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Eine Geschichte über eine Stadt, die eines ungeahnten Tages von einem Mädchen verlassen wird. Zäh und langsam muss sie sich mit diesem Verlust arrangieren, während das Mädchen unverzagt und ungezogen auf das hügelige Land zieht...
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Seitenzahl: 14
Veröffentlichungsjahr: 2013
René Hamann
Das Mädchen und die Stadt
SuKuLTuR 2013
Das Mädchen hat die Stadt verlassen. Die Straßenlampen beugen sich über die Straßen. Die Häuser stehen leerer als sonst. Der Bäcker vermisst seine 48 Cent am Morgen, der Briefkasten um die Ecke vermisst den Einwurf und seine Entleerung durch den ungeschlachten Postboten. Der 106er wartet länger an der Haltestelle, aber das Mädchen kommt nicht. Ihre Wohnung ist frei, kann sich aber nicht weg bewegen. Ihr Schreibtisch im Büro ist arbeitslos. Das Mädchen hat die Stadt verlassen. Die Häuser sind erstarrt. Warum, fragt die Morgenzeitung, kann es nicht anders sein. Dass zum Beispiel die Stadt jemanden verlässt. Eine ganze Stadt zieht um. Die Häuser werden abgebaut und eingepackt, um woanders wieder ausgepackt und aufgebaut zu werden. Und nur das Mädchen würde übrig bleiben, hilflos da stehen auf einem leeren Feld.
Das Mädchen ist auf ihrem Weg aufs Land. Erst fuhr sie mit dem Zug, jetzt fährt sie mit dem Fahrrad. Viel Staub um nichts. Unterwegs kräuseln sich die Gedanken, können aber nicht raus. Panikattacken auf dem Fahrrad kommen uncool, sagt sich das Mädchen zum Beispiel, um sich zu beruhigen, als sie fast vor einen Trecker fährt. Ansonsten bleibt es still. Ein paar Kühe warten auf Fotografen oder junge Gestalterinnen, die Plattencover oder Opernplakate entwerfen. Nicht warten, sagt sich das Mädchen, sondern treten. Sie hat keine Termine, seit der Morgenzeitung hat sie niemanden gesprochen. Mobiltelefone sind ihr fremd geblieben, Science Fiction ist nichts als eine Erinnerung, findet sie, wovon die Morgenzeitung glücklicherweise nichts weiß. Warum fährt sie aufs Land? Sie hat die Stadt verlassen, und irgendwo will ein Anfang gemacht sein, könnte ihre Antwort lauten; dem Mädchen aber sind Wandkalender zu zukunftsorientiert.
