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Aufgelaufen auf einem Riff finden Olaf Karl Abelsen und seine araukanischen Freunde eine scheinbar verlassene Jacht. Sie nehmen sie in Besitz, aber Nachts ereignen sich seltsame Zwischenfälle... Vierter Teil der Abenteuer abseits des Alltagsweges von Walther Kabel.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2024
Marcel Winkler
Das Paradies der Enterbten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
1. Kapitel.
2. Kapitel.
3. Kapitel.
4. Kapitel.
5. Kapitel.
6. Kapitel.
7. Kapitel.
8. Kapitel.
9. Kapitel.
10. Kapitel.
11. Kapitel.
12. Kapitel.
13. Kapitel.
14. Kapitel.
15. Kapitel.
Impressum neobooks
Das Paradies der Enterbten
Abenteuer abseits vom Alltagswege
Das namenlose Schiff.
Baron Sajo Hiruto.
Eine Wendung.
Der grüne Zweig.
Ballast.
Das Signal.
Die Insel.
Ellens Wünsche.
Ramses und die Haie.
Die Versucherin.
Der neue Anruf.
Kapitän Gadarros.
Das nie gelöste Rätsel.
Die Stimme Ellens.
… Als die Ketten brachen …
Chuburs braune Gaunervisage lockt mit verheißungsvollem Grinsen …
„Große Brigg, El Gento …“ wiederholte er eindringlich. „Schon lohnen Fahrt dorthin … Liegen an Westseite von Satans-Insel hinter Klippen … Fahren mit, El Gento?“
Was soll ich mich sträuben?! Das Leben den Lebenden! Ich werde Coy auch betrauern können, wenn mir der Wind um die Ohren heult und die Spritzer über Bord fliegen.
„Ich komme …“
Vieler Vorbereitungen bedarf es nicht. Ich hole Büchse, Pistole, Fernglas und Gummimantel … Der Gummimantel sieht aus wie ein vielfach geflickter Luftschlauch. Hier an der einsamen Gallegos-Bucht inmitten meiner Araukaner-Kolonie treiben wir keinen Luxus. Die südlichste Ecke Südamerikas ist fernes Land. Wer kümmert sich um Steppengras, Felsen und Inseln?!
Das Boot gleitet davon, das Großsegel knallt im Winde, bläht sich, und ich lege das Steuer herum.
Wir sind acht Mann an Bord. Chubur, reinblütiger Indianer, dazu sechs andere, sämtlich meine Freunde. Ich habe ja nur noch diese Heimat hier: Die einsame Siedlung am Gallegos.
Das große, plumpe Boot schießt rauschend durch grüne Wogen. Die Sonne brennt, und der schmale Schatten des Fahrzeugs läuft neben uns her.
Kanal auf Kanal zwischen hohen Felsenmauern entschwindet. Auf den Riffen liegen die Seehunde, plumpsen ins Wasser, tauchen wieder auf. Möwenschrei begleitet uns, und die Stunden zerrinnen zu ungewisser Zeitspanne. Der Sonnenball sinkt, rote Lohe färbt die Felszacken, und der Wind schläft ein.
Noch ein letzter Kanal, und vor uns liegt die Unendlichkeit des Stillen Ozeans, dessen milde Luftmassen uns die braunen Wangen streicheln. Links, nach Süden, eine steile zerklüftete Insel mit vorgelagerten Klippenreihen, die ungeheuren Zaunpfählen gleichen, oben weiß betupft vom Unrat der Seevögel … Eine Insel mit einem seltsamen Berge, der einem Menschenkopfe gleicht – eine höllische Fratze: Mephisto mit Zickelbart und Hörnern!
Zwischen Steilufer und den granitenen Zaunpfählen eingeklemmt eine große, graue Brigg, die Masten stolz gereckt, die Segel regelrecht beschlagen.
Meine sieben Araukaner rudern wie die Teufel. Sind Fischer, Schafzüchter, Strandpiraten, sind Männer mit eisernen Muskeln und Nerven, denen Kugel und Messer locker sitzt, und doch Kinder in ihrer urwüchsigen Unbefangenheit.
Chubur stößt den schrillen Jagdruf seines Volkes aus, und der Schrei weckt vielfache Echos.
An Bord drüben keine Seele.
Ich spähe durch das Fernglas, ich freue mich des Anblicks des schnittigen Schiffes.
Wir nähern uns. Das Heck ist uns zugekehrt. Eine Strickleiter baumelt herab, und plötzlich erscheint über der Reling ein schwarzer, langhaariger Hundekopf. Das Tier blafft kläglich und verschwindet.
Ich klettere langsam empor. Chubur hält die Strickleiter straff. Meine Zähne beißen in den Kolben der entsicherten Pistole.
Aber sie ist hier überflüssig. Im roten Wiederschein des Abendhimmels sehe ich den schwarzen Pudel auf den Deckplanken liegen, zum Sterben matt. Er bewegt freudig die Rute, will sich erheben, fällt zurück. Er ist nach Löwenart geschoren, und seine Rippen drängen sich durch die Haut wie die Spanten eines Leinwandkanus. Er hat gehungert, gedurstet – wie lange schon?!
Chubur erscheint neben mir, und die anderen Gefährten eilen hierhin, dorthin. Eine halbe Stunde drauf ist der Hund gesättigt und getränkt und weicht mir nicht von der Seite.
Die Brigg ist festgeklemmt zwischen den Klippen. Die haushohe Brandung tobt draußen am vorderen Riffkranz. Hier plätschern nur träge kleine müde Wellen.
Das Schiff ist leer. Es hat keinen Namen, keine Papiere, keine Besatzung. Der Name am Bug ist ausgekratzt. Sorgfältig hat man alles entfernt, was auch nur auf die Nationalität der Brigg hinweisen könnte. Im Laderaum nur Ballast, aber die Kajüten, das Mannschaftslogis vorn tadellos sauber und behaglich.
Wir acht sitzen in der Kajüte des unbekannten Schiffes und schmausen und zechen und werfen dem Pudel leckere Happen zu.
Der schwarze Pudel trägt ein Lederhalsband mit Messingplatte mit der Gravierung:
G. R. – s. l. E. 1926.
Auch das besagt nichts.
Chubur ergeht sich in seinem unmöglichen Kauderwelsch von Spanisch, Englisch und Französisch in phantastischen Vermutungen über die verlassene Brigg, die tadellos imstande ist.
Ich rauche eine der noch tadelloseren Zigarren des Kapitäns und sinne vor mich hin.
„Wir werden die Brigg nach Valdivia bringen,“ schlage ich vor.
Meine indianischen Freunde machen Gesichter wie Masken aus Stein. Ihre Strandpiratennatur wünscht die Reichtümer des Schiffes für die Siedlung am Gallegos. Für die Araukaner sind die Möbel der Kabinen, die Herde der Kombüse, die Aluminiumkessel und alles andere ein Vermögen. Obwohl sie über Schätze verfügen könnten, die, anderer Art, nun in den eisigen Höhen und Höhlen naher Gebirgskämme ruhen, für immer versperrt für fremde menschliche Hände. Dabei starb mein Coy, und was ich vor diesem Buche schrieb, hieß „Mein Freund Coy“. Heute schreibe ich nicht mehr auf elendem fasernden Papier, das durch lange Tagesritte beschafft werden mußte, heute habe ich echte gute Tinte und sogar mehrere Schreibmaschinen und ich sitze in einem der Wundergemächer der Insel von Stahl, und durch das dicke Glasfenster glotzen bunte Fische herein, zuweilen auch ein neugieriger riesiger Menschenhai, der seine Nase an der Glasplatte reibt und auf mein Manuskript zu blicken scheint. Und zu meinen Füßen liegt Ramses, der schwarze Pudel, wieder einziger Gefährte meiner Einsamkeit, nachdem das Glück mir wie ein Nebelreif entwichen ist.
… Abseits vom Alltag lebe ich wieder, mehr denn je … Einsamer bin ich, mehr denn je, und die Insel ist meine neue Heimat geworden. Aber bis zu dieser Insel hin ist’s ein weiter, seltsamer Weg voller Hindernisse, und meine Feder streikt, wenn ich daran denke, daß all diese weißen Bogen mit dem in der linken Ecke schimmernden blaßroten Druck noch gefüllt werden sollen … –
Chubur erklärte im Namen der anderen, nachdem er ihre ablehnenden Züge flüchtig studiert hatte:
„El Gento, Brigg Strandgut sein. Strandgut gehören uns … So sein. Wozu Valdivia, wozu lange Reise?! El Gento in Valdivia nur finden Polizei, Soldaten. Das nicht gut sein.“
Er grinste vielsagend.
Ich verstand seine Anspielung. Ich, Olaf Karl Abelsen, Ingenieur einst, aber noch immer belastet mit der Tücke eines Steckbriefes, als geflüchteter angeblicher Mörder, würde vielleicht in Valdivia die Mauern einer Zelle wieder kennenlernen mit Wanzen und Flöhen und Gefängniskost.
„Mich hat die Welt vergessen, Chubur, und diese neue Brigg aus Eisen ist ein Vermögen wert. Sie zu zerstören oder hier ausgeplündert verrosten zu lassen, widerstrebt mir. Wir werden für das Geld, daß sie uns einbringt, mehr kaufen können, als ihr ahnt, ein anderes Schiff und alles, was euer Herz sich wünscht. – Wir segeln …!“
Chubur knurrte ärgerlich. „Wann fahren?!“
„Sofort …! – Einer von uns kehrt mit dem Segelboot zum Gallegos zurück und meldet, daß wir anderen etwa drei Wochen fernbleiben werden.“
Dabei bleibt’s … Samsor, fast ein Greis, verabschiedet sich. Unser Boot gleitet mit ihm davon.
Wir bringen dann das kleinste der drei Boote der Brigg zu Wasser und legen eine Stahltrosse um die äußerste Klippe. Die Ankerwinde mit ihrem Motor pufft, die Trosse spannt sich straff, und als eine Woge das Schiff rüttelt, löst es sich durch die Kraft der Trosse aus seinem steinernen Dock und erreicht offenes Meer.
Die Brigg hat einen Sechszylinder-Hilfsmotor, amerikanisches Fabrikat. Brennstoff ist in Fülle da, und die peitschende Schraube führt uns durch die Brandung hinaus in die Weite des Pazifik.
Meine sechs Araukaner spielen Matrosen. So bin ich nun Kapitän eines namenlosen Schiffes, dessen Segel im matten Wind die Treibkraft der Schraube unterstützen.
Nach Norden geht’s. Immer nach Norden. Um Mitternacht lege ich mich schlafen. Chubur steuert. Zwei Mann wachen. – Um sieben, als längst die Sonne über der Brigg gleißt, trete ich verschlafen an Deck. Mein Blick irrt gen Osten. Dort müßte die Küste sichtbar sein. Ich sehe nichts. Ringsum ist nur offenes Meer, die freie, endlose See und die milde Wärme dieses Riesenteiches, der zwei Kontinente trennt.
Am Steuer hinter dem Kajütaufbau finde ich Chubur. Er hockt auf den Planken und schnarcht. Neben ihm liegt eine leere grünliche Flasche mit verlockender Etikette. Chubur verbreitet um sich einen intensiven Duft nach Schnaps. Das Steuer ist festgebunden, und der Kompaß belehrt mich, daß die Brigg nordwestlichen Kurs läuft …
Ein Fußtritt … Chubur schnellt hoch, taumelt, stiert mich aus rotgeäderten Augen an. Schuldbewußt, aber kopfschüttelnd löst er das Tau vom Steuer und redet allerlei, das mein Zorn nicht besänftigt.
Ich gehe mit dem Pudel, der mir auf Schritt und Tritt folgt, nach vorn, während Chubur mit einem riesengroßen moralischen und physischen Kater seine Pflicht als Steuermann erfüllt und die Brigg wieder gen Norden führt.
Und hier am Bug neben der Ankerwinde?!
Die Zornesröte steigt mir heiß ins Gesicht. Die beiden Wachen liegen betrunken am Boden …
Meine Stimme überschrillt die braunen Köpfe. Blöde Blicke starren mich an. Die beiden Araukaner haben mich von der Seite noch nie kennengelernt. Meine Vorwürfe sind berechtigt. Wenn auch diese Meeresbreiten wenig besucht sind, so hätte uns doch der dreckigste Guanodampfer in den Grund bohren können. Die Positionslaternen brannten nicht. Wer hatte sie gelöscht?! Wann haben Chubur und diese beiden Pflichtvergessenen die Whiskybuddeln geleert?!
„Wer löschte die Lichter?!“
Aber Chubur, Bild des Elends, kämpft gegen den rebellischen Magen, springt zur Reling, und sein Magen krempelt sich um. Dann sackt er hilflos in sich zusammen. Ein flehender Blick trifft mich, sein Gesicht ist aschgrau, und der Schweiß läuft ihm unter dem verwitterten Filz hervor. Er gleicht einem Sterbenden, und seine blauen Lippen, das Zittern seines Unterkiefers und das gräßliche Klappern der Zähne deutet auf mehr als nur Folgen überreichlichen Alkoholgenusses.
Ich schleppe ihn in die Kajüte, und er, der noch nie in seinem Leben Medikamente geschluckt, macht Bekanntschaft mit dem Inhalt des Medizinschranks der Brigg. Den beiden anderen geht’s ähnlich, aber ihre Pferdenaturen überwinden die bedrohliche Herzschwäche, und nach zwei Stunden schlafen sie und röcheln nicht mehr …
Chubur hat mir noch versichert, er habe lediglich die halbe Flasche ausgetrunken, und die beiden anderen schwören bei allerhand Heiligen, daß auch sie nicht so viel Feuerwasser sich eingepumpt, um in solchem Zustand zu geraten. Bestimmt hätten sie die Positionslaternen nicht gelöscht, und es sei mitten in der Nacht gewesen, als unüberwindliche Schlafsucht sie niederzwang.
Wir vier, die wir frisch und munter geblieben, haben alle Hände voll mit der Brigg zu tun. Der Wind bläst scharf, und das Schiff beweist, daß es seine vierzehn Knoten schafft.
Ich lehne am Steuer, und langsam gewinnt das Mißtrauen bestimmtere Formen und wird zum Verdacht.
„Chanaf!“ rief ich den Jüngsten herbei. „Chanaf, geh’ in den Raum hinab und durchsuche jeden Winkel, vergleiche auch die Dicke der Zwischenwände, ob irgendwo Platz für eine Geheimkammer. Es muß noch jemand außer uns und dem Hunde an Bord sein.“
Chanafs schlanke sehnige Gestalt taucht in der Vorderluke unter, deren Deckel er hochgestützt hat. Der Pudel schnüffelt auf dem Deck umher, zeigt seltsame Unrast, macht an der Luke halt und bellt hinab.
Oben in den Wanten hängen meine anderen beiden Matrosen, und knallend entfalten sich neue Segelflächen, die Brigg neigt sich, das Bugwasser schäumt und lärmt, und der Luftzug glättet meine faltige Stirn.
Vielleicht, sage ich mir, ist mein Verdacht doch unbegründet … Vielleicht war der Whisky eine Sorte jenes Teufelsgesöffs, das die Spritschmuggler den ausgedörrten Kehlen der trocken gelegten Yankees andrehen …
Dann überlasse ich das Steuer dem Riesen Manik, und beim Frühstück in meiner Kapitänskajüte überdenke ich das Rätsel der namenlosen neuen Brigg. Daß sie absichtlich von der Besatzung verlassen wurde, ist wohl gewiß. Weshalb aber?!
Mein Blick hängt an dem tadellosen Schiffschronometer, der leise tickt – ein Kunstwerk: Er zeigt auch Tage, Monate und Mondphasen an.
Darunter hängt das Barometer an der polierten Wand.
Die Uhr geht noch. Schiffsuhren pflegen für acht, vierzehn, auch dreißig Tage Gang eingerichtet zu sein. Ich erhebe mich und nehme den Uhrschlüssel und ziehe den Chronometer bedächtig auf. Ich kann den Schlüssel fünfzehn Mal drehen. Wann mag die Uhr vorletzt aufgezogen worden sein? Wie lange kann ein Hund ohne Wasser und Nahrung bestehen? Wann hat die Besatzung das Schiff preisgegeben?
Ich streichele den Kopf des Pudels, der soeben durch die offene Tür hineingekommen ist und sich an meinen Knien gescheuert hat.
Chanaf erscheint. „Nichts, El Gento,“ meldet er. „Nichts … Nicht einmal Ratten …“
Mittags stehe ich mit Chubur, der wieder bei Kräften, am Steuer …
„Chubur, wir müssen nachts sehr weit nach Westen abgetrieben sein. Die Küste ist noch immer nicht wieder in Sicht.“
Er nickt. Sein zerknittertes wildes Gesicht zuckt. Seine Wangenmuskeln spannen sich, entspannen sich. Wenn Chubur diese Freiübungen sich leistet, pflegt er scharf zu überlegen.
„El Gento,“ platzt er heraus, „ich nicht haben festgebunden nachts das Steuer … Ich schwören. Sein noch Mann an Bord … Sein versteckt … Werden nachts aufpassen, wir beide …“
Bis zur Dunkelheit geschieht nichts. Die Brigg segelt wie der Teufel. Aber die Küste ist noch immer nicht in Sicht.
Ich verteile die Wache. Von elf ab übernehme ich das Steuer, und Chubur wird vorn wachen.
Die Stunde ist da. In meiner Tasche des Lederrocks steckt die entsicherte Pistole. Der Mond leuchtet, und der Pazifik beschert mir eine traumhaft schöne Stunde. Ich lehne am Rade, zu meinen Füßen liegt der Pudel und schläft. In Lee gleitet ein Dampfer vorüber. Seine Rauchfahne zerflattert, seine Lichter grüßen und entschwinden.
Und mir kommen die Erinnerungen an Coy Cala, den die meuchlerische Kugel dahinraffte – an Nächte mit ihm in der Pampas auf jagenden Pferden … an Lagerfeuer, über denen eine Hirschkeule brozelte, an Coys kühne, herrische Augen … Mein Herz wird schwer. Zwei Wochen – da begruben wir ihn, den letzten Sproß des königlichen Geschlechts der Araukanerherrscher – ihn, den schlichten ehrlichen stinkenden Fischer und Jäger.
Wie Nebel umwölkt’s meinen Blick, der auf den erleuchteten Kompaß gerichtet ist.
Tiefe Müdigkeit löst mir die Glieder, eine unwiderstehliche Macht drückt mich zu Boden …
Als ich erwache, ist Chanafs Gesicht dicht über mir, und die Sonne scheint, und ich fühle mich zum Sterben elend.
Stundenlang kämpfe ich gegen immer wiederkehrendes Schwindelgefühl, und Chubur geht’s nicht anders. Dann schlafe ich ein, werde mittags munter und ziehe mich an und taste mich matt an Deck.
Chanaf deutet auf unseren Hund, der im Schatten der Reling liegt – mit offenem Maul, heraushängender Zunge und keuchender Brust.
„Steuer wieder festgebunden war,“ sagt Chanaf. „Hund auch krank … Lichter waren gelöscht.“
Ich nickte nur. Jetzt weiß ich: Wir sind nicht allein an Bord! Hier ist außer uns noch jemand, der ein höllisches Gas benutzt. Wir sind betäubt worden. Und der es tat, hatte die Brigg nachts wieder nach Nordwest gesteuert.
Wohin?! Wozu?! Wer?!
„Chubur,“ sagte ich zu dem braunen Freunde, der auf dem Sofa der Kajüte sitzt und so schrecklich jämmerlich dreinschaut, „Chubur, wir müssen schlau sei … Der, der uns betäubte, strebt einem bestimmten Ziele zu. Fassen wir ihn ab, so werden wir dieses Ziel nie kennenlernen …“
Er schlürft seinen Tee und kaut ohne Appetit an dem Bratenstück. Die Brigg ist glänzend verproviantiert. Der Trinkwasserbehälter noch halb voll. All das reicht noch für Monate.
„Was tun, El Gento?“
„List gegen List … In der kommenden Nacht müssen die Wachen und der Steuermann, sobald sie das Gas spüren, sobald die Müdigkeit beginnt, langsam umsinken, bevor sie das Bewußtsein verlieren. Dann werden sie ja sehen, wer hier die Possen treibt, aber sich nicht rühren.“
Chubur grinst tückisch: „Ich dabei sein, El Gento …“
„Gut … Um elf Uhr werden wir beide wieder die anderen ablösen.“
Auch der Pudel hat sich erholt. Dennoch – er liegt in der Kajüte und verweigert Speise und Trank und schläft. Ihm ist die Nacht noch schlechter bekommen als uns.
Nun senkt sich neue Dämmerung über den Pazifik. Im Westen glüht der Horizont in feuriger Lohe, die Sonne schwindet, und die grellen Farben am Himmel mildern sich zu tiefem Violett. Die Nacht ist da.
Wir sieben, die wir hier auf dem namenlosen Schiff unbekanntem Ziele entgegensteuern, fühlen den Nervenkitzel des fremdartigen Abenteuers bis in die Fingerspitzen. Meine Araukaner sind aus dem Dämmerdasein ihres Alltags am Gallegos aufgepeitscht und wittern Blut, als ob es in den Pampas zur Pumajagd ginge. Ihre Nüstern vibrieren, sie gehen einher mit zugekniffenen Augen und angespannten Muskeln. –
Diesmal steht Chubur um elf Uhr am Steuer, und ich hocke vorn auf dem Deckel der Großluke und rauche und spüre mit geschärften Gedanken diesen dunklen Dingen nach.
Wolkenfetzen fegen über die Gestirne. Der Mond scheint matt durch ziehendes Gewölk.
Was wird geschehen?!
Wir haben tagsüber den Nordwestkurs beibehalten, nur jetzt steuert Chubur wieder Nordost, um den zu täuschen, der … kommen wird.
Der Wind pfeift unheimlich hohl in der Takelage. Drückende Schwüle treibt Schweiß aus den Poren, beengt die Brust und läßt das Herz hämmern. Wir müssen in diesen drei Tagen recht weit nördlich gelangt sein – wie weit, ist kaum abzuschätzen. In diesen Breiten gibt es jedenfalls keine Schiffsroute. Den ganzen Tag sahen wir auch nicht ein einziges Fahrzeug.
Ich bin allein, nicht einmal der Hund ruht neben mir. Armer Kerl – ihm geht’s in Wahrheit hundeelend.
Im Westen schiebt sich eine schwarze Wolkenwand hoch. Greller Schein leuchtet über sie hinweg, und bald zeigen die Blitze ihre zackige Feuerbahn, tiefes Grollen faucht über die See, und die Finsternis verschluckt alles. Nur die Wogenkämme nahen wie weiße Striche … gleiten vorüber … neue kommen … ein Spiel ohne Unterlaß.
Wir fliehen vor dem Gewitter, das langsam verklingt.
Und da – es mag Mitternacht sein – spüre ich wieder die Nebel vor den Augen …
Also doch!!
Ich rutsche vom Lukendeckel, täusche Anstrengungen vor, mich aufzurichten, wälze mich auf die Seite, halte den Atem an und liege still. Wenn Chubur ebenso gut Komödie spielt, werden wir heute wohl den Burschen zu Gesicht bekommen, der uns das geruchlose Gas irgendwie ins Gesicht bläst. Nur schade, daß diese Finsternis so wenig erkennen läßt … Ich blinzele durch die vorsichtig zugekniffenen Lider und atme behutsam. Ich höre das Gleiten eines Körpers, höre Stimmen …
Und beiße mir auf die Lippen …
Täuschung?! Ein Weib?
„… Erst ihn, Hiruto … Wo hast du die Stricke?“
Oho – – Stricke?! – Das ist gegen das sonstige Programm!
Dieselbe Stimme flüstert:
„Er ist der letzte, Hiruto … Wir haben gewonnenes Spiel …“
Ich begreife sofort: In dieser Nacht soll es uns ernsthaft an den Kragen gehen! Wir müssen also dem Ziele wohl recht nahe sein.
Eine Hand fährt mir den Arm hinab, eine andere will mich auf den Rücken legen …
Wenn ich nicht ein volles Jahr mit Coy Cala die Pampas durchstreift und im schwankenden Boot gegen Sturm und Wogen gekämpft hätte, wären meine Fäuste kaum zu Schmiedehämmern geworden.
Ich schnellte empor, zwei Schreie, zwei blitzschnelle Schläge, der eine gegen ein menschliches Kinn, der andere gegen eine weiche Brust – – noch zwei Hiebe, und zwei Gestalten poltern auf die Planken.
„Chubur!!“
Er kommt herbei …
Er bückt sich … Ich bücke mich, schnüre dem einen die Hände zusammen, schleife meine Beute in die Kajüte …
„Chubur – zurück ans Steuer!!“
Die Brigg schlingert, die Segel knallen, aber sie kommt wieder in Fahrt, und ich hole mir den zweiten Burschen, mache in der Kajüte Licht und mustere die Gefangenen.
Herr Hiruto ist ein kleiner, magerer Japaner im blauen fleckigen Heizeranzug, ein älterer Kerl mit einem von Falten zerkerbten Gesicht. An seinem Kinn rinnt Blut herab, seine Unterlippe ist eine dicke blaue Pflaume geworden, über der ein halb herausgeschlagener Zahn an einem Gaumenfetzen baumelt.
Dann der zweite …
Wenn ich die helle, weiche Stimme nicht gehört hätte, würde mich dieses mit Kohlenruß und Öl beschmierte Gesicht, diese dreckige, fest ins Genick gezogene Kappe und dieser Heizeranzug, der viel zu weit, wohl getäuscht haben, da auch die Hände ebenso schwarz hergerichtet waren.
Ich ziehe ihr die Kappe ab, und blondes Haar quillt hervor, Frauenhaar, natürlich gewellt, kurz geschnitten, ein reizender Bubikopf.
Meine Freunde am Gallegos haben mich El Gento getauft, haben das Wort Gentleman auf ihre Art verstümmelt und mich so geehrt: El Gento!
Ich besinne mich auf Kavalierspflicht auch einer Feindin gegenüber, hebe die Blonde auf das Sofa und empfinde etwas wie Reue, daß ich so derb zugeschlagen habe.
Chubur taucht da in der Tür auf. Die Neugierde hat ihn das Rad festbinden lassen. Er wirft einen Blick über den Japaner und stiert die Blonde erstaunt an. Dann verschwindet er wieder, macht nur eine Handbewegung, die mir andeuten soll, daß er zwei gutsitzende Messerstiche in diesem Falle für das einzig richtige Verfahren hielte.
