Das Meer der Aswang - Allan N. Derain - E-Book

Das Meer der Aswang E-Book

Allan N. Derain

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Beschreibung

Die Anzeichen sind nicht mehr zu übersehen: Das Mädchen Luklak verwandelt sich in ein Krokodil. Genau genommen in eine Aswang, ein mythisches Wesen der Philippinen. Fasziniert entdeckt Luklak die Kraft ihres neuen Körpers, doch ihr Vater verzweifelt. Auf der Suche nach einem Heilmittel zieht er durchs Dorf, wo die Bewohner sich fürchten vor einem drohenden Piratenangriff. Luklaks Vater möchte bei den Weisen Beistand erbitten, doch als sich ein spanischer Pater, ein Affe in einer roten Hose und ein Haufen Seelenvögel einmischen, gerät das Unterfangen außer Kontrolle. In einem rauschenden Roman erzählt Allan Derain von Geisterwesen, Mythen und Legenden, von eifrigen Priestern und Kolonialherren, von Vater und Tochter und dem erstaunlichen Weg eines mutigen Mädchens.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch

Das Mädchen Luklak kann eines Morgens nicht mehr aufstehen – sie verwandelt sich in ein Krokodil. In eine Aswang, ein mythisches Wesen der Philippinen. Ihr Vater ersucht Beistand bei den Weisen, doch zwischen Geisterwesen, eifrigen Priestern, Kolonialherren und Seelenvögeln wird die Suche zu einer rauschhaften Odyssee.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Allan N. Derain ist Autor, unterrichtet Kreatives Schreiben, Kunstgeschichte und Philippinische Literatur an der Ateneo de Manila University und ist Direktor des Ateneo Institute of Literary Arts and Practices. Mehrere seiner Bücher wurden mit dem Philippine National Book Award ausgezeichnet.

Zur Webseite von Allan N. Derain.

Annette Hug (*1970) studierte Geschichte in Zürich und Women and Development Studies in Manila. Sie ist freie Autorin und Übersetzerin Philippinischer Literatur und veröffentlicht Reportagen aus den Philippinen, Shanghai und Seoul. 2017 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Zur Webseite von Annette Hug.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Allan N. Derain

Das Meer der Aswang

Roman

Aus dem Filipino (Tagalog) von Annette Hug

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2021 bei Ateneo de Manila University Press, Manila.

Die Arbeit der Übersetzerin wurde unterstützt von: Pro Helvetia, Atelieraufenthalt in Paris der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich.

Die Übersetzung aus dem Tagalog wurde von den Philippinen, Ehrengast Frankfurter Buchmesse 2025 gefördert, bestehend aus dem National Book Development Board of the Philippines, der National Commission for Culture and the Arts, dem Department of Foreign Affairs und dem Office of Senator Loren Legarda. 

Originaltitel: Aswanglaut

© by Allan Alberto N. Derain and Ateneo de Manila University 2021

Diese Ausgabe erscheint in Vereinbarung mit der Ateneo de Manila University Press

© by Unionsverlag, Zürich 2025

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Illustrationen auf dem Umschlag und im Inhalt von Allan Alberto N. Derain

Umschlaggestaltung: Sven Schrape

ISBN 978-3-293-31194-7

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 01.08.2025, 12:16h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

DAS MEER DER ASWANG

 – ManifestGeschwister am Anfang der GeschichteVerschlossene KraftDie Jagd nach dem Affen mit der roten HoseZwei Besuche für LuklakDas Besäufnis in Erwartung des WeltuntergangsDie neue AswangDank und NachweiseNachwort der ÜbersetzerinPersonenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

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Über Allan N. Derain

Über Annette Hug

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Manifest

Die fliegende Aswang ist frei, wenn sie fliegt, und die gehende ist frei, wenn sie geht. Da sind also zwei Arten der Aswang: die fliegende und die gehende. Die eine geht und ist nicht zum Fliegen zu zwingen, so wie die Fliegende niemals gehen wird.

Denn die Aswang muss frei sein. Frei von administrativen Aufgaben und Komitees, von Steuern, von Gefälligkeiten, vom Raucher nebenan, von Politikerreden, von abschätzigen Bemerkungen der Nachbarn, von Wänden, Verlautbarungen an Wänden, vom Rotstift, vom zunehmenden Mond, von der Astrologie, vom Geschirrabwaschen, von Strom- und Wasserrechnungen, von der Kirche, von Familienpflichten, zum Beispiel der Pflege von Kranken, von Gesetzen, vom Verkehr, von Manifesten wie diesem hier, vom Markt, von Jubiläen, von Mitmenschen, von Mitmonstern, vom eigenen Körper, vom Kalender, von der Wissenschaft. Die wahre Aswang ist eine freie Aswang.

Der Körper ist gespalten, aber Denken und Wollen müssen nicht voneinander getrennt sein. Was geschieht aber, wenn sowohl die innere als auch die äußere Welt gespalten sind? Dann akzeptiert die Aswang in ihrer Herrlichkeit, dass sich ihr Selbst vervielfacht, erst recht, wenn sich die splitternden Teile ihrer selbst im Wind zerstreuen und in ferne Winkel getragen werden, um sich der Welt zu schenken und sich mit ihr ganz neu zu verbinden.

Betet. Denn Beten und Verfluchen sind eins. Eins in den Urgründen der Sprache und in der Wirkung. Die Aswang richtet ihr Gebet an den Dämon, der auch Yawa oder Teufel genannt wird. Dieser Dämon ist der göttliche Zwilling ihrer selbst.

Ein Talisman im Innern des Körpers ist die Besonderheit, die eine Aswang zur Aswang macht. Er wird genährt und gepflegt wie eine Pflanze. Nicht nur mit Blut begossen, sondern auch mit Gebeten. Gebeten, deren tiefe Bedeutung nur versteht, wer mit Kopf und Magen denkt.

Das Neugeborene riecht nach Pandanblättern und der Alte, im letzten Atemzug, riecht nach gesüßter, geraffelter Kokosnuss. Leben ist Essen und die wirkliche Fülle findet sich da, wo ein Leben gerade anfängt oder eines erlöscht. Die Gesellschaft, mit der die Aswang zusammenlebt, ist auch ihre Scheune und Speisekammer.

Nicht jeder Abend dreht sich darum, ein Leben zu nehmen. Es gibt Nächte, da stößt man geschraubte Rufe aus, um Kinder zu erschrecken, die sich in eine dunkle Straße vorwagen. Nächte, die für Besuche an den Fischteichen reserviert sind, um das Maul weit aufzureißen für den Milchfisch, der dort einfach zu haben ist. Und es gibt Nächte, um gemeinsam den Mond zu bestaunen und in einen stillen Wettstreit zu treten, wer am längsten starren kann, ohne mit der Wimper zu zucken. Bis alle den Tränen nahe sind.

Das Herz ist Formung. Denn die Essenz des Körpers, wenn man denn von Essenz sprechen will, liegt in der Verwandlung. Eine geübte Aswang kann eine Katze werden, ein Leuchtkäfer, eine Jakobsfrucht und ein Sternapfelbaum. Nach geglückter Transformation bleiben Katze, Leuchtkäfer, Jakobsfrucht und Sternapfel im Herzen eingeschrieben.

Oft liegt die Wahrheit in den dunkelsten Gefilden.

Die wahre Aswang erklärt sich nicht. Sie weiß, dass sie das Verständnis der anderen nicht braucht.

Das menschliche Hirn hat nur einen Vorteil: Es ist so weich und lecker wie süße, schlabbrige Reisbällchen.

In der Geschichte, wie sie Menschen schrieben, sind die Aswang eine Seuche und bis aufs letzte Exemplar auszurotten. Aber in der Geschichte der anderen Kreaturen ist der Mensch die Seuche. Von allen Lebensformen verursacht er das größte Verderben, er vermehrt sich am schnellsten und verbreitet sich auf der ganzen Welt, seine Herrschaft muss schnellstmöglich enden.

Die Aswang steht zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit und zwingt dazu, den Unterschied zu bedenken. So sieht es die Schöpfung vor. Dieser noblen Bestimmung haben sich alle Aswang in allen Teilen des Archipels zu verschreiben, sie ist zu feiern in jedem Augenblick des Lebens.

Geschwister am Anfang der Geschichte

Zuerst ist wohl zu klären, warum die Geschichte von Luklak keine Sage der ersten Aswang ist, obwohl diese Erzählung über die Genese einer Aswang doch »sagenhaft« ist. Warum also? Weil Luklak schon Aswang war, bevor sie zur Aswang wurde. Wie das gehen soll? Wie soll man klar und deutlich erzählen, wie ihre Verwandlung zur Aswang anfing, noch bevor die Geschichte dieser Verwandlung begann?

Und noch etwas: Zu sagen, sie sei die erste Aswang, ist nicht korrekt. In den allerersten Berichten sind frühere Aswang erwähnt, ich will sie an dieser Stelle kurz vorstellen. Zum Beispiel jenen Edelmann, der das große Schiff des mächtigen Labaw Donggon erbeutet hat, mit vollem Titel hieß er Datu, der Hehre Held, Paglambuhan. Dem Hinilawod zufolge (dem Epenzyklus der Insel Panay) war Datu Paglambuhan ein Schwatzkünstler und ein menschenfressender Aswang, die Leichenhaufen in seinem Edelhaus reichten einem bis zu den Ellbogen. Humadapnon ist die letzte der Hauptfiguren des Hinilawod und wurde zum Aswang, als er in einer Höhle gefangen war. Er sollte sich erst in einen Menschen zurückverwandeln, als ihn die Törende Teuflin heilte.

Außerdem werden die Geschwister Amburukay und Makabagting erwähnt. Dem Heldenlied Tikum Kadlum zufolge sind sie ranghohe Aswang. Sie essen die Innereien ihrer Gegner nicht nur, weil sie lecker schmecken und sättigen, nein, in den Innereien eines Kriegers, der ihnen an Kraft und Mut ebenbürtig scheint, ruht seine Lebenskraft, sein Dungan. Verschlingen sie seine Innereien, geht seine Kraft auf sie über.

Datu Paglambuhan, Makabagting und Amburukay waren alle Aswang und kamen alle aus einem Adelsgeschlecht (selbst Amburukay, die eine Frau war, wurde mit Herr angesprochen). So erzählen es die Epen.

Und was sind denn Epen, wenn nicht Lebensgeschichten hochgestellter Leute? Aus der Obrigkeit? Wenn also Luklak zur ersten Aswang wurde, heißt das, sie war die erste aus dem Stand der gewöhnlichen Leute, aus dem Stand der Leibeigenen, der Versklavten, die ihren adligen Herren dienten, auch aus dem Stand der Bäuerinnen und Fischerinnen, und aus dem Stand der Taglöhner.

Die Gesänge auf »Erhabene Kämpfe zum späten Angedenken künftiger Generationen« sagen gar nichts aus über den Alltag der gewöhnlichen Leute. Und weil in der frühen Literatur der Hochwohlgeborenen (den Epen, Liedern und Corridos) von den Beobachtungen und Kämpfen der Gewöhnlichen nichts berichtet wird, bleibt das Bild der Anfänge dieser Gewöhnlichen diffus, auch was »Zuerst-Sein« eigentlich heißt, bleibt unklar, also auch das erste Auftauchen einer Aswang.

Das ist wohl das Schicksal der alten Sagen: Erzählt in der Absicht, die Wahrheit über den Ursprung der Dinge deutlich zu machen, zeigen sie am Ende nur die Unmöglichkeit auf, vom Ersten und Ursprünglichen zu berichten. Die Sage ist nämlich nicht nur eine Sage über den Ursprung. Unser Begriff vom Ursprung ist selbst schon ›sagenhaft‹. Folglich hat die Geschichte von Luklak mit Sagen zu tun und ist doch keine Sage.

Haben die Aswang ein Problem damit, dass sie nicht wissen, wer von ihnen die erste war? Vielleicht war’s ja eine Verwandte. Vielleicht wären sie selbst überrascht zu erfahren, dass sie im Wettstreit darum, wer am ersten und ältesten ist, verloren haben. Dabei wissen sie innerhalb ihrer Art, dass das Alter nicht zählt. Vielleicht glauben sie auch an das Bibelwort: »Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.«

Aber beim Lesen erwarten wir, dass ein ordentliches Narrativ auch einen ordentlichen Anfang hat. Damit der Anfang klar wird, muss zuerst der Unterschied zwischen »früher« und »heute« klar sein. Im Fall von Luklak ist das der Unterschied zwischen Nicht-Aswang (früher) und Aswang-Geworden (heute). Aber die Abfolge der Ereignisse ist nicht so simpel im Leben eines fünfzehnjährigen Mädchens.

Es ist nämlich so: Schon vor der entscheidenden Infektion mit Speichel tat Luklak Dinge, die für Aswang bezeichnend sind. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass dieses Mädchen vielleicht gar nie menschlich, sondern schon immer vom Bestreben beseelt war, ein Nicht-Mensch zu werden.

Entscheidend ist ein Abend, dieser Abend. Der Mond zeigt sich in Form einer Krabbe, er ist im letzten Stadium, bevor er zum vollen Kreis wird. Das Mädchen grillt am Flussufer einen Aal, den sie auf Visayan igat nennen, aber da, wo sie wohnt, sagt man sili oder kasili. Der Aal ist drei Fuß lang und so dick wie ein Arm. Die Feuerstelle ist weit von ihrem Zuhause entfernt, weil sie nicht will, dass ihr Vater erfährt, was sie mit dem Aal macht, von dem es in den alten Geschichten heißt, er stehe unter dem Schutz der Göttinnen, man solle ihn in Ruhe lassen und schon gar nicht braten und essen. In der Cordillera, den Bergen ganz im Norden der Insel Luzon, heißt der Aal ebenfalls kasili, und man sagt, er sei von einem gewaltigen Gott gesandt, um einen Fluss zu stauen und damit eine Flut auszulösen, unter der die ganze Welt verschwindet. In den alten Geschichten der Cordillera wird auch erzählt, dass diese Tiere tief in der Erde wohnen und dort die Pfeiler der Welt raspeln. Das löst Erdbeben aus. Ein Ärgernis ist dieser Aal. Hier ist einer von ihnen: Aufgespießt auf einen Ast wird er bei leichter Flamme auf niedriger Glut gegrillt. Weil die Cordillera sehr weit von Panay entfernt ist, wo Luklak wohnt, kann sie nicht wissen, was für eine Historie sie da auf dem Feuer hat. Wer hätte sie ihr auch erzählen sollen?

Im Moment ist sie allein. Wie der Aal. Aber der Geruch sucht sich Gesellschaft. Der Duft des gebratenen Tiers wandert in den benachbarten Wald. Er steigt dort in allerhand Nasen von allerhand Kreaturen. Der Geruch reizt Hirsche, Wildschweine, Schleichkatzen, Frösche, Warane, Schlangen und Vögel, die schon wach sind oder plötzlich geweckt werden. Auch die Pflanzen, die Gräser und Bäume riechen den Aal, denn auch sie atmen. Nicht zu vergessen sind die Kreaturen, deren Atem ganz anders gemacht ist als der menschliche, weshalb die Alten sagen, das seien die »Faulatmigen«. Auf Visayan sagt man auch dili ingon nato: Die sind nicht wie wir! Die Erd- und Unmenschen wohnen nicht weit von uns, aber im Untergrund, sagt man. Deshalb heißen sie auch unterirdische Nachbarn. Und wie kann der Duft zu ihnen gelangen?

Elfen werden in ihrer Ruhe gestört. Sie heißen hier Tamawo, verführen gerne Menschen und erscheinen dazu als Jüngling von feiner Statur oder als charmante junge Frau.

»Sie sind mit mir. Andere sehen sie nicht, aber ich sehe sie überall. So wie ich meine Nachbarn sehe. Denn das sind sie doch. Nachbarn. Diese Welt ist auch ihre Welt. Aber ich weiß nicht, ob sie mich auch sehen.«

Auch die Murokpok kommen aus ihren Löchern. Das sind schwarze Wichte mit rotem Stirnband, sie haben Pfeilbogen und Speer umgehängt, auch etwas zum Knüppeln. Diese Wesen bewegen sich an Orten, wo alles wild wuchert, und wer ihnen entgegenkommt, den trifft ihr Pfeil oder sie schlagen ihn nieder. Wen der Murokpok totklopft, den verschlägt’s ins Jenseits auf den Berg Madyaas.

Lebendig wird auch die Muhme Muwa, die den Bauern und Bäuerinnen zuvorkommt. Sie erntet den Reis, den sie nicht selbst gesät hat. Sie stiehlt auch die Süßkartoffeln. Dann versteckt sie die Vorräte in einer Kammer, von der nur sie weiß, wo sie zu finden ist.

Verstört sind die Waldholden Bawa mit ihren herunterhängenden Lippen, so groß wie ihr ganzes Gesicht. Ob sie sich dieser Lefzen schämen und sich deshalb in Tiere verwandeln, bevor sie sich zeigen? Oder sind die Waldholden unempfindlich für jede Scham und ihr Tierwerden dient nur dazu, die Abwesenheit von Scham auszustellen? Sie sind schamlos, die Bawa.

In einem seltenen Aufmarsch kommen alle Faulatmigen zusammen, um dem Duft auf den Grund zu gehen. Und sie nehmen auch ihre Haustiere mit, den kugelrunden Lolid, das Tipsviech Tibsukan und den Krabbler Tulayhang. Die sehen alle aus wie Schweinchen mit langen Schnuten, wobei einige auch neugeborenen Welpen gleichen. Aus den Tiefen der Erde, wo die halb animalischen Wesen leben, bringen die Faulatmigen ihre Schützlinge mit, damit sie ihnen helfen, den Ursprung dieses Dufts zu finden, bevor er sich in Luft auflöst. Dieser Duft, der ihre Ruhe stört.

»Aber ich sehe sie klar und deutlich.«

Den Geruch eines gewöhnlichen Aals würden sie erkennen. Aber jetzt riechen sie etwas ganz Neues, Ungewohntes, gar nicht wie Aal oder Fisch. Mit Meerestieren hat das nichts zu tun, der Duft erinnert eher an gebratene Kokosnuss, was in ihren Schnuten wie Neugeborenes riecht, ähnlich einer Leiche wenige Sekunden, nachdem das Leben entwichen ist. Wobei der Geruch einer frischen Leiche für diese Kreaturen jenem der Pandanblätter noch mehr ähnelt als jenem der gebratenen Kokosnuss, denn sie atmen und riechen anders als wir Menschen.

Wenn sie diesen seltsamen Duft einatmen, steigt die Erinnerung an Dinge hoch, die er mit sich trägt. Da ist die Erinnerung an ihre ersten Erinnerungen. An die Zeit, in der sie noch nicht aus ihrer Stadt auf dem Gipfel des Berges Kanlaon vertrieben waren. Die Zeit, als sie das Heim der Göttinnen teilten. Aber wie schafft es ein Geruch, so etwas in ihnen auszulösen? Dieser wundersame Duft des wundersamen Aals Igat?

Lautlos nähern sie sich dem Mädchen, das ganz allein am Flussufer grillt. Weil die kugelrunden Lolid weder Beine noch Füße haben, rollen sie wie Bälle hinter ihren Herrinnen und Meistern her. Wenige Schritte von der leicht flammenden Glut entfernt lassen sie sich auf Steinen nieder, um beim Braten zuzuschauen. Es geschieht nur sehr selten, dass sich alle Faulatmigen an einem Ort versammeln, und im Zentrum ihrer Versammlung steht ein Mensch.

»Kindchen, wo kommt denn dein Braten her?«, fragt die dreiste Muhme Muwa, formt die ersten Worte aber ungeschickt, weil sie in der Sprache der Menschen nicht mehr geübt ist.

»Von meiner Mutter«, gibt Luklak zur Antwort, während sie sich weiter dem Feuer widmet, seine Flammen klein hält, damit der Braten nicht anbrennt. »Meine Mutter hat’s geboren.«

Die Muhme ist sprachlos. Sie hatte fragen wollen, wo die Mutter des Mädchens eingekauft oder gefischt hat, jetzt verstummt sie überrascht.

Nachdem ihr klar geworden ist, was sie gehört hat, stellt sie fest: »Dann seid ihr also Geschwister.« Sie hält sich für die Sprecherin aller Mitmuhmen und überhaupt aller Wesen, die da um sie herumsitzen, weil sie – ihrer eigenen Auffassung nach – die Menschensprache am besten spricht. Und diesem Kind, das sein eigenes Geschwisterkind grillt, muss jemand als Sprecherin gegenübertreten; und deshalb muss sie auch irgendwie irgendwas sagen, bis ihr klar wird, was sie eigentlich will.

»Wie konnte deine Mutter ein Kind kriegen, das ein Aal ist?«, fragt die Muhme.

Als Antwort hätte Luklak gerne erzählen wollen, wie sie mitbekam, dass ihre Mutter jeden Abend in die Mangroven ging, während der Vater auf dem Turm der Küstenwache Ausschau hielt. Sie hätte gerne gewusst, was denn in den Mangroven war, dass die Mutter Nacht für Nacht dahin ging. Manchmal trug sie bei der Rückkehr nur die lange, feine Bluse, aber keinen Rock darunter. Das hatte Luklak beobachtet, wagte aber nicht, weiter nachzuforschen. Sie wagte auch nicht, der Mutter zu folgen. Sie fürchtete sich davor, erwischt und bestraft zu werden. Es gehört sich nicht, dass Kinder einem Geheimnis ihrer Eltern auf die Schliche kommen und es für sich behalten. Deshalb hat sie ihrem Vater erzählt, was sie gesehen hat, damit sie es beide wussten.

Sie erschrak sehr, als ihr Vater eines Tages die Mutter vor den Rat der Ältesten führte, wo Recht gesprochen wurde. Er klagte die Mutter der Unzucht an. Die Versammelten sahen das als schreckliches Verbrechen, sie beschimpften die Mutter und sagten ihr direkt ins Gesicht, wie verdorben sie sei. Das Ausmaß des Verbrechens betonten sie und verglichen die Mutter mit den unsittlichen Frauen der alten Geschichten. Frauen wie Lupluban, Ehefrau des Pandaguan, und Kapinangan, Ehefrau des Datu Sumakwel.

Zur Anhörung erschienen die Verwandten des Vaters, aber von den Verwandten der Mutter kam nicht einer. Nur die Großmutter weinte in einem fort. Sie sprach kein böses Wort zu ihrer Tochter. Aber weil keine weiteren Verwandten da waren, legte auch niemand ein gutes Wort für sie ein. Die Beratung kam also rasch zum Ende, schon war das Urteil da. Die Todesstrafe wurde verhängt. Man würde einen schweren Stein an Arme und Beine der Mutter binden und sie im Meer versenken.

Luklak versteht das bis heute nicht. Aber eines Tages, wenn sie älter ist, wird sie erfahren, dass es ursprünglich gar keine Todesstrafe gegeben hatte. Höchststrafe war die Verbannung aus dem Ort gewesen. Darüber hinaus durfte der Ältestenrat nichts verfügen, selbst wenn ein Kind seine Eltern verletzt und getötet hatte. Das änderte sich, als sie von den Bergen abstiegen und Untertanen des Staates wurden. Eines Staates, der sich über ihren Glauben, ihre Sitten und Gesetze stellte und sich als Einziger das Recht herausnahm, die Todesstrafe zu verhängen. Der früheren Gerichtsbarkeit wurden alle Zähne gezogen. Man wurde lax, was die eigenen Gesetze betraf. Die meisten Ansässigen glaubten nicht mehr an sie und fürchteten sich auch nicht davor, gegen sie zu verstoßen. Das letzte bisschen Vertrauen ging verloren, als ein Subgouverneur mit seinen Soldaten in der Ortschaft ankam, um Männer für die Zwangsarbeit im Galeonenbau von Cavite festzusetzen. Nur eine Woche nachdem sie Väter, Onkel, Ehemänner und Liebhaber entführt hatten, wurde Luklaks Mutter zum Tode verurteilt. Damit die Leute fühlten, dass die Wahrheit ihrer Bräuche, Gesetze und des Glaubens angesichts der Unterwerfung unter den Staat nicht vergangen war, verschärften die Ältesten die Strafen. Sie sahen die Stunde gekommen, fremden Scharfrichtern gleich zu werden, denn viele waren wütend über die Unzucht von Luklaks Mutter. Die Hinrichtung einer liederlichen Frau sollte die verschleppten Männer beruhigen, die nicht wissen konnten, was bei ihnen zu Hause vor sich ging.

Luklak war erstaunt, dass sich ihre Mutter nicht verteidigte. Dass sie nicht einmal widersprach. Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, wie sich ein junges Mädchen vor Männern zu bewegen hatte: Mach gar nichts, bevor du nicht angesprochen wirst, lach nicht zu laut, zeig deine Zähne nicht beim Lächeln, schon gar nicht, bevor sie eingefärbt sind, geh zurückhaltend, in kleinen Schritten, dräng dich bei Mahlzeiten nicht vor und führ dir das Essen nur in kleinen Portionen zum Mund. Ihre Mutter lebte diese Lehren aufs Vorbildlichste und nahm die groben Vorwürfe des Vaters einfach hin. Deshalb musste Luklak annehmen, ihre Mutter habe wirklich etwas zu verbergen in den Mangroven, wo sie Nacht für Nacht hinging. Vom Vater erwischt, auf frischer Tat ertappt, konnte sie es nicht mehr geheim halten.

Als Fremde, die aus Mambulao kam, hatte sie keine Verwandten im Ort, die ihr in der Verhandlung hätten beistehen und helfen können, sie freizukriegen. Der katholische Priester scherte sich nicht um die Beratungen des Ältestenrats. Er war selbst wütend auf die freizügigen Frauen, und als sich die Neuigkeit über das Urteil verbreitet hatte, sagte er in einer Sonntagspredigt, liederliche Weiber gehörten nicht nur im Meer ersäuft, sie sollten direkt ins Flammenmeer der Hölle stürzen.

Besonders bitter war, dass nicht nur die Mutter im echten Meer ertrinken und ins Flammenmeer des Höllenfeuers geworfen würde. Mit ihr müsste auch ein Ungeborenes die Strafe für das Verbrechen zahlen. Auch das nahm die Mutter lange hin. Obwohl im Körper, der den Vorstehern vorgeführt wurde, etwas wuchs. Aber dann äußerte sie doch den letzten Wunsch, noch gebären zu können. Es war, als würde sie um eine Gnadenfrist bitten – nicht nur, um zu gebären, sondern auch, um noch zu leben.

Wer weiß, was in ihr vorging? Vielleicht brauchte die Mutter einfach noch ein bisschen Zeit. Vielleicht würde sich das Herz des Vaters in dieser Zeit erweichen, vielleicht hoffte sie, dass er ihr vergeben würde. Die Ältesten gaben dem Wunsch der Mutter statt.

Aber der Vater beschwerte sich beim Rat und sorgte für die offizielle Trennung von seiner Frau. Also waren die Eltern kein Ehepaar mehr, lebten aber weiterhin im selben Haus. Weil die Mutter schwanger war und in keinem anderen Haus aufgenommen wurde, biss der Vater die Zähne zusammen und hielt es aus, dass er seine Frau nicht vertreiben konnte.

Während die Mutter schwanger war mit dem Kind, das hoffentlich ein Geschwisterkind werden würde, machte der Vater keinerlei Ritual der Empfängnis. Und als der vierte Monat der Schwangerschaft gekommen war, führte er auch das Patalagket nicht durch. Es wäre der richtige Moment gewesen für dieses Ritual, bei dem die Vorfahren das Ungeborene begrüßen. Das sei nicht nötig, sagte Luklaks Vater, denn seine Ahnen würden diesen Säugling nicht anerkennen, er sei nicht mit ihnen verwandt, nicht vom selben Blut. Also würden ihn die Ahnen weder in dieser noch in der anderen Welt aufnehmen. Und wenn er dann sterben werde, müssten ihn die Lebenden nicht als Verwandten ehren. Er würde als Kinderfresser zurückkehren, als böser Geist Patiyanak, der Schwangeren nachstellt, um sie zu verletzen. Denn wer von den Ahnen nicht begrüßt worden ist, will den Schwangeren das Leben schwer machen, sie sollen es ebenso schwer haben wie die eigene Mutter, als sie schwanger ging. Diese Mutter kommt dann mit ihrem Kind von den Toten zurück und hilft ihm auf seinen Rachezügen, sie freuen sich gemeinsam daran, Schwangere und Neugeborene zu verwunden. Solche Mutter-Kind-Ungeheuer sind der Grund für Fehlgeburten.

Vielleicht hat Luklaks Vater ein solches Schicksal für Mutter und Kind in Kauf genommen. Er tat es aber nicht, weil er schwach gewesen wäre oder unfähig oder weil es ihn nicht gekümmert hätte. Er nahm es in Kauf, weil ihn eine geheime Wut verzehrte. Sein Nichtstun war vielleicht die wahre Strafe für seine Frau und das Kind, das sie trug.

Aber am Abend sah Luklak die Mutter aus dem Haus gehen. Sie ging nicht weit weg. Stand einfach da und massierte ihren wachsenden Bauch, den Rücken dem Haus zugewandt, mit Blick in die Mangroven. Vielleicht vollzog sie ihr eigenes Ritual.

Am Tag, an dem die Mutter den Säugling zur Welt brachte, war der Vater nicht da. Also brachte die Hebamme die verblüffende Nachricht in Umlauf. Die Mutter hatte einen Aal aus sich herausgedrückt, einen Igat. Kein Halbwesen, halb Menschenkind, halb Aal, sondern einen Igat von Kopf bis Schwanz. Auch keinen Baby-Igat, sondern einen Aal, der schon lang genug war, um ins Meer zurückzukehren, woher er gekommen war und wo ihn die Mutter wohl empfangen hatte.

Die Leute waren in Aufruhr. Hitzige Gespräche drehten sich um die Frage, was dort in den Mangroven tatsächlich geschehen war. Man vermutete, dass es kein Mensch gewesen sei, mit dem Luklaks Mutter zusammengekommen war, die seltsame Frucht sei der Liebelei mit einem Fremden entsprungen, der sich in den Mangroven versteckte, wobei das spanische Wort estranjero fiel. Man wollte sich nicht vorstellen, dass die Mutter mit einem Mangrovenwächter vom Volk der Agta geturtelt hatte. Der Liebhaber war wohl auch kein Yawa, kein Teufel, wie ihn der Priester der Mission beschrieb, wenn er von den weisen Frauen sprach, die hier Babaylan oder Daitan hießen. Der Missionar erzählte, dass sie sich unter dem großen Banyanbaum zu Satan gesellten. Wenn sich die Unglückseligen so versammelten, dann erschien ihnen der Liebhaber in Form einer gigantischen Schlange. Und die Daitan waren einverstanden mit allem, was die Schlange Schauriges mit ihnen trieb, sie erhielten dafür ein kräftigendes Öl, dem sie einen wohlklingenden Namen gaben, aber in Tat und Wahrheit empfingen sie den Samen des Teufels, sagte der Priester.

Die Leute im Ort glaubten an unterschiedliche Erklärungen. Luklaks Vater fühlte sich durch die Vorgänge in seiner Ansicht bestärkt, dass das Wesen, das aus seiner ehemaligen Ehefrau herauskam, in keiner Weise sein Kind sei.

Was auch immer die Erklärung dafür war, wie der Aal Luklaks Mutter entspringen konnte: Sie sollten beide zusammen getötet werden. Und so geschah es. Die Strafe wurde streng nach Befehl und ohne weitere Umstände vollstreckt. Ein bisschen Mühe bereitete das Ersäufen des Aals, aber auch dafür fand man schließlich einen Weg.

Am folgenden Tag verhafteten Beamte der Guardia Civil alle Mitglieder des Ältestenrats. Sie brachten sie ins Gefängnis, und dort sitzen sie heute noch.

So lautet die ganze Geschichte ihres Geschwisterkindes, der Meeresfrucht, die Luklak jetzt grillt. Aber sie mag den Neugierigen um sich herum nicht alles erzählen. Wer weiß, was sie von der Geschichte verstehen oder nicht verstehen würden. Also gibt sie nur eine kurze Antwort auf die Frage der Muhme, warum ihre Mutter einen Aal zur Welt gebracht habe: »Meine Mutter war eben auch ein Igat.«

Weil die Faulatmigen die Sprache Visayan verstehen, wissen sie, dass igat nicht nur Aal heißt, sondern auch Flittchen, und das reicht ihnen als Antwort aus. Sie meinen jetzt zu verstehen, warum dieser Braten so anders riecht. Und während sich dieses Verständnis formt, läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen.

»Was hast du jetzt mit ihm vor?«, fragt die Muhme Muwa weiter. »Willst du es nicht bestatten?«, hätte sie fragen wollen.

»Ich kümmere mich drum«, sagt das Mädchen. Zum ersten Mal lässt es seinen Blick über sein seltsames Publikum schweifen, das so viele Fragen stellt.

Da nimmt sie die vielen Ferkel wahr. Ihr Fell ist schwarz, es wächst handlang wie dünnes Schilf. Die Körper sind kugelrund, wie ein Vogelschnabel ist die lange und spitze Schnauze angesetzt. Und bei den Ferkeln stehen ihre Herrchen und Dämchen. Sie kommen als Bettler, denn die Elfen lieben mannigfaltige Erscheinungen ihrer selbst; einige kommen als Gockel, andere als Hunde, Katzen, Wildschweine, Geckos, und einige haben es fertiggebracht, zugleich ein Tier und eine Bettlerin zu sein, tierische Bettlerin oder Bettlertier, sie haben eine kühne Vorstellungskraft, oder vielleicht entgleisen ihnen die Metamorphosen.

Weil einige der Muhmen so groß wie Bäume sind, können sie sich selbst rasch den Anschein von Bäumen geben, sie werfen weitherum dichte Schatten und schirmen mit ihren Ästen und Zweigen den Duft des Aals ab, damit nicht Hinz und Kunz aus dem Wald dahergelaufen kommt und neugierige Fragen stellt.

Nur wenige haben den Mut, sich in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, wobei sie dann auch nur wie Pflanzen und Steine gewirkt hätte. Einige sehen jetzt schon aus wie Pilze und Ingwer, aber wie dämonische Pilze und bösartiger Ingwer. Einer legt sich Farnblätter als Schal um. Einer bedeckt seinen Kopf mit einem breiten Taroblatt. Und andere schmücken sich mit Leuchtkäferchen; goldene Asseln und allerhand Gefleuch dienen ihnen als Verzierung.

Wenn man jetzt fragen würde, worin sich die Faulatmigen in Tiergestalt von ihren Haustieren unterscheiden, die auch nur Halbtiere sind, eine schweingewordene Elfe von ihrem Möchtegern-Schweinchen, dann könnte man sagen: Das Tipsviech Tibsukan sieht zwar in seiner wahren Gestalt wie ein Möchtegern-Schweinchen aus, ist aber ein Halbschwein, man könnte sogar sagen, ein Schwein, aber die geübte Betrachterin sieht sofort, dass einige Körperteile nicht zu einem Schwein gehören. Wogegen sein als Schwein verkleideter Herr bis zum letzten feinen Körperhärchen wie ein echtes Schwein aussieht. Wenn man jetzt das Haustier neben seinen Herrn stellt, die Halbschweine neben die Möchtegern-Schweine, dann sticht der Unterschied nicht gleich ins Auge, aber er erschließt sich dem Verstand.

Außerdem werfen sie weder neben noch hinter sich Schatten. Das gilt für alle: Dämchen, Herrchen, Schützlinge. Im Mondschein bildet sich kein Schattenwurf. Wenn sich die Wandelwesen Schritt für Schritt dem Feuer nähern, wird das noch deutlicher. Dagegen sind ihre Körper von einem unnatürlichen Glanz erfüllt, der weder vom Mond noch vom Feuer kommt (denn Feuer und Mond können einen solchen Glanz nicht hervorrufen), sondern aus dem Innern ihrer Körper. Die waren in der frühesten Zeit golden, und vielleicht ist dieser Glanz ein Überrest oder Überschuss dessen, was sie einmal waren. Sie kommen zur Versammlung wie Figuren, die man an einem anderen Ort ausgeschnitten hat, wo das Spektrum der Farben aus Gelbtönen besteht, und jetzt werden sie in diesen tiefen, dunklen Ort geworfen, an dem sich Luklak befindet. Sie hat jetzt also Gesellschaft oder auch nicht. Dass sich die Wesen nähern, spürt sie, weil sich ihr die Härchen im Nacken aufstellen.

Feuer sprüht auch aus ihren eigenen Augen. Diese Mädchenaugen sind wie Löcher in einer Muschel, deren Inhalt aus seinem Kerker entwichen ist. Jetzt brennt’s im Kerker. Mit feurigem Blick sucht sie die Gegend ab und warnt: Niemand soll sich zu ihrem Aal auf dem Feuer vordrängen. Denn sie mag es nicht, wie die Muhme immer wieder fragt, was sie denn da für Essen zubereitet.

Nach der letzten Antwort hat sie geschwiegen. Den kurzen Satz »Ich kümmere mich drum« hat sie nicht weiter erklärt. Was ihr Kummer macht und was sie mit der Leiche des Geschwisterkindes vorhat, sagt sie nicht.

Als sie vor nicht allzu langer Zeit auf die Spitze des Gräberhügels gestiegen ist, wo auch der Aal begraben liegt, wusste sie tief im Innern, was zu tun war. Während sie den Gräberhügel erklomm, fühlte sie sich mit jedem Schritt sicherer. Sie hörte eine Stimme im Wind, und diese Stimme hatte sie schon gerufen, bevor sie den Aufstieg begann. Es war die Stimme einer Taube, der Weißohrtaube Alimokon mit dem roten Blutfleck auf der Brust. Mit dieser Stimme hatte alles begonnen.

»Korokoro!« Das war der Ruf, den sie hörte; er klang wie der Ruf eines Sturms, der vom offenen Meer heranzieht. So hat ein Götterbote begonnen, mit ihr zu sprechen. Die Alten sagen, der Ruf dieses Vogels sei eine Warnung der Göttinnen. Er sei ein Bote, der ausgeschickt werde, um die Heldenkrieger zu warnen, dass sie mit dem Krieg nicht fortfahren sollen, denn am Kampfplatz erwarte sie der Tod. Aber manchmal war dieser Ruf auch ein Aufruf, in die Welt hinauszuwandern. Sich weit fort zu wagen, statt in Sicherheit zu bleiben. Sein Schicksal bei fremden Völkern herauszufordern, sich neu zu verheiraten, neues Land zu finden, ein neues Leben. Die Alten im Dorf sagten, jene Stimme komme von einem Dwende, einem Götterboten. Diesen Dwende nannten sie in ihren Geschichten Taghuy. Wer von einer Gottheit gesegnet ist, der hat einen solchen Boten als Führer. Ein Dwende hat damals Humadapnon gerufen, damit er auf Wanderschaft ging und Nagmalitung Yawa, die Törende Teuflin, aufsuchte. Er führte den Edelmann auf seinem Weg, war Humadapnons Götterbote. Die Törende Teuflin war seine Bestimmung.

Der Aal, zu dessen Grab Luklak auf Befehl ihres Götterboten stieg, war ihre Bestimmung. Ihre ganz eigene, die sie niemandem vermitteln konnte. Die wundersame Stimme hatte ihr das zu verstehen gegeben.

Oben auf dem Gräberhügel fand sie das Grab auch im Dunkeln sofort – das Grab ihres Geschwisterkinds, wenn man es denn so nennen kann. Sie hatte hier beim Begräbnis zugeschaut, war Zeugin gewesen, wie ihr Vater den Leichnam in der Erde vergrub.

Noch vor diesem Begräbnis war die alte Babaylan, die man im Ort schon lange nicht mehr gesehen hatte, zu ihnen gekommen. Der Vater wollte keinerlei Beigaben oder Gebete. Er wollte seine Toten einfach nur unter die Erde bringen. Aber er schämte sich vor der alten Babaylan und ließ sie zumindest ein kleines Ritual durchführen, um die Toten vorzubereiten. Denn die Toten wandern ins Land Madyaas und müssen bereit sein für die große Fahrt übers Meer.

Zum ersten Mal sah Luklak die alte Babaylan aus der Nähe. Während sie glühende Kohlen in einer leeren Kokosnussschale hielt, war das Mädchen gebannt von den Tattoos auf dem Körper der Alten. Ein Sternbild wand und verästelte sich von der Hand her über den Arm. Im Ort sagte man, die Heilkraft dieser Babaylan stamme von einem Stern, der ins Meer gefallen war. In ihrer Jugend sei sie dem Stern nachgetaucht, bis auf den Grund, dort habe sie ihn Tiefseegeistern entrissen und zurück ans Licht geholt.

Auf der glühenden Kohle in ihrer Kokosnussschale verbrannte die Babaylan duftendes Harz. Sie bat alle beide, still zu sein, um die kleinen Hausgeckos zu hören. Denn diese Tiere sprechen für die Toten. Wenn ihr schriller, kurzer Schrei nicht mehr zu hören ist, wollen die Toten nichts mehr sagen. Dann haben sie ihren Frieden gefunden und sind bereit, die Überfahrt ins andere Leben anzutreten.

Nur wenige Augenblicke waren vergangen, da gesellte sich zum Rauschen des Windes das Ik-Ik-Ik eines Hausgeckos. Dieser Ruf schien aber zu verwildern und führte zu einer unerwarteten Szene: Nicht nur einen Hausgecko vernahmen sie, sondern noch einen und noch einen, bis auch die Hausgeckos unter dem Dach einstimmten. Alle quäkten und pritschten spitz. Paarweise fielen auch die größeren Geckos, die Takehs in den Bäumen ums Haus, in die Klage ein und ein Insekt, das im Bananenstrauch wohnt, heulte los, wobei sein Ruf dem des Hausgeckos ähnelte, obwohl es wie eine Kakerlake aussah. Die alte Babaylan war verwirrt und wusste nicht, wie das alles zu hören und zu verstehen war. Überwältigt ließ sie sich niederstrecken, da lag sie auf dem Boden und begann, mit den Takehs, den Insekten im Bananenstrauch und mit den Hausgeckos zu klagen. Eines Tages wird Luklak sie fragen, was ihre Mutter und ihr Geschwisterkind denn eigentlich sagen wollten.

Auf dem Gräberhügel versuchte sie sich dann genau an die gewundenen Pfade zu erinnern, die zum gesuchten Grab führten. Das war nicht sonderlich schwer, weil sie sich nicht nur am Sichtbaren, sondern auch an einem Geruch orientieren konnte. Der wurde plötzlich ganz durchdringend, in einer ganz ungewöhnlichen Art und Weise. Erregt nahm sie wahr, dass das nicht der Gestank von Verwesendem war, sondern ein feiner Duft vom gebratenen Fruchtfleisch der unreifen Kokosnuss. Der Duft des frischen Öls, das sie auch Lana nannten.