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Bewegend! Daniel Kehlmann - Erhebend! Christian Kracht - Belebend! Florian Illies - Erregend! Florena Horaz
Zehn Jahre nach Rafael Horzons erfolgreicher Autobiografie Das Weisse Buch ist es still geworden um den einstigen Liebling der Berliner Intelligenzija. Zu still, wie er findet. Also rafft er sich auf, um es noch einmal zu versuchen: Mit einem neuen Buch möchte er sich zum wichtigsten Intellektuellen des 21. Jahrhunderts aufschwingen, ja sogar endlich den heiß ersehnten Nobelpreis gewinnen. Doch ihm fällt einfach nicht ein, worüber er schreiben könnte. Aus dieser einfachen Grundidee zaubert Rafael Horzon ein wahres Meisterwerk, das manchmal tieftraurig ist, hauptsächlich aber unfassbar lustig, und dann ist an dieser wahnwitzigen Geschichte auch noch kein Wort erfunden ...
Ganz beiläufig verfasst Horzon so vor seinen Lesern Seite für Seite ein kluges und leichtes Buch über die Freundschaft, den Tod, das Leben und die Liebe.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2020
Rafael Horzon
das neue buch
Suhrkamp
für Carl Jakob Haupt
Ich wohne in meinem eignen Haus Hab Niemandem nie nichts nachgemacht Und – lachte noch jeden Meister aus Der nicht sich selber ausgelacht.
Nietzsche
kapitel 1
Tief gekränkt verliess er das Haus …
Nachdem er diese Worte in sein Notizbuch mit dem Aufdruck »Gedankenblitze« gekritzelt hatte, lehnte sich Rafael Horzon zufrieden zurück. DAS ist mal ein Anfang, dachte er begeistert. Nicht nur für einen Pressetext, nein, auch für ein grösseres Werk, ein grosses Werk – ein Buch! Für ein neues Buch!
Seit er vor einigen Jahren mit seinem Erstlingswerk Das Weisse Buch einen überragenden Erfolg gefeiert hatte, war es still geworden um den einstigen Liebling der Berliner Intelligenzija. Zu still, wie er fand. Einladungen zu Abendessen bei Schriftstellern, Künstlern oder Galeristen, die früher die Regel gewesen waren – manchmal hatte er gleich zwei oder drei Einladungen für ein und denselben Abend bekommen –, waren erst immer seltener geworden und dann ganz ausgeblieben. Natürlich lag das daran, dass er nichts Neues vorzuweisen hatte. Denn wer nichts Neues vorzuweisen hatte, wurde eben nicht mehr wahrgenommen.
Aber dann war dieser Anruf gekommen. Ein AUFTRAG! Gregor Hildebrandt hatte ihn persönlich angerufen und um einen Pressetext gebeten. Dieser Auftrag hatte Horzon in höchste Erregung versetzt, denn hier bot sich plötzlich die lang erhoffte Chance, mit einem Paukenschlag auf die gesellschaftliche Agenda zurückzukehren. Die Chance, ein Lebenszeichen von sich zu geben, das die Öffentlichkeit neugierig machen könnte auf MEHR. Es war nicht ausgeschlossen, dass durch diesen Pressetext auch Redakteure grosser Zeitungen wieder auf ihn aufmerksam würden. Es war sogar möglich, dass sein Verlag ihn wieder kontaktieren könnte, um ihn um eine Fortsetzung seines Bestsellers, eine Fortsetzung des Weissen Buches zu bitten. Ein Comeback, die Rückkehr auf die ganz grosse Bühne war mit einem Mal in greifbare Nähe gerückt!
Sofort nach Gregor Hildebrandts Anruf hatte Horzon sich das besagte Notizbuch mit dem Aufdruck »Gedankenblitze« gekauft. Beziehungsweise hatte er es sich, da es ein solches Notizbuch nirgends zu kaufen gab, bei einem Buchbinder in Charlottenburg anfertigen lassen. Ein mittelgrosses Büchlein mit leeren Seiten, gebunden in dunkelblaues Leinen, mit goldenem Prägedruck. Die Herstellung sollte eigentlich nur wenige Tage dauern, hatte sich dann aber wegen genereller Überlastung und wohl auch wegen einer schweren Erkrankung des Buchbinders über fünf Wochen hingezogen. Als das Buch dann endlich fertig war, hatte Horzon es von Charlottenburg zu Fuss in die Torstrasse getragen, wo er wohnte.
Dort setzte er sich an seinen Mahagoni-Sekretär und betrachtete das Notizbuch zufrieden von allen Seiten. Er öffnete es langsam, wobei der Buchrücken leise knisterte und knackte, legte es vorsichtig auf den Schreibtisch und strich mit dem Handballen über den Mittelfalz, um das Papier für die erste Eintragung zu glätten. Dann nahm er den seit Tagen bereitliegenden, schon mehrfach nachgespitzten Bleistift zur Hand und schrieb die besagten Worte:
Tief gekränkt verliess er das Haus …
Um einen »Gedankenblitz« handelte es sich dabei allerdings nicht wirklich, denn Horzon hatte fünf Wochen lang Zeit gehabt, in schlaflosen, durchschwitzten Nächten an diesem Satz zu feilen. Ein paar Nächte lang hatte er sich gefragt, ob vielleicht die Formulierung »tief gekränkt trat er vor das Haus« nicht noch ein wenig dramatischer wäre, sich dann aber schliesslich für »tief gekränkt verliess er das Haus« entschieden. Und nun war es endlich geschafft, der Satz stand schwarz auf weiss auf der ersten Seite seines Notizbuches. Ostentativ hingeschludert, wie es sich für den Geistesblitz eines bedeutenden Autors gehörte.
Tief gekränkt verliess er das Haus …
Und jetzt? Wie sollte der Text weitergehen? Wovon sollte er eigentlich handeln?
Von Gregor Hildebrandt natürlich! Aber wovon genau?
Vielleicht sollte er Hildebrandt einmal anrufen und ihn um Details zu der Ausstellung bitten, über die er schreiben sollte.
Umständlich kramte Horzon sein Telefon hervor und wählte die Nummer des bekannten Künstlers.
»Raaafael, grüss dich, bist du endlich fertig?«
»Fertig? Womit?«
»Mit dem Pressetext, Herrgottnochmal!«
»Ach so, ja natürlich, also, ich bin dran, ich bin dran, ich komme gut voran«, sagte Horzon mit schleppender Stimme und inspizierte dabei seine sorgfältig manikürten Fingernägel.
»Na prima, sehr gut, denn wir warten hier natürlich schon sehr lange, genauer gesagt seit fünf Wochen, und wir müssen diesen Pressetext ja eigentlich VORGESTERN schon an die Redaktionen verschickt haben, das habe ich dir ja auch schon ein paarmal erklärt. Also, lies doch bitte mal vor.«
»Was vorlesen?«
»Na, lies doch mal vor, was du bisher geschrieben hast!«
»Ach so, ja gut, warte mal kurz.«
Horzon schlurfte vom Wohnzimmerfenster, aus dem er während des Telefonats gedankenverloren gestarrt hatte, zurück zu seinem Mahagoni-Sekretär und kramte lustlos in den Bergen von Papieren und Büchern herum, die sich in den letzten Jahren darauf angesammelt hatten. Dann nahm er das Telefon, das er währenddessen abgelegt hatte, wieder zur Hand.
»Hallo, Gregor, bist du noch da?«
»Ja, natürlich, was machst du denn?«
»Ich kann es nicht finden.«
»Was kannst du nicht finden?«
»Das Notizbuch.«
»Notizbuch? Welches Notizbuch?«
»Ach so, warte mal, in der Schublade, glaube ich.«
Horzon versuchte, während er mit der rechten Hand sein Telefon ans Ohr presste, mit der linken die Schublade seines Sekretärs herauszuziehen, doch sie liess sich nicht bewegen.
»Gregor, bist du noch da? Die Schublade ist abgeschlossen, ich muss dich mal kurz zur Seite legen, der Schlüssel ist, glaube ich, in dieser Dose mit den Stiften. Moment.«
Hildebrandt sagte nichts, doch sein Schweigen, fand Horzon, wirkte irgendwie bedrohlich.
Er schaltete den Lautsprecher seines Telefons ein, nahm die Stiftdose und schüttete den gesamten Inhalt auf den Schreibtisch.
Tatsächlich, da war der Schlüssel! Während er nun vergeblich versuchte, den Schlüssel mit der künstlich zitternden rechten Hand in das Schloss zu stecken, überkam ihn ein nagender Hunger. Er schlurfte zum Kühlschrank, holte ein Stück Salami hervor, biss hinein, kaute gedankenverloren darauf herum und fing dann an, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sehr entspannt war, den linken Zeigefinger durch seine leicht gewellten Haare kreisen zu lassen.
»Hallooooo, bist du noch da?«, krächzte Hildebrandt aus dem Lautsprecher.
Horzon schreckte aus seinem Halbschlaf auf, schlurfte zum Schreibtisch zurück, rief dabei mit matter Stimme »Immer mit der Ruhe!« in Richtung Lautsprecher, steckte mit einer geschickten Handbewegung den Schlüssel ins Schloss, zog die Schublade auf und holte das Notizbuch hervor.
»So, ich hab’s, hier ist das Buch, ich habe es gefunden«, meldete er sich schwer atmend am Telefon zurück.
»Na, da bin ich aber gespannt, dann lies doch mal vor«, grummelte ein merklich gereizter Hildebrandt aus dem Telefon.
»Ja, also, der Text ist natürlich noch nicht fertig, aber ich fange einfach mal an.«
»Nur zu, nur zu«, knurrte Hildebrandt.
»Also gut«, sagte Horzon, »bist du bereit?«
»Ja doch!«
Horzon holte sehr tief Luft, räusperte sich, atmete hörbar ein und wieder aus und sagte dann ganz langsam, wobei er die tiefe, knarzend-nasale Stimme des für seine Thomas-Mann-Lesungen berühmten Rezitators Gerd Westphal nachahmte:
Tief gekränkt verliess er das Haus …
Atemlose Stille.
Nur ab und zu knirschte und knackte es in der Leitung.
Minutenlang.
Dann flüsterte Hildebrandt fast unhörbar: »Ja … und … weiter …?«
»Was denn? Was weiter?«, flüsterte Horzon zurück.
»Waas? Wie bitte?«, flüsterte Hildebrandt, wobei seine Stimme sich jetzt merkwürdig überschlug. »Das soll ALLES sein?«
Horzon schwieg beleidigt.
»Und darauf habe ich jetzt FÜNF Wochen lang gewartet?«, flüsterte Hildebrandt.
»Na ja, deshalb rufe ich ja an«, sagte Horzon, der fand, dass der Künstler nun doch ein bisschen dick auftrug, mit seiner gespielten Fassungslosigkeit. »Deshalb rufe ich doch an, um zu fragen, worum es eigentlich geht, bei dieser Ausstellung …«
Hildebrandt, das war seiner Stimme deutlich anzuhören, war nun völlig ausser sich. »Sag mal, Rafael, bist du noch bei Sinnen? Das ist doch nun schon das fünfte oder sechste Mal, dass du mich deswegen anrufst, wie oft soll ich es denn jetzt noch erklären!«
»Was erklären?«, fragte Horzon.
»Also, zum letzten Mal: Es geht um das Pförtnerhaus unten in meinem Ateliergebäude, da, wo ich bisher immer meine Videokassetten gelagert habe.«
»Ahaaahhh!«, rief Horzon mit gespieltem Interesse.
»Ja, und in diesem Pförtnerhaus … Also, dieses Pförtnerhaus wird jetzt zu einem Ausstellungsraum gemacht.«
»Ach so, ja, stimmt«, sagte Horzon, der absolut keinen Schimmer hatte, wovon Hildebrandt sprach.
»Der Raum heisst Grzegorzki Shows, und die erste Ausstellung wird Robert Schmitt machen.«
»… wird Ro-bert Schmitt ma-chen«, wiederholte Horzon, wobei er so tat, als würde er mitschreiben.
»Eröffnung am 1. September – also in genau einem Monat.«
»… genau ei-nem Mo-nat«, wiederholte Horzon. Dann klappte er sein imaginäres Notizbuch zu und holte noch einmal ganz tief Luft. »Ist gut, Gregor. Ist gut, ist gut, ist gut. Da werde ich mich jetzt gleich mal daranmachen, diesen Pressetext zu Ende zu schreiben. Und dann melde ich mich morgen oder übermorgen zurück, sobald der Text fertig ist.«
»Gut«, krächzte Hildebrandt.
»Und keine Sorge«, schloss Horzon, »das ist ja nun wirklich nicht der erste Pressetext, den ich schreibe. Du kannst dich auf mich verlassen.«
Von: Gregor Hildebrandt <hildebrandt.gregor@###.com>
Datum: 30. August 2017 04:58:17 MESZ
An: Rafael Horzon <horzon@###.de>
Betreff: Dein Pressetext
Lieber Rafael,
wir hatten uns hier alle sehr auf Deinen Text zu Robert Schmitts Ausstellung gefreut, und wir hätten ihn wirklich sehr gerne als Pressetext verwendet.
Leider können wir nun nicht länger warten, wir müssen heute unsere Ankündigung an die Presse rausschicken.
Der Text, den Du gestern nach zahllosen Ermahnungen an Lucile gemailt hast, ist für diesen Zweck leider nicht geeignet. Du wirst sicherlich auch selbst verstehen, dass ein Pressetext, der ausschliesslich aus dem Satz »Tief gekränkt verliess er das Haus …« besteht, komplett unbrauchbar ist.
Robert Schmitt, und auch ich, haben sehr lange und sehr hart für diese Ausstellung gearbeitet. Umso enttäuschter sind wir, dass wir nun sozusagen komplett ohne einen Pressetext dastehen.
Wie Robert mir erzählte, habt Ihr Euch ja sogar zum Essen getroffen, damit er Dir Näheres zur Ausstellung erzählen kann. Laut Robert hast Du bei diesem Treffen aber ausschliesslich über Dich selbst gesprochen, über Deine literarischen Grosstaten, die wohl auch schon etliche Jahre zurückliegen, und es war anscheinend nicht möglich, Dir irgendwelche Details zur Ausstellung zu vermitteln.
Umso trauriger macht es mich, dass wir hier nun einen Berg von Spesenrechnungen von Dir auf dem Tisch liegen haben, für Reisen und Arbeitsessen, die angeblich nötig waren, um diesen Pressetext zustande zu bringen, darunter Reisen nach Paris, Budapest und Acapulco, und alleine sieben Abendessen für mehr als zehn Personen im Grill Royal, insgesamt Spesenrechnungen für über 18 000 Euro.
Ich hoffe, Du verstehst, dass wir allenfalls die Hälfte dieser Kosten übernehmen können. Ich habe den Betrag von 9000 Euro soeben per Express angewiesen.
Liebe Grüsse
Dein Gregor
kapitel 2
»Hmmm …«, machte Jonathan Landgrebe, Geschäftsführer des mächtigen Suhrkamp Verlags, faltete die Papiere zusammen, die er soeben durchgelesen hatte, und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Dann lehnte er sich zurück, nahm seine Lesebrille ab und schaute Horzon an, der vor ihm in einem niedrigen Ledersessel kauerte und verträumt in die Luft starrte.
»Und dieser Pressetext ist das EINZIGE, was du in den letzten zehn Jahren geschrieben hast?«
»Neun Jahren«, verbesserte ihn Horzon, der jetzt aus seinem Halbschlaf erwachte. »Genau gesagt waren es ja sogar nur achteinhalb Jahre, oder warte mal, achteinviertel Jahre. Oder … ich rechne nochmal ganz genau nach, also, ich hatte doch …«
»Ja, ja, egal«, fuhr ihm Landgrebe ungeduldig dazwischen und schaute Thomas Halupczok an, der neben ihm am Tisch stand, »es ist jedenfalls bald zehn Jahre her, dass Das Weisse Buch bei uns erschienen ist, und seither hast du nichts mehr publiziert.«
»Ja, also, kein Buch oder so …«, sagte Horzon sehr langsam und versuchte angestrengt, seine Gedanken zu sortieren. »Aber ich habe einen Artikel verfasst, über den Pianisten Malakoff Kowalski. Und ich habe sogar NOCH einen Artikel geschrieben. Über meine Reise nach Aserbaidschan. Aber der wurde leider nirgends gedruckt.«
»Hmmm …«, machte Landgrebe wieder. »Viel ist das natürlich nicht. Eigentlich schade, denn Thomas hatte mir einmal erzählt – das ist allerdings auch schon wieder etliche Jahre her –, dass du einen Plan hattest, den ich ganz interessant fand.«
»Was denn für einen Plan?«, fragte Horzon und schaute hilfesuchend zu Thomas Halupczok hinüber, seinem Lektor, der schon sein Weisses Buch betreut hatte.
»Na ja«, antwortete Halupczok, »du wolltest alle Artikel, die du nach deinem Buch geschrieben hast, oder die du zumindest vorhattest zu schreiben, in einem neuen Buch zusammentragen.«
»Ach so, jaaa!«, rief Horzon, dem jetzt wieder alles einfiel. »Genau! Und dieses neue Buch sollte heissen: Horzon über alles.«
»Horzon über alles?«, fragte Landgrebe gereizt.
»Na ja, also, Horzon über alles, im Sinne von: Horzon schreibt über alles. Über alles, was es so gibt. Es sollte so eine Art Enzyklopädie werden.«
»Hmmm …«, sagte Landgrebe, »das wäre dann allerdings eine ziemlich magere Enzyklopädie, mit nur einem Artikel.«
»Tja, das stimmt wohl«, erwiderte Horzon.
»Dann müsste man vielleicht mal umdenken«, fuhr Landgrebe fort, »hattest du denn irgendeine andere Idee, in den letzten zehn Jahren?«
»Achteinhalb Jahren«, verbesserte Horzon und hielt dabei den Zeigefinger senkrecht vor sein Gesicht.
»Es ist natürlich auch etwas schwierig«, sprang Thomas Halupczok seinem Autor bei, »es ist eben das zweite Buch, und wir alle wissen ja, dass das zweite Buch …«
»Eben!«, rief Horzon. »Thomas hat recht. Es ist nicht so einfach. Man schreibt nicht einfach mal so eben ein Buch. Besonders, wenn es das zweite ist. Alle grossen Autoren scheitern am zweiten Buch. Meistens wird dann erst das dritte Buch wieder gut. Vielleicht sollten wir das neue Buch ja gleich Das Dritte Buch nennen. Moment mal, das wäre doch sogar eine richtig gute Idee.«
»Oder lass uns mal ganz anders an die Sache rangehen«, sagte Halupczok. »Worüber hättest du denn Lust zu schreiben, Rafael?«
»Na ja, irgendwas Abenteuerliches, ein Abenteuerbuch, exotisch oder so, das wäre eigentlich …«, stotterte Horzon.
»Gut: exotisch, das ist doch schon mal ein Ansatz«, sagte Halupczok. »Imperium von Christian Kracht war ja auch ein grosser Erfolg.«
»Ein grosser Erfolg, den er ausschliesslich MIR zu verdanken hat!«, rief Horzon und tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Brust.
Landgrebe winkte entnervt ab. »Was soll denn das jetzt schon wieder?«
»Ja, also, das war so«, fing Horzon an und machte es sich in seinem Sessel bequem, »es muss 2009 gewesen sein. Wir wollten damals ein Auto kaufen. Ein grosses Auto. Eine schwere, dunkle Limousine. Und dann wollten wir vorne zwei kleine Flaggen anschrauben, von irgendeinem Schurkenstaat, sagen wir mal: Monrovia.«
»Monrovia ist kein Staat, sondern eine Stadt«, warf Landgrebe ungeduldig ein.
»Ja gut«, sagte Horzon, »dann eben: Dänemark. Das ist doch ein Staat. Oder ist das vielleicht AUCH eine Stadt?«
»Nein, Dänemark ist ein Staat, das stimmt schon«, sagte Halupczok, »aber was hat das jetzt alles mit Imperium zu tun?«
»Ach so, ja, wir waren also an den Bodensee gefahren, nach Konstanz, weil es da einen Autohändler gab, der ausschliesslich diese schönen alten S-Klasse-Limousinen verkauft hat. Er kam dann übrigens kurz danach ins Gefängnis, weil er die Kilometeranzeige bei allen Autos zurückgedreht hatte.«
Landgrebe schaute ostentativ auf seine Armbanduhr und seufzte ein wenig.
»Mir war das aber eigentlich egal«, fuhr Horzon fort, »ich wollte einfach nur eine dunkle, schwere Limousine mit hellen Ledersitzen, der Kilometerstand spielte da keine Rolle.«
»Ja, und dann?«, fragte Halupczok.
»Ja, und dann hatten wir dieses Auto auch sofort gefunden, eine dunkle, schwere Limousine mit hellen Ledersitzen, ich bezahlte in bar und bekam als Quittung einen kleinen, hellgrünen Schmierzettel, auf dem stand Geld erhallten, mit Doppel-L, nichts weiter. Und dann machten wir uns auf den Weg. Wir wollten einmal um den ganzen Bodensee herumfahren. Erst einmal an der Schweizer Küste entlang, dann an der österreichischen Küste entlang und dann wieder zurück nach Deutschland. Während der gesamten Reise durfte ausschliesslich Musik von Krachts Lieblingsband U2 gehört werden. Tagsüber besuchten wir Boutiquen, abends machten wir Halt in einem Gasthof, tranken Bier und assen Braten. Und zum Einschlafen musste ich Kracht aus der Apotheken Umschau vorlesen. Da gab es nämlich einen grossen Artikel über den Sänger von U2, Bono Vox. Diesen Artikel habe ich wahrscheinlich neun oder zehn Mal vorgelesen. Und dann gab es da einen Artikel über Kanarienvögel. Und einen über Kokovorismus. Und ein Jahr später erschien dann Imperium.«
»Hmmm …«, sagte Landgrebe und rieb sich ratlos das Kinn. »Vielleicht habe ich die Zusammenhänge ja nicht vollständig erfasst … Aber zumindest hast du ja, wie man merkt, grossen Spass am Erzählen. Und vielleicht schreibst du ja tatsächlich mal einen fantasievollen Abenteuer-Roman.«
»Nein«, sagte Horzon traurig, »das geht leider nicht!«
Landgrebe und Halupczok schauten sich an. »Warum denn nicht?«
»Ich kann keinen Roman schreiben, weil ich mir nichts ausdenken kann. Ich kann immer nur das aufschreiben, was mir tatsächlich passiert ist. Ich kann mein Leben nacherzählen. Oder ich kann ein Sachbuch schreiben. Aber keinen Roman. Ich habe keine Fantasie.«
»Hmmm …«, machte Landgrebe. »Keine Fantasie?«
»Nein. Leider nicht.«
»Also, gar keine Fantasie?«
»Nein. Keine Fantasie. Gar keine Fantasie. Null.«
»Tja, schade«, sagte Halupczok. »Aber dann schreib doch einfach auf, was dir in den letzten zehn Jahren so passiert ist. Das Weisse Buch hatte ja viele Leser, gerade weil du da aus deinem Leben erzählt hast. Und diese Leser, die möchten doch jetzt wissen: Was geschah danach?«
»Ja, vielleicht hast du recht«, sagte Horzon nachdenklich.
»Schön«, sagte Halupczok. »Also, was hast du denn gemacht in den letzten zehn Jahren?«
Horzon legte den Zeigefinger an den Mundwinkel und dachte angestrengt nach. Dann zuckte er die Achseln und seufzte. »Eigentlich nichts.«
»Nichts?«, fragte Halupczok.
»Nichts«, sagte Horzon.
»Überhaupt gar nichts?«, fragte Landgrebe. »Aber irgendetwas musst du doch tun, den ganzen Tag!«
»Na ja, viel fällt mir da nicht ein. Ich gehe halt spazieren und mache Kreuzworträtsel.«
»Spannend ist das nicht gerade«, sagte Landgrebe und schaute Halupczok betreten an.
»Nein, spannend ist das nicht«, gab Halupczok ihm recht.
Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Dann fiel Landgrebe etwas ein. »Zumindest hast du ja schon einen Titel für das neue Buch gefunden. Also, Das Dritte Buch ist natürlich Unsinn, darüber müssen wir nicht weiter reden. Aber Thomas hat mir neulich erzählt, du willst es Das Schwarze Buch nennen?«
»Nein, nein«, rief Horzon, »ich habe gestern noch mal darüber nachgedacht, und jetzt weiss ich endlich ganz genau, wie es heissen wird.«
»Und zwar?«
Horzon baute sich breitbeinig vor Landgrebe und Halupczok auf. »Das neue Buch wird heissen …« Er riss die Arme weit auseinander und verkündete: »DER KORAN!«
»Das ist doch absurd!«, rief Landgrebe und stand auf, um hinauszugehen.
»Was ist denn?«, rief Horzon. »Jetzt wartet doch bitte kurz, ich erkläre es euch.«
»Aber wirklich ganz schnell, Rafael«, sagte Landgrebe und setzte sich missmutig wieder hin.
»Also passt auf«, sagte Horzon, »ihr wollt doch auch, dass sich mein neues Buch gut verkauft, oder?«
»Bitte weiter«, sagte Landgrebe.
»Schön. Und ihr wisst ja sicherlich auch, dass sich der Koran jedes Jahr viele Millionen mal verkauft.«
»Weiter!«
»Also, wenn wir das neue Buch Der Koran nennen, dann ist ja klar, dass es sofort ein paar hunderttausend Leute im Internet bestellen werden. Und selbst wenn, sagen wir mal, hunderttausend Käufer dann merken sollten, dass es ein ganz anderes Buch ist und es vielleicht zurückschicken, dann ist es trotzdem längst auf den Bestsellerlisten. Und dann beginnt der bekannte Automatismus: Die Leute kaufen, was auf der Bestsellerliste steht. Und dann geht alles ganz schnell, und voilà! Platz eins der Bestsellerliste ist Rafael Horzon mit Der Koran.«
An dieser Stelle verliess Jonathan Landgrebe wortlos das Zimmer.
»Was hat er denn?«, rief Horzon und zeigte vorwurfsvoll auf die Tür, die gerade leise ins Schloss fiel.
»Rafael, so geht das nicht«, sagte Halupczok. »Das verbietet sich doch schon aus moralischen Gründen, es ist juristisch fragwürdig, es ist auch gegenüber unseren muslimischen …«
»Ja, ja, schon gut, schon gut«, rief Horzon, »dann nennen wir das Buch eben Die Bibel, oder Die Tora, ist doch sowieso alles das Gleiche.«
»Nein, nein, das geht alles nicht, Rafael, auch was das Copyright angeht, diese Titel kann nicht jeder einfach so verwenden.«
Horzon verdrehte die Augen. »Herrgott, dann nennen wir es eben Der Koraan, mit zwei a. Oder Die Biebel, mit ie.«
»Nein, nein, nein! Ich glaube, es wäre das Beste, du gehst nochmal in dich, überlegst dir ein Thema, überlegst dir einen Titel, überlegst dir einen Aufbau, schreibst die ersten zwei, drei Kapitel, und dann kommst du nochmal vorbei und wir sehen mal, ob wir da überhaupt zusammenkommen mit diesem Projekt.«
»Wie, ›ob wir da zusammenkommen‹? Was soll das heissen, ›ob wir da zusammenkommen‹?«, rief Horzon aufgebracht. »Aber gut, wie du meinst. Ganz, wie du meinst, Thomas Halupczok. Ich habe verstanden! Bleibt nur noch eins.«
»Und zwar?«
»Der Vorschuss.«
»Ja, was ist denn mit dem Vorschuss?«
»Sechsstellig!«, sagte Horzon forsch.
»Wie ›sechsstellig‹?«
Horzon tippte Halupczok auf die Brust. »Sechsstellig sollte der Vorschuss schon sein.«
»Wie kommst du denn jetzt auf so eine Summe?«, rief Halupczok fassungslos. »So ein Vorschuss steht doch immer im Verhältnis zu den Verkäufen des letzten Buches. Und bei allem Respekt, die Verkaufszahlen des Weissen Buchs waren nicht annähernd …«
»Es wurde in viele Sprachen übersetzt«, rief Horzon dazwischen. »Französisch! Italienisch! Holländisch! Im Moment sitzt April von Stauffenberg an der englischen Übersetzung, und dann wird der amerikanische Markt aufgerollt!«
»Gut, aber es war ja nirgends auf der Bestsellerliste.«
»Ja, aber auch nur, weil ihr meinen ursprünglichen Buchtitel abgelehnt habt.«
»Wieso? Was war denn der ursprüngliche Titel?«
»Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon.«
»Aber …«
»Dann hätte nämlich in JEDER Besprechung gestanden: Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon. Selbst in den Verrissen. Immer und überall hätte gestanden: Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon. Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon. Und das brennt sich dann ein in den Köpfen! Und so wäre das Buch auch in die Bestsellerlisten gekommen!«
»Nein, nein, nein!«, rief Halupczok und schüttelte verzweifelt lächelnd den Kopf.
»Doch, doch, doch!«, rief Horzon aufgebracht. »Und dann, als das Weisse Buch erschienen war, da wolltet ihr ja auch nicht, dass wir diesen Aufkleber auf den Umschlag machen, diesen roten Button, den ich schon entworfen hatte: Nummer 1 Bestseller!«
»Ja, das KONNTEN wir auch nicht machen, weil es nämlich auch kein Nummer 1 BestsellerWAR, Rafael.«
»So, so.«
»Nein, nein, nicht ›so, so‹, sondern: Es – war – kein – Nummer – 1 – Bestseller!«
»Aber es wäre ein Nummer 1 Bestseller geworden, wenn ihr diesen Aufkleber draufgemacht hättet, verstehst du das denn nicht, Thomas Halupczok? Und dann hätte auch keiner mehr danach gefragt, wann wir den Aufkleber draufgemacht haben – bevor oder nachdem das Buch auf Platz eins gekommen war.«
»Rafael, tu mir den Gefallen und schreib erstmal dieses neue Buch. Oder fang zumindest an. Und wenn es fertig ist und du auch noch Ideen zur Vermarktung hast – legale Ideen –, dann sind wir natürlich offen und interessiert. Deine Premierenparty im Berghain vor zehn Jahren …«
»Achteinhalb Jahren!«
»… die ist allen hier im Haus immer noch in guter Erinnerung. Da können wir uns dann gerne wieder mit der Marketingabteilung zusammensetzen …«
»Schön, aber ich will diesmal in die Staatsoper.«
»In die Staatsoper?«
»Und Angela Merkel soll die Laudatio halten.«
»Rafael, bitte fang doch erst einmal an zu schreiben. Und was den Vorschuss angeht, da muss ich dir leider sagen, ein sechsstelliger Betrag ist wirklich voll-kom-men ausgeschlossen.«
»Herrgott, dann sagen wir eben niedriger sechsstelliger Betrag«, rief Horzon.
»Ganz im Ernst, das wird nicht möglich sein«, sagte Halupczok mit gedämpfter Stimme, die Horzon wohl beruhigen sollte, »das wird so nicht passieren. Allenfalls ein fünfstelliger Betrag.«
»HOHER fünfstelliger Betrag!«, rief Horzon, nahm seinen Mantel von der Sessellehne und ging auf die Tür zu.
»Rafael, schreib ein Konzept, schreib die ersten Kapitel, und dann schauen wir nochmal.«
»Das muss ich mir nicht bieten lassen!«, rief Horzon und öffnete die Tür. »Ich bin noch nie in meinem Leben so beleidigt worden!« Dann drehte er sich noch einmal um und kniff die Augen zusammen. »Aber eins sage ich dir, Thomas Halupczok: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben!«
Damit stampfte er hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.
kapitel 3
Als Horzon aus dem Verlagsgebäude auf die Strasse kam, blinzelte er vergnügt in die Januarsonne, dann schaute er sich suchend um. Ein paar Häuser weiter sah er Philip Mollenkott vor einem Café stehen, im Gespräch mit zwei jungen Frauen. Mollenkott lehnte mit dem Rücken an der Hauswand, das eine Bein angewinkelt wie James Dean auf dem berühmten Foto, und fingerte gerade eine Zigarette aus einer Schachtel Marlboro. Dann brach er den Filter ab, schnippte ihn routiniert auf die Strasse und rückte lachend seine Pilotenbrille zurecht. Er trug eine Jeans, Wildleder-Schnürstiefel und eine dunkelbraune Pilotenjacke mit hochgeschlagenem Lammfellkragen.
Horzon ging unbemerkt auf die Gruppe zu, bis er nah genug war, um zu verstehen, worüber sie sprachen.
»Essen gehen? Heute Abend? Das wird leider nichts, meine Süssen«, rief Mollenkott und zog hektisch an seiner abgebrochenen Zigarette. »Heute Abend fliege ich nämlich mit meiner Piper Cherokee nach Moskau, um ein paar Goldbarren einzuladen, die ich dann über Honolulu abwerfen muss …«
»Waas?«, fragten die beiden Kellnerinnen ungläubig. »Wirklich?«
»Ja«, sagte Mollenkott und schnippte den Zigarettenstummel auf die Strasse. »Wirklich.«
»Dürfen wir mitkommen?«
»Leider nicht. Zu gefährlich.«
»Ach schade.« Die Kellnerinnen seufzten enttäuscht.
»Aber ihr könnt ja jetzt zum Mittagessen mitkommen, mit dem hier, kennt ihr den eigentlich schon?«, fragte Mollenkott und zeigte auf Horzon, der den Frauen jetzt artig die Hand gab. »Das ist Rafael Horzon, der bekannte Schriftsteller.«
»Hör doch auf, Philip«, warf Horzon ein, »ich bin kein Schriftsteller. Ich bin Sachbuchautor.« Dann drehte er sich wieder zu den beiden Kellnerinnen. »Und eigentlich bin ich Möbelhändler, ich habe eine Möbelhauskette, Moebel Horzon, haben Sie vielleicht schon mal gehört.«
»Nein, leider nicht.«
»Sein erstes Buch, Das Weisse Buch, war ein Weltbestseller«, erklärte Mollenkott, »und jetzt schreibt er die Fortsetzung.«
»Interessant«, riefen die Kellnerinnen.
»Und wenn das erste Buch Das WEISSE Buch hiess«, hier schaute Mollenkott den beiden Frauen direkt in die Augen, »was meint ihr dann wohl, wie die Fortsetzung heisst?«
»Keine Ahnung«, flüsterten die Mädchen gespannt.
»Die Fortsetzung«, schaltete sich Horzon ein und hob den Zeigefinger, »die Fortsetzung heisst: Das WEISE Buch!«
»Wie bitte?«, rief Mollenkott. »Wieso denn jetzt Das WEISE Buch? Ich denke, es heisst Das SCHWARZE Buch?«
»Nein«, winkte Horzon ab, »schwarz ist nicht gut, das klingt zu negativ. Aber weise, das ist gut, das ist positiv, das mögen die Leute, und damit signalisiert man auch: Horzon ist reifer geworden, er ist jetzt weise, und das wird dann natürlich sofort gekauft, so ein Buch.«
»Wie auch immer«, sagte Mollenkott, »wir gehen jetzt jedenfalls in den Grill Royal, Mittag essen.«
»Oh, wie toll«, riefen die Frauen, »ist das nicht sehr teuer?«
»Nicht für uns«, antwortete Mollenkott, »wir bezahlen nämlich nicht mit Geld. Wir bezahlen mit unserem guten Namen.«
»Wir müssen aber leider noch bis um fünf arbeiten«, riefen die Kellnerinnen.
»Schade, schade«, sagte Mollenkott und machte eine Verbeugung vor den kichernden Frauen. »Hat mich auf jeden Fall sehr gefreut. Dann bis zum nächsten Mal, ich bin öfter hier in der Gegend.« Dabei liess er seinen Zeigefinger durch die Luft kreisen wie ein Karussell.
»Ja gerne, bis zum nächsten Mal!«, flöteten die Frauen und winkten den beiden hinterher.
»Was erzählst du denn da?«, raunte Horzon, als sie ein paar Schritte gegangen waren. »Es gibt doch überhaupt keinen Mittagstisch im Grill Royal.«
»Das weiss ich selber.«
»Ausserdem haben wir da noch Hausverbot, bis Ende Januar.«
»Das kommt noch dazu.«
»Und wir müssen unsere Schulden abbezahlen.«
»Ich weiss.«
»Ja, aber warum erzählst du dann sowas? Auch das mit dem Flugzeug, und dass du Pilot bist.«
»Ach, ich hatte einfach Langeweile.«
»Und sie waren natürlich auch sehr hübsch«, sagte Horzon und nickte anerkennend.
Mollenkott blieb stehen. »Ja, hübsch schon, aber hast du nicht gesehen? Die eine hatte Ringelsocken an.«
»Ja, und?«
»Meine Güte, Rafael, ich kenne diesen Typ Frau: Erst lachen sie die ganze Zeit, dann weinen sie die ganze Zeit, und dann wird man sie nicht mehr los.«
»Nur wegen der Ringelsocken? Ich meine …«
»Ist ja auch egal, jetzt erzähl doch lieber mal von deinem Gespräch mit dem Verleger. Wie ist das gelaufen?«
»Gut!«, rief Horzon begeistert. »Sehr gut sogar!«
»Na prima, das freut mich. Auch mit dem Vorschuss alles geklärt?«
»Alles geklärt«, bestätigte Horzon.
»Bravo, mein Lieber.«
»Ja, es hätte gar nicht besser laufen können. Sie haben alles einfach abgenickt. Alle Forderungen akzeptiert.«
»Hahaa, das ist auch besser so«, rief Mollenkott und schlug sich vor Freude auf die Schenkel.
»Zum Abschied hat der Verlagsdirektor sich seine Zigarre in den Mund gesteckt und mit beiden Händen meine Hand genommen und ganz lange festgehalten. Und dann hat er mir in die Augen geschaut und gesagt: ›Mein lieber Horzon, das Schicksal unseres Verlags liegt jetzt in Ihrer Hand. Gehen Sie. Gehen Sie, und schreiben Sie uns ein schönes Buch.‹«
»Das hat er gesagt?«
»Das hat er gesagt.«
»Aber klar«, sagte Mollenkott, »sie haben ja auch keine andere Wahl. Was haben die denn noch für Zugpferde? Hermann Hesse? Tot! Bertolt Brecht? Tot! Adorno? Tot! Und jetzt sollst DU den Karren aus dem Dreck ziehen.«
»So sieht es aus«, rief Horzon, dann hielt er die rechte Hand vors Gesicht und rieb Zeigefinger und Daumen aneinander. »Aber das KOSTET natürlich auch.«
»Völlig richtig«, rief Mollenkott, »das kostet! Aber, was soll denn eigentlich drinstehen, im neuen Buch?«
»Darüber haben wir natürlich auch gesprochen. Ich habe Carte blanche!«
»Wie, was soll das heissen, ›Carte blanche‹?«
»Na ja, das soll heissen, ich kann schreiben, worüber ich will.«
»Ok, aber du willst ja auch, dass das Buch ein Erfolg wird, oder nicht?«
»Doch, klar. Es soll ein Bestseller werden.«
»Meine Güte, Rafael, jetzt sei doch nicht immer so kleinkariert«, rief Mollenkott wütend und ahmte Horzon nach. »›Es soll ein Bestseller werden! Es soll ein Bestseller werden!‹ Das ist so …« Mollenkott rang angewidert nach Worten. »Kleinbürgerlich! Du musst doch mal in GROSSEN Dimensionen denken, verstehst du?«
»Ja, ok, aber was meinst du denn damit genau?«
Mollenkott blieb wieder stehen. »Rafael, es geht doch hier nicht um Geld, oder um Bestseller oder so was, das ist doch viel zu kurz gedacht!«
»Hmmm …«
»Einen Bestseller schreiben, das kann wirklich jeder Idiot. Schau Dir doch mal an, was in die Bestsellerlisten kommt. Das ist alles billiger, kulturloser Unterhaltungs-Schrott. Fast Food fürs Gehirn! Natürlich verkauft sich das gut, aber möchtest du da wirklich hin? Willst du das wirklich?«
»Na ja, also …«, stotterte Horzon.
»Nein, willst du nicht! Genau! Sondern du willst …«
»Ja, also, ich will …«
»Ganz genau, mein Lieber«, krächzte Mollenkott eindringlich und kam mit beiden Zeigefingern immer näher an Horzons Gesicht. »Du – willst – den – NO – BEL – PREIS!«
»Wow!« Horzon konnte es kaum fassen, dass er selbst noch gar nicht auf diese Idee gekommen war. »Meinst du wirklich?«
»Ja, natürlich, Mann!«
»Aber, wie soll das gehen, wie soll ich das anstellen?«
»Das kann ich dir ganz genau sagen, mein lieber Rafael. Du musst dir nur mal überlegen, dieses Nobelpreis-Komitee, das besteht zu 99 Prozent aus alten, tatterigen Männern. Und die sitzen da in Norwegen oder in Schweden und denken von morgens bis abends nur an – ja, an was denken die wohl?« Mollenkott blieb stehen. Direkt vor Horzons Gesicht formte er mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Kreis. Dann steckte er den Zeigefinger der rechten Hand in diesen Kreis und schob ihn langsam hin und her. Dabei schaute er Horzon an und grinste schmierig. »Na, woran denken die wohl?«
Horzon glotzte einfältig auf Mollenkotts Finger. »Hmmm, keine Ahnung.«
»Ganz genau, die denken von morgens bis abends nur an SEX.«
»An Sex?«
»Ja, an Sex. Und zwar nicht an sowas wie bei Felix Krull – ein Wirbelsturm der Zärtlichkeiten trug mich ins Reich der Wonne – oder so was. Sondern die denken an richtig derben, dampfenden, dreckigen Sex. So richtig dirty! Es kann diesen alten Säcken in Stockholm gar nicht schmutzig genug sein, das muss richtig wabbeln und schwabbeln und Strapse und Ärsche und Peitschen und Masken, verstehst du?«
»Hmmm, meinst du wirklich?«
»NA-TÜR-LICH! Was denkst DU denn? Also, schreib so ein Buch. Und das nennst du natürlich nicht Das WEISE Buch! Was ist das eigentlich schon wieder für eine dämliche Idee? Du nennst das Buch Das HEISSE Buch, und – BAM! – der Nobelpreis gehört dir.«
Horzon war sprachlos, dann stammelte er: »Ja, aber was soll ich denn da jetzt genau schreiben?«
»Na, du schreibst einfach die dreckigsten Bettgeschichten auf, die du so erlebt hast im letzten Jahr!«
»Aber, was denn für Bettgeschichten?«
»Meine Güte, dann eben aus den letzten ZEHN Jahren, da wird doch wohl so einiges zusammenkommen.«
»Also, ehrlich gesagt …« Horzon zuckte hilflos mit den Schultern.
»Rafael, du willst mir doch nicht erzählen, dass da nichts war, die letzten zehn Jahre? Du hast doch Lesereisen gemacht, als Das Weisse Buch erschienen ist, oder etwa nicht?«
»Ja, schon …«
»Genau! Und ich weiss doch, wie das abläuft auf solchen Lesereisen, das hab ich doch gelesen bei Bukowski: Jeden Tag in einer anderen Stadt, jeden Tag an einer anderen Uni, und nach der Lesung stehen die Mädchen Schlange.«
»Hmmm«, machte Horzon und dachte ziemlich lange nach. Dann fing er an zu schmunzeln. »Also, die einzige Lesung, an die ich mich wirklich gut erinnern kann, das war in Bremen, in so einer Mehrzweckhalle. Und da kam nur eine einzige Besucherin. Die war auch schon etwas älter. Also, ehrlich gesagt war sie SEHR alt. Und blind. Das war eigentlich auch schon wieder ganz lustig. Eine blinde Oma, das könnte man ja vielleicht auch mal aufschreiben.«
»Wie bitte? Blinde Oma? Bist du irre? Das schreibst du auf keinen Fall!«, schrie Mollenkott.
»Ok, ok«, sagte Horzon und kratzte sich am Kopf, »aber ich weiss nicht, ich habe halt allgemein relativ wenig erlebt die letzten zehn Jahre.«
»Also, das ist doch wirklich zum Verrücktwerden mit dir«, schnaubte Mollenkott, »du willst ein Bestseller-Autor sein, und alles, was du an Frauengeschichten vorzuweisen hast, ist eine blinde Oma? Was ist los mit dir, Rafael Horzon? Bist du ein Mann? Oder bist du ein MÄDCHEN?«
»Ich weiss nicht genau«, wisperte Horzon.
»Dann denkst du dir diese Bettgeschichten eben aus. Das merken die Tattergreise in Oslo doch eh nicht. Hauptsache, es dampft und trieft.«
»Aber ich kann mir nichts ausdenken«, rief Horzon verzweifelt. »Wieso wollen immer alle, dass ich mir irgendwelche Abenteuer ausdenke?«
»Herr im Himmel! Nochmal ganz von vorne: Willst du diesen verdammten Nobelpreis, ja oder nein?«
»Ja, schon …«
»Na gut! Das ist doch schon mal ein Ansatz. Damit kann man doch arbeiten. Dann müssen wir jetzt nur noch klären, wie die Bettgeschichten, die wir dafür brauchen, in dein Buch kommen.«
»Ok.«
»Erlebt hast du sie nicht?«
»Nein.«
»Ausdenken kannst du sie dir auch nicht?«
»Nein.«
»Dann musst du jetzt eben anfangen, Bettgeschichten zu ERLEBEN, und zwar am laufenden Band.«
»Ok.«
»Und damit können wir gleich heute Abend anfangen.«
»Ok.«
»Heute Abend ist doch die grosse Party von Jakob.«
»Ok.«
»Da gibt es massenweise Frauen.«
»Ok.«
»Kopf hoch, wir kriegen das alles hin.«
»Ok.«
»Ich muss jetzt zum Kostümverleih, einen Frack ausleihen.«
»Ist das so förmlich heute Abend?«
»Nein, aber es gibt doch diesen Boxkampf, und ich bin der Schiedsrichter.«
»Auf der Party? Ein Boxkampf?«
Mollenkott sprang in eine Strassenbahn, drehte sich zu Horzon um und rief: »Nochmal zum Buch: Ganz wichtig, am Ende, nach diesen ganzen schmuddeligen Sex-Geschichten, da musst du natürlich auch deine grosse Liebe finden, verstehst du? So ein ganz anständiges, ehrliches Mädchen.«
»Grosse Liebe, ok«, sagte Horzon und nickte nachdenklich.
»Ansonsten: Ade, du schöner Nobelpreis!«, rief Mollenkott noch, bevor die Türen zugingen. »Den kannst du dir dann sonst wohin schmieren.«
»Ja, ok, alles klar, vielen Dank, Philip«, sagte Horzon. Dann fing er an, der abfahrenden Strassenbahn hinterherzulaufen. »Und diese Party heute Abend, wann fängt die nochmal an? Und wo ist sie überhaupt?«
kapitel 4
»Also pass auf«, sagte Timon Karl Kaleyta und beugte sich näher über die Einladungskarte, »hier steht doch alles: Adresse: Indoor Kinderspielplatz, Ordensmeisterstrasse 3, Berlin-Tempelhof. Dresscode: Kindergeburtstag.« Dann drehte er sich zu Horzon, der neben ihm auf dem Beifahrersitz sass: »Oha, Dresscode: Kindergeburtstag. Meinst du, wir kommen da jetzt überhaupt rein, so wie wir aussehen?«
Kaleyta trug trotz klirrender Kälte wie immer nur ein dünnes hellblaues Hemd, das viel zu weit aufgeknöpft war, eine viel zu kurze enge Baumwollhose und Segelschuhe ohne Socken.
»Na klar«, beruhigte ihn Horzon, »am Einlass steht doch David, den kennst du doch auch, der lässt uns rein, egal wie wir aussehen.«
»Na gut«, rief Kaleyta und hauchte noch einmal in seine blaugefrorenen Hände, dann startete er den Motor seines dunkelgrünen Mini Cooper, schaltete das Licht ein und gab Vollgas.
»Was für ein herrliches Leben!«, schrie Kaleyta begeistert, während er hupend durch die Nacht raste. »Die Sonne scheint, und wir sind schon wieder auf dem Weg zu einer Party. Der TANZ auf dem Vulkan.«
»Ja, ich bin auch schon richtig aufgeregt«, rief Horzon gegen den Motorenlärm an, »denn heute Abend, da werde ich ja vielleicht eine FRAU kennenlernen!«
»Ach ja, wirklich? Eine FRAU? Das ist ja toll!«
»Ja, ich muss doch FRAUEN kennenlernen, weisst du? Wegen dem Nobelpreis!«
»Ahahaa, GUTE Idee!«, schrie Kaleyta, der keine Ahnung hatte, wovon Horzon redete. »Da wünsche ich ja JETZT schon mal viel Erfolg!«
»Danke.«
»Aber erklär mir das nochmal, was soll das mit dem Dresscode? Wieso Kindergeburtstag?«
»Na ja, pass auf, die Partys von Jakob und David sind immer die grössten Partys von Berlin, das wirst du gleich sehen.«
»Sehr gut«, rief Kaleyta begeistert.
»Und alles ist immer perfekt organisiert. Also, die letzte Party, bei der ich war, das war genau vor einem Jahr, Mitte Januar. Und das Motto war: Silvester.«
»Silvester? Mitte Januar?«
»Ja, genau. Jakob liebt Silvester. Und Raketen. Und deshalb wollte er zwei Wochen nach Silvester gleich nochmal Silvester feiern.«
»Hahaha, genial! Erzähl weiter!«
»Also, ich wollte vor dieser Party noch was essen und sass in unserem Lieblingsrestaurant Tuans Hütte in der Rochstrasse.«
»Hmmm, lecker!«, schrie Kaleyta.
»Ich wollte gerade zahlen, da war es vielleicht elf Uhr abends, und plötzlich ging ein gigantisches Feuerwerk los.«
»Ahahaha!«
»Und das war natürlich Jakob! Die Party war nämlich gleich um die Ecke, in diesem riesigen Fitness-Club am Alexanderplatz. Und er konnte einfach nicht bis Mitternacht warten und hat schon um elf alle Raketen gezündet.«
»Und dann?«
»Na ja, ich habe gezahlt und bin natürlich schnell hingerannt. Da war das Feuerwerk allerdings schon wieder vorbei. Aber drinnen ging es gleich weiter!«
»Noch ein Feuerwerk?«, schrie Kaleyta.
»Pass auf, die hatten eine riesige silberne Rakete gebaut, drei oder vier Meter lang, und auf dieser Rakete lag ein dicker nackter Mann. Dann kam Jakob und zündete die Lunte an, und diese riesige Rakete raste mit dem nackten Mann drauf einmal quer durch das ganze Fitness-Studio.«
Kaleyta haute vor Begeisterung auf die Hupe. »Das ist so schön. Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.«
»So, und heute ist das Motto eben: Kindergeburtstag!«
»Ganz klar!«, schrie Kaleyta. »Weil Jakob natürlich auch Kindergeburtstage liebt!«
