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Hätte Sarah ahnen können das eine seit Jahrzehnten leer stehende Villa eines Tages Ihr leben voll und ganz auf den Kopfstellen würde? Nein, wie hätte Sie, dass auch ahnen können, wenn sie an jenem Tag nicht auf das Auto vor der Villa aufmerksam geworden wäre und Ben begegnete. Er war außergewöhnlich und hatte, was Geheimnisvolles an sich das Sarah in den Bann zog. Den er war es, der sie aufklärte, was Ihrem Vater wirklich zugestoßen war das Sie auch noch, in die Fußstapfen des mächtigsten Mannes schlüpfen wird und was für ein außergewöhnliches Leben er geführt hat. Sie musste sich Ihrem Schicksal beugen und Ben in eine Welt begleiten, wo Sie es nie für möglich hielt, dass es wirklich Drachen Kreaturen und Feen gibt, obendrein, musste Sie den bösen Mächten die Stirn bieten. Eines steht fest: Eine ungewisse, schwierige und Gefahren volle Reise wartet auf sie….
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jessica Giffard
Das Medaillon von Ofon
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Inhaltsverzeichnis
Titel
DIE VILLA
DAS GESCHENK
BRIEF VON CYRUS
APOPHIS
DER SCHEIN-URLAUB
UNGEAHNTE KRÄFTE
DAS TRAINING
DIE WAFFEN DER VORFAHREN
DIE REISE INS UNGEWISSE
DIE SCHATULLE
DER BEGLEITER MEINES VATERS
DIE FEDER
DER FEIND
DIE WAHRHEIT
IN DER FALLE
DIE INSEL
DER OFON
DIE KUGEL
DER UNTERIRDISCHE GANG
DIE TINKTUR
DAS MISSTRAUEN WÄCHST
BERG DER FEEN
DIE AUTORIN
KONTAKT:
IMPRESSUM:
Impressum neobooks
Das Medaillon
von
Ofon
JESSICA GIFFARD
Copyright © 2019 Jessica Giffard
All rights reserved.
ISBN:
inhalt
Die Villa
Das Geschenk
Brief von Cyrus
Apophis
Der Schein-Urlaub
Ungeahnte Kräfte
Das Training
Die Waffen der Vorfahren
Die Reise ins Ungewisse
Die Schatulle
Der Begleiter meines Vaters
Die Feder
Der Feind
Die Wahrheit
In der Falle
Die Insel
Der Ofon
Die Kugel
Der unterirdische Gang
Die Tinktur
Das Misstrauen wächst
Berg der Feen
Die Autorin
Kontakt
Impressum
Ich sprang aus dem Bett, zog mich an und lief runter. Meine Mutter stand schon in der Küche und trank ihren Kaffee.
»Morgen Mom.«
»Morgen Schatz, soll ich dir etwas zu Essen vorbereiten?«
»Nein Mom, bin schon spät dran. Muss jetzt los.«
Ich ging zur Tür, öffnete sie und eine leichte Brise streichelte mein Gesicht. Es roch nach süßem Lavendel, den meine Mutter vor zwei Jahren in unseren Garten gepflanzt hatte. Nachdem ich draußen stand, fiel die Tür hinter mir mit einem lauten Knall ins Schloss.EinKnacken im Unterholz ließ mich zusammenfahren. Ich drehte mich zu dem Geräusch um und schaute in Richtung Wald, aber da war nichts zu sehen. Schließlich redete ich mir ein, dass es ein Tier gewesen sein musste, nahm mein Rad, was schon ziemlich alt war und fuhr los. Ich beeilte mich, damit ich am letzten Schultag nicht zu spät zur Schule kam.
Unser Haus stand weit abseits der Stadt, am Ende der Straße. Unser Zaun grenzte an den Wald, in dem ich als Kind immer gespielt hatte. Es war das einzige Haus weit und breit, bis auf das unbewohnte Gebäude, das auf meinem Schulweg lag.
Jeden Tag, wenn ich da vorbeifuhr, hatte ich so ein ungutes Gefühl in der Magengegend, dass ich es nicht beschreiben konnte. Aber heute war das noch stärker, je näher ich dem Anwesen kam. Auf einmal bekam ich Gänsehaut, wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Als ich vor der Villa war, traute ich meinen Augen kaum. Das Tor stand sperrangelweit offen, also hielt ich an und schaute hinein.
Ich konnte nicht viel erkennen, denn die Mauern waren sehr hoch und versperrten meine Sicht. Das Einzige, was ich vom Grundstück sehen konnte, war die gigantische Eingangstür und ein Auto, das auf dem Anwesen parkte. Das wunderte mich, denn eigentlich wohnte niemand hier. Das majestätische Gebäude stand schon seit Jahren leer.
Das alles machte mich noch neugieriger, als ich es schon war, denn ich hatte viele Geschichten über dieses Grundstück und die Villa gehört.
Plötzlich merkte ich, dass ich mitten auf dem Weg, der zu dem Haus führt, stand.
Ich drehte mich um und rannte so schnell mich meine Beine trugen davon. Ich schnappte mein Rad und fuhr los. Als ich in der Schule ankam, war keiner mehr auf dem Pausenhof. Da ich schon spät dran war, ließ ich mein Rad stehen,ohne es abzuschließen und stürmte in das Schulgebäude.
Ich war die Letzte, die das Klassenzimmer betrat, der Lehrer war schon anwesend und schaute verärgert zu mir herüber. Er sah auf die Uhr, sagte nichts und zeigte mit einem Kopfzeichen auf meinen Platz.
Ich setzte mich und nahm mein Buch zur Hand. Meine Gedanken waren allerdings ganz woanders. Ich konnte mich einfach nicht auf den Unterricht konzentrieren. Wieder und wieder war ich im Geiste bei der Villa und konnte es kaum noch erwarten, bis Schulschluss war, um zu sehen, ob der Wagen immer noch dort stand.
Gerade als ich dachte, dass der Schultag gar nicht mehr vergehen würde, klingelte es zum Unterrichtsende. Ich nahm mein Zeug und rannte hinaus, ohne mich auch nur umzusehen oder mich von meinen Klassenkameraden zu verabschieden und schnappte mein Rad, das noch an der Stelle stand, an der ich es zurückgelassen hatte. Als ich gerade losfahren wollte, hörte ich jemanden meinen Namen rufen.
»Sarah!«
Ich drehte mich um. Es war Jane.
»Hallo, Jane.«
»Sarah, wo willst du denn hin? Wir wollten doch heute zusammen etwas unternehmen.«
»Jane, es tut mir leid. Ich kann heute nicht, es ist was dazwischen gekommen und ich muss dringend nach Hause.«
»Wieso? Ist zu Hause etwas passiert?«
»Nein. – Na ja, meine Mutter fühlte sich heute Morgen nicht so gut. Muss schauen, ob es ihr mittlerweile besser geht. Wir können morgen was zusammen unternehmen, wenn es dir nichts ausmacht?«
»Ok, dann bis morgen. Ruf mich an!«
»Das mach ich.«
Nachdem Jane sich Bob zu wandte, mit dem wir schon als Kinder spielten und der auch noch in dieselbe Schule ging wie wir, konnte ich endlich losfahren, wenn auch mit einem schlechten Gewissen, da ich Jane angelogen hatte. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ich unbedingt zur Villa wollte, weil sie nicht verstanden hätte, warum ich wie besessen von diesem Gebäude war.
Wir hatten uns schon früher über die Villa unterhalten. Damals hatte sie gesagt, dass ich spinnen würde und eine lebhafte Fantasie hätte. Ich konnte es ihr nicht erklären, noch nicht mal mir selber, warum ich so besessen davon war und wieso mich das Grundstück so an sich zog.
Ich war aufgeregt und wollte so schnell wie möglich zum verlassenen Anwesen, denn ich war mir nicht sicher, ob ich mir nur etwas eingebildet hatte. Konnte das sein? Entsprang der Wagen in der Auffahrt wirklich meiner Fantasie?
Nein, nein! Es konnte keine Einbildung gewesen sein. Ich war keine Tagträumerin. Gut, nachts hatte ich oft von der Villa geträumt, aber niemals tagsüber.
Schließlich sah ich das Eingangstor. Es war zu, aber nicht abgeschlossen und nun stand es offen. Also hatte ich es mir nicht eingebildet.
Ich stieg vom Rad ab und ging näher heran. Tatsächlich, der altmodische schwarze Wagen war noch dort. Er parkte zwar nicht mehr vor der Eingangstür, sondern war seitlich neben der Villa abgestellt, aber er war da. Ich konnte nur noch den Kofferraum sehen. Eine ganze Weile stand ich da, bevor ich beschloss hineinzugehen.
Was war, wenn ich erwischt werde? Vielleicht konnte ich einfach sagen:
»Willkommen in der Nachbarschaft, wir wohnen nicht weit von hier.«
Zwar ist das nicht gerade sehr originell, aber etwas Besseres fiel mir nicht ein. Ich wollte unbedingt sehen, wer eingezogen war. Vielleicht waren die Leute ja morgen auch schon wieder weg? Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht hineinging und nie erfahren hätte, wer hier war.
Deshalb nahm ich all meinen Mut zusammen, schritt auf das Tor zu und ging hinein. Der Weg zur Villa kam mir unendlich vor. Von draußen sah es gar nicht so weit aus. Ich schob es auf meine Aufregung und ging entschlossen weiter. Schließlich stand ich vor der Eingangstür.
Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich meine Hand ausstreckte, um zu klingeln. Mit einem Mal verließ mich mein Mut und ich wollte gerade wieder gehen, als ich plötzlich hörte, dass die Tür geöffnet wurde. Ich erschrak, drehte mich um und sah, dass ein älterer Herr an der Tür stand.
Er hatte volle, schneeweiße Haare. Falten hatte er noch keine, was, sonderlich war, wenn man bedenkt, dass die Haare schon so weiß waren. Sein Gesicht zeigte keine Emotionen. Ich konnte nicht erkennen, ob ich ihm vertrauen oder die Beine in die Hand nehmen und weglaufen sollte. Angst machte er mir nicht, nur unheimlich war es mir schon, weil er die Tür öffnete, obwohl ich nicht geläutet hatte. Er war korrekt gekleidet, trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und schwarze Schuhe. Alles passte zusammen, es sah einfach perfekt aus. Er sah recht gut aus für sein Alter, obwohl ich natürlich nicht einschätzen konnte, wie alt er war.
»Guten Tag, Miss Clarus.«
Ich sagte nichts. Es kam einfach kein Wort über meine Lippen.
»Kommen Sie bitte herein, Miss Clarus, Sie werden bereits erwartet.«
Wie? Wer erwartet mich? Woher kennen sie meinen Namen? Woher konnten sie wissen, dass ich komme? Mit einem Mal merkte ich, dass ich dieses Gespräch nur in meinem Kopf führte. Noch immer kam kein Ton aus meinem Mund heraus – meine Stimme versagte.
»Bitte, treten Sie ein.«
Ich folgte dem älteren Herrn, ohne zu zögern. Wir kamen in einen riesigen Eingangsraum, fast so groß wie das Haus, in dem ich wohnte. Es war ein sehr eindrucksvoller Raum. Die Wände hingen voller Porträts. Die Personen darauf trugen Kleidung, die ich aus den Geschichtsbüchern kannte. Das müssen Familienmitglieder sein, dachte ich.
»Warten Sie bitte hier, ich sage dem Herrn Bescheid, dass Sie da sind.«
Er verschwand hinter einer der vielen Türen. In der Mitte des Flures war eine Treppe, die hinaufführte. Was dort wohl ist?
Dann fiel mir eine Tür mit zwei Flügeln auf. Was mag hinter der Tür sein? Ich war neugierig und wollte nur hineinschauen, bevor der ältere Herr wiederkam. Also ging ich langsam auf die Tür zu und klopfte leise. Es antwortete niemand. Gut so, dachte ich. Ich öffnete die Tür vorsichtig und streckte meinen Kopf hinein.
»Hallo? Ist da jemand?«
Es kam keine Antwort und ich trat einfach ein. Die Regale an den Wänden waren voller Bücher. In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, der wirklich riesig war. Rechts war ein Kamin, auf dem ein Porträt von einer Frau stand, die bildhübsch war. Wer sie wohl ist?
Mir fiel auf, dass die Kette um ihren Hals fast so aussah, wie die meiner Mutter, die sie allerdings nie trug. Ich verweilte einen langen Augenblick vor dem Porträt und schrak auf, als die Tür aufging.
»Bitte folgen Sie mir, Miss Clarus.«
Als ich den älteren Herrn ansah, fühlte ich, dass mein Gesicht ganz heiß wurde. Was er wohl von mir dachte? Bestimmt nichts Gutes denn ich sollte im Flur warten und nicht hier sein ohne Aufforderung. Ich antwortete nicht und folgte ihm einfach. Doch statt den Raum so zu verlassen, wie wir hereingekommen waren, ging er an mir vorbei, öffnete die Terrassentür und ging hinaus. Ich folgte ihm mit leicht gesenktem Kopf nach. Als wir im Garten waren, sah ich dort einen jungen Mann sitzen, der eine Zeitung las und sich nicht rührte.
»Mr. Albus, Miss Clarus.«
Der Mann legte die Zeitung zur Seite und erhob sich.
»Miss Clarus, schön Sie endlich persönlich kennenzulernen!«
»Guten Tag, Mr. Albus.«
»Nur Ben, bitte. Darf ich Sie Sarah nennen?«
»Hm ... Ja«
»Bitte, setz dich doch.«
Ich setzte mich und konnte meine Augen nicht von ihm lassen. Er hatte etwas an sich, dass mich in den Bann zog, ich aber nicht beschreiben konnte.
»Woher kennen Sie meinen Namen?«
»Sarah, ich werde es dir erzählen, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Nun, erst mal zu deiner Frage. Ich kenne dich bereits seit 15 Jahren und weiß alles über dich und deine Familie.«
»Meine Familie?«
»Ja. Ich kannte auch deinen Vater.«
Ich war wie erstarrt.
»Sarah geht es dir gut? Trink einen Schluck Wasser?«
Er schenkte mir ein Glas Wasser ein und reichte es mir. Ich nahm es, trank und stellte es auf den Tisch ab.
»Aber woher kannten Sie meinen Vater?«
»Du warst zu klein, um dich an mich zu erinnern. Ich selbst war noch ein Kind und sehr oft in eurem Haus. Dein Vater hat mich viel gelehrt.«
»Erzählen Sie mir mehr über ihn! Wie war er so?«
»Er war ein großartiger Mensch. Ich habe immer zu ihm aufgesehen. Wenn man in seiner Nähe war, hatte man immer das Gefühl gehabt, es könne einem nichts passieren. Er war groß, gut gebaut und sehr gebildet. Es gibt viel mehr über ihn zu erzählen, aber ich muss dich erst darauf vorbereiten. Es ist nicht einfach für mich, denn viel Zeit haben wir nicht.«
»Was meinen Sie damit? Reisen Sie denn bald ab?«
»Nein, aber ich muss mich trotzdem beeilen. Später erkläre ich es dir. Am besten erzähle ich dir erst mal was über dieses Haus, bevor wir weiter von deinem Vater reden.«
Ich war schon immer besessen von der Villa und der Geschichte, die dahinter steckte. Endlich hatte ich jemanden, der sie mir aus erster Hand erzählen konnte. Statt jedoch froh darüber zu sein, war ich irgendwie traurig, da ich lieber mehr über meinen Vater erfahren hätte und auf später vertröstet wurde.
»Gehen wir rein.«
Wir gingen nicht zur Terrassentür, sondern nahmen dieses Mal einen anderen Eingang, der weiter rechts lag. Die Tür war relativ klein, unscheinbar und alt. Es war wohl die Tür, die zum Keller führte. Er öffnete sie und ging hindurch. In mir machte sich ein mulmiges Gefühl breit. Trotzdem folgte ich ihm. Als wir unten ankamen, war da nichts, außer einem leeren Raum. Ich schaute mich um und fragte mich, was wir wohl hier wollten. Doch bevor ich etwas fragen konnte, nahm Ben die Kette, die er um seinen Hals trug und richtete sie auf die Wand. Langsam fielen viele kleine Steinbrocken von der Wand auf den Boden. Ein Symbol, das ich nicht erkennen konnte, wölbte sich aus dem Mauerwerk hervor.
Er ging an diese Stelle und legte den Anhänger, der an der Kette hing, auf das Symbol. Es passte genau. Er drehte den Anhänger leicht nach rechts und ging einen Schritt zurück. Plötzlich bewegte sich die Wand und brachte eine eiserne Tür zum Vorschein.
Er streckte die Hand aus und legte seine Handfläche auf eine tiefer gesetzte Stelle am eisernen Türrahmen und drückte sie leicht hinein, woraufhin sich langsam die Tür öffnete.
Als diese endlich offen stand, konnte ich nichts erkennen. Der Raum war stockdunkel. Anscheinend waren dort keine Fenster. Ich zögerte und wusste nicht, was ich machen sollte. Ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Ben trat ein und schaltet das Licht an.
»Komm nur rein, ich tue dir nichts. Ich möchte dir nur etwas zeigen.«
Schließlich trat ich ein. Das Erste, was ich sah, war ein Porträt von einem gutaussehenden Mann. Aus irgendeinem Grund war mir das Gesicht vertraut. In dem Raum waren auch sehr alte Artefakte und Waffen, die üblicherweise in Museen zu finden sind. Einig davon waren in Vitrinen aufbewahrt und andere hingen an den Wänden. Diese hier waren so gut erhalten, dass ich dachte, sie seien nachgebaut worden. Viel mehr war nicht im Raum.
»Sarah, das ist Cyrus. Er hat die Villa bauen lassen vor über 500 Jahren.«
»Das Haus ist über 500 Jahre alt? Wie ist das nur möglich? Es sieht gar nicht so alt aus.«
»Nun alle 50 Jahre wurde das Haus komplett saniert und der Zeit angepasst, damit man nicht auf Anhieb sieht, dass es so alt ist. Da das Grundstück weit abseits liegt und niemand hier vorbeifährt, ist es auch niemandem aufgefallen.«
»Was ist mit dem Herrn des Hauses geschehen?«
»Das kommt später. Zuerst muss ich dir alles andere erzählen. Dazu müssen wir wieder hochgehen.«
Wir nahmen eine Treppe nach oben. Als er die Tür öffnete, standen wir wieder im Eingangsbereich der Villa. Wir blieben vor einem Frauenporträt stehen.
»Das ist Terra, die Schwester des Herrn.«
Er deutete auf weitere Porträts:
»Hier siehst du ihren Ehemann und die Kinder sowie ihre Enkelkinder. Leider endet hier die Nachkommenschaft der Schwester durch einen tragischen Unfall.«
Bevor ich etwas fragen konnte, lief er weiter zu der Tür, hinter der sich das Arbeitszimmer befand und trat ein. Ich grübelte, ob er wusste, dass ich schon hier war, aber wann sollte es ihm der Butler gesagt haben?
»Das hier war die Mutter des Herrn. Sie starb im Alter von 150 Jahren. Tatsächlich war sie noch ganz fit. Trotz ihres hohen Alters war es für den Herrn sehr schmerzhaft. Erst die Schwester, dann die Mutter. Plötzlich war er ganz alleine.«
Ben machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach.
»Obwohl er ein sehr beschäftigter Mann war und durch die ganze Welt reiste, fühlte er sich einsam. Aber an einem schönen Sommerabend begegnete ihm eine Frau, die sein Leben verändern sollte. Nur kurze Zeit später machte er ihr einen Antrag.
Sie war noch relativ jung, gerade mal in deinem Alter. Sie heirateten und bekamen kurz darauf eine wunderschöne Tochter. Nun war das Glück perfekt, bis …«
Er verstummte. Ich wartete ein paar Sekunden, doch ich konnte es kaum abwarten, bis er weitererzählte.
»Bis was?«
»Bis er bei einem Spaziergang im Wald jemandem begegnete, der ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Der Realität seines Lebens, die er die ganze Zeit geheim gehalten hatte. Die er verdrängen und vergessen wollte, da er überglücklich mit der Frau und seiner Tochter war, die er beide über alles geliebt hatte. Weißt du, er hatte ungewöhnliche Kräfte, die er von Zeit zu Zeit benutzte, um Menschen und anderen zu helfen, die in Not waren. An jenem Tag stand er vor der schwersten Entscheidung seines Lebens. Er musste fortgehen, da er die Menschen, die er mehr liebte als sich selbst, nicht in Gefahr bringen wollte.«
Wieder eine Pause. Mein Körper begann zu kribbeln. Es war, als würde ich unter Strom stehen.
»Er ging nach Hause und redete mit seiner Frau. Natürlich sagte er ihr nicht die Wahrheit, um sie nicht zu beunruhigen. Er sagte ihr nur, dass er sofort abreisen müsse und er nicht wissen würde, wann er zurückkommen könnte. Die Frau war sehr beunruhigt. Sie hatte in seinen Augen gesehen, dass irgendetwas nicht stimmte.
Auf die Frage, was passiert war, antwortete Cyrus, dass alles in Ordnung sei und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Er würde sich melden, auch wenn bis dahin viel Zeit vergehen könne.
Als er seine Tochter in die Arme nahm, kamen ihm die Tränen. Er verbarg sie vor seiner Frau. So sehr er es sich auch wünschte, er konnte nicht bleiben, sondern musste das in Ordnung bringen, worüber er nicht sprach - auch wenn es ihm das Leben kosten würde.
Schließlich riss er sich zusammen, um seine Frau nicht noch mehr zu beunruhigen. Er nahm ein kleines Gepäck und fuhr fort. Das Letzte, das er sah, war der traurige Blick seiner Frau und das Lächeln seiner Tochter.«
»Und kam er zurück?«
»Er kam nicht zurück.«
»Was passierte mit ihm?«
»Das weiß keiner.«
»Und was passierte mit seiner Frau und der Tochter?«
»Sie leben noch.«
»Wo? Die Villa gehört doch ihnen?«
»Das ist nicht einfach zu erklären. Sie wissen nichts von der Villa, denn Cyrus baute ein bescheidenes Haus weiter weg, damit er sein Geheimnis hüten konnte. Hätte er seine Frau hergebracht, hätte sie viele Fragen gestellt und das wollte er vermeiden. Sie wohnen nicht weit von hier.«
»Ja, wer sind sie und wo wohnen sie?«
»Sarah, nun ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll …«
»Vielleicht kenne ich sie ja?«
»Sarah, Cyrus ist dein Vater. Du bist die Erbin dieses Grundstücks. Du hast nicht nur die Villa geerbt, sondern auch die Kräfte deines Vaters.«
Ich verstummte. Mir war auf einmal schwindlig und ich schaute mich um nach einem Platz, wo ich mich hinsetzten konnte. Ich schaute zu Ben und sah, dass er ganz ernst war. Schließlich riss ich mich zusammen.
»Das ist nicht wahr, oder? Sie machen sich lustig über mich! Mein Vater ist tot!«
»Nein Sarah, ich sage dir die Wahrheit. Deine Mutter erzählte dir, dass dein
Vater durch einen Flugzeugabsturz starb, nicht wahr?«
»Ja.«
»Sie liebt dich so sehr, dass sie nicht wollte, dass du verletzt wirst. Sie konnte es einfach nicht übers Herz bringen, dir zu sagen, dass dein Vater fortgegangen ist und nicht wieder kommt. Du solltest deinen Vater nicht hassen.«
Ich war den Tränen nah. Sollte ich mich freuen, dass ich endlich die Wahrheit über meinen Vater erfuhr? Oder traurig darüber sein, dass er fortging, um uns zu retten?
»Warum jetzt? Warum hast du so lange gewartet, um es uns zu erzählen?«
»Dein Vater dachte nicht, dass es so lange dauern würde. Er wollte es euch selbst sagen, wenn die Gefahr gebannt war, aber er schaffte es nicht. Es wäre zu gefährlich gewesen, ohne deinen Vater hier zu leben. Die hätten euch gefunden. Das war das Einzige, was zählte.«
»Ich verstehe nicht, was sich geändert hat.«
»Sarah, anscheinend hörst du mir nicht richtig zu. Du hast zwar die Kräfte deines Vaters und könntest dich selbst vor der Gefahr, die euch bedroht, schützen, aber um mehr zu tun, brauchst du Training. Das hättest du als Kind nicht geschafft. Nun bist du soweit und jetzt komme ich ins Spiel. Ich werde dich alles lehren, was ich weiß.«
»Ich verstehe nicht ganz, was du mit Kräften meinst.«
»Sarah, deine Mutter hat eine Kette von deinem Vater bekommen, nicht wahr? Sie trägt sie aber nie, nicht wahr?«
»Ja, woher weißt du das?«
»Ich sagte doch, dass ich alles weiß. Diese Kette schützt euch vor Gefahren, solange sie in eurem Besitz ist. Was die Kräfte betrifft, werde ich dir dazu mehr in den nächsten Tagen erklären.
Es ist spät geworden. Deine Mutter wird sich schon Sorgen machen. Bevor sie bei Jane anruft und erfährt, dass du nicht mit ihr zusammen warst, solltest du gehen. Sie wird wissen wollen, wo du gesteckt hast. Du darfst ihr auf keinen Fall erzählen, dass du hier warst.«
»Warum nicht?«
»Sie darf es noch nicht erfahren, jedenfalls nicht, bevor du nicht alles weißt und bereit bist, es ihr selbst zu erzählen. Es wäre im Moment noch zu gefährlich. Ich werde dich jetzt nach Hause fahren. Sie ist kurz davor deine Freundin anzurufen.
Kurz vor der Kurve, die zu eurem Haus führt, setze ich dich ab. Den Rest musst du radeln, denn deine Mutter darf den Wagen nicht sehen, sonst würde sie dir Fragen stellen.«
Wir gingen hinaus. Das Auto stand bereits mit laufendem Motor vor der Tür. Ich sah, dass mein Rad, das ich am Tor stehen gelassen hatte, im Kofferraum verstaut worden war, der noch einen Spalt offen stand.
Wir stiegen ein und fuhren los. Schweigend saßen wir nebeneinander, die ganze Fahrt über. Als ich sah, dass wir fast da waren, platzte es aus mir heraus:
»Wann soll ich morgen kommen?«
»Du wolltest dich morgen mit Jane treffen. Du kannst sie doch nicht morgen schon wieder versetzen. Sie würde merken, dass etwas nicht stimmt. Das können wir nicht riskieren.«
»Nein! Das hier ist viel wichtiger! Ich habe für sowas keine Zeit.«
»Es geht nicht, Sarah. Du musst dich wohl oder übel mit ihr treffen, bevor sie anfängt Fragen zu stellen, die du nicht beantworten kannst.«
»Aber …«
»Gut, dann machen wir es so. Ich hole dich morgen Früh da ab, wo ich dich heute abgesetzt habe und fahre dich in die Stadt. Auf dem Weg können wir uns unterhalten. Später, wenn du fertig bist, können wir uns treffen. Ich hole dich ab und wir fahren zur Villa. Ist das ok?«
»Ja, gut.«
Kurz darauf hielt der Wagen an. Ben stieg aus, ging zum Kofferraum und holte mein Rad heraus.
»Sarah, weiter kann ich nicht fahren, deine Mutter würde sonst den Wagen hören. Das letzte Stück musst du mit dem Rad fahren. Wir sehen uns morgen.«
»Ok. Wann soll ich morgen hier sein?«
»Egal wann du kommst, ich werde da sein.«
»Egal wann?«
»Ich sagte doch, egal wann, ich bin hier.«
Ben stieg ein, wendete das Auto und fuhr los. Ich schaute ihm nach, bis ich den Wagen nicht mehr sah. Schließlich stieg ich aufs Rad und fuhr los. Es war wirklich nicht mehr weit. Hinter dem Hügel war unser Haus. Meine Mutter stand draußen und sah die Straße hinauf. Als ich sie sah, befürchtete ich, dass sie den Wagen gehört haben könnte.
»Hallo Mom!«
»Sarah, wo bist du gewesen? Ich habe mir schon Sorgen gemacht! Du hast doch gesagt, dass du um 5 Uhr zu Hause sein wirst. Du bist eine halbe Stunde zu spät. Ich wollte gerade Jane anrufen.«
»Tut mir leid, dass ich zu spät komme, Mom.«
»Du weißt doch, dass ich nicht möchte, dass du mit dem Rad noch unterwegs bist, wenn es dunkel wird.«
»Ja, Mom. Ich hätte dich angerufen, wenn ich es nicht mehr geschafft hätte.«
»Nun gut. Mir kam es vor, als hätte ich ein Auto gehört. Hast du vielleicht eins gesehen?«
»Ja, der Fahrer hat sich verfahren und ich hab ihm den Weg erklärt. Er ist zurückgefahren, als er hörte, dass hier die Straße endet.«
»Gut, gehen wir rein. Das Abendessen steht schon auf dem Tisch, wir können gleich essen.«
Ich hatte eigentlich keinen Hunger, doch das konnte ich meiner Mutter nicht sagen, sie hätte nur Fragen gestellt. Also setzte ich mich und fing an zu essen. Da ich keinen Appetit hatte, schob ich mit der Gabel das Essen auf meinem Teller hin und her.
»Sarah, was ist los? Du isst ja gar nichts. Bedrückt dich etwas?«
»Nein, Mom, ich habe keinen Hunger und ich bin ein wenig erschöpft, das ist alles.«
»Ok, Schatz, leg dich ein wenig hin. Ich räume alles auf.«
»Danke, Mom.«
Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Ich überlegte, ob ich Jane für morgen auch absagen sollte, denn für mich war es wichtiger, mich mit Ben zu treffen und mehr über meinen Vater zu erfahren. Doch dann fiel mir ein, was Ben gesagt hatte. Keiner darf Verdacht schöpfen und ich wusste auch nicht, was ich Jane sagen sollte.
Ich konnte nicht wieder behaupten, dass es Mom nicht gut ging, sie würde herkommen und nach ihr sehen wollen. Sie mochte meine Mom sehr. Außerdem wollte ich sie nicht wieder anlügen.
Ich musste mich wohl oder übel zusammenreißen, bis ich alles über meinen Vater erfahren hatte, ohne dass jemand von Ben erfuhr. Das Einzige, was ich tun konnte, war, dass ich die Verabredung ein wenig verschob, um mit Ben mehr Zeit verbringen zu können. Also nahm ich das Telefon und rief Jane an.
»Hallo?«
»Hallo Jane, wie geht es dir? Tut mir noch mal leid wegen heute, dass ich so plötzlich absagen musste.«
»Ist schon okay, Sarah. Geht es deiner Mutter besser?«
»Ah ja, sie hat sich nur den Magen verdorben. Es geht ihr schon besser.«
»Dann können wir uns ja morgen treffen!“
»Ja, wie wäre es um 11.00 Uhr? Ist dir das recht?«
»Ist das nicht ein bisschen zu spät? Wir können uns doch schon um 10.00 Uhr treffen.«
»Du hast ja leicht reden, ich muss noch den ganzen Weg in die Stadt radeln. Das hieße, noch eine Stunde früher aufzustehen und das in den Ferien.«
»Du hast ja recht. 11.00 Uhr ist auch gut. Hast du dir schon überlegt, was wir morgen machen wollen?«
»Nein, ich überlasse es dir. Zur Wiedergutmachung für heute, weil ich dich versetzt habe. Wir machen einfach das, worauf du Lust hast.«
»Also gut! Ich überlege mir was. Lass dich überraschen, wir werden morgen viel Spaß haben!«
»Gut, bis morgen.«
»Ok, bis dann. Sag deiner Mutter gute Besserung von mir.«
»Mach ich.«
Kaum hatte ich aufgelegt, klopfte es an der Tür.
»Ja?«
»Schatz, darf ich reinkommen?«
»Natürlich, Mom!«
Sie setzte sich zu mir aufs Bett und schaute mich traurig an.
»Ich weiß, dass du erschöpft bist, aber ich möchte dir das geben. Hier Schatz, dein Geburtstagsgeschenk.«
»Ich habe doch erst in zwei Wochen Geburtstag!?«
»Ich weiß, Schatz.«
Sie reichte mir ein Päckchen, das sehr schön eingepackt war.
»Nun mach schon auf.«
Ich muss zugeben, ich war ein bisschen aufgeregt, denn ich hatte nicht mit einem Geschenk gerechnet, da ich wusste, dass Mom im Moment knapp bei Kasse war. Ich wickelte das Päckchen aus und öffnete es.
»Mom, das ist doch die Kette, die dir Papa geschenkt hat. Das kann ich nicht annehmen!«
»Ich weiß, dass dir die Kette immer gefallen hat, Schatz. Sie gehört dir. Sie hat immer dir gehört, denn dein Vater gab sie mir, um sie für dich aufzubewahren. Ich musste ihm versprechen, dass ich sie dir genau heute gebe, zwei Wochen vor deinem Geburtstag. Er hat mir nie gesagt warum, aber für ihn war es sehr wichtig, dass du sie heute erhältst.«
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu weinen. Erst hörte ich heute, dass mein Vater nicht bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und jetzt bekomme ich zum Geburtstag von meinem Vater ein Geschenk.
»Schatz, ich lasse dich mal alleine.«
Ich war mit meinen Gedanken woanders. Ich hatte nur gehört, dass die Tür ins Schloss fiel. Die Kette sah irgendwie anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.
Auf einmal schrak ich auf. Ich ließ die Kette auf das Bett fallen und trat einen Schritt zurück. Hatte sich das Symbol des Anhängers verändert? Es sah doch eben noch anders aus.
Ich nahm die Kette vorsichtig in die Hand und schaute sie mir genauer an. Sie hatte die Form eines Vogels. Zwar konnte ich nicht genau erkennen, was das für ein Vogel war, doch er war deutlich zu sehen.
Ich ging zum Spiegel, legte mir die Kette um den Hals und betrachtete mich. Sie war wunderschön. Mir kam plötzlich in den Sinn, dass ich mich bei meiner Mom noch nicht bedankt hatte. Ich nahm die Kette ab, denn wie hätte ich ihr erklären können, dass es dieselbe Kette ist, die sie mir geschenkt hatte? Ich verstaute sie vorsichtig im Kästchen und ging hinunter. Meine Mutter stand an der Spüle und wusch das Geschirr. Sie bemerkte nicht, dass ich hinter ihr stand.
»Mom?«
»Schatz, du hast mich erschreckt.«
»Tut mir leid, Mom. Ich wollte mich für das wunderschöne Geschenk bedanken und dir sagen, dass ich dich lieb habe.«
»Es freut mich, dass dir die Kette gefällt, Schatz. Das Geschenk ist aber von deinem Vater.«
»Nein Mom, es ist von euch beiden. Schließlich hast du es all die Jahre für mich aufbewahrt.«
»Hast du Lust auf eine Nachspeise? Du hast nichts zum Abendbrot gegessen.«
»Ok, was gibt es zum Nachtisch?«
»Eine kleine Torte.«
Sie gab mir ein Stück, fast schon übertrieben groß, aber ich sagte nichts.
»Danke, Mom.«
Als ich die Hälfte geschafft hatte, konnte ich nicht mehr.
»Mom, ich bin voll. Ich kann nicht mehr.«
»Ist schon gut, Schatz. Du musst nicht alles essen. Willst du vielleicht noch mit mir Fernsehen?«
»Ich würde liebend gern, Mom, aber ich treffe mich morgen mit Jane. Vielleicht morgen Abend. Jetzt geh ich lieber ins Bett, denn es fällt mir schwer die Augen offen zu halten. Gute Nacht, Mom.«
»Gute Nacht, Schatz.«
Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Draußen war es dunkel geworden, dennoch schaltete ich das Licht nicht ein. Ich wollte ein wenig im Dunkeln bleiben und den Tag Revue passieren lassen, also ließ ich mich aufs Bett fallen.
Auf einmal spürte ich etwas Hartes unter mir. Es tat weh. Ich musste wohl das Päckchen von der Kette auf dem Bett vergessen haben. Ich setzte mich auf und nahm es in die Hand. Was ist das? Es ist ja noch eingepackt?
Nun schaltete ich doch das Licht ein und sah, dass es nicht das Päckchen von meiner Mom war. Wie ist es nur hier hergekommen? Ich schaute zum Fenster. Es stand offen. Kann es sein, dass jemand dadurch gestiegen war?
Ich rannte zum Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit. Nichts. Meine Mom kann es nicht gewesen sein. Sie war die ganze Zeit unten mit mir. Ich setzte mich wieder aufs Bett und schaute mir das Päckchen genauer an. Schließlich packte ich es aus. Darin lag eine Karte. Ich nahm sie heraus und sah, dass ein Ring unter der Karte steckte. Er war sehr schön und hatte den Kopf eines Pferdes. Wer kann das nur gewesen sein? Neugierig faltete ich den Zettel auseinander.
>Hallo Sarah, alles Gute zum Geburtstag.
Ben<
Das konnte nicht wahr sein. Wie war er in mein Zimmer gekommen? Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Wieso sollte er mir ein Geschenk machen? Wir kannten uns doch erst seit ein paar Stunden. Ich nahm den Ring aus der Schachtel, betrachtete ihn und probierte ihn an. Er war zu groß. Was er sich wohl dabei gedacht hatte? Glaubte er, meine Finger seien so dick, dass er mir einen Riesenring schenken müsse?
Ich steckte den Ring zurück in die Schachtel und legte sie auf meinen Nachttisch, bevor ich mich auf meinem Bett ausstreckte. Warum hatte er mir so ein Geschenk gemacht? Ich setzte mich wieder auf, nahm den Ring erneut aus der Schachtel und schaute ihn mir noch einmal an.
Als ich ihn nochmal ansteckte, passte er sich plötzlich meinem Finger an und saß perfekt.
Eilig nahm ich den Ring wieder ab. Was ist heute nur los, verdammt? Erst verändert sich der Anhänger, den ich von meinem Vater bekommen habe und jetzt schmiegte sich der Ring meinem Finger an.
Entweder fing ich an zu spinnen, oder es passierte wirklich etwas. Es würde mir nur kein Mensch glauben. Ich legte den Ring wieder zurück in die Schachtel und steckte ihn in meine Tasche. Ich würde ihn Ben morgen zurückgeben. Das Geschenk konnte ich einfach nicht annehmen.
Ich legte mich wieder aufs Bett und dachte an meinen Vater und an all das, was Ben mir erzählt hatte. Was werde ich wohl morgen noch erfahren? Ob Ben wusste, was mit meinem Vater passiert ist?
Ich musste wohl eine ganze Weile so da gelegen haben, denn ich bemerkte, dass es heller wurde. Wenn ich jetzt einschlafen würde, würde ich den ganzen Tag verschlafen. Also stellte ich mein Handy auf 7.00 Uhr und drehte mich zur Seite.
Als der schrille Ton des Handys mich aus dem Schlaf riss, sprang ich sofort auf. Hastig zog ich mich an und schaute, ob das Päckchen noch in meiner Tasche war, denn ich war mir nicht sicher, ob ich nur geträumt hatte. Doch es war da, alles war real gewesen.
Damit meine Mom den veränderten Anhänger nicht sah, knüpfte ich mein Hemd bis oben hin zu. Gerade als ich die Treppe nach unten ging, kam meine Mutter aus ihrem Zimmer.
»Schatz, was machst du so früh auf den Beinen? Du hast doch Schulferien. Ist was passiert?«
»Nein Mom, ich treffe mich mit Jane.«
»So früh?«
Da ich wusste, dass meine Mutter mich fragen würde, warum ich so früh aus dem Haus gehe, hatte ich mir schon am Abend eine Antwort zurechtgelegt.
»Ich treffe mich um 09.00 Uhr mit Jane.«
»Und wo willst du jetzt hin? Du hast doch noch über eine Stunde Zeit?«
»Zum Teich, um ein bisschen alleine zu sein.«
»Ja, ich weiß, dass du immer dahin fährst, wenn du deinen Vater vermisst. Er fuhr immer mit dir dorthin. Du hast viel Zeit mit deinem Vater dort verbracht, aber muss es denn so früh am Morgen sein?«
»Ich bin einfach früh aufgewacht. Mach dir keine Sorgen, Mom.«
»Wenn du es sagst. Möchtest du nicht wenigstens einen Kaffee, bevor du gehst?«
»Nein Mom, ich trinke mit Jane einen Kaffee.«
»Ok, schon gut. Dann macht euch einen schönen Tag.«
Als ich die Tür hinter mir schloss, war ich froh, dass die Unterhaltung mit meiner Mom kurz war. So sehr ich sie auch liebte, sie konnte wirklich anstrengend sein, erst recht, wenn sie sich Sorgen machte. Leider machte sie sich ständig Sorgen.
Ob Ben schon da war? Es war noch sehr früh. Er würde bestimmt noch nicht auf mich warten. Aber ich wollte keine Zeit verlieren. Ich wollte schon da sein, sobald er ankam. Also nahm ich mein Rad und fuhr los. Als ich den Hügel erreichte, hatte ich wieder dieses komische Gefühl, dass ich nicht zuordnen konnte.
Schließlich sah ich die Kurve, an der er mich gestern abgesetzt hatte. Ben war nicht da und es war auch kein Wagen zu sehen. Ich war enttäuscht, denn obwohl mein Verstand mir sagte, es sei noch zu früh, hatte ich doch insgeheim gehofft, dass er schon auf mich warten würde. Ich fuhr langsamer. Als ich fast an der Kurve war, sah ich Ben und mein Herz schlug schneller.
»Hallo Sarah.«
»Hallo!«
»Der Wagen steht weiter weg, wir müssen ein Stück laufen. Ich wollte nicht riskieren, dass deine Mutter ihn wieder hört.«
»Aber woher wissen Sie, dass sie das Auto gehört hat?«
»Wir haben doch abgemacht, dass wir uns duzen.«
»Ok, also woher wusstest du das? Sie hatte ihn wirklich gehört und mich gefragt, ob ich ein Auto gesehen hätte.«
»Was hast du ihr gesagt?«
»Dass sich der Fahrer verfahren hätte und mich nach dem Weg gefragt hat.«
»Das hast du gut gemacht, Sarah. Denn sie darf noch nichts von mir erfahren, bis ich dir alles erzählt habe. Gib mir dein Rad, Sarah!«
Er nahm mein Rad und schob es neben sich. Wir liefen bis zum Auto. Es stand nur ein Stück weiter. Bis wir drin saßen, sagten wir kein Wort zueinander. Er hatte mein Rad wieder in den Kofferraum verstaut und fuhr los. Plötzlich fiel mir der Ring ein.
»Du warst gestern in meinem Zimmer und hast mir das aufs Bett gelegt.« Ich zeigte ihm das Päckchen. »Ich kann das nicht annehmen, wir kennen uns doch erst seit gestern.«
»Erstens kenne ich dich schon sehr lange, du weißt erst seit gestern von meiner Existenz. Und zweitens, das Geschenk ist nicht von mir. Ich sollte es dir nur aushändigen. Lass uns in der Villa darüber reden.«
»Von wem ist es denn, wenn es nicht von dir ist?«
»Sarah, ich sagte doch, lass uns in der Villa darüber reden.«
Ich nickte und schaute hinaus. Das Wetter war wunderbar heute. Überall saßen Vögel in den Bäumen und zwitscherten ihr ganz eigenes Lied. Obwohl ich jeden Tag diesen Weg zur Schule fuhr, hatte ich mir nie die Zeit genommen, die Natur zu genießen.
Mir kam es vor, als ob ich an einem anderen Ort wäre. Es schien alles schöner, heller und grüner. Ich genoss die Fahrt durch den Wald. Als wir uns der Villa näherten, sah ich, dass jemand am Tor wartete, um uns einzulassen. Ben hielt am Hauseingang, stieg aus und kam zu meiner Tür.
»Willst du nicht aussteigen?«
»Ja!«
Aber ich zögerte. War mir doch nicht mehr sicher, ob ich das Richtige gemacht hatte, keiner wusste, dass ich hier war. Als ich ausstieg, wollte ich nicht, dass Ben bemerkte, dass ich unsicher war. Wenn ich mehr über meinen Vater erfahren wollte, musste ich in die Villa. Der Butler wartete bereits an der Tür.
»Guten Morgen, Miss Clarus.«
»Guten Morgen, Mr. Andors.«
»Treten Sie bitte ein, Miss Clarus.«
»Danke.«
Ich ging hinein, Ben folgte mir. Als wir im Flur waren, blieb ich stehen und drehte mich um. Ich sah, wie Ben etwas einsteckte, das er kurz zuvor vom Butler erhalten hatte. Ich konnte zwar nicht genau erkennen, was es war, aber ich konnte sehen, dass es rot schimmerte.
Da Ben wusste, dass ich gesehen hatte, wie er das rote Etwas eingesteckt hatte, kam er mit einem Lächeln auf mich zu.
»Lass uns in den Garten gehen, das Wetter ist wunderschön heute.«
Ich folgte ihm und beobachtete beim Gehen, wie der Butler hinter einer Tür verschwand. Die Tür passte nicht zum Haus. Alles hier war riesig. Alle Türen waren entweder sehr groß oder mit zwei Flügeln versehen. Doch diese hier war unscheinbar und schmal. Ich kam zu dem Schluss, dass es sein Zimmer sein musste und folgte Ben in den Garten. Als wir draußen waren, blieb er stehen.
»Bitte, nach dir.«
Ich hatte das Gefühl, dass er mir meine Unsicherheit ansah. Deswegen nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und lief sicher und aufrecht an ihm vorbei, bis ich mich schließlich auf einen Gartensessel setzen konnte. Er nahm mir gegenüber Platz. Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gezogen.
Irgendwie war ich in seiner Anwesenheit unsicher. Er hatte etwas an sich, das ich nicht erklären konnte. Er wirkte sehr selbstbewusst, stark und sich seiner Sache sicher. Schließlich brach er das Schweigen.
»Wie trinkst du deinen Kaffee, Sarah?«
»Schwarz.«
»Möchtest du noch was dazu? Ich weiß, dass du noch nicht gefrühstückt hast.«
»Nein, danke.«
Er schaute zum Haus hinüber und nickte. Als ich in die gleiche Richtung schaute, bemerkte ich, dass sich die Gardinen bewegten. Er musste dem Butler eine Anweisung gegeben haben.
»So, kommen wir zu dem Geschenk, das ich dir aufs Bett gelegt habe.«
»Ja, wie bist du eigentlich in mein Zimmer gelangt? Es ist im ersten Stock und durch die Eingangstür bist du nicht gekommen! Ich hätte, also, wir hätten, meine Mutter und ich, hätten dich sehen müssen.«
»Das erkläre ich dir ein anderes Mal.«
Er schaute an mir vorbei und lächelte, als er sagte:
»Danke, Andors.«
Ich drehte mich um und sah, dass der Butler direkt hinter mir stand. Ich hatte ihn nicht kommen hören. Zwar weiß ich, dass Butler immer unsichtbar sein mussten und immer im Hintergrund waren, aber dass sie auch noch so leise waren, war mir neu.
»Miss Clarus, Ihr Kaffee.«
»Danke, Mr. Andors.«
Er hatte etwas Liebenswertes an sich. So wie er mich ansah, in den Augen kann man etwas sehen, aber nicht fühlen, das ich nicht verstand, schließlich kannte ich ihn nicht.
