Das Ministerium der Gärten und Teiche - Didier Decoin - E-Book

Das Ministerium der Gärten und Teiche E-Book

Didier Decoin

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Beschreibung

Japan im 12. Jahrhundert: Der vom Kaiser begünstigte Karpfenfischer Katsuro kommt ums Leben, und es gibt nur eine Person, die ihn ersetzen kann. Miyuki, seine junge Frau, weiß um das geheime Leben der Karpfen. Also begibt sie sich auf eine abenteuerliche Reise, um die wertvolle Fracht an den kaiserlichen Hof zu bringen. Goncourt-Preisträger Didier Decoin betört mit seinem außergewöhnlichen Roman die Sinne. Das japanische Dorf Shimae wird von einem Unglück heimgesucht. Katsuro, der beste Karpfenfischer des Dorfes, ertrinkt in einem Fluss, was besonders dramatisch ist, weil nur seine Karpfen den Kaiser in Heian-kyo zufriedenstellen. Da es undenkbar ist, dass die Fischteiche des Kaisers einfach leer bleiben, wird Miyuki dazu bestimmt, die wertvollen Fische an Nagusa Watanabe, den Direktor des Ministeriums der Gärten und Teiche, zu überbringen. Mit zwei großen Weidenreusen auf den Schultern und voller Erinnerungen an ihre verlorene Liebe macht sich die junge Frau auf in die Fremde. Stets hat sie die zahlreichen Gefahren im Blick, und doch werden nicht alle Karpfen, mit denen sie ihre Reise angetreten hat, am Ende in der Kaiserstadt ankommen. Didier Decoin ruft eine Welt der Farben und Gerüche, der Bilder und Träume auf, die diesen exotischen Liebesroman zu einem Fest der Phantasie werden lässt. Miyukis Reise im mittelalterlichen Japan ist ein Roman, der noch lange nachwirkt. »Decoins Geschichte über Parfüm und Schlamm, Kurtisanen und Bauern, Sinnlichkeit und Gewalt wird Sie verzaubern.« Le Figaro Littéraire  

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Didier Decoin

Das Ministerium der Gärten und Teiche

Aus dem Französischen vonMichael von Killisch-Horn

Klett-Cotta

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Le Bureau des Jardins et des Étangs« im Verlag Éditions Stock, Paris

© 2017 by Didier Decoin

Für die deutsche Ausgabe

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlag: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, München

Illustration: © Yuji Moriguchi, Deep water, 2005 / BCF-Tokyo

Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig

Printausgabe: ISBN978-3-608-96237-6

E-Book: ISBN 978-3-608-11097-5

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Once there was a man burning incense.He noticed that the fragrance was neithercoming nor going;It neither appeared nor disappeared.This trifling incident led him to gainEnlightment.

Buddha Shakyamuni

Für Jean-Marc Roberts

Inhalt

Erläuterungen

Autoreninfo

Nach einer langen Klausur unter strenger Beachtung der Nahrungseinschränkungen, die mit der Trauer verbunden waren, und nachdem sie den Körper von Katsuro mit Hilfe eines heiligen Stoffs, der dazu diente, die Unreinheiten aufzusaugen, blank gerieben hatte, hatte Amakusa Miyuki sich dem Ritual unterworfen, das sie von der durch den Tod ihres Mannes herbeigeführten Beschmutzung reinigen sollte. Doch da es undenkbar war, dass die junge Frau in denselben Fluss eintauchte, in dem Katsuro ertrunken war, hatte der Shinto-Priester sich mit zusammengekniffenen Lippen damit begnügt, einen Kiefernzweig über ihr zu schütteln, dessen unterste Verästelungen mit dem Wasser des Kusagawa befeuchtet worden waren. Danach hatte er ihr versichert, dass sie jetzt wieder ins Leben zurückkehren und den Göttern ihren Dank bezeugen könne; diese würden es nicht versäumen, ihr Mut und Stärke zu verleihen.

Miyuki hatte nur allzu gut begriffen, was hinter den tröstenden Worten des Priesters steckte: Er hoffte, dass die junge Frau ihm trotz ihrer durch Katsuros Tod erschwerten Situation einen konkreten Ausdruck ihrer Dankbarkeit aushändigen würde, den sie den kami1 schuldete.

Aber wenn Miyuki den Göttern gegenüber auch eine große Dankbarkeit empfand, weil sie sie von ihren Beschmutzungen reingewaschen hatten, konnte sie ihnen doch nicht verzeihen, dass sie zugelassen hatten, dass der Fluss Kusagawa, der letztlich selbst nichts weniger als ein Gott war, ihr ihren Mann genommen hatte.

Sie hatte sich daher auf eine bescheidene Gabe beschränkt, die aus weißem Rettich, einem Strauß Knoblauchknollen und einigen Kuchen aus Klebreis bestand. Geschickt in ein Tuch eingewickelt, wirkte die Gabe vor allem wegen der Riesenhaftigkeit mancher Rettiche viel größer, was auf ein sehr viel bedeutsameres Geschenk schließen ließ. Der Priester hatte sich täuschen lassen und war befriedigt gegangen.

Danach hatte Miyuki sich gezwungen, das Haus zu putzen und aufzuräumen, obwohl es nicht zu ihren Gewohnheiten gehörte, Ordnung zu machen. Sie war eher jemand, der die Gegenstände herumliegen ließ, ja sie sogar bewusst verstreute. Aber Katsuro und sie besaßen ohnehin nur sehr wenig. Diese Dinge hier oder dort wiederzufinden, bevorzugt dort, wo sie nichts zu suchen hatten, gab ihnen eine flüchtige Illusion von Überfluss. »Ist diese Reisschale neu?«, fragte Katsuro. »Hast du sie vor kurzem gekauft?« Miyuki führte ihre Hand zum Mund, um ein Lächeln zu verbergen. »Sie hat immer schon auf dem Regal gestanden, die sechste Schale von hinten – du hast sie von deiner Mutter bekommen, erinnerst du dich nicht mehr?« Die Schale war einfach nur über die Matte, auf die Miyuki sie hatte fallen lassen (und sie hatte es versäumt, sie sofort wieder aufzuheben), gerollt und hatte, als sie stehen geblieben und umgefallen war, in einem Sonnenstrahl anders geschimmert als sonst, so dass Katsuro sie nicht sofort wiedererkannt hatte.

Miyuki stellte sich vor, dass die wohlhabenden Leute in einem ständigen Durcheinander lebten, nach dem Beispiel der Landschaften, deren Schönheit gerade in ihrer Unordnung bestand. Daher war der Anblick des Flusses Kusagawa niemals aufregender als nach einem starken Schauer, wenn die Wildbäche, die ihn nährten, ihm braunes, erdiges Wasser zuführten, in dem Bruchstücke von Rinde, Moos, Kresseblüten und verfaulende, schwarze, verschrumpelte Blätter herumwirbelten; der Kusagawa verlor dann sein schimmerndes Aussehen und bedeckte sich mit konzentrischen Kreisen und Schaumspiralen, wodurch er Ähnlichkeit mit den Strudeln der Naruto-Meerenge im Seto-Binnenmeer bekam. Die Reichen, dachte Miyuki, wurden vermutlich auf die gleiche Weise von den zahllosen Strudeln von Geschenken überschwemmt, die ihre Freunde (zwangsläufig ebenso zahllos) ihnen machten, und von all diesen blendenden Nichtigkeiten, die sie unbekümmert bei den Straßenhändlern kauften, ohne sich zu fragen, ob sie jemals irgendetwas damit anfangen könnten. Sie brauchten immer mehr Platz, um ihren Nippes aufzustellen, ihre Küchengeräte unterzubringen, ihre Stoffe aufzuhängen, ihre Salben aufzureihen und all diese Reichtümer einzulagern, deren Namen Miyuki manchmal nicht einmal kannte.

Es war ein ewiges Rennen, ein erbitterter Wettstreit zwischen den Menschen und den Dingen. Der Gipfel des Reichtums war wohl erreicht, wenn das Haus wie eine reife Frucht unter dem Druck der Vielzahl von Nutzlosigkeiten, mit denen man es vollgestopft hatte, platzte. Miyuki war niemals Zeugin eines solchen Schauspiels geworden, doch Katsuro hatte ihr erzählt, dass er auf seinen Reisen nach Heian-kyo2 einmal gesehen hatte, wie Bettler die Trümmer stolzer Häuser durchsucht hatten, deren Mauern von innen scheinbar umgepustet worden waren.

In dem Haus, das Katsuro mit seinen eigenen Händen gebaut hatte – ein Raum mit einem Boden aus gestampfter Erde, ein weiterer mit einem Fußboden aus nacktem Holz und unter dem Strohdach ein Speicher, zu dem man über eine Sprossenleiter gelangte, das Ganze von bescheidener Größe, denn er hatte sich entscheiden müssen, entweder Mauern hochzuziehen oder Fische zu fangen –, gab es vor allem Gerätschaften für den Fischfang. Sie dienten zu so gut wie allem: Die Netze, die zum Trocknen vor die Fenster gehängt wurden, waren zugleich die Vorhänge und gestapelt ein Schlaflager, abends benutzte man die Schwimmer aus hohlem Holz als Kopfstützen, und die Utensilien, die Katsuro benötigte, um seine Fischteiche zu reinigen, waren dieselben, mit denen Miyuki ihre Mahlzeiten zubereitete.

Der einzige Luxus des Fischers und seiner Frau war der Topf, in dem sie das Salz aufbewahrten. Er war nur eine Kopie einer chinesischen Keramik der Tang-Dynastie, eine braune Glasur auf gebranntem Ton, geschmückt mit einem einfachen Muster aus Pfingstrosen und Lotusblumen, doch Miyuki schrieb ihr übernatürliche Kräfte zu; sie hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die sie bereits von einer Vorfahrin bekommen hatte, die wiederum behauptete, sie sei schon immer in der Familie gewesen. Die Keramik hatte also mehrere Generationen auf dem Buckel, ohne eine einzige Schramme abbekommen zu haben, was in der Tat an ein Wunder grenzte.

Während das Aufräumen des Hauses innerhalb weniger Stunden erledigt war, brauchte Miyuki zwei Tage, um es gründlich zu reinigen. Das lag an dem Gewerbe, das dort betrieben wurde: das Fangen und die Aufzucht wunderschöner Fische, Karpfen in der Hauptsache. Wenn er vom Fluss zurückkam, nahm sich Katsuro nicht die Zeit, sich seiner Kleidung zu entledigen, die über und über mit klebrigem Schlamm bedeckt war, mit dem er bei jeder etwas hastigen Bewegung die Wände bespritzte, denn er konnte es kaum erwarten, so schnell wie möglich die Karpfen zu befreien, die in ihren Reusen aus Weide zappelten und Gefahr liefen, Schuppen zu verlieren oder eine ihrer Barteln (wodurch sie in den Augen der kaiserlichen Verwalter jeden Wert verlieren würden), und sie im Fischteich auszusetzen, der vor dem Haus für sie ausgehoben worden war – ein Becken in der Erde, nicht sehr tief, bis zum Rand gefüllt mit Wasser, das Miyuki während der Abwesenheit ihres Mannes mit Insektenlarven, Algen und Samen von Wasserpflanzen angereichert hatte.

Anschließend beobachtete Katsuro mehrere Tage lang ununterbrochen, auf den Fersen sitzend, das Verhalten seines Fangs, wobei er insbesondere jene überwachte, die er von Anfang an für würdig befunden hatte, in den Teichen der Kaiserstadt zu schwimmen, auf der Suche nach Anzeichen, die sie nicht nur als die Schönsten, sondern auch als die Kräftigsten auswiesen, um die lange Reise in die Hauptstadt zu überstehen.

Katsuro war nicht sehr gesprächig. Und wenn er sich äußerte, dann eher durch Anspielungen als durch Behauptungen, womit er seinem Gesprächspartner das Vergnügen überließ, die fernen Perspektiven eines unbeendeten Gedankens erraten zu dürfen.

Am Todestag ihres Mannes hatte Miyuki, als man die fünf oder sechs Karpfen seines letzten Fangs im Fischteich ausgesetzt hatte, es ihm gleichgetan, sich am Rande der Grube niedergekauert und sich von der Runde der Fische hypnotisieren lassen, die ängstliche Kreise beschrieben wie Gefangene, welche die Grenzen ihres Kerkers entdecken.

Sie war zwar imstande, die Schönheit mancher Karpfen einzuschätzen, oder zumindest die Energie und Lebhaftigkeit ihres Schwimmens, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung von den Kriterien, nach denen Katsuro ihre Widerstandskraft beurteilt hatte. Daher hatte sie darauf verzichtet, die Dorfbewohner zu täuschen und vor allem sich selbst etwas vorzumachen, hatte sich erhoben, den Staub abgeschüttelt, sich vom Fischteich abgewandt und sich in ihrem Haus verschanzt – das letzte südlich des Weilers, erkennbar an den Muscheln, die in sein Stroh eingefügt waren und deren perlmuttfarbener Teil dem Himmel zugewandt war, um das Sonnenlicht zu reflektieren und die Raben zu erschrecken, die in den Kampferbäumen nisteten.

Die Dorfbewohner waren erleichtert, als sie erfuhren, dass Miyuki sich zwang, den Fußboden vom Dreck zu befreien und die Wände vom Schlamm zu säubern.

Sie hatten befürchtet, die junge Frau würde sich mit Hilfe eines Stäbchens und einer Schnur ein Abbindesystem basteln und sich damit erdrosseln, um Katsuro in das yomi kuni3 zu folgen. Nicht dass sie zu jung gewesen wäre, um zu sterben – mit siebenundzwanzig hatte sie die durchschnittliche Lebenserwartung einer Bäuerin erreicht und konnte sich glücklich schätzen, dass ihr eine so lange Lebenszeit gewährt worden war –, aber sie hatte einige von Katsuros Geheimnissen geteilt, und jetzt gab es nur noch sie, um die privilegierte Verbindung aufrechtzuerhalten, die das Dorf mit dem Kaiserhof in Heian-kyo unterhielt: die Versorgung mit Karpfen, die außergewöhnlich genug waren, um als lebendige Zierde in den Teichen der Tempel zu dienen, wofür die Bürger dieses Sammelsuriums von krummen Höckern und Buckeln, das Shimae genannt wurde, in den Genuss einer fast vollständigen Steuerbefreiung kamen, nicht zu vergessen die kleinen Geschenke, die Katsuro ihnen regelmäßig von Nagusa Watanabe4, dem Direktor des Ministeriums der Gärten und Teiche, mitbrachte.

Nun hatte Nagusa gerade eben drei Beamte mit einer Bestellung neuer Karpfen entsandt, welche diejenigen ersetzen sollten, die den Winter nicht überlebt hatten.

Eines Morgens – es war ein paar Tage nach Katsuros Tod gewesen – waren die Abgesandten des Ministeriums der Gärten und Teiche aus dem feuchten Nebel aufgetaucht, der nach starken Regenfällen in der Nacht wie ein Vorhang am Waldesrand wogte.

Bei ihren vorhergehenden Besuchen waren sie zu Fuß gekommen, wofür die Leute von Shimae einen sehr hohen Preis hatten zahlen müssen, denn erschöpft von ihrer Reise, hatten die Karpfenkäufer sich zwei Wochen lang bei ihnen eingenistet und auf Kosten der Dorfbewohner gelebt, wobei ihr Appetit und ihre Vorliebe für den Sake immer größer geworden waren, je mehr sie sich erholt hatten. Doch diesmal waren sie zu Pferd gekommen, begleitet von einem Knappen, der das Seidenbanner in den Farben des Kaisers trug, und sie hatten das weite und bequeme kariginu5 gegen kriegerische Kleidung getauscht, deren Eisenplatten, die ihre Brust und ihren Rücken schützten, ständig wie alte gesprungene Glocken bimmelten. Ihr plötzliches Auftauchen hatte die Frauen, die sich auf dem Dreschplatz versammelt hatten, um das Reisstroh zu flechten, verängstigt und in die Flucht geschlagen.

Natsume, der Dorfvorsteher, war den drei Rittern entgegengegangen, um sie mit der Ehrerbietung zu begrüßen, die Vertretern der kaiserlichen Macht gebührt; doch während er die Hände faltete und sich so tief verneigte, wie die Steifheit seines Halses es ihm erlaubte, fragte er sich, wie der Kaiser, der als der kultivierteste Fürst seiner Zeit galt, es dulden konnte, dass Männer, die den Auftrag hatten, seinen Willen in den Provinzen bekannt zu machen, ein so wenig einnehmendes Aussehen hatten; schlaff auf ihren schwarzlackierten Holzsätteln schwankend, den Kopf hin und her wiegend unter dem Helm, der von einer beweglichen Nackenstütze verlängert wurde, ihre Panzer grün von dem Moos, das beim Reiten durch die Wälder hängengeblieben war, erinnerten die Abgesandten entschieden an riesige Asseln, deren Abdomen von wächsernen und widerlichen Substanzen aufgeschwollen waren. Vielleicht hatte Seine Majestät sie ja niemals zu Gesicht bekommen; irgendein Assistent eines Referenten fünften unteren niederen Rangs hatte ihre Namen auf einer Liste gefunden (und niemand würde jemals erfahren, warum seine Wahl gerade auf diese und nicht auf andere gefallen war) und sie einem Kontrolleur vierten oberen niederen Rangs vorgelegt, der sie gebilligt hatte, bevor er sie einem Prüfer vierten unteren höheren Rangs weitergegeben hatte, der sie langsam bis an die Spitze der Hierarchie hatte aufsteigen lassen, von wo sie ebenso langsam wieder hinuntergestiegen waren, bis sie endlich bei Nagusa Watanabe gelandet waren, der sie mit einem ungeduldigen Pinselstrich bestätigt hatte – und von alldem hatte der Kaiser wie von vielen anderen Ereignissen, welche die achtundsechzig Provinzen betrafen, nichts erfahren.

Die kaiserlichen Boten waren sehr verärgert gewesen, als sie von Katsuros Tod erfahren hatten. Sie hatten das Gesicht verzogen, Kehllaute von sich gegeben, vor Unmut gebebt und mit den Platten ihres Harnischs geklappert. Um sie zu besänftigen, hatte Natsume ihnen Miyuki vorstellen müssen. Sie hatten sie schweigend gemustert und mit ihren kleinen schwarzen Augen gerollt hinter der mit falschen Dämonenzähnen gespickten Holzmaske, die den unteren Teil ihres Gesichts bedeckte.

Während die junge Frau niederkniete und sich so tief verneigte, dass ihre Stirn den Staub berührte, hatte der Dorfvorsteher die Gesandten beruhigt: Die Witwe des Fischers würde sie ebenso gewissenhaft beliefern, wie Katsuro es getan hatte. Anschließend hatte Natsume ihnen, um sie endgültig milde zu stimmen, eine Mahlzeit aus Buchweizennudeln, Algen und Fisch serviert, begleitet von in Sakehefe eingelegtem Gemüse, bevor er sie bis zum Wasserfall begleitet hatte, von wo aus sie die Rückreise nach Heian-kyo angetreten hatten.

Dann war er zu Miyuki zurückgekehrt, um mit ihr zu reden.

»Wir haben deinen Mann tot aufgefunden, aber die Karpfen, die er noch hatte fangen können, sind zum Glück quicklebendig« – und er sah Miyuki wohlwollend an, als wäre sie für die blühende Gesundheit der Fische verantwortlich –, »die Gesandten haben mir deswegen tausend Komplimente gemacht.«

»Gesandte, diese dicken Grillen? Die sind doch nur Beamte, die so wenig Ansehen bei Hof genießen, dass man sie in die hinterste Provinz schickt, obwohl ein einfacher Brief genügt hätte.«

Wollte sie damit andeuten, dass sie diesen Brief hätte lesen können? Das war mit Sicherheit nur Angabe. Doch da Natsume selbst nicht lesen konnte, überhörte er es geflissentlich, weil er sich nicht auf ein Terrain wagen wollte, auf dem er Gefahr lief, gedemütigt zu werden.

Einen stummen Augenblick lang, in dem sein Schweigen als ein Nachdenken über das, was Miyuki ihm gerade gesagt hatte, gedeutet werden konnte, betrachtete er die Karpfen, die träge in ihrem Teich schwammen.

»Die Entsendung von drei Rittern ist bedeutend teurer als die eines einfachen Postboten«, bemerkte er. »Ich sehe das als Zeichen dafür, dass das Ministerium der Gärten und Teiche dieser Bestellung und der ordnungsgemäßen Auslieferung eine besondere Bedeutung beimisst. Du wirst so bald wie möglich nach Heian-kyo aufbrechen.«

»Ja«, sagte sie, überraschend fügsam. »Ja, gleich morgen, wenn du willst.«

Er stieß ein leises, zufriedenes Grunzen aus. Der Gedanke, dass Miyuki durch Katsuros Tod viele Dinge, wie beispielsweise die Reise nach Heian-kyo zu unternehmen, gleichgültig geworden sein könnten, war ihm nicht gekommen. Er hatte keine Ahnung von dem Kummer, der sie zerstört und nur eine leere Hülle, grau wie Asche, zurückgelassen hatte.

Natsume hatte diese Frau, die Witwe, wie man besser sagen sollte, niemals wirklich angesehen. Sie war zu ausgemergelt, um aus ihr eine Geliebte zu machen, wie er sie mochte – innerhalb nur weniger Tage war sie durch die Trauer noch hohlwangiger und ihre unkrautartige Gestalt noch magerer geworden. Doch vielleicht konnte er sie bei sich aufnehmen, um sie seinem Sohn zu geben, der immer noch keine Frau nach seinem Geschmack gefunden hatte und der traurige Frauen mochte – er sagte, dass, obwohl die Tränen salzig seien, die meisten bekümmerten Damen einen angenehmen Duft zuckersüßer Früchte ausströmen würden. Und falls Hara (das war der Vorname dieses Sohnes) die Witwe des Karpfenfischers nicht wollte, könnte Natsume immer noch versuchen, sie für sein persönliches Vergnügen aufzupäppeln; das wäre eine durchaus amüsante Beschäftigung, weil Miyukis Reize – ihre zukünftigen Reize, hatte er sich angesichts der Mastkur, der er sie zunächst unterziehen müsste, in Gedanken verbessert – offensichtlich mit einem spontanen, unschätzbaren Gehorsam einhergingen.

»Wie viele Fische wirst du dem Hof liefern? Mindestens zwanzig, nicht wahr?«

»Die Karpfen sind nicht anspruchsvoll«, sagte Miyuki, »aber sie brauchen viel Wasser. Die Reusen, in denen Katsuro sie transportierte, enthalten nicht allzu viel, je weniger sie daher sind, desto weniger werden sie leiden.«

Sie wagte nicht hinzuzufügen, dass ihre Schultern, auf denen die Bambusstange lasten würde, an der die Behälter hingen, nicht so widerstandsfähig wie die ihres Mannes waren; die Menge des mitgenommenen Wassers wäre der einzige Ballast, den sie verringern könnte, falls der durch das Tragen verursachte Schmerz überstieg, was sie auszuhalten glaubte.

»Zwanzig Fische«, wiederholte Natsume, »ist das Wenigste, was das Dorf tun kann.«

Wäre er nicht sicher gewesen, dort außergewöhnliche Karpfen zu finden, wäre Katsuro dem Lauf des Flusses niemals so weit hinuntergefolgt. Doch die prächtigen Fische gab es in diesem Abschnitt des Kusagawa in Hülle und Fülle, unmittelbar hinter dem Wehr von Shuzenji, wo sie umso leichter zu fangen waren, da sie sich hier, nachdem sie sich mit den durch den Wasserfall erzeugten starken Strömungen flussaufwärts gekämpft hatten, eine Art Pause gönnten und sich dicht unter der Wasseroberfläche treiben ließen.

Ein so erfahrener Fischer wie Katsuro brauchte nur die Hände ins Wasser zu tauchen, die Finger weit gespreizt, und zu warten, bis ein Karpfen die offene Handfläche mit dem Maul berührte. Dann musste Katsuro nur noch die Finger schließen und leicht auf Höhe der Kiemen drücken, damit der Fisch, der sich bei der Berührung durch den Mann in einer Art Schreckstarre versteift hatte, seine Anspannung wieder lockerte. Seine Flossen zappelten noch, aber sein Körper überließ sich, plötzlich schlaff und gefügig, der Hand, die ihn streichelte. Katsuro beeilte sich dann, den Karpfen aus dem Fluss zu reißen, um ihn vorsichtig in eine der Reusen aus Reisstroh zu legen, die er durch eine Schicht Schlamm wasserdicht gemacht hatte.

Gesäumt von grasbewachsenen Streifen, auf denen Hahnenfuß wuchs und die sich zwischen einem doppelten Paravent aus wilden Kirschbäumen, Persimonenbäumen, Schilfrohr und blauen Kiefern dahinschlängelten, schien der Pfad, der ins Fischgebiet von Katsuro führte, auf den ersten Blick ein angenehmer Spazierweg zu sein. Doch der Fischer ließ sich nicht täuschen, er wusste, dass es sich in Wirklichkeit um einen gefährlichen Pfad handelte, der rasch von den Regenfällen ausgewaschen wurde, deren Geriesel in der Erde Spalten öffnete, in denen die Füße sich verfingen wie in den Kiefern einer Falle. Das war kein so großes Problem, wenn Katsuro zum Fluss hinabging, weil seine Reusen dann leer waren und er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Gehen konzentrieren konnte; doch das änderte sich schlagartig bei der Rückkehr, wenn er seinen Blick in die Ferne richten musste, um die Stange auf seinen Schultern im Gleichgewicht zu halten, welche die Körbe trug, die jetzt randvoll mit Wasser und Fischen waren – die geringste Erschütterung weckte diese aus ihrer Benommenheit, sie wurden fast verrückt, manchen gelang es sogar, aus den Reusen zu springen, trotz der zu einem großmaschigen Netz geflochtenen Lotusstiele, mit denen der Fischer sie überzogen hatte.

Zweimal hatte Katsuro sich verletzt.

Das erste Mal hatte es sich nur um eine Verstauchung gehandelt. Trotz des Schmerzes und nachdem er seine Stange in der Mitte durchgebrochen hatte, um zwei Krücken daraus zu machen, hatte er es ins Dorf zurückgeschafft. Aber er hatte seine Reusen zurücklassen müssen, verborgen unter langen frischen Grashalmen, die der Regenschauer zu Boden gedrückt und gleichsam grün lackiert hatte. Während er nach Shimae gehinkt war, hatte er hinter sich das Rascheln der Tiere des Waldes gehört, die seine Fische mit Sicherheit entdecken und verschlingen würden.

Der zweite Unfall war schlimmer gewesen: Er hatte sich einen Knöchel gebrochen. Diesmal war er mit oder ohne Krücke nicht in der Lage gewesen, sich aufrecht zu halten. Er hatte sich entschließen müssen, auf dem Bauch zu kriechen und seinen gebrochenen, geschwollenen, brennenden Knöchel nachzuziehen, der auf den Unebenheiten des Weges durchgeschüttelt worden war, so dass er vor Schmerzen geschrien hatte. Doch das Kriechen hatte nicht nur seinen Fuß gefoltert, es hatte auch seine Knie und seinen Bauch aufgeschürft. Vor Schmerz und Fieber zitternd, hatte Katsuro daraufhin versucht, auf die andere Seite des Weges zu kriechen, dessen Rand vom häufigen Übertreten des Flusses aufgeweichter war. Zunächst hatte er Erleichterung verspürt, als die feuchte Kühle des Schlamms das Brennen seines Körpers gelindert hatte. Doch dann war er in einen erodierten Abschnitt gekommen, wo die fehlende Vegetation zu einem plötzlichen Absacken des lehmigen Streifens führte. Obwohl sie ihn zum Fluss gedrängt, ja sogar mit dem Gesicht hineingestoßen hatten, hatte Katsuro nicht die sichtbaren Erdrutsche gefürchtet; das Schlimmste war unter den scheinbar glatten und kompakten Abschnitten verborgen, wo der Kusagawa versteckte Spalten gegraben hatte, die nur darauf warteten, unter seinem Gewicht einzubrechen. Und das war geschehen, kurz bevor der Fluss eine Biegung machte.

Ein weißer furchtloser Reiher hatte den schlammbedeckten, von Schmerz entstellten Mann beobachtet, wie er sich keuchend gewunden hatte und dann plötzlich, Schlamm und Wasser verspritzend, verschwunden war.

Eine seiner Hände hatte noch aus dem Wasser geragt, am Himmel gekratzt und verzweifelt in der Luft herumgetastet auf der Suche nach einem Halt. Schließlich hatten seine Finger die Reste der Böschung gefunden, hatten in den Schlamm gegriffen und waren darin versunken, doch der nasse Lehm war durch die Finger geglitten, und die Hand war zurückgefallen, hatte noch einen Augenblick gen Himmel gedeutet und sich dann fast anmutig, ohne einen Spritzer, gleichsam im Fluss aufgelöst.

In diesem Augenblick hatte die Stimmritze des weißen Reihers gebebt; allerdings darf man das nicht als Mitgefühl des Reihers für den Fischer deuten, nein, es war ein reines Zusammentreffen des Todes eines Manns mit dem Schluckreflex eines großen Stelzvogels, der im Übrigen in dem Ruf steht, Unglück zu bringen.

Von diesen Ereignissen, die sich in Shimae am vierundzwanzigsten Tag des dritten Mondes zugetragen hatten, war den dreiundsiebzig Familien des Dorfs vor allem in Erinnerung geblieben, dass Miyuki eine Gefasstheit und Würde bewiesen hatte, die ihr niemand zugetraut hätte.

Denn die Fischerfrauen standen in dem Ruf, sich bei jeder Gelegenheit zu beschweren. Wenn sie nicht auf ihre Männer oder die Verwalter schimpften, kritisierten sie die Korbweide, deren Qualität, wie sie sagten, jedes Jahr ein wenig schlechter würde, was zur Folge habe, dass die Strömung des Kusagawa die Fischereigeräte zwei- bis dreimal schneller kaputt mache als früher – während es in Wirklichkeit mit der Geschicklichkeit dieser Frauen im Flechten der Reusen nicht allzu weit her war.

Mit weinerlichen Stimmen warfen sie ihren Männern ihren allzu kümmerlichen Fang vor, ihre ständig nasse Kleidung, die schneller als die der Bauern vergammele, ihre löchrigen Netze, welche die schönsten Fische entschlüpfen ließen. Oder sie jammerten über die mangelnde Bereitschaft der kaiserlichen Verwalter, neue Karpfen zu bestellen, um die Becken von Heian-kyo neu zu bevölkern.

Allerdings hätten sie nicht die Verwalter beschimpfen sollen, sondern ausschließlich Katsuro, der Fische von so unvergleichlicher Langlebigkeit lieferte, dass das Ministerium der Gärten und Teiche in Erwägung gezogen hatte, ihm den Titel eines Herrn der Karpfen zu verleihen; doch da es diesen Titel nie gegeben hatte (zumindest hatten die Sekretäre des Ministeriums in keinem offiziellen Dokument eine entsprechende Erwähnung gefunden), hatte Nagusa die Idee wieder fallen lassen, als er sich die Anzahl und Komplexität der Verfahren vor Augen geführt hatte, die notwendig waren, um die Schaffung eines neuen Ehrenamts zu genehmigen; im Übrigen hatte Katsuro nie etwas verlangt, er war von Tempel zu Tempel gezogen mit seinen Behältern voller Karpfen, hatte den Teich mit der geeignetsten Temperatur ausgewählt, dort seine Fische ausgesetzt, ein paar Tage lang ihre Akklimatisierung überwacht (reglos auf der Böschung kauernd, wie in Shimae, nur dass es hier keine Ehefrau gab, die ihm Reis brachte und seine Schultern mit einem Strohmantel bedeckte, wenn die nächtliche Kälte kam) und Empfehlungen gegeben hinsichtlich der Art ihrer Ernährung und wie man sie packt, ohne sie zu erschrecken, um sie über die anderen Becken zu verteilen – in Panik versetzt, konnten die Karpfen ihre Reflexe von glänzendem Leder oder polierter Bronze verlieren.

Als sie zu Miyukis Haus gingen, um ihr mitzuteilen, dass Katsuro ertrunken war, rechneten die Dorfbewohner mit einer unangenehmen Szene. Die arme Frau könnte sich an sie klammern und schreckliche Verwünschungen gegen die kami und den Fluss ausstoßen, die ihr ihren Mann genommen hatten, und gegen Natsume und seine Ädilen, die den Karpfenhandel gefördert und Katsuro ermuntert hatten, immer kräftigere und prächtigere Karpfen zu fangen, und vielleicht würde sie in ihrem übermäßigen Schmerz sogar so weit gehen, den Kaiser selbst zu verfluchen, der verlangte, dass seine Wasserbecken immer von Karpfen belebt wurden, obwohl Seine Majestät sich vermutlich niemals die Zeit nahm, sich am Rande eines Beckens niederzulassen, um die Fische zu bewundern, während das Ende seines dunkelvioletten und goldfarbenen Ärmels ins Wasser hing.

Doch nein, Miyuki hatte die Dorfbewohner bis zum Ende angehört, während sie ihr vom Tod ihres Mannes erzählten oder besser, was sie darüber wussten, sehr wenig in Wahrheit, und sich damit begnügt, den Kopf zur Seite zu neigen, als könnte sie kaum glauben, was sie ihr sagten.

Als sie fertig waren, stieß sie einen erstickten Schrei aus und fiel zu Boden.

Merkwürdig die Art, wie sie zusammenbrach: Sie schien sich in sich zusammenzukrümmen, während ihre Schultern sich immer mehr dem Boden näherten. Ihr Schrei schwebte währenddessen über der absteigenden Spirale, die ihr Körper beschrieb. Den Bruchteil einer Sekunde später – was zeigt, wie kurz der Schrei gewesen war – drang aus Miyukis Mund nur noch ein kaum wahrnehmbares Ausatmen. Und dann war das kurze dumpfe Geräusch ihrer Stirn zu vernehmen, die auf den Boden schlug, ähnlich dem Geräusch einer Holzschale, die man loslässt und die zu Boden fällt, während sie ihren Inhalt verliert.

Miyukis Gedanken hatten sich verstreut wie Tausende von Reiskörnern, die in der Schale eine heiße und duftende kompakte Kugel bilden. Diese Körner einzeln aufzusammeln, um sie in die Schale zurückzutun, ist eine überaus stumpfsinnige Aufgabe. Daher fegt man sie, wenn ein solcher Unfall eintritt, besser zusammen oder gießt einen Eimer Wasser über den Boden. Das war in etwa das, was das Gehirn der ohnmächtigen Frau machte; unter der Einwirkung des heftigen Schocks schickte es alle Reiskörner, welche die Aktivität von Miyukis Bewusstsein bildeten (Gedächtnis, Gefühl, Wahrnehmung der Außenwelt etc.), zum Teufel und beschränkte seine Tätigkeit ausschließlich auf die Lebensfunktionen.

Ihrer Empfindungen beraubt, ruhte Miyuki friedlich auf dem gestampften Boden. Die Männer hatten sie aufgehoben, um sie auf ihre Matte zu legen. Sie war leicht. Natsume hatte einen feuchten Fleck bemerkt, der sich auf Miyukis Kleid auf Höhe ihrer Scham ausbreitete. Als er sich über sie gebeugt hatte, hatte er den Uringeruch erkannt und sich gefragt, ob er die anderen darauf aufmerksam machen sollte. Dann hatte er jedoch gedacht, dass das für Miyuki demütigend sein könnte. Und er hatte sich auch erinnert, dass ein mit Urin getränkter Stoff, wenn er trocknete, mehr oder weniger nach Fisch zu riechen begann, und sich gesagt, dass niemand sich darüber wundern würde, wenn das Kleid der Witwe eines Karpfenfischers ein wenig nach Fisch roch. Und er hatte geschwiegen.

Mitten in der Nacht war Miyuki aus der Benommenheit, die auf ihre Ohnmacht gefolgt war, durch ein kurzes, heftiges Schnalzen gerissen worden, das die Söldner (Natsume hatte zehn von ihnen angeworben, um Shimae gegen eventuelle Überfälle von chinesischen Piraten zu schützen) ertönen ließen, indem sie die Sehne ihrer Bögen ohne Pfeil knallen ließen, wie es Brauch war im Kaiserpalast, wo es verboten war, nachts die Stimme zu erheben und die Stunden auszurufen.

Die Stunde der Ratte hatte soeben die Stunde des Wildschweins abgelöst.6 Der Vollmond verbreitete ein helles Licht, das die Schatten wie große Flächen aus schwarzer glänzender Tinte erscheinen ließ – man hätte meinen können, der Pinsel habe sie gerade eben gesetzt.

Miyukis Augen waren geöffnet. Sie hatte sofort Katsuros Körper gesehen, den die Fischer quer über eine offene Kiste gelegt hatten, damit er dort abtropfen konnte, so dass das Leichenwasser, das immer noch aus seinen Kleidern und seiner Behaarung perlte, den Boden aus gestampfter Erde nicht beschmutzte – im Grunde eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, denn in dem Augenblick, da der Leichnam Katsuros die Schwelle passiert hatte, hatte die Unreinheit des Todes bereits das ganze Haus, die Gegenstände, die es enthielt (wenige, wie bereits gesagt), die Tiere (in der Hauptsache Enten, die Katsuro einst vom Kusagawa mitgebracht hatte und die eine Familie gegründet hatten) und vor allem die Dorfbewohner, diejenigen, die seine sterbliche Hülle zurückgebracht hatten, diejenigen, die sich für die Totenwache versammeln würden, und all jene, die das Haus während der neunundvierzigtägigen Trauerzeit betreten würden, infiziert.

Der Brauch verlangte, dass Miyuki den Besuchern ein Gefäß mit Salz zur Verfügung stellte, mit dem sie sich besprengen könnten, um sich zu reinigen; aber sie hatte keine Ahnung, welche Art von Behältnis am besten geeignet wäre (Schale, Napf, Kessel? Warum nicht ein großes Lotusblatt, das an den Fluss erinnern würde, in dem Katsuro sein Leben gelassen hatte?), jedenfalls blieb ihr kaum noch Salz, und sie hatte nicht die Mittel, genügend zu kaufen, um den Anforderungen des Rituals Genüge zu leisten. Sie spürte, dass das Leben ohne ihren Mann eine Folge von quälenden Fragen sein würde, auf die sie ganz allein Antworten würde finden müssen. Sie verübelte sich diese Anwandlung von Egoismus, als sie daran dachte, dass Katsuros Schicksal kaum beneidenswerter war als ihres, zumindest in diesen ersten Stunden seines Todes, welche die nebulöse Periode waren, in der die Seelen der Verstorbenen alles daransetzen, ins Leben zurückzukehren, das sie verlassen haben, und, da es ihnen nicht gelingt, in eine Unruhe verfallen, die an Verzweiflung grenzt. Anschließend hing alles von der Religion ab, welche die Wahrheit besitzt: Wenn der Weg der Wahrheit shintoistisch war, würde Katsuro in die Welt der Toten hinabsteigen, die wie die der Lebenden aussieht, mit Bergen, Tälern, Feldern und Wäldern, aber unendlich viel dunkler, und falls er Platz nehmen würde unter den Vorfahren, könnte er über Miyuki wachen, bis sie ihm nachfolgen würde – was nicht die schlechteste Hypothese war; wenn die Wahrheit buddhistisch war, würde die Zeit des Herumirrens zwischen der Auflösung seines bisherigen Lebens und dem Borgen einer anderen Existenz ziemlich kurz sein, und Katsuro würde nicht lange unter dem verwirrenden Gefühl leiden, seine Gestalt, seine Substanz und seine Empfindungen verloren zu haben.

Jemand hatte eine steinerne, mit klarem Wasser gefüllte Schale mitgebracht und eine Bambuskelle, damit Miyuki die sterbliche Hülle ihres Mannes waschen und reinigen konnte.

Drei Tage später würden die Überreste des Karpfenfischers auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden, der außerhalb des Dorfs errichtet würde. Die Knochen würden aus der Glut genommen werden, zuerst die der Füße und zum Schluss die des Schädels, und in der gleichen Reihenfolge in eine Begräbnisurne gegeben werden – auf diese Weise ersparte man dem Verstorbenen die unbequeme und lächerliche Position mit dem Kopf nach unten. Dann würde Katsuros Name auf eine Tafel geschrieben, die Miyuki auf das Regal der Geister stellen würde. Die Urne würde neunundvierzig Tage im Haus bleiben und Blumen, Nahrung, Räucherwerk und Licht als Opfergaben erhalten, und Trankopfer würden zu Katsuros Ehre gefeiert werden, und dann würde sie beerdigt werden, und über den Karpfenfischer würde nie mehr gesprochen werden.

Miyuki hatte Katsuros sterbliche Hülle sanft gestreichelt und nicht umhingekonnt, ihn leise zu fragen, ob das Wasser, das sie auf seinem Körper verteilte, nicht zu kalt sei und ob sie ihn mit ihrer nassen Hand auch dort berühre, wo er es gern hatte; sie wurde nicht mehr wie früher von dem leisen zufriedenen Schnurren ihres Mannes geleitet, welches das Spiel ihrer Finger, den Druck ihrer Fingerkuppen befeuert hatte.

Der Schlamm, der den Fischer umhüllte, ließ ihn wie eine Keramik aussehen, einen hohen Tonkrug, dessen Risse sich unter der feuchten Handfläche, die ihn massierte, schlossen und verschwanden. Miyuki nutzte die Tatsache, dass niemand sie beobachtete, um ein letztes Mal ihre Lippen auf den langen Schaft seines Glieds zu drücken, das merkwürdig kalt geworden war.

Der erdige Geschmack überraschte sie. Zu seinen Lebzeiten hatte Katsuros Schwanz, wenn er in Miyukis Mund wuchs, nach rohem Fisch, nach jungen, warmen Bambussprossen und frischen Mandeln geschmeckt, wenn er endlich seine Säfte freisetzte. Jetzt war dieses Glied unter der Zunge der kleinen Witwe fade und schlammig wie die Teiche der Tempel in Heian-kyo, wenn das Ministerium der Gärten und Teiche das Wasser ablässt, um sie zu reinigen.

Miyuki hatte diesen Mann geliebt. Nicht dass er ein guter Liebhaber gewesen wäre – aber was wusste sie schon, schließlich hatte sie nur ihn gekannt. Er erregte sie mit seiner Art, geräuschlos hinter ihr aufzutauchen, sie an den Schultern zu fassen, mit seinen Nägeln ihr Fleisch zu kratzen und mit seinem ein wenig heftigen Atem auf ihren Nacken zu blasen, mit seinem Geruch nach reifer Frucht und schlecht gegerbtem Leder und mit seinem Knie, das gegen den verlängerten Rücken drückte, um die Tunika zu öffnen und eine Fläche nackter Haut freizulegen, an der er sein Glied rieb, als würde er unter seiner Hand Omeletterollen formen. Er kam nicht in ihr, sondern vor ihr und anders.

Wenn Katsuro zum Fluss aufgebrochen war, legte Miyuki sich wieder hin, um noch einmal jede Phase des gespielten Erbeutens zu durchleben, dem sie gerade ausgesetzt gewesen war – das geräuschlose Anschleichen, der Sprung, die Umklammerung, die Zerstückelung, das Verschlingen, die Sattheit, die Flucht in die Nacht; der Gedanke, von einem wilden Tier angegriffen worden zu sein, genügte häufig, um sie zu befriedigen, ihre Nasenflügel färbten sich bläulich und zuckten, ihr Atem pfiff und beschleunigte sich, Schweiß perlte zwischen ihren Brüsten, ihr Hals schien sich einem Biss darzubieten, ein kurzer, heiserer Schrei entfuhr ihr, die Haut ihres Gesichts schien sich zu spannen, sie erstickte, und plötzlich befreite sie sich, den Rücken leicht durchgebogen, und ließ ein langes Pfeifen zwischen ihren Lippen aufsteigen, das war ihre Art des Orgasmus, der dem sanften Gleiten des Kusagawa über sein Bett aus nassem Gras glich.

Sie hatte auch das Gefühl, dass der Körper ihres Mannes größer geworden sei. Vielleicht lag das an der Erschlaffung durch den Tod, obwohl diese Erschlaffung nicht zu den neun Stadien der Verwandlung des Leichnams gehörte, welche die Mönche lehrten.

In der Nacht der Totenwache hatte sich Miyuki als Vogel verkleidet; den Kopf vorgestreckt und die Arme vom Körper weggespreizt, war sie mit kleinen, schnellen Schritten im Kreis durch den Raum gegangen, hatte sich vor den anderen Frauen verbeugt, bevor sie von einer Seite zur anderen gehüpft war, und hatte den durchdringenden Schrei ausgestoßen, kroooh, kroooh, kroooh, die näselnde Trompete des grauen Kranichs, um der Seele Katsuros, seiner Seele, die sich mutmaßlich wie ein Vogel verhielt, zu helfen, zum takama-no-hara, der Ebene des Hohen Himmels, zu fliegen.

Allerdings hatte Katsuro weder an die Götter noch an Vorzeichen geglaubt. Nichts hatte ihn jemals davon abgehalten, seine Reusen auszulegen, wenn die anderen Fischer zu Hause geblieben waren unter dem Vorwand, es sei ein Unglückstag, oder weil sie irgendein religiöses Verbot respektieren mussten. Der einzige Hinderungsgrund waren für Katsuro die heftigen Hochwasser gewesen, welche die Karpfen auf den Grund des Flusses drückten.

Er hatte nicht zu denen gehört, die sich Fragen stellten. Weder sich selbst noch irgendjemand anderem. Er hatte häufig ja gesagt, manchmal nein, doch er hatte praktisch nie gefragt, wo oder wann oder warum oder wie. Dabei hatte er in seiner frühen Jugend mit Sicherheit die gleiche Neugier an den Tag gelegt wie alle anderen Kinder; doch mit zunehmendem Alter war er nach und nach zu der Überzeugung gelangt, dass es zu nichts nutze war, die Hintergründe der Dinge zu kennen, da er ohnehin nichts daran ändern konnte. Seine Gedanken waren ebenso glatt geworden wie die Felsen, die aus dem Fluss ragten, ebenso undurchlässig für die Lustlosigkeit, Mutlosigkeit und Apathie – lauter Gefühle, welche die Energie eines Karpfenfischers letztlich zuverlässiger zermürbten als das Wasser, das den bröckligen Teil der Böschungen des Kusagawa allmählich auswusch.

Katsuro hatte niemals die Orakel befragt, um zu erfahren, ob diese oder jene Nacht für das Fangen der Karpfen günstig war; entweder waren sie da oder eben nicht, das war alles. Die Farbe und die Form des Mondes hatten vielleicht einen Einfluss auf die Stimmung der Frauen, aber nicht auf die Anwesenheit der Fische flussaufwärts oder flussabwärts des Wehrs von Shuzenji.

Auch Miyuki hielt nichts von Vorzeichen, obwohl gierige Mönche zu ihr gekommen waren, um ihr mitzuteilen, dass ihre Reise unter ungünstigen Vorzeichen stehe, was sie aber glücklicherweise ausgleichen könnten, indem sie in einen Stoffbeutel Hanfstreifen stecken würden, auf die sie die Namen aller Heiligtümer zu schreiben bereit wären, an denen die junge Frau auf ihrem langen Weg zu den Teichen der Tempel von Heian-kyo vorbeikommen würde. Ihrer Meinung nach sei das ein mächtiger Talisman, der sowohl auf dem Hinweg wie auf dem Rückweg seine Wirksamkeit zeigen würde. Er würde Miyuki nur ein paar Fläschchen schwarzen Sake kosten und eine Mahlzeit aus mochi7, abgeschmeckt mit einer Mischung aus Salz und Steinbeißerfleisch und begleitet von einer großzügigen Portion dieser Seitlinge, die den Ruf haben, das Leben zu verlängern.

Das war kein Festmahl, nur eine dieser guten Mahlzeiten, wie sie sie häufig für Katsuro zubereitet hatte, doch sie lehnte ihren Vorschlag dennoch ab; es kam für sie nicht infrage, den Notgroschen anzugreifen, den Natsume ihr im Namen der Dorfbewohner ausgehändigt hatte, die für Miyuki einen pauschalen Betrag zusammengesammelt hatten, der den Transport und die erste Zeit der Akklimatisierung der Karpfen in den heiligen Teichen sichern sollte. Nach dieser letzten Lieferung würden die Dorfbewohner vermutlich einen anderen Fischer zu Katsuros Nachfolger bestimmen, und es war wenig wahrscheinlich, dass der neue Lieferant Miyukis Dienste in Anspruch nehmen würde, um seine Fische nach Heian-kyo zu bringen – er würde den Transport selbst übernehmen, da der Beruf sich nur lohnte, wenn man sich zugleich um das Fangen der Karpfen und ihre Lieferung an die Tempel der Kaiserstadt kümmerte.

Bei ihrer Rückkehr aus Heian-kyo würde Miyuki also ihr bisheriges Leben neu überdenken müssen.

Sie würde Bäuerin ohne Land werden, die benachteiligste der Bauernklassen. Wer würde dann ihren Lebensunterhalt gewährleisten? Sollte sie ihre Arbeitskraft für das Stampfen der Hirse vermieten? Oder würde sie sich auf den Reisfeldern des Herrn Shigenobu abrackern, was ihr neben dem Vorteil, dadurch von der Grundsteuer befreit zu sein, anscheinend auch die Gelegenheit bieten würde, ab und zu an eine der Wildenten zu kommen, die Shigenobu auf seinen Ländereien zum Brüten ermunterte, weil sie das Unkraut ausrissen und sich mit den Insekten vollstopften, die den Reis befielen. Miyuki konnte sich zumindest sicher sein, dass sie nicht verhungern würde; oberhalb des Wehrs von Shuzenji war der Kusagawa über eine lange Strecke mit Wasserspinat bedeckt, dessen spitze Blätter dem Gaumen schmeichelten und einen feinen Geschmack hatten.

Wäre es nur um sie gegangen, hätte sie sofort aufbrechen können – wegen der Fischbehälter konnte sie kein weiteres Gepäck bei sich tragen. Sie würde nur ein grobes Kleid aus Glyzinenfaser mitnehmen, ein paar Bissen narezushi8 und Reiskuchen, die ausreichen würden, um sich unterwegs zu stärken. Abends und an Tagen starken Regens, wenn die Gewitteratmosphäre das Wasser in den Reusen grün zu färben drohte, würde sie in einer der Herbergen haltmachen, welche die Straße nach Heian-kyo säumten und ab den Provinzen Totomi und Mikawa immer zahlreicher wurden.

Sie erinnerte sich, dass Katsuros Augen geglänzt hatten, wenn er von diesen Gasthäusern gesprochen hatte. Manchmal hatte er sogar gelacht. Er hatte seine Vorlieben gehabt: die Herberge zu den Sechs Kristallen, die Herberge zur Ersten Ernte (so genannt in Anspielung auf das Pflücken der Frucht des Persimonenbaums – zumindest hatte Katsuro das behauptet, aber seine Stimme war unsicher geworden, und Miyuki hatte es vorgezogen, den Blick abzuwenden: Wird nicht auch die junge Liebe, selbst die käufliche, gepflückt?), die Herberge zur Roten Libelle oder die Herberge zu den Zwei Monden im Wasser.

Bevor sie Shimae verließ, musste Miyuki für ihre Karpfen einen Lebensraum vorbereiten, der so sicher wie nur möglich war.

Für die Reise in die Kaiserstadt hatte die junge Frau sich überlegt, sich möglichst in der Nähe der Flüsse zu halten und sich nur von ihnen zu entfernen, wenn es unbedingt nötig war. Diese Entscheidung würde ihre Reise verlängern, doch auf diese Weise war gewährleistet, dass die Karpfen mit frischem Wasser versorgt werden konnten, selbst wenn ihre Reusen durch irgendeinen unvorhersehbaren Unfall aufgeschlitzt würden. Und so sorgfältig Miyuki sich auch bemühen mochte, sie abzudichten, ließ sich doch nicht verhindern, dass die Reusen eine gewisse Menge Wasser verloren. Um sie so wasserdicht wie möglich zu machen und um die Karpfen, welche die Dunkelheit schätzten, zu besänftigen, hatte Katsuro die Gewohnheit gehabt, sie mit tonhaltigem Schlamm abzudichten, dann sowohl innen wie außen einen Streifen Stoff anzubringen und diesen Stoff schließlich mit einer großzügigen Menge Ton zu bestreichen, den er nur mit seinen nassen Händen glattzustreichen brauchte, wenn sich durch zu starke Sonneneinstrahlung oder zu heftigen Wind Risse bildeten. Doch das verhinderte nicht, dass das Wasser aus den Reusen spritzte, wenn die Karpfen, ihres engen und wackligen Zuhauses überdrüssig, unruhig zu werden begannen oder ein zu starkes Hinundherschwanken der Tragestange (wozu es nur eines allzu hastig ausgeglichenen Fehltritts bedurfte) Wellen erzeugte, von denen manche überschwappten.

Nachdem sie die Behälter vorbereitet hatte, suchte Miyuki die Karpfen aus, die sie transportieren würde. Sie wählte zunächst diejenigen, deren Schuppen ein einheitliches und harmonisches Netz bildeten, deren Maul, ohne lang zu sein, weder zu kurz noch zu wulstig war, deren Flossen symmetrisch schienen und deren Farbe vom Maul bis zum Schwanz vollkommen gleichmäßig war. Auf der Grundlage dieser ersten Auswahl entschied sie sich dann für zwei schwarze Karpfen (einen, dessen Schwarz metallisch glänzend war, und einen von samtig mattem Schwarz), außerdem für zwei Fische von relativ mattem Gelb, deren Größe und Langlebigkeit aber häufig bemerkenswert waren, und dazu zwei tiefbronzene Exemplare, deren Schimmer an fließenden Honig erinnerte; und sie vervollständigte ihre Auswahl mit zwei fast schuppenlosen Karpfen, die in Leder gehüllt zu sein schienen.

Um ihnen einen möglichst großen Lebensraum zu gewährleisten, hatte Miyuki beschlossen, nur relativ kleine Fische mitzunehmen, zwei Sommer alte Karpfen, etwas weniger als einen shaku9 lang und mit einem Gewicht von ungefähr einem kin10.

Sie fing sie mit der Hand, ebenso geduldig und geschickt wie Katsuro, mit einem Griff, der einer Liebkosung glich.

Sie hatte die Nacht abgewartet, um sich auszuziehen und in das Becken zu steigen, wobei sie die Zehen krümmte wie kleine Haken, um auf dem glitschigen Boden nicht auszurutschen. Da sie nicht schwimmen konnte, drohte sie, bis zur Taille im Wasser, zu ertrinken, falls sie ausgleiten und stürzen würde. Sie hatte begonnen, vorsichtig an den Böschungen des Fischteichs entlangzugehen. Ihre Knie, ihre Schenkel, ihre Scham kräuselten das dunkle Wasser und verwischten den Widerschein des Mondes, der vor ihr floh. Das Wasser war eiskalt. Die Dunkelheit hinderte sie daran, die Fische zu sehen, doch sie spürte ihre Anwesenheit durch die flüchtigen Berührungen, das leichte Zucken ihrer Flossen an ihren Beinen, und hatte das Gefühl, inmitten eines Schwarms kalter Schmetterlinge zu gehen.

Wie sie es bei ihrem Mann gesehen hatte, kratzte sie ihren Körper mit den Fingernägeln, um winzige Partikel von ihrer Haut zu lösen, die, wenn sie sich auflösten, von den Karpfen als natürliche Bestandteile des Wassers wahrgenommen würden; auf diese Weise war Katsuro den Fischen allmählich so vertraut geworden, dass diese von sich aus ihren Bauch in seine hohle Hand gelegt hatten, was die Beamten des Ministeriums der Gärten und Teiche immer wieder von neuem fasziniert hatte.

Um ihre Karpfen an die Enge ihres künftigen Lebensraums während zahlreicher Monde zu gewöhnen, wartete Miyuki fast drei Tage, bevor sie sich auf den Weg machte.

Sie verglich ihre Reise nach Heian-kyo mit diesen Sommertagen, die mit Nebelschwaden beginnen, welche die Umrisse der Landschaft verbergen, von der Sonne aber schließlich aufgelöst werden, zumindest bis erneut Gewitterwolken um die Stunde des Hundes11 aufziehen. Seit Katsuros Tod lebte die junge Frau in einem Nebel, der die Geräusche dämpfte und die Farben aufweichte. Doch sie ahnte, dass diese Trübung verschwinden würde, sobald sie sich auf den Weg machte, und dass sie dann die Welt so sehen würde, wie sie wirklich ist, mit ihren positiven Aspekten und ihren unheilvollen Hängen. Und wenn sie ihre Fische abgeliefert hatte, wenn sie in die Becken der Tempel glitten, würde ihr Leben wieder stumpfsinnig werden und die Dunkelheit sie wieder umfangen.

»Na?«, sagte eine Stimme.

Sie hob den Blick. Natsume hatte sich genähert und betrachtete sie.

»Nimmst du ein Bad?«, fragte er. »Wirklich?«

Sie sagte ihm, dass sie die Fische zähme. Dass sie es zumindest versuche. Die Karpfen hätten nur sie als Bezugsperson, sie müsse sie an ihren im Wasser der Behälter aufgelösten Frauengeruch gewöhnen.

»Ich weiß nicht, ob sie kommen werden«, sagte Natsume und deutete auf den noch leeren Dorfplatz.

Damit spielte er auf das Ritual an, das darin bestand, dass die Dorfbewohner sich immer um Katsuro versammelt und ihn bis zum Waldrand begleitet hatten. Dort tauschten der Fischer und die Dorfbewohner Segenswünsche aus, damit Katsuro mit seinen Karpfen wohlbehalten nach Heian-kyo gelangen und nach Shimae zurückkommen möge, ohne sich die Schuldscheine stehlen zu lassen, die er vom Ministerium der Gärten und Teiche als Bezahlung bekommen und von denen er drei Viertel dem Dorf geben würde, bevor er in Begleitung von Miyuki den Rest in einem kaiserlichen Lager gegen Säcke mit Reis, Hanfballen und Seidenstoffe eintauschen würde.

Wie ein Huhn vor ausgestreuten Körnern nickte Miyuki mehrmals rasch mit dem Kopf, begleitete ihre Pickbewegungen mit einer Reihe spitzer Oh! Oh! Oh! und sagte, sie verdiene es nicht, dass man sie begleite, denn sie sei sich nicht einmal sicher, auch nur die Hälfte des Weges zu schaffen.

Sollte sie scheitern, wäre das ganze Dorf entehrt, weil sie nicht imstande gewesen war, die Fische an die Tempel von Heian-kyo zu liefern, und das Ministerium der Gärten und Teiche würde nie wieder Abgesandte mit der Bitte um Karpfen schicken. Shimae würde nicht nur seinen Ruf verlieren, sondern den wesentlichen Teil der Unterstützung, von der seine Bewohner lebten. Gewiss, ein paar Tempelvorsteher, die Zierfische liebten, würden sich wohl auch weiterhin von den Fischern aus Shimae beliefern lassen, doch man konnte die wenig wählerische Kundschaft mürrischer Mönche nicht mit den anspruchsvollen, aber sehr kultivierten Kunden des Ministeriums der Gärten und Teiche vergleichen.

Die Becken von Heian-kyo zu bevölkern war ein so großes Privileg, dass die Anwohner des Teichs von Yumiike, des Flusses Sumida oder des Stroms Shinano Direktor Nagusa unaufhörlich bedrängten, ihnen zu vertrauen, anstatt sich konsequent an diejenigen aus Shimae zu wenden. Miyuki glaubte, das zufriedene Grunzen der Fischer aus Koguriyama, Saakusa oder Niigata zu hören, als sie von Katsuros Tod erfahren hatten.

»Also«, erkundigte sich Natsume, »wie viele Karpfen nimmst du jetzt mit?«

»Ich habe vier Behälter, zwei Fische pro Behälter, das macht acht Karpfen.«

»Hatte ich dich nicht gebeten, mindestens zwanzig zu liefern?«

Wie immer, wenn er wütend war, hatte er zu bellen begonnen. Im Glauben, einen Fuchs zu hören, flog eine Familie von Spatzen geräuschlos von einer Baumgruppe auf.

Miyuki verneigte sich demütig vor Natsume und erklärte ihm, dass jeder Karpfen eine große Menge klaren Wassers benötige. Zwanzig Fische würden zu viele Exkremente produzieren, mit denen sie sich zu vergiften drohten. Sie fügte hinzu, dass acht eine glückverheißende Zahl sei, Symbol für Überfluss und Reichtum.

»Aber dein Mann transportierte doch zwanzig, oder nicht? Komm schon, ich habe diese Zahl nicht zufällig genannt!«

»Katsuro konnte Reusen auf seine Schultern nehmen, die viel größer waren als diejenigen, die ich tragen werde. Katsuro war ein sehr starker, sehr belastbarer Mann«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu – ein Lächeln, das der Dorfvorsteher nicht sah, da die junge Frau sich noch immer verneigte; Natsumes Blick ruhte nur auf der Furche ihres Nackens, auf den zwei schwarz glänzende Haarsträhnen fielen.

Nachdem Miyuki eine Blumen- und Nahrungsspende in den kleinen Schrein gestellt hatte, der vor ihrem Haus errichtet worden war und der ein paar bescheidene Erinnerungen an ihre Vorfahren und die ihres Mannes enthielt, balancierte sie auf ihrer linken Schulter die lange Stange aus, an deren Enden zwei Weidenreusen hingen.

Alarmiert von dem plötzlichen Schwingen der Stange, fingen die Karpfen in ihrem tragbaren Gefängnis sofort zu schwimmen an – ein spiralförmiges Schwimmen, sie lösten sich vom Boden, kamen in konzentrischen Kreisen zur Oberfläche und ließen sich dann wieder zurücksinken. Diese Bewegung, die sich dem Wasser übertrug, genügte, um die ganze Stange vibrieren zu lassen. Dieses Pulsieren schien zwei Musiktöne zu erzeugen, von denen einer vom vorderen Ende der Bambusstange kam und der andere vom hinteren; in dem Augenblick, in dem sie sich trafen, genau dort, wo die Stange auf Miyukis Schulter ruhte, verschmolzen sie zu einem einzigen idealen Ton.

Die geringste Veränderung dieser Welle würde Alarm auslösen und anzeigen, dass die Bambusstange von hinten nach vorn glitt oder umgekehrt, und dann musste Miyuki sich beeilen, das Gleichgewicht wiederherzustellen.