollte aus diesem kleinen, einsamen Mädchen werden. Sie würde ihr sagen, dass Gottes Willkür jetzt in der Tat zwar grausam erscheine, aber dass Er damit einen höheren Zweck verfolge, den sie beide nicht ergründen könnten. Später, als alte Frau, wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, würde Eliza den Sinn ihres Leidens erkennen und sogar dankbar dafür sein. Das war es, was Susan ihr sagen wollte.

Sie musste ins selbe Zimmer wie bei der Waschung von Sarah, dasselbe Bett, fast dasselbe Mädchen, das hellbraune Haar, die braunen Augen, die langen, dünnen Finger, der ausgezehrte Körper, nur jünger, gerade mal neun war Rebecca. Mit einem Auge bei der Tür entkleidete Susan sie, wusch sie, zog ihr ein Totenhemd an, aber Eliza kam nicht. Susan wurde klar, dass sie sich auf ihr Kommen gefreut hatte. Unangemessen war das, als hätte sie sich Rebeccas Tod gewünscht, nur damit sie noch einmal die schmutzigen Füße ihrer Schwester waschen könnte. Als sie fertig war, saß sie noch eine Weile mit Mary in der Küche und hoffte, dass Eliza kommen und sich ans Feuer setzen oder um ein Stück Brot bitten würde. Sie fragte Mary, wie es den drei übrig gebliebenen Töchtern gehe, sind sie sehr traurig, fragte sie. Mary erzählte, dass ihr Onkel aus Manchester sie letzte Woche abgeholt habe, weil Pfarrer Drayden befürchtete, dass auch sie krank werden könnten. Husten sie, fragte Susan erschrocken, nein, zumindest nicht, als sie aufbrachen, sagte Mary. Aber Susan bekam den Gedanken nicht mehr aus dem Kopf, dass sie nicht Susey in Eliza May Drayden erkannt hatte, sondern den Tod.

Von Zeit zu Zeit erkundigte sich Susan unauffällig bei Alice Finch, der Frau des Küsters, und bei den Appletons im Postamt, die immer auf dem neuesten Stand waren, nach den Töchtern von Pfarrer Drayden. Eine Woche nach Rebeccas Beerdigung waren alle drei Mädchen wieder zu Hause, Millicent, nun die Älteste, Eliza May und die kleine Helen. Sie wurden nicht krank. Manchmal, wenn sie Suseys Grab auf dem Friedhof besuchte, sah Susan sie in ihrer schwarzen Trauerkleidung fröhlich auf dem Rasen vor dem Pfarrhaus spielen, und sie traf sie, Monate später, im Moor. Sie waren ganz allein, kein Erwachsener, der sie begleitete. Susan grüßte sie im Vorbeigehen, erhielt aber keine Antwort, so vertieft waren sie in ihr Gespräch, vielleicht war es auch ein Spiel. Eliza hatte eine kräftige Stimme, sie fuchtelte mit den Armen, und ihr Gesicht mit den bezaubernd schönen Augen strahlte, eine Freude, die Susan umso mehr rührte, als sie im Kontrast zu ihrem schwarzen Mantel des Todes stand, es war, als würde sie tapfer ihre Tränen weglachen.

Susan hat nach jener Stunde, die sie gemeinsam mit Sarahs Leiche verbracht hatten, nie wieder mit Eliza May Drayden ein Wort gewechselt. Die wurde zu einem großen, mageren Mädchen, einer jungen, schüchternen Frau, einer unansehnlichen Jungfer in den späten Zwanzigern, immer noch mit diesen prächtigen Augen, aber wenn Susan ihr im Dorf begegnete, hielt sie den Blick stets gesenkt. Das Reden überließ sie ihrer älteren Schwester Millicent, aber die war ebenfalls nicht sonderlich gewandt darin. Schüchtern waren sie alle drei, unangepasst, und wer hätte es ihnen verübeln können, aufgewachsen ohne Mutter, und obwohl Pfarrer Drayden sich im Ort einiger Beliebtheit erfreute, war er doch auch exzentrisch. William und Maggie Tanner vom Grave & Green, dem Pub gegenüber dem Pfarrhaus auf der anderen Seite des Friedhofs, erzählten, dass er nie mit seinen Kindern in der Stube aß, sondern immer allein in seinem Arbeitszimmer. Er ging um acht Uhr zu Bett und stand um drei Uhr morgens auf, um dann durch Wind, Regen und Dunkelheit über das Moor nach Steadborough und zurück zu laufen. Und seine Sonntagspredigt, so die Tanners, schrieb er am Freitagnachmittag oben auf dem Kirchturm, wo er sich Gott näher fühlte. Sie behaupteten, dass man seiner Predigt anmerken könne, wie das Wetter am Freitag gewesen war. Susan hörte sich das alles mit gebührender Vorsicht an. Über sie sagten die Tanners wohl, dass man ihr niemals die Hand geben dürfe, sonst komme sie innerhalb einer Woche für das letzte Mal vorbei, um einen zu waschen, und war man schwanger, dann müsse man sich erst recht von ihr fernhalten, denn wenn sie deinen Bauch auch nur berühren würde, gäbe es eine Fehlgeburt. Das war albern und dumm, wusste Susan, als ließe sich der Tod etwas vorschreiben.

1840, dreiundzwanzig Jahre nachdem die kleine Eliza May Drayden Susan nach Gottes unstillbarem Hunger gefragt hatte, wurde Susan wieder ins Pfarrhaus gerufen. Sie hatte im Ort schon gehört, dass Helen, die jüngste Tochter, an Schwindsucht erkrankt war. Doktor Drake habe sie aufgegeben, sagten die Tanners vom Grave & Green, aber die Appletons vom Postamt, die in der Regel über zuverlässigere Informationen verfügten, meinten, Helen Drayden habe die Behandlung durch Doktor Drake verweigert. Kate Appleton nannte das eine weise Entscheidung, denn Helens Gesundheit sei von Geburt an schwach gewesen, und von Schwindsucht werde man sowieso nicht wirklich geheilt, behauptete sie. Aber Susan wusste aus Erfahrung, dass sich die Menschen an jede Möglichkeit klammern, die sich auftut. Einige ihrer Kunden ließen die Hoffnung selbst dann noch nicht fahren, wenn der Arzt gegangen war und Susan schon an die Tür klopfte.

Schweren Herzens lief Susan mit ihrer Tasche durch die Church Street zum Pfarrhaus. Sie erinnerte sich gut daran, dass sie bei Sonnenaufgang den gleichen Weg zurückgelegt hatte, als Helen gerade geboren war und sie ihre Mutter versorgen musste, und jetzt ging sie wegen der Tochter, für die Betty ihr Leben gelassen hatte. Susan wunderte sich nicht mehr über die Streiche des Todes, er war weder grausam noch hungrig. Wenn er es nur wäre, dann könnte man ihn sich geneigt machen oder ihm das Maul stopfen. Doch er war gleichgültig wie ein Stein, eine Wolke, ein Baum, wie Susan selbst. Sie war zu seinem Ebenbild geworden.

Das Pfarrhaus aber, die Treppe, die erste Tür rechts gegenüber dem Zimmer, in dem sie Elizas kleine, schmutzige Füße gewaschen hatte, wühlte sie noch immer auf, als wäre ihr Schmerz um Susey all die Jahre in den Mauern dieses Hauses eingeschlossen gewesen und zeigte sich nun bereit, sie mit offenen Armen zu empfangen. Es war stickig im Zimmer, sie öffnete das Fenster und kümmerte sich um Helen Drayden, damit sie gleich eine schöne Tote abgäbe. In einer Dreiviertelstunde, so schätzte Susan, würde die Leichenstarre so weit nachgelassen haben, dass Helens Muskeln die Biegekraft einer lebendigen Frau besaßen, die sich willig an- oder auskleiden lässt. Sie setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, nahm ihre Bibel aus der Tasche und schlug sie bei Jesaja 40 auf. Sie hatte noch keine zwei Sätze gelesen, als sie hinter sich ein ersticktes Schluchzen vernahm. Das Geräusch kam von der anderen Seite der Wand, von einer Frau, die von großem Kummer überwältigt war.

Die wenigen Male, die Susan Eliza May Drayden im Dorf gesehen hatte, war sie in Gesellschaft ihrer jüngeren Schwester gewesen, eng umschlungen, Arm in Arm, als würden sie beieinander Schutz suchen. Mit niedergeschlagenem Blick hasteten sie die High Street entlang, vorbei an der Kirche, in die Church Street und nach Hause. Dieser magere, leblose Körper, der steif auf dem Bett lag, bis Susan ihn waschen und anziehen konnte, war alles, was Eliza May von dem Liebsten, das sie gekannt hatte, geblieben war. Mit einem Kloß im Hals lauschte Susan ihrem gedämpften Schluchzen, das sich mit Stöhnen und tiefen, zitternden Seufzern mischte, als ob sie ihren ganzen Schmerz herausschreien wollte und es gerade noch schaffte, den Schrei in einem Kissen zu ersticken. Susan rollten Tränen über die Wangen, und sie las laut weiter im Rhythmus des Kummers hinter der Wand. Später, als diese Dreiviertelstunde verstrichen war, zog sie Helen aus und wusch sie, begleitet von dem verzweifelten Schluchzen ihrer Schwester. Susan tropften die Tränen vom Kinn auf Helens blondes Haar, auf ihr bleiches Gesicht, auf die mit Watte geschlossenen Augen, die blutleeren Lippen. Noch nie hatte sie eine Tote weinend versorgt, nicht einmal Susey. Es war genauso unanständig wie einen Mann zu küssen und dabei an einen anderen zu denken.

Sie wischte sich das Gesicht ab und putzte sich die Nase, bevor sie das Zimmer verließ. Der Kummer hinter der Mauer war leiser geworden, ermüdet, aber nicht weniger herzzerreißend. Zögernd stand sie vor der Tür, hinter der das Schluchzen hervordrang. Sie legte ihre Hand auf die Klinke, und als sie sie herunterdrückte, machte sich auf der anderen Seite eine verlegene Stille breit. Susan hätte den nie geliebten, mutterlosen Körper gerne in die Arme geschlossen, um sie zu trösten, wie sie es mit Susey getan hätte, wäre sie am Leben geblieben, sie wäre jetzt in Elizas Alter. Aber sie wagte es nicht. Als sie die Klinke losließ, spürte sie, wie Eliza, die sicher angespannt auf die Tür schaute, aufatmete.

Unten auf dem Flur traf sie Pfarrer Drayden, sie sagte ihm, wie schrecklich sie es fände, dass er nun auch seine jüngste Tochter verloren hatte. Er dankte ihr und zahlte sechs Shilling für ihre Dienste. Sehen Sie mal nach ihr, sagte sie, sie liegt so friedlich da. Im Hinterhof leerte sie die Wasserschüssel, von Mary bekam sie eine Tasse Tee, und sie sprachen über Helen, wie bescheiden und lieb sie gewesen sei und wie tapfer sie die letzten Wochen ertragen habe. Und während sie sich unterhielten, öffnete sich die Hintertür, und Eliza May und Millicent Drayden betraten die Küche. Sie kamen von draußen, sie waren in den Hügeln spazieren gewesen, länger als eine Stunde, sagte Millicent, denn sie hätten seit Wochen das Haus nicht mehr verlassen.

Bevor sie sich auf den Heimweg machte, ging Susan unter dem Vorwand, sie habe ihre Bibel vergessen, wie sie Mary gegenüber behauptete, noch einmal nach oben und klopfte leise an die Tür, hinter der sie das Schluchzen gehört hatte. Als es keine Reaktion gab, drückte sie auf. Der Raum war leer. Das Bett am Fenster war gemacht, keine Spur von sich wälzendem Kummer, keine unordentliche Bettdecke, kein nassgeweintes Kopfkissen. Von hier aus schaute man auf das Königreich des Todes, den übervollen Friedhof mit dem grauen Kirchturm und dahinter die sich zum Horizont erstreckenden Hügel. Auf der Kommode rechts an der Wand stand eine Reihe von Büchern, und auf der Fensterbank lagen vom Heidemoor mitgebrachte Andenken, Steine, bizarre Äste, ein vertrocknetes Stück Holz, gesprenkelte Eier und die Schädel eines Hasen und eines Schafbocks mit verdrehten Hörnern. Susan schlug eins der Bücher auf, und auf dem Vorsatzblatt stand in schwungvoller Handschrift ihr Name: Eliza May Drayden. Es war ihr Zimmer.

Im zweiten Jahr nach diesem verstörenden Vorfall, Ende Januar, hörte Susan von den Appletons, dass Pfarrer Drayden krank sei, so krank, dass sein Kaplan, Daniel Jennings, den Dienst übernehmen musste und alle Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von ihm durchgeführt wurden. In ängstlicher Erwartung sah Susan dem Tag entgegen, an dem Mary sie holen käme. Sie würde lange bei ihm bleiben, nahm sie sich vor, ihm laut aus der Bibel vorlesen und Gott in ihren Gebeten sagen, was für ein guter Mensch er gewesen sei. Sie würde ihm ihr schönstes Totenhemd anziehen, ohne einen Penny mehr dafür zu berechnen, ihn rasieren und seine alten, eingefallenen Wangen mit Watte ausstopfen, damit er zehn Jahre jünger wirkte, wenn seine Töchter und die Gemeindemitglieder von ihm Abschied nahmen.

Doch zu ihrer Überraschung kam nur der Laufbursche von Smith Baines in Josephs Werkstatt, um zu fragen, ob er einen Sarg für Pfarrer Drayden machen könne, und niemand erbat ihre Dienste. Sie ging davon aus, dass es sich um einen Irrtum handelte, die beiden verwaisten Töchter waren durch sein Verscheiden wohl so erschüttert, dass sie vergessen hatten, ihn zur letzten Ruhe herrichten zu lassen, und sie bat Joseph, als er zum Ausmessen hinging, darauf zu drängen, seine Frau schicken zu dürfen. Aber als er zurückkam, sagte er, sie ließen ihren Dank für die Sorge um ihren Vater ausrichten, die aber unnötig sei, so hatten sie Joseph versichert, denn sie hätten ihn bereits selbst gewaschen und gekleidet. Liebevoll hätten sie es getan, nach Josephs Urteil, aber wie es bei Laien nun mal eben sei, nicht sonderlich gut. Sie erwog, ins Pfarrhaus zu gehen. Ohne Millicent und Eliza May zu beleidigen, ging das aber nicht, vor allem nicht, als Joseph ihr sagte, dass sie ihn um den einfachsten Sarg gebeten hatten, ohne Schmuck, nur Flanellauskleidung, Sägemehl und Holzspäne, nicht einmal Federmatratze oder Kissen. Sie hatten kein Geld, schlussfolgerten Susan und Joseph. Und so war es tatsächlich, denn wenig später wurde der Hausrat der Pfarrei versteigert. Der ganze Ort fand sich bei der Auktion ein, Susan kaufte Pfarrer Draydens Bibel und den Stuhl, auf dem Eliza gesessen hatte, als sie ihr die Füße gewaschen hatte, zumindest glaubte Susan das, es konnte auch ein anderer gewesen sein, auf alle Fälle war es ein solider, schöner Stuhl. Kaplan Jennings wurde der neue Vikar von Bridge Fowling und bezog das Pfarrhaus, Millicent und Eliza May Drayden zogen in ein ärmliches Häuschen in der Back Lane. Susan empfand ein schamvolles Mitleid mit ihnen, als würden sie gegen die Regeln des Anstands verstoßen, weil sie nicht die waren, die sie sein sollten. Da sie nicht länger von der Reputation ihres Vaters geschützt waren und sie auch keinen Bruder oder Ehemann hatten, der für sie hätte einstehen können, machten bald bösartige Gerüchte über sie die Runde. Im Ort wurde behauptet, dass sie sich heimlich als Männer ausgaben und seltsame Fantasien verbreiteten, die tugendhaften Frauen nie in den Sinn kämen. Susan fand heraus, dass die sonst so zuverlässigen Appletons vom Postamt die Quelle dieser Verleumdungen waren, und entrüstet weigerte sie sich, ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Erst vier Jahre später wurde die natürliche Ordnung wiederhergestellt, als Millicent Drayden Pfarrer Jennings heiratete und in ihr Geburtshaus, das Pfarrhaus am Kirchhof, zurückkehrte, später zog auch Eliza May dorthin, um mit ihrer Schwester und dem Schwager zusammenzuleben.

Und so kam der 12. Dezember 1847 heran, ein kalter, winterlicher Tag. Der Nordwind pfeift durch die Church Street und wirbelt den körnigen Schnee an die Mauern des Kirchhofs, und Susan eilt mit ihrer Tasche in der Hand zum Pfarrhaus. Mary sitzt am Küchentisch, die Hände untätig im Schoß. Sie ist alt, fast siebzig, und so gut wie blind. Susan nimmt selbst die Schüssel aus der Waschküche und füllt sie an der Pumpe. Mit ihrer Tasche am Arm und der Schüssel in der Hand betritt sie den Korridor. Die Tür zum Salon öffnet sich, und Millicent Drayden, Mrs Jennings heißt sie jetzt, aber daran kann sich Susan nicht gewöhnen, sie sieht in ihr immer noch das Kind, Millicent Drayden kommt auf sie zu. Susan stellt die Wasserschüssel auf eine Treppenstufe und gibt ihr die Hand, sie sagt, wie leid es ihr tue für sie und ihren Mann. Normalerweise kostet es sie Mühe, Mitgefühl in diese verbrauchten Worte zu legen, jetzt aber muss sie sehr aufpassen und ihren Überschuss an Mitleid zügeln. Ich wusste nicht, dass sie krank war, sagt Susan, sie ist so plötzlich gestorben.

Millicent antwortet nicht, sie sieht erschöpft aus, zerbrechlich, wie ein Vögelchen, das unglücklicherweise über den Rand seines Nestes gefallen ist und sich nun in einer feindlichen Welt zurechtfinden muss. Susan will ihr die Hand auf den Arm legen, doch Millicent tritt hastig einen Schritt zurück, als streckte der Tod höchstselbst seine gierigen Krallen nach ihr aus, und Susan kann gerade noch ihr Gesicht wahren, indem sie so tut, als hätte sie bloß nach dem Geländer fassen wollen.

Möchten Sie sie mit mir zusammen herrichten, bietet sie an, denn seit Smith Baines' Laufbursche gekommen ist, um ihr mitzuteilen, dass Miss Eliza aus dem Pfarrhaus gestorben ist, kann sie an nichts anderes mehr denken als an die Begegnung mit diesem Körper, der ihr so unerwartet zugewiesen ist. Sie sehnt sich danach, aber sie fürchtet sich auch davor, als würden sich die beiden Extreme gegenseitig befeuern, und beide Gefühle sind für eine Frau mit ihrer Verantwortung beschämend.

Millicent schüttelt erschrocken den Kopf, nein, sagt sie, nein, das würde Eliza nicht wollen. Susan drängt darauf, sie sagt, dass sie sie waschen und ankleiden würde und Millicent nur dabeisitzen müsse. Nein, wiederholt Millicent, und es schwingt so viel Abscheu in ihrer Stimme mit, als hätte Susan ihr vorgeschlagen, die Schrecken, das Leiden, das Sterben dieses Tages noch einmal durchzumachen.

Pfarrer Jennings und John Croft, der Totengräber, kommen nacheinander die Treppe herunter. Sie ist bereit für Sie, Mrs Knowles, sagt Pfarrer Jennings im Vorbeigehen zu ihr, zweite Tür rechts. Susan weiß es, das Zimmer mit dem weißen Bettzeug, den Büchern und den Schädeln, das Zimmer des unstillbaren Kummers.

Sie zieht die Tür leise hinter sich zu. Im Schein der Öllampe sieht sie sie liegen, sie haben sie schräg über das Bett gelegt, als hätten sie sie einfach nur hingeworfen. Der linke Arm ist unter ihr eingeklemmt, der rechte Fuß hängt von der Matratze herab, und ein Schuh ist unter das Bett gefallen. Susan stellt die Wasserschüssel auf die Kommode. Sie ist nervös, ihr Herz klopft bis in den Hals, als wäre dieser reglose Körper, aus dem eben erst der Atem entwichen ist, ihr erster Toter. Wie sie sich einer lebendigen Frau nähern würde, behutsam und höflich, geht sie auf Eliza zu. Nach kurzem Zögern ergreift sie ihre Knöchel und zieht sie aufs Bett, dann holt sie ihren Arm unter dem Rücken hervor. Ihr Körper ist lauwarm, wie Tee, der zu lange in einer Tasse auf Durst gewartet hat, und sie ist klapperdürr. Gott hatte einen solchen Hunger, dass er nicht abwarten konnte, bis sie gestorben war. Vor einem Jahr hat Susan sie zum letzten Mal gesehen, sie kam nicht mehr in den Ort, ging sonntags nicht mehr in die Kirche. Susan erkennt ihr knochiges Gesicht kaum wieder. Sie streckt ihre Arme und Beine aus, ihren Rücken, ihren Nacken, legt sie ordentlich zurecht, das Gesicht gen Himmel. Ach Mädchen, sagt sie sanft und streichelt mit dem Rücken ihrer Hand über ihre eingefallene Wange, was ist bloß mit dir geschehen?

Sie ist nicht im Bett gestorben, sie hat noch alle ihre Sachen an, und das Haar ist hochgesteckt, es ist, als hätte der Tod sie überrumpelt. Sie haben nichts für sie getan. Hätten sie dir nicht wenigstens den Mund schließen können, sagt Susan empört zu ihr. Bei gewöhnlichen Dorfbewohnern und ihrem ersten Todesfall würde sie so etwas durchgehen lassen, aber Elizas Schwager ist Pfarrer, und fast die ganze Familie von Millicent liegt unter der Erde. Vielleicht hat Pfarrer Jennings in seiner Bestürzung sogar versäumt, ihr die letzten Sakramente zu erteilen. Während sie die Augenlider mit nasser Watte beschwert, betet Susan für sie und bindet ihr ein Tuch um den Kiefer, um den Mund zu schließen. Dann bringt sie zwischen den langen, dünnen Beinen den einzigen Teil ihrer Arbeit hinter sich, den sie verabscheut, auch wenn Eliza ihn wahrscheinlich besonders gewürdigt hätte, denn tatsächlich wird man vom Sterben schmutzig, wie sie es Susan vor dreißig Jahren neugierig gefragt hat. Nicht so schmutzig wie deine Füße, hat sie geantwortet, Susan erinnert sich noch genau.

Dann zieht sie ihr Schuhe und Strümpfe aus, die Füße sind knochig, und sie hat lange, dünne Zehen, so zierlich wie ihre Finger. Erst in einer Stunde sollte Susan damit anfangen, gut verhüllt von einem Laken, aber sie nimmt den Waschlappen aus der Schüssel, wringt ihn aus und wäscht ihr die Füße. Schmutzig sind sie nicht. Sie denkt an das letzte Mal, ich will keine Schuhe, ihre wackelnden Zehen. Sie tut es liebevoll, wie sie es bei ihrer eigenen Tochter machen würde, und trocknet sie dann mit einem sauberen Handtuch ab. Sie lässt ihre Füße bloß, weil sie glaubt, dass ihr das immer noch am liebsten wäre.

Im Zimmer ist es kalt, es gibt keinen Kamin. Susan sucht in den Schubladen des Schranks nach einer Decke und rückt den Stuhl an Elizas Bett, dann setzt sie sich zu ihr, die Decke um sich geschlagen. Nervös ist sie nicht mehr, sie ist so ruhig wie beim ersten Mal mit Betty im selben Haus, keine zwei Meter von hier entfernt. Die Welt ist zu diesem Zimmer zusammengeschrumpft, zu diesem leblosen Körper, der in der Zeit zwischen dem letzten Atemzug und dem Grab Susan anvertraut ist. Draußen ist es dunkel geworden, und im Schein der Lampe sieht sie, wie die Schneeflocken an der Scheibe herabgleiten und einen blassen, weißen Rand um die Fensterkreuze bilden. Launische Schatten von den Hörnern der Schafschädel und dem trockenen, im Heidemoor gesammelten Holz fallen auf die Fensterbank, und trotz der Kälte und der Dunkelheit brummt eine fette, blaugrüne Fliege durch den Raum. Sie landet auf Elizas Stirn, trippelt über ihre Wange, ihre Lippen. Ärgerlich wedelt Susan sie weg.

Sie bückt sich, um die Bibel aus ihrer Tasche zu holen, die Bibel von Elizas Vater. Sie schlägt sie auf ihrem Schoß auf, und während sie liest, denkt sie an die durchwachten Nächte an Suseys Bett. Ihr Blick war ängstlich auf das kleine rotfleckige Gesichtchen gerichtet, sie sehnte den Moment herbei, in dem sich die Augen öffnen würden, dann könnte Susan das nasse Tuch auf der Stirn wechseln und trotz der geschwollenen Zunge und Kehle versuchen, sie dazu zu bringen, etwas Wasser zu trinken, denn sonst würde sie sterben. So unerträglich war das Leiden, das Abwarten, das Hoffen damals gewesen, dass der Tod wie eine Erlösung kam. Noch nie zuvor hat sie es gewagt, sich das einzugestehen.

Die Fliege summt störend über ihrem Kopf, Susan schaut von den Seiten mit den heiligen Worten hoch, und vielleicht liegt es daran, dass sie sich für den nicht bezifferbaren Bruchteil einer Sekunde vertut und glaubt, sie warte darauf, dass Susey wieder aufwacht. Elizas Auge hat sich geöffnet, ihr rechtes Auge, das Susan am nächsten ist. Ungläubig starrt Susan auf ihr blasses, regloses Gesicht, der Wattebausch liegt auf dem Kissen neben ihrem Ohr. Sie erhebt sich vom Stuhl, die Decke gleitet von ihren Schultern, und als sie sich über sie beugt, erwacht auch das andere Auge. Susan sieht es geschehen. Der nasse Wattebausch gleitet über Elizas Wange ins Bett, und sie schlägt zögernd das Auge auf und blickt in die Welt.

Bezaubernd sind ihre Augen noch immer, Susan muss hinsehen, ob sie will oder nicht. Das Grau der Iris ist mattblau geworden, wie Eis auf einem Bergsee, und die Augen sind nicht, wie bei anderen Toten, stumpf zur Decke hinter ihr gerichtet, sondern weit geöffnet, als wäre sie aus einem Albtraum erwacht. Susan spricht leise mit ihr, während sie die Watte im Waschbecken mit Wasser tränkt, dann schließt sie die Lider wieder und legt die Wattebäusche darauf. Das Wasser tröpfelt in einem Strom wie Tränen über Wangen und Schläfen. Susan steht neben dem Bett und schaut in Elizas spitzes Gesicht. Sie sieht jetzt friedlich aus, ein leicht ironisches Lächeln spielt um den Mund, als fände sie ihren eigenen Tod lächerlich dramatisch.

Susan setzt sich wieder auf den Stuhl neben ihr, noch eine halbe Stunde, schätzt sie, dann kann sie sie waschen und für ihre letzte lange Nacht in der Krypta kleiden. Sie schlägt die Offenbarung 21 auf und liest ihr von dem neuen Himmel und der neuen Erde vor, die kommen werden, wenn die alten vergangen sind. Unter ihnen im Wohnzimmer hört sie, wie Millicent und ihr Mann sich streiten, sie erheben die Stimmen gegeneinander, es geht um sie, die Frau, die hier bei Susan ist, die sie verlassen und ihnen zum Trost diesen Körper zurückgelassen hat. In der Diele schlägt die Standuhr sechsmal, und beim fünften Schlag fällt die schwere Glocke des Kirchturms ein. Susan sieht nach draußen, das Geläut dringt aus der weißen Dunkelheit über dem Friedhof zu ihnen herüber, als wollte es die Tote im Bett zu sich rufen. Und als sie dann ihren Blick Eliza zuwendet, um ihr zu sagen, dass sie unter einer Schneedecke begraben wird, sieht sie, dass sie sie anstarrt. Die eisblauen Augen sind direkt auf Susans Gesicht gerichtet, so ohne jede Hemmung, ohne Scham, wie es nur ein Kind fertigbringt. Mit einem Schrei springt Susan von ihrem Stuhl auf. Sie tritt ein paar ängstliche Schritte vom Bett zurück, bringt sich außer Reichweite dieses tödlichen Blicks, aber seine Kälte hat bereits den ganzen Raum erfasst. Es ist, als würde der Tod auch sie umarmen.

Die Fliege ist auf dem blassen, knochigen Gesicht gelandet und läuft über die Nase. Im Augenwinkel angekommen, befühlt sie mit gebotener Vorsicht die feuchte Wölbung, die sich vor ihr auftut, und wagt sich darauf. Ihr unreiner, blaugrüner Körper mit den gefalteten Flügeln passt genau zwischen die Wimpern, es sieht abscheulich aus, wie eine obszöne Wucherung auf der Seele. Susan tritt wieder näher heran, verlässt ihren Sicherheitsabstand vom Bett, und jagt sie weg. Sie versucht, nicht in die Iris zu schauen, die nun ausdruckslos an ihr vorbei in den Raum starren. Sie taucht ihre Finger in die Waschschüssel und hält sie unter Elizas Nasenlöcher, sie spürt keinen Atemzug, und auch wenn sie ihre Hand auf den Bauch oder den Hals legt, lässt sich kein Leben erfühlen. Mit der Lampe in der Hand beugt sie sich über das Gesicht, nun ist sie gezwungen hinzusehen, flüchtig, nicht länger als eine Sekunde, taucht sie in das Blau hinein. Elizas Pupillen ziehen sich im Licht nicht zusammen, sie sind starr, halb geöffnet, wie bei jedem Toten.

Susan nimmt neue Watte, zwei große Bäusche, feuchtet sie an und legt sie auf Elizas Augenlider. Sie holt Kleingeld aus der Tasche ihres Kleides und sucht nach großen Pence-Kupfermünzen. Die drückt sie auf die Watte, ein Geldstück für jedes Auge. Aber sie hat sich noch nicht ganz umgedreht, um die Schüssel auf die Kommode zu stellen, als sie hinter sich ein Klimpern vernimmt, ein Penny rollt über den Fußboden und kommt, wie um sie zu necken, vor ihren Füßen zum Stillstand. Verzweifelt wendet sie sich um. Der eisblaue Blick trifft sie direkt ins Auge. Das ist unmöglich, es kann nicht sein, es kann nicht sein, denn Susan steht doch jetzt ganz woanders, und gerade noch hat Eliza an die Decke geschaut. Sie versucht es wieder, mehr Watte, mehr Wasser, zwei Pennystücke für jedes Auge, obwohl sie genau weiß, dass das Gleiche passieren wird wie eben. Sie wendet sich nicht von ihr ab, sondern schaut ihr fest ins Gesicht, und sie betet laut für ihr Seelenheil. Fast gleichzeitig rutschen die beiden Wattebäusche und die vier Münzen an den Wangen hinunter, ihr Blick ist auf einen Punkt knapp über Susans Kopf gerichtet. Susan dreht sich um und sieht die Fliege über sich an der Wand sitzen.

Ihr wird klar, dass sie hier so schnell wie möglich wegmuss. Das Herz wummert an ihre Rippen, ihre Hände zittern, als sie die Augen mit einem Handtuch bedeckt. Sie bindet einen festen Knoten, breitet ein Laken aus der Kommode über ihren Körper und beginnt, sie zu entkleiden. Was sie schon Hunderte Male routiniert mit Herrenhemden, Korsetts, Abendkleidern getan hat, will ihr jetzt nur schwer gelingen. Ihre Finger kämpfen mit den Knöpfen und Schleifen des schlichten, dunkelblauen Kleides, mit diesen leblosen Armen und Beinen. Sie muss andauernd nach dem verbundenen Gesicht sehen, sie kann nicht anders, denn sie weiß, sie weiß, dass die Augen sich wieder geöffnet haben und sie durch den Stoff des Handtuchs hindurch anstarren. Es ist, als ob ihr Blick aus den Tiefen des Todes Susans geheimste Sehnsüchte abbildet, als ob sie ihre teuflische Unruhe mit ihrer Angst selbst herausfordert.

Sie befreit Eliza von der Augenbinde. Die Augen blicken ruhig zur Decke. Susan versucht mit aller Kraft, ihre Anwesenheit zu vergessen, während sie sie wäscht, sie betet, sie singt Psalmen, sie zählt bis hundert und zurück, aber es hilft nicht. Ständig wandert ihr Blick zu dem toten Gesicht. Sie zieht Eliza das Laken über den Kopf, damit sie es nicht mehr sieht, und nun ragen ihre Füße am anderen Ende darunter hervor. Sie wäscht ihr die Beine, das Gesäß, den Schritt, den eingefallenen Bauch und betet dabei für ihre Seele in der eitlen Hoffnung, sie möge Ruhe finden und die Augen schließen. Manchmal hebt sie den Zipfel des Lakens an, um auf das Gesicht zu linsen. Sie weiß nicht, was sie schrecklicher findet: die Augen auf sie gerichtet zu sehen oder festzustellen, dass sie gleichgültig an ihr vorbeischauen.

Während Susan ihre Brust wäscht, die so mager ist, dass man ihre Rippen zählen kann, rutscht Elizas nackter rechter Arm unter dem Laken hervor. Die Hand baumelt über dem Fußboden. Susan bückt sich, um sie wieder aufs Bett zu legen. Zärtlich berühren die langen, schlanken Finger Susans Handfläche. In einem Impuls streicht sie mit dem Daumen über die weiche, blasse Innenseite von Elizas Handgelenk, wie sie es bei ihren Kindern, bei Susey, gerne getan hat, als sie noch klein waren. Die blonden Härchen auf dem toten Unterarm stellen sich auf wie die Nackenhaare eines Wolfes, Gänsehaut wandert vom Ellbogen zum Handrücken und springt von dort auf Susan über. Sie merkt, wie sie ihren Arm hinaufkriecht und sich zitternd über den ganzen Rücken ausbreitet. Mit einem Schrei lässt sie die leblose Hand los, sie stolpert, kriecht zum anderen Ende des Raumes. Dort bleibt sie hocken, vor Übelkeit bebend. Die Gänsehaut ist noch da, sowohl bei ihr als auch an Elizas schlaffem Arm, der wieder aus dem Bett hängt. Es ist, als wäre der Tod in Susan hineingeschlüpft.

Susan schließt die Augen und versucht, das Zittern auf ihrem Rücken und dem infizierten Arm zu verdrängen. Aber in der Düsternis ihrer Gedanken schweift der Blick aus dem Bett wie ein wolllüstiger Hauch über ihre Haut. Die Härchen auf ihrem anderen Arm haben sich nun auch aufgestellt, ebenso die im Nacken, und ein Schauer kribbelt über ihre linke Wange, und dann, als sie mit dem Ärmel ihr Gesicht abwischt, wandert er nach rechts und küsst sie dort, direkt neben dem Mund. Sie öffnet widerstrebend die Augen. Eliza liegt immer noch in der gleichen Haltung auf dem Bett, ein weißer Buckel schutzlos unter dem Laken, zwei nackte Füße und ein Arm.

Es kostet sie große Überwindung, zu dem toten Körper zurückzukehren. Die Härchen auf Elizas Arm sind noch aufgestellt, es ist, als habe die tote Haut die Erinnerung an Susans zärtliche Berührung bewahrt. Sie glaubt, dass sich Elizas Gänsehaut, genau wie bei ihr, auf den Rücken, den anderen Arm, den Hals und die Wangen ausgeweitet hat, aber sie wagt es nicht, sich unter dem Laken zu vergewissern. Obwohl sie mit dem Waschen noch nicht fertig ist, nimmt sie das Leichenhemd aus ihrer Tasche, das sie zu