Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Das Monster von Bozen E-Book

Burkhard Rüth

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E-Book-Beschreibung Das Monster von Bozen - Burkhard Rüth

Im sonst so friedlichen Bozen steht Commissario Vincenzo Bellini vor seiner erstern großen Herausforderung. Ein raffinierter Serientäter hat zweimal zugeschlagen und die Morde als Unfälle getarnt. Die Spuren führen zu einer renomierten Unternehmensberatung, doch Vincenzo Bellini findet weder ein Motiv noch einen konkreten Verdächtigen. Es scheint, als könnte der Täter die Polizei nach Belieben an der Nase herumführen. Da geschieht ein dritter Mord. Und nun stell der Commissario derm Mörder eine Falle...

Meinungen über das E-Book Das Monster von Bozen - Burkhard Rüth

E-Book-Leseprobe Das Monster von Bozen - Burkhard Rüth

Burkhard Rüth, Jahrgang 1965, ist als Unternehmensberater und betriebswirtschaftlicher Fachautor tätig und kennt deshalb das Umfeld, in dem sein erster Südtirol Krimi spielt, aus eigener Erfahrung. Er lebt bei Bonn, seine Wahlheimat ist jedoch Südtirol. Die meisten Schauplätze sind absolut realitätsnah dargestellt. Burkhard Rüths Romane sind für den interessierten Leser zusätzlich eine ganz spezielle Art von Reiseführer.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagfoto: iStockphoto.com/Bettina Ritter Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-180-0 Originalausgabe

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Dein Trotz und deines Herzens Hochmut hat dich betrogen,

weil du in Felsenklüften wohnst und hohe Gebirge innehast.

Wenn du denn gleich dein Nest so hoch machtest wie der Adler,

dennoch will ich dich von dort herunterstürzen, spricht der Herr.

Prolog

Köln, Oktober, elf Jahre zuvor

Sie stand lange am Grab ihres Mannes. Sie hatten davon geträumt, ihre gemeinsame letzte Ruhe auf einem kleinen, stillen Waldfriedhof zu finden. Aber sie waren zu jung gewesen, um sich ernsthaft mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Sie hatten noch so viel vorgehabt. Helmuts Tod hatte allen Zukunftsplänen ein jähes Ende bereitet. Jetzt war er auf einem Waldfriedhof beerdigt, so, wie er es sich gewünscht hatte.

Eine schmale Zufahrt führte durch Wiesen und Felder zu einem kleinen Parkplatz, eine Rasenfläche, auf der höchstens zehn Autos Platz fanden. Dahinter begann ein dichter Buchenwald. Das Laub war bunt gefärbt, der Wald sah aus wie vergoldet. Wie oft war sie den Weg zu seinem Grab schon gegangen. Er führte fünfzig Meter geradeaus, dann machte er einen Linksknick. Dahinter öffnete sich der Wald in eine kleine Lichtung. Dort erstreckte sich der Friedhof, den man durch ein schlichtes Holztor betrat. Das Grab, das irgendwann auch ihre letzte Ruhestätte sein würde, lag hinten links, ganz am Ende, bevor sich der Wald wieder schloss.

Heute war ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch. Schleierwolken kündigten einen Wetterumschwung an, doch noch war es mild und fast windstill. Die Luft war erfüllt von einem leicht modrigen, erdigen und zugleich würzigen Geruch. Solche Stimmungen hatten sie beide geliebt. Er würde das nie wieder mit ihr teilen können. Tränen rannen ihr über die Wangen. All das wegen eines einzigen Ausrutschers.

Auf einem Kongress hatte er zu viel getrunken und war dem Charme einer Studentin erlegen. Er hätte es ihr sagen können, sie hätte es ihm verziehen. Sie liebte ihn viel zu sehr, um ihn wegen so etwas zu verlassen. Aber er hatte Angst gehabt und sich zutiefst geschämt. Irgendjemand hatte zudem seinen Fehltritt mitbekommen, »Beweisfotos« geschossen und ihn damit erpresst. Sie wusste bis heute nicht, worum es gegangen war, jedenfalls nicht allein um Geld. Das hatte sie seinem Abschiedsbrief entnommen, der vor ihm auf dem ovalen Glastisch gelegen hatte.

Sie würde diesen Anblick und dieses Gefühl niemals vergessen. Helmut hatte keine äußerlichen Verletzungen, er sah aus, als würde er schlafen. Halb sitzend, halb liegend, den Kopf auf der Brust. So hatte er immer ausgesehen, wenn er beim Fernsehen eingenickt war. Als sie ihn berührte, wusste sie, dass er nicht schlief. Er hatte sich mit Tabletten das Leben genommen. Auf dem Tisch stand eine leere Cognacflasche, damit hatte er seine Angst betäubt.

Die Polizei fand nie heraus, wer der Erpresser war. Aber er hatte bei Helmut kaltblütig die richtigen Knöpfe gedrückt. Vermutlich hatte er nicht nur damit gedroht, sie zu informieren, sondern auch den Ausschuss.

Das alles war nun ein Jahr her. An keinem Ort war sie seitdem häufiger gewesen als an Helmuts Grab. Doch das Gefühl von Trauer und Verzweiflung, aber auch der unbändige, gefräßige Hass auf den Erpresser wurden nicht schwächer. Sie spürte es jeden Tag wie am ersten.

Langsam ging sie den Weg zurück, vorbei an den anderen Gräbern, in denen andere Menschen mit anderen Schicksalen lagen. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Als sie aus dem Wald auf den Parkplatz trat, blies ihr eine kalte Windböe aus Nordwesten entgegen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Regen kam.

1

Südtirol, Ahrntal, Samstag, 6. Juni 2009

Obwohl Vincenzo Bellini es besser wusste, konnte er nicht anders. Immer wieder musste er hinunterblicken in die scheinbar unendliche Tiefe. In manchen Momenten spürte er überdeutlich das Verlangen, einfach nur loszulassen, angezogen von ihrem mächtigen, unentrinnbaren Sog.

Er war in aller Frühe aufgestanden, hatte seinen Rucksack gepackt und war losgefahren. Allein von Bozen bis nach Sankt Johann hatte er mit seinem Alfa eine gute Stunde gebraucht, zum Glück brach das Verkehrschaos im Pustertal erst viel später aus. Gegen sechs hatte er seine Tour begonnen. Am Anfang war der Weg technisch anspruchslos, aber lang und steil. Über das kleine Sträßchen bis zum Stalliler, dann weiter über den Hauptwanderweg mit der Nummer 23. Allein auf diesem Stück hatte er über sechzehnhundert Höhenmeter überwunden. Ihm war bewusst, dass das schon eine beachtliche konditionelle Leistung war. Zumal er mehr als zehn Kilogramm auf dem Rücken trug.

Das Schwierigste lag zu diesem Zeitpunkt aber noch vor ihm. Gegen zehn war er in den Klettersteig eingestiegen, um zwölf waren sie auf der Schwarzensteinhütte verabredet. Seit seiner Kindheit war er zu jeder Jahreszeit in den Bergen. Er liebte sie, sie waren seine Heimat. Aber fürs Klettern hatte er sich nie erwärmen können. Bis er Hans kennenlernte.

Hans Valentin war Bergführer und Inhaber einer Alpinschule in Sand in Taufers. Er war Anfang fünfzig und hatte im Laufe seiner Bergsteigerkarriere die meisten Achttausender bestiegen, einige zusammen mit Reinhold Messner. Die Berge und die Herausforderungen des Extremkletterns waren sein Leben. Selbst vor den brutalsten Touren, die für gewöhnliche Bergsteiger unerreichbar waren, schreckte er nicht zurück. Er hatte das Matterhorn innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden viermal bestiegen, jedes Mal auf einer anderen Route. Je mehr er Hans zugehört hatte, umso mehr wollte er ihm nacheifern, hinauf in schwindelerregende Höhen, auf immer schwierigeren Routen. Auf einmal hatte ihn der Ehrgeiz gepackt.

Und was hatte er jetzt davon? Mutterseelenallein hing er in dieser verdammten Wand. Blanker Fels, so weit das Auge reichte. Als er am Fuß des Steigs die Klettersteigausrüstung angelegt hatte und nach oben schaute, hatte er sich nicht vorstellen können, diese Wand jemals zu durchqueren. Trotzdem war er losgegangen. Er wollte sich vor Hans keine Blöße geben. Zunächst kam er noch problemlos voran. In den Wandeinstieg war eine kleine Spur gesprengt, es gab jede Menge Sicherungen. Doch bald kam er ohne schwindelerregende Kletterei nicht mehr weiter.

Dazu diese schwüle Hitze, unter der das Land seit Tagen litt. Er befand sich in einer Westwand, daher war es in den Vormittagsstunden wenigstens noch schattig. Aber allmählich kroch die Sonne um den Berg herum und schien mitten in den Steig. Obschon auf über zweitausend Metern Höhe, wurde es unerträglich warm. Kein Lüftchen regte sich, die helle Felswand reflektierte das Sonnenlicht zusätzlich. Er kam sich vor wie in einem Brutofen.

Er zwang sich, nicht mehr nach unten zu schauen, löste den ersten der beiden Karabinerhaken. Während er sich mit der rechten Hand krampfhaft an der Öse festklammerte, durch die das Drahtseil gelegt war, führte er mit der anderen den Haken vorsichtig an der Öse vorbei. Er konnte nur auf den Zehenspitzen stehen, denn die Wand bot kaum noch natürliche Tritte und Griffe. Endlich gelang es ihm, den Karabinerhaken wieder einzuklinken. Er wiederholte die Prozedur mit dem zweiten Haken. Das war das Ärgerliche. Man musste grundsätzlich mit zwei Karabinern gehen, weil man sonst in den Momenten, in denen man den Haken ausklinkte und um die Ösen im Fels führte, ungesichert war. Das kostete Zeit und Kraft.

Er blieb stehen, bis sich sein Puls wieder beruhigt hatte. Dann zog er sich vorsichtig an dem Drahtseil entlang. Anstatt seinen Blick starr vor sich auf den Fels zu richten, ließ er ihn immer wieder zwanghaft dem Sog der Tiefe folgen. Die Neigung der Wand überschritt jetzt neunzig Grad, ein Überhang. Er erinnerte sich an den Moment, als er das erste Mal mit Hans vor einem Überhang gestanden hatte. Damals hatte er gelacht, als Hans ihm in seiner unnachahmlichen Art erklärte: »Ein Überhang ist ein Stück einer Route, deren Steilheit über das Senkrechte hinausgeht.« Jetzt lachte er nicht mehr, denn er konnte nicht einmal seine eigenen Füße sehen. Da war nur noch die Tiefe, wie ein riesiger Schlund. Ihm wurde schwindelig. Gleichzeitig überfiel ihn ein Brechreiz, seine Beine fühlten sich an wie Watte. Er hatte das Gefühl, im nächsten Moment den Halt zu verlieren. Wie sollte er jemals heil wieder nach Hause kommen?

Doch da, vor ihm, ein größerer Tritt im Fels! Endlich. Dort würde er freihändig stehen und sich wenigstens einen Augenblick ausruhen können. Er hatte durch seine Touren und Bergläufe eine ausgezeichnete Kondition. Aber das hier war etwas völlig anderes. Diese Kombination aus Ausdauer, Kraft und Konzentration, das kannte er nicht. Dazu diese Hitze. Und die Angst. Er überwand sich weiterzugehen, ohne nach unten zu blicken, Schritt für Schritt. Nach einer Minute, die ihm vorkam wie eine Ewigkeit, hatte er endlich wieder festen Boden unter beiden Füßen. Vorläufig.

Vincenzo Bellini war Commissario in der Questura di Bolzano und lange nicht mehr im Ahrntal gewesen. Bevor er nach Bozen versetzt wurde, hatte er in der Questura in Brixen gearbeitet. Von dort aus war das Pustertal mit seinen Nebentälern schnell erreichbar, aber seit er in Sarnthein bei Bozen lebte, hatte er sich vor allem die Dolomiten und die Sarntaler Alpen erschlossen. Doch heute war er mal wieder im Ahrntal, weil er mit Hans in der Hütte unterhalb des Schwarzensteins verabredet war – und dafür musste er erst diese vermaledeite Felswand hinter sich bringen.

Zurück konnte er auf keinen Fall. Wenn er schon fast nicht hinaufkam, dann ging hinunter erst recht nicht. Und vor ihm lag, wie er erst jetzt entsetzt bemerkte, eine weitere, fast glatte Wand, noch etwas stärker überhängend. Durch sie war ein Drahtseil gelegt. Für die Füße gab es in beängstigend großen Abständen Eisenstifte, die in den Fels gerammt waren, natürliche Tritte und Griffe fehlten völlig. Erneut stieg Panik in ihm auf. Wäre wenigstens Hans hier!

Als Hans mit ihm das Begehen ausgesetzter Klettersteige geübt hatte, war es ihm viel leichter gefallen. Das lag an Hans’ Fähigkeiten als Bergführer und seiner natürlichen Art. Er strahlte Ruhe und Souveränität aus, und trotz seiner Erfolge und seines physischen Leistungsvermögens war er ein zugänglicher, einfühlsamer Mensch geblieben. Niemals sprach er verächtlich über Leute, die ihre Grenzen schon bei einem Spaziergang auf dem von vielen Bergbahnen erschlossenen Kronplatz erreichten. Deshalb fühlte Vincenzo sich in seiner Gegenwart sicher.

Sie hatten sich vor einigen Jahren bei einem Vortrag über Hans’ Expeditionen in den Himalaya kennengelernt. Seitdem trafen sie sich gelegentlich, wenn Hans nicht gerade wieder irgendeinen Achttausender bestieg, um zusammen eine Tour zu machen. Heute wollten sie den Schwarzenstein besteigen, fast dreitausendvierhundert Meter hoch. Mein Gott, was hatte er getönt: »Hans, plan mal was Anspruchsvolleres, einen Klettersteig, gerne mit größeren Höhenunterschieden! Ich möchte meine Grenzen kennenlernen.«

Jetzt lernte er sie kennen. Und wie! Es war totenstill. Außer ihm war an diesem Vormittag niemand in der Wand, keine Stimmen, nichts. Niemand, der ihm sagte: Du schaffst das schon. Selbst die Krähen, die es in dieser Höhe gewöhnlich zuhauf gab, schienen vor der schwülen Hitze zu kapitulieren. Er fühlte sich einsam, verlassen und ausgeliefert. Aber es half alles nichts, er musste weiter. Vincenzo sah an der Wand entlang. Nach Hans’ Beschreibung müsste es danach einfacher werden. Noch eine senkrechte Leiter, dann sollte er den Zugang zur Hütte erreichen, wo Hans, der dort übernachtet hatte, bestimmt schon ungeduldig auf ihn wartete.

Er atmete ein paarmal tief durch, dann klinkte er den ersten Karabinerhaken ein. Misstrauisch trat er auf den ersten Eisenstift, der nicht den Eindruck erweckte, einen ausgewachsenen Mann von einem Meter fünfundachtzig und neunzig Kilogramm tragen zu können.

Doch der Stift hielt! Er zog den anderen Fuß nach und trat auf den nächsten Stift. Durch den Überhang wurde sein ganzer Körper wie von einer fremden Macht nach hinten gedrückt, in die Tiefe. Der Rucksack auf seinem Rücken tat ein Übriges, die zehn Kilogramm kamen ihm vor wie hundert. Mit aller Kraft musste er sich am Drahtseil an die Wand ziehen, damit sich sein Schwerpunkt nicht bedrohlich in Richtung Abgrund verlagerte. Die Muskeln seiner Unterarme waren bretthart, und trotz all seiner Klimmzüge und Liegestützen fürchtete er, die Kraft in den Händen zu verlieren.

Jetzt erst kam die größte Herausforderung. Auf einem einzigen Nagel stehend, das andere Bein frei in der Luft, musste er seine Karabinerhaken irgendwie um die nächste Öse bringen. Mit zitternder Hand löste er den ersten Karabiner vom Drahtseil und führte ihn, balancierend wie ein Hochseilartist, an der Öse vorbei. Dabei zog er sich mit der freien Hand mit aller Kraft zur Wand, um nicht nach hinten wegzukippen. Er hatte das Gefühl, als könnte sein Unterarm jeden Moment platzen. Unter dem Steinschlaghelm lief ihm der Schweiß in die Augen, die sofort zu brennen anfingen. Für einen Moment glaubte er, das Gleichgewicht zu verlieren. Nur mit angehaltenem Atem und höchster Konzentration gelang es ihm, den Karabinerhaken wieder einzuklinken.

Erleichtert trat er mit dem freien Fuß auf den nächsten Nagel. Jetzt noch zweimal die Karabiner umklinken, dann hatte er das Schlimmste hinter sich. Wenig später erklomm er die fünfzig Meter lange senkrechte Leiter, vor der ihm vor seinem Aufbruch noch so gegraut hatte. Jetzt erschien sie ihm merkwürdig harmlos. Er erreichte den ebenen Pfad zur Hütte, die wenig später vor ihm auftauchte. Er hatte es geschafft!

***

Augsburg

Eine ausgeprägte Südwestströmung führte seit Tagen schwüle Hitze heran, die das alltägliche Leben zum Stillstand zu bringen schien. Selten war es mitten in der Stadt so ruhig. In der obersten Etage staute sich die Hitze wie in einem Treibhaus.

Hier hatte sich Arthur Achatz eine komfortable Drei-Zimmer-Wohnung gemietet. Ruhelos lief er in seiner Wohnhalle umher. Zu viele düstere Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Mittlerweile hatte er keine Zweifel mehr daran, dass er ungewollt in kriminelle Machenschaften verwickelt worden war, die außer ihm scheinbar niemandem aufgefallen waren. Und wenn er mit seinen Vermutungen richtiglag, welche Lawine hatte er dann mit seinen Recherchen und seinem letzten Telefonat mit Sabrina losgetreten? Was würde das für ihn persönlich bedeuten, für seine Allianz mit der SSP?

Achatz klebte das Hemd schweißnass am Körper, und sein Blick wanderte über die großen Fensterflächen, ohne dass er etwas wahrnahm. Normalerweise genoss er den herrlichen Ausblick auf die Altstadt, über den Rathausplatz mit seinen Cafés und dem Augustusbrunnen und weiter zum Perlachturm und dem beeindruckenden Renaissancebau des Rathauses. An heißen Tagen wie diesem saß er manchmal auf seinem Balkon, trank einen Weißwein und sinnierte darüber, wie sehr sich sein Leben in den letzen Jahren verändert hatte.

Doch gerade hatte er weder Sinn für die urbanen Schönheiten der Altstadt noch für schicksalhafte Entwicklungen. Stattdessen zweifelte er an sich selbst. War das Ganze vielleicht doch bloß ein Hirngespinst, eine Ausgeburt seiner Phantasie? Ein Teil von ihm konnte gar nicht glauben, dass im beschaulichen Südtirol tatsächlich so ein Verbrechen möglich war. Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, konnte er die Hinweise darauf nicht übersehen.

Getrieben von Neugier und seinem konsequenten Gerechtigkeitssinn hatte Achatz vor einiger Zeit begonnen, eigene Ermittlungen anzustellen. Und deren Ergebnisse deuteten darauf hin, dass ihm seine Phantasie keineswegs einen Streich spielte. Sein Spürsinn und seine Fähigkeit, Bilanzen zu lesen, täuschten ihn nicht.

Er war achtundfünfzig Jahre alt und seit mehr als dreißig Jahren im Beratungsgeschäft. Lange Zeit war er Partner bei der KOMPAG gewesen, einem der führenden international agierenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen mit vierundzwanzig Standorten allein in Deutschland. Achatz war stolz darauf, es in diesem hart umkämpften Umfeld so weit gebracht zu haben, aber ungeachtet seines Erfolges hatte er nach einem Herzinfarkt vor fünf Jahren der KOMPAG den Rücken gekehrt.

Ständig war er unterwegs gewesen und von einem Mandanten zum nächsten gereist. Sein Zuhause waren Flughäfen, Hotels und Besprechungsräume. Seine Ernährung? Das typische Nebenbei-Essen eines Managers, Kekse, Sandwiches mit extra viel Mayonnaise, dazu immer wieder ein Geschäftsdinner. Eine Beleidigung für seinen fürsorglichen Hausarzt. Zudem war er von jeher fast krankhaft ehrgeizig, gönnte sich kaum je einen Moment des Innehaltens. Nach dem Unfalltod seiner Frau Maria und seines Sohnes Johannes auf der regennassen A 8 am Irschenberg im November 2001 hatte er sich nur noch tiefer in seine Unternehmenspläne vergraben, zuletzt hatte er gar nichts anderes mehr gekannt als die KOMPAG.

Als er seine Partnerschaft aufgab und sich selbstständig machte, wusste er eigentlich gar nicht, wie er zurechtkommen sollte. Bereits der erste Anruf bei einem seiner früheren Kunden, der Holzküferei Küfex GmbH, brachte ihm jedoch einen lukrativen Auftrag. Die Küfex wollte sich in Südtirol niederlassen, wo sie bereits ein lokales Beratungsunternehmen aus Bozen beauftragt hatte, die SSP – South Tyrol Strategy Partner. Sie war froh, zusätzlich auf einen vertrauten Berater zurückgreifen zu können, und das war sein Glück. Inzwischen waren die SSP und er ein in Südtirol etabliertes Team, das ausländischen Unternehmen half, in der nördlichsten Provinz Italiens Fuß zu fassen. Und die Kunden kamen schon längst von alleine.

Achatz’ Zusammenarbeit mit den einzelnen Beratern der SSP funktionierte reibungslos, auch wenn er nicht für jeden dieselben Sympathien empfand. Dieser Franz Junghans! Was für ein selbstverliebter, oberflächlicher Schönling, kam sich vor wie Terence Hill. Äußerlich bestand sogar eine gewisse Ähnlichkeit. Immerhin war er ein kompetenter Berater, den die Kunden akzeptierten, und er hatte einen ausgezeichneten BWL-Abschluss, also war er nicht dumm. Es reichte für eine friedliche Koexistenz.

Da war ihm Ernesto Panzini mit seiner unprätentiösen Art bedeutend lieber. Panzini war Ende vierzig, er hatte zwar nicht studiert, aber am meisten Praxiserfahrung, was für ihre Projekte von großem Vorteil war. Er war eher zurückhaltend, und vielleicht mochte ihn Achatz genau deshalb, weil das auch einer seiner eigenen Charakterzüge war.

Oder Sabrina Parlotti – was für eine außergewöhnliche Frau! Sie hatte in Harvard studiert, beherrschte neben den für eine Beratertätigkeit im zweisprachigen Südtirol unverzichtbaren Sprachen Deutsch und Italienisch zusätzlich Englisch und Französisch. Damit konnten sie Unternehmen aus vielen europäischen Ländern beraten. Achatz fand sie ziemlich attraktiv. Und er hatte sie gern, weil sie so warmherzig und zuvorkommend war. Dennoch hegte er für sie eher väterliche als erotische Gefühle, denn für ihr Alter – sie war dreiundvierzig – war sie von einer ungewöhnlichen Arglosigkeit.

Mit Südtirol hatte Arthur Achatz sich eine Welt erschlossen, die für ihn neu war. Und aufregend! Er fühlte sich dort inzwischen fast schon heimisch. Immer häufiger blieb er nach einer Projektwoche noch ein paar Tage dort, um mit den Kollegen von der SSP Bergtouren zu machen. Einer von ihnen, Klaus Mantinger, war nicht nur Berater, sondern auch ein echter Bergfex, der jedes Mal herrliche Touren plante. Er war wie Junghans schon seit rund zehn Jahren Seniorberater der SSP, charismatisch, BWL-Studium mit Einser-Examen, trotzdem ein unkomplizierter, unterhaltsamer Typ ohne Allüren.

Im Geiste sah er das gesamte Team der SSP vor sich. Waren wirklich Betrüger unter ihnen? Tief in seine Gedanken versunken, blieb Achatz für einen Moment mitten in seinem Wohnzimmer stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickte ins Leere. Der Schweiß tropfte ihm inzwischen vom Kinn auf sein Hemd, er merkte es nicht.

Wie glücklich waren die letzten Jahre gewesen! Er war unabhängig, verdiente mit weniger Aufwand mehr Geld als bei der KOMPAG. Eigentlich könnte er restlos zufrieden sein – gäbe es da nicht diese merkwürdigen Zahlungen seiner Kunden an die Liechtensteiner IFS – International Financial Services, die ihm auf Kontoauszügen aufgefallen waren. Die Zahlungen standen im Zusammenhang mit ausgezahlten Fördergeldern, und auf den Überweisungsträgern standen»Anlagetransfer«, »Krisenrücklage« oder ähnliche Verwendungszwecke. Bei der SSP und der Wirtschaftsförderung hatten sie ihm erklärt, dass es sich um einen staatlich organisierten Krisenfonds handele, um einen Spargroschen für Südtiroler Unternehmen, die in eine finanzielle Schieflage gerieten.

So etwas konnte man ihm als gestandenem Berater allerdings nicht weismachen. Also hatte er mit seinen Nachforschungen begonnen und schließlich auf eigene Kosten einen Privatdetektiv engagiert, Peter Farmer, Spezialist für Wirtschaftskriminalität. Von Farmer wusste er inzwischen, dass die Zahlungen an die IFS wohl tatsächlich nicht sauber waren, doch auch Farmer konnte die Transfers bis jetzt weder erklären noch feststellen, wer hinter diesen Deals stand. Wahrscheinlich war der Drahtzieher tatsächlich jemand von der SSP, denn man musste dafür den Kunden sehr gut kennen und ausgezeichnete Kontakte in Südtirol haben.

Plötzlich durchbrach ein ohrenbetäubender Donnerschlag die Stille in seiner Wohnung hoch oben über den Dächern von Augsburg und riss ihn aus seinen Gedanken. Ein mächtiges Gewitter war aufgezogen. Sekunden später ergoss sich eine Sintflut über die Stadt. Um ihn herum wurde es Nacht. Er schaltete das Licht nicht ein, sondern stellte sich vor sein Fenster, beobachtete geistesabwesend die Blitze, die die Dunkelheit für den Bruchteil einer Sekunde durchbrachen. Schwere Regentropfen klatschten stakkatoartig gegen das Fenster. Es war ein infernalisches Spektakel. Das laute, gleichförmige Rauschen des Regens erfasste Achatz ganz und gar, es sog ihn geradezu auf. Ihm war, als würde sein Bewusstsein mit der Naturgewalt verschmelzen.

Bald musste er wieder nach Bozen, das nächste Projekt begann. Die Expansion der Firma Rödderlink. Wieder ein Kunde, der über ihn zur SSP gekommen war. Es war paradox. Einerseits war er es, der den Südtirolern die Kunden brachte, die das schnelle Wachstum der Firma überhaupt erst ermöglichten. Andererseits saß offenbar ausgerechnet bei der SSP jemand, der in Betrügereien großen Stils verstrickt war, und niemandem außer ihm war das aufgefallen. Und jetzt steckte er selbst mittendrin in diesem Schlamassel.

Bald würde er dem Drahtzieher unweigerlich begegnen. Davor graute ihm, denn er war sich der Gefahr bewusst, dass er zwar nicht den Betrüger durchschaut hatte, dieser aber ihn. Seine und Farmers Recherchen, sein scheinbar beiläufiges Nachfragen, konnten nicht unbemerkt geblieben sein, genau das, was er unbedingt hatte vermeiden wollen. Damit war der Täter Achatz einen entscheidenden Schritt voraus. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

***

Saint Tropez

Er genoss es, auf den sanften Wellen des Mittelmeeres dahinzugleiten, alleine auf seiner Achtzehn-Meter-Jacht. Es war ein Ausbruch aus der alltäglichen Welt. Nicht, dass er mit diesem Alltag unzufrieden war! Im Gegenteil, er hatte alles erreicht, was er erreichen wollte, auch wenn er sich insgeheim manchmal nach einem normalen, harmonischen Familienleben ohne Probleme und Krisen und einem stressfreien Beruf mit geregelten Arbeitszeiten sehnte.

Immerhin konnte er seiner größten Leidenschaft nachgehen, eine Erfüllung, die er sich hart hatte erarbeiten müssen. Aber es hatte sich gelohnt. Denn dieser Luxus bedeutete für ihn die totale Freiheit, ein wahnsinnig erregendes Gefühl! Niemand käme jemals auf die Idee, dass ausgerechnet er immer wieder an die Küste fuhr und dort ein derartig elegantes Schiff besaß.

Die Jacht hatte über siebenhunderttausend Euro gekostet, dazu die laufenden Kosten für Liegeplatz, Wartung, Sprit – und der gefälschte Bootsführerschein. Doch das war bei Weitem nicht alles, was er für ein großartiges Lebensgefühl brauchte. Er besaß ein feudales Anwesen in der Nähe von Saint Tropez, in dessen Garage ein BMW-M-6-Cabrio stand. All das kostete viel Geld, und wenn man auf absolute Diskretion angewiesen war, konnte man schlecht fremdfinanzieren. Man musste bar zahlen, und manchmal auch ein bisschen mehr, um die eine oder andere Formalität zu umgehen.

Er hatte frühzeitig Wege gefunden, diesen Lebensstil zu finanzieren. Es war erschreckend, wie blass, wie konturenlos viele Menschen waren, so leicht zu durchschauen, zu manipulieren, unter Druck zu setzen. Und er machte sich das zunutze. Ein Außenstehender würde das vielleicht skrupellos nennen. Er hingegen bezeichnete es als das legitime Ausspielen seiner Überlegenheit gegenüber solchen Menschen. Sie waren selbst schuld, sie hatten es nicht besser verdient. Damit hatte er von jeher Erfolg gehabt, und er würde auch zukünftig damit Erfolg haben. Sein Platz war auf der Sonnenseite des Lebens.

Das Einzige, was seine Freude zurzeit ein wenig trübte, war der merkwürdige Auftritt dieses angeblichen Beamten der Aufsichtsbehörde für internationale Finanztransaktionen. Wie hatte der Wicht so einen Schwachsinn überhaupt glauben können? Und wie waren diese Leute dahintergekommen? Vor allem – WER war dahintergekommen? Es war doch ein todsicherer Plan. Der Wicht selbst, diese Kreatur von einem Menschen, konnte es nicht gewesen sein. Es gab genügend Druckmittel, der wäre niemals so dämlich, das Maul aufzureißen. Denn er würde mehr drinhängen als jeder andere.

Wie amüsant es war, ihn wie eine Marionette in jede beliebige Richtung zu lenken. Hechelnd wie ein Hündchen fraß ihm der Kerl aus der Hand. Er hatte gar nicht begriffen, dass er längst nicht mehr Herr seines eigenen Willens war. Umso weniger war anzunehmen, dass ausgerechnet er die undichte Stelle war.

Doch es war gleichwohl offensichtlich, jemand hatte begriffen oder ahnte zumindest, dass die IFS nicht das war, wofür sie sich ausgab. Allzu viele kamen nicht in Frage, denn man brauchte durchaus Wissen, eigentlich sogar Insiderwissen, um die Konstruktion nachzuvollziehen. Im Grunde gab es nur einen, der dahinterstecken konnte: der Erbsenzähler. Immerhin war dieser Pedant noch nicht allzu weit gekommen. Wer oder was hinter der IFS steckte, war kaum herauszubekommen. Zu diesem Zweck hatten sie die Gesellschaft schließlich in Liechtenstein gegründet und nirgendwo sonst.

Jedenfalls war es noch nicht zu spät. Und damit war klar, was als Nächstes geschehen musste. Es stand zu viel auf dem Spiel.

2

Bozen, Mittwoch, 10. Juni

»Vince! Iss deine zweite Portion Tiramisu, ich habe es extra für dich gemacht.«

»Nun lass den Jungen in Ruhe, Antonia, carissima, wenn er doch nicht mehr mag!«

»Quatsch, nicht mehr mag … er hat doch kaum was von dem Hühnchen gegessen. Ich dachte, das ist, weil er sich auf das Tiramisu freut, aber von wegen!«

Vincenzo mochte es gar nicht, wenn seine Mutter ihn Vince nannte, er war überhaupt kein Freund von Spitznamen. Wofür hatte man einen richtigen, vollwertigen Namen? Und das »Hühnchen«, von dem seine Mutter sprach, war kein Hühnchen, sondern ein ausgewachsenes Huhn, ein regelrechtes Monstervieh. »Mama, ich bin einfach nur satt, und nenn mich nicht immer Vince. Du kannst mir das Tiramisu gerne einpacken, ich esse es heute Abend.«

Sein Vater, Piero Bellini, und seine Mutter, Antonia, betrieben in der Altstadt, wenige hundert Meter von der Questura entfernt, eine Trattoria mit Außengastronomie. Unter der Woche öffneten sie erst um vierzehn Uhr, und so konnte sich Vincenzo mittags manchmal kulinarisch verwöhnen lassen. Dafür half er abends gelegentlich in der Küche aus, wenn besonders viel los war. Er war ein Familienmensch, auch wenn ihm seine Traumfrau scheinbar noch nicht begegnet war. Zwar war er seit gut einem Jahr mit Gianna zusammen, aber es schien nicht zu passen. Ihre Lebensziele waren einfach zu unterschiedlich.

Er wollte unbedingt Kinder, mindestens zwei, immerhin war er achtunddreißig. Sie wollte keinesfalls welche, sie mochte ihren Karrierepfad nicht verlassen. Die Arbeit als Anwältin in der Kanzlei ihrer Eltern in Mailand machte ihr Spaß, sie hatte dort beste Entwicklungschancen. Kinder passten nicht in dieses Konzept und das, obwohl sie bereits sechsunddreißig war. Sie liebte exotische Reiseziele, er hingegen war der Meinung, seine Heimat biete ihm genug, vor allem ein unerschöpfliches Repertoire an Bergtouren. Gianna fand Bergsteigen total langweilig, sie verausgabte sich lieber in ihrem Mailänder Fitnessstudio. Bergwandern sei ein Altherrensport, hatte sie abfällig angemerkt, bevor sie das erste Mal widerwillig mit Vincenzo auf Tour ging. Nach fünfzehn Kilometern und tausend Metern Anstieg begriff sie, dass dies eine Fehleinschätzung war. Sie war so erschöpft, dass sie schon auf der Rückfahrt im Auto einschlief.

Es waren nicht bloß diese Gegensätze. Vincenzo kam auch nicht dagegen an, dass ihn das weibliche Geschlecht magisch anzog. Frauen faszinierten ihn nun mal. Mitunter reichte eine flüchtige Begegnung auf der Straße. In seiner Zeit als Ispettore in Brixen hatte er in einem Fall mehrfach eine attraktive Frau wegen unerlaubter Prostitution zu verhören. Es war ihm schwergefallen, sich auf sachliche Fragen zu beschränken, zumal seinem Gegenüber Vincenzos Nervosität keineswegs verborgen geblieb war. Ihr hatte es Spaß gemacht, mit ihren Reizen und ihrer Wirkung zu kokettieren. Er war heilfroh, als er das letzte Verhör überstanden hatte.

Aber Gianna war nach seiner Jugendliebe Theresa seine erste ernsthafte Beziehung, und er wusste, dass er sich bei ihr keine Eskapaden erlauben durfte. Zumal Gianna alles hatte, was ihn bei einer Frau anmachte. Das erging ihr umgekehrt nicht anders. »Du bist genau mein Typ«, hatte sie ihrem athletischen Vincenzo mit den kurzen, fast schwarzen Haaren und den hellbraunen Augen nicht nur einmal gesagt.

Antonia riss ihn aus seinen Gedanken, als sie mit drei Espressi an den Tisch kam. »Habt ihr euch eigentlich Gedanken gemacht, was wir Erika zum Geburtstag schenken können?«

»Das ist nicht schwierig. Schenkt ihr einen Essenskorb mit Südtiroler Spezialitäten. Vergesst nicht ihre heiß geliebte Bergblütencremesuppe. Abends könnt ihr ausgiebig für sie und Rudolf kochen. Sie lieben das.«

Erika und Rudolf waren Vincenzos Tante und Onkel mütterlicherseits. Sie wohnten in Nürnberg. Tante Erikas Geburtstage feierten sie gerne in Bozen, um die Familie zu sehen und die Südtiroler Küche zu genießen. Weil sie nicht gerade im Geld schwammen, quartierten sie sich dann bei Vincenzo in seiner geräumigen Wohnung in Sarnthein ein. Er mochte die beiden zwar gern, schätzte es allerdings gar nicht, wenn ihm jemand seinen Haushalt durcheinanderbrachte. Aber Antonia, seine Mutter, hatte ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie ihrer Schwester gegenüber verpflichtet sei. Mama war verpflichtet, aber er musste die Tante unterbringen – was für eine bemerkenswerte Logik.

Wenig später schlenderte Vincenzo zurück in die Questura und dachte dabei voller Vorfreude an das übernächste Wochenende. Hans Valentin hatte eine neue Tour geplant, wieder eine echte Herausforderung: die Besteigung des Schneebiger Nock in der Rieserfernergruppe von Rein in Taufers aus. Mehr als siebzehnhundert Meter Höhenunterschied, einige Klettereien, ein Gletscher. Diesmal musste er wenigstens nicht mutterseelenallein über einen nervenaufreibenden Klettersteig zu einem Treffpunkt kommen. Andererseits hatte ihn dieses Erlebnis geradezu beflügelt – die Ausgesetztheit, die Erfahrung, über sich selbst hinauszuwachsen. Klettern schien wie eine Droge zu wirken.

In diesem Moment bemerkte er allerdings ein leichtes Kratzen im Hals. Hatte er sich beim Joggen unterkühlt? Dann könnte er den Gipfel vergessen.

***

»Du weißt Bescheid. Im Laufe dieser Woche bekommst du die Eckdaten von Rödderlinks Expansionsplänen. Der Geschäftsplan soll binnen zwei Wochen fertig sein, der wird dir dann wie immer von SSP automatisch zugeschickt. Sorg bis dahin dafür, dass alle Anträge ausgefüllt sind, damit schnell Kohle fließt.«

»Sollen wir nicht dieses eine Mal auf unseren Zuschlag verzichten? Wäre doch kein Drama, wenn wir uns einmal zurückhalten, nicht wahr. Immerhin sind sie uns auf die Schliche gekommen. Von offizieller Seite, nicht wahr!«

»Mein Gott, was bist du für ein armseliger Feigling. Erst kassierst du jahrelang ab, dann ziehst du wegen eines fernen Donnergrollens sofort den Schwanz ein. Wenn ich das schon höre, offizielle Seite! Da hat jemand blind rumgestochert, das ist alles.«

»Du hast gut reden, bei dir haben die Leute nicht angerufen.«

»Und du hast ihnen exakt das gesagt, was du ihnen sagen solltest. Alle haben dir geglaubt, dass es sich um eine reine Routineangelegenheit handelt. Niemand hat weiter nachgefragt oder tiefer gebohrt. Wie ich es vorhergesagt habe. Du solltest inzwischen begriffen haben, dass meine Pläne perfekt sind. Ich mache niemals Fehler! Also vertrau mir gefälligst und hör auf, so einen Blödsinn zu verzapfen!«

»Das hast du in den falschen Hals gekriegt. Selbstverständlich vertraue ich dir, nicht wahr. Sollten wir uns nicht trotzdem ein Weilchen zurückziehen? Wenn sich die Lage wieder beruhigt hat, können wir weitermachen, der Rahmen dafür ist perfekt, nicht wahr.«

»Bist du bescheuert? Hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, dass das dann wirklich verdächtig wäre? Sparfonds, Krisenzeiten, Schutz von Steuergeldern, blablabla, fertig. Du machst genauso weiter wie besprochen. Du hast es doch ohnehin leicht, weil ich dir alles vorkaue. Du treibst mich wirklich zur Weißglut!«

»Entschuldige, du hast ja recht. Ich hab halt nicht so dicke Nerven wie du, nicht wahr. Wann sehen wir uns wieder?«

»Unser Plan muss ohne allzu viel Kontakt laufen. Die anspruchsvollen Jobs wirst du wie üblich mir überlassen, dann kann nichts schiefgehen. Ciao.«

Was für ein unsägliches Getier. Dieses ewige, nervige »nicht wahr«, widerlich. Eines war klar: Wenn sich die Wogen nicht bald wieder glätteten, würde der Kakerlak so nervös werden, dass er sich irgendwann verplapperte. Auch wenn das für ihn selbst nicht sonderlich gefährlich war, wusste man nie, wie ein in die Enge getriebener Wicht reagieren würde. Angeschossene Wichte waren unzurechnungsfähig. Er würde handeln müssen. Aber jetzt noch nicht. Es machte zu viel Spaß, mit dieser Laborratte zu experimentieren, sie zu konditionieren. Außerdem gab es Wichtigeres zu tun.

3

Rein in Taufers, Samstag, 20. Juni

Es war die übliche Runde, die sich zu einer Bergtour traf: Arthur Achatz und die Berater der SSP – Klaus Mantinger, Franz Junghans, Fabio Franco, Ernesto Panzini und Sabrina Parlotti. Sie hatten sich am Vorabend im Hotel Hochgall einquartiert, um am nächsten Morgen zeitig aufbrechen zu können.

Diesmal jedoch schlossen sich ihnen zum ersten Mal zwei weitere Mitwanderer an, Salvatore Gemini und Hans-Georg Schimmel, die Firmeninhaber, die jedoch erst morgens aus Bozen angereist waren. Klaus Mantinger, Organisator der Tour und ein sonnengebräunter, durchtrainierter Läufertyp, sah die beiden zuerst. », Signor Gemini, warten Sie schon lange?«

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