Das Marmorhaus - Andrea Schnebeerger - E-Book

Das Marmorhaus E-Book

Andrea Schnebeerger

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Beschreibung

Als die 17-jährige Anne den Job im Souvenirladen annimmt, will sie eigentlich eine Auszeit von ihrem turbulenten Leben - um nicht an das zerrüttete Verhältnis zu ihrem Vater und ihren unerreichbaren Schwarm Brandon denken zu müssen. Doch am ersten Tag trifft sie der Schlag: Auch er verbringt seine Ferien dort! Zu allem Übel wird plötzlich ihre Mutter krank. Die schüchterne Anne flüchtet sich immer öfter an den einzigen Ort, der ihr Zuflucht bietet: das Haus aus weissem Marmor. Dort trifft sie den geheimnisvollen Auryn, der ihr zuhört und sie zu verstehen scheint. Aber warum interessiert er sich so für das Amulett, dass sie am Strand gefunden hat? Bald schon merkt Anne, dass sie sich ihren Ängsten stellen muss. Was macht das Leben aus und wie handelt man, wenn es Zeit wird, einen geliebten Menschen gehen zu lassen? Anne steht vor einer schweren Entscheidung ...

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Monika und Michèle

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Epilog

Prolog

Der Marmor war so kalt wie die Seelen, die dieses Haus bewohnten. Jeder Schritt darauf erklang zu laut und hallte unnatürlich von den Wänden wider.

Nur sporadisch verdeckten teure Teppiche den weißen Stein. Die schweren Samtvorhänge aus rotem Brokatstoff mit goldenen Quasten sahen unberührt aus, geradeso, als wären sie eben erst aufgehängt worden. Selbst die Bücher, welche die Regale füllten, schienen unangetastet zu sein.

Doch das stimmte nicht.

Das Haus war über einhundert Jahre alt, und genauso lange hingen diese Vorhänge hier, genauso lange stand der Sessel, auf dem er saß, in diesem Raum. Eigentlich hätte das Leder abgewetzt aussehen sollen, doch das tat es nicht. Die Zeit war einfach stehen geblieben.

Oder etwa doch nicht?

Die Standuhr in der Ecke schwang ihr Pendel brav hin und her – sofern sie aufgezogen wurde –, und die Zeiger bewegten sich. Nur das einst vertraute Ticken war verstummt.

Im Kamin brannte ein Feuer, das niemals erlosch und keine Hitze ausstrahlte; selbst die Flammen waren mehr blau als gelborange. Auryn konnte sich an eine Zeit erinnern, als es eine andere Farbe hatte und Wärme verströmte. Das Feuer von damals knisterte, weil es an Holz knabberte; die blauen Flammen indes waren lautlos. Sie bewegten sich wie geschmeidige Tänzer auf den einzelnen Holzscheiten, die jedoch unbeschadet blieben. Kein Geruch von verbranntem Holz verbreitete sich.

Ebenso verhielt es sich mit den Blumen in den Vasen, die überall im Haus verteilt waren. Ihre Farben waren kräftig, aber der süße Duft, der ihnen Natürlichkeit verlieh, fehlte gänzlich.

Das Haus war bewohnt, aber nicht belebt.

Schritte näherten sich dem Bibliothekszimmer. Auryn kannte die Schritte aller im Haus Lebenden. Diese gehörten zu einer Person, die klein und leicht war.

»Guten Abend, Hanna«, begrüßte er die junge Frau.

Hanna trug ein einfaches braunes Kleid, darüber eine Schürze. Ihr Haar hatte sie zu einem strengen Knoten frisiert. Sie blickte ihn mit ihren smaragdgrünen Augen freundlich an. Auryn konnte sich erinnern, dass diese Augen früher eher trüb gewesen waren. Heute dagegen sahen sie aus wie polierte Edelsteine. Ihr Haar leuchtete rotgolden wie der Sonnenuntergang, während die Haut wie Elfenbein schimmerte. Wenn sie spitze Ohren hätte und Flügel, würde sie wie eine Elfe aussehen, aber von einer Elfe ist sie weit entfernt, korrigierte er sich selbst in Gedanken.

Hanna machte einen Knicks. »Bist du hungrig?«

Seit er mit ihr das Bett geteilt hatte, duzte sie ihn. Am Anfang nur, wenn sie alleine waren, doch mittlerweile kümmerte es sie nicht mehr, und sie duzte ihn auch vor seinen Eltern. Hätte er doch bloß seine Finger von ihr gelassen, wie seine Schwester Ava es ihm geraten hatte!

Auryn schüttelte den Kopf.

»Du hast bereits gestern nicht am Mahl teilgenommen …«

Er lachte leise auf. »Führst du Buch, Hanna?«

Ihre Wangen wurden nicht rot – konnten es nicht mehr werden. Sie senkte jedoch ihren Blick, was ihr Beschämen genauso gut widerspiegelte.

»Hast du denn schon gespeist?«, fragte er, als sie weiterhin schweigend ihre zierlichen Füße anstarrte.

Hanna nickte.

»Das ist gut«, murmelte er, und seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Er erinnerte sich an den letzten großen Ball, den seine Eltern gegeben hatten, und an all die Köstlichkeiten, die aufgetischt worden waren. Saftiges Fleisch mit dicker Soße, knackiges Gemüse, dazu Kartoffeln mit Butter und Salz. Zum Nachtisch hatte es Früchte, Zitronenkuchen und Käse gegeben. Die Stimmung war ausgelassen gewesen, bis …

»Deine Mutter besteht darauf, dass du isst!« Hannas glockenhelle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah sie fragend an, weil er die Worte nicht verstanden hatte.

»Deine Mutter besteht darauf, dass du am Mahl teilnimmst«, wiederholte Hanna gedehnt.

»Ach.« Er winkte ab. Was seine Mutter wollte, interessierte ihn schon lange nicht mehr. »Sie soll sich zum Teufel scheren! Ich bin mir sicher, er wird sie herzlichst empfangen.«

Hanna schnappte entsetzt nach Luft und bekreuzigte sich hastig. Eine lächerliche Geste, wo Gott sie schon vor langer Zeit verlassen hatte – mit Recht!

»Sag so etwas nicht. Bitte komm zum Abendessen, oder …«

»Oder was?«, unterbrach er sie gereizt. »Ich verhungere? Sterbe?«

Hanna schwieg und sah ihn unverwandt an. In ihrem Blick lag Traurigkeit. Die Augen – das Tor zur Seele. Das musste wohl stimmen. Nie war ihm das Aufblitzen von Begehren entgangen, wenn sie ihn ansah. Mit einem Seufzer ließ er sich etwas tiefer in den Sessel sinken. »Ich wünschte, der Tod würde endlich kommen.«

Nun blinzelte Hanna heftig, um gegen aufsteigende Tränen anzukämpfen. »Du hast dich verändert«, stellte sie fest.

Resignation lag in seiner Stimme, als er sagte: »Du nicht.«

Hanna schüttelte den Kopf. Ihre Finger flochten sich unruhig ineinander, um sich kurz darauf wieder voneinander zu lösen und von Neuem zu beginnen.

»Warum wünschst du dir den Tod?«, stieß sie schließlich aus.

»Wir sind bereits tot, Hanna. Das Haus ist unser Grab, das Dach unser Grabstein.«

»Du bist verbittert.«

Er lachte freudlos auf.

»Du machst mir Angst«, sagte Hanna mit bebender Stimme.

Er sprang vom Sessel auf und packte sie am Handgelenk.

»Au!«

Er ignorierte ihren Aufruf und zog sie vor den Spiegel. »Schau dich an! Schau mich an!«, forderte er sie auf.

Trotzig blickte Hanna hinein.

»Was sieht du?« Er ließ ihr Handgelenk los.

»Jugend. Unvergängliche Jugend und Schönheit.« Hanna drehte sich ihm zu und legte ihre Hand auf seine Wange. Er entzog sich ihrer Berührung. Es hatte keinen Sinn. Sie verstand ihn nicht. Niemand verstand ihn.

1. Kapitel

Anne saß im Sand und ließ ihre Füße vom Wasser kitzeln. Die Wellen rollten sanft an den Strand, streichelten ihn mal zärtlich und mal fordernd – wie eine Geliebte. Es war noch kühl. Wärmer wurde es in Südengland erst, wenn der Sommer sich dem Ende zuneigte und die Strände sich langsam wieder leerten.

Hinter sich hörte sie die Stimmen von ihrem Dad, Tracy und Nick. Die drei bereiteten das Picknick vor, lachten und schwatzten. Anne fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen – wie eine Fremde, die sich einfach ohne deren Zustimmung an eine Familie hängte und nur geduldet wurde.

Zehn Jahre war es nun her, seit sich ihre Eltern hatten scheiden lassen. Damals war sie sieben gewesen. Ihre kleine Welt war zusammengebrochen wie ein Kartenhaus und lag nach wie vor unaufgeräumt auf dem Boden.

Auf ihren Oberschenkeln balancierte sie ihr Moleskine-Notizbuch. Mit jedem Wort, das sie niederschrieb, entfernte sie sich vom Strand und tauchte ab in eine andere Welt und vergaß dabei Kummer und Sorgen, bis eine helle Stimme rief: »Anne!«

Sie sah auf und blickte direkt in das Gesicht ihres kleinen Halbbruders, der, aufgeregt vor ihr auf und ab hüpfend, ihre Hand packte.

»Komm!« Er zog unerbittlich, bis sie aufstand und ihm zur Picknickdecke folgte, erst dort ließ er sie los. »Das Essen ist fertig.« Mit vor Stolz ausgestreckter Hand deutete er auf die Auslage von Häppchen und Getränken, als hätte er selbst alles eingekauft und zubereitet.

Anne lächelte, obwohl ihr bis eben nicht danach zumute war. Nicks strahlendes Gesicht konnte es mit der Sonne am Himmel aufnehmen. Seine braunen Augen funkelten.

»Sieht gut aus«, meinte sie ehrlich und verstaute das Notizbuch in ihrer Strandtasche.

Ihr Vater fuhr Nick durch das Haar. Eine liebevolle Geste, die Anne schmerzlich daran erinnerte, wie distanziert ihr eigenes Verhältnis zu ihm war. Sie ließ sich zwischen ihrer Stiefmutter und ihrem Dad auf der gemusterten Wolldecke nieder. Nick, der aus irgendeinem Grund einen Narren an ihr gefressen hatte, drängte sich dazwischen.

»Ich will neben meiner großen Schwester sitzen«, erklärte er mit seiner piepsigen Stimme und streckte die dürren Ärmchen aus, um sich Platz zu verschaffen. Mit einem Seufzer rückte seine Mutter zur Seite. Sie erfüllte ihm diesen Wunsch wie jeden anderen auch, dessen Erfüllung im Bereich ihrer Möglichkeiten lag.

Anne war sich sicher: Nach diesem Sommer würde mit der Einschulung Nicks behütetes Leben ein jähes Ende nehmen. Jungs wie er, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnten, gleichzeitig aber verzogen waren, gehörten nicht zu den gern gesehenen Schulkameraden. Sie boten ein viel besseres Ziel für Häme, Spott und Schläge. Besonders, da Nick eine halbe Portion war und Tracy ihn bestimmt zur Schule fahren und ihn auch wieder abholen würde.

»Na, freust du dich auf die Schule?«, fragte Anne.

»Ja«, strahlte Nick.

»Er kann schon ein wenig lesen«, warf Tracy ein, ohne sich auch nur ein bisschen Mühe zu geben, den Anflug von Stolz in ihrer Stimme zu verbergen. In ihren braunen Augen schien Freundlichkeit zu liegen, wie stets, dennoch war Anne sich nie sicher, ob Tracy sie wirklich mochte oder ob sie nur so tat. Ihre Gesten und Äußerungen gingen nie über die Höflichkeiten, die man auch fremden Menschen entgegenbrachte, hinaus. Anne wusste, dass sie sich gegenüber der neuen Frau ihres Vaters nicht anders benahm, und wenn sie ehrlich war, wollte sie auch keine nähere Beziehung zu ihr. Nicht zu einer Frau, die den Platz ihrer Mutter an der Seite des Vaters übernommen hatte. Nicht zu einer Frau, die zehn Jahre jünger war als ihr Dad und gewissenlos eine Ehe zerstört hatte.

»Tee?«, fragte Tracy und riss Anne aus ihren Gedanken.

Sie nickte.

»Ich habe einen Schulranzen, ein Mäppchen und einen schönen Ordner für die Schule bekommen«, erzählte Nick begeistert. »Auf dem Tornister ist Spiderman.«

Anne lächelte dem Jungen zu. Es war nicht überraschend, dass jemand wie Nick ein begeisterter Fan von Peter Parker war. Sobald er zum ersten Mal verdroschen wird, träumt er bestimmt davon, dass ihn eine radioaktive Spinne beißt, ging es Anne durch den Kopf.

Tracy verteilte kleine Häppchen von getrockneten Tomaten, Aufschnitt, hart gekochten Eiern und selbst gebackenem Brot auf Papptellern an ihre Liebsten und ihre Stieftochter. Alles schmeckte hervorragend, und es fiel Anne schwer, die junge Frau zu hassen, die sich irgendwie bemühte, wenn auch auf eine steife Art.

»Bei dir beginnt nach den Sommerferien das letzte Schuljahr. Weißt du schon, an welcher Universität du dich bewerben wirst?«, erkundigte sich der Vater.

»An der Plymouth«, erwiderte Anne müßig. Vor zwei, drei Wochen hatte sie ihm bereits von ihren Zukunftsplänen erzählt, aber das hatte er – wie so oft – schon wieder vergessen. Sich darüber aufzuregen war vergeudete Energie. Sein Speicherchip im Gehirn war viel zu überladen mit Tracy, Nick und seinem Job als Ingenieur. Da gab es kein noch so kleines freies Megabyte für seine Tochter.

»Weißt du denn, was du später studieren willst?« Tracy tupfte sich vornehm den Mund mit einer Papierserviette ab und verriet dabei ihre Herkunft aus vermögendem Hause. Wohlbehütet aufgewachsen, auf eine Privatschule gegangen und mit einem Abschluss als Juristin in der Tasche war sie am Ende in derselben Firma gelandet wie Annes Dad.

»Ich möchte Englisch und Kreatives Schreiben studieren.«

»Anne will einmal Bücher schreiben«, plärrte Nick dazwischen.

Wenigstens einer kann sich an das erinnern, was ich sage, dachte Anne.

Der Vater murmelte: »Ah ja, richtig, die angehende Autorin. Ich dachte, das wäre inzwischen Schnee von gestern.«

»Ist es nicht!«, rief Anne, von ihren Emotionen überwältigt, heftiger als beabsichtigt aus. Sie stellte den Pappteller auf die Decke und bemühte sich, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Beinahe gelang es ihr, aber dann fügte ihr Vater an: »Du weißt schon, dass ein Autor für jedes verkaufte Buch höchstens 10 Prozent bekommt? Das ist nicht besonders viel. Von der großen Konkurrenz ganz zu schweigen. Mittlerweile schreibt jeder Idiot, der das Alphabet beherrscht.«

Die Worte ihres Vaters waren wie ein Tritt in die Eingeweide. Schmerzvoll und tränentreibend.

»Das weiß ich alles«, zischte Anne und sprang auf. »Ich hatte nur gehofft, mein Dad würde mich nicht zu den vielen Idioten zählen.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und stürmte davon.

»Anne, so habe ich das nicht gemeint«, rief der Vater hinter ihr her, ohne sich von seinem Platz zu rühren.

»Warte!«, rief Nick.

Anne warf einen Blick über die Schulter und sah, wie Tracy ihren Sohn zurückhielt und mit ihm sprach. Der Wind trug die Worte zu ihr: »Sie braucht etwas Ruhe. Du solltest sie nicht stören.«

Anne rannte weiter, steuerte erst das Meer an, als wolle sie in die Wellen springen, machte dann aber einen scharfen Bogen und lief dicht am Wasser entlang direkt auf eine Gruppe von Felsen zu. Heiße, salzige Tränen benetzten ihre Wangen. Sie rannte weiter, obwohl ihre Sicht immer mehr und mehr verschwamm.

Dieses Arschloch. Er hat überhaupt keine Ahnung!

Anne erreichte die Felsformation, kletterte darauf, setzte sich auf die äußerste Spitze und ließ ihre Füße ins Wasser baumeln. Mit den Handrücken wischte sie die Tränen weg und zog mit einem lauten Geräusch den Schnodder hoch, der sich gerade aus der Nasenhöhle hangeln wollte.

Warum bin ich bloß mitgegangen? Wenn er mich nicht beleidigt, dann ignoriert er mich!

Und sie, bescheuert, wie sie war, erwiderte seine Anrufe und freute sich, wenn er sie fragte: »Hey. Lust, etwas zu unternehmen?«

Selbstverständlich nie mit ihr alleine. Immer hatte er Nick im Schlepptau oder Tracy oder beide.

Sie dachte an ihre Mum, die so ganz anders war als ihr Dad. Sie hatte immer ein offenes Ohr und nahm sich gerne Zeit. Anne erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen, wie sie mit zwölf Jahren ihre erste Geschichte geschrieben hatte und sie stolz der Mutter präsentierte. Kate More hatte sich mit einer Tasse Tee in den Sessel sinken lassen und sie gelesen, während Anne sich aufs Sofa gesetzt und gespannt gewartet hatte. Schließlich hatte die Mutter das Heft gesenkt mit einem erfreuten Lächeln auf den Lippen und glänzenden Augen. »Toll, Anne. Das hast du wirklich gut gemacht. Ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte.«

Annes Gedanken kehrten wieder in die Gegenwart zurück. Sie ermahnte sich selbst, auf die Meinung ihres Vaters zu pfeifen. Ihre Mutter glaubte an sie, und auch ihr Englischlehrer Mr McTaggart ermutigte sie. Jetzt muss ich nur noch selbst an mich glauben. Letzteres war jedoch der schwierigste Teil.

Anne atmete dreimal tief ein und aus. Als sie meinte, sich einigermaßen gesammelt zu haben, wollte sie aufstehen, doch ein Glitzern im Wasser erweckte ihre Aufmerksamkeit. Neugierig lehnte sie sich vor. Vermutlich eine Glasscherbe. Sie beugte sich noch ein Stück weiter nach vorne und runzelte die Stirn. Nein, das war keine Glasscherbe. Anne stieß sich vom Felsen ab und tauchte bis zu den Knien ins kühle Wasser ein. Das glänzende Etwas lag direkt vor ihren noch immer bloßen Füßen. Mit einer Hand stützte sie sich am Felsen ab, während sie die andere ins Wasser eintauchen ließ, um den vermeintlichen Schatz zu bergen. Ihre Finger schlossen sich um etwas Hartes, Ovales. Zu ihrer freudigen Überraschung war es tatsächlich ein Schatz! In ihrer Handfläche ruhte ein goldenes Amulett mit einem blutroten Stein in der Mitte, der die Größe eines Aprikosenkerns hatte. Ein Rubin, schoss es Anne durch den Kopf. Oder zumindest ein Stein, der so aussah. Die Fassung lag schwer und teuer in ihrer Hand wie echtes Gold.

Sie kletterte zurück auf den Felsen, um ihren Fund genauer zu inspizieren. Der Stein war in der Form eines Tropfens geschliffen. Anne drehte das Amulett um. Sie war etwas enttäuscht, als sie auf der Rückseite keine Inschrift fand. Sie hatte insgeheim auf eine Liebeserklärung gehofft, die sie zu einer Geschichte inspirierte. Aber trotz fehlender Gravur haftete der Kette etwas Geheimnisvolles an, und der Fundort trug sicherlich das seine dazu bei. Schließlich konnte das Schmuckstück von überall herkommen. Ohne zu zögern, legte Anne sich die Kette um den Hals. Kühl vom Wasser schmiegte sich das Schmuckstück an ihre Haut und schien Ruhe zu verströmen.

Sie lächelte. Etwas Gutes hatte dieser Tag doch noch hervorgebracht – eine wunderschöne Kette, die ihr passte wie angegossen.

Anne war heilfroh, als ihr Vater den BMW vor das Haus ihrer Mutter lenkte. Die Verabschiedung fiel unterkühlt und knapp aus. Keine Küsse, keine Umarmung, aber das hatte es nie zwischen ihnen gegeben. Es wäre auch seltsam, jetzt damit anzufangen.

Anne drehte sich kurz noch einmal um und winkte, ehe sie die Haustür öffnete. Mehr höflichkeitshalber denn aus sentimentalen Gründen wegen des Abschieds. Als sie in den vertrauten Flur trat, strömte ihr würziger Essensgeruch entgegen. Rasch streifte sie sich die Sandaletten ab. Ihr Magen knurrte bereits.

»Anne?«, rief ihre Mutter.

»Hier«, erwiderte sie und ging in die Küche.

Kate More stand, in einem Topf rührend, am Herd. Sie warf einen Blick über die Schulter und verkündete lächelnd: »Es gibt dein Lieblingsessen.«

»Spaghetti!«, freute sich Anne.

Das Lächeln ihrer Mutter wurde breiter. »Wie war der Tag mit deinem Vater?«

Anne ließ sich mit einem Seufzer an dem bereits gedeckten Tisch nieder. »Ganz nett.«

»Das klingt aber nicht gerade begeistert«, stellte die Mutter fest.

Sie zuckte mit den Schultern.

»Habt ihr euch gestritten?«, hakte Kate nach und schaufelte Spaghetti auf Annes Teller.

Die schüttelte den Kopf, zuckte erneut mit den Schultern. »Nicht wirklich.« Zögerlich kamen die Worte über ihre Lippen. Ihre Mutter sah sie ernst an, ohne dabei aufdringlich oder gar fordernd zu wirken. Schließlich erzählte Anne ihr, was sich ereignet hatte. Kate brachte es fertig, sich selbst Essen auf den Teller zu schöpfen und trotzdem aufmerksam zuzuhören. Das hätte ihr Dad nicht gekonnt. Der war ja nicht mal in der Lage, richtig zuzuhören, wenn er nur dasaß und nichts tat.

»Nimm dir seine Worte nicht so sehr zu Herzen. Er weiß es nicht besser. Außerdem wird es immer wieder Menschen in deinem Leben geben, die an dir zweifeln. Das spielt aber keine Rolle! Alles, was zählt, ist, dass du an dich glaubst.«

Anne blies die Backen auf und ließ langsam die Luft daraus entweichen. Sie dachte an die Manuskripte in ihrer Schublade, die alle Absagen von Verlagen kassiert hatten. »Das ist einfacher gesagt als getan.«

»Ich weiß.« Kate tätschelte die Wange ihrer Tochter, ehe sie sich ebenfalls an den Tisch setzte. Statt zu essen, stocherte sie jedoch nur in ihren Spaghetti herum.

»Geht es dir nicht gut?«, fragte Anne besorgt.

Ihre Mutter winkte ab. »Ach, ich habe wohl zu viel zu Mittag gegessen, und müde bin ich auch schon wieder.«

»Vielleicht hast du einen Eisenmangel«, überlegte Anne.

Kate nickte. »Das hab ich mir auch gedacht und deshalb Tabletten gekauft.«

Anne aß weiter, und ihre Mutter schob sich dann doch noch zwei, drei Gabeln in den Mund, ehe sie das Besteck auf dem Teller ablegte.

Plötzlich fiel Anne die Kette wieder ein. »Schau mal, was ich gefunden habe.« Sie zog sie unter dem T-Shirt hervor.

»Was für ein schönes Schmuckstück!«, rief ihre Mutter entzückt.

»Hat im Meer gelegen.«

Kate beugte sich neugierig vor. »Sieht sehr wertvoll aus.«

Anne öffnete den Verschluss, um die Kette ihrer Mutter zu geben. »Was glaubst du, ist sie echt?«

Kate betrachtete das Amulett eingehend und fuhr mit den Fingerspitzen erst über den roten Stein, dann über die goldene Einfassung. »Könnte sein. Du solltest die Kette zum Fundbüro bringen. Bestimmt vermisst sie jemand.« Sie streckte ihrer Tochter das Schmuckstück hin.

Anne schloss sofort ihre Hände darum. »Mum, sie lag im Meer, die kann weiß der Teufel woher kommen.«

»Genauso gut könnte sie aber jemandem aus Newquay gehören.« Kate sah ihre Tochter eindringlich an. »Du wärst doch auch froh, dein Eigentum wieder zurückzubekommen, wenn du es verlierst.«

Betroffen presste Anne ihre Lippen aufeinander und senkte den Blick auf das Schmuckstück in ihren Händen. »Ja, schon«, räumte sie zögerlich ein, »aber was ist, wenn die Kette wirklich angeschwemmt worden ist und sich niemand im Fundbüro danach erkundigt?«

»Wenn sie sehr lange dort liegen bleibt, wird sie versteigert«, erwiderte Kate.

»Das wäre schade«, murmelte Anne.

»Schade wäre auch, wenn die Besitzerin verzweifelt danach sucht und sie nicht findet, weil du sie behalten willst«, sagte Kate lächelnd.

Anne seufzte. »Na schön, ich bringe sie morgen nach der Arbeit zum Fundbüro.«

Kate lächelte. »Du tust das Richtige.«

Anne nickte, obwohl es sich falsch anfühlte. Warum genau, das konnte sie sich selbst nicht erklären. Vielleicht, weil ihr die Kette so gut gefiel. Möglicherweise aber auch, weil es sich anfühlte, als würde sie schon lange ihr gehören? Sie entschied, morgen einen Anflug von Vergesslichkeit zu haben und »Huch, das Fundbüro, daran hab ich ja gar nicht mehr gedacht« als Ausrede vorzubringen, wenn ihre Mutter nachfragen würde.

Nach dem Essen ging sie auf ihr Zimmer, zog sich aus und stellte sich in Unterwäsche vor den Spiegel an ihrer Schranktür. Die Kette lag nach wie vor perfekt in der Mulde zwischen ihren Schlüsselbeinen. Annes Fantasie ließ in ihrem Kopf Bilder von sich selbst entstehen, wie sie die Kette um den Hals trug und in ein langes wallendes Kleid gekleidet war. Ihr dunkles Haar würde nicht gerade, sondern in weichen Wellen über ihre Schultern fallen. Ihre grünen Augen wären stahlblau und umrahmt von einem dichten Kranz langer Wimpern. Das Spiegelbild von ihr begann zu verschwimmen, dafür spielte sich ein Film in ihrem Kopf ab über eine herzzerreißende Liebesgeschichte mit ihr in der Hauptrolle. Das Mädchen, das in den falschen Jungen verliebt war: Brandon McKnight, ein verwegener, blondhaariger Jüngling, der sich über alle Regeln hinwegsetzte, um mit der Frau seines Herzens zusammen sein zu können.

Anne blinzelte und schüttelte den Kopf, um sich wieder in die Realität zurückzubringen. Die Geschichte war, wie ihre Freundin Abbey sagen würde, abgedroschen und kitschig. Aber für Anne war es das Aufglimmen eines Hoffnungsfunkens, dass Brandon seine Augen auf sie richten und mehr in ihr sehen würde als das Mädchen, das früher mit ihren Eltern zu Besuch gekommen war.

Anne drehte dem Spiegel den Rücken zu und ging ins Badezimmer, um sich den Sand vom Körper zu duschen. Es war immer wieder erstaunlich, wie viele Sandkörner sich klammheimlich an die Haut hefteten und sich nach Hause transportieren ließen. Etwas später saß sie in ihrem Bett und las. Die Geschichte war so spannend, dass sie nicht bemerkte, wie die Zeiger des Weckers auf halb elf geklettert waren. Erst das Klopfen riss sie aus der erschaffenen Welt des Autors.

»Ja?«

Die Tür öffnete sich, und ihre Mutter streckte den Kopf rein. »Mach nicht mehr zu lange. Du hast morgen deinen ersten Arbeitstag.«

Anne gähnte. »Keine Sorge, ich werde jetzt schlafen.«

»Gute Nacht.« Die Mutter zog die Tür wieder zu.

Anne legte das Buch auf den Nachttisch und stellte den Wecker. Kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, schlief sie auch schon ein.

Im Zimmer war es dunkel, bis auf die feinen Streifen Mondlicht, die durch die Jalousien drangen. Anne lag auf dem Rücken, die Hand im Schlaf um das Amulett geschlossen, das sie immer noch um den Hals trug. Morpheus hatte seine Hände nach ihr ausgestreckt und sie in die Welt der Träume gezogen. In dieser Traumwelt stand sie inmitten einer allumfassenden Leere vor einer großen Eichentür mit Beschlägen und einem goldenen Löwenkopf als Türklopfer. Es gab nur diese frei stehende Tür in der Dunkelheit. Von irgendwoher aus dem Nichts wurde sie von einem Scheinwerfer beleuchtet, vielleicht war es auch das Licht des Mondes, das auf sie fiel. Das eines sehr eigenartigen Mondes jedoch, denn wenn Anne sich nach der Lichtquelle umdrehte, musste sie schützend die Hände vor die Augen halten, um nicht zu erblinden.

Obwohl die Tür verlockend war, zögerte Anne zu klopfen oder sie gar aufzustoßen. Eine Stimme in ihrem Inneren wisperte: »Das ist ein Traum, hab keine Angst.« Trotzdem schlug Annes Herz schneller als gewöhnlich. Sie blickte an sich herunter und stellte fest, dass sie nur ihre Schlaf-Shorts und ein Tanktop trug.

Sie streckte die Hand nach dem Türklopfer aus. Ihre Finger schlossen sich um den goldenen Ring. Er war kalt. Unschlüssig sah sie sich nochmals um. Immer noch nichts, nur diese Tür und das grelle Licht. Sie ließ den Ring, der durch das Maul des Löwen gestoßen war, auf den goldenen Knopf fallen, der darunter lag. Drei Mal bewegte sie den Griff. Dumpf erklang das Geräusch des Aufschlagens. Nicht besonders laut. Sie zweifelte daran, dass jemand das Klopfen hörte, sofern es überhaupt jemanden hinter der Tür gab. Just als sie sich abwenden wollte, öffnete diese sich mit einem Knarzen. Ein langer Gang ohne sichtbares Ende kam dahinter zum Vorschein.

Eisige Kälte schlug Anne entgegen und ließ sie frösteln. Trotzdem wagte sie den Schritt über die Türschwelle, blieb aber einen Augenblick stehen, um den Gang genauer zu betrachten. Boden und Wände waren aus Marmor. Die Decke wies wunderschöne und aufwendige Stuckaturen auf. Durch das Weiß wirkte der Flur steril wie das Linoleum in einem Krankenhaus. Die Kälte des Bodens stach unangenehm an Annes nackten Füßen. Sie beschloss, weiterzugehen. Bereits nach wenigen Schritten klapperte sie mit den Zähnen. Kurz spielte sie mit dem Gedanken, einfach umzukehren, aber da erblickte sie einen Mantel, der an einem Kleiderhaken an der Wand aufgehängt war. Darunter stand ein Paar Stiefel. Anne eilte den Flur hinunter. Als Erstes stieg sie in die braunen Wildlederstiefel, die mit einem weichen Lammfell gefüttert waren. Freudig bewegte sie ihre Zehen im Schuh, die langsam wieder auftauten und – sehr zu ihrem Leid – dabei ein schmerzliches Pochen auslösten. Sie griff nach dem zinnoberroten Mantel, der mit goldenen Borten bestickt war und eine Kapuze hatte, die sie sich sofort über den Kopf zog. In dem Mantel fühlte sie sich wie Rotkäppchen. Anne hoffte nur, dass am Ende des Ganges nicht der böse Wolf auf sie warten würde. Trotzdem trieb Neugierde sie weiter.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war noch immer kein Ende in Sicht. Nackter Marmor, soweit das Auge reichte. Keine Tür. Keine Treppe. Kein einziges Möbelstück. Anne blickte zurück und stellte dabei fest, dass der Gang in beiden Richtungen identisch aussah. Tränen stiegen in ihr hoch, drängten sich am Ausgang des Tränenkanals wie unartige Pendler an der Tür eines Zuges.

Sie blinzelte heftig und biss die Zähne aufeinander. Sie wollte nicht weinen. Ich hätte nie durch diese Tür gehen dürfen, dachte sie und ballte ihre Hände zu Fäusten. Ich hätte einfach … Anne hielt in dem Gedanken inne. Ja genau, ich hätte einfach aufwachen sollen, brachte sie ihn schließlich zu Ende. Ihre Hände öffneten sich.

»Wach auf, Anne«, flüsterte sie, dann noch einmal. Nichts geschah. Schließlich schrie sie aus voller Lunge: »Wach auf!« Ihre Stimme hallte von den Wänden wider und jagte ihr einen Schauer den Rücken hinunter. Angespannt wartete sie, doch dieser endlose Gang schien ihren Worten zu trotzen wie Stadtmauern einem Angriff.

Resigniert setzte sie den Weg fort. Irgendwann musste doch das Ende kommen. Alles hatte ein Ende! »Aber nicht in Träumen«, wisperte sie. »In Träumen gelten andere Gesetze.«

Kraftlos sank Anne zu Boden. Tränen brachen hervor, wildes Wasser aus einem gebrochenen Damm. Sie weinte, bis die Tränen zu salzigen Straßen auf ihren Wangen trockneten. Ihre Nase war so verstopft, dass sie durch den Mund atmen musste. Kleine Wölkchen bildeten sich davor. Erschöpft und hoffnungslos schloss sie ihre Augen. Der Schlaf tastete mit seinen Händen sanft nach ihr und holte sie, ohne dass sie es bemerkte.

2. Kapitel

Ein schrilles Geräusch drang wie durch eine dicke Lage Watte zu ihr hindurch. Anne fühlte sich, als wäre ihre Seele gerade eben erst von einer langen Reise zurück in ihren Körper gekehrt. Beide, endlich wieder vereint, ließen den Motor Hirn rebooten. Die Watte verschwand, die Augenlider begannen zu flattern, und die Nerven leiteten die Bewegungsimpulse vom Gehirn zu den Gliedern.

Der Wecker! Annes Hand tastete danach, fand ihn und drückte den Ausschaltknopf. Erleichtert atmete sie auf und blinzelte. Die Sonnenstrahlen des Morgens schoben sich schüchtern durch die Jalousien.

»Anne«, rief Kate und klopfte an die Tür.

»Ich bin schon wach.« Langsam richtete Anne sich auf.

»Beeil dich, sonst hast du keine Zeit mehr zu frühstücken«, ermahnte Kate ihre Tochter.

»Ja, ja«, murmelte Anne und stellte die Füße auf den Boden. Ihre Zehen gruben sich in den weichen Teppich, der im Gegensatz zu dem Fußboden im Marmorhaus angenehm warm war.

Was für ein seltsamer und irgendwie schrecklicher Traum, dachte sie. Unbewusst wanderte ihre Hand zu der Kette an ihrem Hals. Das Amulett fühlte sich wärmer an als gestern.

Liegt wohl daran, weil ich es trage und es davor Tage oder gar Monate im kalten Wasser gelegen hat.

Fünfzehn Minuten später stand Anne unten in der Küche.

»Steht dir gut, das Shirt«, lächelte ihre Mutter, die bereits am Tisch saß und ein Toastbrot mit salziger Butter beschmierte.

Anne blickte an sich herunter. Sie trug das babyblaue T-Shirt des Mystic Souvenir-Shops, dessen Logo – eine auf einer Klippe stehende Ruine – auf der Brustseite prangte, darunter eine Muschel und der Schriftzug Newquay. Der Name des Shops war um das Logo herum in goldenen Lettern gestickt. Anne fand die Farbe des Shirts zu kindisch. Am liebsten hätte sie es ausgezogen, aber Adrian McKnight – Vater des anbetungswürdigen Brandon und neuerdings Annes Chef – bestand darauf, dass sie es trug. Die Kunden sollten sofort erkennen, wer im Laden arbeitete.

»Hast du schon etwas von Abbey gehört?«, erkundigte sich ihre Mutter.

Anne setzte sich an den Tisch und griff nach der Müsli-Schachtel. »Ja. Sie sind in San Francisco gelandet«, erwiderte sie. Abbey verbrachte den ganzen Sommer mit ihrer Familie an der Westküste der USA. Das war einer der Gründe gewesen, warum Anne sich für den Ferienjob im Souvenirgeschäft beworben hatte. Ein Sommer ohne die beste Freundin war ein langweiliger Sommer. Andere Freunde hatte Anne nicht. Dafür fiel es ihr zu schwer, neue Kontakte zu knüpfen oder gar zu vertiefen. Nur die Freundschaft mit Abbey, die hielt seit der ersten Klasse an, und das war Anne mehr wert als zehn andere Freunde. Bei Abbey wusste sie, dass sie sich auf sie verlassen konnte, und umgekehrt war es genauso.

Sie blickte von ihrer Müslischüssel auf. Ihre Mutter saß da und starrte den angebissenen Toast an, als könne er zum Leben erwachen und vom Teller hüpfen.

»Hast du immer noch keinen Hunger?«, fragte Anne.

»Nicht so richtig.« Kate nahm den Toast in die Hand, drehte und wendete ihn, nahm einen weiteren Bissen und ließ ihn schließlich wieder zurücksinken. »Meine Güte!«, rief sie auf. »Du musst los.«

Anne sah auf ihre Armbanduhr. Es war kurz vor halb neun. Der Laden öffnete erst um neun, aber Adrian verlangte, dass sie eine Viertelstunde vorher da war. Sie sprang vom Stuhl auf und wollte ihre Sachen abräumen, aber ihre Mutter meinte, sie würde das schon erledigen. Zum Zähneputzen reichte es nicht mehr. Anne nahm einen Kaugummi und eilte nach draußen zu ihrem Fahrrad.

Gerade noch rechtzeitig erreichte sie den Mystic Souvenir-Shop. Völlig außer Atem kettete sie hinter dem Laden ihr Fahrrad an die Regenrinne. Der Shop befand sich, wie es sich für so ein Geschäft gehörte, im Herzen des Zentrums, inmitten von Restaurants und anderen Läden.

Auf dem Bürgersteig blieb Anne einen Moment stehen und betrachtete den Shop, der mit den großen Schaufenstern und dem weißen Anstrich sehr einladend wirkte. Vor der Tür stand der obligate Kartenständer, und im Schaufenster lagen einige handgemachte Souvenirs, die den Touristen einen Hauch von Strand und Sonne nach Hause bringen und ihnen dabei helfen würden, in den Erinnerungen an den letzten Urlaub zu schwelgen.