Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Badshah, der Schlächter, herrscht mit eisernem Griff über seine unheimliche Knochenburg und verfolgt nur ein Ziel: die Weltherrschaft. Um sein dunkles Reich zu stärken, erweckt er die Toten zum Leben und sperrt sie in ein Labyrinth, in dem sie zu seiner unaufhaltsamen Armee heranreifen sollen. Doch ein geheimnisvolles Wesen mischt sich ein: der Rabe. Als Badshah den jungen Prinzen des Nord-Königreichs entführen lässt, scheint der nächste Schritt seines Plans gesichert, bis ein fataler Fehler alles verändert. Gemeinsam mit dem Prinzen landet die furchtlose Zofe Camilla im Labyrinth. Der Widerstand gegen Badshah regt sich jedoch nicht nur im Norden. Tief im Süden, wo die einzigen Menschen leben, die den Schlächter besiegen können, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Badshah und die Dunkelheit scheinen die Oberhand zu haben. Im Kampf um die Zukunft der Welt ist jeder Fehler tödlich, und jeder Schritt unvorhersehbar. Inspiriert vom finnischen Nationalepos Kalevala. Band 1
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 435
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Pilvi Catharina Aigner arbeitete unter anderem in Helsinki, wo sie auch die Inspiration zu dieser Geschichte fand. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie bereits mit 13 Jahren. Doch gemäß dieser unglückseligen Glückszahl dauerte es weitere 13 Jahre, bis sie den Mut fand, ihr erstes Buch zu veröffentlichen.
Der Rabe
Das ausweglose Labyrinth
Der Hüter des Labyrinths
Zugemauerte Türen
Drei Aufgaben
Der angekettete Schahin
Das Raubtier und der Troll
Der Schatz
Ein greisenhafter Gaul
Eine Mauer und ein Schmied
Der sture Henrick
Die Kälte der Gleichgültigkeit
Ein alter Rabe
Als eine ganze Stadt verschwand
Der Eremit
Die Wüste Alna-hara
Der Schlüssel ist die Erinnerung
Die Tür zu Lysmoor
Im Gasthaus von Tummakylä
Das Ungeheuer kommt
Nachwort
Figurenverzeichnis
Wichtige Orte
Inspirationsquellen
„Damals, als der Weltenherrscher erkannte …“
Atemlos lauschte Camilla und zog die wärmende Wolldecke, die auf ihrem kleinen Holzbett lag, zur Brust. Ihr Herz klopfte rastlos in Erwartung des schon tausend Mal Gehörten. Abend für Abend kam die Mutter wieder in ihre dunkle Kammer, setzte sich an ihr Bett und seufzte. Sie war erschöpft. Hinter ihr lag ein langer Tag des Frisierens, Ankleidens, Ausbesserns der Kleidung der werten Königin und des Lauschens ihrer Sorgen und Ängste. Immerzu, als entspräche es einer unausgesprochenen Tradition zwischen Mutter und Tochter, bettete sie Camillas Kopf auf ihren Schoß und strich über ihr langes, goldblondes Haar. Mit dem Rücken lehnte sie sich gegen die kühle Steinmauer des Schlosses. Doch die Kälte spürte sie unter all den dicken Wolljacken kaum. Dann fing sie immer mit den gleichen Worten an und Camilla hing an ihren Lippen, während die Bilder in ihrem Kopf zu tanzen und sich zu überschlagen begannen. Heute war ein gewöhnlicher Abend. Nichts hätte auf eine Abweichung zur Normalität hingedeutet, nur vielleicht der schmale Wolkenstreif draußen, den Camilla beobachtete. Er wirkte wie ein grauschwarzer Seidenvorhang, der tief und schwer zur Erde herabhing und die Abendschatten auffraß. Und plötzlich schien er sich in Wellen eines düsteren, bodenlosen Meeres zu verwandeln, aus dem nichts anderes als ein scheußliches, furchteinflößendes Ungeheuer emporsteigen konnte. Camilla umklammerte die Decke ein wenig fester, während sie sich sicher war, ebenjenes in den Wolken erkennen zu können.
Da riss sie die Stimme ihrer Mutter wieder zurück in ihre Kammer, und ihr Blick blieb an dem flackernden Kerzenlicht hängen, das fröhlich über die Wände tanzte. Die Kerze stand auf einem kleinen Tischchen neben ihrem Bett.
„Hörst du mir denn zu?“, fragte ihre Mutter Astrid schmunzelnd, aber mit einer gewissen Strenge im Unterton.
Eilig nickte Camilla.
„Weiter.“, flüsterte sie und die Flammen züngelten und tanzten und gaben ihr ein Gefühl der Geborgenheit, das in ihrem Bauch prickelte, als hätte sie eine warme Tasse Tee getrunken.
„Also gut“, fuhr Astrid fort. Bisweilen unterstrich sie die Passagen mit einer lauten Stimme, und Camilla wandte ihr aufgeregt den Kopf zu. Manchmal sprach sie leise, als müsse sie ein Geheimnis hüten: „Damals, als der Weltenherrscher erkannte, dass das Wasser zu tief war, der Himmel zu weit, schickte er seine Tochter vom Himmel hinab in die Wogen des Meeres und bat sie, die Welt mit Leben zu bevölkern. Sie kannte nicht viele Zaubersprüche und die, die sie kannte, betrafen den Wind, die Wellen und den Regen. Also blieb ihr nichts anderes, als einen Sturm heraufzubeschwören, der so kräftig war, dass aus den Untiefen der dunklen See ein Ungeheuer emporstieg. Seine Schuppen glänzten im Licht der Blitze, seine Fänge erzitterten. Als es die Tochter des Weltenherrschers als Verursacherin des Chaos erkannte, zürnte es, öffnete sein Maul immer weiter und weiter, bis sich der gesamte Ozean darin aufzustauen begann. Als es ihn wieder schloss, traf eine Welle die junge Frau, die sie bis an den Rand der Welt trieb und weit darüber hinaus. Sie flog haltlos in die Unweiten des Himmels, durchbrach die Wolken und rief ihren Vater um Hilfe an. Aber der Weltenherrscher schwieg und so trieb sie jahrelang, flog über den Ozean, flog über die Welt, während das Ungeheuer immer weiter und immer höhere Wellen schlug. Schließlich aber hatte der Vater mit der Tochter Erbarmen und befahl dem Ungeheuer, sich zu beruhigen. Danach schickte er seine Tochter zurück in das Wasser, wo sie schwamm und tauchte und nichts und niemanden sonst außer dem Ungeheuer traf.
Eines Tages schwamm sie an ihm vorbei und sagte: ‚Wir sind die Einzigen, die diese Welt bevölkern. Lass uns Frieden schließen.‘
Doch das Ungeheuer schüttelte den schuppigen Kopf: ‚Wir werden niemals Freunde sein. Ich gehöre in das Wasser und du hinauf in die Wolken. Geh wieder dorthin zurück!‘
Aber die Tochter hatte einen anderen Auftrag und sann noch immer über einen Zauberspruch, der das Wasser weniger und den Himmel kleiner werden ließe. Also blieb sie im Wasser und der Zorn des Ungeheuers entfachte abermals. Dieses Mal aber zerriss es die Tochter mit seinen scharfen Zähnen und ihr Flehen verklang. Ihr lebloser Körper trieb durch das Wasser, nahm es auf, wurde weit und groß, wurde zu Land.
Zur gleichen Zeit erhob sich der Weltenherrscher, um den Tod seiner Tochter zu rächen: ‚Ungeheuer, du wagst es, das wertvolle Leben zu nehmen!‘
In seinem Zorn ließ er tausende Blitze auf das Ungeheuer herniederregnen und die Schuppen barsten, die Zähne zersplitterten, wurden in den Himmel geworfen. Dort verharrten sie, wurden zur Sonne, zu den Sternen, zum Mond. Die Sonne verbrannte das Land. Die Tränen des Weltenherrschers ließen es ergrünen und alsbald tummelten sich Antilopen in der Wüste, Bären in den Wäldern, Adler in den Lüften, Wale in den Meeren und Menschen pflügten das Land und siedelten, und der Weltenherrscher erkannte, dass seine Tochter in ihnen allen lebte, denn ihr toter Körper war es, der sie zum Leben erweckt hatte – soll ich weitererzählen? Nein? Du schläfst ja schon! Dann erzähle ich dir morgen davon, wie der alte Weise über das Land zog und auf den Schmied traf, um das Geschenk der Hexe zu fertigen.“ Lautlos erhob sich die Mutter und strich Camilla sanft über den goldblonden Scheitel. „Träum von den ewigen Weiten des Himmels, Camilla.“, flüsterte sie, als sie die Tür der kleinen, zugigen Kammer zuzog und Camilla allein mit all den Geschichten ließ, die über ihren Kopf schwappten wie das Meerwasser über das Ungeheuer. Sie konnte nicht wissen, dass Camilla die Augen gleich wieder aufschlug und sich aufsetzte, um den Blick aus dem Fenster über die Hausdächer der Stadt schweifen zu lassen. Sie stellte sich vor, dort oben in den grauen Wolken zu fliegen, wie es die Tochter des Weltenherrschers einst getan haben musste. Ein frenetischer Wind pfiff um das alte Schlossgemäuer, ließ die Baumwipfel im Park davor einen wilden Tanz aufführen. Oben in den Wolken musste er noch viel stärker sein! Er trug sie weit fort von dem Königsschloss, in dem sie geboren worden war, trug sie in eine Zeit, die so lange her war, dass sich nur noch Legenden darum rankten. Er trug sie zu dem alten Weisen und in die Schmiedewerkstatt des jungen Schmieds im Norden. Funken sprühten von der Esse, als der alte Weise die Werkstatt betrat. Der Schmied war kräftig, die Arme stark, ansonsten hätte er nie den gewaltigen Hammer heben und senken können, der ihn erschaffen ließ. Er schmiedete seit Wochen. Er schmiedete unaufhörlich Klingen und Lanzen und Speere. Er schmiedete sie für den Krieg. Als er den alten Weisen in seiner Tür erkannte, hielt er inne.
„Was machst du hier?“, fragte er ihn.
Camilla hörte die Stimme ihrer Mutter, obwohl sie längst nicht mehr da war. Sie sprach tief und rau, wie ein Schmied es wohl tun musste.
„Die Hexe des Ostens hat mich geschickt, um nach deinen Waffen zu sehen“, erwiderte der Weise.
„Bist du hier, um deine Zauberlieder zu singen? Kannst du dafür sorgen, dass jede von ihnen ihr Ziel nicht verfehlen wird und den Feind niederstreckt?“, bat der Schmied.
Der alte Weise schüttelte seinen Kopf. „Das kann ich erst tun, wenn du mir eine Leier aus deinem besten Metall geschmiedet hast“, erwiderte er.
Camilla fühlte sich, als stünde sie daneben und lausche. Sie vergaß für einen Augenblick, dass es nur eine alte Geschichte war. Irgendjemand hatte sie vor langer, langer Zeit erfunden.
Der Schmied tat wie ihm geheißen und alsbald besaß der alte Weise eine Leier aus purem Gold, und als er die Saiten anschlug, begann er zu singen. Die Waffen in der Schmiede bogen und reckten sich, während sie der Zauber von innen heraus erstrahlen ließ.
„Jetzt werden sie ihr Ziel nicht verfehlen. Ich habe die Regeln der Zeit gebogen“, erklärte der Weise.
„Danke!“, rief der Schmied und lief sogleich zu den Menschen und verteilte sie, während der alte Weise mit seiner Leier zu der Hexe des Ostens zurückkehrte.
„Was hast du getan, weiser Mann? Wir alle sind Kinder der Firmamenttochter und du lässt sie gegeneinander Krieg führen? War das mein Wunsch, als ich dich zum Schmied geschickt habe?“, schalt sie ihn sogleich.
„Die Menschen werden eines Tages Krieg führen. Aber sie werden auch wieder Frieden schließen. Hier habe ich dir dein Geschenk gebracht.“ Er reichte ihr die goldene Leier und ließ sie damit zurück. Als der Krieg bereits ersichtlich war und das Land im Grau zu versinken drohte, schob die Hexe des Ostens die weisen Worte des alten Mannes in eine Truhe und begann leise, ein Lied auf der Leier zu spielen. So sang sie die schnelle Antilope der Wüste, den starken Bären der Wälder, die weise Eule, den mutigen Adler der Lüfte, den glückbringenden Elefanten der Savanne, die reiche Fledermaus der Höhlen, den listigen Fuchs des Westens, den majestätischen Panther der Urwälder, den fruchtbaren Stier des Ostens, den klugen Raben, den flinken Wiesel, den fürsorglichen Wolf und den hilfsbereiten Wal aus den Tiefen des Meeres zu sich und gab ihnen den Auftrag, diesen Krieg zu verhindern. So sang sie zu den Königen der Welt, die das Leben behüten sollten und den Menschen den Weg des Friedens zeigen sollten. Die dreizehn Könige zogen los, um ihren Auftrag zu erfüllen, scharten die Mutigsten als ihre dreizehn Ritter um sich und die Antilope zog zurück in die Wüste, der Bär in die Wälder, die Eule in die Lüfte, der Adler in die des Nordens, der Elefant in die Savanne, die Fledermaus in die Höhlen, der Fuchs zu den Feldern, der Panther in den Urwald, der Stier auf die Wiesen, der Rabe in die Lüfte des Westens, der Wiesel in das Gras, der Wolf in die Berge und der Wal in das Meer. Indessen zog der alte Weise ein weiteres Mal aus, um den Schmied zu finden, und bat ihn, einen Schild zu fertigen.
„Wofür brauchst du ihn? Der Krieg findet doch nicht statt, alter Mann!“, fragte ihn der Schmied, während er seinem Wunsch Folge leistete und einen Schild so groß und mächtig erschuf, dass er ein ganzes Haus vor dem Feuer der Esse beschützen konnte.
„Es wird ein neuer kommen. Die Menschen sind nicht die Einzigen, die Kriege führen, Schmied“, erwiderte der Alte, nahm den fertigen Schild und belegte ihn mit einem Zauber, der die Erde erbeben und den Himmel erzittern ließ, ehe er zurück in seine einsame Hütte im Norden kehrte und darauf wartete, dass der Himmel herabfiel und die Erde Feuer spie.
Und noch während Camilla darauf wartete, dass ebendies geschah, glitt sie zurück in die Laken ihres kleinen Bettes und hinüber in einen friedlichen Schlaf. Das stürmische Pfeifen des Windes, das sich in die Zauberlieder des alten Weisen zu verwandeln schien, trug sie sanft hinüber und ließ die grauen Wolken, die hoch über dem Fenster ihrer kleinen Kammer zogen, in Vergessenheit geraten.
Den Raben, der auf ihrem Fenstersims eine Rast vor dem Sturm einlegte und der sich kurz darauf auf den Weg zu seinem Nest im südlichen Flügel des Schlosses machte, bemerkte sie nicht. Dort angekommen ließ er sich erschöpft in dem Stroh nieder, das er in mühseliger Kleinarbeit aus der Scheune eines Bauernhofes am Land herbeigetragen und mit Bändern aus den Haaren der Edeldamen in den Straßen unter sich geschmückt hatte. Es glich dadurch eher einem bunten Gemälde als einem Vogelnest. Es lag geschützt in einer Mulde zwischen den Dachbalken eines Turmes, direkt über einem kleinen Fenster, das den Blick weit über die Stadtgrenzen freigab. Im gleichen Moment, als sich der Rabe niederließ und der Sturm ihm noch die Federn zerzauste, blies die Gouvernante die letzte Kerze in dem Turmzimmer aus. Dann ließ sie den zweijährigen Prinzen, in der mit der im Kamin herabgebrannten Feuerglut, kühler werdenden Dunkelheit allein.
Der junge Prinz, der sich in seinem Bettchen wand und drehte, konnte nicht wissen, was ihn in dieser Nacht erwarten würde oder warum der Sturm draußen vor seinem Fenster immer eifriger an den Scheiben zu rütteln begann. Ganz so, als würde er warnend klopfen. Doch hätte er es gewusst, so hätte er es mit Sicherheit noch nicht verstanden. Er wusste noch nicht einmal, was es bedeutete, ein Prinz zu sein. Er kannte den Unterschied zwischen arm und reich noch nicht. Seine Tage waren vom eifrigen Untersuchen der unzähligen, riesenhaften Gänge und versteckten Winkel des Schlosses geprägt. Und von den Edelleuten, die ihn als zauberhaft und Hoffnungsträger bezeichneten und ihm Geschenke brachten, die in einer Ecke seines Zimmers stapelten und deren Bedeutung er nicht verstehen konnte. Viel spannender waren die Geschichten seiner Gouvernante von den Weiten der Gefilde, wo sie aufgewachsen war und die Mägde, Sekretäre, Gärtner und Köche, die durch die Gänge wuselten und immer alle so beschäftigt schienen. Er konnte nicht wissen, was sie tuschelten, wenn er mit seinen kleinen Füßchen an ihnen vorübertrabte, hatte keine Ahnung, dass er einmal ein Reich regieren würde, das so groß war, dass es sich von den Nordbergen bis hierher zum südlichen Meer erstreckte und so reich, dass die angrenzenden Länder vor Neid erblassten. Natürlich wusste er auch nicht, dass sein gesamtes Leben nach nur einem Plan verlaufen würde: nämlich dem seiner Eltern. Er würde in den Sprachen unterrichtet werden, lernen zu reiten und zu kämpfen. Er würde in die Gesellschaft der Ritter eingeführt werden, ebenso in die Kriegskunst und in die Wissenschaften. Er würde ein diplomatischer Mann werden, mit der Weisheit und Achtsamkeit zu regieren, und er würde eine Prinzessin heiraten, die kaum schöner und klüger sein könnte und für seine Nachfolge sorgen würde. Und danach würde er mit dem Heer in die Schlacht ziehen, um den dunklen König, der ihre bekannte Welt bedrohte, zu besiegen und ruhmreich zurückzukehren oder ehrenvoll zu sterben. Es gab keinen anderen Plan für ihn als diesen einen. Er würde dem Zweck seines Landes dienen, und sich der Bedeutsamkeit seines Lebens für das Volk bewusst sein. Aber all das wusste er noch nicht, und wenn seine Eltern es ihm sagten, dann verstand er es bloß als Spiel.
Allein das Schicksal ging oftmals unergründliche Wege. Und so tat es das auch in jener Nacht, als der Sturm ihn unruhig werden ließ. Ein Schatten legte sich über sein Bett, der im verglimmenden Licht des Kaminfeuers immer größer und größer und schließlich mit der Dunkelheit eins wurde. Sein eisiger Atem ließ seine Nackenhaare aufstehen und ihn unter seinen schützenden Decken zittern. Es war ein Atem so kalt, dass sich in der Luft Eiskristalle zu bilden begannen, und so durchdringend, dass die Wolldecken, die ihn schützen sollten, hart wurden. Es war der Atem und der Schatten des Todes, der ihn zu packen und aus seinem Bettchen zu heben schien, ihn erstarren und mit leeren Augen in die Dunkelheit hinter der Kapuze des Schattens blicken ließ, ohne zu verstehen, ohne zu wissen, was mit ihm geschah. Ohne zu erkennen, dass sich hinter dieser Dunkelheit kein körperloses Wesen befand, sondern eines aus Fleisch und Blut.
Und während der Schatten den Jungen aus dem Zimmer trug, erhob sich der Rabe draußen abermals, trotzte dem Sturm und flog zurück zu dem Fenstersims der Zofentochter Camilla. Er pickte eifrig mit seinem Schnabel gegen die Scheibe, als wolle er unsichtbares Ungeziefer verjagen. Aber stattdessen wand sich das Mädchen fluchend aus seinem friedlichen Schlaf und verscheuchte den lästigen Vogel, während vom Gang vor ihrer Kammer ein eisiger Luftstrom durch den Türschlitz wehte und sie fröstelnd ihre dicke Decke enger um sich schlingen ließ. Die Kerze auf dem Nachttisch war erloschen und die Dunkelheit verschlang ihre Geheimnisse, als lautlos an ihrem Zimmer der Schatten mit dem Prinzen vorüberzog und die kleine Camilla sich über den plötzlichen Wintereinbruch wunderte. Das Mädchen war für ihre zehn Jahre ein ausgesprochen kluges, dem wohl in der Welt der Edelleute – hätte sie eine Ausbildung genießen dürfen – eine glorreiche Zukunft bevorgestanden hätte. Aber sie war nur die Tochter einer armen Zofe. Selbst bloß ein Küchenmädchen, das half, die täglichen Speisen der Königsfamilie zuzubereiten. Sich über den plötzlichen Temperaturumschwung wundernd – es war immerhin Sommer, dachte sie irritiert –, kletterte sie aus ihrem Bett, zog leise die quietschende Kammertür auf und ließ den Blick den Gang auf und abschweifen. Gerade noch so erkannte sie im Dämmerlicht, wie die Spitze des Umhangs der Schattengestalt um eine Ecke wehte und spürte, wie die Kälte mit ihr verschwand. Mit einem Schlag hellwach, tastete sie blind nach ihren Schühchen in dem Winkel neben der Tür, schlüpfte hinein und lief mit flinken Füßchen, getrieben von der Neugier eines Kindes, der seltsamen Erscheinung hinterher. Die Stimme, die wie die ihrer Mutter klang und sich tief in ihr regte und zur Vorsicht mahnte, missachtete sie geflissentlich. „Bleib im Bett! Schlaf weiter!“, sagte sie. „Eisige Kälte hat in einem Sommersturm in den Schlossgängen nichts verloren.“ Aber die Stimme wurde immer leiser und verklang schließlich ganz, als sie von einer anderen – überlauten – Stimme übertönt wurde: „Etwas stimmt nicht! Du musst herausfinden, was es ist!“
Draußen im Sturm, an jedem Fenster des Gangs, saß der gleiche Rabe mit zerzausten Federn und beobachtete das Mädchen, während es dem Schatten immer näher und näherkam und als sie ihn schließlich erreichte, saß der Rabe auch vor jenem Fenster.
Ein Kammerdiener löschte die allerletzte Kerze in einem warmen Zimmer unweit des königlichen Schlafgemachs. Dort schliefen die Königin und der König friedlich und ahnungslos. Sie wussten nicht, in welcher Gefahr sich ihr Sohn befand. Zur gleichen Zeit löste sich, in einem schmalen Gang, in einem anderen Flügel des Schlosses der Schatten so unerwartet und plötzlich und wider allen Regeln der Vernunft abermals auf, wie er erschienen war. In den Armen hielt er den Prinzen und riss ihn und ein unschuldiges, neugieriges Mädchen mit in einen dunklen Tornado aus schwarzem Nichts.
Der einzige Zeuge dieser seltsamen Gegebenheit war der Rabe, der sich zufrieden die Federn zurechtzupfte, nur um dann wieder zurück in sein Nest zu flattern. Dort angekommen, steckte er gemächlich und erschöpft den Schnabel unter den rechten Flügel, als wäre nichts Verwunderliches, sondern gar etwas ganz Alltägliches geschehen. Dann begann er seine Nachtruhe, aus der er Stunden später abrupt geweckt werden sollte.
Der nächste Morgen war ein Morgen, wie es ihn nur nach einem Sturm geben konnte. Fröhliches Vogelgezwitscher befürwortete die ersten Strahlen einer feurigen Sonne. Sie ließ die Wiesen vor der Stadt in einem frischen Grün erstrahlen. Die Blumen reckten ihr gierig ihre Köpfe entgegen. Die Bienen kosteten den Tau vom Nektar der Blüten. Die Rinder schlenderten aus ihren Ställen. Und die Bäuerinnen und Bauern, die Naturbegeisterten, die Häusler liefen gut gelaunt über einen herrlichen Sommertag aus ihren Heimen. Auch die Stadt mit ihren verwinkelten, dichten Gassen wurde vom Gold und einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel in den Tag begrüßt. Die herrschende, beinahe unheimliche Stille war das letzte Zeugnis der Geschehnisse der vorangegangenen Nacht. Sie wurde jäh durchbrochen, als irgendwo an einer Ecke ein Geiger seine Noten auspackte und eine Ballade anstimmte, die die jungen Mädchen und Burschen erröten, die Marktfrauen erfreuen, die staubbedeckten Straßenkinder tanzen ließ. Und das alles zum Ärgernis der eiligen Edelleute, die für gewöhnlich vermieden, sich mit dem Gesindel allzu lange abzugeben. Daher war es auch nicht weiter verwunderlich, dass niemand dem Klagen der Zofe Astrid über das spurlose Verschwinden ihrer Tochter Gehör schenkte, als das leere Zimmer des Prinzen entdeckt wurde. Die Gouvernante – eine, groß gewachsene Frau, deren Haare bereits frühmorgens gekämmt zu Berge standen –, betrat als Erste das kühle Turmzimmer, das sich unter dem Rabennest befand. Ihr entsetzter Schrei war es, der dem Raben die Federn emporstehen und ihn missmutig aus seinem erholsamen Schlaf schrecken ließ. Falls sich Raben fragen konnten, so fragte er sich in diesem Moment wohl, warum in aller Welt alle etwas gegen ihn zu haben schienen. Denn die Gouvernante riss energisch das Fenster unter seinen Krallen auf, erblickte ihn und schleuderte ein Wortgeschwader auf ihn los, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als eilig sein Nest zu verlassen. Als wäre all das seine Schuld!
Die Gouvernante eilte sogleich panisch aus dem Gemach des Prinzen und stolperte kurz darauf in das königliche Esszimmer, in dem eine verwunderte Königin ihren Kopf von ihrem ausladenden Frühstück hob und fragte: „Wo bleibt mein Sohn? Hat er schlecht geschlafen?“
Die Gouvernante haderte einen Moment, suchte nach den richtigen Worten, fand sie aber nicht und stammelte letztendlich hilflos: „Eure Majestät, ihre Hoheit Prinz Henrick – er war nicht in seinem Schlafgemach. Ich – ich weiß nicht wo …“ Aber sie brauchte nicht auszusprechen, da war die Mutter bereits aufgesprungen und brüllte: „Lasst nach den Wachen und dem König schicken! Sofort!“ Leiser und wesentlich verzweifelter fügte sie hinzu: „Wir müssen ihn finden! Warum läuft dieses Kind nur immer wieder weg?“
Woraufhin die Gouvernante in ihrer misslichen Lage erwiderte: „Er ist ein kleiner Junge. Er ist neugierig. Weit kann er doch nicht sein …“
Sie konnte nicht wissen, wie unrecht sie hatte, begann es aber bald schon zu ahnen.
Tagein, tagaus suchten die Wachen, die Mägde, die Edelleute nach dem Jungen. Sie suchten in der Küche. Sie suchten im Kerker, suchten ihn selbst auf dem Dach des Schlosses, durchsuchten sämtliche Häuser der Stadt, sämtliche Zimmer der umliegenden Dörfer. Aber eine Spur fanden sie nicht.
Hätten sie nur den Raben fragen, oder auch nur ahnen können, was diese Abweichung von der Normalität für einen gewaltigen – nein, sogar riesenhaften – Unterschied machen würde!
An einem weit, weit entfernten Ort im Süden indessen, erhob sich ein kahlhäuptiger Magier mit dem Namen Facundo Caysio von seinem Stuhl und reichte dem kleinen Mädchen vor sich ein Buch. Er trug eine blau-goldenen Robe. Sie befanden sich in einer prächtigen Stadt, die voller Lebensfreude, herrlich heller Hallen und Musik war. Die Menschen dort trugen Kleidung, die für jeden Nordländer ungewöhnlich erscheinen musste. Der Stadt saßen ein wärmendes Meer und eine hitzeverbrannte Wüste im Nacken.
Das Buch war so schwer, dass die kleinen Ärmchen des Mädchens es kaum halten konnten und es sie zu Boden zu ziehen drohte.
„Was steht darin?“, fragte sie neugierig. Ihre langen, seidenschwarzen Haare fielen ihr in die Augen und ließen sie rasch blinzeln.
„Das ist ein Geschenk“, sprach der Magier. Im gleichen Moment trat ein stattlicher Mann in die Tür des Studierzimmers, an dessen Wänden Bücher um Bücher stapelten, und sagte: „Canan Gul, wir reiten nach Hause! Alle sind bereit. Verabschiede dich noch von den jungen Herren der Alna-siva!“
Das Mädchen blickte den Magier an, der auf das Buch deutete: „Eines Tages kannst du es lesen, und dann wirst du verstehen, warum du sein musst, was du sein musst. Nur einer aus der Blutlinie des Dunklen kann ihn, Badshah, besiegen. Es ist einem alten Zauber zu verschulden.“
„Und wenn es jemand anders versucht?“, fragte Canan Gul in kindlicher Naivität.
Facundo Caysio schüttelte den Kopf: „Wer nicht seines Blutes ist, stirbt und seine Seele nährt die Magie des Dunklen, macht ihn stärker und stärker. Nur dein Vater oder du – nur ihr könnt ihn besiegen, wenn die Zeit reif ist. Ihr seid die Letzten seines Blutes.“
Canan Gul stand sprachlos da, während ihr Vater energisch eintrat und sie von dem Magier wegzerrte. „Es wird nicht die Aufgabe meiner Tochter sein, Facundo!“, sprach er, der Herr der Wüstenstadt Alna, bestimmt.
Als sie fort waren, seufzte Facundo und trat ans Fenster. Er blickte ihnen schwermütig hinterher und flüsterte: „Sie wird es sein. Ihr Blut ist reiner als Eures, König der Alna-hara. Sie muss es sein.“
Schwer und verheißungsvoll blieben seine Worte in der Luft hängen, als wären es nicht nur Worte, sondern etwas Greifbares, etwas Reales.
Aber selbst der kluge, uralte Magier kannte nicht alle Wahrheiten und war oft blind für die kleinen, unbedeutend erscheinenden Dinge der Welt.
Der Junge war ganz still. Er rührte sich nicht. Seine Augen waren weit aufgerissen, starrten in eine Ferne, die so unerreichbar war, wie er selbst es zu sein schien. Camilla hatte keine Ahnung, wie ein Toter aussah oder dreinblickte. Aber genau so stellte sie es sich vor. Und bei der eisigen Kälte, die zuerst durch ihre Schuhe drang, dann langsam und unaufhaltsam in ihre Glieder, ehe sie unter ihr Nachthemdchen zu kriechen begann, konnte es gar nicht anders sein. Sie wusste wohl, wer der Kleine war. Was sie aber nicht wusste, war, wer dieser Mann im schwarzen Umhang war, der alles um sich herum in Eis zu verwandeln schien. Die Luft, die sie ausatmete, bildete unaufhörlich Wölkchen, denn ihr Atem ging rasch und unregelmäßig. Noch nie in ihrem Leben – nicht einmal im kältesten Winter – war ihr so kalt gewesen! Als sie bemerkte, dass der Schatten verharrte und sich langsam umzuwenden begann, setzte ihr Herz einige Schläge lang aus und sie hielt den Atem an. Sie fühlte sich, wie sich eine Steinsäule wohl fühlen musste: unbeweglich und starr. Die Wände des Schlossgangs schienen näherzukommen, sie erdrücken zu wollen, während der Schatten seinen Arm ausstreckte, um sie …
Es war dieser Moment, als Camilla begriff, dass die Wände um sie herum aus nichts anderem als Schwärze zu bestehen schienen. Dass kein Licht, das heller als eine Kerze leuchtete, den Ort je gesehen zu haben schien, an dem sie sich befand. Und erst da riss sie hastig den Kopf umher. Das hier war ein Gang, ja. Aber sie war doch noch vor einem Augenblick im Schloss gewesen! Aber diesen Gang hatte sie dort noch nie gesehen! Und vor allem war es nicht der gleiche, in dem sie sich befunden hatte, als sie erkannt hatte, dass der Schatten den Prinzen in seinen Armen trug. Die kleine Camilla konnte nicht wissen, welch dunkler Magie sie Zeuge geworden war, aber in ihrem Inneren schrie es, dass sie wieder in ihr warmes, sicheres Bettchen in der Schlosskammer zurückkehren wollte. Sie hatte fürchterliche Angst. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Als der Schatten auf sie zu schwebte, als würde er auf Eis gleiten, wich sie rasch vor ihm zurück. Doch sie stolperte gegen eine harte Mauer. Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg aus der Sackgasse. Aber für ein Zurück war es bereits zu spät und der Schatten erkannte das ebenso wie sie. So beugte er sich bedrohlich über sie. Sein kalter Atem lähmte sie und sie blickte ihn panisch aus weit aufgerissenen, eichenbraunen Augen an.
„Wer bist du?“, fragte er. Seine Stimme hallte von den Wänden wider, war rau und kühl wie der Winterwind. Camilla konnte nur ihren Kopf schütteln. Sie fühlte, wie ihre Haare aufgeregt auf und ab wippten, während sie die Schreckgestalt mit aufgerissenem Mund anstarrte und ihre Kehle immer trockener wurde. Der Schatten drängte sie immer dichter an die Wand, bis sein eisiger Umhang sie beinahe vollständig verdeckte und einschloss und Camilla am ganzen Leib zitternd dastand. Sie spürte, wie das Blut in ihren Adern zu gefrieren begann.
„Wer bist du?“, wiederholte er drohend seine Frage.
„Ca-Camilla“, stammelte sie, brachte es kaum aus ihrer gefrorenen Kehle.
„Woher kommst du?“
„Sch-Schloss … ich, i…“ Aber gerade als ihre Stimme verebbte, donnerte eine andere über sie hinweg. Eine Stimme so laut und alt und mächtig, dass ihr sämtliche Haare zu Berge standen.
„Hast du ihn?“
Der Schatten schien ihr einen grimmigen Blick zuzuwerfen, ehe er mit wehendem Umhang herumwirbelte. Sie konnte ihn unter der weiten Kapuze aber nur erahnen.
„Ja, Vater. Ich habe ihn!“
Camilla reckte verängstigt ihren kleinen Hals, um den Sprechenden ausfindig zu machen, aber der Schatten stand in ihrem Blickfeld. So hörte sie zuerst nur seine Stimme und begann leise wimmernd zu hoffen, ihn nie sehen zu müssen. Denn diese Stimme machte ihr mehr Angst als alles, das je durch ihre fürchterlichsten Albträume gegeistert war.
„Sehr schön!“, lobte die Stimme. Ein leises Lachen folgte, das jede Freude zu nehmen schien – auch wenn es an diesem freudlosen Ort nie eine gegeben zu haben schien. Hätte sie nur mehr davon sehen können! Vielleicht gab es irgendwo ein Schlupfloch, durch das sie fliehen konnte! Aber es war so dunkel, so düster, dass es so schwer wie ein Stein auf ihrer Seele lastete.
„Sehr schön, mein Sohn! Du weißt, was du jetzt zu tun hast?“
„Ja, Vater!“
„Dann tu es!“
Und noch während sich Camilla fragte, was der Schatten tun sollte, wandte sich der wieder zu ihr um und trat einen Schritt zur Seite, wobei er den Blick auf den Vater freigab und Camillas Füßchen am liebsten losgelaufen wären – doch wohin? Ihr einziger Ausweg wurde von den beiden Gestalten versperrt, vor denen sie fliehen wollte.
„Wer ist das?“, donnerte die Stimme. Eine schreckliche, verzerrte Maske verdeckte das Gesicht des Vaters. Sie japste auf. Solche Masken trugen die Männer, wenn der Winter endete und sie die Geister der kühlen Nächte verjagen wollten, um dem Frühling den Weg zu ebnen. Camilla hasste diesen Tag und versteckte sich immer hinter dem Rockzipfel der Mutter. Wie Dämonen sahen die Männer dann aus. Wie ein Dämon sah dieser Mann aus: Der Mund war schief und verzerrt, die Augenaussparungen waren schlitzförmig. Blutrote Farbe, als hätten Krallen darüber gekratzt, verliefen über die linke bleiche Wange, die Zähne waren unnatürlich spitz. Camilla wusste, dass diese Masken aus Holz geschnitzt wurden, aber jene, die ihr Gegenüber trug, war nicht aus Holz, da war sie sich ganz sicher. Sie war aus Knochen. Die Rüstung, die er trug, klirrte und rasselte bei jedem Schritt, den er näher auf Camilla zukam. Das schlimmste aber war die Leere, die hinter den Augenhöhlen zu hausen schien. Denn dort wo seine Augen hätten sein müssen, war nur schwarzes Nichts!
„Sie ist mir gefolgt, Vater!“
„Sie ist dir gefolgt?“ Dem Vater entfuhr ein wahnsinniges, schrilles Lachen. „Sie ist dir gefolgt?“ Und seine langen, dürren Finger hoben Camillas Gesicht an. Ihr stockte der Atem. Er drehte es nach rechts, nach links, ehe seine Finger über ihr Kinn glitten und er sich dem, den er Sohn nannte, abermals zuwandte. „Du Nichtsnutz! Wie konntest du sie nicht bemerken?“
„Es tut mir leid, Vater! Ich …“
„Töte sie! Eine Magd brauchen wir nicht!“ Und mit diesen Worten verschwand er so abrupt wie der Sohn zuvor aus dem Schlossgang, löste sich einfach in Luft auf und hörte das „Vater!“ des Sohnes nicht mehr. Er ließ eine vor Angst zitternde Camilla mit dem Schatten allein, der immer noch den erschlafften Prinzen in seinen Armen hielt. Wie in Zeitlupe wandte er sich Camilla zu und stand mit einem Schlag wieder keine Handbreit von ihr entfernt – so plötzlich, dass jedes Zwinkern länger dauerte. Grob legte er den Jungen, den Sandsack, in seinen Armen zu Boden und zückte aus den unendlichen Weiten seines Umhangs ein Messer. Es war zwar nicht groß oder lang, aber es war spitz und es war so scharf, dass es nur seiner Geschicklichkeit zuzuschreiben war, dass er den Stoff seines Mantels nicht damit zerschnitt.
„Nein! Nein! Nein …“, plapperte Camilla drauflos, unfähig an etwas Geistreicheres zu denken, und versuchte, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ein ängstliches Zucken huschte über ihr Gesicht, das dem Schatten ein kaltes, scharfes Lachen entlockte, während sie zwischen seinen Armen durchschlüpfte und dem ersten Messerstich geradeso entkam.
„Na, na, na! Wir wollen uns doch nicht etwa wehren?“, sagte der Schatten und stand wieder vor ihr. „Ich würde das lassen!“, mahnte er und ließ die Klinge genüsslich über seine behandschuhten Finger gleiten. Sie hinterließ einen sauberen Schnitt im Leder, ging durch wie durch Butter. „Je widerspenstiger du bist, desto grausamer wirst du sterben!“ Schwarze Augen wie Käfer blitzten kurz unter der Kapuze hervor und seine Stimme klang, als würde er zu seinen Worten hämisch grinsen. Aber Camilla hatte anderes zu tun, als sich darum zu kümmern. Ihr Blick hastete zu dem Prinzen, der starr am kalten Steinboden lag und der sich wie durch ein Wunder zu rühren begann. Sie hatte ihn doch wirklich für tot gehalten! Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Wie in aller Welt sollten sie das hier lebend überstehen? Dem Schatten musste aus den Augenwinkeln die gleiche Bewegung aufgefallen sein, denn er wandte seinen Kopf dem Jungen zu, der sich inzwischen zögerlich aufrichtete und blinzelnd seine Umgebung wahrzunehmen begann. Er öffnete den Mund. Gleich würde er zu kreischen beginnen! Camilla wollte ihm zurufen, dass er sich nicht rühren sollte, aber es kam nur ein seltsames Gluckern aus ihrer Kehle.
„Sieh einer an, da ist jemand wach!“, murmelte der Schatten. Camilla konnte nur ahnen, was er vorhaben würde, aber sie wartete nicht ab, es zu erleben. Stattdessen hechtete sie nach vorne, packte den Prinzen unter den Armen, hievte ihn hoch und rannte. Dass der Gang, in dem sie sich befanden, in einem Kerkergewölbe endete und sich in einem lange eingenommenen Schloss im Westen befand, dass ihr niemals eine Flucht gelungen wäre, wusste sie nicht. Der Schatten allerdings schon. So ließ er ihr, weil er Freude an dem Spiel gefunden hatte, einen Vorsprung und wartete, bis sie sich einige Meter von ihm entfernt hatte, ehe er binnen eines Wimpernschlags wieder direkt in ihrem Weg stand und sie gegen ihn rasselte. Der Prinz begann schrill und panisch zu kreischen. Ein Kreischen, das in den Ohren wehtat, und da es in dem Gang kein Echo gab, dumpf und unnatürlich klang.
„Mach, dass er aufhört!“, stöhnte der Schatten genervt. Camilla starrte ihn an, während sie ihren Vorteil zu erkennen begann.
„Hör auf zu schreien!“, plapperte sie auf den Prinzen ein und pikte ihn gleichzeitig und so unauffällig wie möglich in sein Bein, was das Kreischen noch um eine Oktave höher werden ließ. Der Schatten wand sich kurz, ehe er einen Entschluss zu fassen schien.
„Gib ihn mir!“, befahl er und war im Begriff, Camilla den Prinzen zu entreißen. Der klammerte sich aber einerseits an ihr fest, andererseits war Camilla nicht im Geringsten gewillt, loszulassen, und so umklammerte sie ihn stur.
„SOHN, was ist das für ein Lärm?“, donnerte plötzlich wieder die Stimme des Vaters durch das Gewölbe. Der Prinz verstummte und selbst der Schatten erstarrte. Sein Gesicht war so nah an Camillas, dass sie den eisigen Todesatem selbst einatmete, und sie blickte ihn aus weit aufgerissenen, verängstigten Augen an. Dann hob der Schatten seine Hand, allerdings nicht die mit dem Messer und im nächsten Moment waren der Gang, der Schatten und die Stimme des Vaters verschwunden. Camilla stand in kompletter Dunkelheit, den verstummten Prinzen in ihren Armen haltend. Es roch modrig. Es war kühl und feucht, aber es war nicht die tödliche Kälte, die der Schatten ausgestrahlt hatte. Sie hatte keine Kenntnis davon, dass sie woanders waren. Nicht im Schloss, nicht in diesem unheimlichen Gang. Wo waren sie? Eine so durchdringende und erstickende Finsternis hatte sie noch nie erlebt! Während sie minutenlang stocksteif dastand, ohne es zu wagen, auch nur einen Mucks von sich zu geben oder richtig zu atmen, wandte sich an einem anderen Ort der Welt der Schatten dem Vater zu.
„Hast du es getan, Sohn? Hast du ihn ins Labyrinth geschickt?“, fragte er.
„Ja, das habe ich, Vater!“, erwiderte der Schatten.
„Und das Mädchen?“
„Ist tot.“
„Gut gemacht! Es braucht noch ein wenig Zeit. Früchte müssen auch erst reifen, bevor sie gut zu ernten sind. In ein paar Jahren wird es endlich so weit sein! Der dunkle Herr ist mit Sicherheit zufrieden! Er wird dich belohnen.“ Und mit diesen rätselhaften Worten verschwand der Vater wieder aus dem endlosen Gang. Dem Schatten dämmerte, dass er das Mädchen hätte töten und sie nicht in der Hast mit dem Prinzen in das Labyrinth schicken sollen. Der Vater würde die Lüge früher oder später aufdecken. Er würde ihn wieder einen Nichtsnutz schelten und die großen Aufträge würde er dann vergessen können. Leise fluchend zupfte er seinen Umhang zurecht, steckte das Messer zurück in eine Innentasche und murmelte: „Ich muss dich wohl wiederfinden!“ Dann verschwand auch er aus dem Gang und die drückende Stille und einkehrende Dunkelheit ließen die Geschehnisse der vergangenen Minuten langsam in Vergessenheit geraten.
Indessen streckte Camilla eine Hand aus. In der anderen begann der Prinz zu zappeln.
„Eure Majestät, haltet bitte still!“, hauchte sie und erwartete beinahe, eine Antwort zu bekommen. Ihre Hand streifte eine feuchte Mauer. Langsam tastete sie sich voran. Sie vermied es, sich vorzustellen, dass sie gleich keine Steinmauer mehr ergreifen könnte, sondern etwas anderes – etwas aus Fleisch oder haariges Ungeziefer. Aber wie es nun einmal so ist, wenn man an etwas auf keinen Fall denken will, denkt man trotzdem daran. Und so geisterten Bilder von Spinnennestern und Händen, die sie packten, durch ihren Kopf und ließen sie ein wenig schneller dahinstolpern, bis sie wirklich keine Mauer mehr berührte, sondern ins Leere griff und ihr ein überraschter Aufschrei entglitt, der ein ungewollt lautes Echo hatte.
„Verflucht, was …?“, murrte sie – Mutter Astrid hätte sie gescholten: „Fluchen gehört sich nicht für eine junge Dame!“ – und fing ihren Sturz gerade noch so ab.
Verflucht, was …? Das Echo hallte durch die unsichtbaren Räume. Nur klang die Stimme wie der Kontrabass in einem Orchester. Camilla sah sich irrsinnigerweise um. Es kam ihr vor, als hätte jemand ihre Worte nachgesprochen.
„Hallo?“, fragte sie vorsichtig in die drückende Stille.
Hallo?, kam fragend zurück.
Der Prinz zappelte. Langsam drohte er zu schwer zu werden. Sie lauschte noch einen Moment, aber da war keine Stimme mehr. Dann schlich sie weiter. Jeder Schritt hatte ein trippelndes Echo. Sie war sich sicher, dass ihre Hand gleich etwas berühren würde. Aber da war nur kalter, feuchter Stein unter ihren Fingerspitzen. Zumindest so lange, bis sie jäh den Halt verlor und kopfüber eine Treppe hinunterstürzte. Laut, krachend und am Ende lauthals fluchend, obwohl sie doch eigentlich jeglichen Lärm hatte vermeiden wollen! Zu allem Überdruss glitt ihr auch noch der Prinz aus den Armen, als wäre er ein schleimiger Egel. Sogleich setzte ein ohrenbetäubendes Kreischen ein, was ihr die Suche nach ihm erleichtern hätte sollen. Sie missachtete den Schmerz, der von ihrem Knie ausging, berührte es, erkannte, dass es blutete, und kletterte dennoch auf allen vieren die Treppe hinauf in Richtung des Gekreisches. Nur, dass es jäh verstummte.
„Eure Hoheit!“ Vielleicht war es nicht das Klügste, an einem fremden Ort mit unbekannten Zuhörern kundzutun, dass ein Prinz anwesend war. „Henrick“, stammelte sie stattdessen in die Dunkelheit. „Wo seid … Wo bist du?“
Ein eisiger Wind raste an ihr vorbei, der mit raschen, trippelnden Schritten einherging. Da war jemand! Daran hatte Camilla keine Zweifel mehr. Und auch, wenn sie es nicht sehen konnte, wurde ihr klar, dass dieser jemand sich den Prinzen geholt hatte. Das lag vor allem daran, dass sich das Geschrei rasch zu entfernen schien.
„Bleib stehen!“, brüllte sie. Jetzt war die Lautstärke auch schon egal. „Hey bring ihn zurück!“ Sie musste sich an einer der Stufen aufstützen, um sich aufzurichten, ehe sie dem Wirbelwind hinterherhumpelte oder es zumindest versuchte, denn die Dunkelheit war und blieb undurchdringlich. „Hey!“
Bei der nächsten Abzweigung dämmerte ihr langsam, dass ihre Verfolgung keinen Zweck hatte, aber sie weigerte sich, aufzugeben. Immerhin war der Prinz der einzige Grund, warum sie überhaupt hier war. Wo auch immer das war!
Während sie weiter so dahinstolperte, versuchte sie, sich immer verzweifelter einzureden: „Das ist nur ein böser Traum! Das ist nur ein böser Traum!“ Gleich würde die Tür ihrer Kammer quietschend aufschwingen. Ihre Mutter würde sich über sie beugen, sie mit einem Kuss auf die Wange und einem fröhlichen: „Aufstehen, es ist Morgen!“ aufwecken. Die ersten Sonnenstrahlen würden ihr Gesicht streifen. Draußen ein windstiller Tag. Ein Tag nach dem Sturm, der mit dem Lied eines Straßenmusikanten beginnen würde. Stattdessen stolperte sie über ihre eigenen Füße und landete unsanft auf dem ohnehin schon verletzten Knie. Sie wimmerte. Ihre Gedanken begannen, sich um die absurde Frage zu drehen: Wer oder was war der Verursacher dieser eigenartigen, trippelnden Schritte? Hatte sie der Schatten hierher verfolgt? Was für ein Spiel spielte er mit ihnen? Und wo war hier? Wo war überhaupt rechts und links? Konnte jemand bitte eine Kerze entzünden?
„Verflixte Dunkelheit!“, stöhnte sie und tastete sich weiter voran, dem verklingenden Gekreische des Prinzen hinterher, während sie die schattenhaften Trugbilder verdrängte.
Es war schon viel zu spät, um aus diesem Albtraum aufzuwachen. Als Camilla das erkannte, hockte sie am Boden – im Rücken eine kalte, feuchte Steinmauer – und presste ihre Hand gegen ihr blutendes Knie. Sie unterdrückte ein Schluchzen. Gerade so gelang es ihr, sich daran zu erinnern, dass sie tapfer sein musste. Immerhin ging es hier um die Entführung des Prinzen! Mit Sicherheit würde man ihn suchen und die kühnsten und stärksten Männer ausschicken, um ihn ausfindig zu machen. Also war ihr Entkommen von diesem unwirtlichen Ort nur eine Frage der Zeit. Eine Weile konnte sie sich das zumindest halbwegs erfolgreich einreden, bis ihr wieder der Schatten und sein unterbrochenes Vorhaben, sie umbringen zu wollen, einfiel. In der vorherrschenden Dunkelheit hätte sie seine Anwesenheit höchstens aufgrund der Kälte, die er ausstrahlte, bemerkt. Aber kalt war es sowieso. Bei der bloßen Erinnerung an ihn schauderte ihr.
So saß sie lange da, und grübelte darüber nach, wie sie aus ihrer misslichen Lage entkommen sollte. Schließlich fielen ihr vor Erschöpfung die Augen zu, und in ihrem Kopf begannen sich aufgeregt Bilder zu bewegen. Worte hallten in ihren Ohren wider, als stünde ihre geliebte Mama neben ihr und würde erzählen, und so tauchten die Bilder der alten Geschichte wieder auf und lenkten sie für eine Weile ab:
„In dieser friedlichen Zeit trug es sich zu, dass die Hexe einsam auf der Heide vor ihrem Haus auf der prächtigen Leier zupfte. Schon seit Langem war sie der Langeweile Überdruss und beschloss, den Wind zu sich zu rufen. Als dieser in seinem Wolkenkleid vom Himmel herabfegte und sich vor ihr aufbaute, fragte er: ‚Kind der Firmamenttochter, du hast mich gerufen! Was willst du?‘
‚Trage mich an einen fernen Ort. Ich möchte die Welt kennenlernen. Ich möchte nicht mehr allein sein!‘, erwiderte sie darauf.
Der Wind nickte und hob sie sogleich mit sich in die Lüfte. Sanft trug er sie auf seinen Schwingen, über endlose Birkenwälder, über hohe Gebirgsketten, über die tiefe See, in ein Land, das vom Sand beherrscht wurde. Verspielt vollführte der Wind einen fröhlichen Tanz mit der Wüste, ehe sie eine Stadt überflogen. Dort drang Musik an die Ohren der Nordhexe.
‚Das ist eine mächtige Musik. Lass mich sehen, woher sie kommt!‘, bat sie den Wind, und er brachte sie zu einem Turm am Eingang der Stadt. In dessen höchsten Zimmer entdeckte sie ein Instrument mit zahlreichen Pfeifen. Ein schöner, junger Mann war es, der die Tasten betätigte.
‚Die Prinzessin kommt!‘, rief er und spielte sein prächtigstes Lied. Die Nordhexe nahm auf dem Fenstersims Platz und lauschte, während eine Karawane aus der Wüste mit einer prächtig gekleideten Frau auf dem größten Kamel die Stadttore erreichte. Bald schon lernte die Nordhexe von der Liebe des Mannes zu der Prinzessin. Doch es missfiel ihr, denn sie selbst hatte Gefallen an dem Musikanten gefunden, dessen Töne so wunderbar zu denen ihrer goldenen Leier passten. Sich an die Magie erinnernd, beschloss sie, den Musikanten zu verzaubern. Als seine Augen nur noch ihr gehörten, gebar sie neun Söhne und eine Tochter. Doch so mächtig der Zauber gewesen war, begann er mit der Zeit zu schwinden, und der Mann ließ die Nordhexe allein zurück, um zu seiner Prinzessin zu kehren. Doch ihr Glück währte nicht lange. Als die Nordhexe ihn fand, sagte sie: ,Du gehörst mir!´ Und zur Strafe kettete sie ihn an sein Instrument im Turm, wo er verdammt war zu spielen, wann immer die Prinzessin in die Stadt kam und ging. Doch nur von der Ferne aus konnte er sie bewundern. Der Musikant fand in seinem Leben keine Liebe mehr und versank in tiefer Traurigkeit. Indessen bat die Nordhexe den Wind, sie zurück nach Hause zu tragen, wo sie ihre Kinder großzog. Der Älteste wurde ein solidarischer Mann. Wo auch immer seine Hilfe vonnöten war, eilte er hinzu. So half er einem Bauern, der sein Vieh gegen Wölfe verteidigen musste, und er half einem Waisenkind, indem er es großzog. Der Zweite war ein fleißiger Mann, pflügte die Felder selbst, säte und erntete im Herbst. Der Dritte war ein demütiger Mann. Er nahm sich selbst nicht so wichtig wie seinen Nachbarn. Der Vierte war ein großzügiger Mann, der gelernt hatte, die Fehler anderer zu vergeben. Der Fünfte stand in der Gunst der Welt. Was er anpackte, wurde zu Gold. Der Sechste war für seine Ehrlichkeit bekannt. Keine Lüge kam je über seine Lippen. Der Siebte war achtsam. Er sah, was anderen verborgen blieb, und half, wo er konnte. Der Achte war ein gelassener Mann. Er nahm die Dinge, wie sie kamen. Der Neunte war ein ausgesprochen neugieriger Mann. Vor allem an der Tierwelt hatte er großes Interesse. So kam es, dass sein bester Freund ein Rabe wurde, dessen Klugheit ihn faszinierte.
Die Tochter allerdings wurde im ganzen Land als die Schönste angepriesen.“
Immerzu stellte sich Camilla vor, sie wäre eines Tages wie diese wunderschöne Frau. Immer hatte sie es der Mutter erzählt und sie hatte ihr lächelnd übers Haar gestrichen und gemeint: „Nicht Schönheit, sondern Klugheit ist das, was du begehren solltest, meine Kleine!“ Camilla verzog missmutig die Lippen. Lieber wollte sie schön als klug sein, doch dass ihre Chancen diesbezüglich schlecht standen, wusste sie selbst. Die Mutter war drahtig und klein, der Vater hager und schmächtig. Wie sollte sie dann jemals hochgewachsen und erhaben werden?
„Ihre langen Haare bestanden aus purer Seide. Ihre Augen waren die Smaragde der Berge, und ihre Stimme war von solcher Reinheit, dass selbst die Gebirgsbäche verstummten, wenn sie sang. Dieser Gesang drang bis hoch in den Norden zu der einsamen Hütte des alten Weisen und bis weit in den Süden des Nordlands zum Amboss des jungen Schmieds und erfüllte die Birkenwälder dazwischen. Als der Schmied die Stimme vernahm, ließ er verzaubert den Hammer sinken. Dreizehn Tage und Nächte ließ ihm die Stimme keine Ruhe. Schließlich packte er sein Hab und Gut, spannte die Hunde vor den Schlitten und machte sich auf die Suche. Der alte Weise begab sich zur gleichen Zeit auf den Weg und glitt durch den Schnee hinunter in den Süden. Auf halbem Weg traf er auf den Schmied und fragte: ‚Wohin so eilig?‘
‚Es gibt ein Mädchen, das ich ehelichen will. Mein Weg führt mich zu ihr. Was willst du alter Mann?‘, erwiderte der Schmied selbstbewusst.
Der alte Weise erkannte rasch, dass ihr Ziel das Gleiche war, und als sie schließlich die Hütte der Nordhexe erreichten, hatten sie sich auf ein faires Spiel geeinigt. Jedoch lauschte der Wald, der schon so lange der Freund der Tochter war, ihren Worten und sang leise ein Lied, das der Feder des alten Weisen entstammte: ‚Leben und Tod, Frieden und Krieg, der Einklang des Gleichgewichts erwache!‘ Und in einer tiefen Höhle regte sich ein Raubtier. Wild und ungestüm war es. Als es jedoch die Stimme der Tochter vernahm, lauschte es andächtig. Wissend, dass seine Zeit noch nicht gekommen war.
Als der alte Weise und der Schmied die Tochter sahen, verschlug es ihnen die Sprache. Sie war schöner und wertvoller als jeder Diamant. Leise sagte der alte Weise: ‚Du magst jung und kräftig sein, doch ich bin klug und kann ihr die Welt bieten!‘
Der Tochter allerdings machte das Werben der Männer Freude, so sprach sie: ‚Wer von euch mir innerhalb eines Jahres das prächtigste Haus bauen, die größte Dienerschaft bieten, und die schönsten Kleider schenken kann, den werde ich zum Mann nehmen.‘
Die erste Aufgabe war für den Schmied keine Schwierigkeit, die zweite ließ sich lösen, und die dritte war einfach, denn Gold besaß er genug. Jedoch als sie nach einem Jahr harter Arbeit wieder aufeinandertrafen, erkannte er, dass der alte Weise seine Zauberkräfte geschickt zu seinem Vorteil genutzt hatte. Sein Haus war größer und prächtiger, die Dienerschaft ging in die Hundert, und die Kleider waren mit Gold bestickt.
Entsetzt über den Verlust der Gunst der Angebeteten kehrte der Schmied in seine Werkstatt zurück und schmiedete ein Messer. Dann rief er einen Waldgeist zu sich, der für seine Düsternis bekannt war, und ließ das Messer verzaubern.
‚Alter Mann, du wirst mich nicht bemerken, wenn ich dich im Schlaf ersteche! Dieses Messer wird sein Ziel nicht verfehlen!‘, flüsterte er und machte sich sogleich auf den Weg in den Norden.
Dort schlich er sich in das prächtige Haus, in das Schlafzimmer der frisch Angetrauten, betrachtete seine Liebe lange, ehe er sich dem alten Weisen zuwandte und das Messer in ihn rammte, sodass der alte Mann schmerzerfüllt die Augen aufriss und seinen Tod anblickte. Leise sang er: ‚So wie dein Tod, Mutter, zu Leben wurde, wird meiner sinnlos sein!‘ Zur gleichen Zeit jedoch setzte sich ein Rabe an das Fenster des Schlafgemachs und rief den neunten Bruder zu sich, der seiner Mutter von der Beobachtung berichtete. Als die Nordhexe zu ihrem Schwiegersohn kam, lag dieser blutend in seinem Bett. Ihre Tochter aber war verschwunden. Sie zupfte die Leier, gab der Zeit einen neuen Lauf und legte die Hände auf die Wunde des alten Mannes und heilte ihn.
‚Was ist geschehen? Wohin hat der Schmied meine Tochter gebracht?‘, fragte sie.
Der alte Weise war wutentbrannt. Sogleich spannte er seine Hunde vor den Schlitten und machte sich auf den Weg zur Schmiede im Süden. Dort traf er auf den jungen Schmied und seine frisch Angetraute, die glücklich in die Augen des jungen Mannes blickte. Da erkannte der alte Weise, dass all der Reichtum nichts am Wunsch des Herzens änderte. Jedoch, anstelle von der jungen Schönheit abzulassen und ihr neu gefundenes Glück zu akzeptieren, belegte er das Haus des jungen Ehepaars mit einem dunklen Zauber. Die Tiere des Schmieds starben, die Ernte wurde karg, der Hunger nahm überhand, und eines Nachts kam ein Rächer aus dem Wald, der den Schmied töten sollte.
‚Nimm ein Leben, und gehe!‘, war der Befehl des alten Weisen. Doch sah er nicht, dass dieses Raubtier schon lange seine Beute beobachtet, dass der Wald selbst ihn erweckt hatte, um Gerechtigkeit walten zu lassen. So geschah es, dass sich die Schönheit im Angesicht des Todes schützend vor ihren Mann warf, und er nahm ihr das Leben und ließ zur Strafe einen verzweifelten Schmied zurück. Wenig später rief der alte Weise diesen gerechten Dämon zu sich, und dieser berichtete ihm von dem Geschehenen, woraufhin der alte Mann in tiefer Trauer versank. Zur Strafe schnitt er sich die Zunge aus dem Mund, damit er nie wieder einen Befehl an einen anderen erteilen konnte. Das Raubtier aber ging in die Minen der Berge, schlug einen prächtigen Diamanten aus dem Stein und kehrte damit zu dem alten Weisen zurück. Er nahm ihm die Zauberkräfte, die er dazu missbraucht hatte, den Schmied und seine Frau zu verfluchen, sperrte sie in den Diamanten. Dann ging er zur Nordhexe, nahm ihr die Zauberkräfte, die sie dazu missbraucht hatte, die Liebe eines Mannes zu gewinnen, sperrte sie in den Diamanten. Zudem nahm er ihr die Fähigkeit des Musizierens, sodass ihre Leier in ihren Armen verstummte und sie die Zeit nicht zurückdrehen konnte, um ihre Tochter zu retten. Und schließlich ging er zu dem Schmied zurück und befahl: ‚Kein Messer, kein Schwert, keine Waffe sollst du je wieder schmieden, die mit einem Zauber belegt werden kann!‘ Und machte aus dem jungen Mann einen ganz gewöhnlichen Schmied. Kein Waldgeist konnte nun mehr eine seiner Klingen verzaubern, um jemanden zu töten. Dann ging er zu dem Grab der Tochter, befahl der Erde zu weichen, und nahm die Schönheit mit sich in seine Höhle, wo er sie verbrannte, und ihre Seele entfloh in den Wald, wo sie wenig später auf einen Raben traf, der ihr versprach, sie in die Welt der Toten zu geleiten, wenn seine Zeit gekommen war. Zu dem Diamanten sprach er: ‚Jeder Dieb wird in Flammen aufgehen! Nur jener, der dich unwissentlich nimmt, wird leben.‘ Den Diamanten verwahrte er als seinen größten Schatz an einem sicheren Ort.
