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Zimmer mit Aussicht: Während Nicolas Cambrils, ein ehemals sehr erfolgreicher Kinderbuchautor Anfang Dreißig, versucht, das Leben seiner Freunde in Ordnung zu bringen, geht sein eigenes den Bach runter: Seit Jahren hat er nichts Brauchbares mehr geschrieben, sein Verleger droht, den Vertrag aufzukündigen, und Nico zieht mit seiner alten Olivetti Lettera in eine staubige Mansarde, die immerhin einen wunderbaren Blick über Paris bietet. Doch das ist lange her, und Nicolas muss sich inzwischen mit einem Job beim Sicherheitsdienst der Pariser Metro über Wasser halten. Eines Tages fällt ihm auf dem Monitor am Bahnsteig der Haltestelle La Concorde eine junge blonde Frau mit einem gelben Mantel und einer grünen Tasche auf, die ihn sofort verzaubert. Sie hinterlässt rätselhafte handgemalte Zettel in den Papierkörben der Metro. Nachdem Nico die erste Botschaft gelesen hat, weiß er, dass er diese Frau unbedingt wiederfinden muss. Denn ihre märchenhaften Zeichnungen inspirieren ihn zum Schreiben. Und er hat er sich hoffnungslos in sie verliebt …
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2018
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ISBN 978-3-85179-415-1 Alle Rechte vorbehalten © 2016 by María Jeunet © 2016 by Editorial Planeta, S.A., Barcelona Titel der spanischen Originalausgabe: El nombre propio de la felicicdad Übersetzung aus dem Spanischen von Anaj Rüdiger © 2018 für die deutschsprachige Ausgabe: Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien Covergestaltung: Guter Punkt, München Covermotiv: Chika-Ptichka / Shutterstock Konvertierung: CPI books GmbH, Leckwww.thiele-verlag.com Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
Cover & Impressum
Widmung
Zitate
I – So war mein Leben. Bis jetzt.
II – Was soll ich tun?
III – Dort unten sind wir die Könige
IV – Gesegnet sei der Schmerz, den das Glück mit sich bringt.
V – An diesen ersten Tag im Juli werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern
VI – Ich werde alles ganz genau erzählen
VII – Die Welt schien einfach perfekt zu sein
VIII – Ineinander verschlungene Hände
IX – Niemand sollte es je vergessen
X – Ich kann
XI – Dinge, die mir das Leben retten würden
XII – Das Puzzle
XIII – Was wir aus Angst verlieren
XIV – Kirschen sind so rot wie Tulpen
Ein Brief der Autorin
Für die Seelen, die mich begleiten, mich begleitet haben und mich im Leben begleiten werden.
Heute für Indi und Misca, aber auch für alle möglichen anderen.
Und für Roberto, für alles, was mich zum Lachen bringt.
»[…] Woraus auch unsere Seelen gemacht sein mögen, seine und meine gleichen sich […]«
EMILY BRONTË, STURMHÖHE (1847)
»Ein Gemüt wie das Eure kann aus Sorgen Gutes machen. Der ganze Kummer wird Euch Kraft geben und Euch einen höheren Weg weisen. Ihr müsst an einen Baum denken. Wie er um seine Wunden herumwächst: Wenn ein Ast abbricht, hört er nicht auf zu wachsen, sondern reckt sich weiter zum Licht. Wir müssen dem Unglück mutig entgegentreten und dürfen nicht dulden, dass es uns Angst macht. Wir müssen die Komödie zu Ende spielen und das Unglück müde machen, Mylady.«
TERRENCE MALICK, THE NEW WORLD (2005)
I
SO WAR MEIN LEBEN. BIS JETZT.
1
»Es war einmal in einer unglaublichen Stadt voller Licht. Dort lebte ein sehr unglücklicher junger Mann. Er wohnte in einer kleinen Wohnung in friedlicher Nachbarschaft mit einer Mäusefamilie und verdiente gerade so viel, dass er zweimal am Tag etwas essen und einmal im Monat ins Kino gehen konnte. Doch eines Tages sorgte das Schicksal dafür, dass sich all dies änderte.«
So beginnt meine Geschichte, liebe Freunde. Nur dass es sich dabei nicht um ein Märchen handelt, sondern dass alles wirklich geschehen ist, und wenn ihr es mir erlaubt, würde ich euch meine Geschichte gern erzählen.
Ich bin zweiunddreißig Jahre alt und schreibe Kinderbücher. Also, um die Wahrheit zu sagen, habe ich nur eines geschrieben, und das ist schon einige Jahre her. Es ist gut möglich, dass ihr schon mal davon gehört oder die Geschichte euren Kindern vorgelesen habt. In den letzten Jahren habe ich leider nichts Gutes mehr zustande gebracht oder zumindest nichts, was gut genug war, dass mein Verleger es veröffentlichen wollte. Wobei ich ihm das nicht vorwerfen kann, denn jede Seite, die ich seit meiner wunderbaren Geschichte geschrieben habe, ist großer Mist, wie ich leider zugeben muss. Aber was soll ich machen, … Manchmal ist die Inspiration da, und dann verlässt sie einen wieder. Und wenn das Leben einem Zitronen gibt, kann man nicht immer Limonade daraus machen, stimmt’s? In den letzten Jahren habe ich mein Leben hauptsächlich mit tränengetränkten Taschentüchern, Ärzten und Krankenschwestern verbracht. Aber ich will euch nicht deprimieren, indem ich euch etwas vorjammere. Ich werde euch lieber meine ganz eigene Geschichte erzählen.
Ich bin ein Einzelkind, dabei hätte ich immer gern einen Bruder oder eine Schwester gehabt, doch meine Eltern waren schon ziemlich alt, als ich geboren wurde, so alt, dass ihr Arzt damals meinte, dass meine Geburt schon mehr als ein Wunder gewesen sei.
»Monsieur und Madame Cambril, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll …«
»Kommen Sie, Sie brauchen nichts zu beschönigen, wir können die Wahrheit ertragen. Was ist es, was da wächst? Ein Tumor? Bitte sagen Sie es uns, denn der Bauch meiner Frau wird immer dicker.«
»Aber nicht doch, Monsieur und Madame Cambril, Sie werden Eltern.«
»Wie bitte? Aber … das kann nicht sein!«
»Herr Doktor, ich bin dreiundfünfzig Jahre alt und mein Mann ist sechzig. Entschuldigen Sie, dass ich das so frank und frei sage, aber das ist unmöglich.«
»Ich bin mir absolut sicher. Ich habe sogar einen Kollegen hinzugezogen, und wir sind beide der Meinung, dass es … Na ja, wie soll ich es sagen … Es ist wirklich … ein Wunder. Herzlichen Glückwunsch, meine Herrschaften.«
An jenem Tag beschlossen meine Eltern, Paris zu verlassen, weil »das Leben dort sehr gefährlich ist«, und ließen sich in einem kleinen Ort nieder, der etwa hundertfünfzig Kilometer von der Hauptstadt entfernt liegt. Dort waren die Straßen unregelmäßig mit grauen und sandfarbenen Steinen gepflastert. Der Name dieses Ortes ist Mont des Fleurs. Wenn man sich dort fortbewegen wollte, musste man einen steilen Hügel nach dem anderen überwinden, die alle mit Töpfen voller Blumen geschmückt waren, die die Einwohner vor ihren Häusern hegten und pflegten. Und es gab etwas, was diesen Ort zu einem ganz besonderen machte und was ich, dumm wie ich damals war, genau so in allen anderen Orten der Welt vermutete: Die Fensterläden und die Türen eines jeden Hauses waren in einer jeweils anderen leuchtenden Farbe gestrichen – indigoblau, lachs- oder senffarben, kirschrot, lindgrün … In Mont des Fleurs brauchte man keine Adresse, man sagte einfach: »Ich wohne in dem Haus mit den smaragdgrünen Fensterläden.«
Mein Irrtum wurde mir schlagartig bewusst, als ich zum ersten Mal den Nachbarort besuchte und feststellte, dass man dort tatsächlich eine korrekte Adresse wissen musste – und nicht einfach nur die Farbe der Fensterläden –, wenn man ein bestimmtes Geschäft oder ein Haus finden wollte. Meine Eltern erstanden in jenem Ort mit den steilen Hügeln, den leuchtenden Blumen und den bunten Fensterläden eine kleine Bäckerei mit einem alten Holzofen, wo die Einwohner der umliegenden Ortschaften schon seit vielen, vielen Jahren ihr Brot kauften. Über dem Geschäft befand sich eine hübsche Wohnung mit gemauerten Wänden und Fensterläden aus Holz (farbig gestrichen natürlich, in diesem Fall in Veroneser Grün), die über zwei Etagen ging und über eine Mansarde verfügte, in der ich lesen, malen und zu träumen lernte. Meine erste Geschichte, die, die so unglaublich erfolgreich wurde, habe ich genau dort geschrieben. Hinter dem Haus gab es einen kleinen Garten mit der größten Sammlung an seltenen (und wunderschönen) Pflanzen und Blumen, die ich je gesehen habe. Dort fand ich einen alten, vergessenen Tisch, den ich in meine Mansarde stellte. Er war schon ein wenig abgenutzt und das Holz hatte ein paar Kerben, aber er schien mir absolut perfekt zu meiner alten Schreibmaschine zu passen. Denn, meine lieben Freunde, bis vor Kurzem habe ich tatsächlich noch zu den Menschen gehört, die auf einer Schreibmaschine schreiben. Ich bin unglaublich altmodisch, was soll ich machen …
Jeden Morgen drang der Duft nach frisch gebackenem Brot, Milchbrötchen und knusprigen Zimtschnecken mit Schokolade durch die Ritzen im Holzboden zu mir herauf, und die trällernden Stimmen der Dorfbewohnerinnen waren in jenen Monaten meine akustische Begleitung. Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, scheint es mir, als wären seitdem tausend Jahre vergangen, als wären es fremde Erinnerungen, die mir irgendjemand erzählt hat.
Das einzig Handfeste, was ich aus jenen Tagen aufbewahrt habe, ist meine Schreibmaschine. Eine alte Olivetti Lettera 35, die mein Vater mir eines Tages schenkte, als ich noch klein war. Und am selben Tag noch schrieb ich darauf. Es wird euch sicher überraschen, wenn ich euch erzähle, dass ich damals gerade erst vier Jahre alt war. Mein Vater hatte die Maschine einem alten Buchhalter im Ruhestand abgekauft, der sich freudigen Herzens in einem gemütlichen Haus in der Nähe unserer Bäckerei niederließ, als er fünfundsechzig Jahre alt geworden war. Der Mann meinte, dass er von dem hektischen Lebensrhythmus in der Großstadt genug habe, den er vierzig Jahre lang gezwungenermaßen ertragen habe, weil er nun mal ein Zahlenmensch sei, was einem auf dem Land nicht viel brachte, in den großen Firmen in der Stadt jedoch gebraucht wurde. Die Tasten dieser Schreibmaschine wurden damals zur Verlängerung meiner Gedanken und sind es heute noch. Die alte Olivetti ist das Einzige, was ich mitnehme, wenn ich eine Wohnung verlasse und in eine andere ziehe. Sie ist mein Anker, der mich mit den glücklichen Erinnerungen an die Farben, Düfte, Geschmäcker und Geräusche verbindet …
Nun lebe ich in einer Wohnung, die einmal das Heim von superreichen Leuten gewesen sein muss, von solchen Leuten, die eine kleine Glocke läuten, damit man ihnen das Essen bringt oder was auch immer sie wollen. Aber ich möchte euch nicht an der Nase herumführen: Es ist ein herrschaftliches Haus, das inzwischen ziemlich heruntergekommen ist und in sechs Einzel-Appartements umgebaut wurde. Na ja, sieben, wenn man die winzige Wohnung mitzählt, in der ich wohne, gleich unter dem Dach, wie könnte es anders sein. Die Hauseigentümerin, eine mollige ältere Dame, die raucht wie ein Schlot und furchtbar nach Anis riecht, hatte mir zunächst ein paar der anderen schmuddeligen Appartements gezeigt, die unterhalb meiner Mansarde liegen, doch als ich die zweite davon verließ und die enge Treppe mit den Holzstufen entdeckte, wusste ich gleich, dass sich dort oben ein ganz besonderer Ort verbirgt.
»Da oben? Bist du verrückt? Da gibt es nichts als Mäuse!«
Doch ich konnte meinen Blick nicht von der Treppe abwenden.
»Aber … Ist die Mansarde denn noch frei? Würden Sie sie mir vermieten?«
»Jungchen, du musst ziemlich verrückt sein. Jetzt schau dir doch noch mal das wunderbare Appartement hier an.« Sie wies auf das Loch, das wir gerade besichtigt hatten.
»Dürfte ich mir die Mansarde wenigstens mal ansehen?«
Das Einzige, was fehlte, war der Duft nach frischen, noch warmen Brötchen. Und ein paar Töpfe mit roten, blauen und gelben Blumen. Hier würde ich mein nächstes Meisterwerk verfassen, dafür kam kein anderer Ort infrage.
Wir stiegen also die Treppe hinauf, die Vermieterin voran, gefolgt von mir. Ein paarmal gab das Holz unter ihren Füßen nach, und ich musste sie von unten stützen, damit sie nicht auf mich fiel. Was ihr durchaus zu gefallen schien.
Schließlich, nachdem wir die dreizehn heimtückischen Stufen überwunden hatten, kamen wir oben an, und sie drehte den Schlüssel in der Tür um. Diese quietschte beim Öffnen wie in einem Horrorfilm, und die Vermieterin erschauderte, bevor sie in den dahinterliegenden Raum blickte und mich dann erneut ansah, als frage sie sich, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte.
»Madame, das ist wie geschaffen für mich. Wie viel verlangen Sie dafür?«
»Bist du dir sicher?«
»Bitte nennen Sie mir den Preis.«
Der Raum war etwa dreißig oder fünfunddreißig Quadratmeter groß, verfügte über zwei Fenster und ein paar Möbel, die mit staubigen Laken bedeckt waren. Das Bad, das es zu meiner Überraschung tatsächlich gab, nahm eine Ecke des Raumes ein und war durch eine Holzwand abgetrennt, hinter der sich eine alte Toilette und eine Duschwanne verbargen. Die Küche bestand aus einem orangefarbenen, ziemlich lädierten Möbelstück, das in drei Bereiche aufgeteilt war: eine kleine, schmutzige Arbeitsfläche, eine elektrische Kochplatte, die mindestens hundert Jahre alt zu sein schien, und ein Spülbecken aus verblichenem Porzellan mit einem unvermeidlich tropfenden Wasserhahn, über dem ein runder Spiegel ohne Rahmen hing. Ich nahm an, dass das Spülbecken gleichzeitig auch als Waschbecken dienen sollte.
»Gut … Lass mich einen Moment nachdenken, Jungchen … Also meinetwegen, wenn du darauf bestehst, sechshundertfünfzig Euro.«
»Was? Aber für das Appartement unten wollten Sie doch nur fünfhundert haben!«
»Ja, aber das hat kein eigenes Badezimmer und nur ein winziges Fenster, das auf den Innenhof hinausgeht. Von hier oben hingegen hat man eine schöne Aussicht.«
»Die will ich erst einmal sehen.«
Ich machte drei Schritte zum ersten Fenster hinüber, zog die Gardine zur Seite (der Staub, der dabei aufwirbelte, ließ die Vermieterin lautstark niesen), öffnete das Fenster und stieß die dahinterliegenden Läden auf. Und vor meinen Augen bot sich mir tatsächlich die schönste Aussicht, die Paris zu bieten hat. Ich konnte die Rückseite der Oper sehen, deren Fenster das Sonnenlicht reflektierten, sowie einen Teil der Madeleine mit ihren beeindruckenden korinthischen Säulen, die das Gewicht des Dachs trugen, und im Hintergrund, ganz in der Ferne, war sogar die Spitze des Eiffelturms zu erkennen. Es war wunderbar!
»Na? Was hab ich dir gesagt?« Die Vermieterin reinigte sich zufrieden ihre Zähne mit einem Zahnstocher. »Das wären dann also sechshundertfünfzig Euro warm plus drei Monatsmieten Kaution. Ich brauche eine Kopie deines Arbeitsvertrags, deiner letzten drei Gehaltsabrechnungen und deines Ausweises.« Ich antwortete nicht, da ich noch immer bewundernd auf die in der Nachmittagssonne badenden hellen Gebäude blickte. »Ach, und beeil dich bitte, denn die Leute reißen sich um dieses Schmuckstück, weißt du?«
Zwei Tage später hatte ich ein neues Zuhause. Und ehrlich gesagt hoffte ich inständig, dass es mein endgültiges Zuhause sein würde. Zumindest das, was mich erneut zum Erfolg führen würde. Denn ich träumte von einem guten Buchvertrag, einem eigenen Haus, einem Auto und davon, jeden Tag frisches Obst und köstlich duftendes Brot zum Frühstück zu essen.
Mein neuer bester Freund Karim half mir beim Umzug. Karim ist sehr stark. Wenn er im Winter einen Mantel trägt, erscheint er noch größer, und von hinten betrachtet könnte man schwören, dass er ein Riese ist. Er trug also meine paar Habseligkeiten hinauf, aber vor allem half er mir, das hinunterzutragen, was ich nicht brauchte.
Mit vereinten Kräften machten wir die kleine Mansarde … bewohnbar – belassen wir es dabei, denn keiner von uns beiden ist ein Perfektionist, wenn es um Ordnung und Sauberkeit geht, aber zumindest entfernten wir den Staub und die Mäuseköttel, wischten den Boden und bezogen das Bett und das Sofa mit frischen Laken.
Als wir fertig waren, konnte ich meinem Freund leider nichts anbieten, weil ich noch gar nicht zum Einkaufen gekommen war.
»Komm, lass uns zu Carol gehen, Karim. Das Bistro, in dem sie arbeitet, ist ganz in der Nähe, und sie ist eine gute Freundin von mir.«
»Ich kann nicht, mein Lieber. Ich bin mit der hübschen Rothaarigen verabredet …« Er grinste vielsagend.
»Der Rothaarigen? Du meinst die von heute Morgen?«
»Ja klar, was glaubst du denn, wie viele Rothaarige in der Welt rumlaufen. Die sind selten. Das macht sie ja so besonders.« Mit einer ausladenden Geste zeichnete er eine weibliche Silhouette in die Luft.
»He, pass ein bisschen auf mit deinem Herumgefuchtel, ja?« Ich wich seinen Pranken aus. »Wenn du mir den Kopf einschlägst, kann ich mich nachher nicht mehr konzentrieren.«
»Genau: Setz du dich hin und schreib!« Er fasste mich an den Schultern und schob mich zu dem Tisch hinüber, an dem ich essen und arbeiten würde, um mich dort auf den Stuhl zu drücken, der vor meiner Schreibmaschine stand. »Wenn du erst mal Millionär bist, lädst du uns alle in deine noble Hütte ein, okay?«
»Ganz bestimmt. Danke, Karim.«
»Keine Ursache!« Er klopfte mir noch einmal auf die Schulter und eilte lachend davon.
Als er die Tür hinter sich schloss, sah ich mehrere Staubpartikel, die über den Boden tanzten.
»Er wackelt. Dieser Stuhl wackelt, Mist …«
Ihr müsst wissen, dass ich, wenn ich allein bin, fast immer mit mir selbst rede.
Ich hatte mir für den Einzug in meine Mansarde mehrere Tage freigenommen, doch weil der Umzug schneller ging, als ich gedacht hatte, hatte ich am nächsten Tag nichts zu tun. Also beschloss ich, mit meinem neuen großen Meisterwerk zu beginnen. Ich setzte mich auf den wackligen Stuhl, legte ein Blatt Papier in meiner Olivetti Lettera 35 ein und stellte mir eine Flasche Wasser auf den Tisch.
Mal sehen … Worum könnte es in meiner Geschichte gehen … Was könnte den Kindern gefallen? Denk nach, Nico, denk nach! Spielzeug, Süßigkeiten, Ferien … Brüste … Brüste???
Ja, sie mögen Brüste, aber nur wenn sie Babys sind, du Idiot! Dann vergessen sie Brüste, bis sie zwölf oder dreizehn Jahre alt sind.
Wobei mir, ehrlich gesagt, bereits als ich acht Jahre alt war, die Brüste der Frau des Schusters aufgefallen waren. Sie waren wie zwei Wassermelonen, unglaublich! So was bekommt man heutzutage gar nicht mehr zu sehen.
O Gott! Aber was tue ich denn da? Ich muss völlig bescheuert sein!
Konzentrier dich, Nicolas, sonst wird das nichts!
Ein melodisches Geräusch riss mich aus meinen verrückten Grübeleien.
Gerade noch mal davongekommen!
Mein Handy klingelte genau in dem Moment, als die Angst, die aus winzigen bösen Zwergen zu bestehen schien, bereits meine Beine heraufkletterte.
»Hallo, Karim, mein Freund! Was gibt’s? Klar, ich komme runter und lade dich zu dem Bier ein, das ich dir gestern versprochen habe.«
Ich lief die Treppen hinunter und setzte mich auf die Stufen am Eingang, und zehn Minuten später tauchte Karim am Steuer seines dreißig Jahre alten roten BMW Z1 Roadster auf. Ein Klassiker, dem kein Mann widerstehen kann! Und beinahe keine Frau, zumindest wenn Karim drin sitzt.
»Steig ein! Verschieben wir das mit dem Bier auf einen anderen Tag, einverstanden?«
»Na schön. Wie war’s denn gestern?«
»Der Wahnsinn!« Er verdrehte die Augen. »Erinnerst du dich noch an die kleine Dunkelhaarige letztens? Also, die Rothaarige hatte da schon ein paar Größen mehr zu bieten, so wie ich es liebe, richtig was zum Anfassen!« Er lachte dröhnend.
»Du bist ein Ferkel, Karim, könnte das sein? Und? Wirst du sie wiedersehen?«
»Die kleine Dunkelhaarige?«
»Welche auch immer, Karim, eine von den beiden.«
»Mal sehen.« Er grinste schelmisch.
»Warst du eigentlich noch nie richtig verliebt?«
»Was? Jetzt werd mal nicht kitschig!«
»Im Ernst, Karim, hast du noch nie etwas Besonderes empfunden bei einer Frau?«
»Hör mal, mein Freund, wenn du jetzt einen auf sensibel machst, fahr ich lieber mit meiner Kollegin Charlotte; die hat immer was zu erzählen, und das dürfte durchaus interessanter sein.«
»Wohin fahren wir denn überhaupt?« Mir fiel auf, dass wir das Stadtzentrum verlassen hatten und Richtung Norden unterwgs waren.
»Was? Ach, weißt du … Pauline hat heute Geburtstag …«
»Und da schleppst du mich mit?« Es überraschte mich nicht wirklich. Karim war zwar ein großer Aufreißer, aber wenn es um seine Ex ging, zog er ziemlich schnell den Schwanz ein. Erst recht seit er sie mit einem anderen Mann gesehen hatte.
»Na ja, ich kenne so gut wie keinen auf dieser Party.«
»Party? Du nimmst mich mit zum Kindergeburtstag deiner Tochter? Junge, Junge, ich hab nicht mal ein Geschenk!«
»Keine Panik! Schau mal nach hinten.« Ich tat wie geheißen und entdeckte zwei gleich große Pakete. »Das sind die Pipi-Schwestern, zwei Babypuppen, mit denen sie mir seit Weihnachten in den Ohren liegt.«
Eine halbe Stunde später parkten wir in einer Straße am nördlichen Stadtrand von Paris. Diese Vororte sehen alle gleich aus. Irgendwer musste sich einen Riesenspaß daraus gemacht haben, ausschließlich absolut identische Häuser zu bauen, um sich dann kaputtzulachen, wenn die Leute versuchten, ihre Wohnung zu finden.
Ich könnte eine Geschichte über ein Kind schreiben, das sich in einem solchen Vorort verirrt und seine Mama nicht mehr findet … Es setzt sich in eine Ecke, bis es verhungert und verdurstet ist …
Oh Gott! Wie komme ich denn darauf? Das ist keine Geschichte für Kinder, sondern traumatisierender Horror!
»Papa!« Der freudige Schrei eines kleinen Mädchens holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Pauline stürzte sich auf ihren Vater, der sie sozusagen im Flug auffing, während er mir beinahe gleichzeitig die beiden Pakete zuwarf. Natürlich fielen sie dabei auf den Boden und bekamen ein paar Beulen, was die Kleine jedoch nicht zu bemerken schien.
Wir aßen rosafarbenen Geburtstagskuchen und Berge von bunten Süßigkeiten, tranken Coca-Cola, bliesen Luftballons auf, zündeten Wunderkerzen an, pusteten alle zusammen die Geburtstagskerzen aus, und ich half Pauline, ihre Geschenke auszupacken, während Karim und seine Ex sich in der Küche stritten. Ich hatte sie, seit ich Karim kannte, erst ein paarmal gesehen, und immer hatte sie ihn angeschrien. Karim hatte das Gewitter jedes Mal mit hängendem Kopf über sich ergehen lassen. Er musste wirklich irgendetwas Schlimmes angestellt haben, aber ich hatte ihn nie danach gefragt. Er ist nicht der Typ, der einem solche Dinge anvertraut, sondern einer, der beim Umzug hilft, im Notfall deine Schicht übernimmt, mit dem man einen draufmachen kann und der wahrscheinlich sogar lieber mit dir zum Blutspenden geht, wenn es nötig ist, als sich so weit zu öffnen, dass du etwas von seinen Gefühlen mitbekommst. Wir alle wissen, dass es so ist. Und es macht uns nichts aus, weil er ein feiner Kerl ist. Ein guter Freund.
Als das Gewitter vorüber war, bedankte sich Zoe, die Ex, bei mir dafür, dass ich auf die Kleine aufgepasst hatte.
»Keine Ursache, hat Spaß gemacht. Und vielen Dank für den Kuchen.«
»Tut mir leid, dass du mal wieder mitgekriegt hast, wie ich ausgerastet bin.«
»Nein, nein … Das macht doch nichts, Zoe.«
»Gib dir keine Mühe. Ich weiß, dass es so ist, und es stimmt. Jedes Mal, wenn wir uns gesehen haben, habe ich Karim eine Abreibung verpasst. Wahrscheinlich hältst du mich für streitsüchtig oder vollkommen hysterisch.«
»Nein, nein, wirklich nicht.«
Freunde, ich kann nicht lügen. Das ist auch eine meiner Eigenschaften: Ich kann nicht lügen, man merkt es mir sofort an.
»Ha, ha, ha! Du wirst rot wie ein Feuermelder!« Sie lachte und wurde dabei selbst rot wie eine Tomate. »Entschuldige!« Sie versuchte sich zusammenzureißen, hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht wieder loszulachen, und dabei fiel mir auf, dass sie noch ihren Ehering am Finger trug. »Hast du wirklich dieses Buch geschrieben?« Sie wies auf mein Buch, das neben dem Bett der Kleinen lag.
»Ja, aber das ist schon sehr lange her. Man könnte fast sagen, das war in einem anderen Leben.«
»Na ja, du musst wissen, dass es das Lieblingsbuch meiner Tochter und aller ihrer Freunde ist. Sie lesen im Kindergarten darin, so oft es nur geht. Ich glaube, sie haben fünf oder sechs Exemplare in der Bibliothek, weil es das begehrteste Buch ist.«
»Danke.« Erneut wurde ich rot. Und das ist eine weitere Eigenschaft von mir: Ich kann nicht mit Komplimenten umgehen. Sie sind mir peinlich.
»Keine Ursache! Sag mal, Nicolas …«
»Nenn mich Nico, das machen alle, schon immer.«
»Gut, Nico. Hast du keine Freundin?«
»Mhm … Ehrlich gesagt, nein …«
»Aha. Gibt es denn … jemand Besonderen?«
»Äh, nein, wirklich nicht … Niemanden.«
Karim unterbrach uns. Wir waren die letzten Gäste, und es war schon ziemlich spät, sodass wir uns zum Aufbruch entschieden. Die beiden verabschiedeten sich deutlich friedlicher voneinander, wobei die Verlegenheit im Blick meines Freundes nicht zu übersehen war. Er muss wirklich etwas Übles angestellt haben. Zoe umarmte mich, und mir fiel plötzlich auf, dass dies seit Beginn des Jahres das erste Mal war, dass mich jemand umarmte. Dabei war es bereits April.
Liebe Freunde, genau so war es leider: Es gab niemanden. Niemand Erwähnenswerten in meinem Liebesleben. Die Frauen finden mich nett und gutaussehend. Ich bin ziemlich groß, habe volles Haar (wenn es morgens auch manchmal recht widerspenstig ist), ein sympathisches Lächeln und bringe sie zum Lachen. Ich hatte einige gute Freundinnen, und natürlich gab es schon ein paar Beziehungen in meinem Leben. Sogar eine, die beinahe zwei Jahre gehalten hat, aber nie hätten wir von uns behauptet, ein »Paar« zu sein. Wir sind miteinander gegangen, und das war’s. Weil wir beide nicht mehr erwartet haben. Eines Tages hat dann einer von uns den anderen nicht mehr angerufen, und wir haben uns vergessen. So ist das Leben.
Zumindest meins. (Oder besser: Es war so.)
Ich habe ja schon erzählt, dass ich zu jener Zeit möglichst einmal im Monat ins Kino gegangen bin (ehrlich gesagt, hätte ich lieber öfter die Gelegenheit gehabt, aber das konnte ich mir finanziell nicht erlauben), weshalb ich mir immer ganz genau überlegt habe, welchen Film ich mir ansehen wollte. Unter den zehn oder zwölf Filmen im Jahr war nie ein Liebesfilm. Das heißt nicht, dass ich nicht an die Liebe glaube. Zumal meine Eltern, was das angeht, das beste Vorbild waren. Ihre Liebe reicht garantiert bis ins Jenseits. Ich habe mir keine romantischen Filme angesehen, weil ich mich nicht in sie hineinversetzen konnte. Ich konnte diese Magie nicht nachvollziehen, die die Protagonisten empfanden, sodass sie, wenn es sein musste, bis ans Ende der Welt reisten, um mit dem anderen zusammen zu sein. Ich fand das absolut übertrieben, ehrlich. Und ich hatte keine Angst davor, allein zu sterben, denn letztendlich sind wir im Tod alle allein. Was macht dann schon ein wenig mehr Einsamkeit zu Lebzeiten? Die Liebe war mir einfach nicht wichtig, genauso wenig wie eine feste Freundin zu haben, und ich sehnte mich auch nicht danach, verheiratet zu sein. Das Einzige, worauf ich meine Energie konzentrieren wollte, war, mein neues Buch fertigzuschreiben (besser gesagt: damit anzufangen). Mein nächstes Meisterwerk. Das war erst einmal das Wichtigste.
Nur dass das Leben einem nicht immer nur Steine in den Weg legt, sondern manchmal auch für eine schöne Überraschung gut ist. Glücklicherweise.
2
Mein Vater meinte immer, dass ich seiner Schwester ähnlich sei, die ums Leben gekommen war, weil sie einen Hund aus einem Fluss retten wollte. Mein Vater war damals noch sehr klein.
»Junge, wenn du nicht auch mal an dich selbst denkst, hast du irgendwann das Nachsehen«, pflegte er zu sagen. »Es ist ja schön und gut, dass du anderen Leuten helfen willst, aber vergiss nicht, dass die wichtigste Person in deinem Leben du selbst bist.«
Ehrlich gesagt, habe ich das niemals verstanden. Ich habe mir immer gesagt, dass ich alles ertragen könne außer einem: zuzusehen, wie es jemandem, der mir nahesteht, schlecht geht.
Nur, um ein Beispiel zu geben: Als ich sieben Jahre alt war, bekam der Junge im Haus nebenan, dessen Fensterläden und Türen feuerrot gestrichen waren, die Windpocken. Er war mein Freund, und es ging ihm wirklich nicht gut. In meiner kindlichen Vorstellung bildete ich mir ein, dass ich ihm die Krankheit abnehmen könnte, wenn ich zu ihm ginge, weil er mich dann »anstecken« würde, so hatte es jedenfalls seine Mutter gesagt, als ich ihn nach der Schule besuchen wollte.
»Nicolas, sei nicht dumm. Deine Mutter hat mir gesagt, dass du die Windpocken noch nicht hattest. Wenn du jetzt mit meinem Jungen spielst, wird er dich anstecken.«
Da ich also davon überzeugt war, dass er die Krankheit mir übertragen würde, wenn ich nur nahe genug an ihn herankam, zog ich mir, sobald seine Mutter nicht mehr in der Nähe war, die Kleider aus und lief nackt zu seinem Bett, damit es meinem Freund bald wieder bessergehen würde.
»Ich bin stark genug, das zu ertragen, Arnaud, du nicht. Sieh mal, wie heiß du bist! Gib mir deine Windpocken, denn ich bin ruckzuck wieder gesund, du wirst schon sehen.«
Am nächsten Tag blieben in der Schule dann zwei Plätze leer: der von Arnaud und meiner. Wobei ein Teil von dem, was ich gesagt hatte, sich bewahrheitete: Ich war tatsächlich sehr schnell wieder gesund.
Dazu fällt mir noch etwas ein. Erlaubt mir, dass ich es euch auch noch kurz erzähle: Eines Abends, als in Mont des Fleurs ein Fest gefeiert wurde, bat mich mein Freund Pierre, der ein Jahr älter war als ich und sehr viel weiter, um einen Gefallen:
»Hör mal, Nico, dieses Mädchen dahinten, die steht doch auf dich, oder? Kannst du uns nicht mal miteinander bekannt machen? Ich fahre nämlich morgen in die Ferien und komme erst im Oktober zurück. Gleich ist das Fest hier vorbei, und ich werde keine Gelegenheit mehr haben, mit einem so hübschen Mädchen zusammen zu sein.«
»Schon möglich, Pierre, aber es ist nun mal so, dass ich ihr gefalle und dass sie mit mir tanzen will – ihre Freundin hat es mir eben gesagt.«
Pierre machte ein unglückliches Gesicht. »Ach, komm, Nico! Verstehst du denn nicht? Wenn ich heute Abend nicht zum Zug komme, weiß ich nicht, was aus mir werden wird. Dann sehe ich sie vielleicht nie mehr wieder, und das würde mir das Herz brechen.«
Und damit hatte er mich schon, mit diesem mitleiderregenden Ton und dem treuherzigen Blick.
»Ich weiß nicht, Pierre … Was ist, wenn sie nicht will?«
»Frag sie doch wenigstens mal! Sag ihr, dass du einen Freund hast, der ein bisschen älter ist als du und sie wahnsinnig gern kennenlernen würde. Komm … Los, versuch’s!«
Also bin ich losgezogen und habe die beiden verkuppelt, meinen Freund Pierre und das hübscheste Mädchen auf dem Fest. Sie war sofort einverstanden, als sie erfuhr, dass Pierre schon sechzehn Jahre alt war, und stürzte sich gleich auf ihn.
Sicher denkt ihr jetzt, dass ich ziemlich dämlich bin. Aber tatsächlich sehe ich das anders. Vielleicht könnt ihr das nicht verstehen, aber es macht mich glücklich, wenn es den Leuten in meiner Umgebung gut geht. Das ist nicht leicht zu erklären, aber so ist es nun mal. Ich muss sicher sein, dass die Menschen, die mir etwas bedeuten, glücklich sind. Und wenn ich etwas für sie tun kann, zögere ich nicht, mich einzumischen und mir die Hände schmutzig zu machen – wenn es sein muss, bis zu den Ellbogen.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, wisst ihr schon eine ganze Menge über mich: dass ich in einer »entzückenden« Mansarde in Paris wohne (ja, ich weiß, dass das eine Art Selbstbetrug ist, aber ich liebe nun mal diesen Ausblick!), dass ich Schriftsteller bin (gut, ich habe nur ein gutes Buch geschrieben, aber ich hoffe, dass ich bald meinen zweiten großen Wurf landen werde), dass ich manchmal mit mir selbst rede, wenn ich allein bin, dass mir Komplimente unangenehm sind, dass ich nicht lügen kann, dass ich einige gute Freunde habe und dass ich noch nie eine Beziehung hatte, über die man einen Liebesroman hätte schreiben können.
Bis zu diesem Zeitpunkt.
3
Es gibt da noch etwas Wichtiges, was ich bisher nicht erwähnt habe, nämlich, womit ich mir momentan meinen Lebensunterhalt verdiene.
Da es mir vor einigen Jahren gelungen ist, ein außergewöhnlich gutes Buch zu schreiben (ich habe einige Preise dafür bekommen, zwei davon sogar im Ausland.), habe ich auch ganz gut daran verdient. Meine Eltern haben das mächtig gefeiert: mit einem Tag der offenen Tür in ihrer Bäckerei und einem Riesenberg an Milchbrötchen, Zimtschnecken, kleinen Windbeuteln mit Schokofüllung und Sahne-Éclairs, die sie an sämtliche Dorfbewohnter umsonst verteilten. Der köstliche Duft hing noch Tage später über dem kleinen Ort mit den bunten Fensterläden. Alle gratulierten mir, küssten und umarmten mich. Es war ein großartiger Tag.
Dank dieses großen Erfolgs war es mir möglich, in den folgenden zehn Jahren ein recht angenehmes Leben zu führen. Doch als vor ein paar Jahren mein erster Vertrag auslief, war mein Verleger nicht mehr ganz so großzügig.
»Sieh mal, mein Junge, wenn du in der Zwischenzeit noch ein paar gute Bücher geschrieben hättest, könnte ich dir bessere Konditionen anbieten. Aber so musst du verstehen, dass ich nicht darauf setzen kann, dass du diesen Erfolg irgendwann noch einmal wiederholen wirst.«
»Okay, aber … In meiner derzeitigen Lage bräuchte ich eine höhere Verkaufsbeteiligung.«
»Das geht leider nicht, Nicolas. Wir können über andere Details noch mal reden, aber die Beteiligung bleibt, wie sie ist«, erklärte er und tippte so heftig mit dem Zeigefinger auf die entsprechende Zahl, dass ein Becher mit Stiften umfiel. Ich hob sie sofort wieder auf.
»Könnten wir dann über die Laufzeit des Vertrags reden?«
Ich ging zu fünf anderen Verlagen, um einen besseren Vertrag auszuhandeln. Denn angesichts der Lage, in der ich mich gerade befand – ich werde euch gleich davon erzählen –, war es nicht möglich, mein Sparbuch zu plündern. Doch alle fünf Verleger schlugen mir, zwar höflich, aber entschieden, die Tür vor der Nase zu. Schließlich blieb ich bei meinem alten Verlag und unterschrieb den mir angebotenen Vertrag.
Das einzig Positive ist, dass der Verkauf meines Buches seit der Veröffentlichung nicht zurückgegangen ist, da immer wieder neue Kinder auf die Welt kommen und älter werden. Daher gab es ständig eine Horde an Sechs- und Siebenjährigen, die sich mein Buch zum Geburtstag oder zu Weihnachten wünschten. Darauf zumindest konnte ich zählen.
Doch angesichts der Umstände, die seinerzeit mein Leben bestimmten, war das nicht genug. Auf den ersten Seiten dieses Buches habe ich erwähnt, dass mein Leben damals ziemlich tränenreich war und ich viel Zeit mit Ärzten und Krankenschwestern verbracht habe. Das muss ich wohl erklären, in der Hoffnung, euch nicht in Depressionen zu stürzen: Drei Jahre nach der Veröffentlichung meines ersten Kinderbuchs wurde meine Mutter sehr, sehr krank. Sie konnte sich an vieles nicht mehr erinnern und begann Menschen miteinander zu verwechseln. Zunächst waren es nur kleine Dinge, so unbedeutend, dass wir alle drei über ihre »Zerstreutheit« gelacht haben. Doch schon bald wurde es schlimmer. So stand sie einmal mitten in der Nacht auf und ging nach draußen, um im Garten zu arbeiten. Und zwar mitten im Winter, als alles von einer zentimeterdicken Schneeschicht bedeckt war. Mein Vater fand sie dann ein paar Stunden später, zitternd vor Kälte, unter einem kahlen Baum. Ich war damals gerade mit meinem Buch auf Lesereise im Ausland, und meine Eltern sagten mir nichts davon, bis ich zurückkam und meine Mutter mit einer schlimmen Lungenentzündung im Bett vorfand.
Mein Vater und ich versuchten so gut wie möglich mit der neuen Situation klarzukommen. Ich ging seltener auf Lesereise und verbrachte mehr Zeit im Haus meiner Eltern. Zum Glück war mein Vater ein rüstiger Mann, dem man seine zweiundachtzig Jahre nicht ansah. Doch am Tag nach seinem vierundachtzigsten Geburtstag, als er von einer Routineuntersuchung zurückkehrte, kam die nächste Hiobsbotschaft. Es war der Hausarzt, der mir die schlimmen Neuigkeiten eröffnete:
»Nicolas, es tut mir leid, dir das mitteilen zu müssen. Doch dein Vater hat mich darum gebeten. Dieser Husten, mit dem er sich seit ein paar Wochen herumquält … Der Grund dafür ist Lungenkrebs, und zwar im fortgeschrittenen Stadium.«
Ich hörte jedes seiner Worte ganz genau, und doch konnte ich nichts davon begreifen. Ich starrte unseren Hausarzt mit glasigen Augen an, während das Gesagte in meinem Kopf herumwirbelte wie Schneeflocken.
»Nicolas? Hast du mich verstanden, Nicolas? Hörst du, was ich sage?« Er nahm meine Hand, und ich fuhr auf meinem Stuhl zusammen.
»Ja. Ja, natürlich.« Ich versuchte, die Fassung wiederzuerlangen. »Kann man denn noch operieren?«
»Ich fürchte, dazu ist es zu spät. Dein Vater hat nur noch ein paar Monate.«
Am Ende waren es dann nur noch ein paar Wochen. Zweieinhalb Monate später war mein Vater tot. Das einzig Gute war, dass meine Mutter es nicht mitbekam. Sogar viele Monate später noch glaubte sie, dass mein Vater in der Bäckerei stünde, um Brot und Zimtschnecken zu backen.
Nach dem Tod meines Vaters lebte ich noch zwei Jahre mit meiner Mutter zusammen in unserem Haus. Es waren die beiden schwersten Jahre meines Lebens. Mit jedem Tag verschlechterte sich ihr Zustand, und ich konnte nichts tun, um ihr zu helfen. Stellt euch meine Hilflosigkeit vor: ich, der ich lieber selbst litt, als jemandem, den ich liebte, dabei zuzusehen. Aber es gibt Dinge, die nicht zu ändern sind. So ist es nun mal.
Wie ich schon gesagt habe: Wenn das Leben einem Zitronen gibt, kann man nicht immer Limonade daraus machen. Ich hasse diesen Satz.
Nachdem ich lange hin- und herüberlegt hatte, sorgte ich schließlich dafür, dass meine Mutter in das Seniorenheim in Mont des Fleurs umziehen konnte. Zunächst hatte ich überlegt, sie mit nach Paris zu nehmen, wo es ein großes Zentrum für Alzheimer-Patienten gibt, doch als ich ihr davon erzählte – denn ich redete mit meiner Mutter immer so, als ob sie noch gesund wäre –, richtete sie sich plötzlich auf und sagte ganz entschieden:
»Nein, Nicolas, ich möchte hier im Ort bleiben. In Mont des Fleurs. Bei Papa.«
»Mama, hast du überhaupt verstanden, was ich gesagt habe?«
»Natürlich habe ich es verstanden, mein Junge.« Sie nickte. »Aber ich muss bei Papa bleiben.«
Also vergaß ich das mit dem Umzug nach Paris und erkundigte mich nach einem Platz im Seniorenheim von Mont des Fleurs. Zum Glück gab es keine Probleme, denn es waren genügend Zimmer frei. In dem kleinen Ort lebten zu dieser Zeit nicht viele alte Leute. Weil Anfang des neuen Jahrtausends viele junge Familien nach Mont de Fleurs gezogen sind, wurden neue Schulen gebaut und eine Arztpraxis. Das Seniorenheim jedoch war nicht ausgelastet und deshalb ziemlich teuer, sodass ich jeden Monat einen recht hohen Betrag zahlen musste – was ich gern tat, weil es das war, was Mama sich gewünscht hat. Das war meine Art, meine vergessliche Mutter glücklich zu machen.
Jedoch ließ sich ein Problem nicht leugnen: Ich konnte es mir nicht leisten. Das Geld, das ich mit meinem Buch verdiente, reichte nicht mehr aus, seit meine Mutter im Altersheim war, und deswegen musste ich mir Arbeit suchen.
Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu erregen, sondern nur, weil ich erklären will, wie es zu diesem Punkt in meinem Leben gekommen ist. Denn alles hat seinen Grund.
Ich war Zeitungsausträger, habe Zeitschriften in einem Kiosk verkauft, habe in Restaurants gekellnert und mich sogar als Yogalehrer versucht (na ja, da ich nicht viel Ahnung von Yoga hatte, hat man mich gleich wieder entlassen).
Und dann habe ich für den Sicherheitsdienst in der Pariser Metro gearbeitet – was der beste Job war, den ich jemals hatte.
Vielleicht fragt ihr euch, wie das möglich ist. Ganz einfach. Dank dieses Jobs habe ich meine besten Freunde und die Liebe meines Lebens kennengelernt. Denn, meine Freunde, am Ende hat sich herausgestellt, dass ich für die Liebe doch wie geschaffen bin.
Aber eins nach dem anderen, Kapitel für Kapitel, denn so schreibt man doch Romane, oder?
4
Vor acht Monaten, kurz vor Weihnachten, habe ich Karim kennengelernt. Sein Auto war mitten auf der Straße liegen geblieben (zumindest dachte ich das), und ich ging zu ihm, um ihm zu helfen.
»Na, brauchst du ein Überbrückungskabel? Vielleicht kann ich dir helfen.« Unter anderem hatte ich auch in einer Autowerkstatt gearbeitet, deswegen hatte ich ein wenig Ahnung.
»He, was willst du? Verschwinde! Mach dich vom Acker!«
»Wie bitte?« Ich sah ihn verblüfft an.
»Du hast mich doch gehört, Idiot, zieh Leine, ich warte auf ein Mädchen.« Ich blickte mich um und entdeckte Rosanna, die in meinem Viertel im horizontalen Gewerbe tätig ist.
»Meinst du etwa Rosanna?«
»Was? Du kennst sie? Hör mal … wenn sie deine Freundin ist, tut es mir leid. Das konnte ich ja nicht wissen.«
»Nun ja … Sie ist die Freundin von allen, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Was? Willst du mich auf den Arm nehmen?«
»Nein. Wenn du mit einem Geldschein winkst, ist sie für eine Weile auch deine Freundin. Tut mir leid.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich heiße übrigens Nico und wohne gleich gegenüber, deswegen kenne ich sie.«
Karim, von dem ich damals noch nicht wusste, dass er Karim heißt, war sichtlich verlegen. »Okay, dann hat sich die Sache erledigt. Bitte sag ihr nichts.«
»Hallo, Nico …« Rosanna kam zu uns herübergeschlendert und sah Karim voller Neugier an. »Und wer bist du, mein Süßer?«
»Bemüh dich nicht, Rosanna … Mein Freund wollte gerade gehen.«
»Dann vielleicht ein andermal.« Sie zwinkerte Karim zu. »Außerdem ist heute mein freier Tag. Bis bald mal, ihr beiden Hübschen.«
Karim schloss die Motorhaube seines Autos und zog den Schlüssel aus der Hosentasche.
»Meinst du, er springt an?«
»Natürlich springt er an. Das war nur ein Trick.«
»Ein Trick? Wie meinst du das?«
»Manchmal, wenn ich ein hübsches Mädchen sehe, halte ich in ihrer Nähe an, tue so, als ob ich eine Panne hätte und nach dem Wagen sehe, und wenn sie kommt, frage ich, ob ich mit ihrem Handy einen Abschleppwagen rufen darf.«
»Wie? Du leistest dir einen Abschleppwagen, um eine Frau anzumachen?« Ich dachte, dass der Typ ein Millionär sein musste, wenn er einfach mal so einen Abschleppwagen bezahlte.
»Nein, du geistiger Tiefflieger, ich breche das Telefonat natürlich vorher ab und sage: ›Verdammt! Jetzt weiß ich, woran es liegt!‹ Dann tue ich so, als ob ich irgendein Teil reinige und starte meinen Schatz. Das macht die Frauen total an. Ist ein bisschen primitiv, aber ich hab mal gelesen, dass das fast immer funktioniert.« Er tätschelte die glänzende Motorhaube seines Wagens und grinste. Ich fand ihn witzig.
»Und wie heißt du, du Frauenversteher?«
»Karim.« Er gab mir die Hand. »Danke für die Warnung, Alter. Ein anderer hätte mich ins offene Messer laufen lassen, um sich einen Spaß daraus zu machen.«
»Ach, vergiss es. Ich geh jetzt ein Bier trinken, kommst du mit?«
»Klar, warum nicht. Kein schlechter Tausch: eine Frau gegen einen neuen Freund.« Das war das erste Mal, dass er mir seinen Arm um die Schulter legte. Er war mir sofort sympathisch, und ich habe mich nicht in ihm getäuscht. Zusammen gingen wir zur nächsten Bar hinüber. Und ich bestellte zwei Bier.
»Was machst du denn so, wenn du nicht gerade versuchst, ein Mädchen abzuschleppen?«
»Ich arbeite beim Sicherheitsdienst in der Metro.«
Das überraschte mich nicht. Mir hatte mal jemand gesagt, dass das Äußere dabei die halbe Miete sei, und Karim schien der Job wie auf den Leib geschrieben. Wahrscheinlich hätte er mit fünf Jahren schon seine Schule bewachen können. Karim ist riesengroß, das imponiert jedem. Und seine tiefe Stimme passt perfekt dazu. Das beinahe kindliche Glitzern in seinen Augen, das einem jede Angst nimmt, dagegen weniger. Sein Lächeln und sein offener Blick wirken sogar ziemlich vertrauenerweckend.
»Und was machst du so?«
»Ich bin Schriftsteller.« Er zog die Augenbrauen hoch. Sicher war ich der erste Schriftsteller, den er kennenlernte. »Aber täusch dich nicht, ich suche gerade einen Job, von dem ich leben kann. Was auch immer.«
»Hast du etwas geschrieben, das ich kenne?«
»Du vielleicht nicht, weil du etwa in meinem Alter bist. Aber wenn du Kinder oder Nichten und Neffen hast …«
»Ich habe eine Tochter.« Er lächelte, und seine Augen leuchteten, als hätte jemand darin eine Lampe angemacht.
»Mein Buch heißt Warum das Maul der Katzen nach Sardinen riecht.«
»Mach keinen Quatsch! Das habe ich meiner Tochter jeden Abend vor dem Einschlafen vorgelesen …« Während er das sagte, wurde sein Blick auf einmal traurig. Das mit dem Vorlesen war wohl Vergangenheit. Er trug keinen Ehering, aber an der hellen Stelle an seinem Ringfinger war zu sehen, dass das vor Kurzem noch anders gewesen war. »Das hast du geschrieben?«, fragte er ungläubig.
»Ja … Aber jetzt brauche ich einen anderen Job. Eine Geschichte reicht eben nicht.«
»Hör mal, das passt perfekt. Beim Sicherheitsdienst in der Metro wird gerade eine Stelle frei. Wenn du willst, kann ich dich empfehlen. Wenn ich sage, dass du mein Freund bist, stellen sie dich gleich ein.«
»Mensch, Karim … Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das wäre super! Ich brauche nämlich wirklich dringend einen Job.« Doch so dringend ich diesen Job auch brauchte, hatte ich in diesem Moment doch noch keine Ahnung, wohin diese Entscheidung führen sollte.
»Klar, gib mir deine Nummer.« Er speicherte sie in seinem Handy. »Morgen früh rufen sie dich an. Du musst dann noch zu einem Vorstellungsgespräch kommen, aber keine Sorge, das ist nicht schlimm. Sie wollen nur wissen, ob du wirklich der bist, der du zu sein behauptest. Und wenn du keine Vorstrafen hast … Hast du doch nicht, oder?«
»Nein! Ich habe eine absolut weiße Weste.« Ich lächelte. Karim wurde mir immer sympathischer.
»Dann ist die Sache so gut wie fix! Sie werden dir zeigen, was du tun musst. Es ist ganz einfach. Der einzige Nachteil ist, dass es nur ein Halbtagsjob ist.«
»Karim, das ist perfekt für mich.« Denn so blieb mir noch genug Zeit, mein zweites Meisterwerk zu schreiben (beziehungsweise anzufangen).
5
Am nächsten Tag erhielt ich nicht nur den von Karim angekündigten Anruf, sondern der Chef fragte mich gleich, ob ich vielleicht am selben Nachmittag noch anfangen könne, weil der Angestellte, den ich ersetzen sollte, wie es aussah, von einem Tag auf den anderen gegangen war und sie ein größeres Problem hatten, wenn die Stelle nicht besetzt war. Sie mussten so schnell wie möglich für Ersatz sorgen. Daher machte ich mich nach dem Essen auf den Weg zum Kontrollzentrum in der Rue Sainte-Anne, ganz in der Nähe meiner Pariser Mansarde.
»Also, Nico, die Arbeit ist nicht besonders anspruchsvoll, aber du musst extrem aufmerksam sein. Deswegen lassen wir auch niemanden acht Stunden am Stück arbeiten. Ihr müsst euch während der Arbeitszeit hundertprozentig auf eure Aufgabe konzentrieren.« Dies erklärte mir Monsieur Briand, mit Vornamen Corentin, der für seine Angestellten aber immer Monsieur Briand sein würde.
»Und was genau muss ich also tun, Monsieur Briand?«
»Als Erstes musst du mal deine Arbeitskleidung anziehen!«, ließ sich hinter mir eine laute Frauenstimme vernehmen.
Ich wandte mich zu der Frau um, die gerade zur Tür des Büros hereinkam. Eigentlich sah sie ganz normal aus, wären da nicht zwei Dinge gewesen: Das Erste war das Kopftuch, mit dem sie ihren kahlen Schädel verbarg, das Zweite ihre Stimme, die so gewaltig war, wie ich zuvor noch nie eine gehört hatte. Sie klang eher wie das Gebrüll einer Löwin. Die Frau mit der Stimme einer Löwin hielt einen marineblauen Anzug mit dem gelben Logo der Pariser Metro in den Händen.
»Guten Tag, Charlotte. Nico, darf ich dir deine Kollegin vorstellen. Sie wird die Kameras im Auge behalten, die du nicht sehen kannst.«
Charlotte legte meine neue Arbeitskleidung auf einem Drehstuhl ab und schüttelte mir zur Begrüßung gleich beide Hände. Auch ihr Händedruck war kraftvoll und energisch.
»Freut mich, ich heiße Nico.« Sie lächelte mir zu.
»Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Keine Ahnung.«
»Doch, lass mich nachdenken … Ich hab dich schon mal gesehen.«
Ich nahm an, dass sie mein Buch zu Hause hatte und mich vom Autorenfoto her kannte.
»Mensch, du warst doch mal Yogalehrer in meinem Fitnesscenter!«, rief sie dann. »Aber nicht lange, oder?« Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. Also musste Charlottes Hintern einer von denen gewesen sein, die ich wie hypnotisiert angestarrt hatte, als sie sich mir in den zwei Tagen meiner Karriere als Yogalehrer entgegengereckt hatten.
»Äh … Ja, das ist möglich …«
»So, Leute, ab jetzt werden alle persönlichen Gespräche auf die Freizeit verschoben. Charlotte, ich muss zu einem Termin und lasse euch jetzt allein.« Charlotte nickte, als wisse sie, was nun kommen würde. »Die Papiere habe ich schon vorbereitet.« Monsieur Briand musterte mich von oben bis unten, als könne er nicht fassen, dass ich mal Yogalehrer gewesen war. »Aber du musst ihm noch zeigen, wie das hier funktioniert«, fuhr er fort und wies auf die große Kontrollfläche vor uns.
Als ich mir all die Bildschirme, die Tasten, die Kabel, die Lautsprecher, die Kameras und die ganzen Knöpfe und Schalter zum ersten Mal genauer ansah, wurde ich beinahe ohnmächtig. Es war ausgeschlossen, dass ich so viele Geräte ohne Erfahrung jemals würde bedienen können! Karim musste ihnen gesagt haben, dass ich so etwas schon einmal gemacht hatte, denn, das kann ich euch versichern, es war eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe, die mir jeden Tag meine volle Konzentration abnötigte.
Mithilfe der Videokameras, die in den Metrogängen von Paris installiert waren, musste ich alle Leute im Auge behalten, die kamen und gingen. Und sobald mir etwas Verdächtiges auffiel, musste ich dies an die Wachleute weitergeben, die im Dienst waren. Karim war einer von ihnen. Dann waren da noch Didier und Fanny. Didier, der auf die fünfzig zuging, war der älteste Kollege. Und Fanny, die nicht mehr als ein Meter fünfzig maß, war eine Meisterin der Kampfkünste.
Im Kontrollzentrum leistete mir fast immer Charlotte Gesellschaft, manchmal aber auch Céline, Didiers Frau. Charlotte erzählte mir, dass die beiden sich über die Direktleitung zwischen dem Kontrollzentrum und den Head-Sets der Wachleute kennengelernt hatten. Anscheinend hatten sie sich jedes Mal etwas länger unterhalten, bis er sie schließlich gefragt hatte, ob sie nicht auch ihre Freizeit mit ihm verbringen wolle, und seitdem hatten sie sich nicht mehr getrennt. Inzwischen hatten sie zwei Kinder, und es kam vor, dass Céline im Kontrollzentrum arbeitete und gleichzeitig über Telefon ihre beiden Söhne überwachte. Denn sie waren elf und dreizehn Jahre alt, und wie man weiß, suchen Jungen in diesem Alter die Gefahr.
Mein Job gefiel mir, genauso wie meine Kollegen, die nach und nach zu meiner Familie wurden.
Jeden Tag sah ich über die Kameras an die zweihundertfünfzigtausend Personen. Und so unglaublich es auch scheint, erkannte ich schon bald einige von ihnen wieder. Da gab es beispielsweise eine Familie mit sechs Kindern, und es war komisch anzusehen, wie der Vater und die Mutter verzweifelt versuchten, die ganze Schar in den Metrogängen zusammenzuhalten. Wenn sie spät dran waren, was nicht selten vorkam, griff Karim ihnen dabei unter die Arme. Er trug die vier Kleinsten auf einmal in seinen muskulösen Armen und brachte sie zum Bahnsteig der Linie Eins. Wie ich feststellte, stieg die Familie an der Haltestelle Saint-Paul im Marais-Viertel aus. Dort gab es mehrere Schulen, und da auch die Eltern nicht weiterfuhren, mussten sie wohl in der Nähe arbeiten.
Aber es gab noch andere Leute, die mich während meiner Schicht regelmäßig begleiteten. Da war zum Beispiel ein Pärchen, das immer an der Haltestelle Opéra einstieg und sich so lautstark stritt, dass alle, die in der Nähe waren, den beiden beunruhigte Blicke zuwarfen. Ich selbst hätte am ersten Tag beinahe Didier alarmiert, wenn Céline mich nicht davon abgehalten hätte, die meinte, ich solle die Streithähne über die Monitore auf dem Weg bis zum Bahnsteig erst mal im Auge behalten.
»Pass auf. Wir wissen nicht, wie es kommt, und keiner kann es sich erklären, aber je tiefer die Menschen in die Metro-Schächte kommen, desto ruhiger werden sie.«
»Ruhig? Aber sie hat ihn gerade noch geschubst! Wir müssen Didier Bescheid geben, damit er in der Nähe ist, falls sie sich doch nicht beruhigen.«
»Warte … Sieh mal.«
Und nachdem ich die beiden fünf Minuten lang über die Kameras in den Gängen beobachtet hatte, ohne sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren, konnte ich feststellen, dass sie, als sie am Bahnsteig ankamen, tatsächlich ganz friedlich Arm in Arm warteten, bis die Metro einlief. Ob es das Geräusch des Zuges war, das sie beruhigte, oder die stickige Luft ihren Kampfgeist ermatten ließ? Niemand würde es je wissen.
Von da an verbrachte ich also eine Hälfte des Tages damit, die Bewohner von Paris in der Metro zu observieren, und die andere Hälfte, auf meinem wackligen Stuhl sitzend, in dem Bemühen, mit meinem nächsten Buch voranzukommen. Wobei Letzteres der schwierigere Teil war. Denn sosehr ich mich auch bemühte, fiel mir einfach nichts ein, worüber ich hätte schreiben können. Mir kam nur irgendein dämliches Zeug in den Sinn, traurige oder erschreckende Dinge, die kein Vater und keine Mutter ihrem Kind jemals hätten vorlesen wollen. Ich saß da und zermarterte mir das Hirn, um mir eine hübsche Geschichte auszudenken, die jeder Siebenjährige voller Begeisterung immer wieder von Neuem hören oder lesen wollte.
Vielleicht wäre ich weniger gestresst gewesen, wenn mein Verleger mich nicht kurze Zeit, nachdem ich den Job in der Metro angenommen hatte, angerufen hätte. Doch dieser Schuft (in Wirklichkeit kann ich ihm das nicht vorwerfen, wirklich nicht) setzte mir die Pistole auf die Brust.
»Nico, jetzt reicht es. Seit zwei Jahren hältst du mich nun hin. Entweder schreibst du jetzt etwas Brauchbares, oder wir lösen den Vertrag auf. Und mach dir nichts vor, mein Lieber, es gibt auch sonst niemanden, der mit dir arbeiten will. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass du ausgebrannt bist.«
»Wieso ausgebrannt?«, fragte ich aufsässig.
»Seit deinem wunderbaren ersten Buch hast du nichts Gutes mehr zustande gebracht, Junge. Es tut mir leid, dass ich das so deutlich sage, aber es ist die Wahrheit. Entweder krempelst du jetzt mal endlich die Ärmel hoch, oder du kannst deine Schriftstellerkarriere vergessen. Wir waren bisher sehr großzügig und sehr geduldig.«
»Sicher, aber wohl nicht mir zuliebe, sondern weil mein Buch sich so gut verkauft. Sind wir doch mal ehrlich.«
»Ja, das stimmt. Wir haben dich geschont, weil dein Buch sich gut verkauft hat. Aber glaub mir, das wird nicht immer so sein. In diesem Jahr haben die Verkäufe ziemlich nachgelassen. Hast du schon von der Gewinnerin des diesjährigen französischen Kinderbuchpreises gehört?« Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, denn auf solche Dinge achtete ich schon lange nicht mehr. Stattdessen fiel ich immer tiefer in das Loch, in das ich mich irgendwann selbst hineinmanövriert hatte. »Nun, die Autorin hat noch drei weitere Geschichten auf Lager, die jederzeit veröffentlicht werden können, und ihr Agent meinte, dass sie sogar noch besser sind als das Buch, das bereits auf dem Markt ist. Es ist gut möglich, dass sie dich ablösen wird, Nico …« Die Angstzwerge kletterten ruckzuck an meinen Beinen herauf und ließen sich auf meiner Brust nieder. »Und wenn nicht sie, dann wird es ein anderer Autor sein, machen wir uns nichts vor.«
»Und was soll ich deiner Meinung nach tun? Worüber könnte ich denn schreiben? Was ist gerade angesagt?« Das waren die schlimmsten drei Fragen, die ich meinem Verleger stellen konnte, denn damit war nun eindeutig klar, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich die Sache angehen sollte.
»Nicolas, es tut mir wirklich leid, aber du bist der Autor, und du musst bis Ende des Jahres etwas zustande bringen, ansonsten ist die Sache gelaufen. Dann musst du dir einen anderen Job suchen, denn ich versichere dir, dass du, wenn der Vertrag im Dezember ausläuft, von deinem Buch nicht mehr leben kannst.«
Damit blieb mir nur wenig mehr als ein halbes Jahr. Wenn ich mich zusammenriss, konnte ich bis zum Sommer vielleicht eine gute Geschichte schreiben. Dachte ich zumindest.
II
WAS SOLL ICH TUN?
1
Inzwischen arbeitete ich bereits etwas mehr als vier Monate im Kontrollzentrum der Metro, und auch wenn mir meine Aufgabe zunächst äußerst kompliziert zu sein schien, beherrschte ich all die Tasten und Kameras, die bunten Metallkabel mit den Metallsteckern und die Monitore tatsächlich wesentlich schneller, als ich gedacht hatte.
Ich übernahm die Spätschicht, was ich mir selbst so ausgesucht hatte, weil ich dachte, so jeden Tag den Morgen nutzen zu können, um mit meinem Buch voranzukommen. Ich war der Meinung, dass ich mich gleich nach dem Aufwachen frisch und munter ans Werk machen könnte. Doch die Realität sah anders aus. Vor elf kam ich in der Regel nicht aus dem Bett. Dabei stellte ich jeden Abend meinen Wecker auf sieben Uhr, nur wenn er dann klingelte, hatte ich das Gefühl, dass jemand mit Gewalt meine Lider zudrückte, und mein Körper schien mindestens zweihundert Kilo zu wiegen, sodass ich nicht auf die Beine kam. Wenn der Wecker mich zum ersten Mal aus dem Schlaf riss, drehte ich mich im Bett herum und schwor mir, fünf Minuten später aufzustehen und mich an die Arbeit zu machen. Doch wenn ich dann tatsächlich die Augen öffnete, war es immer schon nach elf. Beim Kaffeetrinken sagte ich mir dann jeden Tag das Gleiche: Heute Abend gehe ich früher ins Bett, stelle den Wecker auf sieben, und morgen fange ich mit dem Buch an. Ab morgen wird alles anders. Ehrenwort!
Aber, meine Freunde, Worte sind Schall und Rauch, wie ihr wisst.
Doch eines Tages im April änderte sich plötzlich und völlig unerwartet meine Lage. Aber eins nach dem anderen.
An jenem Nachmittag begleitete Karim mich auf dem Weg zum Kontrollzentrum. Céline hatte um einen freien Tag gebeten, weil, wie sie uns erzählte, ihr jüngerer Sohn in die Trommel der Waschmaschine geklettert war, wie auch immer er dies angestellt hatte. Das Problem war, dass er nicht mehr herauskam. Sie mussten die Feuerwehr rufen, einen Schlosser, einen Krankenwagen und den Großvater des Jungen, der Hausgerätetechniker war und die Waschmaschine auseinandernehmen konnte, ohne sie kaputtzumachen, denn logischerweise sollte nicht nur das Kind, sondern auch die Waschmaschine gerettet werden. Wegen dieser absurden Situation hatte Karim sich bereit erklärt, Céline zu vertreten, und durch ihn erfuhr ich von der ganzen Geschichte.
Wie ich schon erwähnt habe, ist Karim ein unterhaltsamer, netter Typ, auf den man immer zählen kann, wenn man ihn braucht. Er ist stets gut gelaunt, singt vor sich hin, macht manchmal sogar ein paar Tanzschritte und flirtet gern. Doch an diesem Tag ließ er den Kopf hängen. Ich stellte keine Fragen, denn aus Erfahrung wusste ich bereits, dass er dann entweder sofort das Thema wechselte oder sich umdrehte und den Gesprächspartner stehen ließ.
An diesem Tag jedoch redete er auf einmal von sich aus.
»Nico, weißt du, warum Zoe mich verlassen hat?« Ich sah ihn an und machte den Mund fest zu, damit mir kein Wort entwich, das seine Beichte hätte stören können. »Sie meinte, dass sie nicht länger mit einem Kind zusammen sein wolle. Dass sie einen richtigen Mann brauche.« Ich schwieg weiter. »Wie findest du das? Sie behauptet, dass ich kein Mann bin! Warum sagst du nichts?«
»Na ja, Karim … Ich weiß nicht … Ich bin mir durchaus sicher, dass du ein Mann bist.«
»Ich auch!«
»Aber was genau hat sie damit gemeint?«
»Wie? Was sie damit gemeint hat? Sie hat nach einem Grund gesucht, mich zu verlassen!«
»Aber es muss doch irgendetwas zwischen euch passiert sein, oder?«
Der Blick, den er mir daraufhin zuwarf, ließ mich meine Frage sofort bereuen. Doch an jenem Apriltag ließ Karim mich nicht stehen oder wechselte das Thema. Er redete.
»Sie wollte wieder arbeiten gehen und meinte, dass sie nicht ihr Leben lang in einem Vorort leben könne. Sie wollte wieder nach Paris ziehen, dorthin, wo ihre Eltern wohnen, um näher bei ihnen zu sein. Ihre Mutter ist krank, weißt du?« Das kam mir bekannt vor. »Aber meiner Meinung nach wäre das zu teuer für uns! Ehrlich, Nico, das könnten wir uns nicht leisten.« Sein Blick war traurig.
»Das tut mir leid. Aber ich verstehe nicht, was das damit zu tun hat, dass sie wieder arbeiten wollte. Wieso hat sie dich deswegen verlassen?«
»Mensch, bist du begriffsstutzig! Pass auf: Ich wollte nicht, dass sie irgendwo arbeiten geht, weil sie dann einen anderen kennenlernen und mich verlassen könnte. Und darüber haben wir dauernd gestritten.«
»Aber wieso sollte sie dich für einen anderen verlassen? Sieh dich doch mal an!«
»Genau, Nico, sieh mich doch mal an! Außer meinem Auto habe ich nicht viel zu bieten; und wenn ich ein Problem habe, rufe ich noch immer meine Mutter an …« Aha, deshalb redete er mit keinem anderen darüber! »Und ich hatte einfach Angst, dass Zoe jemand Besseren findet. Deshalb hat sie gesagt, dass ich mich wie ein Kind aufführe.«
»Das tut mir sehr leid. Und? Hat sie bei der Arbeit einen anderen kennengelernt?«
»Ach was! Sie hat mich viel früher verlassen! Sie hat Schluss gemacht, weil ich ihr verboten habe, arbeiten zu gehen. Sie meinte, wenn ich sie nicht unterstütze, müsse ich ausziehen, damit sie und die Kleine eine bessere Zukunft haben. Ohne mich. Ohne ihren Vater. Ohne ihren Mann …« Er schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte. Nur ein kleines bisschen, aber er schluchzte tatsächlich.
»Und warum hast du gedacht, dass sie dich verlassen würde, wenn sie arbeiten geht? Sie liebt dich doch.«
»Sie hat mich geliebt, jetzt nicht mehr. Jetzt ist sie mit einem anderen zusammen.«
»Na ja, Karim, das weißt du doch gar nicht sicher. Du hast sie mit einem anderen Mann auf der Straße gesehen, aber das könnte doch auch ein Kollege gewesen sein oder ein Bekannter.«
»Könnte … Aber was soll’s? Sie will eh nichts mehr von mir wissen.«
»Liebst du sie denn noch?«
»Natürlich! Wir sind zusammen, seit wir fünfzehn waren, verdammt! Natürlich liebe ich sie, aber da ist nichts mehr zu machen.«
»Ich denke, dass sie dich auch noch liebt.« Er sah mich hoffnungsvoll an, denn er hielt mich für intelligent und glaubte mir jedes Wort. »Letztens auf dem Kindergeburtstag ist mir aufgefallen, dass sie ihren Ehering noch trägt.«
»Mach keine Witze!« Er fasste mich an den Schultern und schüttelte mich ein wenig.
»Doch, ehrlich. Sie hatte ihn am Finger. Und ich nehme an, dass das durchaus seine Bedeutung hat.«
In diesem für Karim hoffnungsvollen Moment betrat Monsieur Briand das Kontrollzentrum. Er bat Karim, Didier zu unterstützen, der ein paar Taschendiebe auf frischer Tat ertappt hatte und Hilfe brauchte, bis die Polizei eintraf.
