Das Mädchen, das nie spricht - Yasemin Akan - E-Book

Das Mädchen, das nie spricht E-Book

Yasemin Akan

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Beschreibung

Ihm fällt ein Mädchen auf, aber nicht, weil sie auffällig ist und sich laut verhält. Ganz im Gegenteil, ihm fällt das Mädchen auf, weil sie nicht so ist wie die anderen. Sie ist ruhig und intelligent. Er versucht dem Schweigen auf dem Grund zu gehen und kämpft, bis er ihr Vertrauen erobert hat. Kurz bevor er sein Ziel erreicht hat, verletzt er sie aber und muss wieder bei null anfangen. (Textausschnitt) Ich wollte aufgeben und mich umdrehen, aber als ich Mama hinter mir sah, wie sie mir zulächelte, konnte ich sie nicht enttäuschen. Wieder drehte ich mich zur Tür. Mein Atem verschnellerte sich. Wieder berührte meine heiße Hand das kalte Metall. Ich schloss meine Augen und atmete tief durch. Jeden Mut in mir versuchte ich zusammen zu kratzten. Erst als ich das Klicken der Tür beim öffnen hörte, öffnete ich die Augen und schaute rein. Langsam betrat ich das Zimmer mit den weißen Wänden. Jeder Schritt weiter rein, schlug mein Herz doppelt so schnell als in der Sekunde vorher. Es ist unerträglich.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Yasemin Akan

Das Mädchen, das nie spricht

Eine arabische Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Bilal

Kapitel 2 Radwan

Kapitel 3 Rislan

Kapitel 4 Neuigkeiten

Kapitel 5 Nassira

Kapitel 6 Vorbereitungen

Kapitel 7 Beschützer

Kapitel 8 Schloss

Kapitel 9 Mörder

Kapitel 10 Yassira

Kapitel 11 Vollmond

Kapitel 12 MörderJahresTag

Kapitel 13 Souhail

Kapitel 14 Amal

Kapitel 15 Amira

Kapitel 16 Familie

Kapitel 17 Vertraut

Kapitel 18 Enes

Kapitel 19 Lehrerin

Kapitel 20 Mission

Kapitel 21 Beschützer

Kapitel 22 Reue

Kapitel 23 Blutverlust

Kapitel 24 Koma

Kapitel 25 Leben

Kapitel 26 Liebe

Kapitel 27 Maktub

Impressum neobooks

Kapitel 1 Bilal

Ich vergrub etwas aufgeregt die Hände in die Jackentaschen meiner Lederjacke und schaute mich um. Es ist laut hier, viele verschiedene Schüler stehen im Gang verteilt und unterhalten sich müde. Mir fiel sofort auf, dass hier die Hälfte der Schüler Ausländer sind. Wo ich herkomme, hatte ich kaum was mit Ausländer zu tun, was mich etwas nervöser machte. Meine Gedanken wurden unterbrochen: „Ey Bruder bist du neu hier? Habe dich noch nie gesehen“, stand plötzlich ein Typ vor mir, ungefähr so groß wie ich, hellbraune Haare und rasiertem Bart. Ich nickte. Er fing breit an zu lächeln und hielt mir fröhlich die Hand hin, in die ich lächelnd einschlug.

„Bei welchem Lehrer bist du?“, fragte er mich weiter.

„Herr Hamlin oder so“, antwortete ich ihm nachdenklich.

„Ach, nicht bei mir. Aber warte“, sagte er und schaute durch die Menge.

„Onur“, rief er und machte mir ein Zeichen, dass ich ihm folgen sollte, was ich dann auch tat.

„Hey was geht“, begrüßte, ich schätze das ist Onur, ihn mit einem Handschlag und der Typ neben ihm grüßte ihn mit demselben Handschlag bevor sich alle drei an mich wendeten.

„Dieser Bruder hier kommt in deine Klasse“, sagte er dann und deutete auf mich.

„Ich muss rein“, ergänzte er dann schnell und drehte sich beim gehen kurz noch zu mir, um ein knappes „Ciao“ zu sagen bevor er in ein Klassenzimmer verschwand.

„Hay, ich bin Onur und das ist Zain“, sagte er und zeigt auf seinen Freund neben ihm. Beide sahen, genauso wie ich, wie typische Ausländer aus. Onur trägt kurze Locken. Die Haare von Zain sind an den Seiten viel kürzer als seine glatten pechschwarzen Haare oben. Zain trägt auch als einziger einen Bart, der meinen etwas ähnlich sieht.

Gerade als ich eine Antwort geben wollte, kam ein Lehrer und alle liefen rein. Herr Hamlin stellte sich bei mir vor und hielt mich direkt vorne auf.

„Stell dich mal kurz vor“, sagte er und setzte sich, sodass ich jetzt alleine vor der gesamten Klasse stand und alle mich stumm anschauten. Ich fühlte mich etwas unwohl, weswegen ich es kurz fasste: „Ja ich bin Bilal, 20“.

Unwohl spielte ich mit meinem Zeigefinger mit der abstehender Haut an meinem Daumen. Ein Mädel aus der mittleren Reihe meldete sich. Ich gehöre nicht zu dem Typ, der auf jedes Mädchen geiert. Ich habe nichts mit Mädchen zu tun. Ich finde es unnötig, mit jedem Mädchen etwas gehabt zu haben und dann auch noch stolz darauf zu sein. Es ist nichts, worauf man stolz sein sollte. Ganz im Gegenteil. Ist man unberührt, kann man stolz sein. Solche Frauen schätze ich.

„Boah Dilara, du brauchst gar nicht erst Nummer fit zu machen, lass es“, redete plötzlich die ganze Klasse durcheinander und das eine Mädchen hörte auf sich zu melden. Ekelhaft.

„Du kannst dich setzen. Such dir einen freien Platz aus“, befreite mich Herr Hamlin endlich.

Zain und Onur in der letzten Reihe machten direkt Zeichen auf einen freien Platz neben einem Jungen mit einer Lockenmähne. Lachend machte ich mich auf dem Weg und setzte mich.

„Hey Bilal, ich bin Anwar“, flüsterte er mir sympathisch zu.

„Hey freut mich“, lächelte ich glücklich zurück.

Mir fiel ein Stein von Herzen. Ich bin echt froh, dass ich so herzlich empfangen wurde. Ich habe mir die ganze Nacht Gedanken gemacht, wie die Klasse sein wird und ob ich Jungs finden werde mit denen ich mich verstehe.

..

In der Pause blieben alle in der Klasse, was mir neu war. Auf meiner alten Schule mussten wir immer alle raus.

„Müssen wir nicht raus?“, fragte ich deswegen verwirrt und Zain und Onur kamen mit ihren Stühlen zu mir und Anwar.

„Nein, die beiden ältesten Jahrgänge dürfen während den 15 minuten Pausen drin bleiben“, erklärte mir Zain und lehnte sich zurück. Ich nickte verstehend.

„Cool, wir mussten immer raus“, antwortete ich und lehnte mich jetzt auch zurück.

„Meistens bleiben alle drin. Nur die Raucher gehen immer raus“, ergänzte Anwar. Zwei hübsche Mädchen setzten sich zu uns auf den Tisch. Ich schätze beide sind ebenfalls Ausländer.

„Aus welchem Land kommt ihr eigentlich alle?“, sprach ich meinen Gedanken aus.

„Zain kommt aus Marokko, Anwar ist halb Jordanier und halb Palästinenser, Rabia und ich kommen aus Türkei und Lina kommt aus Afghanistan. Richtig bunt“, lachte Onur. Rabia hatte lange hellbraune glatte Haare und Lina brustlange schwarze Wellen. Beide scheinen mir sehr sympathisch und beide hatten nicht ein Kilo schminke im Gesicht. Sieht so aus, als würden diese fünf meine neuen Freunde werden.

„Wie kam´s dazu, dass du ausgerechnet im letzten Jahr die Schule wechselst? Ich meine, nicht mehr lange, dann sind wir alle fertig mit Schule. Wenn ich fragen darf“, fragte Rabia mich und strich eine Strähne hinter das Ohr. Onur schaute sie direkt streng an und antwortete ihr, bevor ich überhaupt nur meinen Mund öffnen konnte: „Sus. Ona izin verin. Belki bunu söylemek istemiyor". Das einzige was ich verstand war „sus“, was „Sei leise“ oder etwas in der Art bedeutet.

„Die Arme. Sie hat doch nichts falsch gemacht“, sagte ich dann.

„Kannst du Türkisch?“, fragten beide direkt verwundert wie aus einem Mund. Lachend schüttelte ich den Kopf.

„Ich hatte mal vor längerer Zeit zwei türkische Freunde und weiß, dass sus sei leise bedeutet“, antwortete ich amüsiert, „Und zu deiner Frage, ich habe bei meiner Mutter gelebt, aber sie ist vor einem Monat ins Ausland gereist, aus geschäftlichen Gründen. Anfangs wollte ich nur in den Sommerferien bei meinem Vater bleiben, aber da meine Mutter eh noch weg ist und ich die Zeit mit meinem Vater vermisst habe, habe ich beschlossen länger zu bleiben“, erklärte ich.

„Oha interessant“, kommentierte Zain, der wie die anderen neugierig zuhörte.

„Und woher kommst du?“, fragte Lina.

„Saudi Arabien“, antwortete ich ihre Frage und Anwars Augen wurden sofort groß.

„Sprichst du arabisch?“, fragte mich Anwar begeistert auf Arabisch.

"ja“, antwortete ich ihm auf Arabisch und alle schauten uns verstört an. Auf Anwars Lippen bildete sich ein fettes Grinsen.

„Ha! Hahahah endlich habe ich auch jemanden. Jetzt seid ihr nicht mehr die einzigen, die sich auf einer anderen Sprache unteralten können“, lachte er schadenfroh Rabia und Onur aus. Wir konnten nicht anders, als einfach mit zulachen. Es klingelt wieder und Onur ging kopfschüttelnd wieder auf seinen Platz zurück. Die anderen machten es ihm nach.

..

Die zweite Pause verbrachte ich mit Rabia und Lina. Die Mädels und ich schauten zusammen durch die Klasse und sie erzählten mir wie wer ist. Während dem voll bombardieren von Namen und Informationen fiel mir eine Person auf.

Ein Mädchen in der ersten Reihe. Alleine. Sie trug Kopftuch und war nicht hässlich, im Gegenteil, sie war sogar sehr hübsch, nur sie machte sich irgendwie nicht schön. Als würde sie es extra machen, um nicht aufzufallen. Ihr Kopftuch war ganz einfach gebunden und auch ihr Klamottenstil ist ungewöhnlich einfach. Sie konnte noch viel mehr aus sich rausholen. Geschminkt war sie auch nicht, sie hatte eine natürliche Schönheit.

„Was ist mit ihr?“, fragte ich und zeigte auf sie. Neugierig lehnte ich mich mit meinen beiden Unterarmen auf den Tisch zwischen Rabia und Lina.

„Du kannst jede klären außer sie“, antwortet Lina als sie verstand wen ich meinte. Ich musste lachen: „Wie oft noch, ich will mir niemanden klären“.

„Ja Lina, Bilal ist anständig, nerv ihn nicht damit“, verteidigte sie mich und lachte mit mir.

„Was ist jetzt mit ihr?“, wurde ich noch neugieriger.

„Sie heißt Nassira und ist naja.. komisch“, antwortete Lina und Rabia stieg darauf vom Tisch, um sich auf einen Stuhl neben mich zu setzten. Sie atmete tief durch und ich schaute sie verwirrt an.

„Keiner versteht sich wirklich mit ihr. Ich habe auch einige Male versucht mich mit ihr anzufreunden. Aber sie ist zu verschlossen", fängt Rabia an. Lina spricht weiter, sodass ich meinen Kopf auf die andere Seite drehen musste um sie zu sehen: „Sie ist letztes Jahr auch neu in unsere Klasse gekommen, seit dem hat jeder mindestens einmal versucht sich mit ihr anzufreunden, aber keiner hat wirklich etwas von ihr erfahren. Ich glaube sie will keine Freundschaften“. Nachdem Lina das ausgesprochen hatte, ergänzte Rabia: „Das einzige, was ich dir über sie noch sagen kann und weiß ist, dass sie verdammt schlau ist. Ihre schlechteste Note war vielleicht eine 2+. Sie weiß sehr sehr viel, versteht auch alles sehr schnell und lernt immer. In jeder Arbeit und Prüfung schreibt sie Einsen, aber mündlich kassiert sie überall, wirklich überall sechsen. Nur Herr Hamlin nimmt sie immer dran, obwohl sie sich nicht meldet, weil sie die Antworten kennt. So kann er ihr wenigstens noch eine 4 mündlich geben. Sie spricht nur das nötigste und antwortet fragen sehr knapp. Aber ihre Intelligenz fasziniert mich“. Verwirrt schaute ich beide an.

„Wieso spricht sie nie?“ Ich kann es einfach nicht nachvollziehen.

„Tut mir leid, damit überforderst du uns“, zuckte Lina mit den Schultern und Rabia stimmte ihr zu. Ich nickte verstehend.

„Und wer ist das?“, fragte ich weiter und zeigte angewidert auf ein viel zu knapp angezogenes Mädchen mit so viel bunter Schminke im Gesicht, dass sie glatt mit einem Clown verwechselt werden könnte.

„Ach das ist Dilaras beste Freundin Nisa. So wie die beiden aussehen, ticken die auch. Nimm acht. Sie versuchen es mit jedem. Du wirst ihre neue Herausforderung sein“

Traurig. Wie kann man nur seinen Körper so verkaufen?

„Ekelhaft“, sagte ich noch bevor unser Deutsch Lehrer rein kam..

Kapitel 2 Radwan

Entspannt laufe ich durch die angenehme Sommerluft. Ich liebe es einfach mal in Ruhe durch die frische Luft zu laufen und einfach der Natur zur lauschen.

Ich bin gerade auf dem Weg nachhause. Mein erster Schultag in der neuen Schule verlief relativ gut. Ich hab mich schnell daran gewöhnt und bin auch darüber erstaunt wie herzlich sie mich empfangen haben.

Ein wenig über mich: Ich laufe nachhause, obwohl ich auch fahren könnte. Ich besitze mehrere Autos und sogar einen Chauffeur. Aber ich genieße lieber die Natur und atme die frische Luft ein. Außerdem bin ich nicht die Person, die gerne ihr Besitz präsentiert.

Meinen Nachnamen Radwan habe ich mit Absicht den ganzen Tag nicht einmal erwähnt. Warum? Wir sind eine sehr angesehene Familie und meine Elternteile besitzen beide sehr viele Unternehmen. Sie sind Sponsoren an besonderen Anlässen und Spenden auch viel. Aber ich will Freunde wegen meines Charakters bekommen und nicht wegen meines Vermögens. Da habe ich schon genug Erfahrungen auf der alten Schule gemacht.

Entspannt ohne Musik und Handy kam ich Zuhause an und wurde direkt von Bodyguards begrüßt. Mir wurde die Tür geöffnet und dankend lief ich rein.

Wenn ich so reich bin, müsste ich doch eigentlich nicht mehr zur Schule. In Handumdrehen würde ich eine Stellung ganz oben bei meinem Vater und/oder meiner Mutter bekommen. Meinen Eltern ist aber beiden die Bildung sehr wichtig.

Ich weiß gar nicht, warum sich meine Eltern getrennt haben und mein Vater neu verlobt ist. Beide haben ein reines Herz und eine schöne Seele. Beide haben dieselbe Denkweise und beide haben dieselben Interessen. Aber keiner von beiden wollte mir den Grund vor einem Jahr wirklich nennen und keiner hat irgendetwas dazu geäußert.

"Hey Bilal, komm setzt dich zu uns. Wir wollten gerade anfangen", sagte meine Stiefmutter Nora zu mir als ich das Wohnzimmer betrat. Ich erwiderte die Begrüßung, ging meine Hände waschen und setzte mich zu denen.

Mutter Nora ist seit fast einem Jahr mit Baba verlobt, aber zur Hochzeit kam es nie. Ich mag Nora und hab sie als meine zweite Mutter akzeptiert, aber sie hat irgendetwas an sich, was sie abstoßend wirken lässt. Bis jetzt habe ich noch nicht heraus gefunden, was genau an ihrer Art mir nicht gefällt. Mich hat sie bis jetzt auch immer sehr gut behandelt.

Außer sie und Baba leben noch weitere mit uns in der Villa. Ich bin Einzelkind, aber die beiden jüngeren Brüder von meinem Vater, Onkel Musa und Onkel Rayan, leben auch hier mit deren Frauen und Kinder. Angestellte und Bodyguards leben tagsüber auch hier. Manche arbeiten auch nur in Teilzeit. Meine Großfamilie werdet ihr aber noch kennenlernen.

"Bilal mein Sohn, wie war dein erster Tag in der neuen Schule? Hat es dir gefallen?", fragte Baba mich liebevoll.

"Ja Baba, alle waren sehr nett und freundlich und haben mich herzlich willkommen geheißen. Ich muss mich nur noch an das Schulsystem gewöhnen. In NRW ist es etwas anders als in Baden-Württemberg", sagte ich und wischte mein Mund an einer servierte sauber. Schon seit ich klein bin, wurden mir Manieren und Anstand gelehrt.

Am Abend nach dem Gebet, saß ich auf meinem großen Balkon und schaute mir die Sterne an. Ich konnte das Mädchen, das nie spricht, nicht aus meinem Kopf bekommen. Sie ist einfach zu mysteriös. Nassira. Wieso redest du nie? Wieso bist du so still? Was steckt hinter deinem Schweigen? Was ist der Grund für all das? Ich glaube, niemand handelt so, wie man Handelt einfach so. Ich denke, alles hat seinen Grund und alles ist von Gottes Schicksal bestimmt worden..

Kapitel 3 Rislan

Jetzt bin ich schon ein Monat auf der Schule und habe mich eingelebt. Die Zeit verfliegt sehr schnell, fast schon zu schnell.

Mit Nassira habe ich immer noch nicht versucht zu reden. Ich meine, wenn sie es nicht will, lass ich sie. Aber was hinter dem Schweigen steckt, würde ich trotzdem gerne wissen.

Heute war der Tag gekommen, an dem ich das erste Mal mit Nassira sprechen werde. Heute ist Projekttag und wir werden in verschiedenen Gruppen eingeteilt. Soeben habe ich erfahren, dass ich mit Nassira in einer Gruppe sein werde.

Wer ist unser Held und warum? Unser Auftrag: den Lehrer und die Klasse am Ende des 15- Minütigen Vortag davon zu überzeugen, warum er/sie unser Held ist. Jeder Junge wurde einem Mädchen zugeteilt und wir haben ab jetzt drei Stunden Zeit.

Sobald Herr Hamlin den Auftrag fertig erklärt hatte, hatte ich direkt schoneine Idee. Ohne länger zu warten, nahm ich meinen Stuhl und setzte mich gegenüber von Nassira. Jetzt trennt uns nur noch ein Tisch.

„Ich würde vorschlagen, dass wir unsere Eltern als Helden nehmen. Mama und Baba sind meine Vorbilder und Helden, aber wenn es bei dir nicht so ist oder du einen anderen Vorschlag hast, können wir auch jemanden anderen nehmen“, schlug ich vor, als ich merkte, dass sie nicht zuerst reden wird. Sie schaute mich kurz an, nickte und schaute dann wieder runter. Diese paar Sekunden Blickkontakt waren neu für mich. Sie hat hellbraune Augen, die auf ihren perlenweißen Augapfel strahlen.

„Also nehmen wir unsere Eltern?“, fragte ich noch mal nach und sie nickte, dieses Mal, ohne mich dabei anzusehen.

„Ich hole uns Plakat und Eddings“, sagte ich bevor ich aufstehe. Ich musste zwar bisschen suchen bis ich was fand, aber es dauerte wirklich nicht lange. Als ich aber zurück kam, hatte Nassira schon ein ganzes Blatt vollgeschrieben.

„Wow wie viel du in so kurzer Zeit geschrieben hast. Komm lass mich weiter machen, damit du nicht alles allein machen musst“, schlug ich vor worauf sie mir ihr Block gab. Ich bin zwar auch relativ schnell, wenn ein Thema mir gefällt oder ich besonders gut darin bin, aber so schnell wie Nassira bin ich nicht.

Ich nahm ihr Block und fing an zu lesen. Was sie schrieb war einfach nur beeindruckend, Herz ergreifend. Ich könnte niemals, das was mir meine Eltern bedeuten, so gut formulieren.

„Wow“, flüsterte ich erstaunt und fing an weiter zu schreiben. Ich schrieb ein wenig mehr als die Hälfte als Schluss und gab es Nassira zum durchlesen. Währenddessen dachte ich über Gleitfragen nach. Das ist nicht so mein Ding, Plakat Gestaltung konnte ich besser. Als sie Stumm nickte, suchte ich Hilfe bei ihr: „Hast du eine Idee, was wir als Gleitfragen nehmen könnten?“. Kurz darauf drehte sie den Block wieder zu sich und las sich erneut den Text durch. Keine Minute später fing sie an Fragen an den Rand zu notieren.

„Ich muss sagen, du bist sehr intelligent“, rutschte es mir beeindruckt raus, weil die fragen einfach perfekt passten. Sie fing leicht an zu lächeln, aber ließ sich nicht stören. Ich nahm ebenfalls lächelnd das Plakat und fing an es zu gestalten..

„Lass uns Pause machen bevor wir mit der Texteinteilung weiter machen“ schlug ich vor, nachdem wir fleißig gearbeitet hatten und mit dem Plakat fertig wurden. Sie nickte und ich machte mich auf dem Weg in die Mensa um dort zwei belegte Brötchen zu kaufen. Auf dem Rückweg lief ich an Rabia und Onur vorbei, die eine Türkisch-Deutsch Diskussion führten, darüber welchen Held sie nehmen sollen. Amüsiert lief ich weiter bis zu meinem Platz.

„Ich hab dir ein Brötchen mitgebracht“, sagte ich nachdem ich mich wieder gesetzt hatte und reichte es ihr.

„Danke“, sprach sie kaum hörbar das erste Mal mit mir. Ihre Stimme hatte ich zwar schon einmal gehört, als Herr Hamlin ihr Fragen zum Unterricht gestellt hatte, aber ihre Lautstärke reichte trotzdem meistens nicht bis in die letzte Reihe. Vorsichtig nahm sie das Brötchen aus meiner Hand.

„Nichts zu danken“, antwortete ich. Ich lehnte mich zurück und fing an zu essen. Bis jetzt kennt noch immer keiner außer dem Lehrer meinen Nachnamen. Es hat aber auch keiner gefragt.

„Lass uns den Fragen nach, abwechselnd reden“, hörte ich ihre leise süße Stimme wieder.

„Ja gute Idee. Willst du anfangen?“, fragte ich und sie nickte. Rabia und Lina hatten recht. Nassira redet nur das nötigste und nicht mehr.

Wir teilten uns den Text ein, lernten ihn und übten es danach zusammen. Als wir dann fertig waren, hatten wir immer noch eine Stunde Zeit. Da Nassira sowieso nicht mit mir sprach, dachte ich darüber nach, wie ich mich beschäftigen könnte. Sie holte ein Buch raus und fing an zu lesen, weshalb ich aufstand und gelangweilt durch die Klasse lief.

„Was ist los Bilal? Kann ich dir helfen?“, fragte mich Herr Hamlin als er mich sah. „Nein danke, wir sind schon fertig“, antwortete ich lächelnd. Er zog seine Augenbrauen zusammen und schaute mich verwirrt an: „Wer ist dein Partner?“

„Nassira“, antwortete ich worauf er seine Augen verdrehte und stöhnte, was ich zuerst nicht verstand.

„Ich hätte einen schlechteren Schüler mit Nassira einteilen sollen und nicht so einen Einser Schüler wie dich“, nahm er die Erkenntnis, was mich zum Lachen brachte.

„Du kannst ja schauen wer Hilfe braucht und etwas deinen Mitschülern helfen“, riet er mir, was ich dann auch tat. Als es los ging, setzte ich mich wieder zu Nassira. Wir hörten uns Vorträge von Stars wie Ronaldo oder von Menschen, die sich für Rechte einsetzten wie Nelson Mandela an. Eltern hatte aber zum Glück niemand.

"..Und da unsere Eltern vieles für uns geopfert haben, große Dinge und kleine Dinge wie Freizeit oder den letzten Keks, und da sie alles getan haben um uns glücklich zu machen, sind unsere Eltern in unseren Augen ein Held", beendete Nassira unseren Vortrag bevor alle Klatschen und Herr Hamlin uns eine eins gab, nachdem wir kurzes Feedback bekamen.

Als alle Vorgetragen hatten und alle ihre Noten bekamen, durften wir endlich nachhause gehen.

„Voll Krasser Vortrag“, boxte mir der Lockenkopf auf die Schulter.

„Vallah war wirklich voll schön“, unterbrach Rabia Onurs Erzählung, der vor Anwar und mir die Treppen runter stieg.

„Übertreibt nicht. Ihr hattet alle voll schöne Vorträge“, erwiderte ich ernstgemeint.

„Keiner hatte einen so guten wie ihr“, mischte Zain hinter uns jetzt auch mit.

„Danke“, sagte ich verlegen um das Thema abzuschließen und hielt Zain und Lina die Ausgangstür auf worauf hin sie sich leise bedankten.

Die Jungs und Rabia liefen seit ich da bin auch immer zu Fuß nachhause. Nur Lina wurde immer von ihrem Bruder direkt mitgenommen, aber heute lief sie sogar auch mit. Zum größten Teil laufen wir alle denselben Weg, bis zur einen Kreuzung, an der wir uns alle aufteilen. Leider bin ich der einzige, der alleine weiter geradeaus laufen muss.

„Ej wisst ihr was mir letztens aufgefallen ist“, fragte Zain begeistert bevor wir uns an der Kreuzung verabschieden mussten. Erwartungsvoll schauten wir ihn an.

„Da vorne, wenn man ganz geradeaus geht und dann irgendwann rechts, da gehört ein riesen Grundstück den Radwans. Bilal du wohnst einfach bei denen in der Nähe“, sprach er begeistert seinen Geistesblitz aus. Ich musste mir mein Lachen verkneifen.

„Ja ich weiß, voll geil nh?“, stimmt ihm Onur zu.

„Es ist voll schwer da ein Haus zu bekommen und Wohnungen gibt es da erst gar nicht“, sprach jetzt Rabia mit.

„Kennst du die Radwans“, fragte mich Anwar und lenkte somit die Aufmerksamkeit auf mich. Ich nickte. Ich kenne sie nicht nur, ich bin ein Radwan.

„Was hält ihr von denen“, fragte ich interessiert und setzte mich auf die Bank an der Kreuzung.

„Ich kenne die schon richtig lange vom Fernsehen und so. Ich finde Zara und Khalid waren soo ein süßes Paar. Ich weiß gar nicht, warum die sich getrennt haben“ schwärmte Rabia und setzte sich zu mir auf die Bank.

Zara und Khalid sind meine Eltern und nicht einmal ich weiß, wieso sie sich getrennt haben.

Auch Onur hinterließ ein Kommentar: „Die neue Frau von Khalid kann ich irgendwie gar nicht leiden“.

„Nora“, klärte Rabia direkt auf. Fassungslos schaute ich Rabia an und musste dann lachen.

„Die sind nicht mal verheiratet, nur verlobt“, sprach Zain mit. Interessant zu beobachten, wie gut die sich mit meiner Familie auskennen.

„Man sagt, dass der einzige Sohn von Zara und Khalid jetzt seit kurzem wieder bei seinem Vater lebt“, erzählte Rabia magisch.

Zain schaute Rabia überrascht an: „Ehrlich? Davon hab ich nichts gehört“.

Jetzt war auch Lina am schwärmen „Doch davon habe ich auch gehört. Und ich habe auch gehört, dass er voll hübsch sein soll“.

Danke. Ich fange an über die Auflösung nachzudenken. Es ist nicht cool einfach den Mund die ganze Zeit zu halten, obwohl ich sie auflösen könnte. Andererseits hab ich erst meine neuen Freunde gewonnen, ich will nicht, dass sie anfangen mich anders zu behandeln weil sie wissen, dass ich zu den Radwans gehöre..

„Lass ihm einen Namen geben, dann ist er nicht mehr so Namenslos“, schlug Zain vor, aber Lina war sofort dagegen: „Nein, was ist, wenn er einen wunderschönen Namen hat, aber wir es mit einem Ersatz zerstören“.

„Zain hatte eine gar nicht so schlechte Idee, dann können wir einfacher über ihn sprechen. Lass ihm aber kein Name geben, lass ihn A nennen, oder nein, wir wollen ja keiner Serie nachmachen, wir nennen ihn B“, beschließt Rabia und alle scheinen sich zufrieden zu geben.

„Ich will wissen, warum man jeden aus der Familie kennt, außer B“, sagte Anwar.

„Würd ich auch gern wissen“, grübelte Zain jetzt auch.

„Vielleicht hat er eine geistige Krankheit und zeigen ihn deswegen nicht“, überlegt Onur.

Rabia zog direkt ihre Augenbrauen hoch und stand auf bevor sie anfing zu sprechen: „Okay, jetzt fängst du an zu spinnen. Lebst du hinter dem Mond? Gerade Zara wäre die letzte, die ihn verstecken würde, wenn es so wäre. Die Herzen der Familie sind viel zu groß, um das als einen Grund fürs verstecken zu akzeptieren. Denk nach bevor du das nächste Mal sprichst“.

„Komm wieder runter. Du tust so als hätte ich deine Mutter beleidigt. Setz dich mal wieder“, hob Onur unschuldig seine Hände. Rabia setzte sich mit verschränkten Armen wieder.

„War eine gute Überlegung, aber Rabia hat recht, nicht bei den Radwans“ klopfte Zain ihm auf die Schulter.

Die Antwort ist gar nicht so schwer. Ich will nicht, dass man meine Identität überall kennt und ich will nicht, dass mich jeder kennt. Ich will wie ein normaler Mensch leben dürfen. Es reicht schon, dass ich deswegen mein Leben lang auf einer Privatschule war, bis ich auf die Oberstufe kam.

„Wisst ihr wer noch hübscher ist“, grinste Lina und unterbrach somit meine Gedanken. Noch bevor Rabia ihren Satz beenden konnte, mischte sich Anwar ein: „Boah hör mal auf über Jungs zu reden. Habt ihr mal Rislan gesehen?“.

Rislan ist meine 17 Jährige Cousine, die mit uns lebt. Sie ist die Tochter von Onkel Rayan, der jüngster Bruder meines Vaters.

„Lass mich doch zu Ende reden. Badr ist auch voll hübsch“, schwärmte sie weiter.

Badr ist der ältere Bruder von Rislan und beide haben ein riesen großes Herz. Badr und Rislan mag ich von allen am meisten. Außer Familie sind sie meine besten Freunde.

„Ich habe Badr sogar mal persönlich gesehen. Er hat mal eine Rede gehalten in der Autofirma meines Opas“, gab Anwar an und grinste stolz.

Lina beneidete ihn sofort „Oha du glücklicher“. Ich musste leicht lachen.

„Glaubt ihr B ist hübscher als Badr?“, fragte Lina dann nachdenklich.

„Ich glaube schon, nur wegen dieser Familie wurde überhaupt das Wort hübsch erfunden“, sagte Rabia sicher, was uns alle zum Lachen brachte.

„Was hält ihr eigentlich von Salima?“, fragte Onur dann neugierig. Keine Sekunde später antwortete Rabia wieder. Sie kennt sich überraschend gut aus.

„Sie ist hübsch, aber ich mag sie nicht. Und so hübsch ist sie jetzt auch wieder nicht“, war ihre Antwort und ich hatte genau dieselbe Meinung. Salima will immer nur das Beste für sich selber.

„Ist Salima die ältere Schwester von Rislan?“, fragte Zain dann interessiert aber Rabia zuckte die Schultern.

„Kann gut sein. Sie ist die weniger hübsche Version von Rislan“, grübelte Anwar mit.

„Nein, so gesehen haben die beiden nicht mal dieselben Wurzeln. Salima ist die angeheiratete Tante von Rislan und Badr. Die Beiden haben keine weiteren Geschwister“, rutschte er mir raus ohne dass ich es merkte.

„Woher weißt du das? Alles was je im Internet oder Fernsehen gezeigt wurde, habe ich gesehen“, fragte mich Rabia streng. Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Was für eine kleine Stalkerin.

„Die haben es mal bei einer Dankesrede im Fernsehen gesagt“, zuckte ich hoffnungsvoll mit den Schultern. Zum Glück wurde nicht länger hinterfragt, weil Linas Handy klingelte.

„Meine Eltern warten auf mich, ich muss gehen“. Sie verabschiedete sich schnell und verschwand dann eilig in der Straße. Auch wir nahmen nach dem Stichwort Abschied, bevor sich unsere Wege teils trennten.

Zuhause angekommen aß ich etwas und machte danach die Gebetswaschung, bevor ich wieder runter ins Eingangsbereich lief.

„Wohin gehst du?“ fragte Baba mich, als er mich zufällig sah.

„Heute ist Freitag. Ich möchte in die Moschee, wie jeden Freitag“

Er nickte und wollte gerade gehen, als ihm etwas einfiel: „achso, warte doch und nimm Rislan mit. Sie wollte auch gerade gehen“. Ich nickte und lief die Treppen wieder hoch, um Rislan zu suchen. In ihrem Zimmer fand ich sie. Sie war gerade dabei ihre Schuhe anzuziehen.

„Lass uns zusammen zur Moschee gehen“, schlug ich vor, als sie endlich mal aufschaute um nachzusehen, wer solange an der Tür auf sie wartete.

„Okay ich beeile mich“, sagte sie energiegeladen und holte noch schnell ihr Handy. Nach einem letzten Spiegelcheck, konnten wir dann endlich los.

Draußen wurde ich direkt von meinem Chauffeur begrüßt und nach meinem Wunschwagen gefragt. „BMW“ antwortete Rislan für mich, da sie genau wusste, welches mein Liebling war. Es ist das unauffälligste, deswegen fahre ich so gerne mit dem. Ich mag es nicht, so viel Aufsehen zu erzeugen. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass er mich nicht siezen braucht und dass ich selbst fahren möchte, saßen wir endlich im Wagen. Ich weiß, dass es nichts bringt, diese Diskussionen jedes Mal zu führen, weil er mich beim nächsten Mal wieder auf die selbe Art begrüßen wird, aber das ist mir egal. Ich werde diese Diskussion trotzdem immer wieder führen.

„Ich habe dich voll vermisst die Jahre“, sagte Rislan als wir los fuhren.

„Ich war nur 1 Jahr weg, davor haben wir 20 Jahre zusammen gelebt“, lachte ich.

„16 Jahre“, verbesserte sie mich, da sie erst 17 war. „Außerdem ist 1 Jahr viel“, schmollte sie.

„Ich habe dich auch vermisst“, sagte ich und kniff ihr in die Wangen. Sie wehrte sich und ich ließ sie lachend in Ruhe.

„Ich habe heute Einiges über unsere Familie gehört“, grinste ich und wie ich erwartet hatte, fragte sie direkt Neugierig nach.

„Hmm lass mich überlegen. Es wurde gesagt, dass Badr hübsch ist, es wurde sehr von ihm geschwärmt. Ach ja, es wurde auch darüber gegrübelt, ob ich hübscher als Badr bin“, erzählte ich und erwähnte Rislan mit Absicht nicht, um sie zu ärgern.

„Und haben sie auch etwas über mich gesagt?“, fragte sie lachend und ich nickte „und was?“ hackte sie neugierig nach.

„Ich kann mich nicht mehr so gut erinnern“, tat ich so als wäre ich nachdenklich.

„Du bist hässlicher als Badr“, verschränkte sie beleidigt ihre Arme und ließ sich eingeschnappt in die Lehne fallen.

„Ach ja, es ist mir gerade eingefallen. Aber ich weiß nicht, ob ich es gerne den Leuten erzähle, die lügen“

„Nein war nur Spaß. Du eingebildeter weißt doch selber, dass du hübscher als Badr bist. Jetzt sag mal bitte“, bettelte sie als ich auf dem Parkplatz der Moschee hielt.

„Ich bin nicht eingebildet“, war das einzige was ich sagte. Ich hatte es vermisst sie zu ärgern.

„Doch bist du. Ich darf nicht lügen“, grinste sie.

„Du lügst aber“, sagte ich und sie gab lachend nach: „okay, du bist nur zu mir eingebildet, jetzt sag mal bitte“.

„Du siehst Salima ähnlich, bist aber die hübscheste der Familie und du wirst geliebt“, kniff ich ihr in die Wangen und machte mich dann auf den Weg zum Männer Eingang.

..

Nach dem Gebet wartete ich draußen in der Nähe vom Frauen Eingang an einer Wand gelehnt bis Rislan endlich raus kam.

Während ich jedes Mal zu Tür schaute, wenn jemand raus kam, in der Hoffnung, dass es dieses Mal Rislan ist, kam plötzlich Nassira die Tür raus. Wow, sie geht sogar das Freitagsgebet beten. Mit direktem Blick auf dem Boden verließ sie die Moschee und schaute dann kurz auf. Als sie mich sah, schaute sie für eine Sekunde überrascht, aber richtete ihren Blick direkt wieder starr auf dem Boden. Gedankenversunken schaute ich ihr nach, bis mich eine Stimme aus den Gedanken riss.

„Bilal“. Als ich aufschaute sah ich Rabia auf mich zulaufen. Sofort fing ich an zu lächeln und drückte mich von der Wand ab.

„Hey, was machst du hier“, fragte sie mich dann.

„Ich war gerade beten und warte jetzt auf meine Cousine“, antwortete ich und in dem Moment stellte sich Rislan neben mich und musterte Rabia.

„Wer ist das?“, grinste Rislan und stupste mich mit dem Ellbogen an.

„Das ist Rabia. Sie ist in meiner Klasse“, erklärte ich dann, aber Rislan hörte nicht auf zu grinsen. Im Gegenteil, sie grinste jetzt noch breiter.

„Es reicht, übertreib nicht“, sagte ich streng auf Arabisch.

„Bilal, ist das nicht Rislan?“, fragte sie vorsichtig und geschockt gleichzeitig. Ich schaute sie nur unschuldig an. Verkackt.

Wenn Rislan deine Cousine ist, musst du… oh mein Gott, du bist B. Bilal du bist der von dem niemand was weiß… Du bist einfach der Sohn von Zara und Khalid“, machte sie geschockt die Erkenntnis. Sie sprach eher mit sich selbst als mit mir.

„Bitte sag es niemandem“, bat ich sie direkt nachdem sie erkannt hat, wer ich bin. Sie war aber noch mit ihren Gedanken beschäftigt.

„Oh man wie Peinlich, warum hast du heute Mittag denn nichts gesagt, als wir über dich geredet haben“

„Ich wollte meine Identität weiter geheim halten..“, entschuldigte ich mich.

„Jetzt ergibt alles Sinn. Deswegen wusstest du auch, dass Salima die Tante von Rislan ist und nicht ihre Schwester“, dachte sie weiter nach.

„Sag es bitte keinem“, bat ich sie ein weiteres Mal.

„Ja keine Sorge, versprochen“, antwortete sie und ich bedankte mich erleichtert.

„Wow, ich hätte nie gedacht, dass ich mal etwas mit den Radwans zutun haben werde“, staunte sie immer noch.

„Sie ist voll süß“, flüsterte Rislan amüsiert viel zu laut. Sie konnte nie gut flüstern. Auch als Kind hat sie immer in stille Post versagt.

Rabia, die das natürlich gehört hat, lachte und sagte, dass sie gehen muss.

„Hat mich gefreut dich kennengelernt zu haben“, sagte Rislan und umarmte sie bevor auch ich mich von ihr verabschiedete. Danach fuhren wir auch nachhause.

Keiner von uns ahnte, dass mein Leben ganz anders aussehen wird, wenn ich das nächste Mal mit Rabia reden werde.

Kapitel 4 Neuigkeiten

Endlich Samstag. Ich habe zwar ausgeschlafen, aber blieb weiter im Bett liegen. Ich bin ein Langschläfer. Bis ich mich auf die Beine bekommen hatte und mich fertig gemachte hatte, hatten wir schon 13 Uhr.

Müde und gelangweilt lief ich die vielen Treppen runter und eine Köchin brachte mir Essen. Um 13 Uhr frühstücken, das macht auch nicht jeder. Außer Rislan. Sie setzte sich gerade still zu mir und wir aßen zusammen. Wir beide sind die einzigen, die in diesem Haus lange schlafen. Alle anderen sind schon längst unterwegs.

„Na, sind die Schlafmützen auch mal wach“, kam Badr und kniff Rislan in die Wangen, weshalb ihr fast das Essen aus dem Mund fiel und ich laut anfing zu lachen.

Badr setzte sich zu uns und nahm sein Handy in die Hand während er auf uns wartete. Erst jetzt bemerkte ich wie still es im Haus ist.

„Wo sind eigentlich alle anderen?“, fragte ich dann. Es müssten schon längst mindestens zwei mir über den Weg gelaufen sein, gerade zu dieser Uhrzeit. Oder man würde wenigstens Stimmen im Hintergrund hören.

„Alle sind auf einer Einladung von irgendeiner Firma und Younes und Yassin sind auf einem Geburtstag“, klärte er mich auf.

Younes und Yassin sind Zwillinge, die zwar Identisch aussehen, aber große Unterschiede haben, an denen man sie auseinander halten kann. Interessen, Verhalten oder die Frisur zum Beispiel. Sie sind die Söhne von Musa und Salima.

„Also sind wir allein?“, fragte ich, nachdem wir den Angestellten etwas beim Abräumen halfen. Badr fing breit an zu grinsen und ich ahnte schon sein Vorhaben.

„Ja sind wir“, sagte er und fing an Rislan zu kitzeln, die bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, aber jetzt hellwach wie verrückt schrie und lachte. Sofort eilte ich zur Hilfe. „Lass sie“, rief ich heldenhaft und hielt ihn fest. Sofort ergriff sie die Chance um loszurennen. Badr schlug mich harmlos, um sich so zu befreien.

„Ej, du darfst mich nicht schlagen. Ich bin älter“, beschwerte ich mich.

„Nur ein paar Monate“, lachte Badr und rannte Rislan hinterher und ich gleich mit. Ohne Probleme holte er Rislan ein, aber noch bevor er sie fangen konnte, hielt ich ihn erneut fest. Er stolperte und wir flogen zusammen auf dem Boden. Lachend standen wir sofort wieder auf und rannten weiter um die Wette. In ihrem Zimmer hielt Badr sie auf ihrem Bett fest, aber noch bevor er sie anfangen konnte zu kitzeln, sprang ich auf ihn. Lachend lagen wir auf einem Haufen.

„Bilal? Bist du da?“, ertönte Babas Stimme aus dem Vorhof und wir verstummten sofort alle. Abgesehen davon wie ich es bewundere, wie kräftig seine Stimme war, sodass sie von unten im Eingangsbereich durch die ganze Villa schallte, bis sie in Rislas Zimmer ankommt, haben wir alle Angst ärger zu bekommen. Unsere Onkel mochten es nie wenn wir drei uns so kindisch benahmen und Unsinn machten. Salima sagt immer wir sollen uns unserem Alter entsprechend benehmen, aber da sie weder meine Mutter, noch Risalns und Badrs Mutter ist, hörten wir auf sie am wenigsten.

Panisch versuchten wir alle aufzustehen, wobei ich auf dem Boden knallte. Ich hatte aber keine Zeit, um darauf zu reagieren. Schnell rannte ich in den Gang und stellte mich ordentlich hin. Wie ich vermutet hatte, war er noch nicht oben angekommen. Es ist eine riesen Treppe die nach unten führte. Als wir 12 waren, haben Badr und ich uns abwechselnd in die breite gelegt, um zu messen, wie breit die Treppe war. Zusammen passten sechs und halb Badrs und fünf ichs rein. Rislan hatte 64 Stufen gezählt, wenn ich mich richtig erinnere.

„Ja Baba, ich bin hier“ antwortete ich und die anderen stellten sich rechts und links hinter mich. Baba stand noch immer unten und gab mir ein Zeichen, dass ich runter kommen soll.

„Ich habe Neuigkeiten“, ergänzte er und ich eilte die Treppen runter. Rislan und Badr folgten mir. Als ich vor ihm stand lächelte er mich an.

„Kannst du dich an dein Versprechen erinnern, dass du mir vor einigen Jahren gabst“, fragte er mich und ein unwohles Gefühl machte sich in mir breit. Ich habe in meinem Leben nicht viele Versprechen gegeben. Bitte lass es nicht das sein woran ich denke. Vor Angst schluckte ich schwer. Mein Lächeln von eben verschwand in Zeitlupe.

„Mein Sohn, du bist mittlerweile schon 20, langsam wird es Zeit. Ich kenne ein Mädchen, die ich gern in die Familie aufnehmen möchte“, fing er an meine Befürchtung wahr werden zu lassen.

„Badr ist auch 20“, antwortete ich Trocken.

„Bilal!“, flüsterte Badr von meiner rechen Seite direkt verärgert.

„Bilal.. du hattest mir versprochen, sollte es soweit kommen, dass ich ein Mädchen dir bringe, wirst du es akzeptieren“, sagte er mit einer ruhigen Stimme.

„Du hattest mir versprochen du wirst nicht gezielt suchen, sondern es mir überlassen“, versuchte ich genauso ruhig wie er zu sprechen.

„Mein Sohn ich habe nicht gezielt gesucht, ich habe es dir überlassen, ich schwöre es dir. Aber vertrau mir mein Kind, ich weiß, es wird keine bessere geben. Du bist mein einziger Sohn. Ich will nur das Beste für dich“, sagte er sanft und strich mir einmal behutsam über mein Kopf.

„Was ist mit Mama?“, fragte ich und schluckte wieder schwer, aber der Klos, der sich in meinem Hals gebildet hat, löste sich einfach nicht.

„Ich werde es ihr gleich erzählen, aber sie wird nichts dagegen haben. Deine Mutter und ich kennen das Mädchen schon seit sie klein ist. Deine Mutter hat sie schon immer geliebt. Heute Abend wird sie schon kommen und gleich werden alle Verlobungsvorbereitungen getroffen, wenn du mir jetzt das Ja gibst“, sagte er und schaute mir tief in die Augen.

Mein Vater hat mir mein Leben lang alle Wünsche erfüllt, er hat mich nie ungerecht behandelt und er hat mich noch nie, noch nie um etwas gebeten. Wieso muss es ausgerechnet das sein? Alles andere hätte ich ihm ohne ein Wimpernzucken erfüllt. Aber Versprechen sind mir heilig. Ich mache extrem selten irgendwelche versprechen, aber wenn ich welche mache, dann halte ich sie ausnahmslos. Ich habe keine Wahl… Es hat so viele Gründe, dass ich dem gegen meinen Willen zustimmen muss. Ich muss…

Ich atmete tief durch und schloss meine Augen. Mit zittriger Stimme antwortete ich dann „Wenn Mama einverstanden ist, werde ich es tun“.