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Eine humorvolle Innenschau, die zum Nachdenken und Nachfühlen anregt. Das Museum der Peinlichkeiten ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die aus der Sicht einzelner Gefühle und Stimmungen von deren Weltsicht und Aufgabe erzählt. Der etwas andere Blickwinkel lässt neue Einsichten zu. So erscheinen Glück und Liebe plötzlich weniger sympathisch, Wut und Egoismus ernten Verständnis und eher ungeliebte Begleiter wie Schmerz und Scham bekommen endlich die Anerkennung, die sie verdienen. Dabei geht es alles andere als ernst zu. Der persönliche und humorvolle Schreibstil gibt jedem Leser Raum, selbst zu entscheiden, was er für sich auswählen möchte und die kurzen, in sich abgeschlossenen Episoden eignen sich hervorragend als kleine Lektüre für zwischendurch.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2020
Anemone Hartmann
Das Museum der Peinlichkeiten
und andere Gefühle
© 2020 Anemone Hartmann
Umschlagmotiv: „Wenn du guckst, komm ich nicht raus.“
2018 – Collage, coloriertes Büttenpapier auf Tonkarton 30 x 22 cm
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-12714-2
Hardcover:
978-3-347-12715-9
e-Book:
978-3-347-12716-6
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Für Thara,als Beweis, dass Träume wahr werden können.Was ich kann, kannst du schon lange.Tschacka!
INHALT
Prolog
Auf Bewährung
Der Postbote
Flower Power
Der Mechaniker
Die Wahlkampfrede
Kaltes Wasser
Qualitätskontrolle
Museum der Peinlichkeiten
Darf ich bitten, meine Damen
Valentinische Verdrängung
Schnelle Pferde
Haste mal’n Euro?
Visionen
Ich putze.
Eine Brust voll Orden
Auf die Knie!
Alles hat Grenzen
Fragen ausrechnen
Alles und Nichts
Käsebrote
Klara Linie
Die dunkle Königin
Der Tagedieb
Unter Freunden
Die Bienenkönigin
Folge mir.
Me Happy
Von Formeln und Fäden
Wahre Helden
Wer fährt den Bus?
Interview mit der Freiheit
Prolog
Auf den zahlreichen Reisen durch meinen, zugegeben etwas verschrobenen, Geist und gewöhnt an eigenwillige Emotionen, habe ich schon so manche, ungewöhnliche Entdeckung gemacht. Dennoch war ich einigermaßen erstaunt, als ich vor einigen Jahren in einem wenig genutzten Winkel meines Verstandes einen Raum entdeckte, der meiner forschenden Neugier bis dahin entgangen war.
An diesem fast schon ernüchternd schmucklosen Ort, bestehend aus leeren Wänden, einigen einfachen Stuhlreihen und einem hölzernen Rednerpult, fand sich regelmäßig eine Gruppe von interessanten Persönlichkeiten ein, um in vertrauter Runde und unter dem Mantel der Verschwiegenheit, ihre sehr eigenen Lebensansichten auszutauschen. Sie nannten sich „AnonyMood – Die anonymen Gemüter“ und da sie sich nicht daran zu stören schienen, wenn ich still in einer der hinteren Reihen Platz nahm, wurde es mir zu einer lieben Gewohnheit, ihren Reden zu lauschen.
Inzwischen bin ich ein anerkanntes Mitglied der Gemeinschaft und wir sind einstimmig zu dem Entschluss gekommen, dass es an der Zeit ist, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Mancher Leser wird über das was wir zu berichten haben vielleicht ratlos den Kopf schütteln und es vorziehen zu gehen, alle anderen laden wir gern als Zuhörer in unseren Kreis ein. Und der Eine oder Andere wird nach der Lektüre vielleicht sogar die Neugier verspüren, in seinem eigenen Geist auf die Suche nach verborgenen Räumen zu gehen. In manchem eingestaubten Winkel liegt möglicherweise ein Schatz.
Auf Bewährung
Bin ich hier richtig bei AnonyMood? Ja? Gut, war gar nicht so leicht zu finden. Mich vorstellen? Also gut, dann stelle ich mich mal vor: Mein Name ist Yleila und ich bin der schöpferische Geist. Ich bin auf Bewährung draußen, jedenfalls fühlt es sich so an. SIE haben gesagt, ich sei jetzt frei und könne gehen wohin und tun was immer ich will. SIE, das sind die Stimmen von außen, aber ich traue ihnen nicht. Sie haben schon so oft gelogen und selbst wenn sie die Wahrheit sagen, weiß ich nie genau, wie sie es meinen. Es gibt so viele Interpretationsmöglichkeiten, so viele Graustufen zwischen schwarz und weiß.
Ich bin vorsichtig geworden, misstrauisch sogar, denn ich trage Verantwortung. Ich bin die Mutter der Ideen und ich habe viele Kinder.
Tatsächlich bin ich selbst nicht imstande, sie zu zählen, aber ich habe sie geboren, an meinen Brüsten genährt, in meinen Armen gewärmt und ich erkenne sie alle. Ich erkenne sie am Schwung ihrer Worte, wenn sie durch eine Geschichte tanzen, am Klang ihrer Melodie in den Liedern einer Sehnsucht, an den Farben ihrer malenden Augen. Ich kenne alle ihre Formen und sie sind vielgestaltig, tatsächlich ist keines von ihnen wie das andere.
Nein, ich war nicht immer so umsichtig wie heute, ich gestehe, ich habe Fehler gemacht, wie alle Eltern Fehler machen. Ich habe sie einfach raus gelassen. Die Wände unserer Schöpfungshöhle schienen mir zu eng und es waren ja auch so viele. Ich dachte, sie brauchen Sonnenlicht und frische Luft und Platz zum Spielen.
Ja, sie sind laut, sie hinterlassen Dreck und Chaos, es sind echte Rabauken darunter die scheren sich nicht um Regeln der Rhetorik, den goldenen Schnitt oder die wissenschaftliche Grundlage der Naturgesetzte. In deren Übermut gingen schon ein paar Fensterscheiben des guten Geschmacks zu Bruch, das will ich gar nicht bestreiten. Ich habe natürlich versucht, ihnen die Grundlagen des guten Benehmens beizubringen: Die alten Weisheiten höflich grüßen, Vorurteile ausreden lassen, sich bescheiden in die Schlange der Möglichkeiten einreihen und geduldig warten bis die rechte Zeit gekommen ist, solche Dinge. Natürlich hat das nicht immer funktioniert und ich fand es auch nicht so wichtig.
Mal ehrlich, die Warteschlangen vor den passenden Momenten sind schrecklich langweilig und einige der zurzeit anerkannten Lehrmeinungen kommen schon derart alt und klapprig daher, dass ich ihnen nicht wirklich zutraue, noch am wissenschaftlichen Gedankenverkehr teilzunehmen.
Vielleicht war ich nachlässig. Ich habe die Blicke der Nachbarn schon gespürt und das Getuschel gehört. Man kann mir vorwerfen, dass einige meiner Zöglinge rotzfrech und vorlaut waren und ich die Zeichen falsch gedeutet und zu spät reagiert habe. Aber ich war jung und verliebt in das Leben. Ich habe meine verrückten Kinder mit den Augen einer stolzen Mutter gesehen und gedacht, alle anderen täten das auch. Ich konnte doch nicht ahnen, wie grausam sie bestraft werden würden. Und sie wurden bestraft, unzählige von ihnen, immer und immer wieder.
Ich kann sehr gut nachfühlen, warum die große Meeresschildkröte ihre Eier an einem fernen Strand im Sand vergräbt und dann wegschwimmt, so weit und so schnell sie kann, um nicht mit ansehen zu müssen, wie viele ihrer Kinder sterben, bevor einige wenige das Meer erreichen. Ich kann diese Art von liebevoller Flucht aus tiefstem Herzen nachempfinden, aber ich selbst war nicht dazu imstande. Ich musste bei meinen Kindern bleiben.
Ich war da, als ihnen der Prozess gemacht wurde, ein sehr kurzer wie ich fand. Ich habe ihre kleinen Hände gehalten während sie auf ihr Urteil warteten und ihre weinenden Gesichter an mein Herz gedrückt. Ich habe am Richtplatz gestanden und zugesehen, wie die Stimmen von außen meine Kinder mit Knüppeln aus Vernunft schlugen, bis ihre Knochen brachen, wie sie ihre Glieder mit dem glühenden Draht der Machbarkeit fesselten, sie mit dem gleißenden Feuer der Realität blendeten, in Kübeln voll Resignation ertränkten und ihnen mit langen Riemen, die sie sich selbst aus dem Fleisch ihres guten Willens geschnitten hatten, die Haut von den Körpern peitschten.
Bitte versteht mich nicht falsch. Ich weiß, sie taten das nicht aus Bosheit. Sie waren überzeugt, aus Liebe zu handeln und in Wahrheit agierten sie vermutlich aus Angst. Ich verurteile sie nicht dafür, denn ich habe ja selbst hilflos dabeigestanden, unfähig etwas zu ändern. Dem mächtigen Wächter der eigenen Verletzlichkeit, hatte ich nichts entgegen zu setzen.
Obwohl alles in mir danach schrie, meine Kinder zu verteidigen, konnte ich nur stumm danebenstehen, starr vor Entsetzen und Schmerz.
Ich habe zu viele meiner Kinder auf diese Art sterben sehen, ihre Todesschreie verfolgen mich bis heute im Schlaf und ich will kein einziges, weiteres mehr verlieren.
Ich bin eine Mutter, ich trage Verantwortung und ich habe getan, was jede Mutter tun würde, das Bestmögliche, um meine noch lebenden Kinder zu beschützen. Ich habe sie zusammengetrieben aus allen Winkeln der Erde, zurück in die kleine, dunkle Höhle in der sie geboren wurden. Ich habe ihnen befohlen, still zu sein, sich nicht zu rühren und habe meine großen Schwingen über ihnen ausgebreitet, damit niemand sie sieht. All meine Farben habe ich abgelegt, Tarnung ist wichtiger, und ich benutze meine Flügel seitdem nicht mehr zum Fliegen, sondern nur noch als Schutzmantel für meine Brut.
Die elektronische Fußfessel, die ich trage stammt übrigens nicht von den Stimmen von außen, nein, die habe ich mir selbst angelegt. Sie reagiert auf einen unsichtbaren Zaun im Boden meiner Achtsamkeit und ich habe Jahre gebraucht, um den genauen Radius herauszufinden, in dem ich mich gefahrlos bewegen kann, ohne aufzufallen. Es ist ein sehr kleiner Kreis, aber er ist sicher.
Meine Kleinen haben gelernt, damit umzugehen. Es sind sehr gehorsame Kinder geworden, sie ducken sich artig und still ins Dunkel. Nur ganz selten muss ich unsere Höhle verlassen, um einen allzu neugierigen Abenteurer einzufangen, der sich früh morgens davongestohlen hat, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ich lasse sie nämlich nicht mehr raus bei Tag. Nur in besonders dunklen und stillen Nächten erlaube ich ihnen manchmal, in den Träumen zu spielen.
Und jetzt sagen die Stimmen plötzlich, ich sei frei und meine Kinder in der Welt willkommen. Von einem Moment auf den anderen soll alles anders sein, nach so vielen Jahren? Ich mache vorsichtig einen Schritt ins Licht, dann noch einen. Das Gehen ist ungewohnt nach so langer Zeit, und spüre das warnende Vibrieren an meinem Fußgelenk, blicke hinab auf das kleine, rot blinkende Lämpchen.
Der Schlüssel liegt in meiner Hand. Kann ich es wagen?
Der Postbote
Hallo, ich bin der Otto Schmerz. Ich bin wohl das was man ein „einfaches Gemüt“ nennt. Wenn du jemanden für philosophische Gespräche oder geistreiche Konversation suchst, bin ich der Falsche. Mit mir kann man nicht diskutieren. Das sag ich gleich vorweg, damit niemand beleidigt ist. Ich bin vielleicht simpel gestrickt, aber ich bin eine ehrliche Haut. In meiner Existenz ist nichts unklar oder kompliziert. Ich bin geradlinig und direkt.
Als ich z.B. meine Frau Agnes, die Empfindsamkeit, kennenlernte, wusste ich vom ersten Moment an: Wir sind füreinander bestimmt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Also habe ich sie zum Essen eingeladen, ihr erklärt was ich fühle und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Und sie hat ja gesagt. So bin ich, ganz einfach. Ich gehe keine Umwege, weder privat noch beruflich. Das würde keinen Sinn machen.
Wir haben drei wunderbare Töchter: Pethula, Mathilda und Lea. Unsere Älteste, die Angst, geht in die Politik und ist eine echte Karrierefrau. Ich bin sehr stolz darauf, eine so erfolgreiche Tochter zu haben, auch wenn ich nicht genau verstehe was ihre Ziele sind. Anfangs dachte ich, sie würde meinen Arbeitsplatz wegrationalisieren mit all ihren Verbesserungen und Modernisierungen. Aber die Sorge war unbegründet, ich habe jetzt sogar noch mehr zu tun als vorher.
Apropos „Sorge“, das ist unsere zweite Tochter. Sie zu verstehen fällt mir leicht. Sie ist ein Familientyp, wie ich und wir haben einen guten Draht zueinander. Mit ihrem Mann Zeitdruck und den fünf Kindern Panik, Stress, Mangel, Hektik und Depression hat sie alle Hände voll zu tun. Und dann kocht sie auch noch leidenschaftlich. Sie hat sogar ein Kochbuch geschrieben: „Familienrezepte aus der Gerüchteküche“, es ist hinter vorgehaltener Hand erschienen, im Treppenhaus Verlag, kann ich empfehlen.
Nur um Hoffnung, unsere Jüngste machen wir uns etwas Sorgen. Sie geht so blauäugig und naiv durchs Sein mit ihren Blumenkränzen im Haar und die Welt ist nun einmal nicht nur gut. Sie erklärt uns immer, wir müssten es einfach zulassen, dann würde sich alles finden und hängt ständig im Park mit Glaube ab.
Du weißt schon, dieser langhaarige Hippie mit dem Peace-Zeichen-Shirt und der Gitarre. Agnes und ich hoffen, dass sie eines Tages dem Ernst des Lebens in die Arme läuft, die Beiden wären so ein schönes Paar.
Aber zurück zu mir. Mein Leben ist überschaubar. Manch einer würde es als langweilig bezeichnen, aber das ist es nicht. Ich erlebe echt schräge Dinge, vor allem bei der Arbeit. Ich bin Postbote.
Man sagt ja: „Nolite necare nuntium.“ (Tötet nicht den Boten.) Da ist was Wahres dran. Du glaubst gar nicht wie oft mir die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, wenn ich versuche von den überlasteten Knien eine dritte Mahnung wegen Übergewicht zuzustellen, oder eine Vorladung zur Anhörung in einer Beziehungsklage.
Die Sendung kommt in jedem Fall beim Empfänger an, dafür gibt es das Einwurfeinschreiben. Es macht also keinen Sinn, mein Klingeln zu ignorieren und sich hinter der Küchengardine zu verstecken, auch wenn ich mit einem großen Paket Altlasten vor der Tür stehe. Dann komme ich eben am nächsten Tag nochmal… und nochmal… und nochmal… Und irgendwann gebe ich das ganze Zeug bei deinen Nachbarn ab. Die sind in der Regel nicht so geduldig wie ich und reden auch noch drüber. Annehmen musst du deinen Kram so oder so, da führt kein Weg dran vorbei.
Manche versuchen mich mit Medikamenten zu betäuben. Bei einigen Adressen nehme ich deshalb schon gar keine Einladung zum Tee mehr an. Es ist unschön, irgendwo am Straßenrand aufzuwachen und nicht zu wissen, wie man da hingekommen ist. Ich nehme es den Leuten nicht übel. Niemand bekommt gerne Rechnungen, das verstehe ich. Es bringt nur nichts. In den meisten Fällen hast du schlicht zu lange über deine Verhältnisse gelebt. Und laufenden Kosten fallen einfach an, das häuft sich wenn man älter wird, kenne ich auch alles. Ich kann aber nichts dafür. Die schlechten Nachrichten verschwinden nicht, wenn du den Boten beseitigst. Selbst wenn du es fertigbringst, meine Kinder zu Waisen zu machen und mich bei deinen anderen Leichen im Keller verscharrst, steht garantiert am nächsten Tag ein Kollege von mir mit derselben Nachricht vor deiner Tür. Das hört erst auf, wenn du deine Angelegenheiten regelst.
Und auch dabei kann ich Dir nicht helfen. Das versuche ich denen zu erklären, die mich in die Kneipe mitschleppen. Vor allem bei schlechten Nachrichten in Herzensdingen und fristlosen Kündigungen kommt das häufig vor.
