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Sie flüsterte ihm zu: – Du gehst in die Schweiz? – Ja, – antwortete er mit leiser, fast entrückter Stimme und einem Nicken, das mehr Gewicht als Bewegung hatte. Einen Moment lang schwieg er. Dann sagte sie etwas, das ihn mehr erschütterte als jede Abschiedsformel, mehr als jede Umarmung zum Abschied: – Wirst du hier jemandem fehlen?! – fragte sie, mit einem Ton, der nicht nur Neugier war, sondern tiefe Empfindung – ein starker Protest, ausgedrückt in zwei, drei Worten.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Der Abschied
Letzte Vorlesung
Ein persönliches Opfer
Die Erzählung einer Verwandlung
Die leise Sprache der Literatur
Eine Reise der Hoffnung in dunklen Zeiten
Vater
Mutter
Die Schwestern des Studenten
Studentenausweis
Onkel
Ein bleibendes Versprechen
Schritte der Veränderung
Weit weg und nie näher
Impresum:
Verlag: Selfpublishing
Titel: Autor
Covergestaltung: Autor
Coverbild: Autor
©️ 2025
Im kleinen Vorlesungssaal der Fakultät für Literatur, erleuchtet von den langen Fenstern, durch die die warme Maisonne schien, klang das leise Murmeln der Studentinnen und Studenten, die auf den Professor der Ästhetik warteten, wie eine Mischung aus Langeweile, Erwartung und Sinnlosigkeit.
Auf einer Bank sass ein Student allein – stiller und düsterer als sonst. Er hatte eine braune Reisetasche dabei. Es war nicht üblich, eine solche Tasche zur Vorlesung mitzubringen, doch niemand fragte danach. Er stellte sie neben die Bank, auf der er sass, gegenüber der Tür – ein Platz, den er sonst nie wählte, der ihm an diesem Tag jedoch passend erschien.
Sitzend auf der ungewohnten Bank, mit einer Reisetasche zu seinen Füssen, fühlte sich der Student nun wie ein Fremder – unpassend zur Atmosphäre, zu den Themen und Zielen, die er bis dahin fast vollständig mit den anderen geteilt hatte.
In der Tasche befanden sich nicht nur seine Kleider, sondern auch einige Bücher, die er mitnahm, um sich selbst zu trösten – als sei dies nur eine vorübergehende Unterbrechung, bedingt durch die Umstände.
Er würde in die Schweiz fahren, um zu arbeiten – um der wirtschaftlichen Unsicherheit seiner Familie zu entkommen.
Die Tasche – grau, etwas alt, aber robust – war wie eine Metapher für eine praktische Entscheidung, für Hoffnung, aber auch für eine Leere, die mit der Zeit gewachsen war: zerfallene Träume, Sehnsucht und Schmerz, die ihm schwer auf der Brust lagen.
Nach der Vorlesung würde er sich zum Bahnhof begeben, um den Bus in Richtung Schweiz zu nehmen. Das Studium, die Menschen, die Erlebnisse, die Lieben – sie würden zurückbleiben, während er ging.
Die Zukunft? Ungewiss! Doch wenigstens würde er Geld für seine Familie verdienen.Tatsächlich hatten die meisten Studierenden bereits gehört, dass er gehen würde – nicht nur für ein Wochenende, sondern für viel länger. Er würde in die Schweiz fahren, um zu arbeiten, um einen anderen Weg einzuschlagen, ein anderes Ziel zu verfolgen: praktisch, nützlich für die Familie, aber hart und äusserst herausfordernd für ihn selbst.
Auf der Bank hinter ihm sass sie – die schöne und elegante Studentin mit den grossen, schwarzen Augen; Augen, die selbst das Unsagbare in anderen erkannten.
Sie schwieg. Viel hatten sie nicht miteinander gesprochen – nur ein paar Worte auf dem Flur, ein paar Grüsse, einige Bemerkungen zu den Vorlesungen und, vor allem: Blicke.
Sie hatte Gesprächsfetzen gehört, einzelne Worte – doch sie liessen keinen Zweifel. Als sie die Tasche neben ihm sah, musste ein unerklärliches Gefühl ihre Brust zusammengezogen haben.
Für einen Moment spürte der Student ihre leichte Hand auf seiner Schulter. Er drehte sich zu ihr um. In ihren Augen lag die Traurigkeit eines Abschieds – eines Abschieds, der nie wirklich eine Verbindung gewesen war.
Sie flüsterte ihm zu: – Du gehst in die Schweiz? – Ja, – antwortete er leise, fast entrückt, mit einem Nicken, das mehr Gewicht als Bewegung zu sein schien.
Einen Moment lang schwieg sie. Dann sagte sie etwas, das ihn mehr erschütterte als jede Abschiedsformel, mehr als jede Umarmung zum Abschied: – Wirst du jemandem fehlen?! – fragte sie in einem Ton, der nicht nur Neugier war, sondern tiefe Empfindung – ein starker Protest, ausgedrückt in zwei, drei Worten.
Ihre Stimme war nicht bloss fragend. Sie war ein leiser Mix aus Schmerz, vielleicht sogar Zorn – überlagert von Gefühl und Sehnsucht. Diese Frage störte den Fluss der Vorlesung und die emotionale Kontrolle, die der Student bis dahin aufrechterhalten hatte. Es war eine Frage, auf die er in keiner Weise vorbereitet gewesen war.
Er schwieg. Er musste sich sammeln. Er wusste nicht, wie er antworten sollte.
„Würde er jemandem fehlen?!“
Er hatte an seine Familie gedacht, an Freunde, an Professoren, an Aktivitäten …
Aber nein – nicht an dieses Mädchen, das ihn jetzt mit einem Blick ansah, der sein Herz erzittern liess.
Er hatte keine Kraft, lange nachzudenken oder tiefer zu fühlen, was er in sich selbst zu unterdrücken versuchte.
Er ging fort von so vielem – von der Universität, von seinen Träumen über die Literatur, von diesem Ort. Und dort, wo er hinging, war alles ungewiss – aber auch von einem Gefühl, das leise zwischen ihm und ihr zu wachsen begonnen hatte.
– Ich weiss es nicht! – sagte er schliesslich leise.
Es war die einzig ehrliche Antwort, die er geben konnte, denn obwohl er seit Langem starke Gefühle für sie hegte, wusste er nicht, ob er ihr Herz auch nur im Geringsten gewonnen hatte – und jetzt schien er es zu verlieren.
Sie sah ihn für ein paar Sekunden an und sagte mit einer nie dagewesenen Entschlossenheit: – Doch, ja ... du wirst hier jemandem fehlen – sehr. Mehr, als du denkst!
Dann seufzte sie.
Ein Seufzer, der weder Müdigkeit noch Langeweile war – es war ein Seufzer des Verlusts.
Einige Minuten vergingen in Schweigen. Der Professor war noch immer nicht aufgetaucht. In diesem verlängerten Warten legte sich eine kühle Stille über den Raum.
Er wandte den Kopf zum Fenster und sah – obwohl sie weit entfernt sassen – ihr Gesicht im Spiegelbild der Scheibe. Da war etwas, das er zuvor nicht bemerkt hatte: ein Ausdruck, der nicht zu einem beiläufigen Gespräch gehörte.
Vielleicht verstand er zum ersten Mal wirklich, dass sein Weggehen nicht einfach nur das Verlassen einer Fakultät war.
Er liess unausgesprochene Gefühle zurück, ungelebte Möglichkeiten, nichts Festes – ein Leben, das hätte sein können … aber es nicht sein würde.
Plötzlich trat der Professor in den Saal, mit der Mappe für die Vorlesung in der Hand und seinem gewohnt langsamen Schritt.
Er begann über Ästhetik zu sprechen – als eine Art, das Schöne auch in Zeiten der Krise zu erleben.
Doch der Student hörte nicht zu. Sein Geist schwebte – an der Grenze zwischen Bleiben und Gehen.
