Das Neue Leben - Tom Crewe - E-Book
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Das Neue Leben E-Book

Tom Crewe

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Beschreibung

Sie wollen ein Buch über Homosexualität schreiben. John und Henry. 1894 ist der eine längst etabliert im Geistesleben Londons, dazu respektabel verheiratet, Vater dreier Töchter. Der andere steht noch ganz am Anfang: seiner Karriere, seiner Ehe mit einer selbstbewussten Intellektuellen. Beide Männer sehnen sich nach Fortschritt, nach einer Zukunft, in der das Denken und das, was es zutage bringt, den gesellschaftlichen Umgang bestimmt, nicht die starren, immergleichen Regeln. Für sie ist dieses Buch ein Schritt nach vorn, ein Schritt ins Freie, doch lauern dort Gefahren. Denn was im Buch gilt, lässt sich nicht weiter ignorieren. So lässt sich John ein mit einem hübschen jungen Mann weit unter seiner Klasse, lustvoll demontiert er seine bürgerliche Existenz, während Henry einsehen muss, dass seiner Frau weit mehr an ihrer besten Freundin liegt. Als ein Skandal die Stadt erschüttert, die Krone interveniert, müssen sie sich fragen: Wie weit gehen für das neue Leben?

Tom Crewe hat einen modernen historischen Roman geschrieben. In fulminanter Sprache und im tiefen Wissen um die Viktorianische Epoche erzählt er von der bis heute fortwährenden Sprengkraft neuer Liebes- und Lebensformen. Ein beeindruckendes Meisterwerk über den Grenzverlauf der Freiheit.

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Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Cover

Titel

Tom Crewe

Das Neue Leben

Roman

Aus dem Englischen von Frank Heibert

Insel Verlag

Impressum

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Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel The New Life bei Chatto & Windus, London.

eBook Insel Verlag Berlin 2023

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2023.

Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2023© Tom Crewe 2023

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Umschlaggestaltung: Anzinger und Rasp, München

Umschlagfoto: undatierte Fotografie, Vereinigtes Königreich, mit freundlicher Genehmigung der Nini-Treadwell Collection

eISBN 978-3-458-77798-4

www.suhrkamp.de

Widmung

Für John und Deborah, meine Eltern,

und für Angela Baker (1942–2013), um ein Versprechen zu halten

Motto

»Das Leben machte neugierig … Es war eine Ära des Experiments, einiges war erfolgreich, anderes bedauerlich.«

Holbrook Jackson, Die 1890er Jahre

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Motto

Teil Eins Juni – August 1894

1

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Teil Zwei Oktober – November 1894

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Teil Drei Februar – September 1895

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Teil Vier Dezember 1895 – März 1896

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Nachwort

Danksagungen

Informationen zum Buch

Das Neue Leben

Teil Eins

Juni – August 1894

1

Er war nahe genug dran, dass er die Haare im Nacken des Mannes roch. Fast kitzelten sie ihn, und er versuchte, den Kopf wegzuziehen, merkte aber, dass er zu eng eingekeilt stand. Zu viele Körper ringsum bedrängten ihn schwer; er war verzahnt in einem Muster aus Hüten, Schultern, Ellbogen, Knien und Füßen. Er konnte den Kopf keinen Zentimeter bewegen. Auch sein Blickfeld war fixiert, brach an den Rändern abrupt ab: Er sah nur den Hinterkopf des Mannes, den weißen Rand seines Kragens, seine Schulterspanne. Er war nahe genug dran, dass er die Pomade roch, von der ein paar Schlieren matt auf dem Nacken glänzten, dazu einen Hauch Rasierwasser, eine scharfe Note Salz. Der Anzug des Mannes war blau-grau kariert. Der weiße Kragen schnitt leicht in die Haut ein, umsäumt von weißlichen Härchen. Die Ohren gingen oben an ihrer Krümmung ins Rosige. Sein Hut – John konnte gerade mal bis zur Krempe schauen – war dunkelbraun, mit hellerem Hutband. Auch die Haare waren braun, dunkler unter der draufgestrichenen Pomade. Sie waren vor kurzem geschnitten worden: eine Linie, wo der Friseur angesetzt hatte.

John konnte den Kopf nicht bewegen. Seine Arme waren an den Seiten gefangen; von links und rechts, hinten und vorne pressten sich Körper an ihn. Er streckte die Finger – und streifte Mäntel, Kleider, Taschen, Stöcke, Schirme. Der Waggon rumpelte in seinem Rahmen, wummerte über die unterirdischen Gleise. Das Licht flackerte auf dem Wangenknochen des Mannes vor ihm. John hatte es gar nicht bemerkt, hatte nicht bemerkt, dass er die kantigen Kiefer des Mannes sehen konnte und wie der Wangenknochen hervorstach. Der Schatten eines Schnurrbarts war zu erkennen. Schwärze rauschte an den Fenstern vorbei. Der Boden dröhnte unter seinen Füßen.

Er war steif. Der Mann hatte seine Position verändert, vielleicht auch er selbst. Oder der Zug hatte geruckelt. Jedenfalls war die Stellung jetzt anders. Das Jackett des Mannes kratzte John am Bauch – er empfand es als ein Jucken –, und sein Hintern streifte Johns Schritt, einmal, zweimal, noch einmal. John war steif. In diesem Zug war es viel zu heiß, viel zu voll. Der Mann rückte näher, das konnte gerade noch Zufall sein, und presste seinen Hintern jetzt fest an ihn. Drückte Johns Erektion flach gegen den Bauch. So dicht, wie der Mann und er standen, war sie zwischen ihnen eingehüllt. Das musste der doch spüren? Ein hohes, zehrendes Gefühl stieg in ihm auf und kribbelte in den Fingerspitzen und Schläfen. Er konnte nicht weg, den Kopf nicht drehen, konnte nur die Haare im Nacken des Mannes riechen, die gerade Kragenlinie sehen, die Röte oben an den Ohren, er konnte nur spüren, wie steif er war, mehr noch als zuvor, als konzentrierte sich sein Körper mit aller Anstrengung auf diesen einen Punkt. Das musste der doch merken? John geriet in Panik; Schweiß sammelte sich in seinen Achselhöhlen. Er hatte Angst, der Mann würde es schaffen, herumzufahren, die anderen Passagiere mit den Ellbogen rammen, irgendetwas schreien, so dass der ganze Waggon starren und sich ein Loch rund um seine unübersehbare Schande auftun würde. Und zugleich wusste er genau: Er wollte nicht, dass es aufhörte, er hätte sich dem Griff dieser schrecklichen Erregung nicht entziehen können.

Der Mann kam in Bewegung. Zuerst war John nicht sicher, wieder dachte er, vielleicht habe der Zug nur geruckelt. Er hatte sich mit aller Willenskraft seinen Steifen weggewünscht, hatte im Kopf von einhundert heruntergezählt und langsam durch die Zähne geatmet, als er diese schwache Bewegung wahrnahm, als drückte sich der Mann sacht nach hinten, leicht schräg gegen seine Erektion, stellte sich auf die Zehenspitzen und wieder zurück. Johns erste Reaktion war ein Schwall Angst, schnell von einer anderen Woge gefolgt, demselben hohen, zehrenden Gefühl, das durch seine Finger und bis zu seinen Schläfen lief. Er konnte nichts tun. Er war von allen Seiten eingekeilt – fixiert mitten in einer Menge aus Körpern, seine ganze bewusste Wahrnehmung verengt und fokussiert auf diese kleine, subtile Kreisbewegung. Auf den Hintern dieses Mannes, der sich so fest an ihn presste, dass es fast wehtat, auf und nieder. Eine Schweißperle aus seiner Achsel rann ihm schnell und kalt die Seite hinab. Er versuchte sich umzuschauen, zu den Mitfahrenden, aber er konnte es nicht: Stattdessen starrte er verzweifelt, kapitulierend auf den Kragen des Mannes und das Rote seiner Ohren. Kroch da ein Lächeln in den Mundwinkel unter dem Schnurrbart? Und es ging die ganze Zeit weiter, inzwischen unverkennbar, das Auf und Nieder, der Druck, fast schmerzvoll an ihm entlang bis zur Spitze und wieder hinunter. Er keuchte durch die Nase, keuchte dem Mann in den Nacken. Hätte er bloß die Arme bewegen können oder überhaupt etwas; wäre bloß nicht sein ganzes Wesen so entsetzlich versessen auf diese Empfindung gewesen, diese Erfahrung; hätte er bloß für einen Augenblick seinen Körper verlassen können. Erneutes Keuchen, er sah, wie sein Atem die weißlichen Härchen auf dem Nacken des Mannes niederbog. Das Gesicht tat ihm weh. Er verspürte einen seltsamen Druck unter den Ohren. Er schluckte, holte Luft. Pomade und Rasierwasser, Zigarettenrauch, Salz. Auf und nieder, der Druck schmerzhaft bis zur Spitze gezogen und wieder hinunter. Er versank darunter. Er kriegte kaum Luft.

Der Zug wurde langsamer. Sie kamen zum Halten. Er ächzte dem Mann in den Nacken. Er sehnte sich nach Flucht, damit es endlich vorbei war. Auf und nieder, auf und nieder schoss ihm die Lust durch den Körper. Das Licht veränderte sich; über die Schulter des Mannes hinweg erkannte er die helleren Lampen eines Bahnsteigs. Er versuchte, einen Schritt zurück zu machen, noch ging es nicht. Er hörte, wie sich die Türen öffneten, hörte den verschärften Lärm vom Bahnsteig, wartete darauf, dass der Druck nachließ, dass sich etwas im Waggon bewegte, dass Leute ausstiegen. Er sehnte sich danach, den Kopf drehen zu können. Aber noch mehr Menschen drängten hinein, noch mehr Dunkelheit und schwarzer Druck: Schirme, Stöcke, Taschen, Kleider, Hüte. Der Mann und er wurden noch enger aufeinandergezwungen als vorher; jetzt spürte er die ganze Wärme des anderen Körpers, die ansteigende Kurve seines Rückens, die breiten Schultern aufgespannt gegen seine. Noch ein kleiner Stoß, und sein Mund landete auf dem Nacken des Mannes; er fühlte die Härchen an den Lippen, schmeckte Pomade und Rasierwasser. Der Mann presste sich immer noch schräg gegen ihn; jetzt bewegten sie sich gemeinsam in einem langsamen, erdrückenden Tanz, gleichzeitig auf und nieder.

Der Zug ruckte an, die Lichter bebten. Es war unerträglich heiß. Ihm war schwindlig, fast wie vor Schmerz. Und dann kam die Hand des Mannes, eine Hand, die ihn aufknöpfte, durch den offenen Schlitz drang etwas Luft, sein steifer Schwanz drängte sich dazwischen, füllte ihn aus. Panik, schreckliche Erregung. Und dann die Hand des Mannes, die sich mühevoll in die Lücke wand; unerträgliche Sekunden des Wartens, während sich die Hand durch den steifen Tweed und in die zweite Öffnung, in seiner Unterhose, hineinkämpfte. Und dann war sie drin, die Hand, und schloss sich um ihn. Vor Angst hielt er die Augen geschlossen; der Nacken des Mannes war glitschig unter seinen Lippen. Der Waggonrahmen rumpelte, die Lichter schossen ihm Pfeile durch die Augenlider. Die Hand schloss sich um ihn, er spürte, wie jeder Finger seinen Platz fand, die Haut straffte und losließ, fast zärtlich, und dann wieder straffzog. Er kriegte kaum Luft. Er fühlte sich straffgezogen, straffer, als er ertragen konnte. Sein Körper schmerzte. Auf und nieder, auf und nieder. Finger umspannten seine ganze Länge, zogen straff, zogen schneller. Plötzlich waren seine Hände frei, er hatte sie auf den Hüften des Mannes, griff in die dumpfe Wärme seines Jacketts, fühlte die Rippen unter dem Hemd. Dann nach unten, die Knöpfe auffummeln, den angeschwollenen Schwanz packen. Seine Hand steckte in der Hose des Mannes, der Schwanz lag warm in seiner Hand, er massierte die Spitze mit dem Daumen. Es ging alles so schnell jetzt, auf und nieder, immer schneller. Stieg in ihm hoch, durch die Fingerspitzen, bis zum Hals, unter die Ohren, an die Schläfen. Er keuchte. Der Nacken des Mannes war nass unter seinen Lippen.

Es war, als würde Blut aus einer gerissenen Ader gepumpt, einer tiefen Wunde. Die Heftigkeit weckte ihn auf, hilflos auf halbem Wege. Er presste die Augen zu. Luft zischte an seinen zusammengebissenen Zähnen vorbei, entwich aus den Mundwinkeln. Eine gute Weile lag er still und wartete ab, bis sein Nachthemd auf dem Bein schwer wurde, bis sich der Schlick auf der Haut festsetzte und dann zerlief. Ihm war viel zu heiß – schweißverschmierte Beine, nass in den Kniekehlen. Catherine schlief, ein gleichmütiges Gesicht auf dem Kissen. Er zog das Laken beiseite, schwang die Beine hinaus, spreizte die Zehen auf dem Dielenboden. Das Zeug vorn auf dem Nachthemd schien fast zu gleißen; er sah einen großen Flecken und ein paar andere, kleinere, einige Schmierspuren. Er kniff den Stoff zusammen, um ihn von sich wegzuhalten, zog dann mit der anderen Hand das Hemd vom Rücken nach vorne, über den Kopf – diese Methode hatte er entwickelt, nachdem er das Nachthemd zu oft über den Kopf gestreift und sich das Zeug in den Bart geschmiert hatte –, und saß nackt auf dem Bett. Sein Schwanz, bemüht, den Stand zu halten, schwankte trunken mit klebriger Eichel zwischen den Oberschenkeln hin und her. Er nahm ihn kurz zwischen die Finger und ließ ihn abkühlen. Die Dunkelheit im Zimmer war trübe, als sickerte die kleine Menge Licht ganz langsam durch die Vorhänge herein. Sein Körper leuchtete; die Beine und Arme, selbst der schrumpelnde, schlaffe Schwanz hatten den grünlichen Renaissance-Schimmer eines sterbenden Christus. Er fühlte sich unübersehbar, durchschaubar, opferhaft, so nackt auf dem Bett. Sein Kopf schmerzte; die Augen brannten. Ergüsse waren erschöpfend.

Es musste früh am Morgen sein. Zu früh für die Bediensteten, die man sonst beim Huschen über die Korridore hätte hören können. Er betrachtete das zusammengeknüllte Nachthemd am Boden und dachte erneut daran, dass sie es waschen mussten, steif und gilbig, mit dem Samen ihres Herrn gestärkt, vier bis fünf Mal die Woche. Eine Reihe stinkender Stellen, Flecken, Schmierspuren. Er brachte es kaum fertig, Susan in die Augen zu sehen, die sich, wie er wusste, um die Schmutzwäsche kümmerte. Falls sie unten darüber redeten, mussten sie doch über den endlosen Honeymoon von Mr und Mrs Addington kichern, aber er war sich sicher, dass sie den Unterschied zwischen ehelichem Beischlaf, wie exzessiv auch immer, und Inkontinenz einschätzen konnten. Die Bediensteten wussten in der Regel mehr von solchen Dingen, und ihm fiel ein, dass er von Susans älteren Brüdern gehört hatte. Ob sie wohl an sie dachte, wenn sie die Unterwäsche dieses 49-jährigen Kleinkinds wegräumte? Und sich fragte, ob auch sie, ihre gutaussehenden Brüder, die Opfer solch beschämender Impulse waren? Vielleicht erfüllte es sie mit Genugtuung, zu befinden, dass das auf die Brüder nicht zutraf.

Jetzt war es gerade besonders schlimm. Er gab der Hitze die Schuld, die ihn anstachelte. Er hatte noch nicht onaniert, aber sehr viel länger würde er nicht durchhalten. Er machte das nur in äußerster Not, genussvoll – sinnlos, das zu leugnen –, aber flüchtig, fiebrig, furchtsam, denn Catherine oder eines der Kinder konnte ihn ja ertappen (vor allem damals, als sie wirklich noch Kinder waren und ständig ins Arbeitszimmer stolperten), oder einer der Dienstboten, etwa die hübsche Susan, die mit einem Arm voll frischer Wäsche rückwärts ins Zimmer kam, wo sie auf den »Sir« stieß, wie er zusammengekrümmt leise vor sich hin murmelte. Und doch tat er es immer noch, in der äußersten Not, und nahm sogar den gesundheitlichen Schaden in Kauf.

Wie würde er Not definieren, äußerste Not? Lust, doch nicht als schneller Herzschlag oder als Hineintaumeln in luftige Möglichkeiten, sondern verschleppte Krankheit, Lethargie. Lust als langsame Vergiftung. Lust als Wintermantel sommers, niemals abzulegen. Lust als silbrig blitzendes, weit ausgeworfnes Netz, unmöglich einzuholen. Lust als tausend Schnüre, zuckend, zerrend und empfindlich gegen jeden Luftzug. Lust als Jucken, stinkend, heimlich. Lust als bleischweres Gewicht, über den Tag geschleppt und bis ins Bett. Lust um vier Uhr früh, erstickt ergossen in das Nachthemd. Lust als in den Bart geschmierter Sudel, in den Locken trocknend, in den Nasenlöchern klebend der Geruch.

Lust hatte ihn früher auch dazu getrieben, mit seiner Frau zu schlafen, etwas nervös, wenn er ihr Nachthemd hochschob und sich in sie hineinzitterte, nervös, so als bestiege man ein unvertrautes Pferd, sensibel für das kleinste Zucken, jegliche Veränderung der Position. Er hatte versucht, seine Lust in ihr zu begraben, sie dort anzupflocken und dann fortzugehen. Dazu war er gedrängt worden. Er hatte sie auf Anordnung eines Arztes geheiratet. Aber nachdem ihre zweite Tochter zur Welt gekommen war, hatten sie sich darauf geeinigt, aufzuhören. Jahre vergingen, er war fast so weit, die Wände hochzugehen, und kroch dann wieder auf sie. Es kam zu einer weiteren Schwangerschaft. Und so hatten sie am Ende – am einmütigen Ende – schließlich drei Mädchen, eine Familie. Doch immer noch war in ihm Sehnsucht, juckendes Begehren.

In der Dunkelheit erhob sich ein Geräusch. Klappernde Hufe. Er stemmte sich behutsam aus dem Bett und trat ans hintere Fenster, schob mit einem Finger den Vorhang auf und spähte durch die Lücke. Gegenüber fuhr eine Kutsche vorbei, das Pferd wirbelte Staub auf, der Kutscher hatte seine Mütze gegen einen Streifen Sonnenlicht tief ins Gesicht gezogen. Er sah ihr nach, so weit es ging, und wandte sich dann wieder dem Zimmer zu, kurz geblendet vom Flackern der Finsternis. In der Zimmerecke stand die am Vorabend gefüllte Waschschüssel. Er tupfte den Schwamm hinein und reinigte sich, wischte die letzten Tropfen weg und scheuerte an den verklebten Härchen auf den Oberschenkeln herum. Die nächste Kutsche fuhr am Haus vorbei, in der Gegenrichtung, und in ihrem Sog verschob sich der Vorhang und warf kurz eine Lichtschneise über den Boden. Er trocknete sich ab und drückte den Schwamm aus. Im selben Moment merkte er, dass Catherine wach war, auf die Ellbogen gestützt, das Gesicht ein dunkler Schatten über dem Weiß ihres Nachthemds und des zerwühlten Bettzeugs.

»Was ist los?« Ihre Stimme klang noch nicht wach. Sie hatte einen guten Schlaf – normalerweise konnte er sich waschen und anziehen, ohne dass sie sein vorzeitiges Aufwachen bemerkte.

»Eine kleine Vergeudung.« Das war ihr Wort dafür: ein sanftes Ehewort, das nichts von der Heftigkeit verriet, wenn das Zeug aus ihm herausgewrungen wurde. Im Sprechen ging er auf das Bett zu und legte eine Hand über sein Geschlecht, als er bemerkte, wie ein kleiner Reflex der Sorge über ihr Gesicht huschte. »Ich ziehe mich jetzt an.«

»Es ist früh, John.«

»Ich schlafe nicht mehr.« Er hob sein Nachthemd auf und wandte sich ab, wandte ihr, das wusste er, Rücken und Hintern zu und den Schatten seiner Hoden, und er war sich selbst fremd. Nicht sicher, ob sie ihn weiter beobachtete, nahm er den Morgenmantel vom Haken und zog ihn an. Dann ging er leise hinaus auf den Flur – von den Bediensteten noch immer nichts zu hören – und in sein Ankleidezimmer. Er zündete die Lampe an, wählte einen Anzug aus. Als er halb angezogen war, wurde er wieder steif. Ohne zu zögern, knöpfte er die Hose auf, zerrte seinen Schwanz durch den Schlitz und fing an, wild entschlossen zu reiben, bis er endlich stöhnend in ein Taschentuch spritzte.

Zehn Minuten später rückte John Addington den Hut zurecht, als er in den reinen Junisonnenschein hinaustrat und losging, begleitet von den Fetzen und Fleddern seines Traums.

2

Henry Ellis stand in seinem Hochzeitsanzug am Fenster. Er hatte gerade an seinem Schlips herumgenestelt, als er sie das erste Mal bemerkte, wie sie, ein Stück entfernt, starr und in eigentlich der gleichen Haltung wie jetzt auf der Straße hockte: sehr breitbeinig, Hände auf die Oberschenkel gestemmt, ihr Kopf hing locker dazwischen, die braunen Haare fielen bis in den Staub hinab. Während er sie beobachtete, richtete sie sich auf, raffte ihren Rock leicht mit einer Hand und setzte sich in Bewegung, als watete sie durch Wasser, mit großen Schritten über die Sonnenrisse hinweg, die sich auf der Straße auftaten. Und dann war sie hier stehengeblieben, im Schatten unter seinem Fenster, und ließ den Kopf wieder hängen – er konnte das Heben und Senken ihres Atems erkennen. Ihr Rock spannte um sie her, ein aufgeschlagenes Zelt.

Es war früh, und der Morgen war noch ganz in seiner unbefleckten Stille. Die Sonnenrisse verbreiterten sich zu Spalten. Sein Schlips war immer noch nicht gebunden. Edith war sicher schon wach. Irgendwo wurde eine Tasse Kaffee kalt. Die Frau versuchte aufzustehen, kämpfte gegen eine unsichtbare Last; sie knickte ein, richtete sich mühsam wieder auf, mit den Fingern suchte sie nach Halt in der Luft, dann taumelte sie in einem grotesken weiten Bogen los, wie in einer Schlinge. Ihre Knie gaben nach; sie brach zu einem hässlichen Knicks zusammen, taumelte, ruderte mit den Armen und fiel quer über den Bordstein gegenüber.

Von seiner Position am Fenster aus ließ sich schwer sagen, wie schmerzhaft der Sturz wohl gewesen war – er hatte so lautlos und schwerelos gewirkt, eine Pantomime. Sie stand nicht auf. Er musterte sie angestrengt, die nach oben zeigenden Sohlen und abgelaufenen Absätze ihrer Stiefel, die Unterseite der Schuhspitzen von der Sonne beleuchtet, den Rest, im Schatten; den unter ihr zerdrückten Rock, der am Rücken hochbauschte, und die über das Gesicht fallenden Haare. Obwohl ihr Atmen jetzt nicht zu sehen war, konnte er sich nicht vorstellen, dass sie durch den Sturz gestorben war. Nur sturzbetrunken, armes Ding. Wieder fummelte er an seinem Schlips herum, versuchte sich mit nervösen Fingern am Knoten. Sie war immer noch nicht aufgestanden. In einer Minute könnte er draußen sein; noch schneller, wenn er die Tür nicht abschlösse. Seine Wohnung lag im zweiten Stock, normalerweise nahm er die Treppenstufen immer zwei auf einmal. Er brachte den Knoten zu Ende. Sein Magen gab ein gluckerndes Geräusch von sich. Und wenn sie sich erbrechen musste oder sich beim Sturz blutig aufgeschlagen hatte? Er war in seinem Hochzeitsanzug. Er könnte sich umziehen, aber er hatte über eine Stunde gebraucht, um fertigzuwerden, und vielleicht musste sie ins Krankenhaus gebracht werden, und dann würde er die ganze Hochzeit verpassen.

Er lehnte die Stirn an die Fensterscheibe und spähte. Der Krawattenknoten drückte hart auf die Kehle, und das Fenster war feucht. Die Sonnenstrahlen waren ein Stückchen an ihren Stiefeln hochgezogen. Er sah die Straße hinunter, nach links und nach rechts, aber da war niemand. Beim Haus gegenüber, in dessen Schatten sie weitgehend lag, waren die Vorhänge zugezogen, gegen sie. Er sah auf die Uhr. Er überlegte: So ein Sturz konnte eine Frau nicht umbringen, ganz gleich wie betrunken sie war. Soweit er hatte sehen können, war sie nicht mit dem Kopf aufgeschlagen. Vielleicht hatte sie sich am Bordstein eine Rippe gebrochen. Das würde erklären, warum sie ein paar Minuten brauchte, um wieder zu Atem zu kommen, und jede Bewegung fürchtete. Sie würde nicht daran sterben. Wahrscheinlich spürte sie noch gar nichts. Wahrscheinlich schlief sie einfach. In seiner ärztlichen Ausbildung hatte er Frauen wie sie in ihren Häusern erlebt, in brüllender wilder Raserei – er war mehr als einmal von Nachbarn oder einem verschreckten Ehemann gerufen worden –, und dann sah er sie mit einem Mal jäh in der Bewusstlosigkeit versinken, so unumstößlich verstummt, als wären sie tot.

Beruhigt drehte er sich wieder um, fand seinen kalten Kaffee in der Wohnung, nippte mit einer kleinen Grimasse daran, sah in den Spiegel und strich sich den Bart glatt. Er prüfte den Schlips erneut, bürstete Hut und Stiefel ab. Erwog, etwas zu essen, und verwarf es wieder, ging auf die Toilette, schob die Anwandlung beiseite, in seinem Buch weiterzulesen. Schließlich trieb ihn das Geräusch des Straßenverkehrs zurück ans Fenster – halb erwartete er einen Krankenhauswagen und sah stattdessen eine losfahrende Kutsche und eine leere sonnige Stelle, wo die Frau gewesen war. Mit einem neuerlichen Blick auf die Uhr zog er die Stiefel an und verließ die Wohnung. Draußen sah er nach links und rechts, überquerte die Straße und bückte sich, um den Bordstein zu untersuchen. Da war kein Blut, nur ein kleines Stück Schmuck, das das Licht einfing, so billig, dass es nach einem Stück bemalter Eierschale aussah. Er hob es auf und steckte es in die Hosentasche, bevor er sich zum Standesamt aufmachte, mit schnellen Schritten, damit ihn die Nachbarn nicht bemerkten, denn in dem Anzug kam er sich auffällig vor.

Das Standesamt war ein hoher, breiter Bau, der durch die Eingangstreppe noch höher und breiter wirkte. Als Henry eintraf, stand Edith an eine Säule gelehnt, vom hellen Sonnenlicht umspült, mit geschlossenen Augen, zurückgelegtem Kopf, den Hut auf Taillenhöhe gehalten. Ihre Kleidung, einen gepflegten grauen Rock mit Jacke, hatte er schon einmal gesehen; eine Goldbrosche war für sie anscheinend das einzig mögliche Zugeständnis an den Anlass. In der Nähe stand sein Trauzeuge, Jack Relph, noch größer als Henry und in demselben grünen Samtjackett wie immer. Er unterhielt sich angeregt mit dem einzigen anderen Gast, Ediths Freundin Mary.

»Was du da auf deinem Gesicht spürst, ist Freiheit«, rief Henry Edith von der untersten Stufe aus zu.

»Kommt sie wohl jemals wieder? Ich genieße sie.« Sie sprach laut, schlug aber erst danach die Augen auf, langsam, so als hätte die Sonne sie fest zugedrückt. »Hallo, mein lieber Junge.«

Sie kam zu ihm herunter, er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen, so dass sie vorübergehend gleich groß waren. Sie beugte sich bedenklich weit vor, warf ihm beide Arme um den Hals und küsste ihn auf die Wange.

»Du siehst so wunderbar nach dir selbst aus«, sagte er, ergriff ihre Schultern und stellte sie zurück auf ihre Stufe. Er freute sich darüber, dass sie keine besonderen Anstrengungen unternommen hatte – ihr dunkles Haar bildete, wie sonst auch, über der Stirn eine Art Bürste; ihr Teint war frischer denn je, und in ihren Augen – wie hätten die anders sein sollen? Und doch freute er sich – lag derselbe graue Glanz wie immer.

»Und du siehst sehr gut aus.« Sie zupfte spielerisch an seinem Revers. »Ein neuer Anzug! Ist er furchtbar unbequem?«

»Furchtbar. Verlorene Freiheit für gewonnene Freiheit.« Er lächelte, spürte aber ganz plötzlich wieder all sein Unbehagen – wie eng die Hose war, wie ihn der Schlips zwickte und der Hut an der Stirn juckte. Die Sonne lag ihm schwer auf den Schultern. In der Nähe schoss ein Schwarm Tauben empor. Er sah zurück zur Straße, auf den rumpelnden Verkehr und die Menschen, die langsamer gingen, um einen Blick auf ein herauskommendes oder hineingehendes Paar zu erhaschen, und merkte, dass er jetzt dringend hineingehen wollte. Er warf einen Blick auf seine Uhr.

»Ich hoffe, er war nicht teuer«, sagte Edith. »Und ja, wir sollten mal.«

Als sie sich umdrehten, sprang Jack eifrig hinunter, klopfte Henry auf die Schulter und lobte lautstark den Anzug. Mary beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange; zuvor hatte sie ihm immer nur die Hand gegeben, und er war ihr dankbar. Alle vier befanden sich kurz auf verschiedenen Ebenen und Höhen, die Form war gebrochen, ineinanderfließende Schatten treppab.

Sie gingen hinein – die dunkle, kühle Eingangshalle war gedämpft und roch offiziell –, meldeten ihr Anliegen an und wurden in einen noch dunkleren Korridor geschickt. Edith hatte sich bei Henry untergehakt und schien mit ihrem kleinen, festen Griff auszudrücken, wie sehr sie darauf vertraute, dass dies das Richtige war. Er zog sie an sich und versuchte, es ihr nachzutun. Der Standesbeamte empfing sie vor seinem Raum und erläuterte ihre diversen Verantwortlichkeiten. Henry sah nicht ihn, sondern Edith an, die jedes Wort verfolgte und energisch nickte wie ein Kind, das einer Erklärung schon lange vor ihrem Ende zustimmt.

Beim Zuhören wurde ihm nochmals bewusst, wie gewichtig das war, was sie sich hier willig aufbürdeten und nach draußen in die Sonne tragen würden. Letzten Endes war der Gedanke merkwürdig, dass Edith durch irgendetwas anderes als ihren freien Willen mit ihm verbunden sein sollte, dass sie eine Identität jenseits derjenigen haben sollten, die sie sich ausgesucht hatten: in den Akten, Registern, Geschäftsbüchern, Verträgen, Bescheinigungen; reduziert auf Papier und Tinte, Geburts- und Todesdaten. Aber er empfand auch Stolz – wie wahrscheinlich die meisten Männer an ihrem Hochzeitstag, nahm er an –, dass diese Frau, mit ihren grauen Augen und der hochstehenden Bürste aus dunklem Haar, in dem gepflegten Rock mit Jacke und Goldbrosche, ihn erwählt hatte, ihn für würdig befand. Und obgleich er wusste, wie wenig das Aussehen damit zu tun hatte, konnte er nicht anders, ihm war – wie den meisten Männern, nahm er an – seine körperliche Präsenz noch stärker bewusst als ohnehin schon, wie er sie der Frau neben sich darbot, aber auch dem Standesbeamten und Jack und Mary und den Passanten, die stehenbleiben und starren würden, wenn sie hinaustraten: Hier bin ich, ein Mann, mit meiner Größe, meinen langen Armen und schlanken Fingern, meinem langen Gesicht und meiner hohen Stirn, meinem schwarzen Bart: und diese Frau wird mich erkennen, mich aus allen Blickwinkeln sehen, unter diesen allzu engen Anzug schauen und meine Haut dort berühren, wo ihr alle es nicht könnt. Das war ein berauschendes Gefühl, und überraschend, denn in Wahrheit war er gar nicht wie die meisten Männer an ihrem Hochzeitstag. Edith und er würden viel weiter miteinander gehen, sie nahmen die üblichen Formen doch nur an, um zu zeigen, wie sie sich dehnen ließen, damit sie neuen Zwecken dienten. Er beobachtete, wie Edith mitnickte, und sah, wie aufgeregt sie war. Er war auch aufgeregt.

Der Raum war groß, das Fenster hinten ging auf einen Garten hinaus, in den die Sonne nicht hineinschien, und über ihm leuchtete ein kornblumenblauer Streifen Himmel. Die Zeremonie dauerte lange; er konzentrierte sich so darauf, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Worte zu sagen, dass jede einzelne Verzögerung unerträglich war. Seine Stimme zitterte, er konnte dem Standesbeamten nicht in die Augen sehen und fixierte stattdessen lieber eine Stelle des goldenen Bilderrahmens neben seinem Kopf. Edith antwortete klar und glücklich, sie schien all das Tiefere, das verborgen in den Worten des Standesbeamten mitschwang, in ihr Lächeln aufzunehmen und es darin auszudrücken, wie sie den Kopf von einem Mann zum anderen bewegte. Henrys Hand zuckte, suchte nach der Sicherheit ihrer Hände und griff genau in dem Augenblick danach, als sie zu Mann und Frau erklärt wurden; zugleich bewegte sie sich für den Kuss auf ihn zu, und er musste sich schnell hinunterbeugen, um ihr entgegenzukommen. Als er aufsah, erblickte er Jack und Mary, die von ihren Sitzen aufgestanden waren, gräulich und undeutlich im Licht vom Fenster her, und ihr Applaus hallte in dem großen, dämmrigen Raum wider wie Flügelschlagen.

Danach gingen sie zum Frühstück in ein Café. Als er eintrat, der warmen, feuchten Luft entgegen und der nachgebenden Wand aus Plaudern und pfeifenden Kesseln und klirrendem Geschirr, war ihm, als würde er von der hereindrängenden Wirklichkeit abrupt geweckt. Erneut wurde Henry schüchtern in seinem Anzug, verstaute sich auf einem Stuhl und breitete die Serviette über die Hemdbrust. Der seltsame Stolz versickerte schon wieder.

Kaffee und Toast wurden serviert. Er hatte sich Sorgen über passende Gesprächsthemen für den Anlass gemacht, aber anscheinend war er da der Einzige. Mary und Edith diskutierten über den Verein; Jack wollte etwas über den Essay hören, den er gerade geschrieben hatte. Später floss die Unterhaltung wieder zu einem Strom zusammen: Edith beschrieb ihr nächstes Projekt, eine Vortragsreihe über die moderne Frau, die sie als Mrs Henry Ellis halten würde. In den Vorträgen sollte es um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern gehen; um Liebe und Ehe; um Arbeit und das Aufziehen einer Familie.

»Es ist doch erst eine Stunde her«, lachte Jack und zeigte sein großes Lächeln voller Zähne. Es reichte beinahe bis zu den Ohrläppchen, und seine Ohren darüber saßen steif an den Seiten des Kopfes wie die eingefalteten Flügel einer Fledermaus.

»Die Termine sind im November. Das ist noch fast ein halbes Jahr.« Ediths Mund war fest. »Es geht sowieso darum, wie man argumentiert und dass man klare Prinzipien äußert.«

»Was ist mit Kindern? Du weißt doch nicht das Geringste davon, wie man Kinder erzieht.« Jack lächelte Henry erneut an. Die Worte, in seiner tiefen, trägen Stimme, schienen ihm aus dem Mund zu hängen.

»Die Erfahrung kann später kommen«, sagte Edith und sah Henry ebenfalls an, »wenn die Voraussetzungen stimmen.«

»Edith, muss man sagen, hat aber auch sehr viel gelesen«, fügte Mary hinzu. Sie war blass, noch blasser als sonst, unter ihrem Berg roter Haare.

»Ich strecke die Waffen«, sagte Jack.

»Richtig so. Ich kenne sie am besten.«

Jacks Augenbrauen zuckten hoch.

»Ich verstehe Kinder nicht«, sagte Henry. »Ich würde sie aber gern besser verstehen.«

»Sicherlich«, sagte Edith und strich unverwandt Butter auf ihren Toast.

Henry zog die Hände aus den Taschen, in einer hatte er geistesabwesend das zerbrochene Stück Schmuck betastet. Er streckte die Finger auf dem Tisch aus und hakte die Füße hinter den Stuhlbeinen ein. »Als mich mein Vater zum ersten Mal auf seinem Boot mit aufs Meer nahm – da war ich sieben, jedenfalls, als wir losgefahren sind –, gab es dort eine Katze, die die Männer sich an Bord hielten. Eine Schildpatt-Katze. Sie streichelten sie alle und warfen ihr Abfälle hin und so. Sie spazierte immer über die Reling des Bootes, wie über eine Mauer oder einen Zaun. Seebeine, sagte mein Vater, das weiß ich noch. Eines Morgens war ich ganz früh schon wach – ich las immer gern an Deck, wenn noch kaum jemand anderes da war –, und die Katze lief an der Seite entlang. Und ich ging rüber und schubste sie ins Meer.«

Es wurde nach Luft geschnappt. »Was passierte dann?«

»Ich habe nur kurz hingeschaut. Dann habe ich weitergelesen. Sie wurde nicht gerettet.«

Edith musterte ihn argwöhnisch, als könnte er noch etwas Unerwartetes sagen oder tun. »Warum?«

»Ich weiß es nicht. Es hat mir so leidgetan wie nichts anderes in meinem Leben.«

Draußen verabschiedeten sie sich. Jack bot an, Mary nach Hause zu begleiten, Henry und Edith blieben in einem Schattenkeil auf dem Pflaster zurück.

»Geht es Mary gut?«, fragte er.

Edith lächelte. »Ja, es geht ihr gut.«

Sie gingen ihre Pläne für den nächsten Morgen durch – wann ihr Zug abfuhr, wo sie sich treffen würden, was sie mitnehmen wollten –, nicht weil sie das nicht schon alles geklärt hätten, sondern weil sie Gesprächsstoff brauchten. Er fühlte sich unverankert, als wären sie hinausgetrieben bis zu einem spiegelglatten Punkt fern jeder Reichweite oder Rettung, obgleich die Leute weiter an ihnen vorbeiliefen und hinter ihnen das Café plätscherte. Er ergriff Ediths Hand.

»Auf Wiedersehen, mein lieber Junge.«

»Auf Wiedersehen, Mrs Ellis.«

Sie lachte und zwirbelte ihren Körper fort. Dann wurde sie wieder ernst. »Fühlt es sich komisch für dich an?«

»Es ist komisch, wenn ich daran denke, dass es jetzt getan ist, und alles« – er zeigte undeutlich Richtung Café – »ist unverändert geblieben.«

»Das wird es nicht immer. Und für uns hat sich jetzt schon etwas verändert.«

»Bist du sicher, jetzt schon?«

»Du trägst einen neuen Anzug. Das ist genug Veränderung für einen Tag.«

Er lachte. »Das Neue Leben.«

»Das Neue Leben.« Sie ließ seine Hand los. »Ich seh dich morgen um zehn.«

»Das wirst du.«

Sie lächelte zu ihm hoch. »Bring keine Katzen um.«

Er lachte wieder und breitete die Arme aus: »Das Neue Leben!«

Sie drehte sich um, lachte auch und setzte sich in Gang, erhob eine kleine behandschuhte Hand. »Auf Wiedersehen, Mr Ellis.«

»Auf Wiedersehen, Mrs Ellis.«

Er sah ihr nach, verbeugte sich gegen die Sonne, und schwelgte in seinem großen Glück.

3

Es war ein heller, warmer Tag, wobei die Wärme eher Anmutung war als Wirklichkeit, die klare Frühmorgenluft war wie marmoriert von ihr, zunehmend aufgeheizt wie Wasser aus einem Hahn. Das lag daran, wie die Sonne schien; alles wurde sanft angeschaut, noch nicht fixiert, festgelegt – die Schatten erschienen wie zweidimensionale Zufallsvarianten desselben leichten Lichts. Bäume regten sich wach. Die gelegentlichen Passanten, vergrößert in ihrer Vereinzelung, liefen mit geringerer Dringlichkeit, forderten weniger vom Leben.

Binnen einer Stunde würden diese Straßen vom Verkehr verstopft sein. John hatte als Kind den Verkehr gehasst: seine verdickte, dichte Lebendigkeit, die stampfenden, scheuenden Pferde, denen die Scheiße zwischen den Beinen herausfiel, das Hin- und Herrufen der Kutscher, die beiläufig ausspuckten und in plötzlichen Anfällen verzweifelter Aktivität an den Zügeln rissen; all diese Menschen, die knapp über dem Boden eingesperrt saßen, eingepfercht zwischen Kisten und Tieren und Möbelstücken. Er hatte fast nur eine einzige Erinnerung an seine Mutter, wie sie zusammen in ihrer Kutsche saßen, ungefähr ein Jahr vor ihrem Tod. Damals hatte sie ein rosa Kleid getragen; er konnte höchstens drei gewesen sein. Als sie einen Hügel hinunterfuhren, verlor der Kutscher kurz die Kontrolle über die Pferde. Die Kutsche hatte angefangen zu schlingern und zu kippeln; er erinnerte sich an Schwerelosigkeit, und sein Magen hüpfte, als hätten sie von der Straße zum Flug abgehoben oder würden gleich tiefer als sie fallen. Und an ihren entsetzlich krallenden Griff auf seiner Schulter. Doch das war alles. Alles andere – ihr Gesicht, der Klang ihrer Stimme – war vollkommen verloren, höchstens als eine Art mentaler Eindruck bewahrt, sein Wissen, dass er das einst gesehen und gehört hatte, so berührbar und unberührbar wie ein nicht erinnerter Traum. Er dachte ausschließlich im Sommer an sie, obwohl sie im November gestorben war. In den Sommermonaten pflegten sein Vater und er ihr Grab zu besuchen. Jahrelang war er noch zu klein, um über das Gitter zu schauen, hinter dem sie bestattet war, also hatte er zwischen den Stäben hindurchgespäht, deren Eisen kalt unter den Händen, auf das Gras, das immer dichter über die Tafel wucherte, und das Wasser, das sich dünn in den Buchstaben ihres Namens sammelte. Ihm war immer sehr bewusst gewesen, dass sein Vater ihn beobachtete, und sehr daran gelegen, dass er nur ja den richtigen Eindruck machte. Solange er sein Gesicht ausdrucksleer hielt, konnte er den Blick allein auf Gras und Wasser richten, und dann schien sein Vater zufrieden zu sein. Jetzt lag Dr. Addington in demselben Grab, und John stand immer noch unter Beobachtung.

Als er den Hyde Park erreichte, herrschte Ruhe auf den Wegen, allerdings strömten viele Männer zum Serpentine Lake, ihre Taschen schlugen lautlos gegen ihre Oberschenkel oder waren unterm Arm zusammengerollt. John verlangsamte den Schritt, es wäre ungut gewesen, allzu erpicht auszusehen. Außerdem hatte er auch etwas davon. Er ließ den Blick über die Männer vor ihm schweifen, nahm rasch Unterschiede, Unterscheidungsmerkmale wahr, verweilte aber auch bei den stets überraschenden, beruhigenden Ähnlichkeiten – überraschend und beruhigend aus demselben Grund, nämlich wegen der Freuden, die sie bereithielten: ein Haarwirbel im Nacken; wie ein offener Kragen manchmal die Ahnung einer nackten Schulter freigab; wie eine Hose eine Taille einfasste und ihre Schönheit betonte, gleich einem Armband auf dem Handgelenk einer Frau; wie diese Männer gingen, ohne darüber nachzudenken, etwas nachlässig, wie sich ihre Körper von links nach rechts wiegten, von einem Fuß auf den anderen, manchmal mit einem kindlichen kleinen Hüpfer.

Noch so etwas – während er sich dem Wasser näherte und sein ganzes Ich weit wurde, als hätte er einen Zug frischer Bergluft eingeatmet – war ihre Art dazusitzen, über das Gras verteilt: die Spreizung oder der Bogen ihrer Beine und alles, was dazwischen rief, wie sie sich selbst umschlangen und umfassten, die zusammengerollte Energie ihrer Haltung. Und – während er sich ein Stück entfernte, hinsetzte und an einen Baum gelehnt sein Buch aufschlug, als Schutz – wie sie sich auszogen: grob und achtlos das Hemd abstreiften, über den Kopf zerrten, manchmal vornübergebeugt, so dass das Hemd gleich zu Boden glitt und die Wirbelknäufe unter der Haut hervortraten; wie sie gewohnheitsmäßig, gedankenlos die Hose aufknöpften und herunterzogen, oft mit einem Blick über das Wasser oder in die Baumwipfel; wie sie aus ihren Unterhosen stiegen, wenn sie welche hatten, wie aus einem Badezuber, vorsichtig, mit hochgezogenen Knien. Wie sie in diesem ersten Augenblick der Nacktheit dastanden – was sie mit den Händen machten, manchmal ganz unbefangen, sich durch die Haare zu fahren oder sie in die Hüften zu stemmen, während sie Ausschau danach hielten, wo das Ufer am leersten war. Und ihre Schwänze: zarte, streichelbare Dingelchen, so einfach im Tageslicht, ohne Ansprüche. Wie sie wippten und an die locker hängenden, schaukelnden Hoden kamen, wenn die Männer zum Wasser hinuntergingen.

»Gedicht« war Whitmans Wort für einen Schwanz: »Dieses Gedicht, scheu und unsichtbar baumelnd, das ich stets bei mir trage und das alle Männer bei sich tragen«. John fragte sich, wie Whitman sich wohl das Zittern im Hintern eines Mannes beschrieben hätte, der ins Wasser hinunterstieg, und dessen herzergreifende Blässe.

Ohne diese frühen Morgen am Fluss im Park, die zwei Stunden, in denen geschwommen werden durfte, hätte er nicht leben können. Dazusitzen, wie er es jetzt tat, die Männer dabei zu beobachten, wie sie eintrafen, ihr kleines Fleckchen besetzten, die Tasche abstellten, sich auszogen, zum Wasser hinuntergingen; und vor allem, zu sehen, wie sie an Land zurückkamen, ungeschickt ans Ufer stolperten, während das Wasser von ihnen ablief, in kleinen Rinnsalen aus den Haaren, durch die Härchen auf den Beinen, und am Ende ihrer Schwänze Tröpfchen bildete, und all das leuchtete im Licht, als hätten sie eigentlich gerade in Licht gebadet, in etwas Klebrigem, Haftendem – näher wagte er nicht, seinem Ideal zu kommen. So stellte er sich Griechenland zu Platons Zeiten vor. Der Tanz des Lichtes, der Klang des Wassers; Männer in der Gesellschaft von Männern, sorglos gelebte Nacktheit; alles natürlich, rein; die sauberen Freuden des Körpers. Manchmal, wenn er diese Männer in jenen leuchtenden Minuten betrachtete, erhaschte, bevor sie fortgingen an die Arbeit, ihre Körper betrachtete, die von harter Arbeit geformt und geprägt waren, dann sah er in ihnen eine andere Art des Lebens.

Das Gras unter ihm war angenehm feucht. Es musste eben erst geschnitten worden sein – einige Halme davon klebten ihm an Hose und Händen. Er war nie hier schwimmen gegangen, obgleich es ihn schmerzlich verlockt hatte; letzten Endes konnte er sich nicht vorstellen, sich auszuziehen und das Land hinter sich zu lassen. Ein junger Mann kauerte nackt am Rand und spritzte sich Wasser aus der Hand ins Gesicht, klatschte es sich auf Brust und Schultern. Seine Hoden hingen da wie ein Büschel weicher, flaumiger Früchte. John sah zu, wie er sich aufrichtete, hineinwatete, bis das Wasser ihm endlich bis über den Po reichte, und dann kopfüber hineinsprang, einen Moment später wieder auftauchte, den Kopf schüttelte und Perlen versprühte.

Drei Wochen zuvor war John nach Cambridge gefahren, wo sein alter Freund Mark Ludding als Philosophieprofessor lehrte. Die beiden hatten wie üblich beim Spazierengehen geplaudert. Und dann, nach dem Tee in Marks Arbeitszimmer in Newnham, wo Marks Frau Louisa Lehrerin war, hatte John ein Exemplar seines Buches Ein Problem in der griechischen Ethik hervorgezogen, das er privat hatte drucken lassen, und Mark über die Teetassen auf dem Schreibtisch hinweg gereicht, noch in Papier eingeschlagen. Es war bemerkenswert – und dass er das dachte, war nicht unbescheiden, oder nicht nur. Das Buch war eine Abhandlung über die griechische Liebe. Die Liebe zwischen Männern, die Liebe zu Männern, wie sie einst in Hellas praktiziert und gefeiert wurde. John war, bei aller Diskretion, schon zuvor kühn in seinen Schriften gewesen – über das Wesen der Leidenschaften in griechischer Dichtung; über die Tatsache (die er entdeckt hatte), dass viele von Michelangelos Sonetten an seinen Freund Tommaso gerichtet waren; und darüber, dass Whitman die männliche Liebe pries. Und gewiss hatte er dafür bezahlt, hatte Spötteln, Sticheln und Andeutungen kassiert. Aber so kühn, so direkt war er noch nie gewesen.

Bevor er Mark das Buch gab, hatte er überlegt, wie viel er zum Inhalt sagen sollte; zuerst hatte er erwogen, gar nichts zu sagen, doch dann fürchtete er, Mark könnte es, nichts ahnend, Louisa gegenüber erwähnen oder irgendwo offen herumliegen lassen. Also fand er die Worte in der Erinnerung an ihre Freundschaft.

»Es handelt von einem unmöglichen Thema«, sagte er.

»Unmöglich?« Als er begriff, hellten sich Marks Züge auf und wurden sogleich wieder dunkel. Das zum Teil ausgepackte Buch sah sehr klein in seinen großen Händen mit den langen Fingernägeln aus. Sein mittlerweile gänzlich grauer Bart war so lang, dass er es streifte. »Du gehst zu weit mit mir, Johnny«, sagte er.

»Ich weiß. Aber mit wem soll ich sonst gehen?«

»Du musst doch nirgendwohin gehen.« Er schnalzte. Seine Nägel kratzten über den Umschlag. »Wenn ich es lesen muss, dann tue ich das.« Er legte das Buch in eine Schublade und schloss sie ab. Sie verabredeten, dass Mark und Louisa drei Wochen später zum Abendessen nach London kommen würden. Das war nun morgen. Seither hatte Mark sich nicht gemeldet.

John beobachtete einen weiteren Mann, der zum Wasser hinunterging, darunter verschwand, die glänzende Oberfläche durchbrach. Seine Erektion schmerzte. Sein Hosenboden war feucht und klebte jetzt unbehaglich an der Haut. Die Sonne strahlte stärker, der Fluss ließ immer mehr davon in sich hineinsickern, so dass die wippenden Köpfe und Schultern fast nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren, dunkle Umrisse auf dem Wasser im Diamantschliff. Jetzt waren nur noch wenige hier. Die Wiese hatte sich weitgehend geleert, keine Häufchen mehr aus Mützen, Hemden, Stiefeln, Hosen und Unterhosen. Eine lange Reihe aus Männern führte zurück zum Tor, von wo John, wenn er sich konzentrierte, den dumpfen Chor des zunehmenden Verkehrs hören konnte. Ein Mann traf ein, zog sich in wilder Hast aus und rannte zum Wasser hinunter, warf sich mit hochgereckten Armen hinein. Lautstark kam er wieder hoch, rieb sich unter den Achseln, tauchte noch einmal ein und schwamm dann ein paar lärmige Züge, bevor er ans Ufer zurückkehrte, hochraste und mit energischer Entschlossenheit seinen sichtlich zitternden Körper abtrocknete. Und schließlich wurden die abgetragenen Kleider wieder hoch- und drübergezogen. Das hatte etwas Poetisches, dachte John. Diese schnelle Verwandlung von einem Ding, einem Jahrhundert, zu einem anderen und dann wieder zurück.

Er sah den Mann aufbrechen, sich wendig zwischen dem goldgrünen Getüpfel hindurchschlängeln. Dann, sobald das wieder mit Anstand möglich war, stand er auf, packte das Buch weg, das er mitgebracht hatte, und klopfte sich ab, zupfte einzelne Grashalme weg. Er wandte sich dem Pfad zu und fühlte sich, wie immer, zugleich erleichtert, aber auch überdreht. All seine Sinne waren angeregt. Die Sonne schien kräftiger und heißer.

Ein junger Mann stand neben ihm. John hatte ihn erst im letzten Moment gehört – wie sein Atem heranstürmte.

»Ich heiße Frank.«

Er war eindeutig im Wasser gewesen. Sein blondes Haar war noch dunkel und schwer davon, und Wassertropfen hingen an seinem kurzen Schnurrbart. Das Hemd klebte in durchsichtigen Flecken an der Haut. Aber John erkannte ihn nicht wieder; hatte ihn nicht beim Ausziehen bemerkt. Welcher der dunklen Umrisse war er gewesen? Er empfand bohrendes Bedauern, während er stocksteif dastand und nach einer Antwort suchte.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»So ein schöner Tag.« Der Mann rieb sich lächelnd den Nacken. In seinem Akzent lag London und zog an jedem Wort.

»Stimmt.« John erwiderte das Lächeln und setzte sich Richtung Tor in Bewegung, als wäre dies nur ein kleiner Austausch von Artigkeiten gewesen. Er war früher schon angesprochen worden, nie so oft wie in seinen schlimmsten Fantasien – nur zweimal eigentlich. Und jedes Mal hatte er sich schnell entzogen, war fast davongelaufen, etwas schwindlig und mit aussetzendem Herzschlag. So schön wie dieser Mann war allerdings keiner von ihnen gewesen.

Frank ging mit, blieb stehen, als John stehenblieb. »Ich hab Sie zuschauen sehen. Nein, nein –«

John war erschrocken weitergegangen. Er spürte die Hand des Mannes auf der Schulter. Der Griff war sanft. Er drehte sich um, schluckte die Panik und sah in das schöne Gesicht. »Nein, nein«, wiederholte Frank, in den blauen Augen lag etwas Gequältes. Zwischen seinen Brusthärchen, sichtbar am Hemdausschnitt, verbarg sich noch etwas Wasser. »Ich hab Sie zuschauen sehen, da ist doch nichts dabei. Ein schöner Tag. Ich dachte einfach, vielleicht brauchen Sie einen Freund, etwas Gesellschaft.«

»Wie liebenswürdig«, sagte John. Mit der Absurdität seiner Antwort kehrte, wie er merkte, seine Kraft zurück. Vielleicht war dieser Mann nur ein bisschen unbedarft. Vielleicht war es lustig gemeint. Kaum kamen ihm diese Gedanken, ließ er sie wieder fallen.

»Ja?« Frank lächelte wieder; so ein wunderschönes Lächeln, die Zähne eine helle Linie unter dem Schnurrbart. »Für mich fühlt sich das anders an. Wobei ich durchaus etwas von Liebenswürdigkeit halte, Sir. Davon halte ich viel. Es gibt herzlich wenig davon.«

Leute gingen um die kleine Insel herum, die sie mitten auf dem Weg bildeten. Ein Hund zögerte kurz an Johns Knöcheln und fand sie dann uninteressant. Frank wirkte völlig gelassen. John sah sich um, er wollte sichergehen, dass die Welt sich weiterdrehte, dass sie noch da war, falls man wieder zu ihr zurückkehren wollte. »Na dann, vielen Dank für den Vorschlag«, brachte er heraus. Er sah Frank an, als brauchte er seine Erlaubnis, um zu gehen. Sein Gesicht zeigte keine Anzeichen einer Antwort, sondern war nachdenklich geworden.

»Also sollen wir?«

»Sollen wir was?« Die Angst kehrte zurück. Nicht genau dieselbe Angst. Er sagte es fast keuchend.

»Freunde sein.«

John sah weg, zu den drei Kindern, die gerade um sie herumtollten, während die Mutter eine leichte Entschuldigung dahinlachte. Es war, als wäre dieser Mann vor ihm eine unsichtbare Tür, und er stünde zögernd auf der Schwelle.

»Keine Eile«, setzte Frank wieder an. »Bestimmt haben Sie viel zu tun. Ich bin selbst auch kein Faulpelz, aber Sie müssen ein vielbeschäftigter Mann sein. Warten Sie kurz – hier ist meine Adresse.« Und er zog ein säuberlich zusammengefaltetes Stück Papier aus der Tasche und reichte es John. Er sah ihm in die Augen. »Aber es ist keine Liebenswürdigkeit, Sir. Ich weiß nicht genau, was es ist, wenn man sich anfreundet. Aber Liebenswürdigkeit ist es, glaube ich, nicht.«

Das Papier lag warm in Johns Hand. »Na, dann nochmals vielen Dank«, sagte er. Er hasste sich für diesen Satz – er fand, er klang nicht interessant genug, er würde den Mann nicht interessieren. Aber Frank war schon losgegangen.

»Auf Wiedersehen, Sir. Ich kann gut lesen, falls Sie sich entschließen zu schreiben. In der Hinsicht brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Werde ich nicht.« John merkte, dass er lächelte.

»Na dann. Wie schön das ist. Und an einem Tag wie heute.« Frank zeigte grinsend zum Himmel hoch. »Fast hab ich Lust, wieder reinzuspringen. Also erstmal auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, Frank.«

Kaum hatte er ihn ausgesprochen, wunderte er sich darüber: dass er den Namen des Mannes gebraucht hatte. Als wären sie wirklich Freunde, als könnte das, was gerade geschehen war, ganz ungeniert zu den Zufallsereignissen eines Tages gezählt werden. Frank schien sich darüber zu freuen. Er grinste wieder und machte einen komischen kleinen Hüpfer, die Arme an die Seiten gepresst.

»Auf Wiedersehen!«

Und dann wirbelte er herum und tat so, als würde er über den Pfad davonschwimmen, hob die Arme und streckte sie in abwechselnden Zügen nach vorn, durchschnitt mit gesenktem Kopf die Luft. Er sah nicht hinter sich, ob John lachte.

4

Als Henry am Morgen nach seiner Hochzeit aufwachte, war er immer noch jungfräulich. Während er sich an der Waschschüssel wusch, wo die Vorhänge, die ihm bis auf die Füße fielen, das Licht zurückhielten, erwog er kurz die Möglichkeit, dass das morgen vielleicht nicht mehr so sein würde, und scheute gleich wieder davor zurück. Es warf einen Schatten über alles, was gestern so einfach gewesen war.

Seine sexuelle Unschuld war nicht von der dummen Sorte, nicht die fade, dürre Frucht der Ignoranz. Bei diesem Thema war er weder unwissend noch gleichgültig. Vielmehr war Henry sogar ungewöhnlich interessiert an allem, was mit Sex zu tun hatte, in seinen Augen stellte die Sexualität das zentrale Problem des Lebens dar. Diese Einschätzung ging auf Australien zurück, wo er im Alter von siebzehn bis neunzehn gelebt hatte, aus einer seltsamen Laune des Zufalls heraus als Leiter einer kleinen Schule in Kanga Creek, dem Nichts von einem Städtchen, wie ein Kieselstein in die weite Leere von New South Wales geworfen. Es hatte mit seinem Vater, einem Kapitän, zu tun, dass er dort war: Er hatte ihn wieder einmal auf eine seiner Reisen begleitet, war ihm dann aber zunehmend aus dem Weg gegangen, ihm, den anderen an Bord, dem Reisen an sich, und er hatte darum gebeten, in Sydney aussteigen zu dürfen, um sich eine Arbeit zu suchen. Von heute aus gesehen kam ihm das sehr mutig vor – und er hatte es bald bereut. Mr Tillnott, ein Engländer und Henrys Vorgänger als Schulleiter, hatte eine Tochter namens Marie. Es war natürlich regelwidrig, mit erst siebzehn Jahren einen Mann auf seinem Posten zu ersetzen, der alt genug war, eine Tochter in Henrys Alter zu haben, aber solche Dinge erschienen an diesem Kuddelmuddel-Ort wenn schon nicht vernünftig, so zumindest möglich. Mr Tillnott hatte gekündigt, aufgrund eines Konflikts mit der Obrigkeit, aber das lebhafte Interesse an der Bildungsanstalt, die so vielversprechend begonnen hatte, behalten und lud daher Henry jeden Sonntag zu sich nach Hause ein, wo er auf seinem niedrigen Sofa saß und sonnenverbrannt, glatzköpfig (dort besonders sonnenverbrannt) und wortreich seine Rivalen in der Stadt anprangerte, die schlechte Verwaltung der Kolonie kritisierte und die britische Regierung gleich mit, und dann erteilte er Henry Ratschläge darüber, wie die Schule trotz all dieser Hindernisse zu leiten sei, betonte, was für eine große Chance er bekommen habe und welch hohes Vertrauen man in ihn setze.

Das war sehr öde, aber Henry litt so unter der Einsamkeit, sowohl an der Schule – die tatsächlich nur aus einem Raum unter einem Schindeldach bestand – als auch in seiner Holzhütte, dass er sich leidenschaftlich darauf freute, am Sonntagnachmittag zu dem Haus zu laufen, seinen Hut im Flur aufzuhängen, sich von den Bediensteten Tee bringen zu lassen und in einem halbwegs bequemen Sessel zu sitzen und zu nicken, wann immer Mr Tillnotts Reden es erforderten. Er empfand es als sehr tröstlich, dass ihn etwas Vertrautes, typisch Englisches langweilte, während er sich in der restlichen Zeit entsetzlich nah an der Katastrophe fühlte – in dem heißen, staubigen Schulzimmer, gefordert von den Reihen leerer, schmutziger Gesichter; allein in seiner heißen, staubigen Hütte; in der Fremde der weiten, feindlichen Räume der Kolonie, wo man so leicht den Faden der Zivilisation verlieren konnte. Langeweile, befand Henry, war Zivilisation.

Marie Tillnott dagegen konnte Langeweile nichts abgewinnen, höchstens vielleicht als Impulsgeber. Ihr Interesse an Henry, sonnenklar für ihn, seit er ein paar Mal im Hause erschienen war, ging ihm auf die Nerven. Sie war nicht anziehend: viel zu plump, mit schlechter Haut und einem Gesicht, das den Zügen ihres Vaters viel zu sehr ähnelte. Doch allmählich gewann ihr Interesse einen eigenen Reiz. Es leckte ein Ichbewusstsein in ihm wach. Zum ersten Mal sah er sich als Objekt des Begehrens einer Frau. Marie Tillnott war nicht mehr Marie Tillnott. Sie symbolisierte Sex, lockte etwas hervor. Und – obgleich ihm das erst Jahre später klarwurde – er war zweifellos auch ein Symbol für sie. Denn es gab keine Romanze. Keine Spur von Liebeswerben. Keine große Höflichkeit oder Aufmerksamkeit. Es war, als wäre eine Fahne aufgezogen worden, die all das für unnötig erklärte, denn die erste Nachricht, die Marie ihm heimlich zusteckte, umfasste bereits alles. Henry las sie verblüfft und erleichtert. Sie schlug nur vor, dass sie sich um vier Uhr am nächsten Nachmittag ausziehen, auf ihr jeweiliges Bett legen und aneinander denken sollten. Sonst nichts. Er konnte sich nicht vorstellen, was es sie gekostet hatte, ihr Begehren so offen hinzuschreiben. Und er erfuhr es nie.

Er antwortete mit einem Einzeiler der Zustimmung und zog sich am nächsten Nachmittag in seiner Hütte aus. Es war Sommer, in der Hütte war es erstickend heiß, so dass es eine Erlösung war, aus den Kleidern zu kommen. Er zog die Vorhänge zu, aber das Tageslicht war so hell, dass es bei jedem Fenster einen zweiten Rahmen bildete, wo die Staubkörnchen aufstiegen und niedersanken, auf und nieder. Im Zimmer war es kaum dunkler. Er streckte sich auf dem Bett aus, als die Uhr vier schlug. Sein ganzer Körper war warm. Draußen zwitscherten Vögel. Er war steif. Er lag da und versuchte, an Marie zu denken, die nackt in ihrem Zimmer lag, stellte aber fest, dass er selbst es war, was ihn erregte. Sein Körper, die Tatsache seiner Substanz, sein tickendes Herzklopfen. Die Tatsache seiner Erektion, die aus der Mitte heraus an ihm zerrte. Er betrachtete die blaue Ader, die sich dort seitlich abzeichnete. Seine Vorhaut war zurückgezogen und entblößte die Eichel, die wie Seide glänzte. Er betrachtete seine Brust, haarlos, aber männlich, ihre Konturen könnte eine Frau vielleicht unter einem Hemd wahrnehmen wollen; betrachtete Brustwarzen, Schenkel und Beine und lange Füße. Er schloss die Augen und folgte den Farben, die unter den Augenlidern zuckten, spürte seinen pulsierenden Körper, die ziehende Erektion. In der Luft schwoll die Hitze an. Schweiß lief ihm über die Rippen. Er rieb über die feuchten Stellen innen an den Schenkeln, über die Unterseite der Hoden und roch den dunklen Schweiß an seinen Fingerspitzen. Er fühlte sich wundersam lebendig, als hätte er ein fantastisches Geheimnis selbst verborgen und aufgedeckt. Und dann, nach einer halben Stunde, stand er auf und zog sich wieder an.

Als er am folgenden Sonntag Marie begegnete, hatte sich etwas verändert. Diese Sache, Sex, schwebte zwischen ihnen. Sie war sogar während des Nachmittagsgesprächs mit Mr Tillnott spürbar, als kräuselte sich eine Spiegelung an der Wand. Nachher steckte Marie ihm eine neue Nachricht zu und forderte ihn auf, ihr Arrangement zu wiederholen. So ging es die nächsten zwei Monate lang. Jedes Mal legte sich Henry eine halbe Stunde lang mit seiner Erektion hin; untersuchte seinen Körper, atmete, machte sich mit dem Schub und Zug seines Blutes vertraut. Schließlich, in der zehnten Woche – er konnte sich an keinen besonderen Grund dafür erinnern, außer dass er einfach die Grenze seiner Widerstandskraft erreicht hatte –, begann er, seinen Schwanz zu berühren, sacht verweilend; umfasste ihn, fühlte seine Härte, zögerte, zog an der Haut, erschauerte, zog noch einmal, gab sich einem Rhythmus hin, schloss die Augen. Die Spritzer landeten im Gesicht, das war noch nie passiert. Es schockierte ihn. Der süßsaure Geruch brandete an. Er musste sich das Zeug mit dem Ellbogen aus dem Gesicht wischen – es klebte in den Augenbrauen, zog sich über die Nase. Sofort hatte er das Gefühl, jetzt sei alles verdorben. Der Sex, diese verschwommene, kraftvolle Stimmung, hatte sich zu einem selbstsüchtigen, selbstzerstörerischen Akt konkretisiert – und er hatte Marie Tillnott besudelt, sie und ihr Vertrauen in ihn. Auch sein eigener Körper war besudelt. Als er ihre nächste Nachricht erhielt, mit Datum und Uhrzeit, lehnte er ab. Marie reagierte nicht. Sie sahen sich immer noch jeden Sonntag, aber das kräuselnde, schimmernde Ding war weg, zurück blieb nur ein Schatten, ein Fleck.

Draußen auf der Straße, auf der anderen Seite der Erde und der anderen Seite seines Lebens, schrien Kinder. Er starrte in die Schüssel, schöpfte sich Hände voll Wasser ins Gesicht, während ihm eine englische Sonne die Füße wärmte, er hörte Laufgeräusche, schrilles Zetern und dann Stille, kurz darauf durchbrochen von rollenden Rädern. Er ging zum Bett zurück und legte sich auf die Tagesdecke. Er betrachtete sich: die Brust mit ihrer kleinen Ansammlung Haare; die Fläche seines Bauchs; den schrumpligen Schwanz; die Schenkel und Knie und langen Füße, auf den Fersen stehend, die Zehen in Reih und Glied wie Wachmänner. Jetzt war er sich des Fehlers, den er damals begangen hatte, voll bewusst. Doch diese Momente, in denen er sich seiner Körperlichkeit hingegeben hatte, waren ihm unvergesslich, desgleichen, dass Marie Tillnott sie auch genossen hatte. Dieses Selbstgefühl, ein wundervolles Geheimnis, war geblieben. Es bewies, dass die Sexualität ein tief verwurzeltes menschliches Potenzial war, ein Instinkt, der eigenständig in jedem Menschen existierte, in Frauen wie Männern. Sein Fehler war gewesen, ihn fehlzuleiten – nicht durch das Onanieren, das war einfach nur eine Verschwendung von Energie, sondern indem er der Scham nachgab. Er hatte ziemlich schnell erkannt, dass der Sexualinstinkt ein großer Motor des Glücks sein könnte, wenn man ihn nur von der Scham befreite. Zuerst wusste er nicht, was er mit dieser Erkenntnis anfangen sollte. Noch in Australien hatte er sich neuen Lesestoff besorgt, über die englische und französische Literatur hinaus, die sein Gepäck füllte. Er kaufte sich medizinische Lehrbücher und spürte, als flösse sie durch die umblätternden Fingerspitzen, dass die Wissenschaft über die Macht verfügte, die Wahrheiten des menschlichen Wesens aufzudecken. In seiner Hütte in Kanga Creek begann er, sich für die Zukunft zu begeistern. Sein christlicher Glaube verdampfte in der Hitze seiner Lektüre, entschwand fast unmerklich Stück für Stück, aber er entdeckte etwas Ähnliches, als er eine Rolle für sich in der Zukunft ausmachte. Seine Entschlossenheit, diese Rolle auszufüllen, war die Antriebsfeder, die sich hinter seiner Schüchternheit verbarg, das Motiv, das sie in seinen Augen entschuldigte – ja, sie rechtfertigte, als Schutzschild gegen Ablenkung.

Als er nach London zurückkehrte – 1881 –, beschloss er, Arzt zu werden, und ging das im nächsten Jahr an. Seine Ausbildung brachte ihn in die Häuser der Armen. Er sah, wie der nie nachlassende Druck der Armut die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verbog. Er begegnete Frauen, deren Körper von wiederholten Schwangerschaften zermürbt war, ihr Leben vor lauter Anspannung so ausgedünnt, dass man bis zu ihrem Ende hindurchschauen konnte; er sah die Kinder, durch ihre Umgebung blass und verkümmert und mit üblen Zukunftsaussichten. Er suchte sich weitere Bücher, um dieses neue Gebiet abzudecken. Er befasste sich mit den neuen Instrumenten, die Bildung und gesundheitliche Versorgung für alle ermöglichen könnten; mit Empfängnisverhütung und den Gesetzen zu unehelichen Kindern und Scheidung. Irgendwo unter alldem erspähte er die Sexualität als Problem, wie einen großen Felsen, dessen Umfang und Gestalt stets von den dagegenbrandenden und -sprühenden Wellen verdeckt wurde. Er versuchte, sich eine beruhigte See vorzustellen, in der der Felsen klar erkennbar dastand.