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Dieses Buch ist ein Machwerk aus dem Soziallabor D: Deutschland. Es soll therapieren: Überlebe mit Überlegung und Humor den alltäglichen Wahnsinn! Die Geschichten beruhen auf wahren Gegeben- und Gemeinheiten, nur das "dicke" Ende könnte erfunden sein. Oder etwa nicht? Namen und Ähnlichkeiten mit lebenden Zeitgenossen sind nicht rein zufällig, sondern ganz bewusst gewollt? Erkenne dich! Der Autor dieses Mach- und Mahnwerks hat jahrzehntelang im "Soziallabor Wolfsburg" gelebt.
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2021
Gerfried Ferchau
Das massierte Auto
Skurriles aus dem Soziallabor D
© 2021 Gerfried Ferchau
Umschlag, Illustration: Gerfried Ferchau
Korrektorat: Ulf Schumann
Verlag & Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
ISBN 978-3-347-33228-7
Hardcover
ISBN 978-3-347-33229-4
e-Book
ISBN 978-3-347-33230-0
Fotos:
https://pixabay.com/de/photos/
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Liebe Leserin, lieber Leser, gib fein acht, was ist wohl wahr, was nur ausgedacht?
Für meine Frau
Inhaltsverzeichnis
Schicht I oder II
Bolognese mit Currywurst
Oldtimer-Otto
Jobben auf Touren
Die Nachricht
Der Auto-Konflikt
Der Kaffee und das Weekend
Seminar mit Schnitzel
Die Masseurin
Arzt und BWL
Arzt und Angst
Der Einkauf
Ein Seminar, die Arbeit und ein Buch
Das Kleingeld
Die verschluckte Scheckkarte
Die Bank hat’s
Die Therapie
Die digitale Wiegearie
Die schicke Reduktion
Bei Claudia
Autogen boxen
Rommé mit Britta
Begegnung in der AUTOSTADT
Der Italiener von Stade
Frau mit Hund
Herr Friedrichsen
Kokoschka & Kommunikation
Komm doch mal rüber!
Die traurige Oma
Der Computer und die Ehefrau
Tastatur mit Limo
Der Computerkauf oder: Preise fallen
Ruf doch mal an: AB
Er ist wieder da
Die Affen von Hodenhagen
Die Katze und der Schokoladenkeks
Keine Luft
Das Eis in Essen
Die Ralle von Oberhausen
Dieses Buch ist ein Machwerk aus dem Soziallabor D: Deutschland. Es soll therapieren: Überlebe mit Überlegung und Humor den alltäglichen Wahnsinn!
Die Geschichten und Gedichte beruhen auf wahren Gegeben- und Gemeinheiten, nur das „dicke“ Ende könnte erfunden sein. Oder etwa nicht?
Namen und Ähnlichkeiten mit lebenden Zeitgenossen sind nicht rein zufällig, sondern ganz bewusst gewollt? Erkenne dich!
Der Autor dieses Mach- und Mahnwerks hat jahrzehntelang im „Soziallabor Wolfsburg“ gelebt.
„Bis heute ist die Stadt für Soziologen, Politologen und Architekten auch Vorbild für deutschlandweite Trends. Ob es um Freizeit, Wohnen, Arbeit oder Stadtentwicklungen geht – Wolfsburg gilt als ‚Soziallabor‘: Die Vier-Tage-Woche in den 90er Jahren, eine in den vergangenen Jahren zurückgebaute Trabantenstadt oder der Strukturwandel von der Industriestadt zum touristischen Ziel sind einige Beispiele.“1
Aus diesem sozialen Experimentierumfeld stammen die meisten Geschichten, aber erlebt wurden sie u.a. in Buxtehude, Essen, Hamburg, Hodenhagen, Oberhausen, Stade und Westernkotten.
Soziallabore gibt es überall!
Ein Potpourri an täglichem Irrsinn erwartet den geneigten Leser und trotzdem: Es darf geschmunzelt, ja gelacht werden! Und ab und zu verordne ich Nachdenklichkeit!
Der Autor lebt mit seiner Frau in Niederkassel.
Mondorf, 17.08.2021
Am Anfang steht die Arbeit, das Vergnügen kommt ja bekanntlich erst später, manches Mal ganz viel später oder auch gar nicht. Aber: Konflikte, die kommen und gehen und bleiben – zu oft.
1 Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Wie-Volkswagen-eine-Stadt-gruendete-article10857606.html Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation Wolfsburg; „Soziallabor“ oder „ Sonderfall“?_20131128
Schicht I oder II
Die Dorfkneipe „Zur letzten Schicht“ befindet sich 10 km östlich vom Stadtkern entfernt. Ein beliebter Anlaufpunkt für durstige Männerkehlen nach getaner Spätschicht in der Produktion. Rammelvoll ist der Laden freitags gegen 23 Uhr. Heute nicht. Heute Abend verlieren sich zwei Figuren an der Theke. Der Wirt kramt in der Küche, leises Topfgeklapper drängt sich verschämt in den Schankraum. Ansonsten herrscht Ruhe. Eine Stecknadel, die fallen würde, käme einem Beben gleich. Heute bebt nichts. Die zwei Spätschichtler hocken seit 22: 58 h am Tresen und schlürfen bedächtig das Pils. Pils und Puls laufen synchron: kalt und ruhig.
Es ist 23: 27 h. Plötzlich kommt Wind auf, Bewegung ist in dieser kleinen Hütte wahrnehmbar. Der links auf seinem Hocker verharrende Kollege hat eine leichte Zuckung mit seinen Mundwinkeln vollzogen, stiert saftig gen Gläsergalerie, pumpt sich allmählich auf und – rülpst. Sammelt sich, hebt neu an, atmet noch mal schwer und tief durch und bringt tatsächlich menschliche Laute aus dem halbgeöffneten Mundschlund hervor. Und das hört sich so an:
Ehh, sach ma, hicks, ich bin Schicht I und du?
Schicht II, hicks.
Sie haben fertig.
Am kommenden Montag: In der Montage des nahen Werkes kommt es zu einem Tumult. Die Ursache wird schnell gefunden: Ein Werker hat die Schicht verwechselt und ist aus Versehen statt zur Früh- zur Spätschicht erschienen und hat seinem Kollegen den Arbeitsplatz streitig gemacht. Nur mit vereinten Kräften und durch den mutigen Einsatz der herbeigerufenen Vorstands- und Betriebsratsvorsitzenden gelingt es, die Kampfhähne zu trennen. Zur Beruhigung werden sie sofort in die Dorfkneipe „Zur letzten Schicht“ geschickt. Dort sollen sie ihr Gespräch vom Freitag wieder aufnehmen und zu einem erfolgreichen Ende bringen.
Bolognese mit Currywurst
Da sitze ich nun in der Werkskantine. Endlich Mittagspause. So nennen die das hier, die „Bandaffen“, von denen ich auch einer seit ein paar Tagen bin. Halb sechs am Morgen hat die Schicht begonnen und endlich ist Mittag. Mittag? Halb neun ist erst durch! Was soll’s, nach drei Stunden Sesselpupserei ist für einen „Schlipsträger“ ja auch schon der Gang zur nahegelegenen Werkskantine angesagt. Neumodisch heißt der Fresstempel allerdings „Betriebsrestaurant“.
Reichlich Betrieb hier. An den langgezogenen Tischen sitzen wir aufgereiht wie auf einer Hühnerstange und essen – Currywurst mit Pommes und reichlich Curryketchup, scharf gewürzt. Das gibt Kraft für den nächsten monotonen Arbeitsgang am Band. Genüsslich zerteile ich Stück für Stück der hauseigenen Currywurst, schiebe lustvoll ein paar Pommes hinterher und will die halbe, unbezahlte Stunde entspannt bei schmackhaftem Essen verbringen. Aber in meinen Augen tritt Unruhe ein, irritiert blicke ich nach links, sehe einen Kollegen, der seinen Kopf tief über seinen Teller abgesenkt hat und in einem „Bandaffentempo“ Spaghetti-Bolognese in sich reinschaufelt. Ich sperre Mund, Nasenflügel und Augen bis zur Schmerzgrenze auf und betrachte das Spektakel eindringlich und intensiv. Der Kollege schaufelt, ohne aufzublicken, immer schneller und fast schon verzweifelt die Teigwaren mit Soße in sich hinein. Ich kann den Blick nicht von ihm abwenden. Jetzt, ohne den Kopf anzuheben und das Ess-Tempo herauszunehmen, zieht er kurz die Augen nach links, beäugt mich scharf mit vorwurfsvollem Blick, wendet die Augen wieder ab und ackert sich weiter durch den Nudelhaufen.
Ich habe das Essen aufgegeben, den Teller mit dem Rest an Currywurst und Pommes dem Schnellfutterer hingeschoben, die Kantine auf dem schnellsten Wege verlassen und mir zwei Packungen Gummibärchen zur seelischen Erheiterung aus dem Automaten gezogen. Am Montageband nehme ich meine Arbeit, das Einziehen von Leitungskabeln, wieder mürrisch auf, aus Verirrung und Verwirrung verbaue ich den Strang zweimal falsch und fange mir einen Anschiss vom Inspektioner und Vizemeister ein. Und dann, vierzehn Uhr, Feierabend, ab in die Freiheit und Freizeit! Strahlend komme ich nach Hause, Tür aufstoßen, Frau und Kinder begrüßen und tiefe Freude verspüren, weil es lecker aus der Küche nach Essen riecht.
Gerda, was gibt’s denn heute zu essen?
Spaghetti Bolognese, mein Schatz!
Oldtimer-Otto
Otto ist jung und drahtig. Arbeitet mit mir in der Halle an der Montagelinie 4. Er zieht Tag für Tag das Hauptkabel in eine Autokarosse ein. Er ist vielleicht immer richtig gut drauf, nur bei der Arbeit nicht. Morgens um halb sechs bei Schichtbeginn – er ist mürrisch. Gegen halb neun, wenn die erste kurze Pause eingebimmelt wird – er ist mürrisch. Um zwölf vor dem Mittagessen in der Kantine – er ist mürrisch. In der Spätschicht verhält er sich ebenso, nur eben später.
Eines Tages, es ist am Vormittag, raffe ich mich auf und frage ihn in einer Bandpause ganz direkt und unvermittelt:
Wie findest du die Arbeit hier?
Saublöd, langweilig, richtig ätzend!
Haste gelernt?
Ja, ich bin ausgebildeter Kfz-Mechaniker.
Und könntest du in deinem Beruf arbeiten?
Ja, könnte ich.
Und warum machst du das nicht? Dann hättest du doch die Möglichkeit, umfassendere Arbeiten durchzuführen als hier am Band, die zudem abwechslungsreicher sind.
Stimmt schon, aber hier im Zweischichtbetrieb verdiene ich mehr Geld. Und außerdem habe ich ein teures Hobby. Ich kaufe alte Autos auf und restauriere die Oldtimer. Mein Hobby könnte ich nicht finanzieren, wenn ich irgendwo in einer kleinen Kfz-Werkstatt arbeiten würde.
Ich muss erst kurz überlegen, bevor ich antworte:
Hey, ich finde: Wenn du hier mit der monotonen Arbeit unglücklich bist, dann verlasse dieses Werk und mache das, was dir Spaß macht. Oder nimm das gute Geld hier mit und sei zufrieden.
Otto glotzt mich kurz an, greift den nächsten Kabelstrang und verbaut das Teil mürrisch und wortlos in der nächsten Karosse.
Otto hat sich in späteren Jahren einen Schrottplatz in Detroit gekauft, handelt mit Altmetall und restauriert Oldsmobiles.
Jobben auf Touren
Touren fahren in der Endmontage – das macht Spaß! Wenn du das ohne Schaden an Körper und Seele zu nehmen überstehst, hast du ein prima Arbeitsleben. Was das heißt? Die Arbeitsgänge am Band sind von Spezialisten mit der Stoppuhr ausgetaktet. So werden für den Pedalblock im Fahrzeug zwei Mitarbeiter für die Zeit x benötigt. Aber die Kollegen sind ja nicht doof und zudem hundsgemein schnell: Hast du die Handgriffe erst einmal intus, dann beherrscht du mit geschlossenen Augen in affenartiger Geschwindigkeit nach kurzer Zeit deinen Arbeitsgang. Und nicht nur den, sondern auch den deines Kollegen. Das bedeutet, dass dein Kollege Pause macht, in die Kantine geht und Currywurst und/oder Spaghetti-Bolognese futtert, während du ackerst. Und wenn er vollgemöppelt wieder auf der Bildfläche erscheint, hebst du ab in die Zusatzpause. Auf diese Weise arbeitest du nicht acht, sondern vier Stunden täglich. Und da du in einem Zweischichtbetrieb eingenordet bist, verdienst du reichlich Kohle. Und ich, nur ein paar Meter vom Pedalblock-Kollegen Peter und der -Kollegin Petra entfernt, habe die Sache mit dem Leitungskabel, was durch die Heckklappe der Karosse gezogen wird, voll drauf und somit eine kleine Unterbrechung erarbeitet, bis die nächste zu bedienende Karosse heranwedelt. Also gehe ich auf meine Kollegin Petra mal so direkt zu und frage sie:
Sag, mal, was hast du eigentlich für eine Ausbildung?
Ausbildung? Hab ich keine.
Ja, aber nach der Schule, was haste da gemacht?
Also, ich hab Abitur gebaut und mein Freund hat gemeint, bis zu meinem Studium solle ich Jobben gehen.
Und wie lange jobbst du schon hier?
10 Jahre!
Nach dreißig Jahren treffe ich „Pedalblock-Petra“ in der Fußgängerzone. Ich bin mir nicht ganz sicher und frage sie:
Bist du die Petra aus Halle 4, die die Pedalblöcke eingebaut hat?
Ja, die bin ich.
Was machste heute?
Gerade habe ich meine Promotion erfolgreich geschafft!
Was war dein Thema?
„Einbau von Pedalblöcken unter besonderer Berücksichtigung von ‚Touren fahren‘“!
Die Nachricht
Mitte der 1980er Jahre. Wir sitzen mit rund 35 Kollegen und Kolleginnen im Großraumbüro, haben vor uns einen „dummen“ Monitor und eine Tastatur. Die Großrechner und Drucker stehen in einem anderen Raum und füllen diesen und zwei weitere Räume vollständig aus.
Ich habe ein zukunftsträchtigen Job in diesem großen Unternehmen: Ich verarbeite Daten, Finanz- und Personaldaten. Echt aufregend. Na ja, nicht immer. Kann heftig öde und saumäßig anstrengend sein. Und wehe, es passiert ein falscher Fehler, dann steigt nicht nur der Blutdruck bis an die Schmerzgrenze, dann muss zusätzlich mit einem Einlauf durch den Abteilungsleiter gerechnet werden.
Aber heute ist alles gut. Mein Kollege Franz sitzt mir, verdeckt durch seinen Monitor, in entspannter Haltung gegenüber und hackt Computerbefehle in seine Tastatur. Ich tue es ihm nach, nur nicht ganz so relaxed, denn ich bin „der Neue“ in der Abteilung und meine Kenntnisse und Erfahrungen mit der Verarbeitung von Daten sind noch recht übersichtlich. Aber heute ist ja alles gut, denke ich, da macht es plötzlich KLONG und ich erblicke auf meinem Bildschirm ein ungewöhnliches Etwas und bin heftig irritiert und befürchte schon, dass mir nun der bereits erwähnte Einlauf droht. Da sehe ich das grinsende Gesicht meines Kollegen Franz, der sich zur Seite gebeugt hat, nicht auf seinen Monitor, sondern in meine Richtung glotzt.
Na, ist es bei dir angekommen?
Was soll angekommen sein?
Mein Mail!!
Dein Mehl????
Mein M-A-I-L!!!!
Was ist das denn?
Und nun erläutert er mir ausführlich und wissenschaftlich korrekt, was sich hinter elektronischer Post verbirgt.
Und was macht man damit?
Man schickt sich Briefe, elektronische Post eben!
Aha! – Und wo kann ich diese elektronische Post hinschicken?
An Kollegen und Kolleginnen in unserem Gebäude. Das läuft über den Großrechner, mit dem wir alle vernetzt sind.
Aha, soso!
Ich bin not amused über den spaßigen Kollegen, ganz schön spleenig, das mit dem M-A-I-L! Und nach Feierabend habe ich das Gespräch mit meinem Kollegen vergessen.
Ich bin reich, endlich, ich habe eine riesige Villa auf einem Traumgrundstück, mehrere Fahrzeuge in meiner üppigen Garage, sieben Kinder von drei Frauen, das Leben ist schön. Und wie kam das? Vor Jahren habe ich die Chancen und Möglichkeiten von elektronischer Post messerscharf erkannt: Wenn man sich Post auf digitalen Kanälen in einem gekapselten Gebäude zuschicken kann, warum dann nicht auch in der Stadt, im eigenen Land, weltweit? Gesagt, getan, Kündigung eingereicht, Firma mit fünf Angestellten unter meinem Carport in der Reihenhaussiedlung gestartet und innerhalb kürzester Zeit und explosionsartig expandiert. Jetzt ist alles gut.
Da ertönt ein furchtbar hässliches Signal, so, als wenn Metall auf Metall schlägt. Tut es auch, es ist der Oldi-Wecker, der mich aus dem Schlaf und aus meinen Träumen herauskatapultiert und mich lautstark daran erinnert, dass ich in die Firma muss. Es ist, das wird mir siedend heiß klar, nicht meine Firma. Nichts ist gut.
Der Auto-Konflikt
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