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Alvy ist dreizehn, als sie plötzlich Menschen sieht, die nicht da sind. Sie ruft nach Hilfe. Aber ihr richtiger Vater ist zu beschäftigt, der Stiefvater zu betrunken und ihre Mutter hat genug mit sich selbst zu tun. In ihrer Verzweiflung lässt sich Alvy freiwillig in die Psychiatrie einweisen. Was zunächst wie eine Erholung vom Stress in Schule und Familie beginnt, wird schnell zu einem Albtraum, denn das Normative hasst das Individuelle. Und freiwillig ist man nur so lange drinnen, bis man raus will. Mit erschütternder Klarheit stemmt sich hier ein jugendlicher Geist gegen Bevormundung und Willkür.
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2018
periplaneta
JANE STEINBRECHER: „Das Ohnmachtsfrühstück“ 1. Auflage, April 2018, Periplaneta Berlin, Edition Periplaneta
© 2018 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig. Zitate S. 187 f.: Jean-Paul Sartre „Der Ekel“, Rowohlt, 1963
Coverfotografie: Darkness on Unsplash.com (Public Domain Picture) Projektleitung, Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-095-3 epub ISBN: 978-3-95996-094-6
Jane Steinbrecher
DAS
OHNMACHTSFRÜHSTÜCK
Roman
periplaneta
Ja, ich weiß, ich bin ein Freak.
Nach so einem prägnanten Beginn, einem Gruß wie eine Tür ins Gesicht, ist es gar nicht leicht, den richtigen Anschluss zu finden. Ich habe mal einen Studierten sagen hören, das Rezept einer guten Geschichte bestünde nur aus zwei Verben, einem Komma und einer Kontraktion: Show, don’t tell. Kein Mensch kann mir vorwerfen, ich hätte nicht alles versucht, dieses Mantra einzuhalten, und ich habe so manchen leeren Deut gemacht, dafür so manchen schiefen Blick über mich ergehen lassen. Show, don’t tell. Besten Dank für diesen Lehrsatz, aber was, wenn das, was man zeigen will, gar nicht existiert? Wie soll ich etwas zeigen, was nicht da ist? Am Ende sind es wieder nur Worte, und ich war nie ein guter Maler mit Worten, obwohl es Zeiträume gab, in denen ich es mir sicherlich eingebildet habe. Das ist im Übrigen der Kern meines Problems. Ich bilde mir zu viel ein. Ich rede nicht von Selbstwertgefühl, Qualitäten und Geist. Wo der Schatten und das Licht sich treffen, an der Schwelle zum Dunkel, wo das Auge verwaschen sieht und sich selbst Trickspiele vorgaukelt, um sich dann wieder zu besinnen, schwinden für mich die Konturen nicht, werden nicht wieder normal. Wenn ich nachts erschrecke, weil eine plötzliche Silhouette in den Rand meines Blickfelds tritt, wandelt sich ihr Arm nicht zurück zu einem winkenden Busch. Ich wünschte, ich könnte an Gespenster glauben.
Show, don’t tell. Ich werde es versuchen.
Ich wurde im März als mittlere von drei Töchtern in einem kleinen Dorf geboren. Ich erinnere mich an einen blühenden Garten mit vielen Schnecken, einen Keller voller Spinnen, den Geruch von altem Gemäuer und den von Maultauschen mit Petersilie aus dem oberen Geschoss, wo meine Großmutter wohnte, die viel besser kochte als meine Mutter. Ich war kein auffälliges Kind. Ein verträumtes, friedliches Mädchen mit blauen Augen, dickem braunen Haar und leicht abstehenden Ohren, das von seinen Eltern auf den schrecklichen Namen Alvhilde getauft worden war. Wer mit so einem Namen gestraft ist, braucht sich eigentlich nicht wundern, wenn er sich eigenartig entwickelt, und gewundert habe ich mich vielleicht auch nie, obwohl das mit einigen anderen Faktoren zusammenhing. Ich habe mich viel mit mir selbst beschäftigt, weniger mit meinen Geschwistern als mit meinen eigenen Gedanken, und stundenlang in der Küche meiner Oma mit Einmachgummis gespielt, während sie mir Geschichten aus ihrer Kindheit erzählte. Meine Kindheit war schön. Leider dauerte sie nur sechs Jahre.
In der Nähe unseres Hauses verlief ein Feldweg am Rande eines Waldes. Ich weiß noch, dass die Freundin meiner Mutter einen Hof und Pferde hatte, und dass meine Mutter, nachdem sie ihre erste Angst überwunden hatte, zu einer leidenschaftlichen Reiterin geworden war. Manchmal lief ich ihr hinterher, wenn sie ausritt und spielte mir vor, ich hätte auch ein Pferd, ein unsichtbares und außerdem notgedrungen ein irgendwie langsames.
Sie wusste, dass der Wallach, auf dem sie saß, ein sehr schreckhaftes Tier war. Eines Nachmittags kam sie mir aus dem Wald entgegen. Ich hatte schon die Hand zum Winken gehoben und dachte mir noch, ich falle von meinem unsichtbaren Pferd, da brach aus dem Buschwerk ein Hund aus der Nachbarschaft, der dafür bekannt war, davonzulaufen und auf Pfadfinderschaft zu gehen.
Der Wallach meiner Mutter erschrak, bäumte sich auf und galoppierte davon. Ich, die Hand in der Luft, sah meine Mutter zu Boden gehen.
Man hat mir später immer wieder erklärt, was für großes Glück sie hatte und wie brav es war, dass ich gleich Hilfe beim nächsten Hof geholt habe, aber ein Fakt, den keiner schön reden konnte, war, dass meine Mutter ab diesem Tag vom ersten Lendenwirbel ab gelähmt war. Sie hat es nie verkraftet.
„Ich bin immer noch selbstbestimmt“, sagte sie gern. Und: „Ich sehe auch in Windeln noch gut aus.“ Die Wahrheit war, dass sie mehr weinte, mehr schrie, und meinen Vater für einen Mann verließ, den sie auf ihrer Kur kennenlernte. Außer einem Hund, der im Folgejahr verstarb, weil er aus dem Gebüsch brach und vor einen Traktor rannte, gab es niemanden, dem sie die Schuld an ihrem Unglück zuschreiben konnte, keinen, der sie von dem harten Zorn erlöste, der wie die Nierensteine der Seele in ihr brannte. Sie war frustriert. Wahrscheinlich mehr, als sich irgendein Mensch vorstellen konnte. Und ihre andauernde Bitterkeit fraß sich kontinuierlich wie ätzende Säure durch ihr Nervenkostüm. Deshalb war ich es gewohnt, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem ein hoher Lautstärkepegel herrschte. Die latente Aggression meiner Mutter übertrug sich auf meine ältere Schwester, wo sie auf fruchtbaren Boden fiel und Ableger trieb, vor denen niemand sicher war. Ich hörte oft Leute sagen, sie wäre ein böses Kind. Das kam mir stets ungerecht vor, weil eigentlich auf der Hand lag, dass sie ein verzweifeltes Kind war. Es war nicht nur das Adjektiv, bei dem die Leute sich irrten. Meine Schwester habe ja als Baby schon so viel geweint. Kein Wunder also, dass sie Terror verbreite … Naja, man kann nicht erwarten, dass Menschen mit gutbürgerlicher Voreingenommenheit, die mit sich selbst genug zu tun hatten, nach tieferliegenden Zusammenhängen suchen.
Was allerdings stimmte, war, dass sie viele Probleme machte, ganz unabhängig davon, in wessen Verantwortung es gelegen hätte, diese Entwicklung zu verhindern. Sie war zwei Jahre älter und vier Jahre stärker als ich. Und weil unsere Mutter im Rollstuhl saß und unsere jüngere Schwester, die zwei Jahre nach mir gekommen war, ewig kränklich und bemitleidenswert war, gab es nur sie und mich in der Arena des körperlichen Konflikts. Wir haben uns oft gestritten und geprügelt wie Brüder. Okay, sie hat mich geprügelt. Sie hat mich windelweich geschlagen, wann immer ihr etwas gegen den Strich ging – das musste nicht einmal mit mir zu tun haben.
„Ich schlag dir gleich in die Fresse“, klang unschön, aber sie sagte es oft, wenn sie verstimmt war. Häufiger sagte sie gar nichts, sondern machte es einfach. Dabei war sie nicht einmal größer als ich. Ihre äußere Erscheinung war die einer kleinen Madame, die sie vielleicht gern gewesen wäre, aber nicht war. Sie hatte eine Stupsnase, ein kleines Kinn, sanfte Wölbungen unterhalb der Augen, die sich spannten, wenn sie lächelte. Alle Attribute an ihr waren zierlich. Und trotzdem konnte sie sich mit einem einzigen Zusammenziehen ihres Gesichtes in dieses würgende Ungetüm verwandeln, das mich durch meine späteren Kinderjahre gequält hat, und das nur, aber das habe ich erst viel später verstanden, aus eigener Qual, für die sie keinen anderen Durchlass gefunden hat als die Handlung am Ersatzobjekt. Meistens mir.
„Marianne, Mama hat gesagt, du sollst dein Zimmer aufräumen. Ich darf jetzt Fernsehen“, war, um ein völlig willkürliches Beispiel zu nennen, ein gefährlicher Satz, den zu sagen ich todesmutig genug war, daraufhin aber unter ihren Knien begraben lag, die auf meinen Brustkorb drückten, weil sie es zum einen nicht ausstehen konnte, bei ihrem richtigen Namen genannt zu werden und sich zum anderen nicht gern Vorschreibungen machen ließ. Sie hasste ihren Namen, Marianne. Ein guter Witz, was sollte ich denn da sagen?
„Dein Vater hat sich deinen Namen ausgesucht“, rechtfertigte meine Mutter sich, als ich sie auf ihr Verbrechen hinwies. Doch mein Vater, gegen den sich meine Anklage gleich danach richtete, ließ mich am Telefon wissen, dass er bei der Namenswahl überhaupt kein Mitspracherecht gehabt hatte.
„Alvhilde ist doch ein schöner altnordischer Name“, sagte daraufhin meine Mutter, weil ich natürlich sofort wieder bei ihr auflief. Sie war wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt mit dieser Meinung, mindestens aber der einzige in meinem Bekanntenkreis. Deshalb folgte ich dem Beispiel meiner Schwester, als sie sich auf Mary abkürzte und nannte mich fortan Alvy. Irgendwann wurde mir aber klar, wie albern das klang und dass es nur Fragen aufwarf, die ich nicht beantworten wollte („Wie heißt du wirklich?“) und ich machte Alva daraus. Wie ich wirklich hieß, wurde ich zwar immer noch gefragt, aber ich hatte mir inzwischen angewöhnt, die Leute einfach zu belügen. Im Endeffekt nannte kein Mensch mich Alva.
Meine jüngere Schwester hieß Minna. Sie war die einzige von uns, die ihren Namen mochte. „Minna, die Unfehlbare“, nannten wir sie manchmal neidisch, obwohl allein die Tatsache, dass sie ständig krank war, im krassen Widerspruch zu diesem Titel stand. Wegen ihrer Kränklichkeit fassten sie alle wie ein rohes Ei an, was die logische Konsequenz zur Folge hatte, dass sie immer immunschwach blieb.
Ich war dreizehn, als Minna gerade wieder eine ihrer besonders gebrechlichen Phasen hatte. Alle Aufmerksamkeit der Welt bekam sie mit kleinen Siruplöffeln verabreicht, morgens, mittags, abends, zwischenrein Tee und Zwieback, wenn sie wollte, Suppe – wenn sie wollte, sogar Schokoladenpudding oder Sauerbraten. So krank, dass es ihr auf den Magen schlug, war sie meistens doch wieder nicht, deshalb entsprach sie nicht dem Klischeebild eines kränklichen und blassen Mädchens. Blass war sie schon, und klein, aber so gedrungen, dass ich sie manchmal - und man kann sich denken, dass ihr das nicht gefallen hat - mit einem Sparschwein verglichen habe. Hellrosa, rund und kompakt.
„Ich fühle mich ganz schlecht“, hatte sie den Tag begonnen, sich dann auf den Küchentisch übergeben und wieder ins Bett verkrochen. Meine ältere Schwester, gelockt von dem Gedanken eines freien Tages, bekam daraufhin ebenfalls Übelkeitserscheinungen, die so lange anhielten, bis sie in der Schule entschuldigt war. Ich überlegte mir, meinen Hut auch mit in den Ring zu werfen, doch meine Mutter musste den Gedanken in meinen Augen erkannt haben.
„Du gehst aber in die Schule“, ließ sie mich unmissverständlich wissen und komplementierte mich eine Stunde später aus dem Haus. Draußen hing Trübnis und Unfreundlichkeit in der Luft wie Schwefel. Ein ausgeblichener Graufilter lag schlaff und schwer über den Bäumen und Häuserfassaden. Die Büsche an denen ich vorbeittrottete, wirkten aschfarben. Im Bus war es eng, Schüler, die es nicht nötig hatten, zu frühstücken, verbreiteten ihren schlechten Atem. Ich hatte in der ersten Stunde Mathe, und wenn es etwas unter diesem Himmel gab, bei dem sich mir die Fußnägel hochrollten, dann war es Mathematik. Dieses Hassverhältnis war von mir selbst verschuldet, denn Hausaufgaben hielt ich für eine optionale Empfehlung unserer Lehrerin, die ich gewohnheitsmäßig ausschlug.
Jeder Mensch hat Dinge, die er einfach nicht auf seinen Schirm bekommt, mit denen er zwar irgendwie koexistiert, allerdings mittels gegenseitiger Ignoranz und nicht in friedlichem Einvernehmen. Hätte ich ab und zu Algebra und Geometrie nicht so konsequent die kalte Schulter gezeigt, hätte ich mich nur ein bisschen geöffnet für Gleichungen und Parabeln, wir hätten Freunde werden können. Aber ich hatte Vorurteile, und die Mathematik hat sich, das muss sie sich von mir vorwerfen lassen, wirklich nicht die größte Mühe gegeben, diese auszuräumen.
„Alvhilde, bist du auch mal wieder da?“, grüßte mich irgendein unwichtiger Schüler, mit dem ich wenig zu tun hatte, als ich ins Klassenzimmer trat. Er strafte mich mit einem selbstgefälligen Grinsen, das nicht einmal halb so gewitzt aussah, wie es gemeint war. Ohne Antwort ging ich in die letzte Reihe, wo mein Platz war, neben Monika, der Streberin, die Trompete spielte und stolze CSU-Wähler-Eltern hatte, Anne, die sich die Haare bunt färbte und Angelika, die so langes Haar hatte wie kein anderer Mensch, den ich kannte, und die fast ausschließlich Pullover mit Pferdemotiven trug. Ich war nicht wirklich Teil dieser Clique. Ich war Teil von überhaupt keiner Clique. Aber diese drei schienen mir aus der gesamten Klasse am erträglichsten zu sein.
„Wo warst du die letzte Woche?“ Monika sah mich durch ihre Brille an. Sie musterte meine schwarze Klamotte. Ihre Hausaufgaben lagen schon ordentlich vor ihr ausgebreitet.
„Darf ich bei dir abschreiben?“
„Du kannst doch unmöglich so viel krank sein. Das holst du nie wieder auf.“ Aber sie schob mir, wenn auch mit spürbarem Widerwillen, ihr Heft zu. Sie hatte recht. Meine Fehlzeiten waren beeindruckend. Und viele fühlten sich berufen, mich zu verurteilen, weil ich es an über der Hälfte aller Tage nicht schaffte, diesen Ort aufzusuchen, an dem ich der Marter gleichaltriger Barbaren ausgesetzt war.
„Frau Aschdorf kommt. Gib mir das Heft zurück.“
„Ich bin noch nicht fertig. Warte, noch die eine -“
„Nicht mein Problem. Mach deine Hausaufgaben.“
Nicht nur weil ich Außenseiterin war. Und dazu noch sehr sensibel. Nicht nur, weil ich mich im permanenten emotionalen Ungleichgewicht befand. Auch aus dem banalen Grund, dass der Großteil meiner Mitschüler unreflektierte Arschlöcher waren. Ja, ich weiß, dass ich gelegentlich zu übersteigerten Aussagen neige. Aber im Fall der Dummheit und Substanzlosigkeit, die in diesem Gebäude in sämtlichen Klassenzimmern grassierte, ist das nicht übertrieben: Arschlöcher. Ich hatte meine Mitschüler nicht von vornherein verachtet und in erster Linie war ich verzweifelt und wollte Anschluss finden. Aber ich war zu weltfremd, meine Gedanken zu schwerwiegend für die niederdrückende Irrelevanz sämtlicher Gespräche der anderen, bis auf wenige Ausnahmen vielleicht, wie Monika, die mir aus anderen Gründen auf die Nerven ging, zum Beispiel, weil sie es nicht lassen konnte, klugscheißerisch mit halbgeöffneten Augen durch ihre Brillengläser zu blinzeln und mich zu belehren.
„Alvhilde, kommst du bitte an die Tafel?“
Die Schikane verstopfte mir förmlich die Arterien, jedenfalls hatte ich das Gefühl, an spontanem Blutstau zu sterben. Meine Lehrerin wusste, dass ich die komplette letzte Woche nicht da gewesen war.
„Ich war letzte Woche krank“, erinnerte ich sie mit einer Stimme, die vor allem deshalb zitterte, weil einige hämische Hackfressen mich aus den vorderen Reihen angrinsten und weil ich wusste, dass dieses Argument, so durchschlagend logisch es auch war, Frau Aschdorf nicht interessierte.
„Eine ganze Woche bietet genug Zeit, sich mit dem Mathematikbuch zu befassen. Bitte.“ Mit ihrer Hand, deren Finger, wie mir gerade auffiel, irgendwie länger waren, als es der Fall sein sollte, lud sie mich zur Tafel ein. Meine Füße waren bleiern auf dem Weg nach vorn. Ich gehe die grüne Meile entlang, ich gehe die grüne Meile entlang! Meine Finger wackelten steif, als ich die Kreide griff. Im Hintergrund brandeten Gekicher, Getuschel und das einzelne Gezische vermeintlicher Lösungen gegen meinen Rücken.
„Alvhilde peilts nicht“, murmelte Thomas belustigt aus der ersten Reihe. „Alvhilde hat zu viel Zeit in der Gruft verbracht. Bei ihren Gruftiefreunden. Ach halt, sie hat gar keine Freunde.“ Was für ein hässlicher Homunkulus, der seine fehlende Größe durch sein Mundwerk auszugleichen versuchte!
Woran ich den allermeisten Anstoß nahm, war nicht der Akt der Beleidigung als solcher, sondern die Beleidigung selbst. Das unbestreitbare Fehlen von Kreativität oder Wortwitz, von jeglicher Pointe und damit verbunden die Tatsache, dass trotzdem alle, die es hörten, lachten oder mit ähnlichen Plattheiten einstimmten.
„Na? Wird es noch was?“, schnitt die strenge Lehrerinnenstimme in meine gar nicht stattfindenden Überlegungen, die ich auch nicht beginnen konnte, weil ich die notwendigen Formeln nicht gelernt hatte.
„Na? Wird es noch was? Alvhilde, wird das noch was?“, fragte auch Thomas leiser.
Ich fühlte mich, obwohl ich ratlos mit einem Brett vor dem Kopf vor der Klasse stand, ihnen allen weit überlegen. Aber diese Gewissheit änderte nichts daran, dass meine Wangen spannten und meine Augen zogen, noch milderte sie meine Scham, weil ich diesen Primaten letztlich nichts entgegenzusetzen hatte, was ihnen einen Spiegel vorhielt.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich belegt und antwortete nicht explizit auf die Frage, ob es noch etwas würde, sondern auf das Ergebnis der Aufgabe.
„Setz dich. Monika, komm vor.“
Meine Beschämung war vorbei, sowie ich an meinen Platz zurückkehrte. Ein Junge streckte die Hand in den Gang, damit ich einschlagen konnte. Auch in seinem Blick tanzte Überheblichkeit, und wenn ich ehrlich war, war er auch nicht klüger als die anderen. Aber ich nahm seine Geste an und schmunzelte, als seine Finger meine für Sekundenteile festhielten, so lange, bis ich sie wegzog, weil ich sein Vorhaben nicht begriff.
„Gut gemacht“, sprach er mir nach, ein Lob des Hohnes, natürlich, aber er brachte es umsichtig rüber, sodass ich den Humor darin erkannte. Von meinem Platz aus musterte ich ihn. Nick war mit einem überdurchschnittlichen Gesicht gesegnet, was ihn beliebt machte, was ihn selbstbewusst machte, was ihn noch beliebter machte. Er lebte in einer Positivspirale. Er war sogar so angesehen, dass es in einigen Fällen ein bisschen unbehaglich werden konnte. Mädchen aus höheren Jahrgangsstufen schwärmten für ihn, die aus den Parallelklassen warteten vor dem Zimmer, um Fotos von ihm zu schießen, wenn er herauskam und als wäre der Lächerlichkeit damit nicht Genüge getan, schirmten seine eigenen Freunde ihn vor dieser Komik ab wie ein paar hühnerbrüstige Sicherheitsleute einen Prominenten, den eigentlich kein Mensch kannte. Ich musste mir eingestehen, dass er auch mir gefiel, mit seinem Sonnenteint und den blonden Strähnen, den schönen, ebenen Gesichtszügen. Aber anders als die anderen vergaß ich nicht, dass er ein Armleuchter war, ja wirklich, der Junge war ein Idiot, ein Kindskopf von der schlimmen Sorte und von durch seine Beliebtheit so verwöhnt, dass er viele Dinge nur deshalb sagte oder tat, weil er sich selbst gut dabei gefiel. Der Handschlag gerade eben musste eine solche Situation gewesen sein. Ich rieb meine Finger aneinander und rang mein Lächeln nieder.
„Alvy, du feierst doch am Wochenende deinen Geburtstag nach?“ In der Pause kam Melanie zu mir, ein lebensfrohes Geschöpf, das ein Jahr hatte wiederholen müssen, das ich aber noch ab und zu im Chor oder in der Schulband sah, in der wir beide sangen. Ich war vielleicht der Antichrist der Mathematik, aber auf die schönen Künste verstand ich mich. In manchen war ich besser, als ich dachte und stand mir mit meinen Zweifeln und Hemmungen als größter Feind selbst gegenüber, in anderen überschätzte ich mich vielleicht. Was die Musik anging, kannte ich mich selbst. Und ich kannte eine Menge Lieder. In der Band und im Dunstkreis der Chorschüler war ich eine Größe, lebte unter der Illusion eines Ruhmes, der verpuffte, sobald meine Fußspitze die Türschwelle aus dem Musiksaal überquert hatte.
„Ja, richtig. Kommst du?“
„Ich wollte fragen, ob ich jemanden mitbringen kann.“
„Natürlich. Wen denn?“
„Einen Freund. Er geht aufs Kundera.“
Mein Blick flog über den Schulhof, durch die löchrige Hecke hinweg zum Platz des Gymnasiums nebenan. Ehe ich antworten konnte, aber im Grunde hatte ich das bereits, fühlte ich Melanies Finger, wie sie sich um meine Haarspitzen schlossen, sie eindrehten und gehenließen.
„Du hast so schön dickes Haar. Ich wünschte, ich hätte so Löckchen unten. Mein Haar ist kaputt, fettig und langweilig.“ Sie hielt ihren hellbraunen Zopf gegen meinen dunklen.
„Man will eben immer das, was man nicht hat“, erwiderte ich etwas altklug.
„Kommt Nick auch zu deiner Party?“
„Nick?“
„Nick Engel.“
„Schon möglich.“ Ich log nicht. Ich hatte zwar recht, wenn ich mich für eine Außenseiterin hielt, aber seit dem letzten Jahr war bekannt, dass meine Mutter bei meinen Geburtstagsfeiern eine sehr lockere Leine anlegte. Und seit sich herumgesprochen hatte, dass ich einen Raum mieten und es alkoholische Mischgetränke geben würde, war die Bereitschaft, sich anlässlich meines Geburtstags kostenlos zu betrinken, deutlich gestiegen. „Er hat gesagt, er kommt. Du weißt, wie das ist. Nur die Hälfte von denen, die zusagen, kommen.“
„Das wäre schon krass, wenn er käme. Zieh dir doch was Buntes an zu deiner Feier.“
„Warum sollte ich?“
„Dieses ewige Schwarz ist deprimierend, Alvy.“
„Mir gefällt es.“ Wahrscheinlich habe ich damals einen Weg für meinen Selbstausdruck gesucht. Und dann wiederum gefiel mir der reduzierende Effekt dunkler Kleidung. Fast alles, was ich besaß, war schwarz, alle Hosen, alle Oberteile, die ich in meiner jugendlichen Eitelkeit gern mit unangemessenem Dekolleté wählte und, wie meine Mutter zu sagen pflegte „den Balkon raushängen ließ“. Dafür hatte ich immer eine Bluse oder ein dünnes Jäckchen darüber. Von der paranoiden Idee gefoltert, dass meine Arme zu dick seien, zeigte ich sie niemals blank. Auch nicht an meiner Geburtstagsnachfeier am Wochenende, obwohl ich Melanies Ratschlag annahm, Mut zur Farbe zu zeigen und meinen Grabkammerlook mit einer Note Violett akzentuierte. Der Raum, den ich gemietet hatte, verfügte über einen Keller mit Disco, es gab Brötchen, Naschwerk, Chips und Alkopops, die nach Bonbon schmeckten. Leute, die mich im alltäglichen Leben nicht einmal grüßten, wenn sie an mir vorbeigingen, tanzten in unbeschwerten Gruppen zu Musik aus den Charts. Ich hatte keine Ahnung, was angesagt oder cool war, aber meine ältere Schwester hatte mir ein paar CDs gebrannt. Minna war nicht da. Sie fühlte sich immer noch schlecht. Sie war wahrscheinlich die einzige von uns Geschwistern, die wirklich krank war, wenn sie es behauptete.
„Herzlichen Glückwunsch nachträglich, Alvy.“
„Danke.“
„Alles Gute, Alvy.“
„Danke.“
Die meisten Gäste drückten mir irgendeinen Kitsch in die Hand, Lippenstifte in Farben, die es gar nicht hätte geben dürfen, Deos mit Vanillegeruch (auch die hätte es nicht geben dürfen, aber die Jungs freuten sich, als sie merkten, dass man nur ein Feuerzeug brauchte, um ein lustiges Sprühfeuer damit zu machen) oder das überbewertetste und damals am weitesten verbreitete Geschenk von allen: Gelkerzen.
Meine Schwester Mary und ihre Freundin Vanessa hatten eine Flasche Vodka aufgetrieben und mit Cola gemischt. Wir bildeten eine illustre Runde, die die Flasche im Kreis herumgehen ließ. Auch Nick und ein Freund, den er einfach mitgebracht hatte, ohne zu fragen, gehörten dazu.
„Du solltest öfter was anderes anziehen als schwarz“, sagte er mir, als er mir den Vodka zurückreichte. Wie ich es hasste, dass ich nicht gegen allen Schmeichel erhaben war.
„Sage ich dir, wie du rumlaufen sollst?“, versetzte ich mit dem Selbstbewusstsein des Angetrunkenen.
„Nimm das Kompliment einfach an.“
„Für mich-“
„Alvy! Komm! Das Lied!“
Ehe ich in die Verlegenheit geraten konnte, etwas unangebracht Feindseliges zu erwidern, weil ich nicht mit Lob umgehen konnte, sprang meine beste Freundin Blanka wie aus dem Nichts hervor, packte mich und zerrte mich auf die Tanzfläche. Wir konnten eigentlich gar nicht tanzen. Wir hüpften herum und spielten kennerhaften Gesten vor, führten uns auf wie Gestörte und wackelten ein bisschen mit dem Arsch. Die meiste Zeit über blickte ich entweder Blanka ins Gesicht oder hatte die Augen geschlossen. Damit entging ich der Peinlichkeit, mich beobachtet zu wissen. Das war einer der Widersprüche meines Charakters, mich stets so zu verhalten, als wäre mir die Meinung anderer absolut egal, um mich von keiner fremden Wertung einschränken zu lassen, während mich meine Scham manchmal lähmte, wenn es schon keinen Braten mehr fett gemacht hätte, wäre ich einfach fortgefahren. Diesmal bemerkte ich, als ich die Augen kurz öffnete, dass Nick mich beobachtete und hörte sofort auf zu tanzen.
„Ich muss mich ausruhen.“ Wir setzten uns an den Rand, Blanka und ich, nebeneinander, und beobachteten unsererseits die Leute. Mir fiel auf, dass ich erschreckend viele von ihnen überhaupt nicht kannte.
„Ich kenn die alle gar nicht.”
Es war so ein Phänomen zwischen meiner besten Freundin und mir, nicht nur zur selben Zeit dasselbe zu denken, sondern es auch gleichzeitig auszusprechen. Ich hatte nur ein oder zwei Wörter anders formuliert als sie. Wir lachten, ich, die Vodka getrunken hatte, lauter als sie, die bei den wesentlich harmloseren Mischungen geblieben war. Als ich mein Augenmerk von ihr abzog, landete es notgedrungen auf Nick, der unmittelbar vor mir lehnte.
„Herzlichen Glückwunsch, übrigens“, hörte ich ihn noch sagen, als er sich schon runter gebeugt hatte und mir jede Möglichkeit abnahm, irgendetwas zu erwidern. Für die nächsten drei bis fünf Sekunden hatte ich seine Zunge im Mund. Sie stieß gegen meine, kreiste ein paarmal und zog sich dann zurück. Das war mein erster richtiger Kuss. Er traf mich so unvorbereitet wie ein Schlag mit der Rückhand ins Gesicht. Ich glotzte noch, als er schon weg war. Ungerechtfertigte Freude und Überschwang nahmen mich ein, mehr noch, da mir klarwurde, dass die zickigen Mädchen meiner Klasse es gesehen hatten. Blanka machte einen hellen Laut und schüttelte meinen Arm. Aber ich war für so kindische Gesten gerade zu erwachsen geworden! Sein Kuss hatte mich beliebt gemacht. Wenig später stand ich umringt von ihnen allen, die hören wollten, ob er und ich jetzt zusammen seien. Meine Freundin Blanka schüttelte immer wieder meinen Arm, ich wiegelte ab, aber leuchtete dabei vor Glück. Ich wollte einen Siegestrunk für Blanka und mich, um diesen Abend angemessen zu begießen, aber Mary und ihre Freundin Vanessa waren unauffindbar, und mit ihnen der Rest an Vodka. Wir streiften umher, suchten sie und verließen sogar das Haus. Dort fanden wir sie auf einer Parkbank zwischen den Bäumen. Mary saß auf dem Schoß des Freundes, den Nick mitgebracht hatte. Nick selbst sah ich nur von hinten. Es war schwer, mehr von ihm zu erkennen, so wie sich Vanessa mit ihm verschlungen hatte.
Verständlicherweise erfuhr der Abend dadurch einen Dämpfer. Ich hätte dort hingehen sollen und mir holen, was mein war. Die Vodkaflasche. Uneindeutige Gefühle überkamen mich, brachen über mich hinweg, zerplatzten über mir, übergossen mich. Ich nahm wahr, dass sich unter anderem Ärger, Frust, Hader, Unsicherheit, Bestätigung und quälende Scham unter den Gemütscocktail gemischt hatten. Es verdarb mir den Appetit auf gestreckte Drinks, ich war gesättigt und zog mich auf meine Party zurück.
„Oh Mann“, sagte Blanka immer wieder. Alternativ benutzte sie andere Formulierungen, die Mitgefühl und Ratlosigkeit ausdrücken sollten. „So ein Arsch.“
Es gelang uns irgendwie, uns mit Smirnoff Ice völlig abzuschießen, sodass ich am Ende heulend in einer Umringung aus Mädchen stand, die ich nicht mochte, und ihnen betrübte Geständnisse aus dem Repertoire einer nur in der Vorstellung dieses Abends bestehenden Gefühlswelt machte.
„Ich bin in Nick verliebt, das gebe ich zu“, behauptete ich etwa, habe dieser Verwirrung meiner selbst in dem Moment sogar tatsächlich geglaubt, „aber ich habe nicht angefangen. Was ist eigentlich mit dem los, dass er erst zu mir kommt und dann zu Vanessa rennt?“
Meine Empörung war kindisch, aber es war mir egal. Ich gab mir unter dem verständnisvollen Nicken einiger Schulkameradinnen, die sich plötzlich für meine Freundinnen hielten, die Blöße.
Am nächsten Tag war ich immer noch wütend darüber, wie der Abend verlaufen war, aber das war nur der Bodenbelag meiner Empfindungsmischung, die sich über Nacht gewandelt hatte und jetzt vor allem aus Befremdung, Absurdität und Widerstreben bestand. Wo ich am Vorabend noch beklagt hatte, von Amors Pfeil durchspießt worden zu sein wie ein Schwein, war ich jetzt wieder bei klarem Verstand. Ich hatte meinen ersten Kuss bekommen und das hatte mich aufgewühlt. Ich war betrunken gewesen und das hatte mich verstumpfsinnigt. Ich war nicht in Nick verliebt. Was er verletzt hatte, war nicht mein Herz, sondern mein Ego. Blanka war die einzige, die ich über das Missverständnis aufklären konnte.
„Ich hab gestern groß verkündet, ich bin in Nick verknallt.“
„Ich weiß.“
„Das stimmt nicht. Im Nachhinein ist mir unbegreiflich, wie ich das erzählen konnte.“
Wir saßen ziemlich fertig nebeneinander auf dem Sofa und bemitleideten unseren Zustand.
„Ich weiß. Du hättest es mir vorher gesagt, wenn du in ihn verliebt wärst.“
„Ich kann das nicht richtigstellen. Alle würden denken, ich war ehrlich, als ich betrunken war und jetzt ist es mir zu peinlich, bei der Wahrheit zu bleiben. Ich lass sie in dem Glauben. Es ist das Normalste auf der Welt, in Nick verliebt zu sein.“
Blankas erschöpftes Lachen vibrierte nahe an meinem Ohr. Sie hatte ihren Kopf auf meine Schulter gebettet.
„Du sammelst bei denen wahrscheinlich Pluspunkte, weil sie denken, du wärst wie sie.“
Ich nahm in meiner Bauchgegend den Widerspruch von Behagen und gleichzeitigem Unbehagen wahr.
„Weißt du, was meine Schwester mir vorhin erzählt hat? Sie haben sich bei Nick und seinem Freund als Mary und Shary ausgegeben. Mary und Shary. Shary.“ Ich zischte. Ein einziger Laut, in den all meine Missbilligung und mein Hohn gepresst waren. „Die haben denen echt geglaubt, dass sie Mary und Shary heißen.“
„Warum erzählt Vanessa so was?“
„Ich nehme an, sie kommt sich pfiffig vor, wenn sie sich als jemand anders ausgibt. Sie fanden es lustig.“ Blanka schwieg für Sekunden. Sie hatte sehr volle Lippen, die sich, wenn sie nachdachte, wie ein Schlauch in die Länge zogen.
„Kann es sein, dass sie ein bisschen dumm ist?“
„Mary und Shary.“ Damit war alles gesagt.
Zwar hatte ich beschlossen, die Angelegenheit innerhalb meiner Schule zu ignorieren und nie wieder darüber zu sprechen, im Bezug auf meine Schwester und ihre Freundin Shary bestand für mich aber noch Klärungsbedarf. Blanka hatte strenge Eltern, die sie zwangen, jeden Abend um Sechs Uhr zum Abendessen zu Hause zu sein. Deshalb konnte sie mir nicht beistehen, als ich Marianne zur Rede stellte. Sie zur Rede stellen, das war zumindest der Plan, den ich in meinem Kopf gemacht hatte. Ich stand schon vor ihr, als ich merkte, dass ich ideenlos war.
„Das war nicht gut, gestern.“ Soviel konnte ich sagen. Aber da ich nicht, wie ich mir am Vorabend noch eingebildet hatte, in Liebe entflammt war, wusste ich bei näherer Betrachtung nichts gegen meine Schwester vorzubringen. Also sagte ich: „Ihr seid einfach mit dem Vodka abgehauen.“
Sie sah mir an, dass mich etwas anderes belastete. Sie erkannte diese Unzufriedenheit, die ungestalt in eines Menschen Gedanken- und Gefühlswelt spukt. Die blindlings hierhin und dorthin tastet und sich niederlässt; eine verworrene Enttäuschung, die ihr Potenzial aus vielen Quellen zieht. Das unbewusste Traurigsein, das einen so subtil und kontinuierlich traktiert, dass der Seele am Ende geheimnisvolle blaue Flecken bleiben, die fühlbar, aber nicht erklärbar sind. Marianne konnte es sich zusammenreimen.
„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich hab das mit dir und Nick nicht gewusst. Ich hab es erst später erfahren.“
Hätte sie es gewusst, der Abend wäre genauso verlaufen. Es klang mir förmlich im Ohr, ihr unausgesprochenes Aber jetzt hast du halt Pech gehabt, ihre Gleichgültigkeit, die mich Schmerz, den ich eigentlich gar nicht hatte, erst aus tiefster Überzeugung, des Prinzips wegen, fühlen ließ.
„Hättest du mir nicht die Gäste von meiner Party gezogen, hättest du es vielleicht gewusst“, fuhr ich sie nur deshalb an, weil ich hilflos gegenüber ihrer Unbeteiligtheit war und es nicht ausstehen konnte. Ich war kindisch, das ganze Thema war kindisch, und eigentlich ist diese Anekdote kaum erwähnenswert, aber als Teil meines Lebens bildet sie eine gute Rahmenhandlung, ehe die Dinge relevant werden, die mein Leiden wirklich bestimmten. Und irgendwo im Unsichtbaren, im tückischen Areal des Unbewussten, hängt doch alles an dünnen, verletzlichen Fäden zusammen.
„Ich mach, was ich will.“
„Du machst nicht, was du willst.“
Aber sie machte, was sie wollte. Und um mir dies zu beweisen, kam sie mit drei Schritten durch ihr Zimmer und schlug mir ihre Handkante gegen die Schläfe.
„Ich mach, was ich will“, wiederholte sie. „Und jetzt verpiss dich.“
Sie hatte mit dem Knöchel mein Ohr erwischt. Zwar war ich in vielerlei Hinsicht frühreif, dachte über die großen Angelegenheiten der Welt nach und interessierte mich nicht für die gleichen Oberflächlichkeiten wie meine Altersgenossen; letztendlich war ich aber nur ein unverstandenes dreizehnjähriges Mädchen, das sich nicht eingliedern konnte, so lange, bis es sich eigenen Vorstellungen von einer schönen Welt zugewandt hatte. Ich hatte viel Phantasie. Und manchmal war ich wirklichkeitsfremd. Es trieb mir die Tränen ins Gesicht, als die Realität ohne Vorwarnung einschlug. So angemessen es auch gewesen wäre, mich zu wehren, hatte ich gegen Mariannes Gewaltbereitschaft keine faire Chance. Ich konnte es versuchen und mir noch mehr Schläge einfangen. Wäre mir wegen letzter Nacht nicht so übel, ich hätte vielleicht den Fatalismus besessen, es darauf ankommen zu lassen.
So schrie ich nur „Du blöde Sau“ und unterdrückte leidiges Wutheulen, das jeder kennt. Wie sich herausstellte, hätte ich ebenso gut angreifen können. Die Anfeindung war genug für einen weiteren Schlag, diesmal mit geballter Faust. Diesmal war ich allerdings auch darauf vorbereitet. Ich riss meinen Arm hoch, fing den Schlag ab, nichtsdestotrotz schmiss mich seine Wucht gegen die Tür, die rumpelnd erzitterte und meinen Stiefvater auf den Plan rief. Am Ende des Flures wurde eine Tür aufgerissen, schnelle Schritte kamen näher, dann öffnete sich auch die Tür zum Zimmer meiner Schwester. Sie wich zurück, als ich in den Raum gedrückt wurde, denn die Tür ging nach innen auf. Ich wirbelte herum und beide starrten wir in die Fratze dieses Mannes, der zwar mit meiner Mutter verheiratet war, von ihr aber wegen seiner Besäufnisse und asozialen Ausfälle in unregelmäßigen Abständen aus dem Haus geworfen wurde. Ich hatte jedes Mal Mitleid mit ihm, Minna weinte und Mary hoffte, er käme nicht wieder. Er kam aber immer wieder. Ohne ihn wäre es uns allen besser gegangen. Sein langes Gesicht war krude, wofür der ungebildete Zug um seinen halb geöffneten Mund sein Übriges tat. Er hatte einen rötlichen Pferdeschwanz aus dünnen Haarsträhnen und hielt es in der Wohnung nicht für nötig, sich vollständig zu bekleiden. Er war nicht sehr respekteinflößend in seinem T-shirt und der lilafarbenen Unterhose, mit den haarigen Steckenbeinen und den Tennissocken unter den Hausschuhen, dafür war er groß und rabiat, außerdem laut genug, um uns auch in Unterhose zu erschrecken.
„WAS IST HIER LOS?“, begann er gleich zu brüllen. „EURE SCHWESTER IST KRANK! WAS SOLL DIE RÜCKSICHTSLOSE SCHEISSE?“ Die Ironie seines Auftritts sprang einem ins Auge, stach es einem fast aus, es entspricht aber wahren Tatsachen, dass mein Stiefvater selbst für solche Offensichtlichkeiten blind war. Manchen Menschen hört man die Dummheit schon beim Sprechen an. Stefan, mein Stiefvater, war so ein Mensch.
Weil ich wegen meiner ungerechten Behandlung leidenschaftlich aufgebracht war, war ich nicht klug genug, still zu sein, bis ich gehen konnte.
„Sie hat mich einfach so geschlagen!“, ereiferte ich mich.
„Sie kommt einfach hier rein und greift mich an“, meine Schwester gleichzeitig.
„IST MIR SCHEISSEGAL!“, daraufhin Stefan eloquent. „IHR HALTET BEIDE DIE FRESSE!“
Der Rollstuhl meiner Mutter erschien hinter ihm.
„Was ist denn hier los?“ Auch sie brauste auf. Obwohl ihre Stimme schrill war, erreichte sie dabei nicht Stefans Ausmaß. „Wie redest denn du? Minna schläft!“
Durch den Flur klagte jemand: „Bei dem Geschrei kann man gar nicht schlafen!“
„Marianne hat mir einfach eine reingehauen!“, versuchte ich es noch einmal.
„Die kommt einfach in mein Zimmer! Ich hab gelernt!“
Das war natürlich gelogen, letzteres zumindest.
Meine Mutter interessierte sich nicht für unseren Streit. „Warum sagst du zu meinen Kindern, sie sollen die Fresse halten? Du hast sie wohl nicht mehr alle!“
Meine Mutter war alles andere als unfehlbar. Aber man musste ihr zugutehalten, dass sie uns verteidigte, wenn Stefans Zornausbrüche allzu ungerechtfertigt in unsere Richtung schlugen. Dabei sagte er selten Dinge, die sie uns nicht auch schon an den Kopf geworfen hatte. Also meinte sie eigentlich, dass, wenn jemand uns anbrüllt, dass wir die Fresse halten sollen, sie das sei.
„Ist doch wahr“, leierte er unartikuliert herunter. „Minna schläft“ - („Ich schlafe nicht! Kein Mensch kann bei dem Lärm schlafen!“) - „und die blöden Kühe streiten sich hier.“
„Du schreist doch am lautesten von allen!“ Mein Hinweis war angebracht, wurde aber als Provokation aufgefasst.
„Ich hau dir gleich eine!“
Ich habe keine Worte dafür, wie mich seine unzureichende Grammatik auch damals schon störte.
„Das machst du genau einmal, mein Freund!“, schrillte meine Mutter von hinten. Sie hatte ihre Stimme überhaupt nicht unter Kontrolle und deshalb leider mehr nervtötend als überzeugend. Die Aggression war nicht nur zu spüren. Sie war wie eine dicke, schon zu oft aufgekochte Suppe, an der sich alle überfressen hatten. Am meisten Marianne.
„Raus jetzt aus meinem Zimmer!“, fauchte sie, schubste mich meinem Stiefvater entgegen und wurde von meiner Mutter dafür angeschrien.
„LECKT MICH DOCH ALLE AM ARSCH!“
Stefan schob mich grob zurück, fuhr herum. Drei Sekunden später knallte die Schlafzimmertür. Zehn Sekunden später ging laute Marius-Müller-Westernhagen-Musik an.
Dank meines Stiefvaters ist Marius Müller-Westernhagen für mich der Inbegriff von Proletenmusik. Diese in mir eingebrannte Erinnerung von hausbeschallendem Lärm, dämlichen Texten, über die sich fragmentarisch Stefans prollige Stimme wirft, um einzelne Sätze mitzugrölen. Besoffener Idiot!
„Ich will mir eure Fressen nicht ansehen und euer Gelaber nicht hören“, sagte er manchmal zu uns. Es gab keine offene Motivation für seine Grobheit. Er war ein Mensch mit Problemen, einer, der die Missgeschicke seines Lebens nicht verwinden konnte. Er fand keinen Platz in der Welt, keine andere Möglichkeit, sich gegen seine Ohnmacht aufzulehnen, als unsere Schwäche als Zeichen seiner Stärke zu verstehen.
Als meine Mutter ihm dieses Mal hinterherrollte, die gerade zugekrachte Tür aufriss und über die Musik ohrenbetäubend hoch „Was soll denn das?“ schrie, polterte er wieder:
„Ich hab keine Lust auf eure Fressen!“
„Wie redest du denn mit mir?“
Ich fühlte mich hilflos, wenn ich sah, wie hilflos meine Mutter war. Mary hatte die Tür zu ihrem Zimmer verschlossen und sich abgekapselt. Minna stand in der Zimmertür, spähte durch den Spalt und heulte. Ich hatte mich bis in den Flur treiben lassen, an dessen Ende das Schlafzimmer meiner Eltern sich befand. Der Rollstuhl meiner Mutter rollte, nicht aus eigener Kraft, noch von ihrem Willen gelenkt, rückwärts aus dem Raum.
„Spinnst du?“, hörte ich mich schreien, da hatte ich schon einen Satz nach vorn gemacht. Stefans Versuch, uns beiden die Tür vor dem Gesicht zuzuhauen, misslang, weil ich die Hand ausstreckte und sie abfing. Eigentlich hat doch jeder ein Motiv, eine erste Ursache für sein Fehlverhalten, eine Erfahrung irdischen Leids, auf der seine Schuld fußt. Im Inneren eines jeden Täters liegt ein geschundenes Opfer in Fesseln. Was wir Verwerfliches tun, unsere Bestialitäten gegenüber unseren Mitmenschen, sind damit vielleicht zu erklären, aber nicht zu entschuldigen. Stefan hatte seine eigene Frau aus dem Schlafzimmer gestoßen. Er schreckte nicht vor einer Dreizehnjährigen zurück, die sich zwischen ihn und seine blinde Aggression stellte. Ich knallte gegen die Wand. Meine Rippen brannten, aber ich stob noch einmal vor. Ich wusste nicht, was ich im Schlafzimmer wollte, würde es mir gelingen, die Tür offenzuhalten. Hier ging es um etwas Symbolisches, um die Verteidigung meiner Mutter. Dieses war auch ihr Rückzugsort, und selbst wenn es gerade im Moment keinen schlechteren Platz für sie gegeben hätte als diese Hölle, aus der Marius Müller Westernhagen dröhnte, durfte er nicht darüber gebieten, ob sie Zutritt hatte oder nicht. „Es geht mir guuut“, brüllte Westernhagen, „Es geht mir guuut“, brüllte Stefan und machte sich nicht die Mühe, mich noch einmal zu schubsen. Er schloss ganz einfach die Tür und klemmte dabei meine Finger ein. Wer schon einmal versehentlich einer Katze auf den Schwanz getreten ist, kann sich vorstellen, welches Geräusch ich von mir gegeben habe, als ich meine Hand zurückzog. Er drehte den Schlüssel von innen.
„MICHAEL JACKSON GEHT MIT KLEINEN JUNGS INS BETT“, johlte er drinnen im falschen Fortissimo. „...S WASSER GEEEEHN!“
Meine Mutter ließ nicht mit sich reden. Sie weinte vor Wut, monologisierte schluchzend davon, sich das nicht mehr gefallen zu lassen und verließ die Wohnung. Sie ließ uns bis zum nächsten Tag allein.Am Montag traf ich mich mit Blanka im Parkhaus des Universitätscampus für Biologie, der auf halber Höhe zwischen unseren beiden Häusern lag.
„Warst du heute in der Schule?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Heute nicht.“
„Und du darfst trotzdem raus?“
„Meine Mutter ist nicht da. Die haben sich gestern gestritten. Sie ist zu Rosie.“ Rosie war die beste Freundin meiner Mutter, die einzige eigentlich, zu der sie regelmäßigen Kontakt pflegte, und gleichzeitig ihr Zufluchtsort.
„Hast du unentschuldigt gefehlt?“
„Das ist denen egal. Die fragen nicht nach in der Schule. Ich fehl öfter unentschuldigt, wenn meine Mutter sich weigert, mich zu befreien.“
„Dann hast du Nick noch nicht gesehen?“
Ich musterte Blanka. Sie hatte sanfte, graue Augen. Ihr Gesicht war wie das Werk eines Malers, der mit einem weichen Pinsel arbeitete. Wenn ich es ansah, kroch in mir von unten herauf manchmal Zerstörungswut. Jeder Mensch hat zumindest theoretisch eine diesbezügliche Lieblingsbeschäftigung: Sandburgen zertreten, Kartenhäuser umwerfen, in unberührten Schnee springen oder in die spiegelglatte Oberfläche eines frischen Nutellaglases mit dem Löffel bohren. Bei mir war es der Wunsch, Blankas filigrane Nase mit der Faust zu zerschlagen. Es war ihr Unwissen, ihr sorgloses Dasein und ihre Familienharmonie, die es ihr erlaubten, leichten Herzens über Angelegenheiten hinwegzugehen, von denen sie gar nicht wissen konnte, weil ich ihr nicht davon erzählte. Es war die Verachtung meiner selbst, die ich auf mir nicht ertragen konnte. Sie war die einzige, die mir schwächer vorkam als ich. Es ist unaussprechlich, wie avernalisch ich mich dafür gehasst habe, damals schon, ausgerechnet sie zum Symbol meines Grolls und Ekels zu machen. Sie war meine beste Freundin, ich liebte sie. Ich hasste sie. Aber eigentlich hasste ich mich. Manchmal hatte ich Mühe, zu erkennen, dass ich ihr nicht egal war. Und dann wiederum wünschte ich, ich wäre ihr weniger wichtig. Im Nachhinein betrachtet neidete ich ihr wahrscheinlich eine Menge Dinge, sogar ihre strengen Eltern, über deren altbackene Erziehungsmethoden ich einen großzügigen Vorrat an abfälligen Bemerkungen hatte. Am meisten aber ihr Talent, mit einem glücklichen Herzen im Leben zu stehen.
„Nick hat gestern Abend angerufen“, sagte ich und ertrug das aufgeregte Flimmern in Blankas Augen nicht, das drauf und dran war, mir für etwas zu gratulieren, das keine Gratulation verdient hatte. Mit grimmiger Freude schlug ich diese aufwallende Begeisterung nieder. Sie freute sich für mich, aber es war vollkommen unangemessen und es verschaffte mir Genugtuung, ihr Vergnügen mit schlechten Nachrichten zu torpedieren. Vielleicht war es nicht so befriedigend wie ein Schlag auf die Nase. Aber vertretbarer. „Er wollte meine Schwester sprechen. Um nach Vanessas Nummer zu fragen. Er hat natürlich nach Sharys Nummer gefragt.“
„Oh.“
Ich lächelte polemisch. Ich bin sicher, es sah hässlich aus. Mein Inneres stülpte sich in diesen Sekunden nach außen, ich sah nicht aus wie ein Lamm mit runden blauen Augen, ich war eine Grimasse. Das klingt sehr nach Niedertracht. Vielleicht fällt es schwer zu glauben, dass ich immer nur ein guter, liebender Mensch sein wollte. Dass es mein Herzenswunsch war, mich selbst so zu sehen. Dass ich mich als Pazifistin sah, auch wenn ich nicht sicher bin, ob ich das Wort damals schon gekannt habe, und dass ich manchmal das Gefühl hatte, meine Brust platze vor Mitgefühl. Manchmal aber verlor ich mich aus den Augen. Und während ich mich noch auf der Suche nach mir selbst befand, wand sich in mir ein Mr. Hyde. Er war nie lange da, ich konnte ihn jedes Mal schnell wieder einfangen und fesseln. Ich fürchtete ihn und er faszinierte mich. Ich wusste, dass er belastbarer und stärker war als ich. Ich gab ihm nicht die Mittel dazu, denn ich wusste, was dann passieren würde. Er würde mich fesseln und auf den Grund meines Seins werfen. Ich hatte das Gefühl, nicht stark sein zu können, ohne schlecht zu sein. Diese beiden Qualitäten waren für mich untrennnbar aneinander gekoppelt. Ich sah mich als gut und unwirksam oder als durchsetzungsfähig und garstig.
„Sei nicht sauer“, bat Blanka. Sie verstand mich.
„Bin ich nicht.“ Sie nahm mich bei der Hand, ich entzog sie ihr. „Ich bin nicht sauer. Wollen wir singen?“
Wir gingen in einen der Aufgänge, die vom ersten Parkhausdeck zum zweiten führten. Hier kam so gut wie nie jemand vorbei, aber die Akustik war gut, unsere Lieder hallten zweistimmig durch die kalte Steingarage. Manchmal kam ein Fußgänger, streckte den Kopf rein und applaudierte. Blanka freute sich über diese Vorfälle, ich mich auch, obwohl es mir zeitgleich peinlich war. Wir sangen oft zusammen, es war heilsam, ein Ausdruck von Dingen, die sich anders nicht formulieren ließen.
Danach fuhren wir mit dem Fahrrad in unsere Wohnsiedlung. Alles sah dort gleich aus, graue Klötze ragten aus Asphalt, Sozialwohnungen für Familien mit vielen Kindern, von denen nicht wenige früher oder später für länger oder kürzer ins Gefängnis wanderten. Autodiebstahl, Körperverletzung, Drogendelikte, sogar zwei Morde. Für den mittelgroßen Ort, in dem wir lebten, war das schon eine beachtliche Leistung. Zwei Türen weiter lebte ein Mann, der irgendwann gemeinsam mit seinem Sohn versuchte, eine Bank zu überfallen. Sie scheiterten an ihrer eigenen kriminellen Inkompetenz und landeten vor Gericht. Wer immerzu auf Einwanderer schimpft, hätte ein paar Jahre in meinem Viertel verbringen sollen. Er hätte gelernt, dass es auch genügend „Biodeutsche“ gibt, die sein Fahrrad klauen oder die ihm sein Geld abnehmen, wenn er in die falsche Ecke geht. Er hätte gelernt, dass die ethnische Herkunft nichts mit der Kriminalität eines Menschen zu tun hat. Sondern die Lebensumstände, in die man einen Menschen zwingt.
Gut zwanzig Meter vor dem Haus drehte mein Pedal plötzlich durch. Keine Ungewöhnlichkeit bei einem alten, nicht mehr ganz funktionstüchtigen Fahrrad, diesmal aber stürzte ich. Ich prellte mir das Schambein, was so schmerzhaft war, dass ich nicht aufstehen konnte. Ich hatte mir auch den Ellenbogen verdreht und das Gesicht aufgeschürft.
„Soll ich Hilfe holen?“, rief Blanka entsetzt.
„Ja“, keuchte ich. Sie rannte los und kehrte nach nur drei Minuten wieder zurück, allein.
„Dein Stiefvater hat aufgemacht“, erklärte sie. „Ich hab ihm gesagt, er soll deiner Mutter Bescheid sagen, du hattest einen Unfall.“
„Ist sie überhaupt schon wieder da?“ Ich kauerte, krumm vor Schmerz, auf der Straße und heulte.
„Er hat Ja gesagt und die Tür zugemacht. Die kommen gleich.“
Aber niemand kam. Ich brauchte eine halbe Stunde für das kurze Stück. Als ich die Tür aufschloss und Blanka mir in den Flur half, lief der Staubsauger aus der Küche und drüben aus dem Schlafzimmer, laut genug, um gegen das mechanische Dröhnen anzukommen, Marius Müller-Westernhagen.
Ich hatte Schmerzen und einen dunkelvioletten Fleck am Schambein, war aber nicht ernsthaft verletzt. Stefan hatte meiner Mutter nicht Bescheid gesagt. Sie ließ mich für den Rest der Woche zu Hause bleiben.
Montag morgen stieg ich wieder in den vollen Bus. Ich war schlecht gelaunt und ärgerte mich über Kleinigkeiten, wie darüber, dass die Gänge verstopft waren und kaum einer Platz hatte, mit beiden Füßen den Boden zu berühren, hinten aber jemand einen kompletten Sitz für seine Schultasche beanspruchte oder im letzten Eck sogar einer ganz frei war, weil an vorletzter Stelle jemand saß, der nicht durchrutschte. Melanie stieg im vorderen Eingang zu. Ich sah sie von der Mitte des Busses aus winken. Ich wollte nicht mit ihr reden. Wo warst du? Was war das mit Nick? Mir war klar, dass selbst eine Woche Absenz das allgemeine Interesse nicht hatte abkühlen lassen. Möglicherweise hatte ich den Vorfällen auf meiner Party durch meine anschließende Abwesenheit auch noch eine mystische Note angeheftet. Sobald der Bus stand und zischend seine Türen öffnete, strömte ich mit den Massen hinaus in einen verhangenen Morgen. Es gab einen großen Teich vor unserer Schule, von dem aus Nebel den Hügel hinauf über unsere Füße kroch. Die Luft vor unseren Gesichtern war milchig. Menschen überholten mich oder fielen hinter mir zurück.
„Alvy!“ Für drei Schritte beschleunigte ich instinktiv. Es war albern, weil Melanie bereits zu mir aufgeschlossen hatte, und ich gab es auf. „Wo warst du denn die ganze letzte Woche?“
„Ich hatte einen Unfall mit dem Rad.“
„Schlimm?“ Für diese aschfahle Uhrzeit war Melanie zu laut. Ihre Euphorie stach wie schiefe Geigenmusik in meinen Ohren.
„Nein. Ist schon wieder gut. Mich hats hingelegt.“
„Ich dachte schon, du kamst wegen Nick nicht in die Schule.“
„Kein Wunder, dass er meint, er könne sich alles erlauben, wenn ihr ihn alle für genauso wichtig haltet wie er sich selbst.“
„Du bist verletzt, oder?“
Ich blieb stehen. Nick war ein weltliches Problem. Er war eine Strapaze, die so profan war, dass mir schlecht wurde, wenn mein Umfeld seiner Neugier nachhing, mich über ihn auszuquetschen als gäbe es nichts auf Erden von wirklichem Belang. Ich litt unter monumentalen Dingen. Ganz andere Gewichte lagen auf meiner Seele. Empfindsamkeit und Sturm und Drang, ich hatte Weltschmerz. Aber nicht wegen Nick. Ehe Melanie eine Antwort von mir bekommen hatte, befanden wir uns schon auf dem Weg über den Pausenhof.
„Nick ist ein hübscher Junge“, sagte ich. „Ich bin im Zuge meiner Feier, der ausgelassenen Stimmung wegen, drauf reingefallen. Aber mit dem Abend war auch das zu Ende.“
Melanie glotzte. Ich wusste, dass ich wegen meiner gestelzten Redeweise sehr seltsam rüberkam. Mit Kinderbüchern hatte ich mich nie lange aufgehalten, sondern mich frühfertig in große Klassiker gestürzt. Das beeinflusste mein Denken, mein Fühlen, meine Interessen und auch meinen Ausdruck. Ich versuchte, so zu sprechen wie die bedeutsamen Leute in den bedeutsamen Büchern und manchmal schoss ich etwas übers Ziel hinaus. Wir trennten uns im Treppenhaus, denn ich musste in den ersten Stock.
„Ach, schaut mal, wer uns heute wieder beehrt.“
„Alvhildeeeee!“
„Alvhilde, willst du heute noch fischen gehen?“
Thomas riss an dem netzmaschig-geflochtenen Überwurf, den ich trug. Ich drängte mich, die Arme an mich gedrückt, denn ich kam mir selbst sperrig vor, in dem schmalen Gang immer weiter, der zu meinem Platz führte, vorbei an Nick, der mir zuwinkte. Ich wollte ihm nichts erwidern und hörte mich doch grüßen, bis der neue Junge mich ablenkte. Er saß an der hintersten Fensterbank, die bislang immer frei gewesen war. Ein Einzelplatz, der manchmal dazu benutzt wurde, laute oder streitende Paare auseinanderzusetzen. Seine Anwesenheit verwirrte mich. Er erwiderte meinen Blick, ich glaube er hatte mich schon lange vorher gesehen. In der ersten Sekunde kam er mir einfach nur fremdartig vor. Ein Neuling in einem bekannten Gefüge. Je länger ich ihn musterte, desto interessanter fand ich ihn aber. Er sah mich überhaupt nicht an. Er sah durch meinen Kopf. Mit seinen wässrig blassen Augen sah er einfach durch mich hindurch. Sein ovales Gesicht war dabei ganz gerade, die hohe Stirn blass und etwas bläulich, seine Lippen kaum geschwungen, sondern ebenfalls ganz gerade und farblos. Seine Züge waren so überaus sanft, dass ich daran zu zweifeln begann, ob er überhaupt in unserem Alter sein konnte. Er sah klein aus, außerdem war er dürr. Ich hätte ihn auf höchstens elf geschätzt, vielleicht jünger. Seine Bank stand versetzt, sogar noch etwas hinter meiner, sodass ich ihn nicht mehr sehen konnte, als ich Platz nahm. Mir fiel noch auf, dass seine Klamotten altmodisch waren. Der hochgeschlossene Kragen, aus dem sein dünner Hals ragte, das Hemd grob, streng geschnitten und an den Ärmeln etwas zu kurz, stimmte sein Aufzug mit dem Rest seines unüblichen Aussehens überein. Meine Klassenkameraden nahmen, wie zu erwarten, keine Notiz von ihm.
„Heute bekommst du meine Hausaufgaben nicht“, bestrafte mich Monika für mein Fehlen, ehe sie auf die Idee kam, Hallo zu sagen. Sie klang wie ein konsequenter Vater, hielt es dabei aber nicht für nötig, mich anzusehen. Weder antwortete ich ihr, noch beteiligte ich mich am Matheunterricht, den ich sowieso niemals hätte aufholen können. Ich schrieb stattdessen Geschichten, malte Comics, obwohl ich keine Begabung fürs Malen hatte, versuchte mich an einem Gedicht. Hin und wieder stellten sich mir die Nackenhärchen auf und ich wusste mich von hinten beobachtet. Beim Klingelzeichen der Pause packte ich meine Sachen und spurtete hinaus. Ich hatte vergessen, mir Essen von zu Hause mitzunehmen, und wollte beim Hausmeisterkiosk sein, bevor sich lange Schlangen bildeten. Ich kam zu spät. Als ich die fette Traube von Fünftklässlern sah, die sich um die Glasscheibe vor der Auslage drängten, änderte ich meine Meinung.
„Alvy!“ Es war wieder Melanie, die mich rief. Eines musste man ihr lassen: Ich kannte niemanden, der eine Zahnspange mit so viel Selbstbewusstsein trug wie sie. Sie kam mit einem fast rechteckigen Lächeln auf mich zu und redete etwas von Wolfgang Borchert, von Trümmerliteratur und davon, wie sehr ihr die Kriegsthematik zum Hals raushing. „Man nimmt jedes Jahr dasselbe durch!“
„Dann müsstest du dich ja eigentlich langsam auskennen.“
Sie verzog das Gesicht.
„Was hattest du gerade?“
„Mathe.“
Sie rollte mit den Augen.
„Wir haben einen neuen Jungen in der Klasse“, fuhr ich fort. Durch die verglaste Fronttür der Schule traten wir nebeneinander auf den Hof. Wenn wir uns zufällig über den Weg liefen, drehten wir meistens ein paar Runden. „Er sieht absolut komisch aus. Erstens kommt er mir vor wie ein Fünftklässler. Dann ist er angezogen, als trüge er die Nachkriegssachen seiner Eltern auf.“
„Wie heißt er?“
„Ich weiß es nicht. Ich hab ihn nicht gefragt. Frau Aschdorf hat ihn nicht vorgestellt.“
„Haha, die Arschdorf!“
„Ich schätze, er ist schon seit letzter Woche da.“
„Schau mal, Nick schaut zu dir rüber!“
Es ist seltsam, wie das Leben uns zerreißen kann. Wie wir uneins mit uns selbst sind, uns unserer Gefühle sicher sind, ohne dass unser Handeln sich daran hält, was unser Bewusstsein vorgibt. Wie unsere Taten unsere Gewissheiten hintergehen und uns als Narr vor uns selbst dastehen lassen. Ich hob sofort den Kopf. Unsere Blicke kreuzten sich wie zwei Schwerter, prallten aufeinander und verharrten einige Herzschläge.
„Hör auf mit Nick.“ Meine Bitte sprach ich ganz solide. „Die Angelegenheit ist peinlich genug ohne ständige Wiederholung.“
„Kannst du mir mit Deutsch helfen?“
„Trümmerliteratur?“
„Ich muss ein Referat über Peter Rühmkorf halten.“
„Den kenn ich selbst nicht.“
„Hilfst du mir trotzdem?“
„Klar.“
Ich blieb an diesem Tag also länger in der Schule. Wir begannen nach der sechsten Stunde damit, die Unterlagen auszuwerten, die Melanies Deutschlehrer ihr für ihr Referat übergeben hatte.
„Ich glaub wir haben doch keinen neuen Mitschüler“, erzählte ich ihr, während sie mit oranger Markerfarbe wichtige Eckdaten in Rühmkorfs Lebenslauf anstrich. „Er war nach der Pause nicht mehr da. Er war wahrscheinlich der kleine Bruder von irgendwem, der aus irgendeinem Grund mit dabei war. Wahrscheinlich Annas, die war in der dritten Stunde auch weg. Das erklärt auch, warum er so jung aussah.“
„Hätte Anna die Arschdorf nicht fragen müssen?“
„Hat sie wahrscheinlich vorher gemacht. Was machst du da? Warum streichst du Schleswig-Holstein an? Da geht es um seine Frau, das ist nicht wichtig.“
Es endete damit, dass ich die meiste Arbeit für Melanie machte und sie mir am Ende der Woche erzählte, dass sie eine eins dafür bekommen hatte. Der blasse Junge kam nicht mehr. Meine zweite Theorie musste gestimmt haben.
Ich hielt die gesamte Woche durch. Ich meine das ohne Ironie. Es kam, so schlecht es war, selten vor, dass ich fünf Tage hintereinander aufstand und in die Schule ging. Meistens verließ mich spätestens ab Mitte der Woche für einen Tag die Motivation, und wenn sie erst einmal weg war, kam sie bis zum Wochenende auch nicht wieder. Es war keine Faulheit, die mich und meine Schwestern von der Schule fernhielt. In uns war ein Widerstand, ein Teufelskreis, in dessen Sog wir schon zu tief drinsteckten. Wir hatten zu oft gefehlt und den Anschluss verloren – inhaltlich, vor allem aber in sozialer Hinsicht. In allen Fächern, in denen Kreativität oder Sprachgefühl einem half, hatte ich trotzdem gute Noten. Meine Schwestern waren schlechter, hatten dafür aber viele Freunde. Ich hingegen fühlte mich wie eine Aussätzige. Wenn ich nicht gerade im Chor oder in den Kreisen der Schulband unterwegs war, wurde ich nirgends gewollt, fand ich nicht einmal unter den Schulversagern einen Platz. Meistens lief ich allein über den Pausenhof, blieb hier und da kurz stehen, bis in mir der Eindruck der Unzugehörigkeit zu übermächtig wurde und ich mich weiterzwang.
Jeder Mensch entwickelt seine eigene Methodik, mit der Einsamkeit umzugehen, besonders wenn sie chronisch ist. Es mag vielleicht Menschen geben, die sich noch niemals einsam gefühlt haben. Dann gibt es ein paar mehr, denen es nur selten so geht. Andere wissen, dass ihr Leben ein einsamer Ort ist. Ich hangelte mich nicht an diesem Extrem entlang, im Rückspiegel meiner Jugend und Kindheit aber fuhr ich, verglichen mit den Wegen, die andere eingeschlagen hatten, durch eine ziemliche Ödnis.
Wir versuchen es mit Anpassung, mit Imitation. Wie Attrappen derer, die gerade in gesellschaftlicher Gunst stehen, kopieren wir ihre Verhaltensweisen, ihren Geschmack, wo es uns gelingt, ihr Aussehen. Aber so makellos unsere Mimikry auch sein mag, wir sind jämmerlich in der Wurzel unseres Anliegens und bleiben es. Die Kopie eines Bildes ist nicht das Original, nicht einmal das Original ist das Original, ceci n’est pas une pipe, wir leben nur unsere eigene selektive Wahrnehmung nach, reproduzieren eine Reproduktion. Ja, wie erbärmlich sind wir eigentlich? Wir entfernen uns von uns selbst, um einen Anspruch zu erfüllen, der nicht der unsere ist, auch nicht der der anderen. Es ist der Anspruch, den wir für den der anderen halten. Dabei vergessen wir die eine geheime Zutat, jenes ominöse Gewürz, das sich nicht plagiieren lässt, weil es nicht von innen heraus kommt, sondern von außen her zugegeben wird. Aber, und das ist wieder das Komplizierte daran, nur dann, wenn das Süpplein, das wir kochen, verlockend genug riecht, bekommt es jene Prise dessen, worum es eigentlich geht: Beliebtheit. Ein Aroma, das mich nicht umfangen hat. Ich war immer schon befremdlich für andere, je mehr, umso energischer ich mich bemüht hatte, einer Norm zu entsprechen. Das Süpplein, das ich gekocht habe, hat seltsam geschmeckt für die anderen, und sie haben sich daran verbrannt, nicht, weil sie es probiert haben, sondern weil es über ihren schmalen Tellerrand hinausgeschwappt ist. Deshalb konnte ich eigentlich sagen, was ich wollte, es war nicht lustig. Es kam aber mehr als einmal vor, dass Klassenkameraden, die den Geschmack der Masse eher erfüllten, einen Spruch, den ich leise für mich gemacht hatte, aufschnappten, laut wiederholten und dann Gelächter dafür ernteten. Hätte ich den Spruch gebracht, niemand hätte gelacht. So verhält es sich mit der Beliebtheit. Sie ist auf unsinnige Weise mit dem Humor verflochten.
Ich schlug mich durch das Schuljahr. Meine Fehlzeiten waren dabei so unbegreiflich wie mein Notendurchschnitt. In Sport, Musik und Englisch sehr gut, in Deutsch und Geschichte gut. Dafür in Hauswirtschaft und Mathe sehr schlecht, aber das durften die Lehrerinnen nicht schreiben, darum stand auf dem Zeugnis mangelhaft und ungenügend. Ich war auch in Physik ziemlich schlecht, in Biologie dafür in Ordnung. Mein Notendurchschnitt war trotz der paar Schandflecken im Zweierbereich. Die Lehrer waren sich nicht schlüssig, ob ich talentiert oder dumm war, genehmigten einen Notenausgleich und sicherten mein Vorrücken in die nächste Jahrgangsstufe.
Ich nahm mir vor, in diesem frischen Schuljahr einiges anders zu machen. Ich wollte in die Schule gehen, selbstbewusst, unabhängig, aber vor allem: präsent. Wie zu Neujahr hielten die guten Vorsätze ungefähr eine Woche lang. Sie prallten, wie zu schnell um die Kurve rasende Autos, gegen die Realität und zerschellten. Professor Peter Kruse hat einmal in Anlehnung an das Ashbysche Gesetz gesagt: Wo immer wir ein hochdynamisches komplexes Problemsystem haben, brauchen wir Minimum ein so komplexes dynamisches Lösungssystem. Das heißt, wenn wir keine gegengleiche Komplexität haben, sind wir nicht lösungsfähig. Was meine Mitschüler und mich betraf: Wir waren nicht lösungsfähig. Ashby bezieht sich eigentlich auf Kybernetik, Professor Kruse überträgt die Regel auf einen Vortrag über Kreativität. Ich aber spreche von Sozialisation. Ich spreche von den Möglichkeiten unseres uneingeschränkten Denkens und den Unmöglichkeiten des eingeschränkten Denkens. Das Ineinander dessen, was unsere Denkart und unsere Standpunkte bestimmt.
Ich zerdachte alles. Andere dagegen nahmen Verhaltens- und Denkmuster so an, wie sie ihnen übergeben wurden. Von ihren Eltern, ihren Freunden. Sie blieben in ihrer Mentalität verschleißfest. Was unser Komplexitätsniveau betraf, waren wir nicht deckungsgleich. Ich vermute mittlerweile, dass einige Menschen aus meiner Vergangenheit vielseitiger und schlauer waren, als sie mir damals vorkamen, aber sie neben mir, das kam mir damals vor, als vergleiche jemand ein Uhrwerk mit einem Stein. Es gibt eben mehr Steine als Uhren auf der Welt. Ich möchte niemanden beleidigen. Vor allem nicht die Steine. Aber ich hatte unter den Steinen zu leiden. Sie schlugen immer wieder auf mich ein, und hätte ich kein festes Gehäuse besessen, ich wäre daran zerbrochen. Ich würde lügen, würde ich sagen, ohne einen Sprung davongekommen zu sein.
„Warum bist du eigentlich so komisch?“, fragte mich Thomas einmal, als ihm in der Pause langweilig war und es ihm einfiel, mit mir zu sprechen. Ich kam ihm nur deswegen komisch vor, weil ich nicht dieser starren Norm entsprach, über die er nicht hinwegkam, weil er zu schwer von Begriff war. Ich war komisch, weil ich verloren und orientierungslos in der Selbstfindungsphase und voller Unsicherheit war, die ich mir nicht anmerken lassen wollte, aber auch nicht verheimlichen konnte. Ich war komisch, weil ich keinen festen Halt im Leben besaß. Und ich war verloren, weil ich das alles wusste. Vor allem war ich komisch, weil ich mich nicht, wie er und die anderen, mit den täglichen Belanglosigkeiten des Lebens zufriedengeben konnte. Weil ich immer Sucht nach der Ferne und dem unirdischen Vorhandensein hatte. Ich konnte vielleicht nicht schreiben wie Goethe, aber ich konnte fühlen, was er schrieb. Aber auch Goethe war mir zu diesseitig. Zu weltgebunden. Ich habe ständig etwas an meiner Seele ziehen gefühlt, was ich weder sehen noch benennen konnte. Diese verborgene Energie, die mich mit dem Unergründlichen verband. Ich wandelte am Abgrund zwischen dem Hier und dem Fort, dem Schlund, dessen Anziehungskraft aus der unbekannten Tiefe zu mir hinauf wirkte.
Ich nenne es das Gefühl der sonderbaren Anziehung
