Das Mädchen auf der Himmelsbrücke - Eeva-Liisa Manner - E-Book

Das Mädchen auf der Himmelsbrücke E-Book

Eeva-Liisa Manner

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Beschreibung

Eeva-Liisa Manner (1921–1995) ist heute vor allem als die Dichterin bekannt, die in den 1950er Jahren die Moderne nach Finnland brachte. 1951 schrieb sie einen Roman, der auf ihren Kindheitserinnerungen basiert. »Das Mädchen auf der Himmelsbrücke« ist eine tieftraurige, beglückende Erzählung über ein Mädchen, das sich allein gelassen und unverstanden fühlt und der Welt abhandengekommen ist: eine Erzählung voller magisch anmutender sprachlicher Schönheit, geprägt von existenziellem Schmerz und überwältigendem Einfühlungsvermögen. Die neun Jahre alte Leena streift einsam durch die Straßen von Viipuri, die damals noch finnische Stadt in Karelien, die später im sogenannten Winterkrieg von der Sowjetunion eingenommen wurde. Leena wächst bei ihrer Großmutter auf, die Mutter ist nur wenige Tage nach der Geburt gestorben. Von der unverständigen Lehrerin wird sie vor der Klasse vorgeführt, zu Hause bei der Großmutter findet sie keinen Halt – als Leena, von verführerischen Orgelklängen angezogen, in der katholischen Hyazinthenkirche das erste Mal mit Musik von Bach in Berührung kommt, erfährt sie eine so starke Erschütterung, dass ihr Leben nicht mehr bleiben kann wie zuvor. Maximilian Murmann findet in seiner Übersetzung für das kindliche, zweifelnde Innenleben Leenas ebenso die richtigen Worte wie für die atmosphärischen Streifzüge durch die karelische Ostseestadt und die Offenbarung in der Musik. Tröstende Antworten auf die Fragen des Lebens liegen nicht in der Logik unseres Verstands, sondern im poetischen Raum von Kunst und Musik.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Eeva-Liisa Manner

DAS MÄDCHENAUF DERHIMMELSBRÜCKE

Aus dem Finnischen vonMaximilian Murmann

Mit einem Nachwort vonAntje Rávik Strubel

Vorbei an Rosen, Lilien und Nelken

greift sie eine Nessel schlicht.

Und mehr weiß ich nicht.

Das Märchen selbst entscheidet

welch ein Schleier

den weißen Vogel kleidet.

Aale Tynni

INHALT

DAS MÄDCHEN AUF DER HIMMELSBRÜCKE

ANHANG

»GOTTES KALTES AUGE« VON ANTJE RÁVIK STRUBEL

BIOGRAFIEN

Es war einmal, nicht weit von hier und vor nicht allzu langer Zeit, ein Stück Geometrie, das zu Holz und Stein geworden war, eine Stadt, die es nicht mehr gibt. Oder sollte es sie noch geben, so ist sie nicht mehr wirklich und für uns außer Reichweite – sie lebt einzig in der Vergangenheit, ist selbst Vergangenheit geworden. Vielleicht ist sie gerade deshalb schöner als wirkliche Städte; wirkliche Städte sind wahr gewordene Träume, unsere Stadt ist eine Traum gewordene Wahrheit. Sie ist vollkommen, weil sie aufgehört hat zu existieren; sie ist ewig, weil sie tot ist.

In vielerlei Hinsicht unterschied sich die Stadt schon zu Lebzeiten von ihresgleichen. Sie war eine äußerst ehrwürdige Stadt, denn sie hatte Geschichte, und trotzdem kümmerte sie sich nicht besonders um ihre Würde. Sie wusste zu lachen. Und eine derart menschliche und vergängliche Erfindung wie die Zeit war in ihren Straßen auf sonderbare Weise zu stehen gekommen. Beinahe war es, als gäbe es dort keine Zeit. Das Alte und Neue, das Heute und Gestern waren in dieser Stadt verzahnt und verschränkt, verflochten und verwoben, und offenbar kamen sie gut miteinander aus. Mit etwas Glück fand man auf der Straße Wermutkraut oder Sauerampfer, die ihr kümmerliches Dasein zwischen Straßenbahngleisen und Pflastersteinen fristeten. Die Straßenbahnen rumpelten wie gelb angestrichene Sardinenbüchsen zwischen uralten Häusern hindurch, die anständig verwittert und bedrückt zur Seite geneigt waren, aber das kümmerte die steinernen Greise nicht, ihrer zeitlosen Schwermut zum Trotz. Andernorts wäre solch ein lauter, mechanischer Fortschritt weder für prachtvoll noch für schicklich befunden worden, doch in unserer Stadt war er recht gern gesehen und passend.

Passend war auch, dass es nahe des Stadtzentrums, wo die Straßen, Häuser und Plätze säuberlich mit Zirkel und Lineal gezeichnet worden waren, ein durch und durch hässliches Backsteingebäude gab, eine Erziehungsanstalt für Mädchen und Jungen, eine Volksschule. In diesem Haus gab es zweihundert menschliche Sprösslinge, die wuchsen und lernten, im Guten wie im Schlechten, die voranstrebten und Regeln brachen. Unter ihnen auch Leena, die ein Kattunkleid trug und aus einem der schiefen Holzhäuser am Rande der Stadt kam – von dort, wo man Wermutkraut oder Sauerampfer zwischen Steinen und Gleisen finden konnte, wenn man etwas Glück hatte.

»Im Gleichschritt, marsch! Eins, zwei, eins, zwei …«

Die Lehrerin stand am Ende der Reihe, klatschte in die Hände und gab den Takt vor. In dieser Schule musste alles seine Ordnung haben.

Leenas Beine hoben sich widerwillig, und widerwillig sah sie zu, wie die Zöpfe des vor ihr marschierenden Mädchens hin- und herschaukelten. Dann senkte sich ihr Blick auf den Steinboden, der schwarz und nackt war wie der Fußboden einer Sauna. Es hallte auch wie in einer Sauna – wie in der Sauna, die sie samstags mit ihrer Oma besuchte. Die Stimme der Lehrerin war furchteinflößend und beinahe wütend, als sie den Mädchen den Takt vorgab. Dann befahl sie:

»Ihr könnt in das Klassenzimmer gehen! Marsch …«

Die Reihe gehorchte. Wie kleine Soldaten in Röcken stapften die Mädchen durch die Klassentür, teilten sich in vier kleinere Reihen auf und stellten sich hinter ihre Schulbänke.

»Setzen!«

Die Lehrerin setzte sich ebenfalls und begann, in das Klassenbuch zu schreiben. Leenas Blick wanderte über die rotbraun marmorierten Wände, und ihre Lippen bewegten sich geräuschlos: Warum konnten die Wände nicht schöner gestrichen sein, zum Beispiel apfelsinenfarben? Alles war so hässlich und schmutzig, oder zumindest sah es schmutzig aus. Und die Fenster waren ganz nackt, man fror allein bei deren Anblick. Warum gab es keine Vorhänge, in hellen und bunten Farben, mit Blumen und Vögeln und lustigen kleinen Häuschen? Oder Katzen und Engeln? Aber das war wohl Sache der Lehrer. Vielleicht gefielen ihnen schöne Farben nicht … Zumindest gefielen sie ihrer Lehrerin nicht … Auch jetzt trug die Lehrerin ein hässliches braunes Kleid mit kleinen graugelben Punkten. Die Punkte waren besonders hässlich, aber aus irgendeinem Grund konnte Leena nicht aufhören sie anzustarren, und sie starrte so sehr, dass schließlich die ganze Welt erfüllt war von diesen abscheulichen schmutzgelben Punkten, die umherwirbelten und in ihrem Kopf surrten. Manchmal hatte sie versucht, die Punkte auf dem Kleid der Lehrerin zu zählen, doch sie kam beim Zählen jedes Mal durcheinander, ehe sie ans Ende gelangte. Und dann dachte sie, dass sie gar kein Ende nahmen, und der Gedanke war so grauenhaft, dass ihr davon schwindlig wurde. Wegen dieser Punkte fürchtete sie ihre Lehrerin. Oder auch nicht, an den Punkten lag es nicht. Die Lehrerin war kein richtiger Mensch, in gewisser Weise war sie zur Hälfte ein Gegenstand, ein Ding oder … eine Einrichtung, die man unbedingt fürchten musste. Dass man sie fürchten musste, war eine Regel und ein Befehl, dem man sich nicht widersetzen durfte. Zudem lachte die Lehrerin niemals, was sie noch mehr wie einen Gegenstand erscheinen ließ. Gegenstände konnten nicht lachen, die Lehrerin ebenso wenig. Hätte sie wenigstens hin und wieder etwas Scherzhaftes gesagt, und wäre es nur irrtümlicherweise gewesen, hätte Leena ihr womöglich sogar die hässlichen Punkte verziehen. Aber die Lehrerin war unbeirrbar ernst, ernst wie … ja, wie ein Kirchenlied. Leena mochte keine Kirchenlieder, da ihre Großmutter ständig Kirchenlieder sang, die so ernst waren, dass man weinen musste, und die stets von Sünden handelten. Und Leena begann zu überlegen, ob sie vielleicht aufgrund irgendeiner seltsamen Sünde in diese hässliche Schule gesteckt worden war, aber sie erinnerte sich nicht an ihre Sünden und war darüber bitter enttäuscht. Hätte sie nur eine nette Sünde gehabt, die sie sorgfältig und fromm untersuchen und auf angemessene Weise bereuen könnte, wäre sie vielleicht in der Lage gewesen, die Schule besser zu ertragen. Aber da ihr auch dieser Trost verwehrt blieb, konnte sie sich nur ratlos dem zersetzenden Grauen hingeben.

Und sie gab sich ihrem Grauen von ganzem Herzen hin, als ob es ihr einziger Zeitvertreib wäre. Sie konnte nichts dagegen tun, dass sie die Schule und die Lehrerin mit aller Kraft fürchtete – so wie sie alle Menschen fürchtete, die kein Lächeln besaßen. Die Lehrerin besaß kein Lächeln, dafür aber einen Bart. Als sie zum ersten Mal den Flaum auf dem Kinn der Lehrerin entdeckt hatte, war sie gehörig erschrocken, und infolge dieser Entdeckung war ihr die Lehrerin noch weniger wie ein Mensch erschienen.

»Leena!«

Leena richtete sich verängstigt auf. Sie begriff, dass die Lehrerin sie etwas gefragt hatte, aber sie hatte die Frage nicht gehört.

»Nun?«

Leena starrte auf die schmutzgelben Punkte, die sich in einem weiten Kreis vor ihren Augen zu drehen begannen.

»Hast du schon wieder geschlafen? Setz dich hin und schreib – hör genau zu – ›Martti ist ein Eigenname und wird großgeschrieben.‹ Schreib das mit Tinte, zehn Mal. Aber pass auf, dass du nicht die Bank beschmierst. Die Bänke sind neu und haben die Schule viel Geld gekostet.«

Leena setzte sich. Sie fühlte sich unfassbar müde und gleichzeitig fürchtete sie sich. Die Lehrerin hatte sie abermals wegen der Bank gewarnt. Die war tatsächlich nagelneu, ungewöhnlich glänzend und fein – das Einzige, was in ihrer Schule neu und fein war. Langsam holte sie das Schreibzeug hervor. Als sie den Verschluss des Tintenglases aufschraubte, betete sie inbrünstig, dass Gott das Tintenglas nicht umfallen und die Bank beschmutzen ließe – und dann geschah es. Sie wusste selbst nicht, wie es geschehen war, sie sah benommen zu, wie die Tinte über das Pult floss und auf den Boden tropfte. Sie fühlte sich, als wäre sie in kaltes Wasser gefallen, und durch das Wasser hindurch hörte sie undeutlich und fern die wütende Stimme der Lehrerin. Und als sie wieder zu sich kam, stand sie in der Ecke neben dem Ofen und spürte, wie ihre Hände schwitzten. Ihr gegenüber war die rotbraune Wand, und an der Wand ein formloser Tupfer, ein schreckliches Gespenst, das sie mit einem einzigen Auge betrachtete und den Mund langsam zu einem scheußlichen Grinsen verzog.

Leena schloss die Augen und versuchte nachzudenken. In ihrem Nacken spürte sie die Blicke ihrer Klassenkameradinnen, und es kam ihr vor, als gäbe es mindestens hundert von ihnen. Auch vor ihren Klassenkameradinnen hatte sie Angst, vor allen zusammen, aber vor niemandem besonders. Vor der Lehrerin jedoch musste man besonders Angst haben. Und diese Scham … Wegen der Bank war sie nicht traurig, auch nicht wegen des Schadens, den die Bank genommen hatte – am Ende war es das Richtige für die Bank, die so ärgerlich sauber und fein war und die man stets behandeln musste, als wäre sie das Wertvollste auf der Welt.

»Scheiße.«

Sie sprach es nicht aus – das hätte sie sich niemals getraut –, sondern murmelte es hingebungsvoll und ernst, und das tröstete sie ungemein.

Mit dem tröstenden Gefühl stiegen ihr die Tränen in den Hals, und sie spürte, dass man ihr Unrecht getan hatte. Sie hatte gebetet, dass Gott das Tintenglas nicht umfallen ließe, und Gott hatte sie enttäuscht. Oder wer weiß … wer weiß, ob Gott überhaupt …

Sie stand kurz davor, ihren Gedanken zu Ende zu bringen, als die Glocke läutete und Aufregung die Klasse erfasste.

»Ruhe, Ruhe … In eine Reihe, marsch! Eins, zwei, eins, zwei … Leena bleibt hier.«

Die letzten Worte sprach die Lehrerin mit gesenkter Stimme, aber Leena tat so, als hätte sie nichts gehört, und blieb starr in der Ecke stehen, ohne den Kopf zu drehen.

Die Stahlfeder der Lehrerin kratzte über Papier.

»Du sollst deinen Eltern diesen Zettel bringen. Jetzt komm her!«

Leena bewegte sich langsam aus ihrem Loch heraus und stellte sich vor das Katheder. Ihr Kinn reichte nicht einmal bis zum Pult der Lehrerin.

»Gib das deiner Mutter, Leena! Ich will mit ihr reden.«

Leenas Finger griffen widerwillig nach dem Zettel.

»Ich hab keine Mutter«, wagte sie zu murmeln.

»Was? Ach so … Dann gib es eben deinem Vater!« Die Lehrerin räusperte sich. »Du hast doch einen Vater?«

Leena brachte kein Wort heraus. Sie starrte krampfhaft auf die leere Stiftablage, damit sie nicht die Punkte und den Bart betrachten musste.

»Sag, Leena, was macht dein Vater?«, wollte die Lehrerin wissen.

»Mein Vater … Ich weiß nicht. Großmutter sagt, dass er trinkt.«

Die Lehrerin wurde rot im Gesicht und biss sich auf die Lippe. Leena hatte das Gefühl, dass sie sich genauer erklären musste.

»Er lebt im Ausland und ist verheiratet. Großmutter sagt, dass er ein zweites Mal geheiratet hat und trinkt. Und er spielt Pieno in einem Restaurant.«

»Piano«, korrigierte die Lehrerin. »Schau, und ob du es weißt.«

»Ja, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Großmutter sagt, dass man sich nicht sicher sein kann, vielleicht ist er auch tot.«

»Dein Vater?«

»Ja.«

»Hast du ihn jemals gesehen?«

Leena schüttelte den Kopf. Die Lehrerin sprach nicht mehr mit ihrer Schulstimme, und so brachte sie den Mut auf hinzuzufügen:

»Aber ich habe einen Onkel. Mein Onkel ist Fähnrich.« Es hörte sich an, als hätte sie gesagt: »Mein Onkel ist General.«

»Verstehe«, sagte die Lehrerin. »Und du wohnst bei ihm?«

»Nein, bei Großmutter. Mein Onkel ist weit weg und fliegt. Er ist Fähnrich bei der Luftwaffe.«

»Soso.« Die Lehrerin spielte mit dem Lineal herum. Dann sagte sie: »Wie alt bist du?«

»Neun Jahre.«

»Wenn du so ein großes Mädchen bist, solltest du in der Schule deutlich besser sein. Die meisten in der zweiten Klasse sind acht Jahre alt.«

Leena begriff, dass sie sich verteidigen musste.

»Aber ich war krank«, sagte sie bedrückt.

»Richtig. Ich meine, mich zu erinnern. Du hattest Scharlach und konntest deswegen nicht rechtzeitig die Schule beginnen?«

»Ja.«

»Und du bist gleich in die zweite Klasse gekommen?«

»Ja.«

»Wer hat dir Lesen und Schreiben beigebracht?«

»Niemand hat … «

»Hast du es dir selbst beigebracht?«

»Ja.«

»Da haben wir es. Du hättest in die erste Klasse kommen sollen. Du kannst nicht mithalten. Nun, überlegen wir. Gib diesen Zettel deiner Großmutter, Leena. Du darfst gehen.«

Langsam spazierte Leena aus dem Klassenzimmer, ging den Flur entlang, dessen Fußboden aussah wie in einer Sauna, bummelte kraftlos die Treppe hinunter, wobei ihre Schulter die Wand entlangstreifte, und blieb auf einem Absatz am Fenster stehen. Ohne an etwas zu denken, starrte sie aus dem Fenster, spielte mit dem Zettel, den ihr die Lehrerin gegeben hatte, knickte die Ecken um, breitete ihn schließlich vor sich aus und begann langsam zu lesen:

An Leenas Eltern

Bedauerlicherweise muss ich Ihnen mitteilen, dass Leena eine besorgniserregend faule und starrsinnige Schülerin ist. Ich hoffe, Sie können bei Gelegenheit freundlicherweise einmal in die Schule kommen, damit wir etwas ausführlicher über Leenas Erziehung sprechen können.

Ida Nieminen, Lehrerin.

Gleichzeitig hörte Leena, wie die Tür des Klassenzimmers verschlossen wurde und jemand sich der Treppe näherte. Die Lehrerin, dachte sie erschrocken und steckte den Brief in ihre Schürzentasche. Sie tat so, als würde sie sich die Nase putzen, und wartete. Schwerfällig, laut atmend stieg die Lehrerin die steile Treppe hinunter und ging, ohne etwas zu sagen, an ihr vorbei. Sie schnaubt vor Wut, dachte Leena und drückte sich enger ans Fenster. Und sie spürte, wie sich ein formloses, scheußliches Gefühl in ihr verstärkte und im Hals aufstaute. Es war keine Scham, es war Hass. Aber sobald die Lehrerin verschwunden und der Klang ihrer Schritte im dunklen Flur verhallt war, ebbte der Hass ab und zerfiel in unbestimmte Trauer. Es war eine sonderbar kraftlose und trotzdem grenzenlose Trauer, sie war überall in ihr, und Leena spürte, dass nichts, wirklich nichts sie davon befreien konnte. Es war eine endlos lange, ewige Trauer, eine Trauer, die nicht zu erklären und dennoch selbstverständlich war. Sie spürte die Trauer nicht wegen der Lehrerin oder dem unsäglichen Zettel, sie erinnerte sich nur klarer daran als sonst. Sie erinnerte sich, ja – denn sie existierte stets in ihr und um sie herum, auch wenn sie das manchmal vergaß. Es war eine Trauer, die alles umfasste, was sie kannte oder wahrnahm: Baum und Vogel, Haus, Himmel, Wolke, Regen, Wind, Menschen. Regen, ja. Der Regen weinte auf das Fenster, und auch in ihr weinte etwas. Regen … ein schönes Wort, wie Trauer – auch das war ein schönes Wort. Regentrauer – Trauerregen … auf diese Weise erfand sie schöne neue Wörter.

Und plötzlich spürte sie, dass die Trauer einen zarten Glanz bekommen hatte. Sie drückte ihre Wange an die Scheibe, und es kam ihr vor, als hätte die Scheibe leise gezittert. Der Scheibe war langweilig, der Scheibe war kalt und langweilig, weil der Regen ununterbrochen auf sie weinte. Auf dieselbe Weise weinte etwas in ihr – ununterbrochen, fortwährend, gleichmäßig und leise. Wie der Regen. Worüber weinte er, der Regen? Vielleicht weinte er über das Gleiche wie sie, Leena. Worüber sie weinte, das wusste sie nicht, und genau deshalb erschien ihr alles so traurig. Haus, Himmel, Baum, Wolken … alles war wie für diese Trauer bestimmt. Natürlich auch sie. Dass es bestimmt war – dass alles fertig und durch nichts zu ändern war –, daher kam wohl diese alles umfassende Trauer.

Dann fiel Leena auf, dass ihre Wange nass war, und sie wusste nicht mehr, ob es jenseits oder diesseits der Scheibe regnete. Der Regen floss langsam über ihre Wange, und es fühlte sich für sie überraschend gut an – traurig und einerlei und gut. Alles ging in dem Regen unter, und sie dachte, dass sie nur lang genug im Regen stehen müsste, ehe sie selbst gänzlich zu Regen würde und auch die Trauer zu Regen würde, der wie ein eintöniges Lied war, teilnahmslos und einschläfernd und sehr, sehr leise.

»Du da! Raus jetzt – hopp, hopp! In den Pausen wird nicht auf dem Gang herumgelungert. Jacke rüber und raus zum Spielen!«

Es war die Stimme des Rektors – schrecklich laut und stramm und fast fröhlich. Der Rektor war immer so – stramm und fast fröhlich. Er stand wie eine Erscheinung oben an der Treppe, klatschte in die Hände und wandte Leena seinen quadratischen Rücken zu, bevor er im Flur verschwand.

Leena war verletzt – aber nicht unbedingt wegen des Rektors, sondern ganz allgemein. Die Trauer war dahin, ihre ganz eigene Trauer, die im Regen schön geworden war und sich in ein Lied verwandelt hatte. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, putzte ihre Nase und schlich die Treppe hinunter in die Aula, wo alle Jacken an hässlichen, unpraktischen Ständern hingen, die wie Galgen aussahen. Jeden Morgen wurden die Jacken an einen Haken gehängt. Jeden Morgen. Jeden Morgen wurde etwas gehenkt.

Leena ging dem Gedanken nicht weiter nach, sofern es überhaupt ein Gedanke war – es war wohl eher eine verschwommene Vorstellung. Sie schnappte sich ihre Jacke und ihre Kappe vom Haken und eilte auf den Hof und geradewegs durch das Tor. Laut Schulregeln war es strengstens verboten, in den Pausen auf die Straße zu gehen, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie hatte ein derart befreiendes und gleichzeitig bedrückendes Gefühl, dass die Regeln für sie nicht mehr galten.

Als sie die Straßenecke erreicht hatte, schepperte die Schulglocke, und die Kinder sammelten sich lärmend in Reihen. Leena zog sich langsam ihre Jacke über und hörte dabei zu, wie das Getöse auf dem Schulhof verstummte und die Reihen eine nach der anderen hineinmarschierten. Es hörte sich seltsam fremd und fern an. Sie wusste, dass sie einst in diesen Reihen mitmarschiert war, aber das war lange her. So lange, dass sie sich nicht einmal daran erinnerte, wie ihre Lehrerin aussah. Nur an die Punkte erinnerte sie sich …

Ja, sie würde nie wieder in die Schule gehen.

Aber sie würde auch nicht nach Hause gehen, denn sie wollte allein sein, allein mit dem Regen und ihrer Trauer. Von hier wollte sie jedoch weg, von der hässlichen Schule. Sie würde zum Fluss gehen, das Wasser betrachten und seinem Klang lauschen.

Eigentlich war es kein Fluss, sie hatte übertrieben. Es war ein Stück vom großen Meer, eine Bucht oder dergleichen, es floss leise unter der Brücke am Rande der Stadt hindurch, und deshalb bezeichnete sie es als Fluss.

Leena hatte das Wasser schon immer geliebt und gleichzeitig gefürchtet. Wasser hatte etwas Furchteinflößendes, und doch zog es sie auf geheimnisvolle Weise an. Und unter dem Wasser gab es eine andere, eine seltsame und schöne Welt, den Garten des Wassers.

Als sie in das Wasser blickte, um ihr Spiegelbild zu betrachten, das auf der Oberfläche flimmerte, raschelte der Zettel der Lehrerin in ihrer Tasche, und der Zauber war gebrochen. Leena streckte ihrem Spiegelbild die Zunge entgegen und zog das Papier hervor, um den Text erneut Buchstabe für Buchstabe zu lesen. Doch nun war er nicht mehr in der Lage, Eindruck auf sie zu machen, die Worte wirkten seltsam gleichgültig und leblos, fast, als hätten sie jemand anderes betroffen und nicht sie. Und plötzlich erkannte sie, dass der Zettel fliegen wollte – sich in einen Vogel verwandeln und fliegen. Und sie faltete das Papier in der Mitte, klappte die Ecken nach innen, faltete es erneut, und fertig war der Vogel. Noch ehe sie es bemerkte, flog er mutig in die Luft, hielt für einen Augenblick inne und ließ sich langsam und anmutig auf der Wasseroberfläche nieder. Auf dem Wasser breitete er die Flügel aus