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1984: An der Bundeswehr kam man nicht vorbei, wenn man später beruflich nicht im Abseits stehen wollte. Als gelernter Fernmeldeelektroniker erhoffte Sinclair, dass es schon nicht so schlimm sein wird. Doch dann kam im Panzergrenadierbataillon 13 alles anders. Ein Friseur richtete die Funkgeräte und Sinclair bekam ein Funkgerät auf den Rücken geschnallt. Eine Geschichte, erzählt in Romanform, für alle, die gerne etwas Einblick in die Welt der Bundeswehr erhalten möchten. Der Text zum Buch wurde bereits 1994 geschrieben. Das Buch diente dem Autor die Zeit bei der Bundeswehr und die damit zusammenhängenden psychischen Probleme zu verarbeiten. Bis 1996 bemühte er sich vergebens einen Verlag zu finden. Damals hatte dieser Stoff sicherlich auch eine höhere Brisanz als heute, wo er schon fast als eine zeitgeschichtliche Darstellung einzuordnen ist.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2014
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DAS OLIVE BUCH
Mein Weg durch die 15 Monate Bundeswehr in den 80ern
Von Sigmar Sinclair
Imprint
Titel: Das olive Buch
Untertitel: Mein Weg durch die 15 Monate Bundeswehr in den 80ern
Name des Autors: Sigmar Sinclair
Auflage: 1
published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
Copyright: 2013 Sigmar Sinclair
ISBN 978-3-8442-4454-0
Der Text zum Buch wurde bereits 1994 geschrieben. Es diente mir insbesondere meine Zeit bei der Bundeswehr und die damit zusammenhängenden psychischen Probleme zu verarbeiten. Bis 1996 bemühte ich mich vergebens einen Verlag zu finden. Damals hatte dieser Stoff sicherlich auch eine höhere Brisanz als heute, wo er schon fast als eine zeitgeschichtliche Darstellung einzuordnen ist.
Auch meine Einstellung zur Bundeswehr hat sich seitdem immens geändert. Gerade jemand der so etwas erlebte, wie man es in den 80ern noch vorfinden konnte, zollt den Soldaten, die nunmehr Auslandseinsätze bewältigen, höchsten Respekt.
Beschämend finde ich wie wenig dieses in der Gesellschaft wahrgenommen wird und auch wie wenige Mittel insbesondere für die Sicherheit (fehlender Kolonnenschutz durch Jamming, Friendly-Fire-Schutz usw.) der Soldaten zur Verfügung steht.
Juni
Juli
August
September und Oktober
November
Dezember
Weihnachten
Januar
Februar
März
April
Mai und Juni
Die Straße unter den Rädern meines Rennrades zog sich so schnurstracks gerade über die plane Landschaft, als wäre ich auf einer Nylonschnur eines niedergelegten Dosentelefons zweier Riesen gefahren. Die Autos rasten mit weit über 130 km/h in einmeterigem Abstand derartig nahe an mir vorbei, daß ich deren Karosserieform am mich umfassenden Wirbelstromszenario erahnen konnte.
Erahnen konnte und wollte ich nicht, was sich in dem Etablissement, eingebettet in dichten Kieferschonungen, abspielte, welches ich zu meiner Rechten liegen ließ. Als Kinder haben wir uns zu dem Zaun geschlichen, der dieses Etablissement in einem weiten Abstand einhüllt, um zu entdecken, was hinter dem netten Wort “Puff“ steckt.
Obwohl ich bereits 6 km strampelte, kam ich nicht in einem sauberen Takt. Vor dem Erreichen des nächsten Klubgeländes verließ ich diese zwar hochfrequentierte, aber doch einsame Landstraße, deren fortlaufende Monotonie und doch gegebene Endlichkeit ich aus einigen mehrstündigen Autofahrten kannte, indem ich in eine kleine Siedlung einbog.
Die Häuser waren weiße Klötze, die aussahen wie die Hotels von Monopoli. Nach etwa zwanzig Gebäuden endete diese kleine Straße an einem Schlagbaum. Während ich mit nervösen Fingern nach diesem Schrieb in meinem Rucksack wühlte, fing der oliv gekleidete Typ am Schlagbaum immer hämischer an zu grinsen. Als ich ihm letztendlich diesen Schrieb vorhielt und sein Grinsen in dieser von Stacheldraht und spanischen Reitern geprägten Atmosphäre an Breite einen animalischen Höhepunkt fand, hätte ich ihn eine in die Fresse hauen können.
≫Das Gebäude der Zwoten-Dreizehn findste, wennde nach 400 Metern links abbiegst.≪
Gedankt hatte ich ihm für diese Auskunft nicht. Der weitere Weg führte mich, bei weiter ansteigendem Puls, vorbei an Birken und Kiefern, die vereinzelt auf einem spärlichen Rasen standen, zu dem Gebäude der zweiten Kompanie des dreizehnten Batallions, Worte deren Bedeutung mich bisher noch nie interessiert hatte. Ebenfalls öffneten sich auch hier wieder, nach Vorlage dieses abgegriffenen Einberufungsbescheides, Türen und Tore, deren folgende Tiefen jedoch jedem sofort eindeutig zeigten, wo man war: Kampfkompanie 2/13, in Tradition zu einem ihrer großen ehemaligen Führer, Rommel.
Nach kurzer Zeit fand ich mich in meiner Stube wieder. Ich war der erste. Draußen an der handgeschriebenen Liste sah ich, daß noch sieben weitere Leute folgen sollten. Die Stube hatte so auch acht Betten, zwei Dreibettürme und einen Doppelbetturm, acht orange Kleiderschränke, die einen Großteil der Gesamtfläche einnahmen, einen Tisch mit oranger Tischplatte und acht Stühle (orange). Die Stube war randvoll. Wie man in Anbetracht der Tatsache, daß die Wände in einem häßlichen hellgrün gestrichen waren, von einer Stube sprechen konnte, verstand ich nicht.
Nun stieg in mir immer mehr die Spannung:
’Mit was für Typen werde ich hier die nächsten drei Monate in diesem Kabuff zusammenleben?’
Kurz nachdem ich mir schon das oberste Bett des Dreierbettenturmes direkt hinter der Tür aussucht hatte, kam der Zweite und schon bald weitere Insassen. Die Atmosphäre war alles andere als entkrampft. Doch ganz langsam entwickelten sich die ersten Gespräche, von wo kommst Du?
Ich wußte bereits vorher, von den Leuten her würde es nicht allzu schlimm werden, da ich in dem Juni-Abiturientenschub war. So kam in mir auch bald das Gefühl auf, daß es alles ganz anständige und umgängliche Burschen waren.
In der Mitte meines Bettenturms zog ein sehr gesprächiger Typ ein, dessen Name Frohhase mich schon bei dem Überfliegen der Liste frohlockte. Unten nahm ein schmächtiger und schüchterner Junge mit Namen Ankar Platz. Da ich so ein Allgemeinpalaver nicht abkonnte, war ich endlich froh, als es weiter ging. Wir wurden eingekleidet. Das hieß lange, lange Schlange stehen und warten und warten.
Ich, der bisher reibungslos laufende Industrieorganisationen gewöhnt war, fing an, für die Zukunft und meinen kurzen Geduldsfaden das Schlimmste zu befürchten.
Wie durch ein Wunder des Herren wurden auch mir diese modischen weißen, grauen und vor allem oliven Sachen zuzüglich der schwarzen schweren und steifen Stiefel von einem muffligen Lagerverwalter rübergeschoben.
Eingekleidet in Uniform wurden wir zuerst ausgerichtet. 120 junge Schnösel standen vor dem Kompaniegebäude und wurden so lange verschoben, bis ganz links die Kleinen und ganz rechts die Großen standen, ausgerichtet mit einem exakten Gradienten. So fand ein jeder seinen Platz für die nächsten drei Monate Grundausbildung. Meiner war recht weit rechts.
Uns war klar, daß wir diesen Ort bis zum Ende der Woche nicht mehr verlassen durften.
Nachdem es mir vergönnt war, zum Abendbrot ein Mahl zu mir zu nehmen, das sich in keinster Art und Weise von dem unterschied, was ich zuvor in den Kantinen der Industrie fraß, und wofür ich durch Abzug vom Wehrsold mindestens genausoviel zahlte wie dort, trieb es mich raus aus der vollgeprofften Stube. Im Gebäude stand uns lediglich ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung, in dem selbstverständlich der Fernseher lief.
’Also raus aus dem Bunker und sehen, was es noch so gibt.’
In das Mannschaftsheim zu gehen, hatte ich keine Lust, ich konnte mir nach den primitiven Ausstattungen des Kompaniegebäudes, das mich mehr an einen zu hoch geratenen Bunker als an ein Haus erinnerte, und der Kantine schon vorstellen wie gemütlich es dort sein würde.
Das Gelände wollte ich erkunden. Es war ein schöner lauwarmer Sommerabend und die Sonne stand noch hoch. So schlenderte ich, immer noch in diesen neuen und mit allen chemischen Steifungs- und Färbungsmitteln auf Höchstform gebrachten oliven Klamotten, in Richtung Sanitätsbereich. Dem Gebäude, das wie die übrigen auch in roten Klinkern eingekleidet war, sah man jedoch schon von weitem sein ehrwürdiges Alter an.
Es war umgeben von einer kraftvoll durchwachsenen Rasenfläche, die allmählich in buschig gewachsenes Birkengestrüpp überging. An diesem Buschrand entlang wandernd gelangte ich zu einem sorgfältig geharkten, fast 20 Meter breiten Sandstreifen, an dessen Ende sich ein kräftiger Zaun, gekrönt von Stacheldraht gespannt zwischen V-Stangen und überdacht von rundgedrehten Stacheldrahtgeflechten, auftat.
Während ich in den sich hinter dem Zaun aufweitenden dünnen Heidewald blickte, kam eine Patrouille von zwei Soldaten, bepackt mit Gewehren und Munitionsmagazinen.
≫Hey, was machst Du hier?≪
≫Spazieren gehen.≪
Sie musterten mich kurz und nahmen allmählich entspanntere Gesichtszüge an.
≫Bist wohl neu!≪
Ich schaute ihnen abwechselnd ins Gesicht und nickte.
≫Okay, hier kannste nicht rumlaufen. Im Bereich des Zaunes hat niemand etwas zu suchen.≪
Schulterzuckend drehte ich mich um und schlenderte zurück. In den Bunker zu gehen, hatte ich bei diesem schönen Wetter gar keine Lust und lief statt dessen ein wenig inmitten der Kaserne herum. Doch nach einer halben Stunde ödete es mich an und ich ging schließlich in meine Stube. Dort hatte sich eine Skatrunde aufgetan, vier Leute ohne Einsatz. Obwohl ich dem Skat ab und zu auch ganz gerne verfiel, hatte ich kein Interesse, mich zu beteiligen. Sie waren ja auch schon vier.
Mit einem neuen Buch, das ich speziell für diesen Einstieg erworben hatte, schwang ich mich auf mein Bett, das durch eine tief gelegene Mulde sicherstellte, daß man auch bei den stärksten Alpträumen nicht herausfallen konnte. War ich in der Vergangenheit doch im besonderen der humanistischen Literatur zugewandt, so hatte ich mich entschlossen für den Eintritt in dieses neue Leben was standesgemäßes zu lesen: Bukowski ...
Kaum aufgeschlagen pimperte dieser auch schon los. Es fehlte eigentlich an allem, doch die für einen Amerikaner extreme Darstellung animalischer Wesenszüge der Akteure ließ mich dran bleiben. So dümpelte ich am ersten Abend in der Kaserne hin und ging früh schlafen, eingeleitet durch meine täglichen autogenen Übungen.
Die nächsten Tage begannen mit einem Lauf vor dem Frühstück. Nach dem Duschen und dem Frühstück, zu dem man nur fähig war, in Formation hinzumarschieren, war um 8.00 Uhr Antreten und Dienstbeginn. In den ersten Tagen mußten eine Reihe von Eingangsuntersuchungen absolviert werden, deren große Totzeitelemente ich mit Lesen überbrückte. Die weiteren Abende verliefen wie der erste. Auch das zarte Gesicht der kurzen klaren Sommernächte blieb erhalten. Bald hatte ich Bukowski durch und beschloß, den Mann mit keiner Mark mehr durch den Kauf eines Buches zu sponsern.
Der Dienst wurde ab der Mitte dieser ersten Woche deutlich härter. Die morgendliche Runde wurde mit jedem Tag um einen Kilometer verlängert und die klassische militärische Ausbildung begann. In dieser setzte die physische Inanspruchnahme noch sanft ein, während die psychische einem schon zeigen sollte, wo es lang gehen wird. Disziplin, Strammstehen und Gehorsam, kurzum die Schnauze zu halten und körperlich auf Zuruf zu funktionieren, waren offensichtlich die Grundgedanken dieses ersten Anschnupperns.
Aber zum Biegen wurden nicht nur die militärischen Übungen wie Maschieren, Grüßen und sonstiges herangezogen. Als viel effektivere Waffen erwiesen sich verlängerte Übungen aufgrund von zu schwachen Leistungen, die weit in die Mittagspause hinein gingen. Zur Kantine durfte erst dann im Gleichschritt gegangen werden, wenn auch die letzte Gruppe eintraf, sich säuberte und jeder auf seinem Platz stand. Oft hatte man nach langem Schlangestehen in der Kantine noch 5 Minuten Zeit, um das Essen herunterzuschlingen, da man sich auf gar keinen Fall erlauben durfte, zu dem Dienstantritt nach der Mittagspause zu spät zukommen. — Das alles war ja schließlich auch kein Kindergeburtstag...
Nach einer besonders gründlichen Putzaktion am Freitagnachmittag, einer ausführlichen Begutachtung und einigen Nacharbeiten wurden wir für das Wochenende in das zivile Leben entlassen.
Ich strampelte auf meinem Fahrrad zu meinen Eltern, holte mein Mopped, eine Güllepumpe in Weißmetallic, heraus und drehte zunächst eine Runde für den Sommer. Nach einigen unnützen Kilometern fuhr ich in die Kreisstadt und besuchte meinen Freund Peter. Mein erstes Anliegen war es, eine Wochenendtour in den Harz zu verabreden. Er hatte Bock, in dieser Nacht eine Diskothekentournee über die Dörfer zu machen, wozu er mich nicht zweimal bitten mußte.
In dieser Art verbrachte ich ein ganz normales Wochenende, was ich jedoch mehr als in den Wochen zuvor genoß. Um so mehr ich es genoß, um so schneller verging dieser schöne Ausbruch.
Am Sonntag um 20 Uhr mußte ich in dem Bunker den wachhabenden Soldaten passiert haben. Viel Neues stand auf dem detalliert ausgearbeiteten Dienstplan für die kommende Woche. Man wurde in seiner Braut, der G3, eingeführt, die Gummivotze, die zur Filterung der sauberen Heideluft diente, durften wir des öfteren zur Glättung unserer verspannten Gesichtszüge aufsetzen, und es ging so ins Gelände, wie es sich für einen echten Grenadier gehörte.
Der psychische Druck verstärkte sich im gleichen Maße. Folglich steigerten sich die Aggressionen zwischen den Wehrpflichtigen, insbesondere in den Stuben. Ankar litt unter jeder Art von Allergie, den Fraß vertrug er nicht, die Pollen ließen seine Augen nur tränen, noch nicht einmal seine Braut konnte er mit bloßen Händen auseinandernehmen, da das Öl seine Haut aufquellen ließ. Insbesondere Frohhase, der sich als hyper diensteifrig entwickelte, gab Ankar ausdrücklich zu verstehen, daß er, Ankar, der Grund sei, weshalb unsere Stube immer eine der letzten beim Antreten sei, weswegen wir dieses auch oft wiederholen durften.
Obwohl ich keinen Ehrgeiz hatte, für diese drei Monate irgendwelche Verhältnisse aufzubauen, trat ich immer mehr für Ankar, den ich charakterlich sehr mochte, als Schutzpatron auf, zumal mir Frohhase schon richtig auf den Sack ging.
Warum habe ich mich bloß auf diesen Scheiß eingelassen! Eigentlich ganz einfach: Weil ich hiernach studieren und im weiteren auch als Ingenieur einen Job kriegen wollte. Ich kannte niemanden, der verweigerte. In dem Arbeitermilieu, in dem ich aufgewachsen war, da hatte auch niemand studiert, geschweige denn, daß jemand Literatur (da wird mir ja übel) las. Von allen, Berufsschullehrer, Ausbilder, Fachoberschullehrer und so weiter hörte ich die einhellige Meinung, wer verweigert, der hat es extrem schwer, als Ingenieur in der Industrie einen Job zu bekommen. Berlin, als Fluchtort, das hatte ich mir sehr sehr lange überlegt, und mir auch von der dortigen Fachhochschule Unterlagen kommen lassen. Doch diese hatte so einen schlechten Ruf, daß diese Lösung für mich letztlich auch nicht in Frage kam. Schließlich würde ich eine große Summe von Bafögschulden am Ende hinter mir herziehen. Eine derartige Investition muß schon wohl überlegt sein.
’Schlußendlich ist diese Entscheidung auch gar nicht übel, da ich ja Fernmeldeelektroniker lernte und im Gegensatz zum Zivildienst hier nach der Grundausbildung im Fach, wenn auch nicht qualifiziert, in der Fernmeldeinstandsetzung schaffen kann.’
So machten es schon viele meiner ehemaligen Kollegen und rieten mir, aufgrund ihrer Erfahrungen, zu diesem Weg.
Darüber hinaus sah ich eine Verweigerung, trotz meiner ausgeprägten humanistischen Einstellung, als einen feigen Schritt an, den viele Leute nur aus Angst vor dem Barras machten.
Ich lebte in der unmittelbaren Nähe der Grenze. Ich sah, was die dort, auf der anderen Seite, für eine Show abzogen. Ich hatte auf dem Wege nach Berlin schon mehrfach das beklemmende Gefühl eines totalitären Staates gefühlt. Ich wäre bereit gewesen, gegen einen von außen eindringenden Aggressor zu kämpfen. Warum sollte ich dann verweigern? Klar, ich hatte auch kein Bock zum Barras, aber auch ich wollte weiter in Freiheit leben.
Neben dem verstärkten Drill in den Grundlagen, wie Zerlegen und Zusammensetzen der Braut in möglichst kurzer Zeit, mit/ohne Stoffsack über dem Kopf, nahmen die Ansprüche an die Überwindungsstufen immer mehr zu. Gummivotze über den Kopf und hinein in eine mit nur Lachgas gefüllte Kabine. Auf Zuruf von ≫Stellung≪, egal wo und wie, ab in den tiefsten Matsch. Gewürzt wurde auch diese Ausbildung mit einer theoretischen Untermauerung. Zweimal in der Woche hatten wir einen halben Tag Unterricht, bei dem sich die mäßig gebildeten Unteroffiziere auf peinliche Art und Weise einen abbrachen. Deren Rechtschreibfehler waren einer der positiven Erlebnis- und Motivationspunkte.
Dem Zug, dem ich angehörte und dem die Rotärsche aus drei Stuben zugeordnet wurden, stand ein Oberleutnant, Schönling, Ende zwanzig mit grauen Schläfen, vor. Ihm unterstellt war der Feldwebel Bot, ein Kerl von fast 1,90 Meter Größe mit mordsmäßigen Brustkörper auf wohlgefülltem Bauch darunter.
Dann war da noch der Unteroffizier Tandi, dem man die Jahre seines Alkolismusses schon an der Zahl der Augenringe ablesen konnte. Und nicht zuletzt gab es noch meinen speziellen Freund, Unteroffizier Pireschki. Ufz Piri kannte ich schon von meiner Berufsausbildung her. Zu so etwas hat es bei ihm anscheinend nicht gereicht, er machte bei uns nur ein mehrmonatiges Praktikum. Er war damals schon mit seiner extrem smarten Art das Gespött der Truppe. Und jetzt war dieser zwei Jahre jüngere Knabe, der vielleicht im Lusthaus einige Anhänger hätte finden können, mein direkter Vorgesetzter, ich sein Befehlsempfänger.
Feldwebel Bot führte federführend die Grundlagen der militärischen Ausbildung durch und schiß uns nicht zu wenig mit seinem einmaligen Stimmorgan zusammen. Dieses Organ qualifizierte ihn auch, den Gesangsunterricht durchzuführen. Ich, schon von Hause aus mit einer hohen Stimme bestückt, ließ gleich in der ersten Gesangsstunde vermerken, daß es bei mir mit der Signalgüte, aufgrund eines großen Klirrfaktors, nicht weit her war. Ohne große Umschweife wurde ich vom Gesangsunterricht suspendiert und durfte beim Maschieren auch nicht mehr mitsingen.
Das war mein erster, wenn auch nur sehr kleiner, Erfolg.
Die konnten von mir verlangen etwas zu tun oder die Klappe zu halten. Aber, daß ich irgend einen blödsinnigen Text, in welcher Form auch immer, nachquatschen sollte, daß ging mir einen Schritt zu tief.
In dem Laufe der nächsten Woche begannen wir auch mit dem scharfen Schießen. Außerhalb unserer Kaserne gab es einen großen Schießstand, zu dem wir geführt wurden. Ich bekam schnell Gefallen am Schießen, da zwischen jeder Session große Wartezeiten anfielen, in denen wir mit den fast 120 Grünlingen in einem 90 Quadratmeter großen abgesperrten Abschnitt zusammengepfercht wurden. Auf diesem, keinen Grashalm mehr enthaltenden Grundstück, fand ich jedoch immer ein ruhiges Plätzchen, auf das ich mich zum Lesen zurückziehen konnte.
Nach meinem Fehltritt mit Bukowski bin ich schnell zu meinem Liebling, Hesse, zurückgekehrt. Da ich jedoch von ihm schon fast alles gelesen hatte, verblieb mir nur noch das große letzte Werk, das ich schon lange umkreiste: Das Glasperlenspiel. So ließ ich mich in diesem Ambiente von Josef Knecht in die von Idealen durchtränkte Welt von Kastalien entführen.
Fühlte noch wie der Magister Ludi Knecht, von weisen Kräften unterstützt, auf seinen Weg gebracht wurde, während ich für den Erhalt zweier Magazine mit scharfer Munition unterschrieb. Überlegte, ob ich wohl dem weltlichen Teil angehörte, den Plinio verkörperte, oder dem ausgetretenen wissenschaftlichen Teil mehr zusprach, der in seiner ganzen Reinheit von Josef mit aller Stärke verteidigt wurde, während ich auf den Auslöser meiner Braut drückte und im Sechsertakt die Pappkameraden in 300 Meter Entfernung durchlöcherte.
So lag ich auch in fast schon meditativer Haltung hinter einem dicken MG und pumpte eine Zielscheibe voll. Beim Aufstehen sah ich, wie der Major, der Führer der Kaserne, auf mich zu kam. ’Oh Scheiße,’ schoß es mir durch den Kopf, ’was will der von mir? Ja wirklich, er steuert direkt mit einem kleinen Gefolge auf mich zu!’
≫Soldat, ich möchte Ihnen für Ihre ausgezeichneten Schießergebnisse gratulieren. Sind Sie in einem Schützenverein oder woher kommt es, daß Sie so hervorragend Schießen können?≪
Ich, Schützenverein, es verschlug mir völlig die Sprache; ich brachte nur noch eine stammelnde Antwort heraus. ≫Neh, weiß auch nicht, aber Schützenverein neh.≪ Es war eins der schrecklichsten Vorstellungsbilder meiner Jugend, daß ich mich mit den Jungschützen beim gemeinsamen Eierschütteln bis zum Abkotzen besoff.
Langsam zu mir kommend, sprang bei mir ein Wort im Kopf herum: Sonderurlaub.
Doch ein aufrichtig freundliches Lächeln und ein Händedruck war die Spur, die der Major bei dem Gang durch die Menge hinterließ.
Ab der dritten Woche war es uns auch erlaubt, in der Regel, die andauernd von Ausnahmen außerkraft gesetzt wurde, bis 22 Uhr uns außerhalb der Kaserne zu bewegen. Ich nutzte die Gelegenheit, um einen sehr guten Kumpel, der im nahegelegenem Garnisionsdorf wohnte, gelegentlich zu besuchen. Mit Yogi konnte ich vortrefflich über Literatur diskutieren, obgleich er ungeachtet seines jungen Alters sehr antiquierte Ansichten an den Tag legte.
Für die vielen verbleibenden Abende in der Kaserne fand ich eine neue Beschäftigung. Im Gemeinschaftsraum stand ein Flipperautomat, an dem nahezu gar nichts mehr funktionierte.
Als Kind beneidete ich immer einen Freund, der einen derartigen Automaten besaß. Mittlerweile hatte ich an dem Spielen kein großes Interesse mehr, jedoch das Reparieren einer solchen Maschine, die wie die Masse der Telefonanlagen aus einfacher Relaistechnik bestand, reizte mich. So kämpfte ich mich abends durch den Schmutz der zugestaubten Elektromechanik und verstand ohne Schaltplan allmählich immer besser die Philosophie des Schaltungskonzeptes.
Dieser Erfolg wurde von meinen Kameraden ausgesprochen freudig aufgenommen und verlieh in den darauffolgenden Tagen dem Gemeinschaftsraum eine solche Spielhöhlenatmosphäre, daß ich wegen dem ätzenden Gepinponge gar keinen Bock mehr hatte, mich dort abends aufzuhalten.
