Das Mauerblümchen - Heinrich Voosen - E-Book

Das Mauerblümchen E-Book

Heinrich Voosen

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Beschreibung

Dies ist die Geschichte eines unscheinbaren, jedoch hochbegaten Mädels. Sie war das Ein und das alles ihrer prunklosen Eltern. Dank ihrer Willenskraft und ihrer Begabung, schaffte sie den steinigen und abenteuerlichen Weg, hinauf zu einer anerkannten Persönlichkeit. Ein unvorhersebares Abenteuer, während einer Geschäftsreise, verwandelte das Mauerblümchen in eine prachtvolle Blume...

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Heinrich Voosen

Das Mauerblümchen

Eine gescheiterte Entführung

Autor

Heinrich Voosen

Umschlagsgestaltung: Heinrich Voosen

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978–3-8495-8120-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über: http: // dnb.d-nb.de

PROLOG

Karin Laroche wuchs in einem kleinen Dörfchen, im Südwesten Frankreichs auf. Sie war der Stolz ihrer Eltern, ihr Ein und Alles. Schon frühzeitig vermutete man, dass sie überdurchschnittlich begabt sein könnte. Und diese Vermutung bestätigte sich bereits im Grundschulalter. Mit ihren Altersgenossen draußen zu tollen, war eine Seltenheit und Nebensache. Lesen, schreiben, Bücher durchblättern und mit der Mutter in der Küche zu experimentieren, waren ihre Hauptbeschäftigungen.

Die Mittelschule bewältigte sie als Beste ihrer Klasse. Doch ab dann reichten die Möglichkeiten der betagten Eltern nicht mehr aus, höhere Studien zu finanzieren. Es schien, als müsste das Abitur den Gipfel ihrer Leistungen und ihres Talentes darstellen. Die Aussichten auf aufragendere Ausbildung waren eher gering. Aller Rückschläge und Absagen zum Trotz hatte sie immer noch ihr Ziel vor Augen: „Die Forschung“.

Endlich kam dann doch noch eine erfreulichere Nachricht. Ein Analyselaboratorium bat sie zu einem Vorstellungsgespräch. Gewiss war dies noch nicht der Durchbruch, dennoch war es zumindest eine hoffnungsvolle Einladung.

Karin bemühte sich, den bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen. Und mit Erfolg.

Man bot ihr an, einen Monat lang als Aushilfe einzusteigen. Dieser Zeitraum würde ihr dann gleichzeitig als Probezeit angerechnet. Sollte sie den Anforderungen des Hauses gerecht werden, könnte sie als fest angestellte Mitarbeiterin unter Vertrag genommen werden.

Bereits nach einigen Tagen bemerkte man, dass sie besonders aufmerksam war, eine Aufgabe auf Anhieb verstand und auch artgerecht ausführte. Außerdem schätzte die gesamte Belegschaft ihr angenehmes und freundliches Verhalten.

Als dann ihre Probezeit dem Ende zu ging, wurde sie eines Tages unerwartet zum Personalchef gerufen. Sie hatte sich bereits darauf vorbereitet, dass man ihr sowieso bald das Finale ihrer Zusammenarbeit unterbreiten würde. Doch die Unterhaltung nahm eine ganz andere Wendung. Eines wurde ihr gleich klar, man dachte nicht einmal daran, sie zu entlassen. Die Fragen, wieso und aus welchem Grunde sie nicht Höheres anstreben möchte. Wie sie sich ihre Zukunft vorgestellt habe, ließ sie vermuten, dass jemand mit ihrem Vorgesetzten über ihre Probleme gesprochen haben könnte.

Zum Schluss der Unterhaltung meinte der Personalchef, sie solle sich doch überlegen, gegen einen angemessenen Lohn noch weiterhin im Labor zu arbeiten und das Studium wieder aufzunehmen. Man würde ihr zuvorkommen, was die Arbeitszeiten anginge und sie zusätzlich, wenn notwendig, auch finanziell unterstützen.

Ab nun ging es für Karin Laroche wieder langsam aufwärts und einige Jahre später hatte sie es geschafft.

Seit drei Jahren arbeitete sie nun bereits in einem hochrangigen Forschungsinstitut in Paris und auch dort machte sie ihrem Namen alle Ehre. Freilich hatte sie ihr persönliches Ziel erreicht, doch ahnte sie nicht, dass dies noch nicht, der Höhepunkt ihrer Karriere sein würde. Von höherer Instanz wurde sie noch in ein unvorhersehbares Abenteuer gedrängt, aus welchem sie nur dank ihrer Willenskraft, aber auch vom Glück im Unglück begleitet, letztendlich noch ehrenvoller heimkehrte.

1

Es war noch dunkel, als sich der Radiowecker in Karins Schlafzimmer einschaltete. Die Leuchtziffern zeigten sechs Uhr an. Draußen war es, während der Nacht, bereits herbstlich kühl geworden.

Währendem der Nachrichtensprecher die ersten Neuigkeiten des Tages berichtete, stieg Karin aus den Laken und verschwand schlurfend, noch ein wenig benommen, im Bad.

Seitdem sie eine Wohnung in einem kleinen Vorort von Paris bezogen hatte, musste sie zwar früher aus den Federn. Jedoch dies und die tägliche Reise mit Bahn und U-Bahn nahm sie gerne in Kauf. Sie hatte den Lärm und das teuere Kämmerlein der Großstadt satt. Sie war nun mal kein Stadtmensch, sie war ein Mädel vom Land und war es auch geblieben. Trotz ihres Berufes und ihrer sozialen Stellung hatten sich ihr schlichtes Auftreten und ihre Art sich zu kleiden kaum geändert.

Ihr immerwährendes freundliches Auftreten und ihre Geselligkeit hatten sie beliebt gemacht im Kreise ihrer Mitarbeiter. Manchmal versuchte sie es zumindest, irgendwie die weiblichen Züge ihrer Kolleginnen nachzuahmen, doch meistens vergriff sie sich, mehr oder weniger, in der Dosierung und den Farbkombinationen. Sogleich boten die immer perfekt gestylten Mädels der Rezeption ihre Hilfe an und während der nächsten Pause wurde dann, an Karin herumgefummelt, was das Zeug hielt. Sie war immer bereit für ein Späßchen und sie versuchte auch, die Ratschläge ihrer Freundinnen weiterhin in die Tat umzusetzen. So war ihre moralische Einstellung.

Sie war physisch eine ganz gewöhnliche, dreißigjährige junge Frau mit einem stattlichen Einkommen geworden. Sie hatte nun auch die finanzielle Möglichkeit ihre Eltern zu unterstützen. Alle ihre freien Tage, und sei es auch nur für ein Wochenende gewesen, verbrachte sie in ihrem Heimatdörfchen dort unten im Suden Frankreichs.

In einer, dieser modernen Hochbauten, im bekannten Stadtviertel, „la Défense“, im Norden von Paris, war sie bereits seit einiger Zeit angestellt. Ein weltweit aktiver Konzern hatte dort seine Niederlassung. Nicht nur dessen Büros waren dort eingerichtet, es befanden sich in diesem Gebäude einige Räumlichkeiten, die für die meisten der Angestellten tabu waren. Nur wenige Befugte hatten dort Zutritt und dies nur mit deren persönlicher Chipkarte. Die Mehrzahl der Berufstätigen wussten nicht einmal, was sich hinter diesen Türen verbarg und was sich dort abspielte.

Eine dieser, nach strengen Kriterien Auserwählte, war Karin Laroche.

Es genügte einen Blick in die riesige Empfangshalle zu werfen, um zu ahnen, dass man sich im Eingangsbereich einer eher außergewöhnlichen Einrichtung befand.

Eine Art thermische Schleuse trennte den Innenraum von der Außenwelt ab. Man befand sich augenblicklich in einem Tropen artigen Ambiente, fast wie in einer andern Welt.

Hier und da ragten gewaltige Gewächse bis zur Decke. Der Fußboden war mit molligem, farblich passendem Belag ausgestattet und höchst komfortable Sitzgelegenheiten fand man diskret im satten grün der Pflanzen aufgestellt. Ein zarter Duft von freier Natur und perfekt abgestimmte Beleuchtung hüllten den Bereich in eine Atmosphäre des Wohlgefühls.

Diese Räumlichkeit wurde nur selten von auswärtigen Personen in Anspruch genommen, meist waren es eher Persönlichkeiten, welche auf eine oder die andere Weise, mit dem Konzern in Verbindung standen. Manchmal waren es auch interne, leitende Personen, die sich nur zu einer kurzen, diskreten Besprechung aus den Büros zurückzogen.

Gleich neben dem Eingang, teilweise abgetrennt durch eine Glaswand, befand sich das Reich der Hostessen. Vier hübsche junge Damen, in blau, weiß, roten Uniformen, waren dort ständig im Einsatz. Zwei von ihnen überwachten, Monitore und Telefonzentrale. Die beiden Andern hantierten hier und da in ihrem Bereich hinter der Glaswand oder im Empfangsraum.

Mit etwas Abstand betrachtet, hatte man den Eindruck, dass die Eine oder die Andre Selbstgespräche führte. Doch bei genauerem Hinsehen bemerkte man, dass sie mit fast unsichtbaren, Freisprechanlagen ausgestattet waren.

Bereits in diesen Räumlichkeiten bemerkte man die ausgeklügelten Sicherheitsvorkehrungen. Wenn man auch einige Überwachungskameras auf den ersten Blick erkennen konnte, so war das Unsichtbare viel imposanter. Ohne Anmeldung war in der Empfangshalle bereits Endstation. Die Türen der Lifte und die Eingänge zu den Treppen konnten nur mit Codenummer oder vom Pult der Hostessen freigeschaltet werden.

Von der U-Bahn-Station hatte Karin nur noch kaum eine Minute Fußmarsch bis zum Gebäude der „Intermetal“.

Im Inneren angekommen löste sie ihren Wollschal, begrüßte kurz ihre Freundinnen an der Rezeption und schritt dann eiligst in Richtung Lift. Scheinbar war sie etwas verspätet an jenem Morgen.

Die Mädels sahen ihr mit einem Grinsen in den Zügen nach, als sie im Lift verschwand.

„Unsere liebe Karin hat allem Anschein nach, schon wieder, Lippenstift und Puderdose verwechselt!“

„Was du nicht sagst!“

„Sie bekommt das einfach nicht hin.“

„Na schön, dann müssen wir eben die Lektion noch mal mit ihr durchgehen.“

Eiligen Schrittes lief sie durch einen langen, menschenleeren Flur. Auch hier bemerkte man gleich einige prächtige, genial beleuchtete Grünpflanzen. Hinter den verschlossenen Türen, beiderseits, vernahm man Stimmen im Vorbeigehen, wenn auch nur sehr gedämpft.

Vor eine dieser Türen, mit der Aufschrift, „LABORATOIRE DE RECHERCHE“, verharrte sie einen Augenblick und lauschte, bevor sie eintrat.

Dort fand sie, wie jeden Morgen, einen ausgedehnten Raum, gespickt mit Maschinen und komplexen Geräten. Auch ihre beide männlichen Kollegen, Bernard Petit und Jean-Luc Leroy, waren bereits anwesend.

Es schien nun doch klar, dass diese eher schlicht und irgendwie sogar naiv aussehende junge Dame, um dort beschäftigt zu sein, einem bestimmten intellektuellen Kreise angehören musste.

Man begrüßte sich herzlichst, wie jeden Morgen und indem, Karin ihre Handschuhe abstreifte, ihren Mantel gegen einen weißen Kittel austauschte, sagte sie.

„Es tut mir leid, Jungs, aber mein Zug, hatte einpaar Minuten Verspätung!“

„Macht nix, Karin …, uns ist das egal. Was meinst du, Bernard?“

„Och ja …, wir fühlen uns nur besser, wenn du da bist.“

„Dem Glatzkopf da nebenan, dem gefällt das natürlich nicht so besonders, denk ich mal.“ Meinte Jean-Luc.

Die beiden Kolegen, waren zwei ganz verschiedene Typen. Jean-Luc ließ sich nicht leicht einschüchtern und fand immer und auf alles, eine passende oder zweideutige Antwort. Bernard hingegen war eher der ruhige, Allesschlucker ohne Widerrede.

Karin hatte an ihrem Rechner platz genommen, als Jean-Luc sich näherte.

„Sei mir nicht böse, Karin, aber …, meiner Ansicht nach, hast du heute Morgen in der Eile, etwas zu viel Rot auf die Wangen gerubbelt.“

„Oh! Danke Jean-Luc, dass du mir es sagst.“

Sogleich versuchte sie, das Missgeschick mit dem Taschentuch auszubessern. Im gleichen Moment erschien der Chefs, Charles Dufour in der Tür.

Charles Dufour war derjenige, den Jean Luc kurz zuvor als „Glatzkopf“ bezeichnet hatte. Dufour konnte so um die fünfundvierzig sein. Außer seinem spärlichen Haarwuchs, schleppte er ein Bein etwas nach und seine stets miese Miene, machten ihn zum Bildnis, des perfekten Griesgrams.

Im Allgemeinen, bei seiner Ankunft am Morgen, durchquerte er das Labor mit einem gemurmelten, fast unverständlichen „Guten Morgen“ und verschwand gleich in seinem Büro. Doch an diesem Morgen blieb er plötzlich stehen und fügte hinzu:

„Na, Laroche …, versucht man nun auch noch den Durchbruch in der Malerei? Tuen Sie das gefälligst in Zukunft zu Hause. Das hier ist kein Schönheitsinstitut!“

„Ja, Monsieur Dufour …, Entschuldigung.“

Nur einige Minuten genügten, um festzustellen, dass sein Prügelknabe in der Gemeinschaft die Karin war. Eigentlich war hier nur einer, der sich von Dufour nicht einschüchtern ließ und prompt, kam auch schon der Gegenangriff von Jean-Luc:

„Chef! Chef! Eine Frage bitte …, Schönheitsinstitut, einverstanden. Aber wie wär’s denn mit einem Haarschnitt …? Auch nix …? Der Chef sagt Nein! Hatte ich mir doch gedacht!“

Nur noch einen ruhmlosen Blick in Richtung Jean-Luc, dann verschwand er in seinem Büro.

Monsieur Dufours Büro war eigentlich ein schöner Raum und hätte ein angenehmer Arbeitsplatz sein können, doch das Ganze ähnelte eher einer Schreibwarenhandlung nach einem Wirbelsturm.

Unsanft legte er seinen Aktenkoffer auf einen Stapel Papierkram ab. Darauf entledigte er sich seiner Überbekleidung, hängte diese an den Kleiderständer hinter der Tür und ließ sich kraftlos in seinen Sessel am Bürotisch sinken.

Nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, warf er die Packung und Feuerzeug belanglos vor sich auf den Tisch.

Einen Moment lang schien er nachzudenken, doch gleichzeitig beobachtete er durch die Glasscheibe, die sein Büro vom Labor trennte, die Aktivität seiner Mannschaft.

Plötzlich wurde er durch das, wie ein Vogel zwitschernde Telefon, aus seiner Meditation gerissen.

„Scheiße!!!“, fluchte er halblaut.

Nach einem Kurzen herumwühlen, fand er das Telefon unter einigen Dokumenten und antwortete etwas barsch. Doch sogleich wurde er eher kleinlaut.

„Dufour!!!“

„Oh!“, machte er mit molliger Stimme.

„Guten Morgen, Madame Dubois. Entschuldigen Sie, Madame Dubois! Ich hatte ein kleines Problem“.

„Ja, Madame Dubois. Sofort, Madame Dubois“

„Selbstverständlich, Madame Dubois“

„Einen schönen Tag noch, Mada … Aufgelegt!!! Schlampe!!!“, murrte er noch vor sich hin.

Karin erschrak! Selbst gedämpft durch die Wand und Doppelscheibe, die dröhnende Stimme des Chefs hätte fast den Pfeil auf dem Monitor zum Zittern gebracht.

„Laroche!!!“, schrie Dufour.

„Nein …, was hab ich denn nun wieder verbrochen?“

Trotz eines mulmigen Gefühles in der Magengegend begab sie sich in die „Höhle des Löwen“. Das Gespräch mit Dufour war, allen Erwartungen entgegen, von kurzer Dauer. Kaum eine Minute war vergangen und sie stand wieder im Labor, doch von Erleichterung konnte kaum die Rede sein. Sie schien selbst noch bedrängter.

Jean-Luc und Bernard bemerkten gleich, dass mit ihrer Kollegin irgendetwas nicht stimmte, und kamen ihr gleich entgegen.

„Was ist los, Karin?“, fragte Jean-Luc neugierig.

„Was hab’ ich bloß dem Herrgott getan?“, schluchzte Karin.

„Aber Karin, was ist denn passiert?“

„Ich hab keine Ahnung! Ich muss zum Direktor!“

„Zu Charlier?“, fragte nun Bernard, der sich im Allgemeinen nicht in ein Gespräch einmischt.

„Nein, nicht zu Charlier! Ich muss nach da ganz oben, zu Dumont!“

„Zu Dumont …, zu Dumont“, überlegte Jean-Luc.

„Ich habe Angst, ich werde bestimmt gefeuert!“

„Nein, nein, Karin, das kann es nicht sein“, sagte Jean-Luc. „Für solche Sachen ist Charlier zuständig. Dumont kümmert sich nicht um die internen Probleme. Es muss sich schon um was ganz anders handeln. Ich sag dir Karin, da ist was ganz anders im Busch!“

In dem Augenblick ertönte erneut Dufours Stimme:

„Laroche …!! Ich sagte sofort!!!“

„Ja, ja …!“, rief sogleich Jean-Luc zurück. „Sie geht ja schon, verdammt noch mal! Der Glatzkopf der hat noch mehr Schiss wie du“, fügte er hinzu.

Mehr oder weniger beruhigt verließ Karin das Labor und machte sich auf den Weg in die oberen Etagen, wo sich der Tempel des großen Manitu befand.

Während dem sie sich entfernte, unterhielten sich ihre Kollegen, jeder an seinem Arbeitsplatz und mit belegter Stimme, sodass Dufour sie nicht verstehen konnte.

„Was hältst du davon, Bernard?“

„Naja …, bei Dumont gibt es meiner Ansicht nach keine zwischen Situationen, es ist entweder sehr gut, oder …, du verstehst ja, was ich meine.“

„Genau. Aber ich sag dir eins, Bernard, wenn das wieder so eine hinterlistige Aktion von Dufour ist, dann sorge ich persönlich dafür, dass Charlier ihm seinen Saustall in Einzelteile zerlegt. Wäre mal gespannt, was der so zwischendurch, den ganzen Tag da treibt.“

Das Büro von Madame Dubois, so in etwa, das Vorzimmer zum Allerhöchsten des Hauses, erschien genau so grün und hell wie die Empfangshalle. Nur ähnelte die Ausstattung eher einem Salon.

Madame Dubois war eine zugeneigte, immer lächelnde und sehr gepflegte Dame um die Fünfziger.

Es war eigentlich die erste wirkliche Begegnung der beiden. Ihre Wege hatten sich zwar einige Male in einem Flur gekreuzt, oder sie hatten zusammen im Lift, einige Etagen lang zusammengestanden. Kurz, sie kannten sich.

Nach einem Augenblick des Zögerns klopfte Karin zurückhaltend an. Als sie sie die Tür öffnete, kam ihr, Madame Dubois schon mit einem breiten Lächeln entgegen.

„Guten Morgen, Madame Dubois“, sagte Karin mit unsicherer Stimme.

„Guten Morgen, Mademoiselle Laroche …, kommen Sie … Ich glaube Monsieur Dumont erwartet Sie bereits. Einen Augenblick bitte, ich sehe mal nach.“

Sie begab sich gleich zur Tür des Büros und klopfte delikat an. Karins Herz begann zu rasen, als sie ein kurzes „ja!“ hörte. Madame Dubois öffnete die Tür nur so weit, dass sie sich leicht hinein beugen konnte.

„Mademoiselle Laroche ist eingetroffen“, sagte sie leise.

„Bravo, wunderbar!“

Der Raum in dem Monsieur Dumont über, die gesamte Belegschaf regierte, war noch ausgedehnter als das Büro seiner Sekretärin und noch eigenartiger ausgestattet. Beim Eintreten hatte man eher den Eindruck, sich hinaus in einen Garten zu begeben.

Dumont war fast sechzig, seine grauen Schläfen ließen es erahnen. Er war ein verständnisvoller Mann und vom Personal sehr geachtet. Er war nun mal ein Mensch wie jeder Andere und hatte auch seine Schwächen. Besonders zwei: die Pflanzen, so wie man es gleich bemerkte. Aber auch, na ja, die Gesellschaft hübscher Damen! Man begegne einige in den Gängen. Scheinbar hatte er nie eine Einschränkung angeordnet, in Bezug auf die Arbeitskleidung.

Man sollte diesbezüglich aber auch nicht das insgesamt herrschende Tropenklima vergessen. Für einige war dies öfters eines der heiß diskutierten Themen, doch in dieser Sache ließ sich Dumont nicht ins Geschäft reden. Außerdem hatte er, trotz allem, immer genügend Stimmen auf seiner Seite.

„Ah! Mademoiselle Laroche …, nur herein spaziert!“

Sie reagierte zögernd, etwas verwirrt auf diese unerwartet freundliche Einladung. Was das wohl bedeuten sollte? Dort wo ihr erster Blick ihn suchte, an seinem Büro, saß er nicht. Sie antwortete mit einem schüchternen: „Guten Morgen, Monsieur le Directeur.“ Dann erst sah sie ihn inmitten seiner Pflanzen. Sogleich kam er auf sie zu und reichte ihr die Hand.

Karin verstand die Welt nicht mehr. Sie, die sich auf eine seriöse Standpauke vorbereitet hatte. Und nun dieser, fast familiäre Empfang. Das konnte doch nicht wahr sein.

„Guten Morgen, Mademoiselle Laroche! Es freut mich Sie endlich mal persönlich kennenzulernen!“, sagte er mit einem strahlenden Lächeln.

Sie wusste im Augenblick überhaupt nicht mehr, was und wie sie darauf antworten sollte. Dann stammelte sie:

„Ich …, ich auch, Monsieur le Directeur.“

Ohne weitere Zeremonie schleppte er sie regelrecht inmitten der Pflanzen, dort wo er gestanden hatte, als sie eintrat.

„Kommen Sie …, sehen Sie sich das doch Mal an. Was meinen Sie, was das sein könnte? Finden Sie nicht auch, dass meine „Monstera“ etwas traurig aussieht? Sehen Sie da, die Ränder einiger Blätter. Die sehen irgendwie gelblich aus. Oder meine ich das nur?“

Karin näherte sich etwas zurückhaltend, indem sie nachdachte, was sie wohl am besten sagen könnte.

„Nun ja, Sie könnten recht haben, Monsieur le Directeur, nur weiß ich auch nicht genau, woran das liegen könnte.“

„Ich habe den Eindruck, dass es bei Ihnen so ist wie bei mir. Wir kennen beide nicht viel von solchen Sachen. Trotzdem, ich bin davon überzeugt, dass da etwas nicht stimmt. Was soll’s, ich rufe Gérard mal an. Kennen Sie Gérard?“

„Nein …, ich glaube nicht, Monsieur le Directeur.“

„Oh, Sie kennen ihn bestimmt. Ah! Gérard ist ein Genie in diesem Fach. Er kümmert sich mit Erfolg, muss ich sagen, um alle unsere schönen exotischen Pflanzen. Sie haben ihn bestimmt schon irgendwo im Hause gesehen. Es ist der mit dem kleinen Schnurrbart.“

„Ah …, ja …, jetzt, so wie Sie ihn beschreiben.“

„Kommen Sie …, setzen wir uns, ich werde ihn sofort anrufen.“

Darauf begaben sie sich in die eigentliche Büroecke. Auf dem Mobiliar war alles einwandfrei geordnet, im Gegensatz zum Büro ihres Chef Dufour. Während dem sich Karin, Dumont gegenüber, in einem der Polstersessel niederließ, nahm dieser den Hörer ab und begann, dem scheinbar unentbehrlichen Gérard, sein Problem zu unterbreiten.

Nach und nach begann sich bei Karin, die innere Anspannung zu lockern. Doch wusste sie immer noch nicht, warum Dumont sie hatte, zu sich rufen lassen.

Im Labor hingegen steigerte sich die Ungewissheit. Immer wider schauten ihre Kollegen auf die Uhr.

„Jetzt ist sie schon eine halbe Stunde da oben!“ Sagte Jean-Luc erregt.

„Meinst du, dass das schlecht sein könnte?“

„Keine Ahnung, jedenfalls hab ich kein gutes Gefühl.“

Nachdem Dumont das Gespräch mit Gérard beendet und den Hörer wieder aufgelegt hatte, schien er zunächst nach irgendetwas zu suchen, doch dann öffnete er eine Aktei, die vor ihm lag. Doch anstelle gleich den Grund ihrer Anwesenheit zu begründen, meinte er:

„Gérard sagte mir, dass es wohl nichts Schlimmes sei. Ich sage Ihnen, er ist ein Genie! Wenn Sie mal ein Problem mit Ihren Pflanzen haben, fragen Sie ihn um Rat. Sie werden sehen. Sie haben doch sicher auch Pflanzen bei Ihnen zu Hause? Vermute ich mal.“

„Ja schon, aber nur einpaar Kleine auf der Fensterbank.“

„Das ist doch schön. Ich meine, eigentlich sollte jeder einige, Pflanzen besitzen.“

„Aber lassen wir doch mal das Thema „Pflanzen“. Wenn ich sage, Gérard ist ein, Genie, dann stimmt das. Aber er ist nicht, das Einzige, Genie hier im Hause …, habe ich festgestellt. Sie, Mademoiselle Laroche, Sie sind auch eines. In Ihrem Bereich versteht sich.“

„Danke, Monsieur le Directeur …, vielen Dank!“

„Oh, wissen Sie, es wäre eher an uns Ihnen zu danken.“

„Ich verstehe nicht ganz, Monsieur le Directeur. In wiefern? Ich habe doch nichts besonders geleistet.“

„Sagen Sie …, aber Sie werden es gleich erfahren. Doch zunächst kann ich Ihnen bereits vorhersagen, dass Sie demnächst mit einer, sagen wir mal, interessanten, Gehaltserhöhung rechnen können.“

„Nochmals vielen Dank, Monsieur le Directeur!“

Dumont war ein Stratege. Der herzliche Empfang, die Ankündigung einer Gehaltserhöhung und das Genie „Gérard“, war nicht ganz ohne Hintergedanke. Er bemerkte gleich, dass Karin entspannter wirkte. Nun konnte er behutsam zur nächsten Phase übergehen.

„Ich habe hier die kompletten Unterlagen eines sehr wichtigen Projektes. Unsere Mitarbeiter im Ausland arbeiten daran seit ungefähr einem Jahr. Alles streng geheim! Sie sind nicht unwissend, nehme ich an, dass die Konkurrenz ständig auf der Lauer ist.“

„Aber, Monsieur le Directeur, ich verstehe noch nicht, wieso gerade ich, in dieses so geheime Projekt einbezogen werden soll?“

„Nun, Sie erinnern sich doch bestimmt an eine gewisse Versuchsreihe, die Sie vor …, ich erinnere mich nicht genau, vor etwa zwei Jahren durchgeführt haben. Es handelte sich um eine spezielle Legierung. Wir versuchten, ein besonders resistentes Metal herzustellen. Es hat sich herausgestellt, dass Sie damals ein absolut neues, noch unbekanntes Material geschaffen hatten.“

„Ach ja, ich erinnere mich.“

„Sehen Sie …, so kommen wir der Sache schon langsam näher.

Zunächst hatten wir geglaubt, dass die Herstellungskosten zu hoch seien. Doch dann haben unsere Ingenieure die Sache weiterbearbeitet und letztendlich die ideale Lösung gefunden.

Das Projekt wird von unserm Chefingenieur, ein gewisser Monsieur Thompson geleitet. Er hat uns gebeten Sie, Mademoiselle Laroche, zu benachrichtigen, dass er mit Ihnen zusammenarbeiten möchte, um die Arbeiten abzuschließen und das Werk in Betrieb zu nehmen.“

„Es wäre für mich selbstverständlich eine große Ehre mit diesem Monsieur Thompson zusammenzuarbeiten. Nur was könnte ich schon da machen? Ich habe doch keine Ahnung von solchen Maschinen.“

„Das kann ich mir gut vorstellen. Aber mit den Maschinen haben Sie nichts zu tun. Das Ganze ist natürlich computergesteuert. Was Ihre Arbeit angeht, handelt es sich lediglich um Feinabstimmungen, die Sie mit Monsieur Thompson berechnen und dann an unsere Computer Spezialisten weitergeben.

Wenn ich die Worte von Monsieur Thompson an Sie weitergeben kann, dann sage ich: „Diese Dame ist mir hier unentbehrlich!“

„Was soll ich denn nun machen, Monsieur le Directeur?“

„Nun, ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Einerseits werden Sie, mit allem Drum und Dran, viel Geld verdienen. Andererseits ist da etwas, was für Sie vielleicht ein Problem darstellen könnte.

Dieser Standort befindet sich allerdings in Brasilien und Sie müssten, für einige Monate, dorthin umziehen. Sie hätten dort alles was sie benötigen an Ort und Stelle: eine schöne Zweizimmerwohnung, Geschäfte, Restaurant und so weiter. Alles nur einpaar Schritte entfernt. Sie sollten sich nicht vorstellen, dass Sie im Uhrwald leben müssen. Machen Sie sich darüber keine Gedanken, in unsern Gebäuden ist alles aufs Modernste eingerichtet.“

„Aber …, aber, Monsieur le Directeur, warum soweit da unten?“

„Es gibt da mehrere Gründe, Motive, die selbst ich nicht alle kenne. Glauben Sie mir, es wäre für Sie ein einmaliges Erlebnis, eine professionelle, aber bestimmt auch eine persönliche Erfahrung.“

„Meinen Sie, Monsieur le Directeur?“

„Ganz bestimmt, Mademoiselle Laroche. Nehmen Sie sich die Zeit zum überlegen. Es ist ja nicht, als ob es Morgen schon losginge. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Sie frühzeitig noch Urlaub nehmen können. Sie werden jedenfalls noch die Feiertage mit Ihren Eltern verbringen können.

Doch lassen Sie mich es wissen sobald Sie Ihre Endscheidung getroffen haben, damit ich Monsieur Thompson benachrichtigen kann.“

Da nun alles gesagt war, drängte Dumont die Unterhaltung zu beenden. Er entschuldigte sich, denn er hatte noch einen wichtigen Termin auswärts. Dennoch nahm er sich die Zeit, Karin bis zur Tür zu begleiten.

So schwer es ihr auch fiel eine Entscheidung zu treffen, Sie konnte dieses Angebot nicht ablehnen. Nach und nach gewöhnte sie sich an die Idee, bald einer unbekannten Welt gegenüberzustehen.

Kaum eine Woche nach dem Gespräch, teilte sie Dumont ihre positive Entscheidung mit und bereits Anfang Dezember, konnte sie ihren versprochenen Urlaub antreten.

2

Der Linienbus fuhr vorsichtig der Landstraße entlang, durch eine frisch verschneite Landschaft, in Richtung Nantes. Als Karin an der Haltestelle bei der Abzweigung zum Örtchen, „la Pommeraie“, ausstieg, begannen, erneut einige leichte Flöckchen vom Himmel herunter zu schweben.

Bepackt mit ihrer Reisetasche, begab sie sich auf den Weg und die Erinnerungen an ihre Jugend stiegen auf. Sie fragte sich, wie oft sie wohl diesen Weg damals gegangen war.

Im Ort, fast nur ein Weiler, angekommen, näherte sie sich einer schlichten, von der Zeit gebrandmarkten Behausung. Sie trat ein, ohne anzuklopfen, denn wie damals, war die Tür selten verriegelt. Außerdem war dort immer noch ihr existentes Zuhause. Dort fand sie auch heute noch Wärme und Geborgenheit.

Sie öffnete, nur einen Spalt, behutsam die Tür zur Küche, denn sie wusste, dass die beiden sich dort aufhielten, immer noch wie in vergangenen Zeiten.

Der Vater Laroche, nun fast siebzig, zerdrückt von einem harten Leben, hielt schläfrig seinen Platz neben dem alten Herd.

Die Mutter, dreiundsechzig, doch auch sie, gezeichnet von einem Leben voller Arbeit, Besorgnis und Kummer, saß am Tisch und strickte.

Einen Augenblick lang, sah Karin, blitzartig ihre ganze Kindheit.

Es waren immer noch der gleiche Herd, der gleiche Tisch, die gleichen Stühle und die gleichen Nippsachen, nur die Eltern ergrauten.

Obschon benachrichtigt vom Besuch ihrer Tochter, ließen sie sich überraschen.

„Huhu! Da bin ich!“, machte Karin, indem sie die Tür weit öffnete.

Wie plötzlich aus dem Schlaf erwacht, erheben beide gleichzeitig ihre Blicke. Frau Laroche legt sogleich ihr Strickzeug auf den Tisch und kommt mit erhobenen Armen ihrer Tochter entgegen. Der Vater benötigte einen Augenblick länger, um seine alten Knochen in Bewegung zu bringen.

„Ohh …, meine Kleine …, da bist du ja!“

„Guten Tag meine kleine Karin!“, gesellte sich nun auch der Vater hinzu.

„Guten Tag ihr beide! Wie geht es euch, ist alles in Ordnung?“, erkundigte sich Karin.

„Ach ja“, meinte der Vater. „Es geht so, ein Wehwehchen hier, ein Wehwehchen da, so ist das nun mal, wenn man älter wird.“

„Und du, wie ist es mit dir? So wie du uns geschrieben hast, hast du große Fortschritte in deinem Beruf gemacht.“

„Na ja, das könnte man so sagen. Nur, wenn ich gewusst hätte, wohin es mich nun bringt, ich glaube nicht, dass ich mich auf so was eingelassen hätte.“

„Du solltest dich vielmehr darüber freuen, wieder ein Stück weiter voranzukommen. Nun bist du schon so weit, dass du bis nach Amerika kommst. Deine Mutter und dein alter Vater, wir sind sehr stolz auf dich.“

„Oh ja, diese Neuigkeit hat uns sehr gefreut. Wir sind sehr stolz auf unsere Tochter. Man spricht immer wieder darüber und, sogar im ganzen Dorf!“

„Aber Mama …! Ihr habt das doch wohl nicht jedem im Dorf erzählt?“

„Siehst du Karin, du bist doch unser einziges Kind, du hast uns große Freude in unsere alten Tage gebracht. Sei uns nicht böse, mein Kind.“

Karin umarmt ihre Eltern, indem sie ihnen zuflüstert: „Aber nein …, ich bin euch nicht böse.

Aber lassen wir das jetzt. Wir haben noch viel Zeit darüber zu reden. Ich bin ja noch einen ganzen Monat bei euch. Ich muss erst am zehnten Januar nach Paris zurück.“

„Du hast recht Karin“, meinte die Mutter. „Bring erst mal deine Sachen in dein Zimmer. Und in der Zwischenzeit werde ich uns eine gute Tasse Kaffee zubereiten. Du hast bestimmt auch Hunger nach dieser langen Reise?“

„Ja, Mama, ein wenig schon.“

Währendem die Mutter in ihrem Küchengeschirr hantierte und begann den Tisch zu decken, nahm der Vater seinen Platz am Herd wieder ein.

„Naja …!“, seufzte er vor sich hin.

Über eine schmale ächzende Treppe stieg Karin mit ihrer schweren Reisetasche hinauf zu ihrem Zimmer.