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Lisa beschließt nach einer Scheidung und drei relativ kurzen Beziehungsversuchen: "Keinen Künstler mehr! Keinen Mann mit emotionaler Distanz und schon gar keinen, der erheblich jünger ist!" Während einer Silvesterparty legt ihr eine Wahrsagerin die Karten. Sie sei eine Herzensbrecherin, stellt diese fest, mit spätestens vierzig Jahren würde ihr Karma sie einholen. Lisa sieht sich nicht als Herzensbrecherin und misst der Vorhersage keine weitere Bedeutung bei. Drei Jahre später, auf ihrer Geburtstagsparty, kreuzt sich ihr Blick mit dem eines ihr fremden Mannes. Sie zuckt zusammen, so als wäre sie aus einem Traum erwacht, und gleichzeitig spürt sie: Da ist gerade etwas Unglaubliches passiert! Was sie nicht ahnt: Der fremde Mann ist Magier und eine für sie vorgesehene "Überraschung"! Sie wird sich nicht nur unsterblich in ihr magisches Geschenk verlieben, sondern die Prophezeiungen der Wahrsagerin werden sich erfüllen - mit ungeahnten Turbulenzen für Lisa und ihr zukünftiges Leben.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2018
Dieses Buch widme ich mit großer Dankbarkeit meinenEltern und meinem Bruder. Sie schenkten mir stets ihrgrenzenloses Vertrauen und prägten mit ihrerunerschöpflichen Liebe meinen Lebensweg.
Impressum
© 2018 Victoria Nicholson
www.victorianicholson.com
Photography (Cover): David Avolio
Photography (Vita): Stefan Peter
Cover Design: Creative Industry AG
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Taschenbuch: 978-3-7469-7670-9
ISBN Hardcover: 978-3-7469-7743-0
ISBN e-Book: 978-3-7469-7710-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages oder der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Hinweis:
Teile des vorliegenden Romans sind an wahre Begebenheiten angelehnt. Der größte Teil der Geschichte ist jedoch frei erfunden, genauso wie alle Namen, Beschreibungen der vorkommenden Personen sowie ihre Wohnorte, Familienverhältnisse und so weiter. Auffällige Ähnlichkeiten oder Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt, sondern rein zufällig.
Victoria Nicholson
DAS MAGISCHE GESCHENK
Liebe aus heiterem Himmel!
Sie erschüttert tief sitzende Ängste. Sie stellt hartnäckigste Überzeugungen auf den Kopf und lässt ein vermeintlich vorgeschriebenes Lebenskonzept wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Roman
Mit jemand leben oder in jemand leben ist ein großer Unterschied.
Es gibt Menschen,
in denen man leben kann,
ohne mit ihnen zu leben,
und umgekehrt.
Beides zu verbinden
ist nur reinster Liebe
und Freundschaft möglich.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Prolog
Eines Tages begegnete mir ein Mensch, dessen Wesen mich so tief berührte, dass mein Herz in Brand geriet. Völlig unvorbereitet. Ohne Vorwarnung. Ohne Umwege. Dieser Mensch lud mich unbewusst zu einer emotionalen Achterbahnfahrt ein, stellte meine hartnäckigsten Überzeugungen auf den Kopf und ließ mein vermeintlich vorgeschriebenes Lebenskonzept wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Es war für mich unfassbar, wie überwältigend die Intensität der Liebe sein kann. Sie zwang mich gnadenlos, meinen tief sitzenden Ängsten zu begegnen und der Stimme meines Herzens zu folgen. Diese Liebe fragte nicht, ob sie in meinem Leben willkommen war. Meine Frage nach dem „Warum?“ kümmerte sie nicht weiter, und schon gar nicht machte sie vor meiner Seele halt, sondern drang immer tiefer in sie ein.
Irgendwann stellte ich fest: Ich kann nichts dagegen tun! Und gleichzeitig ahnte ich, dass auch diese Liebe nicht nur Glückseligkeit für mich bereithalten würde.
Erstes Kapitel
Es ist Silvester. Ich weiß, dass ich an diesem besonderen Abend ein elegantes, schwarzes, sehr feminines Kleid tragen werde, und betrete ein Geschäft in der Zürcher Bahnhofstraße, um eine farblich passende Seidenstrumpfhose zu kaufen. Ich finde schnell, was ich suche, zahle und stecke die verpackte Strumpfhose in eine dieser hauchdünnen Plastiktüten, die für kleinere Einkäufe bereitliegen. Ich fahre nach Hause, parke den Wagen und gehe zu Fuß auf das Haus zu, in dem ich mit Andreas, meinem Ehemann, lebe. Schon von Weitem registriere ich mit Schrecken, dass es nur noch zur Hälfte existiert. Es gibt zwar ein Untergeschoss und einen ersten Stock, doch alle weiteren Etagen sind verschwunden, sodass nach oben hin alles offen ist.
Ich gehe fassungslos und mit klopfendem Herzen weiter, und dann entdecke ich Andreas. Er steht vor dem zerstörten Haus, mir zugewandt, und leicht versetzt, in geringer Entfernung, befindet sich eine Frau mit hübscher Figur und langen geraden, dunklen Haaren. Ich nehme sie nur von hinten wahr, doch ich weiß, dass sie mir ähnlich sieht. Beide unterhalten sich, das Gespräch wirkt vertraut. Plötzlich überkommt mich eine große Angst, viel größer als die Furcht wegen des zerstörten Hauses. Ich suche den Blickkontakt zu Andreas und signalisiere ihm mit den Augen: „Was soll das? Wer ist die fremde Person?“
Andreas sieht mich an und schweigt.
Weil er nichts sagt, verlasse ich abrupt diesen Ort. Ich weiß nicht, wohin. In meiner Verzweiflung gehe ich noch einmal zurück und suche erneut Blickkontakt. „Willst du mir nicht sagen, was los ist?“, frage ich stumm.
Aber Andreas hüllt sich in Schweigen.
Ich schlug die Augen auf, starrte in die Dämmerung und wusste einige Sekunden lang nicht, wo ich mich befand. Vorsichtig befühlte ich mein Umfeld, glatt und weich. Ich lag im Bett und neben mir schlief Andreas. Alles war nur ein Traum gewesen.
Ich atmete mehrmals tief durch, vor Erleichterung, und doch hatte mich das Geträumte tief erschüttert. Mein ungewohnt ruhiges Verhalten fiel Andreas wohl auf und er sprach mich beim Frühstück darauf an. „Du, Schatz, was ist los mit dir? Hast du schlecht geschlafen?“
Ich erzählte ihm von dem Traum, und von dem Moment an war irgendwie alles … anders. Nicht, dass es mir sofort aufgefallen wäre, aber Andreas wirkte auf seltsame Weise aufgekratzt. „Ha, ha, ha“, lachte er, „was sind das für Hirngespinste. Ich und eine andere Frau! Ich weiß ganz genau, was wir uns einst versprochen haben, dass wir uns nämlich sagen würden, falls ein Flirt unserer Beziehung gefährlich werden könnte. Und ich breche mein Versprechen nicht!“
Ich nahm ein Stück Butter, verteilte es auf der Spitze des Croissants und sah Andreas an, bevor ich hineinbiss. Er war ein geradliniger und zuverlässiger Mann. Warum sollte ich ihm misstrauen? Und was waren Träume überhaupt? Schäume? Doch Halt. Stopp. Ich hatte gerade einen Artikel über präkognitive Träume gelesen, die, wenn man sie geträumt hat, teilweise Wirklichkeit werden können. Oder war mein Traum einfach nur ein Warnsignal meiner Seele, eine Verarbeitung unbewusster Ängste?
Andreas verließ vor mir die Wohnung, nicht ohne zu beteuern, dass an meinem „albernen Traum“ nichts dran sei. Er arbeitete als Produktionsleiter in einer Druckerei und musste sehr früh einen Termin wahrnehmen.
Ich räumte das Frühstücksgeschirr ab, schaute auf die Uhr und beschloss, die Gleitzeit zu nutzen und eine halbe Stunde später im Büro zu sein. Als Brand-Managerin betreute ich einen US-amerikanischen Soft-Drink, um ihn im Schweizer Markt zu positionieren. Aber im Moment war mir nicht nach Strategieplanung und medialen Kampagnen. Andreas ging mir nicht aus dem Sinn.
Wir führten eine harmonische Ehe, wie ich fand, die auf Miteinander, Achtung und leidenschaftlicher Liebe beruhte. Doch mein Mann hatte sich verändert, unmerklich. Er war nicht mehr so spontan, wie sonst, kam abends später nach Hause, küsste mich seltener und umarmte mich nicht mehr so innig. Im Bett wandte er sich immer häufiger von mir ab, ignorierte unser Ritual, in den Armen des anderen einzuschlafen. Fast war es, als hätte er seit unserem Gespräch einen emotionalen Rückzug eingeläutet, denn er hatte mich paradoxerweise mit seinem Kinderwunsch überrascht.
Wurde er sonst nicht von Frauen geäußert, die glaubten, ihre biologische Uhr würde ticken? Ich jedenfalls fühlte mich noch nicht bereit, die Pflichten einer Mutter zu übernehmen. Meine berufliche Karriere war gerade erst angelaufen und ich plante eine Fortbildung zur Marketingfachfrau. „Nach der Weiterbildung“, schlug ich daher vor, ohne mich klar zu äußern, ob ich nach den eineinhalb Jahren erst mit meinen Überlegungen anfangen wollte oder wir bereits „loslegen“ könnten.
Ich stellte mich ans Fenster, schaute in den wolkenverhangenen Himmel und ließ die letzten Wochen Revue passieren. Wann hatten wir zum letzten Mal Sex? Seit wann fühlte Andreas sich abends fast immer müde? Aus welchem Grund gab es unsere gemeinsamen Kochrituale nicht mehr? Und warum tat ihm der Rücken so oft weh, sodass er mich in der Nacht nicht mehr in seinen Armen halten konnte? Ich kam zu keinem Resultat, doch ich spürte, es war etwas verloren gegangen.
Ich ignorierte die Befangenheit zwischen uns, dachte nicht mehr an den Traum und schob Andreas‘ distanziertes Verhalten dem turbulenten Weihnachtsgeschäft zu. Gerade in den Druckereien verlief die Zeit bis Neujahr ziemlich hektisch, vielleicht musste ich einfach nachsichtiger mit ihm sein.
Für Silvester hatte ich zehn Karten einer Gala besorgt, an der wir mit mehreren Paaren teilnehmen würden. Ich arbeitete bis Mittag, wünschte meinen Kollegen im Büro einen guten Rutsch und suchte danach ein Fachgeschäft in der Zürcher Bahnhofstraße auf. Ich würde abends ein elegantes, schwarzes, sehr feminines Kleid tragen und brauchte farblich passende Seitenstrumpfhosen. Ich fand schnell, was ich suchte, zahlte und steckte die verpackte Strumpfhose in eine dieser hauchdünnen Plastiktüten, die für kleinere Einkäufe bereitlagen. Auf dem Nachhauseweg malte ich mir aus, wie Andreas mich als Frau neu entdecken würde. Ich wollte mit ihm in ein glückliches neues Jahr gehen und hoffte, durch meine äußere Erscheinung unsere Liebe neu zu entfachen.
Zu Hause angekommen schaute ich in den Briefkasten und nahm die Post an mich. In der Wohnung zog ich die Stiefeletten aus, legte den Mantel ab und setzte mich aufs Sofa, um die Grußkarten und Briefe durchzusehen. Die Rechnung des Telefonanbieters wollte ich eigentlich nur überfliegen, doch die ungewöhnlich hohe Summe ließ mich innehalten. Wie bitte? Was war das denn? Ich nahm die Seite mit den detailliert aufgelisteten Verbindungen und es traf mich fast der Schlag: mehrere hundert Anrufe an die gleiche Nummer und über fünfhundert SMS! Das musste ein Versehen sein. Doch Halt. Einen Moment. Die Rechnung betraf das Handy von Andreas. War sie im letzten Monat ähnlich hoch gewesen? Ich konnte mich nicht erinnern. Hatte ich sie überhaupt gesehen?
Ich hielt noch immer das Stück Papier in der Hand und spürte, wie ich innerlich bebte. Mein Blick fiel auf die hauchdünne Plastiktüte, die neben mir lag, und plötzlich kam die Erinnerung zurück. Mein Traum! In meinem Traum war es ebenfalls Silvester gewesen. Ich hatte eine Strumpfhose gekauft, hatte Andreas vor unserem zerstörten Haus mit einer anderen Frau gesehen und …
Nein, beschloss ich, alles Unsinn. Und was die Telefonate und SMS betraf, die waren sicherlich geschäftlich. Aber so viele mit ein und derselben Person? Vulkanartig schoss Adrenalin in meinen Körper und ließ jede meiner Nervenzellen vibrieren. Ich nahm mein Mobiltelefon und tippte mit zitternden Händen die hundertfach aufgelistete Nummer ein. Mein Gefühl dabei war grässlich. Noch nie hatte ich Andreas hinterherspioniert.
Es klingelte dreimal, dann meldete sich eine warme, weiche, weibliche Stimme in Bärndütsch, wie mir schien. Mich überlief am ganzen Körper Gänsehaut. Was machte ich da? „Hallo, Entschuldigung, hier ist …“, ich nannte irgendeinen Namen und fragte nach einem Herrn Müller, ein Nachname, der mir gerade in den Sinn kam.
„Einen Herrn Müller, nein, den gibt es hier nicht“, sagte die warme Stimme.
„Ach, nein, bin ich da nicht bei Benno Müller?“
„Nein, Sie sind bei Wegmann. Wegmann Juliette.“
Aha, so hieß sie also. Ich schluckte: „Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe, dann habe ich mich offensichtlich verwählt. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und en guete Rutsch!“
Sie bedankte sich, wünschte mir das Gleiche und beendete unser Gespräch.
Ich legte das Handy beiseite, ließ mich in die Polster des Sofas zurückfallen und fühlte mich wie gelähmt. Ich spürte förmlich, wie die Welt von Andreas und mir dabei war zu zerbrechen. Für mich gab es keinen Zweifel daran, dass Juliette die Geliebte meines Mannes war, die Frau, die ich im Traum gesehen hatte.
Ich suchte die Schuld bei mir, machte mir Vorwürfe, weil ich noch keine Kinder wollte, und dass ich Andreas mit seinem Wunsch nach einer Familie womöglich zu schroff zurückgewiesen hatte. Aber warum redete er nicht mit mir? Wir hatten uns doch versprochen, immer offen und ehrlich zueinander zu sein!
Tausend Fragen hämmerten auf mich ein, und ein Riss, von dem ich wusste, dass er nie mehr zu reparieren sein würde, zog sich durch mein Herz.
Ich ging zu dem Tisch mit dem Schachspiel, um mich abzulenken und einen klaren Kopf zu bekommen. Am letzten Abend hatten wir unsere Partie nicht beendet. Ich zog den Bauern um zwei Felder nach vorne und griff die ungeschützte Königin an. Gleichzeitig fragte ich mich, welchen Schachzug Andreas als Nächstes wählen würde. Konnte er das Spiel noch gewinnen?
In dem Moment hörte ich den Schlüssel in der Wohnungstür und blickte auf. Andreas legte seine Sachen ab und kam zu mir. „Grüezi, mein Schatz“, begrüßte er mich und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Er ging in die Küche, nahm sich ein Glas Saft und die Neue Zürcher Zeitung. Auf dem Weg zu seinem Lieblingssessel schaute er zu mir hin. „Ist irgendwas?“
Ich wollte keine Panik verbreiten, daher sagte ich so ruhig wie möglich: „Bitte, komm zu mir!“
Er setzte sich neben mich auf das Sofa und ich hielt ihm die Telefonrechnung hin. „Könntest du mir bitte sagen, wieso du diese Nummer so oft angerufen und massenhaft SMS verschickt hast?“
Andreas blickte staunend zuerst auf das Stück Papier und dann zu mir. „Diese Nummer, also …“ Er geriet ins Stottern, wusste nicht weiter, sein Gesicht wurde rot.
Ich schaute ihn schweigend an.
Er lachte unbeholfen und meinte: „Also … diese Nummer ist die von unserem Trauzeugen. Du weißt doch, Gabriel ist wieder Single und er brauchte meinen Rat.“
„Ah ja, ich wusste gar nicht, dass Gabriel wieder Single ist.“
„Hm, ist aber so.“
„Und wieso meldet sich eine Frau namens Juliette Wegmann, wenn ich dort anrufe?“
„Du hast angerufen?“ Seine Stimme schraubte sich nach oben.
„Ja, natürlich. So viele Anrufe, das ist doch seltsam, oder?“
Andreas fuhr sich mit einer Hand durch sein dichtes, wunderschönes Haar. Wie oft hatte ich es berührt, hineingefasst, seinen Duft aufgesogen und geküsst.
„Ach …“, er machte eine beiläufige Handbewegung. „Ich habe es beinah vergessen … Gabriel hat wieder eine Freundin.“
„Und sie geht an sein Handy?“
Er zuckte mit den Schultern. „Ja, warum nicht?“
Ich starrte ihn fassungslos an. „Sag mal, warum belügst du mich?“ Es folgte ein Streit, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Mal schrien wir uns an, dann wieder sprachen wir so leise, als könnten wir nur so unseren Worten Gewicht verleihen. Irgendwann schaute Andreas auf seine Armbanduhr. Er wirkte total verwirrt. „Wir müssen uns für die Silvestergala fertig machen.“
Die Gala geht mir gewaltig gegen den Strich, dachte ich. Mir war nicht nach Feiern zumute. Leider hatte ich alle Tickets in der Tasche und mir blieb gar nichts anderes übrig, als gemeinsam mit Andreas hinzugehen.
„Wirst du unseren Freunden etwas sagen?“, fragte mich Andreas besorgt.
„Nein“, versicherte ich. Es schien mir noch viel zu früh, um darüber zu reden. Reden, und zwar in Ruhe und ohne Streit, musste ich zunächst mit Andreas.
Kurze Zeit später vernahm ich das Geräusch von plätscherndem Wasser, dann hörte ich meinen Mann ins Schlafzimmer gehen und sich ankleiden. Später, als ich selbst vor dem großen Ankleidespiegel stand und mich in meinem eleganten, schwarzen Kleid und den seidenen Strümpfen betrachtete, fühlte ich mich so gar nicht sexy. Eher wie eine trauernde Witwe.
Andreas kam zu mir, küsste mich von hinten auf den Nacken und sagte: „Du siehst wunderschön aus. – Ich erkläre dir alles, wenn wir zurück sind, okay?“
Wie ich diesen Abend überlebte, weiß ich nicht. Ich weiß nicht einmal, wie ich es schaffte, die Tränen vor unseren Freunden zurückzuhalten. Alles empfand ich als Qual: die freudige Stimmung, das wunderschöne Ambiente, die Band und ihre Musik. Zum Auftakt wurde ein Walzer gespielt und Andreas forderte mich auf und tanzte den ersten Tanz mit mir. Danach achtete ich darauf, mich möglichst in Gesellschaft von Frauen aufzuhalten. Ich konnte die Nähe meines Mannes nicht ertragen, zudem kochte ich innerlich vor Wut.
Im Laufe des Abends fragten mich zwei Freundinnen, was mit Andreas los sei, er wirke total verstört. Ich zuckte die Schultern und sagte zu jeder den gleichen Satz: „Da musst du Andi fragen. Ich kann dir im Moment darauf keine Antwort geben.“
Kurz nach Mitternacht, wir hatten mit unseren Freunden auf das neue Jahr angestoßen, tanzten Andreas und ich noch einmal zusammen.
„Ich liebe dich über alles“, flüsterte er mir ins Ohr. „Ich wünsche mir eine Zukunft und eine Familie mit dir. Ohne dich will ich nicht leben!“
Tränen stiegen mir in die Augen und ich dachte: Genieße diesen Tanz, vielleicht wird er der letzte sein. Ich spürte die Liebe meines Mannes, doch ich konnte sein Handeln nicht nachvollziehen und fühlte mich tief verletzt. Dabei wusste ich kaum etwas über die Affäre, jedenfalls keine Details.
„Wollen wir nach Hause fahren?“, fragte ich mit einem Kloß im Hals. „Ich kann dieses Fest kaum mehr ertragen und möchte am liebsten nur noch weinen.“
Andreas willigte ein.
Kurze Zeit später saßen wir im Auto und fuhren schweigend zurück. Den Beginn des neuen Jahres hatte ich mir anders vorgestellt.
Gemeinsam auf dem Sofa, ohne die Hände gewaschen, geschweige denn geduscht zu haben und noch immer in eleganter Montur, sagte ich schließlich ruhig, aber bestimmt: „Erzähl. Erzähl mir alles.“
Und Andreas erzählte: Dass er sich von mir hinsichtlich der Familienplanung nicht ernst genommen fühlte. Dass ihm Juliette während einer Geschäftsreise begegnet sei. Sie lebe alleine und habe ein Kind. Ihrem kleinen Sohn gegenüber hätte er seine Vatergefühle ausleben können.
Bei dieser Offenbarung blieb ich dann nicht mehr so ruhig und mein Ton verschärfte sich. „Wir haben unsere Familienplanung ruhen lassen, aber nicht für immer verbannt. Und jetzt erfahre ich, dass dir eine baldige Schwangerschaft anscheinend so wichtig war, dass du … Ach …!“ Ich konnte vor Tränen und Wut kaum weitersprechen.
Die Luft im Zimmer wurde unerträglich warm. Das Geräusch meines eigenen Herzens erschreckte mich, dieses rasende Klopfen. Worte flogen durch die Luft, verletzend und grob. Irgendwann schien mich die negative Energie zu erdrücken. Ich rannte in den Flur, riss den Mantel vom Haken und floh hinaus in die Kälte. Dort setzte ich mich ins Auto und war in ein paar Minuten am Zürichsee. Ich stieg aus, ging zum Seeufer, das gespenstisch im Dunkeln lag. Nebelschwaden waberten. Ein fahler Mond stand am Himmel. Ich weinte und weinte, so lange, bis ich keine Tränen mehr hatte. Sollte ich mich in das kalte Gewässer stürzen? Wie würde es weitergehen? Immer wieder dachte ich an meinen Traum und konnte es selbst kaum glauben, wie real er gewesen war. Hätte ich auf mein Unterbewusstsein hören sollen? Wäre es besser gewesen, meiner Intuition anstatt meinem Mann zu vertrauen? Hätte ein früheres Handeln etwas gebracht? Andreas war meine große Liebe, wir harmonierten als Paar, teilten die gleichen Interessen, pflegten einen großen Freundeskreis, fühlten uns seelenverwandt. Und jetzt das. Nichts als Verletzungen und Lügen!
Ich ließ die Jahre mit Andreas Revue passieren. Hatte es nicht auch in meinem Leben Männer gegeben, die ich anziehend gefunden hatte und die mich umwarben – obwohl ich verheiratet war? Oh ja, so einige, stellte ich für mich fest und musste fast lächeln. Aber warum, verflixt noch mal, war es mir möglich gewesen, ganz selbstverständlich Nein zu sagen und Andreas anscheinend nicht? Weil der Ausstieg im Kopf beginnt? Weil mir bewusst war, was ich aufs Spiel setzen würde? Weil wahre Liebe für mich Fremdgehen ausschließt?
Ich stürzte mich nicht in den See, natürlich nicht. Wie hatte ich nur an so was denken können? Ich schüttelte entsetzt den Kopf und fuhr zurück, während es bereits zu dämmern begann.
Zu Hause traf ich Andreas genau an der Stelle vor, an der ich ihn verlassen hatte. Er blickte mir entgegen. Ich setzte mich zu ihm und wir redeten miteinander, weinten, redeten.
„Ich verspreche dir, ich werde den Kontakt zu Juliette abbrechen. Du bist die Frau meines Lebens. Bitte glaube mir. Ich werde unsere Liebe nicht für ein Abenteuer aufs Spiel setzen. Niemals. Du wirst mir wieder vertrauen können!“
Das waren die Worte an diesem schrecklichen ersten Morgen des neuen Jahres, die mich letztendlich versöhnlich stimmten. Sich zu verlieben, das kann passieren. Was mich rasend machte, war die Tatsache, dass Andreas nicht mit mir darüber gesprochen hatte.
Wir hatten uns einmal geschworen, immer offen und ehrlich dem anderen gegenüber zu sein. Dass er mein Vertrauen missbraucht und sich nicht daran gehalten hatte – auch dann nicht, als ich ihn konkret darauf ansprach –, war das Schlimmste für mich.
Während Andreas zu Bett ging und ich ihm durch Gesten zu verstehen gab, gleich nachzukommen, begab ich mich noch einmal zu dem Schachspiel. Etwas hatte sich in der Zwischenzeit verändert. Ich betrachtete meinen letzten Zug und stellte fest, dass Andreas seine angegriffene Königin auf F7 zurückgezogen hatte. Ich überlegte einen Moment und zog meine weiße Dame diagonal nach A4. Das war der vorletzte Zug vor Schachmatt. Aber war es das, was ich wollte?
Das Wort VERTRAUEN lag über den nächsten Tagen und Wochen wie ein Segen, aber auch wie ein Fluch. Vertrauen war ein Phänomen. Ich befand mich in einer unsicheren Situation mit fraglichem Ausgang. Ich brauchte mehr als Hoffnung und Glauben. Ich brauchte dringend eine Vertrauensgrundlage, positive Erfahrungen, die mich wieder in meine Ausgangssituation bringen würden. Ich wollte nicht mehr jede Verspätung von Andreas hinterfragen und jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen. Daher überprüfte ich zunächst alles, was mir verdächtig erschien, in der Hoffnung, nichts Anrüchiges zu finden. Zur Rechtfertigung hatte ich all das im Sinn, was Andreas mir versprochen hatte. Ich konnte seine Worte nicht einfach so hinnehmen und hoffte auf eine positive Bestätigung.
Die Dialoge mit Andreas bestanden nur noch aus Fragezeichen, die vor meinem geistigen Auge erschienen, und die sich vor und hinter jedem Satz niederließen. Ich fand heraus, dass er die Rechnungen des Telefonanbieters an die Firma umgeleitet hatte, die Geschäftsführung würde die Kosten übernehmen, schließlich telefoniere er nicht nur privat mit dem Handy. Diese Tatsache war für die angestrebte Vertrauensbasis leider nicht hilfreich. Ich entdeckte eine Telefonkarte in seiner Jacke, die ich zur Reinigung bringen wollte. Ich durchsuchte sein Portemonnaie und hasste mich dafür. Ich kontrollierte sein Handy, wenn er unter der Dusche stand. Das war empörend. Aber ich hatte ja eine Begründung. Ich durfte das! Ich sprach mich selbst von jeglicher Schuld frei.
An einem Sonntagmorgen wollte ich Gipfeli
