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In Bewersfeld, einem kleinen Ort im westlichen Münsterland, macht der jüdische Viehhändler Sigmund Mahrani aus dem bescheidenen Geschäft seines Vaters ein florierendes Unternehmen. Seine Frau Jolanta weckt die Neugier des ganzen Dorfes. Doch die Bewohner von Bewersfeld verstricken sich schuldhaft. Davon erfährt Frank Benntrup, als er im Jahr 2006 sein Heimatdorf nach vielen Jahren besucht. Auch mit ihm haben die früheren Ereignisse mehr zu tun, als ihm zunächst bewusst ist.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2023
Berthold Wigger
Das Messingschild
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Bewersfeld
Der Viehhandel
Geschäftsübergabe
Kein Schmuser
Kokentiedt
Die Freundin
Der Kirchturm
Die Vereinbarung
Die Hausbraut
Obersekretär Zwitscher wird aktiv
Der Umzug
Traditionen
Weihnachten
Beilenbrück
Die Heimkehr
Fruchtreife
Das Klassentreffen
Das Gedenken
Impressum neobooks
An einem sonnigen Morgen im August des Jahres 1926 marschierten rund einhundert Männer in Zweierreihen zum Haus des Viehhändlers Sigmund Mahrani in der Hauptstraße 47 in dem kleinen Ort Bewersfeld. Die Männer waren einheitlich in schwarze Hosen und weiße Hemden gekleidet und machten mit den mit Federn geschmückten, grünen Filzhüten und den mit Blumen verzierten Stöcken, die sie über den Schultern trugen, einen mehr festlichen als militärischen Eindruck.
Die jüngsten unter ihnen, gerade sechzehn Jahre alt geworden, winkten den am Straßenrand stehenden Mädchen zu und rissen schlüpfrige Witze. Der Älteste im Zug hatte die siebzig bereits weit überschritten. Mit gebeugtem Rücken und sichtlichen Mühen, aber doch mit würdevoller Miene, versuchte er mit den Jüngeren im Zug Schritt zu halten. Schon am deutsch-französischen Krieg vor mehr als fünfzig Jahren hatte er mit den Westfälischen Ulanen teilgenommen. In der Schlacht bei Saint-Quentin war er schwer verwundet worden. Splitter einer Mörsergranate waren ihm tief in den rechten Oberschenkel gedrungen. Seither machte ihm das rechte Bein zu schaffen. Besonders heute beim Marschieren strahlten die Schmerzen bis in den Fuß hinein. Doch der Sieg über die Franzosen hatte ihn stets mit großem Stolz erfüllt. Noch heute trug er den Bart wie damals der preußische König.
Der alte Mann war längst nicht der einzige im Zug, dem das Marschieren schwerfiel. Einige weit jüngere Männer humpelten noch mehr als der Alte. Auch sie hatte der Franzose lahmgeschossen, ihnen aber nicht den Gefallen getan, sich fortan als Sieger zu fühlen.
Den Männern voran schritt eine Blaskapelle, die zum wiederholten Mal den Torgauer Marsch zum Besten gab. Manchen in der Marschkolonne lud das zu gedankenversunkener innerer Einkehr ein und ließ ihn das Links-zwo-drei-vier des Marschierens vergessen. So gerieten einige der Männer immer wieder aus dem Rhythmus und versuchten dann mit eigentümlichen Trippelschritten zum Gleichschritt zurückzukehren. Die humpelnde und trippelnde Marschkolonne war das aktuelle Aufgebot des Bewersfelder Schützenvereins und ausgezogen, ihrem neuen König zu huldigen oder, wie sie hier sagten, ihn auszuholen.
Am Vortag hatte Sigmund Mahrani auf dem Schützenplatz bei sengender Hitze den bereits von den Schützenbrüdern mürbe geschossenen Vogel mit einer Schrotflinte von einem zu einer Vogelstange umfunktionierten Fahnenmast geschossen. Den Vogel hatte der Dorfschreiner Paul Benntrup zuvor in mehreren Wochen mühsamer Kleinarbeit aus vielen Schichten harter Holzlättchen zusammengeleimt. Im Dorf wurde Paul Benntrup von allen nur Lattenpaul gerufen. Ob das allerdings mit dem Beruf des Schreiners zu tun hatte oder vielmehr, weil ihm auf Dorffesten das Tanzen mit den Bewersfelder Mädchen augenscheinlich gefiel, darüber gingen im Dorf die Meinungen auseinander.
Als der Torso des Holzvogels nach Sigmund Mahranis Schuss in zwei Teile zerbrochen und zu Boden gefallen war, war es für einen Moment ganz still geworden auf dem Schützenplatz, so als folgten alle Anwesenden, praktisch das ganze Dorf, erschrocken dem Nachhall des finalen Schusses. Erst als zwei umstehende Schützenbrüder den neuen König auf ihre Schultern gehoben hatten und er von seiner erhobenen Position nach allen Seiten zu winken begonnen hatte, war auf dem Schützenplatz allgemeiner Jubel ausgebrochen.
Nun stand Sigmund Mahrani neben seiner Frau Jolanta vor dem gemeinsamen Haus in der Hauptstraße und erwartete die Ankunft der Schützenbrüder. Sigmund war Ende dreißig, kaum mittelgroß, aber von muskulöser und kräftiger Statur. Sein Haar war noch schwarz, aber der Haaransatz hatte sich bereits weit hinter die Stirn zurückgezogen. Er trug das verbliebene Haar kurz und dazu einen nach der Mode der Zeit gestutzten Oberlippenbart. Das nicht besonders kantige, aber doch massige Kinn gab seinem Gesicht einen durchaus energischen Ausdruck.
Seine sonst strahlenden, blaugrauen Augen waren heute etwas blutunterlaufen. Ein Tribut an die aufgeregten Ereignisse des vorangegangenen Tages und die lange Nacht, in der er als neuer Schützenkönig auch beim Feiern und Trinken nicht hinter seinen Schützenbrüdern hatte zurückstehen wollen.
Trotz der hochsommerlichen Temperaturen trug er einen schwarzen Wollanzug, der ihn etwas gedrungen erscheinen ließ, dazu ein weißes Hemd und eine silbergraue Krawatte. Geschmückt war er mit der Bewersfelder Königskette, die aus einer großen Zahl silberner Schildchen zusammengesetzt war, von denen jedes die Namen eines früheren Bewersfelder Königspaars trug. Bald würde auch ein Schildchen mit den Namen der Mahranis der Kette hinzugefügt werden.
Seine Frau Jolanta, nun die neue Königin, war zwölf Jahre jünger als Sigmund. Vor zwei Jahren hatte er sie in Oberhausen geheiratet. Anschließend war sie zu ihm nach Bewersfeld gezogen. Ihre Ankunft hatte in Bewersfeld großes Aufsehen erregt. Wie in den meisten Dörfern im westlichen Münsterland vermählten und vermehrten sich die Bewersfelder seit eh und je vor allem untereinander. Manche hatten das aus freien Stücken getan, einige dabei sogar beständiges Glück gefunden. Nicht selten aber standen eher ungestüme jugendliche Triebhaftigkeit, gepaart mit zu viel Alkohol, am Anfang einer neuen Bewersfelder Familie.
An Jolanta indessen fand wohl so ziemlich jeder Mann in Bewersfeld Gefallen, ganz egal ob jung oder alt, betrunken oder nüchtern. Mit ihrer schlanken und geschmeidigen Figur wirkte sie neben den meist kräftigen Frauen von Bewersfeld wie von einem anderen Stern. Ihr selbstbewusstes Auftreten, das die Bewersfelder als typisch städtisch bezeichneten, kam ihnen geradezu extravagant vor. Besonders die Bewersfelder Frauen empfanden es fast wie einen Vorwurf. Jolantas Gang erschien ihnen zu aufrecht, beschwingt, ja fast aufreizend, und das auf Schuhabsätzen, auf denen die meisten Frauen von Bewersfeld nicht einmal gerade hätten stehen können.
Auch sonst unterschied sich Jolanta in ihrer Kleidung von den anderen Frauen im Dorf. Die Bewersfelder Frauen trugen bei fast jeder Gelegenheit ein Kopftuch, selbst am Sonntag in der Kirche. Die älteren unter ihnen und die Witwen, wovon es nach dem letzten Krieg nicht wenige in Bewersfeld gab, trugen ein schwarzes. Einige jüngere Frauen trauten sich immerhin zu etwas Farbe. Jolanta dagegen hatte noch niemand in Bewersfeld mit einem Tuch auf dem Kopf gesehen. Sie hatte für jede Jahreszeit einen passenden Hut. An besonderen Tagen wie heute jedoch ließ sie ihr gewelltes, brünettes Haar offen über die Schultern fallen.
Obwohl Jolanta fast ebenso groß war wie ihr Mann, wirkte sie an seiner Seite doch zart. Ihre großen, braunen, etwas auseinanderstehenden Augen und die hohen Wangenknochen erinnerten an die russischen Vorfahren ihres Vaters, die im letzten Jahrhundert ins Ruhrgebiet eingewandert waren. Mütterlicherseits stammte ihre Familie ursprünglich aus Frankreich. In Oberhausen, wo sie geboren und aufgewachsen war, hatte man sie oft die schöne Jolanta genannt oder einfach Jolie, was ihr besonders gefiel. Die Bewersfelder hatten für Jolanta noch keine rechte Bezeichnung gefunden. Sie wunderten sich noch zu sehr über diese ganz und gar ungewöhnliche und elegante Erscheinung.
Als die Männer des Bewersfelder Schützenvereins sich dem Haus der Mahranis näherten, winkte Sigmund sie mit seinem schwarzen Zylinderhut aus schwerem Filz heran. Später würde er den Zylinder trotz der bereits einsetzenden Hitze tragen müssen, dabei stand ihm schon jetzt der Schweiß auf der hohen Stirn. Das Winken wäre eigentlich überflüssig gewesen, denn jeder in Bewersfeld wusste, wo die Mahranis wohnten. Im Jahr 1926 lebten keine tausend Menschen in Bewersfeld und jeder im Ort kannte jeden. Das Haus der Mahranis war ohnehin in aller Munde. Sigmund hatte es bauen lassen, bevor er Jolanta in Oberhausen geheiratet hatte, und war kurz nach der Hochzeit gemeinsam mit Jolanta in das neue Haus gezogen.
Im westlichen Münsterland bauten die Menschen ihre Häuser seit je aus Backsteinen in warmer, rotbrauner Farbe. Wer es sich leisten konnte, ließ Fenster und Türen mit gelblich-braunem Sandstein einfassen, der aus den nahe gelegenen Baumbergen geliefert wurde, und teuer bezahlt werden musste. Sigmund Mahrani hatte diese Kosten nicht gescheut. Die großen, von Sandstein umrahmten Fenster ließen schon von außen erahnen, wie hell es in dem Haus sein mochte. Nur wenige Bewersfelder hatten das Haus der Mahranis bisher von innen gesehen. Sie erzählten sich aber, innen sei es noch prächtiger als außen.
Als eines der wenigen Häuser in Bewersfeld hatte das Haus der Mahranis zwei Stockwerke und darüber ein hohes Walmdach. So wirkte es weitaus geräumiger und großzügiger als die umliegenden einfachen Backsteinhäuser, die nur ein Stockwerk hatten, das sich unter einem meist schiefen Giebeldach duckte. Bislang wohnten die Mahranis allein mit einer Haushaltshilfe in dem großen Haus. Das sollte sich aber bald ändern, denn Jolanta war schwanger. Platz nicht nur für ein Kind gab es genug in ihrem neuen Haus.
Als der Schützenzug vor dem Haus der Mahranis zum Stehen kam, hörte die Blaskappelle zu spielen auf und ein Mann in grüner Uniform und einem Ziersäbel an der Seite trat vor die Schützen. „Stillgestanden“, rief er, „rechts um“, und dann noch „präsentiert das Gewehr“, woraufhin die Schützen die Stöcke mit den Blumen von den Schultern nahmen und aufrecht vor der Brust präsentierten. „Guten Morgen, Männer“, rief der Mann in Uniform, und die Schützen antworteten: „Guten Morgen, Herr Hauptmann“. „Habt ihr alle gut geschlafen und genügend Durst mitgebracht?“ fuhr der als Hauptmann titulierte jovial fort und sagte dann auf das erwartete „Jawohl“ der Schützen: „Dann rührt euch!“ woraufhin besonders die jüngeren unter den Schützen in eine betont lässige Haltung wechselten, aber alle in Zweierreihe stehen blieben.
Das Amt des Schützenhauptmanns hatte Hermann Gebers inne. Eigentlich war er Bäcker von Beruf, ein bisschen untersetzt und von Natur aus gemütlich. Er betrieb mit seiner Frau eine Bäckerei nicht weit vom Haus der Mahranis entfernt und hatte im Grunde nie etwas anderes getan, weil er den Bäckerladen von seinem Vater übernommen und schon als Kind nach der Schule darin gearbeitet hatte. Als der Krieg begonnen hatte, war er bereits zu alt gewesen, um militärische Erfahrungen zu sammeln. Auf Schützenfesten aber gab er sich gern soldatisch und schien Gefallen an der Rolle des strengen, befehlsgewohnten Hauptmanns zu finden.
Als Sigmund Mahrani nun mit dem Zylinderhut auf dem Kopf und seiner Frau Jolanta an der Hand lächelnd neben Hermann Gebers trat, rief dieser mit lauter Stimme: „Horrido“, woraufhin die Schützen ebenfalls „Horrido“ riefen. Dann rief der Hauptmann noch „Hussa, Hussa“ und die Schützen antworten mit einem langgezogenen, in der Lautstärke sich abschwächenden „Hussassassa“. Das wirkte wie eine Schlussformel. Die strenge Zweierformation des Schützenzuges löste sich auf und die Männer machten freudige Gesichter angesichts der mit Bier und Schnaps gefüllten Gläser, die von älteren Kindern herangetragen wurden, die in der Nachbarschaft der Mahranis lebten und dafür später ein paar Groschen erhalten würden.
Auch sonst waren fast alle Kinder von Bewersfeld zum Haus der Mahranis gelaufen, um das neue Königspaar zu sehen, darunter die jüngeren Kinder des Holzschuhmachers Theodor Holtkampskötter. Acht Kinder hatte Theodor Holtkampskötter in die Welt gesetzt, dabei reichte sein Einkommen eigentlich nicht einmal für zwei. Zwar trug in Bewersfeld fast jeder an Werktagen Holzschuhe und Theodor Holtkampskötter war der einzige Holzschuhmacher im Ort. Sein Gewerbe war dennoch nicht besonders einträglich, denn die Bewersfelder trugen ihre Holzschuhe meist sehr lange und auch Theodor Holtkampskötters Hang zum Alkohol trug nicht zu besseren Geschäften bei.
Holtkampskötters Frau war kurz nach der Geburt des achten Kindes gestorben. Nun versorgten seine ältesten Töchter den Haushalt und kümmerten sich um die jüngeren Geschwister. Das gelang ihnen aber meist mehr schlecht als recht. So sahen Holtkampskötters Kinder immer ungewaschener aus als die anderen Kinder im Ort und ihre Kleider, stets von den älteren an die jüngeren weitergereicht, machten selbst für die eher bescheidenen Verhältnisse von Bewersfeld einen erbärmlichen Eindruck.
Der sechsjährige Josef war das jüngste Kind der Holtkampskötters. Im Dorf wurde er von allen nur Jüppken gerufen. Auch er war zum Haus der Mahranis gelaufen, um den Schützenzug und das neue Königspaar zu sehen. Dort stand er nun in kurzen Hosen, fleckigem, beigefarbenem Unterhemd, das einmal weiß gewesen sein mochte, und ausgetretenen Holzschuhen zwischen den anderen Kindern des Dorfes und stank noch ungewaschener als seine Geschwister.
Das schien auch Sigmund Mahrani, der neue Schützenkönig, zu spüren. Jedenfalls wandte er sich den Kindern zu und sagte in einem leutselig scheinenden Ton: „Na, Jüppken, kommst jetzt auch in die Schule? Musst dich aber vorher noch waschen, sonst hauen dir die Lehrer schon am ersten Schultag eine rein.“ Alle, die das hörten, lachten und machten Bemerkungen darüber, dass die Schule für Jüppken bestimmt kein Spaß werde, nahmen aber schon bald ihre zuvor geführten Gespräche wieder auf.
Auch der kleine Josef Holtkampskötter schien der Angelegenheit keine große Bedeutung beizumessen. Nur kurz und mit geöffnetem Mund, der eine noch vollständige obere Milchzahnreihe zu erkennen gab, schaute er zu Sigmund Mahrani auf, sagte dann aber nur „komm’ Klärchen“, wobei er seine Cousine Klara, ein kleines Mädchen, das neben ihm stand, bei der Hand nahm und den anderen Kindern folgte, die vor dem Haus der Mahranis eine Kiste mit kalter Zitronenlimonade entdeckt hatten.
Klara Gebers war so oft sie konnte an der Seite ihres Cousins Josef. Sie war das einzige Kind des Bäckermeisters und Schützenhauptmanns Hermann Gebers und seiner Frau Maria, der älteren Schwester von Josef Holtkampskötters verstorbener Mutter. Erst im dreiundvierzigsten Lebensjahr hatte Maria ihre Tochter bekommen. Klara war zwei Jahre älter als Josef, aber fast einen Kopf kleiner und bei weitem nicht so schnell zu Fuß wie ihr Cousin. Josef musste sie hinter sich herziehen, damit sie nicht zu spät bei der Limonade ankamen und leer ausgingen. Klara trug ein geblümtes Baumwollkleid und Holzschuhe wie die anderen Kinder im Dorf, hatte rotbraunes, gelocktes, aber sehr dünnes Haar, eine rötlich blasse Gesichtsfarbe und wasserblaue Augen, die ihr, weil sie stark kurzsichtig war und zudem schielte, einen etwas entrückten Ausdruck verliehen. Ihre Augen waren mandelförmig in die Länge gezogen, wodurch ihr Gesicht einen ostasiatisch anmutenden Zuschnitt erhielt.
Als ihr Cousin sie nun hinter sich herzog, begann sie zu kichern. Aber auch mit Klara im Schlepptau war Josef flink genug und ergatterte zwei Flaschen Limonade. Er öffnete beide und gab eine seiner Cousine Klara. Die sagte nur „Jüppken“ und strahlte über das ganze Gesicht.
Nachdem Schützen und Zuschauer mit Getränken versorgt worden waren, spielte die Blaskapelle auf Bitten einer kleinen, hageren, fast knochigen Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, einen Tusch. „Oha, Frau Osten hat wieder etwas vorbereitet“, rief jemand.
Tatsächlich hatte die Volksschullehrerin Evelyn Osten eine kleine Gruppe von Schulkindern um sich versammelt und bat nun um Aufmerksamkeit. Die Lehrerin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, zu besonderen Anlässen, und dazu gehörte in Bewersfeld an erster Stelle das nur alle zwei Jahre stattfindende Schützenfest, Gedichte zu schreiben, die sie von Schulkindern am Festtag vortragen ließ. Ihre Gedichte widmeten sich meist der Schönheit des westlichen Münsterlandes und des Dorfes Bewersfeld, zudem priesen sie in schwärmerischem Ton die Anmut der Bewersfelder Frauen und mehr noch die körperliche Kraft der Männer. Stets enthielten sie aber auch einen persönlichen Bezug zum Fest.
Am Vortag hatte Evelyn Osten wie viele andere Bewersfelder Frauen die Schützen zur Vogelstange begleitet, war aber kurz nachdem Sigmund Mahrani den Vogel von der Stange geschossen hatte, eilig nach Hause gelaufen und hatte das schon vorbereitete und mit den Schulkindern eingeübte Gedicht um eine weitere Strophe ergänzt, die sich dem neuen Schützenkönig, seiner Treffsicherheit mit der Schrotflinte und der Tüchtigkeit im Viehhandel widmete. Früh am heutigen Morgen hatte sie die Kinder noch einmal in der Schule versammelt und die letzte Strophe eingeübt.
Nun trugen die Kinder das Gedicht in einem zwar etwas monotonen Singsang, aber doch fehlerfrei vor. Als die Kinder die letzte Strophe des Gedichts mit dem Reim schlossen: „Und bist du auch ein Israelit, so haben wir dich doch alle lieb“, und sich danach verbeugten, klatschten die Schützen und Zuschauer, lachten und machten Bemerkungen darüber, was für eine hervorragende Dichterin die Lehrerin doch sei. Auch Sigmund Mahrani lächelte, bedankte sich bei der Lehrerin für das Gedicht und gab jedem Kind einen Groschen, woraufhin Evelyn Osten, sichtbar stolz über den Anklang, den der Vortrag gefunden hatte, die Kinder anwies, sich erneut zu verbeugen.
Etwas abseits von der Gruppe der Schulkinder stand der hochaufgeschossene Heinz Härtling. Mit seinen sechzehn Jahren hätte er im Schützenzug mitmarschieren dürfen, an Körpergröße hätte er ohnehin die meisten im Schützenzug überragt. Heinz Härtling war aber nur als Zuschauer zum Haus der Mahranis gekommen. Früher hatte auch er zu den Kindern gehört, die an Festtagen Gedichte von Evelyn Osten vortrugen. Die Volksschule hatte er aber bereits vor zwei Jahren verlassen. Evelyn Osten hatte ihn damals einem älteren Bewersfelder Ehepaar, dem die Land- und Geldgeschäfte ihrer Vorfahren einen gewissen Wohlstand beschert hatten, die aber selbst kinderlos geblieben waren, für ein Stipendium empfohlen. Damit konnte er nun die höhere Schule des St. Dionysius Klosters bei Münster besuchen. Verbunden hatten seine Förderer das Stipendium mit dem Wunsch, Heinz Härtling möge die Priesterlaufbahn einschlagen.
Jetzt, in den Schulferien, verbrachte Heinz einige Wochen bei seiner Mutter in Bewersfeld und stattete auch seinen Förderern regelmäßige Besuche ab. Dem heutigen Vortrag der Schulkinder schenkte er aber nur beiläufige Aufmerksamkeit. Dem nach Anerkennung heischenden Gebaren seiner ehemaligen Lehrerin wollte er erst recht keine Aufmerksamkeit schenken. Stattdessen richtete sich sein Blick immer wieder auf Jolanta Mahrani.
Von seiner Mutter hatte er zwar schon von der Frau des Viehhändlers Mahrani gehört, aber erst heute sah er sie zum ersten Mal. Und er konnte sich kaum an der neuen Schützenkönigin satt sehen. Ihre schlanke, geschmeidige Figur hatte es ihm besonders angetan. Ein Kleid, wie Jolanta es trug, hatte er zuvor noch nicht gesehen. Dunkelblau, mit weißen kleinen Margeritenblüten, ärmellos, und kaum über die Knie reichend gab es ihrer Figur eine Form, die ihn an das Bild einer Seejungfrau erinnerte. Sein von feinem blondem Haar umrahmtes Gesicht, das sonst trotz des etwas fliehenden Kinns recht harmonisch wirkte, nahm jetzt, als er Jolanta Mahrani mit konzentrierten Augen beobachtete, fast vogelartige Züge an.
Lange konnte Heinz Härtling die Frau des Schützenkönigs aber nicht betrachten, denn inzwischen war der Kleinbauer Lütke Hersting mit einer einspännigen Kutsche herangefahren, um das Königspaar aufzunehmen. Die Kutsche, die mit Tannengrün und weißen Papierrosen festlich geschmückt war, wurde von einem weißen Lipizzaner gezogen, dessen Mähne heute in kleine Zöpfe geflochten war.
Sigmund Mahrani hatte Lütke Hersting den Lipizzaner am Ende des Krieges verkauft. Selbst hatte er das Pferd von einem bankrotten Zirkus erworben und Lütke Hersting einen guten Preis dafür gemacht. Das Pferd war kräftig, hübsch anzusehen und auch sonst tadellos. Zudem hatte es eine Eigenart, die in Bewersfeld an Festtagen hochwillkommen war. Beim Zirkus hatte es zu tanzen gelernt. Sobald es Marschmusik vernahm, begann es, sich rhythmisch im Takt zu bewegen. Es tänzelte dann immer drei Schritte vor und einen zurück, wobei es eigentümlich, aber doch anmutig seinen massigen Rumpf auf und ab schaukelte.
Als Sigmund Mahrani seiner Frau in die Kutsche half, zeigte das Königspaar eine Vertrautheit miteinander, die Heinz Härtling neugierig beobachtete. Sigmund nahm neben Jolanta Platz und winkte von seiner erhöhten Position den Schützen zu, die darauf mit erneuten Horrido-Rufen antworteten. Bald würden sich Blaskapelle und Schützenzug erneut in Bewegung setzen, diesmal angeführt vom Königspaar in der geschmückten Kutsche.
Als die Blaskapelle wieder mit einem Marsch einsetzte, tänzelte der Lipizzaner mit Lütke Hersting und den Mahranis in der Kutsche voran und dahinter reihten sich Blaskapelle und Schützen erneut in Zweierformation ein. Noch einmal marschierte der Schützenzug die Bewersfelder Hauptstraße rauf und runter und steuerte dann den großen Gasthof an, nicht weit vom Haus der Mahranis entfernt, in dem die Bewersfelder das neue Königspaar Sigmund und Jolanta hochleben lassen und die Festlichkeiten ausklingen würden.
Im Herbst des Jahres 1899 ging der zwölfjährige Sigmund Mahrani mit seinem Vater Salomon gegen elf Uhr nachts auf einem schlammigen Weg zurück nach Bewersfeld. Zuvor hatte es stundenlang geregnet und in den tiefen Fahrrinnen, die die Bauern mit ihren Pferdewagen und Ochsenkarren in den Weg gezeichnet hatten, standen Wasserpfützen. Sigmund folgte dem Weg auf dem mit Gras bewachsenen, mittleren Streifen zwischen den Fahrrinnen. Es regnete jetzt nicht mehr, aber der Himmel war bewölkt und das Mondlicht drang nur schwach durch die Wolkendecke. In der Finsternis ließ sich der Weg, auf dem sie gingen, kaum erkennen. Sigmund bemühte sich, nicht in eine der Wasserpfützen zu treten, in denen sich das wenige Mondlicht spiegelte, und zugleich seinen Vater nicht aus den Augen zu verlieren, der vor ihm lief und immer wieder für Momente in der Dunkelheit verschwand.
Heute in der Früh waren sie zu Bauer Nienkamp gelaufen, dessen Hof einige Kilometer außerhalb der Ortschaft von Bewersfeld in einer Bauernschaft lag, und hatten ihm eine junge Kuh gebracht, die Nienkamp eine Woche zuvor bei seinem Vater in Auftrag gegeben hatte. Sigmund hatte die Kuh, ein weiß-braunes westfälisches Fleckvieh, an einer dünnen Hanfleine geführt. Sein Vater war vorausgelaufen und hatte ihm hin und wieder zugerufen, doch schneller zu sein, damit sie nicht zu spät bei Nienkamp eintreffen würden.
Schließlich waren sie sogar früher als vereinbart auf dem Hof von Nienkamp erschienen. Der hatte sich aber nicht besonders dankbar gezeigt, sondern gleich nach der Begrüßung begonnen, an der Kuh herumzumäkeln, die er zu mager fand, und von der er glaubte, sie würde nicht genug Milch geben. „Nienkamp“, sagte sein Vater, „die Kuh ist einwandfrei und noch jung, wird noch lange viel Milch geben, wirst sehen“. Dennoch weigerte sich Nienkamp, den vereinbarten Preis zu zahlen, sondern lamentierte darüber, dass auch die Bauern leben müssten und keine so hohen Preise zahlen könnten.
Salomon Mahrani gewährte ihm schließlich einen Preisnachlass und nahm das Geld von Nienkamp mit einer Verbeugung entgegen. So war es immer, dachte Sigmund. Wenn sie erst mit einem Rindvieh auf dem Hof eines Bauern erschienen, wurde rumgemeckert und gezetert und am Ende weniger gezahlt als ursprünglich vereinbart. Zum Abschied sagte sein Vater noch: „Auf Wiedersehen, Nienkamp, immer zu Diensten“, und verbeugte sich wieder tief, worauf Nienkamp zuerst mit einer wegwerfenden Handbewegung reagierte, dann aber doch „ja, Wiedersehen, Mahrani“ antwortete.
Anschließend suchten sie noch einige weitere alleinstehende Bauernhöfe auf. Immer fragte sein Vater beim Eintreffen in einem unterwürfigen Ton, was er für die Leute tun könne, wobei er sein Auftragsbuch, eine schon ziemlich zerfledderte Schreibkladde, in der Hand hielt, um darin Aufträge zu notieren. Im Laufe des Tages erhielt sein Vater aber keine weiteren Bestellungen mehr für Kühe oder anderes Vieh. Auch hatte niemand etwas zu verkaufen. Auf dem Rückweg nach Bewersfeld wurden sie vom Regen überrascht. Unter einem Viehunterstand auf einer Weide fanden sie Schutz vor dem Regen und verzehrten das restliche Brot, das Sigmunds Vater in einem Rucksack bei sich trug.
Nun waren sie wieder seit einer Stunde unterwegs und sollten bald in Bewersfeld eintreffen. Wie weit sie noch vom Dorf entfernt waren, konnte Sigmund nicht erkennen, denn um diese Zeit schliefen die meisten Bewersfelder schon und ihre Häuser waren dunkel. Dann sah er aber in der Ferne Licht und war erleichtert, bald zuhause anzukommen. Auch sein Vater hatte das Licht gesehen und sagte: „Junge, da brennt noch Licht, wir wollen schauen, ob wir dort was tun können. Vielleicht kalbt eine Kuh. Dann ist ein Viehhändler genau am richtigen Ort.“
Sigmund sah seinen Vater nur schemenhaft von hinten als dieser sprach, er wusste aber, dass er nun ein zuversichtliches Lächeln im Gesicht hatte. Bislang war der Tag alles andere als erfolgreich verlaufen. Nun schien sein Vater neue Hoffnung zu haben, doch noch zu einem Geschäft zu kommen.
Sigmund selbst erfreute der Gedanke weniger, jetzt noch dabei zu helfen, ein Kalb auf die Welt zu bringen. Seine Beine waren längst müde und die Holzschuhe, die er trug, waren schwer vom Wasser, das in sie hineingelaufen war und seine Strümpfe durchtränkt hatte. Aber er behielt seinen Unmut für sich. Seinen Vater würde er ohnehin nicht von der Aussicht auf ein Geschäft abbringen können.
Das Haus, aus dem Licht drang, gehörte zu einem kleinen Gehöft der Familie Holtkampskötter am östlichen Ende der Hauptstraße von Bewersfeld. Zur Straße hin hatte es ein bogenförmiges, hölzernes Tor, das in eine Tenne führte, und daneben ein kleines Fenster, aus dem nun Licht drang. In das Tennentor war eine Tür eingelassen, die offenstand. Das war ungewöhnlich um diese Zeit. Die Bewersfelder achteten sehr genau darauf, ihre Häuser nach Einbruch der Dunkelheit zu verschließen. Die offene Tür sah aus, als sei gerade erst jemand in das Haus hineingegangen.
Auf den Boden der Tenne fiel ein Lichtschein aus dem Inneren des Hauses. Als Salomon und Sigmund in die Tenne eintraten, in der es nach abgestandenem Heu roch, sahen sie, dass das Licht aus einem Raum kam, der sich seitlich an die Tenne anschloss.
„Guten Abend“, rief Salomon in den beleuchteten Raum hinein, in den er dann zögernd eintrat, vorsichtig gefolgt von Sigmund. Ein kurzer Flur führte in die Küche des Hauses, die von einer Petroleumleuchte in ein schummeriges Licht gehüllt war. Im Hintergrund sah Sigmund ein Herdfeuer, in dem mehrere Holzscheite glühten.
In der Mitte des Raumes stand ein Tisch aus grobem Holz, um den acht Personen Platz genommen hatten, und auf dem Tisch ein eiserner, schwarzer Kessel, aus dem Dampf aufstieg. Alle acht Personen am Tisch schauten Salamon und Sigmund mit Blicken an, von denen Sigmund bei dem schwachen Licht nicht sagen konnte, ob sie nur neugierig waren oder eher misstrauisch, vielleicht sogar feindselig.
Soweit er es einschätzen konnte, hatte sich die Familie der Holtkampskötters vollständig um den Tisch versammelt. Ihnen zugewandt saß ein alter Mann mit eingefallenen Wangen, die darauf hindeuteten, dass er kaum noch Zähne im Mund hatte. Daneben ein Mann in mittlerem Alter, der Bauer Franz Holtkampskötter, mit dem Sigmund seinen Vater in der Vergangenheit Geschäfte hatte machen sehen. Neben ihm seine Frau, etwa so alt wie Franz. Dann der jüngere, vielleicht gerade volljährig gewordene Bruder Theodor und vier Kinder, von denen selbst das älteste dem Kleinkindalter kaum entwachsen war.
Sigmund wurde unheimlich zumute bei dem Anblick, wie die Holtkampskötters sich um diese Zeit in der Küche um den Tisch versammelt hatten. Aber es lag auch etwas Feierliches darin. Fast hatte Sigmund das Gefühl, sein Vater und er hätten die Holtkampskötters bei einer religiösen Zeremonie gestört. Zwar hatte er von einem solchen Brauch noch nie etwas gehört. Aber was bedeutete das schon? Mit katholischen Riten war er kaum vertraut.
Mit seinem Unbehagen war Sigmund nicht allein, wie er schnell merkte. Auch seinem Vater schien nicht wohl bei der Sache zu sein. „Wir sind an eurem Haus vorbeikommen, waren den ganzen Tag in den umliegenden Bauernschaften unterwegs“, sagte Salomon Mahrani zögerlich. „Auf dem Heimweg haben wir Licht bei euch gesehen und gedacht, ihr könntet vielleicht Hilfe gebrauchen.“ Dabei schaute er von einer Person zur anderen am Tisch. Es verstrich aber eine ganze Weile, ehe Franz Holtkampskötter aufstand und sich an Salomon wandte.
Ohne Salomon zu grüßen, sagte er unvermittelt und in einem harschen Ton: „Du bist schuld am Tod unseres Fohlens.“ Dabei deutete er auf den dampfenden Kessel, der auf dem Tisch stand. „Was?“ entgegnete Salomon nur, augenscheinlich mehr noch verwirrt als erschrocken über den Vorwurf.
„Am Nachmittag hat mein Bruder Theodor unser Fohlen, das erst eine Woche alt war, tot auf der Weide hinterm Haus gefunden“, fuhr Franz Holtkampskötter fort, wobei er mit der rechten Hand auf seinen Bruder Theodor wies, der ernst, fast grimmig, aber auch etwas blöde dreinschaute. „Dabei war das Fohlen vollkommen gesund zur Welt gekommen. Wir hatten gleich das Gefühl, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte. Der Teufel hat seine Hand im Spiel gehabt.“
Einen Moment ließ Franz Holtkampskötter seine Worte wirken, dann fuhrt er fort: „Mein Vater hat darüber heute mit dem Pastor gesprochen. Der hat gesagt, wir müssen nach Einbruch der Dunkelheit das Herz des Fohlens kochen und brauchen dann nur zu warten. Irgendwann wird der Schuldige am Tod des Fohlens zur Tür hereintreten. Er kann nicht anders, der Herrgott selbst wird ihn dazu verleiten. Und nun bist du hier, Salomon Mahrani.“
Während Franz Holtkampskötter sprach, nickte der alte zahnlose Holtkampskötter immer wieder zustimmend mit dem Kopf, wobei er seinen eingefallenen Mund mürrisch nach unten zog. „Du bist schuld am Tod des Fohlens, Salomon Mahrani“, wiederholte Franz Holtkampskötter noch einmal und tat dabei so förmlich, als sei er von Amts wegen für die Überbringung göttlicher Schuldsprüche zuständig.
Sigmund, der den Ausführungen von Franz Holtkampskötter aufmerksam und beklommen zugehört hatte, schaute nun seinen Vater an, der ernst, aber äußerlich ungerührt dastand und nachzudenken schien. Schließlich sagte Salomon mit ruhiger Stimme: „Franz, ich kenne den Brauch nicht, von dem du sprichst, aber wie du weißt, bin ich ein ebenso gottesfürchtiger Mensch wie du. Ich werde mich deshalb dem Willen des Herrn beugen. In spätestens einer Woche bekommst du ein neues Fohlen. Sigmund wird es dir bringen.“
Dann drehte er sich um, ohne sich von den Holtkampskötters zu verabschieden und sagte: „Wir gehen, Sigmund“, woraufhin die beiden das Haus der Holtkampskötters verließen und erneut in die Dunkelheit traten.
Sigmund war erleichtert, wieder draußen zu sein. Die Szene im Haus der Holtkampskötters, ihre glotzenden Blicke, der zahnlose Greis und die vorwurfsvolle Rede ihres Haushaltsvorstands hatten ein regelrechtes Gruseln in ihm ausgelöst. Wenigstens hatte sich sein Vater nicht mit „Immer zu Diensten“ von den Holtkampskötters verabschiedet oder gar eine Verbeugung gemacht, dachte Sigmund. Er konnte gar nicht sagen, was er mehr hasste, das ständige Gemecker der Bauern über das Vieh, das ihnen sein Vater beschaffte, oder die unterwürfigen Erwiderungen seines Vaters.
Erst nach einer Weile, das Haus der Holtkampskötters hatten Sigmund und sein Vater schon einige hundert Meter hinter sich gelassen, begann Salomon zu sprechen: „Sigmund“, sagte er, „was die Holtkampskötters da reden, ist gottloser Unsinn. Aber wir müssen vorsichtig sein. Manchmal ist es besser, ein Fohlen zu verschenken, als die Bauern gegen sich aufzubringen.“
Eine Woche nachdem Sigmund und sein Vater nachts bei den Holtkampskötters gewesen und mit dem Tod des Fohlens konfrontiert worden waren, beauftragte Salomon seinen Sohn damit, ein sechs Monate altes Fohlen zu den Holtkampskötters zu bringen. Zum ersten Mal lieferte Sigmund allein ein Tier an einen Bauern aus. Zwar graute es ihn davor, erneut die Holtkampskötters aufzusuchen. Er war aber stolz darauf, allein zu gehen, ohne seinen Vater, und darüber auch etwas erleichtert.
Sigmund schämte sich manchmal, wenn er mit seinem Vater im Dorf gesehen wurde. Fast das ganze Jahr über trug der Viehhändler Salomon Mahrani einen langen schwarzen Mantel. Schon recht früh war Sigmund aufgefallen, dass sich niemand sonst in Bewersfeld so kleidete. Und ihm war auch aufgefallen, wie die Leute sie manchmal, wenn sie ihm und seinem Vater in dem schwarzen Mantel begegneten, mit neugierigen Blicken ansahen, aus denen nicht immer Wohlwollen sprach.
Als Sigmund mit dem Fohlen an der Leine am Haus der Holtkampskötters ankam, musste er feststellen, dass die Tür im Tor zur Tenne anders als in der Nacht eine Woche zuvor verschlossen war. Er schlug deshalb mehrmals mit der Faust dagegen. Nach einiger Zeit wurde die Tür von Franz Holtkampskötter geöffnet.
„Mein Vater schickt mich, um das Fohlen hier abzugeben“, sagte Sigmund. „So ist es recht, Sigmund“, erwiderte Franz Holtkampskötter, nahm die Leine, zog das Fohlen in die Tenne und befestigte die Leine an einem rostigen Ring, der dort an der Wand angebracht war. Dann kam er wieder zur Tür zurück und sagte: „Nichts für ungut, Sigmund, sag’ deinem Vater einen schönen Gruß“ und schloss die Tür, ohne eine Erwiderung von Sigmund abzuwarten.
Wenn Franz Holtkampskötter erfreut oder dankbar über das neue Fohlen war, so hatte er es nicht gezeigt. Wenigstens hatte er nicht über das gelieferte Tier gemeckert, dachte Sigmund.
