Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Können auffällig geformte Ohren plötzlich ein Leben verändern? Ja, ganze Familienkonstellationen können so durcheinandergeraten. Da gibt es plötzlich zwei Väter: einer Künstler, der bis zum bitteren Ende Adolf Hitler und der Legende vom unschuldigen Vaterland nachhängt. Der andere ein Diplomat, der das verbrecherische Regime bekämpft und seinen Widerstand mit dem Leben bezahlen muss. Da keiner der beiden Väter als Kompass dienen kann, ist es die Mutter, die zur Heldin wird, stellvertretend für eine ganze Generation von tapferen Frauen im schrecklichen 20. Jahrhundert. Mit den Stimmen der Vergangenheit im Ohr beginnt der Autor in diesem Lebensroman, die Zugehörigkeit zu seiner eigenen Familie zu reflektieren und entwirrt ein Rätsel, das allein für ihn ein Geheimnis war. Ein autofiktionaler Roman, der eine ganze Geschichte des Irrsinns von Ideologie und Lüge, von Vernichtung, Krieg, Erpressung und Neuanfang im 20. Jahrhundert erzählt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Stefan Schulz-Dornburg | Das Ohr der Väter
Stefan Schulz-Dornburg
DAS OHR DER VÄTER
Originalausgabe Oktober 2019
© 2019 Buch&media GmbH
Umschlaggestaltung: Johanna Conrad
Layout und Satz: Franziska Gumpp
Gesetzt aus der Garamond Pro und der Ottomat
ISBN print 978-3-96233-197-9
ISBN epub 978-3-96233-198-6
ISBN PDF 978-3-96233-204-4
Printed in Europe
Allitera Verlag
Merianstraße 24 • 80637 München
Telefon 089 19 92 90 46 • Fax 089 13 92 90 65
Weitere Publikationen aus unserem Programm finden Sie auf www.allitera.de
Kontakt und Bestellungen unter [email protected]
Ich widme dieses Buch meiner Mutter.
INHALT
DAS URTEIL
PROLOG
FAMILIE
ELTERN
MICHAEL
HEIM INS REICH
ENDE EINER FAMILIE
AUSFLUG INS PARADIES
DIE MUTTER
NEUBEUERN
ABSCHIED VOM VATER
EIN JUNGER DEUTSCHER
NEIGUNGEN
BESUCH IN DER SCHWEIZ
STUDENTENLEBEN
FAMILIEN
ENTHÜLLUNG
DIE LIEBEN VERWANDTEN
BEGEGNUNG
RÄTSEL
BERUFE
ABSCHIED
VÄTER
DAS ERBE
AMERIKA
MÜNCHEN
ABSCHLUSS
NACHKLANG
QUELLEN - LITERATURVERZEICHNIS
DAS URTEIL
Im Jahre 2002, ich hatte bereits das Pensionsalter erreicht, erschien ein aufsehenerregendes Buch von Carl Zuckmayer, dem bedeutenden Dramatiker, der durch die Machtergreifung Hitlers in die Emigration getrieben wurde. In diesem »Geheimreport« titulierten Buch befindet Zuckmayer 1943 im Auftrag des CIA über die in Deutschland gebliebenen künstlerischen Eliten von Furtwängler bis Gründgens. Der Dramatiker war eng mit der Welt des Theaters, der Literatur und Musik verwoben und hatte seine Erkenntnisse gewiss noch durch die Kontakte mit anderen Emigranten erweitert. Sein Verdikt über die Kulturschaffenden im »Dritten Reich« zeichnet sich durch ein überraschendes Maß an Toleranz und Verständnis aus. Ganz anders sein Urteil über meinen Vater, Rudolf Schulz-Dornburg: Es ist so harsch, ja hämisch, und ich empfand es als so unsachlich und ungerecht, dass ich ein halbes Jahrhundert nach dem Tod meines Vaters beschloss, der Sache noch einmal auf den Grund zu gehen.
Der Dramatiker klassifizierte die in Deutschland gebliebenen »Kulturträger« in mehrere Gruppen entsprechend ihres Verhaltens in der NS-Zeit. Unter der Rubrik »Indifferente, Undurchsichtige, Verschwommene, Fragliche« findet sich auch Rudolf Schulz-Dornburg, versehentlich unter dem Vornamen Friedrich1. Mein Vater wird hier von Zuckmayer aus der Ferne charakterisiert, und zwar in ziemlich schonungsloser, scharfer Weise, die eigentlich eher untypisch für den alten Dramatiker ist. Rudolf Schulz-Dornburg und sein Bruder Hanns befinden sich hier in der nicht sonderlich ehrenwerten Gesellschaft der Dichter Paul Alverdes, Ina Seidl, des Intendanten Heinz Tietjen und des Dirigenten Clemens Krauss.2 Zuckmayer geht recht detailliert auf die Brüder ein, auch wenn es bei den Fakten ein wenig holprig zugeht: »Friedrich [das ist Rudolf Schulz-Dornburg] ist ein sehr begabter Dirigent, machte sich seinen Namen in der Zeit der Republik als Vorkämpfer moderner radikaler Kunstgesinnung, hatte sektiererhafte Züge, trat fanatisch für die Erneuerung der Oper im Sinne chorischen Gemeinschaftserlebnisses und strenger Stilisierung ein. [...] Er dirigierte Arbeiterchöre im Ruhrgebiet trank und rauchte nicht, trug eine hochgeschlossene Joppe oder Art ›Russenbluse‹ statt des Fracks und neigte zum Kommunismus.«
Bevor Zuckmayer meinen Vater zu einem SS-Uniform-tragenden Wendehals ernennt, charakterisiert er ihn: »[...] dessen Haltung hat etwas Engstirniges, fanatisch Vernageltes, verbunden mit einem starken Macht- und Geltungsgelüst.« Dann geht es weiter: »Eine Gestalt wie Rudolf Schulz-Dornburg ist schon bedenklicher [als sein Bruder] und recht unangenehm. Grazie und Eleganz eines Rastaquouères à la Gründgens fehlt hier vollständig. Gott bewahre uns vor den Humorlosen!!!«3 Carl Zuckmayer muss offensichtlich eine starke Abneigung gegen den Musiker gehabt haben, deren Ursache noch gefunden werden muss. Gewiss überkritisch, ja geradezu parodierend dann seine Schilderung von der Nazikarriere des Vaters: »[...] sofort nach der Machtergreifung durch die Nazis tauchte er als Dirigent des ersten von Göring subventionierten Luftfahrtorchesters auf, die Russenbluse mit militärischen Orden geschmückt, und in sehr kurzer Zeit verwandelte sich die Arbeiterjoppe völlig in eine schöne schwarze SS-Uniform mit allerlei Führerabzeichen und hübschen Hakenkreuzchen. [.] Er hatte eine große Stellung in der Reichsmusikkammer usw.«
Dieses Porträt verstörte mich tief und ich versuchte den Fakten und Behauptungen auf den Grund zu gehen. Dass es auch ein ganz anderes Bild von meinem Vater gibt, weiß ich von Zeitzeugen und Freunden, die nicht in Verdacht standen, mit dem Regime zu sympathisieren.
PROLOG
Warum warte ich ein halbes Leben, um herauszufinden wessen Geistes Kind mein Vater gewesen, ein Mann, der starb, als ich zwölf Jahre alt war? Er hatte meine Mutter und mich bereits kurz nach dem Ende des Krieges verlassen, um mit einer anderen Frau zu leben. Ich teilte das Schicksal mit Millionen anderer Kinder, deren Väter nicht aus dem Kriege heimgekehrt waren, und lebte fortan viele Jahre allein mit meiner Mutter.
Soll ich über mein Leben ein ganzes Buch schreiben, über das Leben eines Mannes, der in die Nazizeit hineingeboren war, nach dem Krieg aber am wundersamen Aufstieg eines Teils von Deutschland teilnahm und eben das Glück hatte, über lange Jahre in einer guten und prosperierenden Periode zu leben.
Allerdings gab es einige völlig überraschende Szenenwechsel in meinem Leben, die mir gleichsam über Nacht den Boden unter den Füßen wegzogen. Es war wie in einem Theaterstück, in dem der Protagonist zu Beginn des zweiten Aktes feststellen muss, dass der erste Akt plötzlich völlig umgeschrieben war und der verdutzte Schauspieler nun seine Rolle ganz anders spielen muss.
Auch ich musste mich in dieser Weise ganz neu verorten. Meinem Naturell entsprechend, habe ich größere Herausforderungen und Probleme erst einmal verdrängt wie eine unliebsame Störung, die man zur späteren Wiedervorlage erst einmal speichert. Nur langsam befasste ich mich damit und versuchte, meine Schlüsse zu ziehen und herauszufinden, wer ich nun eigentlich war und warum ich wurde, der ich bin. Was war meine Familie und wohin gehörte ich? Schon früh gab es keine Familie mehr, die mir als Kompass hätte dienen können, keinen Vater, dessen Ohr ich gehabt hätte, keinen Bruder, nur die enge und liebevolle Zweisamkeit mit der Mutter. Deshalb entwickelte ich das Bedürfnis, mich durch eine Zugehörigkeit zu definieren. Zugehörigkeit aber zu wem? Hier begleiteten meinen Werdegang mancherlei Rätsel und Überraschungen. Nutzt man noch einmal die Metapher vom Theater, gilt es in diesem Buch von Geschehnissen, Verwicklungen, ja Abgründen und Abenteuern zu erzählen, die der geeignete Stoff für einen Kolportageroman, eine dramatische Soap oder ein knalliges Theaterstück liefern könnten.
Wie verlässlich meine hier geschilderten Beobachtungen und Erfahrungen sind, will ich gewiss nicht infrage stellen. Allerdings gilt wohl auch hier der hellsichtige Satz von Vladimir Nabokov: »Ich war mir nicht sicher, ob mir eine Erinnerung selbst gehört, oder ob ich sie aus zweiter Hand habe.« Julian Barnes sagt: »History is that certainty produced at the point where the imperfections of memory meet the inadequacies of documentation.«
FAMILIE
A ls ich im Frühjahr 1937 in Berlin geboren wurde, erlebte das sogenannte Dritte Reich seine Hochphase. Die Olympiade in Berlin hatte dem Naziregime Prestige und Weihen verliehen, die Reichstagswahl von 1936 hatte, ungeachtet der massiven Wahlmanipulation, gezeigt, dass Hitler bei der Bevölkerung auf breite Zustimmung stieß. In diesen Jahren scheinbarer Blüte waren die Einführung der Zwangsmitgliedschaft in der Hitlerjugend oder die Ausstellung »Entartete Kunst« in München Zeichen, die nur für eine Minderheit Böses verhießen.
Ich wurde in eine Künstlerfamilie geboren. Der Vater, in der Weimarer Zeit ein bedeutender Avantgardedirigent und Pionier des modernen Musiktheaters, hatte es, anders als seine alten Mitstreiter, vorgezogen, nach der Machtergreifung in Deutschland zu bleiben. Er glaubte wohl, für seine Visionen im Bereich Musik hier mehr Raum zu finden. Vielleicht schienen ihm auch die Karrierechancen größer als in der Fremde. Rudolf Schulz-Dornburg, Jahrgang 1889, stammte aus einer Kölner Musikerfamilie: der Vater erst Opernsänger, dann Direktor der Musikhochschule, die Schwestern Else und Marie, genannt Mieze, waren Opernsängerinnen, der Bruder Hanns Regisseur.
Rudolf Schulz-Dornburg war durch und durch deutsch. Die Zeit als Kampfflieger im Ersten Weltkrieg und der Niedergang Deutschlands in den darauffolgenden Jahren hatten ihn geprägt: ein hochgewachsener blonder Mann mit edlen Zügen, die seinen charismatischen Zauber spüren ließen. Die ein wenig engen, tief liegenden, dunkelblauen Augen mochten auf eine bornierte Härte, ja Fanatismus, hinweisen. Nicht untypisch für einen faszinierenden Musiker und Theaterzampano war der Reigen nicht enden wollender Liebschaften und Affären von »Schudo«, die meine Mutter jedoch mit Gelassenheit zu ertragen schien.
Rudolf Schulz-Dornburg, um 1923
ELTERN
Meine Mutter wurde als Ellen Maria Hamacher am 21. Januar 1898 in Berlin geboren. Der Vater: ein angesehener Landschaftsmaler mit dem Schwerpunkt Seestücke, kein Avantgardekünstler, aber mit hohem Ansehen beim konservativen Publikum und sehr gut vertreten in den Museen. Mein Großvater hatte das Privileg, den unruhigen Kaiser auf seinen Schiffsreisen begleiten zu dürfen.
Willy Hamacher, Schlesier und Alt-Katholik, muss den Schilderungen meiner Mutter zufolge ein hinreißender, fröhlicher und warmherziger Vater gewesen sein, den mit der munteren Tochter Ellen wohl mehr verband als mit dem älteren, düsteren Sohn Helmut, der mehr der eher melancholisch unfrohen Mutter Johanna, meiner Großmutter, glich. Das Unglück wollte es, dass der viel geliebte Vater meiner Mutter »lungenleidend« war, wie man es damals nannte. In den letzten Jahren vor seinem frühen Tod 1909 war die Familie gezwungen, mit dem Vater den Sommer über in Schweden und den Frühling in Rapallo zu leben. Ich kann mich keiner Schilderung meiner Mutter über diese schwere Zeit entsinnen. Für die elfjährige Ellen muss der frühe Tod des Vaters, der nur 44 Jahre alt wurde, eine traumatische Erfahrung gewesen sein.
Meine Großmutter Johanna, geboren im Jahr der Reichsgründung, eine sehr wilhelminische Dame, war mit 38 Jahren Witwe geworden. Sie würde meine Mutter über alle Stationen ihres Lebens noch 40 Jahre lang begleiten.
Nach dem frühen Tod ihres Mannes zog meine Großmutter mit den Kindern Helmut und Ellen in das eine neue Blütezeit erlebende Weimar. Damals herrschte hier der kunstsinnige Großherzog Wilhelm Ernst, der Harry Graf Kessler und den großen belgischen Architekten Henry van der Velde nach Weimar brachte. Doch der Tod des Sohnes Helmut 1916 auf den französischen Schlachtfeldern war wie ein grausiges Menetekel von den Schrecken des Zweiten Weltkriegss. Tochter Ellen versagte sich dem Wunsch der Mutter, die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, und wurde Schülerin des großen Mimen Eduard von Winterstein.
Johanna und Ellen Hamacher
Gewisse Parallelen zu meinem Leben könnte man erkennen. Aus einer vierköpfigen Familie war ein Duo von Mutter und Tochter geworden. Ähnliches widerfuhr mir, der ich nach Kriegsende 20 Jahre allein mit meiner Mutter lebte. Es fällt mir schwer, die junge Ellen Hamacher zu charakterisieren. Der Humor, die Heiterkeit und wohl auch eine gewisse Abenteuerlust haben die auffallend schöne junge Frau wohl ausgezeichnet.
Meine Mutter hatte sich emanzipiert. Sie wollte nicht Lehrerin werden. Sie wollte auf die Bühne. Das gelang ihr — so mühsam und kärglich das Leben einer jungen Schauspielerin auch gewesen sein muss. Dass Sie sie es schaffte, Eduard von Winterstein, den großen Mimen, als Lehrer zu gewinnen, war wohl ein Glücksfall. Winterstein war einer der prägenden Schauspieler bei Otto Brahm und Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin gewesen.
Besetzung: »Ein idealer Gatte«
Meine Mutter tingelte dann durch die, an Theatern reiche, Sächsisch-Thüringische Provinz. 1920 spielte sie neben dem ebenfalls blutjungen Gustav Gründgens in Halberstadt: wohl für beide der eigentliche Beginn einer Schauspielkarriere. Meine Mutter, die viel Spaß mit dem frechen Düsseldorfer hatte, spielte unter dem Namen Ellen Maria Hamacher die Lucille in »Dantons Tod« von Büchner und die Lady Chiltern in Oscar Wildes »Ein Idealer Gatte«. Weiter ging es durch die Theaterprovinz: Gera 1923, Weimar 1924, schließlich Münster, wo sie den feurigen Musiker Rudolf Schulz-Dornburg kennenlernte. Sie spielte das jugendliche Fach, wie man das damals nannte, von der Jungfrau von Orleans bis zu Lady Milford, von Maria Stuart, von der Thekla bis zur Solveig in Peer Gynt. Um eine, meist für ein Jahr befristete, Anstellung zu bekommen, gastierten die Schauspieler mit einer Rolle »auf Engagement«. Im heutigen deutschen Stadttheater wäre das undenkbar. Das ähnelte ein wenig den Usancen im Opernbetrieb, wo das Einspringen für einen Sänger heute noch üblich ist. Bis in das frühe 20. Jahrhundert war es auch noch Sitte, dass Starschauspieler, wie Alexander Moissi, Josef Kainz oder eben auch Eduard von Winterstein, als Gast mit eigenem Kostüm für ein oder zwei Abende, den Hamlet, den König Lear oder Richard III. »gaben«. Winterstein hat darüber ein sehr amüsantes Buch (»Mein Leben und meine Zeit«) geschrieben. Das heute noch herrschende deutsche »Regietheater« in all seiner Pracht und Schrecklichkeit gab es noch nicht. Die letzten zwei Jahre ihrer Theaterkarriere spielte meine Mutter an dem damals avantgardistischen Düsseldorfer Schauspielhaus, das Louise Dumont und Gustav Lindemann 1906 geschaffen hatten.
In diesen Jahren hatte die junge Schauspielerin eine Reihe von Beziehungen zu Männern, über die sie ungern sprach, sodass es detektivischer Kleinarbeit bedurft hätte, um diese als Liebhaber zu identifizieren.
Beim Forschen nach dem Leben meiner Mutter, die vor über 40 Jahren starb, geht es auch um etwas anderes. Ich möchte erfahren, wie glücklich sie sein konnte, wie die vielleicht leichteren Jahre ihres Lebens aussahen. Außerdem will man als Vater gerne Wesen und Charakterzüge in den eigenen Kindern und Enkelkindern wiederfinden.
Ellen Hamacher als Gretchen in »Faust«
Soweit heute noch erkennbar, waren die Männer damals in ihren jungen Jahren, also den Zwanzigern, alle starke und interessante, keineswegs einfache Männerpersönlichkeiten verschiedenster Couleur. Ein Jugendfreund, der meine Mutter bis ins hohe Alter begleiten sollte, war der bayerische Adelige Karlfried Graf Dürckheim, der in seinem wechselvollen Leben vom Diplomaten im »Dritten Reich« nach dem Krieg zu einem bedeutenden Zen-Gelehrten wurde.
Den jungen Diplomaten Albrecht Graf Bernstorff hatte meine Mutter 1921 auf dem »Weißen Hirsch« in Dresden kennengelernt.
Der preußische Adelige machte Karriere, war bis 1933 in der deutschen Botschaft in London tätig bis man den überzeugten Antinazi aus dem Amt jagte. Die enge Freundschaft mit meiner Mutter überdauerte alle Gefährdungen und Brüche in den Jahren des »Dritten Reichs«, obwohl er, anders als meine Eltern, das Regime zutiefst verabscheute. Albrecht Bernstorff besaß unweit von Berlin im Mecklenburgischen ein idyllisches auf einer Insel liegendes Landgut, wo ich mit der Mutter oft zu Besuch war. Für mich firmierte dieser Mann fortan als »Onkel Albrecht«. Er war ein großer schwergewichtiger Mann: Das schwindende Haar gab einer hohen Stirn Raum, blaue Augen, ein eher weiches Kinn und zwei etwas untypisch geformte große Ohren. Stets britisch-leger gewandet, ein preußischer Adeliger der kosmopolitischen Art, aber kein gemütlicher Landonkel, auf dessen Schoß sich kleine Jungs wohlfühlten.
Ihren Tagebüchern entnahm ich, dass sie mit Albrecht Bernstorff regelmäßig korrespondierte, auch in Zeiten als sie sich in einen neuen Mann verliebte, wie den Dirigenten Rudolf Schulz-Dornburg in der Mitte der 192oer-Jahre. Meine Mutter war immer eine eifrige Briefschreiberin geblieben – ein Erbe, das ich leider über die Jahre vernachlässigen sollte.
Eine wohl sehr faszinierende und leidenschaftliche Beziehung hatte Ellen Hamacher in den frühen 1920er-Jahren mit Walter Feilchenfeldt, der in jenen Jahren die sagenumwobene Kunst- und Verlagsbuchhandlung von Paul Cassirer übernahm. Viele Jahre später besuchte ich im Zuge meiner »archäologischen« Erkundungen der Familie die Witwe des Kunsthändlers in Zürich: Marianne Feilchenfeldt, eine imponierende alte Dame, einst die 22 bedeutende Fotografin Marianne Breslauer. Nach den freundlichen Präliminarien und ein wenig Small Talk griff sie nach einem alten Fotoalbum, zog ein paar Seiten heraus und überreichte sie mir lächelnd mit der Bemerkung: »Schaun Sie mal, mein Lieber. Das hier ist Ihre Mutter. Sie war eine große Liebe meines Mannes in den 192oer-Jahren. Ich habe Walter erst später in der Emigration kennengelernt.« Ja, das war sie, meine Mutter: sehr hübsch und jung und heiter in St. Moritz und anderen schönen Plätzen. »Gut, dass Sie noch zu mir gekommen sind, Stefan«, verabschiedete mich die alte Dame, »bevor es zu spät ist!«
Feilchenfeldt – auch er damals noch ein junger Mann – musste als Jude Deutschland 1933 verlassen. Wen wundert es, dass auch er ein Freund oder guter Bekannter von Albrecht Bernstorff war. Nicht überraschend also, dass meine Eltern durch Vermittlung von Bernstorff schließlich Feilchenfeldts »Belle-Époque«-Wohnung am Kurfürstendamm 102 übernahmen – der Platz, an dem ich dann meine ersten Lebensjahre verbrachte.
In den trüben Nachkriegszeiten zauberte meine Mutter immer wieder neue Onkels und Patenonkels aus dem Hut: alles beeindruckende Figuren, ob sie nun Schauspieler, Fabrikanten, jüdische Kunsthändler oder verarmte bayerische Adelige waren.
Ein tragendes Element in unserem Haushalt am Kurfürstendamm war die Großmutter mütterlicherseits: Johanna Hamacher, eine sehr wilhelminische Dame. Geboren im Jahr der Reichsgründung wurde sie mit 38 Jahren Witwe. Ihr kleines Vermögen war im großen Topf der Kriegsanleihen verkocht. Den Rest hatte dann die Inflation besorgt. Einen Beruf hatte die höhere Tochter aus Berlin nie erlernt. Ihre Strickkünste konzentrierten sich auf allseits gefürchtete Pullover, welche die Struktur von Panzerhemden aufwiesen. Die Beziehungen zu ihrem Schwiegersohn, dem Dirigenten, waren ebenso heikel, wie zu den diversen Kinderfrauen. Mit mir, dem jüngeren Enkel, verstand sich die Großmutter allerdings vorzüglich.
Mein erster richtiger Freund in Berlin hieß »Karlhinze«, der Sohn des Hausmeisters, den ich wegen seiner pfiffigen Geschicklichkeit zutiefst bewunderte. Die standesbewusste Omi allerdings hielt den Umgang mit so schlichten Menschen aus anderem »Stande« für wenig nützlich, wenn nicht gar schädlich. Mit dem »Stand« war es allerdings bei meiner Familie nicht soweit her. Die Schulz-Dornburgs waren seit Generationen eine Musikerfamilie, meine Mutter, die Schauspielerin, wie schon ihr malender Vater den Musen und schönen Künsten verpflichtet. Die Omi war also, bei Lichte besehen, das einzig wirklich bürgerliche Element, denn sie stammte aus einer deutsch-russischen Kaufmannsfamilie.
In den frühen 1940er-Jahren, als sich der Krieg Berlin näherte, schreckten die sich ständig verstärkenden Luftangriffe die Bevölkerung. Ein nächtlicher Bombenangriff war aber für uns Kinder zunächst einmal ein Abenteuer. Fliegeralarm und Bombenkrater, dumpfe Detonationen, die Feuerwehr erschreckten uns nicht. Der Krieg war noch zu abstrakt. Der Tod hatte sein Gesicht noch nicht gezeigt. So penetrant bösartig auch die Sirenen beim Fliegeralarm heulten, so hektisch und panisch die Erwachsenen auch agierten, für mich war der Gang in den Keller an der Hand der eher stoischen Großmutter auch ein Abenteuer. Dort unten, wo sich vor allem Frauen und Kinder versammelten, öffnete die alte Dame den dicken, grünen Band mit Grimms Märchen und las ruhig mit heiserer Stimme das Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen. Die Bombeneinschläge gaben die richtige Klangkulisse. Wenn es das Glück wollte, zogen wir beide dann am Tag nach dem Bombenangriff in den Grunewald auf Schatzsuche. Brandgeruch umwaberte die kokelnden Villen: ein bedrohliches Parfum, das ich nie vergessen werde. Mit etwas Glück fand man die verheißungsvoll glänzenden Mäntel der Bomben, aus denen sich der brennende Phosphor über die Stadt ergossen hatte: Kupferhülsen in der Form eines Hexagons, die in der Mangelwirtschaft der Kriegsjahre gesuchte Wertobjekte geworden waren.
Ich war sechs Jahre alt, als die Familie im Sommer 1943 von Berlin 24 nach Bad Ischl im Salzkammergut zog. Man nannte es Evakuierung. Wir Buben haben nie erfahren, warum man ausgerechnet ins Österreichische zog. Wir waren eine typische Evakuiertenfamilie, denn sie bestand nur aus Frauen und Kindern. Die Mutter, der acht Jahre ältere Bruder Michael, ich und das geliebte Hausfaktotum, die Hedel aus Breslau. Man fand Platz im ersten Stock eines holzverkleideten Hauses in der Eglmoosgasse 14. Das Haus hatte bis zur Einquartierung der Berliner Familie vornehmlich der Unterkunft von Kurgästen gedient, was die Hausbesitzerin, Frau Stadler, gerne mit leichtem Groll in der Stimme erwähnte. Frau Stadler war zwar eine glühende Anhängerin des Führers, empfand jedoch den Einzug der Familie aus dem Piefkeland keineswegs als vaterländische Pflicht, sondern als Zumutung. Ihre Zuneigung gehörte einem zerrupften, weißen Spitz, mit dessen Hilfe sie Haus und Hof unter Kontrolle hielt, während der Gatte, der schon vor dem Anschluss Österreichs 1938 seine Hingabe für das Großdeutsche Reich unter Beweis gestellt hatte, weitgehend unsichtbar blieb.
Es stellte sich bald ein latenter Kriegszustand zwischen Frau Stadler und den neuen Mietern ein: für die Mutter eine ungemein nervende Beziehung, die durch die Präsenz des Faktotums Hedel noch verschärft wurde. Allerdings entwickelte die oberösterreichische Megäre eine Schwäche für mich, denn ich fand über die Küche Zugang zu ihrem mit Ressentiments geladenen Herzen. Dort lamentierte sie ständig über die beiden Frauen, die angeblich nicht einmal ihren Haushalt in Ordnung halten konnten, geschweige denn den armen Stefan gescheit ernähren würden. »Eine Schand ist's wie des arme Zwergerl beinand ist. Der Hunger schaut ihm direkt aus die Augen!« Davon konnte zwar nicht die Rede sein, aber fortan hatte ich freien Zutritt zur paradiesischen Küche, wo Frau Stadler alle Köstlichkeiten der kakanischen Mehlspeiswelt vom Marillenknödel bis zum Erdäpfelwutzerl schuf.
Meine Mutter war Berlinerin: eine musische, gebildete Frau, ohne intellektuell zu sein. Ein flottes, zur Ungeduld neigendes Temperament, ein Hands-on-Talent ohne hervorstechende Hausfrauentugenden. So erleichtert sie wohl gewesen sein mag, mit ihrer Familie der Bombenhölle in Berlin entronnen zu sein, so wenig konnte sie sich für das Leben in dem spießigen Kurort begeistern. Ihr fehlten die Freunde, das Umfeld, die Musik und das Theater – alles was eine Großstadt ausmachte. Während sie mit ihrem Tross nach Bad Ischl zog, verschwand ihr alter Freund Albrecht am 30. Juli 1943 in den Verliesen der Gestapo. Ich hatte diesen »Onkel« nach einem letzten Besuch in Stintenburg 1942 nicht mehr gesehen. Die Sorgen und Ängste der Mutter waren mir nicht verborgen geblieben. Ständig kommunizierte sie auf leicht verschlüsselte Weise mit seiner Schwester Luisette von Bernstorff in Berlin, argwöhnte doch damals jeder, das Telefon werde abgehört, die Briefe zensiert. Meine Mutter sprach oft über ihren alten Freund. Ich erhielt aber damals keine überzeugende Erklärung dafür, warum dieser Mann gefangen war und so leiden musste.
Der Mutter zur Seite stand Hedwig, eben jene »Hedel« aus Oberschlesien. Dienstmädchen, Kinderfrau, Köchin und Vertraute in Personalunion war sie in diesen unruhigen Zeiten eine unentbehrliche Gefährtin. Das Verhältnis der beiden so ungleichen Frauen war solide, aber keineswegs immer harmonisch. Die bäuerliche, rundgesichtige Hedel ging mit Ordnungsfragen eher chaotisch lässig um. Ein bei meiner Mutter gelegentlich durchschimmerndes Klassenbewusstsein entlud sich dann explosiv in einem heftigen Lamento über die »polnische Wirtschaft« im Hause. In den Krisen und Katastrophen, die sich in den späten Kriegsjahren mehrten, bildeten die beiden Frauen eine eherne Achse. Ellen und Hedel waren eine nicht untypische Variante des klassischen »Herr und Diener«-Gespanns. Trotz gelegentlicher Kräche, Kränkungen und Enttäuschungen wussten die beiden, was sie aneinander hatten. Die Liebe zu Michael und mir verband die beiden Frauen. In einer männerlosen Zeit hatten sie zahllose kritische Situationen zu meistern, dem Chaos die Stirn bieten. Reisen in das zerbombte Berlin, um die Restbestände des Mobiliars aus der Ruine am Kurfürstendamm zu bergen und in das ferne Salzkammergut zu bringen, waren in den späten Kriegsjahren tollkühne Abenteuer, die die beiden Frauen ohne männliche Hilfe zu bestreiten hatten. Auch die sich häufenden Hamsterfahrten nach »Oberösterreich, der Heimat des Führers«, wie es in meinem Schulbuch hieß, verlangten Mut und Selbstverleugnung, wenn es darum ging, wucherischen Bauern mithilfe von Perserbrücken und Meißner Porzellan die lebensnotwendigen Naturalien abzutrotzen. In meiner Erinnerung traten die Mutter und Hedel ständig im landesüblichen Dirndl auf. Beide vereinte ein nie versiegendes Talent zum Lachen. Sie konnten schnell unendlich albern werden, um dann auf dem Höhepunkt einer Krise, wenn etwa die Mutter den dunkelblauen Ford Eifel in den Straßengraben manövriert hatte, in ein sinnloses aber befreiendes Lachen auszubrechen. Meinem Vater, sofern er bei derartigen prekären Situationen einmal präsent war, fehlte jeder Sinn für diese leicht hysterischen Lacheruptionen. Gelegentlich brachte die gute Hedel etwas Unruhe ins Haus, da sie — nunmehr in ihren frühen 40ern –, ständig auf der Suche nach einem Mann war. Dies erwies sich als schwierig, da es in jenen Kriegsjahren in der Heimat nur noch Kinder und alte Männer gab. Hatte sich schließlich doch ein Objekt der sanften Begierde für Hedwig Heisig gefunden, dann sorgte meine Mutter mit ihrem überaus kritischen Urteil dafür, dass alles beim Alten blieb.
Meine Mutter redete gerne und viel. Manchmal war sie eine richtige Berliner Quasseltante, was mich nervte, da ich den Text schon so gut kannte. Sie sprach auch sehr gerne mit wildfremden Menschen, ständig quatschte sie mit Taxifahrern, Gemüsefrauen, den Reisenden im Zugabteil, dem freundlichen Herrn im Restaurant. Sie hatte ein Faible und ein Talent im Umgang mit den sogenannten »Kleinen Leuten«. Sie war neugierig auf Menschen und redete dann gerne auch über sich. Sie brillierte ein wenig, freute sich, wenn man ihr zuhörte, man sie akzeptierte oder gar bewunderte. Mit prätentiösen Menschen, Leuten mit aufgesetzten Meinungen, wenn es um Kultur ging, langweilte sie sich leicht. Meine Mutter hatte eine Art Klassenbewusstsein, das sie aber kaschierte. Mit Stand und Namen hatte es nichts zu tun.
Ich glaube, sie hatte eine Reihe von nie genannten Kriterien, die sie als Messlatte nahm im Umgang mit Menschen. Selbstverständlich hatte meine Mutter auch recht genaue Vorstellungen davon, wo sie mich gerne sehen würde und wo lieber nicht. Allerdings sprach sie eigentlich nie mit mir über dieses Thema.
Der Vater Rudolf Schulz-Dornburg, Jahrgang 1889, hatte bereits in den 1920er-Jahren eine schnelle Karriere als Dirigent gemacht, die ihn von Bochum über Münster schließlich als Generalmusikdirektor und Operndirektor nach Essen geführt hatte. Ein bedeutender Pionier moderner Musik, hatte er es nach der Machtergreifung geschafft, die Seiten zu wechseln und die nunmehr geächtete Musik von Alban Berg, Strawinsky, Hindemith aus seinem Repertoire zu streichen. Nach einer Station in Köln wurde er Chef des Berliner Rundfunksinfonieorchesters, bei Kriegsausbruch meldete sich der alte Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg zur Luftwaffe und gründete das Sinfonieorchester der Luftwaffe. Während der Zeit in Bad Ischl, also den letzten Kriegsjahren, pendelte der Vater ständig zwischen der Front, zuletzt in Frankreich, den Auftritten mit seinem Luftwaffenorchester und Berlin. In den kurzen Pausen eilte er dann zu seiner Familie nach Bad Ischl.
Als Siebenjähriger machte ich mir damals kaum Gedanken über den politischen Standpunkt meiner Eltern. Auch noch als Heranwachsender in den Nachkriegsjahren hatte ich es mir damit bequem gemacht, meinen Vater als einen der vielen irregeleiteten Anhänger des Führers zu klassifizieren. Ich sah meine Eltern als patriotische Mitläufer, stark beeinflusst von der Nazi-Propaganda. Menschen, die zwar die Judenverfolgung zumindest zur Kenntnis nahmen, aber von den Grauen des Holocausts nichts wussten. Ob mein halbwüchsiger Bruder Michael je die Chance gehabt hatte, mit dem so vehement patriotischen Vater über dieses Thema zu diskutieren, ist wenig wahrscheinlich.
Michael, geboren 1929, ein hochgewachsener, sehr blonder Bub, war der Star unter uns Kindern. Als Neunjähriger hatte er in einem Melodram der UFA »La Habanera« mitgespielt. Jetzt ins kleine Bad Ischl versetzt, quälte sich der 15-Jährige mit dem Gymnasium in Gmunden, verabscheute Drill und Riten der Hitlerjugend, wo sich doch der Vater einen so positiven Einfluss auf den verträumten Knaben erhoffte. Mutter und Hedel hatten diesen pädagogischen Exerzitien wenig entgegenzusetzen. Allerdings wurden mit Fortschreiten des Kriegs die väterlichen Besuche in Bad Ischl immer seltener. Sobald der Major der Luftwaffe wieder zu den Fahnen und seinem Orchester zurückkehren musste, unternahmen die beiden Frauen alles, um wieder Ruhe in die Familie zu bringen. Der in den Kriegsjahren weitverbreitete Umstand, dass die Väter nur noch sporadisch bei ihren Familien auftauchten, führte auch in Bad Ischl zu einem Weiberhaushalt — eine Gemengelage, die starken Einfluss auf mich hatte.
Mit mir kam der ältere Bruder glänzend zurecht. Er tat alles, um mich zu beschützen, und bei Laune zu halten. Michael war ständig verliebt und nutzte jede Gelegenheit, den üblen Pflichten in Schule und HJ zu entkommen, wobei ihm die beiden Frauen heimlich zur Hand gingen und Entschuldigungen und Atteste ohne Ende fabrizierten. Von mir erwartete mein Vater weit weniger. Das Klavierspiel oder ähnliche künstlerische Betätigungen wurden nicht eingefordert. Ich war nicht eifersüchtig auf den älteren Bruder, dem so viel Aufmerksamkeit galt, realisierte aber, dass ich beim Vater nur die zweite Geige spielte. Ich glaube, ich liebte meinen Vater, hatte aber auch großen Respekt. Gelegentlich wandelte sich dieser auch in Angst. Nur selten waren der Vater und sein jüngerer Sohn alleine miteinander. Probleme galt es mit der Mutter zu lösen. Das war bestimmt schmerzloser, denn nur selten lieh der Vater seinem jüngeren Sohn sein Ohr. Erst später fiel mir auf, wie wenig Chancen Vater und Sohn hatten, miteinander zu reden. Um den passenden englischen Ausdruck zu nutzen: Die Beziehung zum Vater war selten »at ease«, also leicht und ungezwungen.
Im September 1943 wurde ich eingeschult und bereits am ersten Schultag büchste ich aus. Das obligate Schulfoto zeigt einen etwas pummeligen, pausbäckigen, überaus blonden Knaben, dessen weiche freundliche Züge der Mutter ähneln. Die fremden Kinder und die ältliche Klassenlehrerin flößten mir starkes Unbehagen ein. Nicht ungewöhnlich, aber doch typisch für mich, der in kritischen Situationen sein Heil gern unter den Röcken der Frauen suchte. Gewalt und Prügeleien machte mir Angst. Der damals noch gerne praktizierten Prügelstrafe galt es unter allen Umständen zu entgehen. Ein komödiantisches Talent, Kasperei und Clownerien halfen mir aber, die Zuneigung der anderen Kinder zu gewinnen, die Lacher oft auf meiner Seite zu haben und mich damit stets nur am Rande der Kampfarena zu bewegen.
Ängste und Gruselanfälle hatten andere Kinder auch, mich bewegten vor allem Bilder nachhaltig. Die nazarenerhaft-naturalistische Darstellung des Judas in Gethsemane auf dem Kalvarienberg verfolgte mich bis in den Schlaf. Dann harrte die getreue Hedel an meinem Bett aus, um die Erscheinung des gleisnerisch-tückisch blickenden Judas fernzuhalten.
Der sich dem friedlichen Badeort langsam nähernde Krieg bescherte eine Vielfalt von Abenteuern. An klaren Abenden sah man am Himmel die amerikanischen Luftverbände in streng geordneter Formation gegen Westen ziehen, um über München ihre tödliche Last abzuwerfen. Ein bedrohliches Brummen begleitete die Kriegsvögel, der Feuerschein der brennenden Stadt erhellte den nächtlichen Horizont. Der pittoreske Lamettaregen, mit dem die Air Force den löchrigen Radarschirm der Deutschen zerriss, war wie ein Geschenk des Himmels in diesen kargen Zeiten, wo Weihnachtsschmuck, wie so vieles andere, Mangelware war. Als es der vaterländischen Flak ausnahmsweise einmal geglückt war, ein amerikanisches Jagdflugzeug abzuschießen, inspizierten wir Kinder mit schaudernder Neugier das Wrack mit dem unheimlichen Stern auf dem zerborstenen Flügel. Wie ein silbern glänzendes Raubtier aus einer anderen Welt, ein gestrandeter Meteorit, lag das zerborstene Ungetüm in dem reißenden Traunfluss. Aber wo war der tote Pilot, der tote Amerikaner? Gottlob hatte dieser sich rechtzeitig mit dem Fallschirm aus der Affäre gezogen, deshalb gab es auch keine echte Leiche zu entdecken. Ich war ein wenig enttäuscht, war doch die Neugier einen wahrhaftigen Toten zu sehen, fast so groß wie die Angst vor einem leblosen Körper zu stehen.
Mein bester Freund in Bad Ischl war der Bubi Pammesberger, mit dem ich all diese abenteuerlichen Erkundungen unternahm. Wie schon der unvergessene Freund Karlhinze in Berlin, hatte auch der Bubi ein ganz natürliches, fast lockeres Verhältnis zu Toten. Seinem Ansinnen, mich doch einmal ins Leichenhaus mitzunehmen, um Tote anzuschauen, verweigerte ich mich beharrlich. Die Notwirtschaft der letzten Kriegsjahre bot Kindern aber noch andere harmlosere Attraktionen. Mit dem Bubi verbrachte ich köstliche Stunden in einem stillgelegten Automobil, einem blau glänzenden »Adler Trumpf«, Baujahr 1935, das seinen Winterschlaf in der väterlichen Garage hielt.
In den letzten Zuckungen des Abwehrkampfs entledigte sich die fliehende deutsche Armee ihres Kriegsgeräts. Panzer, Flakgeschütze, Maschinengewehre und anderes schweres Kriegsgerät säumten wie totes Getier die Bergpässe im Salzkammergut — faszinierende und tödliche Spielplätze. Ansonsten erfreuten sich große Bergwanderungen von Alm zu Alm bei uns Kindern keiner großen Beliebtheit, zumal sie meist mit Pilz- und Beerensammeln verbunden waren: endlose Nachmittage bei brütender Hitze im Himbeerschlag. Die sich nie füllenden Blechkannen prägten die Sommermonate.
Es waren diese unheilvollen, schwergewichtigen Aufrufe, Tiraden und Schlagworte wie Schicksal, Kampf, Überleben und Sieg, mit denen die Menschen in jenen Tagen überschüttet wurden.
1944 beginnt meine Mutter ein Kriegstagebuch, das sie Ostern 1945 abrupt abbricht. Es zeichnet das sehr typische Bild einer deutschen Mutter, die neben den unzähligen Widrigkeiten des Alltags natürlich auch an diesen großen Schicksalsfragen der Deutschen Anteil nimmt. Es bedarf keiner großen Deutung, um zu verstehen, dass sie einen Sieg Deutschlands unter Adolf Hitler erhoffte. Der sich im Tagebuch immer wieder findende Hinweis auf die Abschüsse durch die deutsche Flugabwehr lassen daran keinen Zweifel. Nicht minder offenkundig aber ist die ungebrochene Liebe der Mutter zu ihrem Mann.
Berlin erlebt in der Nacht zum 16. Februar 1944 den bisher schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkriegs. 800 britische Bomber sind beteiligt.
Tagebuch:
Mittwoch 16. Februar 1944: »Stefan bei Reicherts abgeholt, daheim Telegramm, dass in Berlin unser Haus völlig ausgebrannt. Englische Bomberverbände, 48 Abschüsse. Gestrickt und Wein getrunken. 12h zu Bett.«
Donnerstag 24. Februar 1944: »Fliegeralarm, viele Flieger zu sehen, über St. Gilgen, 3 abgeschossen.«
Freitag 7. April 1944: »Karfreitag Stefan mit Hedel auf dem Kalvarienberg. Michel erste Klavierstunde. Lese Carossa: «Geheimnisse des reifen Lebens.» «Teils sehr schön, aber ohne die große Selbstverständlichkeit von Hamsun oder Keller.«
Donnerstag 20. April 1944: »Führer Geburtstag. Michel mittags deprimiert und missmutig (wieder geschwänzt?) wirkt lähmend auf mich.«
Freitag 21. April 1944: »Zahnweh (Wurzelhaut) Früh Brief wegen Flak. Sehr beunruhigt. Michel beim Amtsarzt, wieder bis auf weiteres untauglich. Mittags im Lazarett sehr befriedigend Zimmer 40 (Heller, Müller, Bohnert). Fingernägel gemacht.«
Samstag 6. Mai 1944: »Brief an Schule wegen Michels Versetzung. Der arme Bohnert, Gehirnhautentzündung, ohne Besinnung gestorben aus Zimmer 40 raus. Rasende Migräne Cibalgin genommen.«
Als ich viele Jahre später die Tagebuchnotizen der Mutter las, konnte ich nur schwer nachvollziehen, wie sie diese ständigen Katastrophen wegsteckte und verarbeitete. Mittags kommt die Nachricht, dass die prächtige Berliner Wohnung mit allem drum und dran verbrannt ist, und abends sitzt die Mutter ganz alleine beim Stricken und trinkt ein Glas Wein. Ein Gehirnverwundeter, den sie mit großer Intensität pflegte, stirbt. Sie nimmt eine Migränetablette. Sie ist keine deutsche Heldin des Alltags, sie ist eine Frau voller Ängste und Ahnungen, die ständig um die beiden Buben kreisen. Ein Segen, dass ihr Temperament, ihr optimistisches Naturell, ihre Vitalität dieser Frau von 46 Jahren helfen, dass sich der Himmel immer wieder ein wenig lichtet und Freude wieder die Oberhand gewinnt.
