Das Patenkind - S. Remark - E-Book

Das Patenkind E-Book

S. Remark

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Beschreibung

Die Novelle thematisiert die fließenden Grenzen zwischen Verführung, Liebe und Missbrauch sowie den Prozess der Realisierung, Reflexion und Verarbeitung. Teil I: Als Dreizehnjährige lernt Stefanie im konservativ-katholischen Sauerland Pater Konrady kennen und ist von Anfang an fasziniert von ihm. Der wesentlich Ältere vermag ihr zu geben, was sie bei Familie und Freunden vermisst: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit. Auch er genießt ihre kindliche Begeisterung, den Zauber ihrer Jugend und die Anbindung an ihre Familie. Mehr und mehr gelingt es ihm, die Heranwachsende in seinen Bann zu ziehen. Intern wird er zu ihrem Liebeslehrer, extern sie zu seinem sogenannten Patenkind. Das Ergebnis: gesellschaftliche Akzeptanz, vor allem im streng-religiösen Elternhaus. Teil II: Als über Vierzigjährige wird Stefanie erstmals bewusst, was damals mit ihr geschehen ist. Sukzessive stellt sie sich der schmerzhaften Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Rot, zerknittert und zart: die Mohnblume.

Sie ist die Blume des Augenblicks: im Sommer

eine wahre Pracht auf den Feldern - wird sie

gepflückt, ist die Herrlichkeit bald vergangen.

Mohn galt schon immer als Zauberpflanze.

Sie symbolisiert einerseits Jugend, Verführung

und Leidenschaft,

andererseits aber auch Rausch, Illusion und

Gedenken.

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil: Jugend, Verführung, Leidenschaft

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Zweiter Teil: Rausch, Illusion, Gedenken

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

ERSTER TEIL: JUGEND, VERFÜHRUNG, LEIDENSCHAFT

1

1988. Ich war dreizehn, verträumt und lebensfroh. Meine Schule, ein Gymnasium auf einem im Sauerländer Wald idyllisch gelegenen Hügel, nannte man Kloster, weil sie von Patres geleitet wurde. Donnerstagmorgens gab es dort Schulgottesdienste, mehrmals im Jahr sonntags einen Jugendgottesdienst. Dieser wurde von mehreren Schülern und einem der Patres gemeinsam vorbereitet - diesmal mit Übernachtung im ehemaligen Internatstrakt der Klosterschule.

Wir waren in großen Schlafsälen untergebracht, die den Charme der sechziger Jahre versprühten: Grüne, abgeschabte Metallbetten mit durchgelegenen Matratzen standen ordentlich aufgereiht, von bräunlichen Nachttischen durchtrennt, in einem von Neonröhren kaltweiß beleuchteten Raum. Große Waschräume befanden sich gleich nebenan. Das Internat gab es nicht mehr. Diese Form der katholischen Erziehung von Knaben, die auf den Priesterberuf vorbereitet werden sollten, hatte sich überlebt. Mein Vater war auch hier gewesen. Doch hatte er zu früh eine eigene Meinung gehabt, und war deshalb - sehr zum Leidwesen meines Großvaters - nicht als Priester in Frage gekommen.

Ab der achten Klasse durften wir bei der Jugendgottesdienst-Vorbereitung dabei sein und im Kloster übernachten. Abends waren meine Freundin und ich schon früh müde. Wir verabschiedeten uns nach getaner Arbeit von den anderen, um uns im Bett zu unterhalten. Die älteren Schüler blieben noch im Raum sitzen. Für sie begann der gemütliche Teil des Abends erst. „Kommt, ich zeige euch euer Quartier!“, bot Pater Konrady freundlich an. Wir folgten ihm und fühlten uns geehrt, als er wiederkam, nachdem wir uns zum Schlafen fertig gemacht hatten. Er schien zu spüren, dass uns die vielen Gänge und Stockwerke, die seit Jahren leer standen, unheimlich waren. „Es ist wohl das erste Mal, dass ihr nicht zu Hause schlaft, oder?“, meinte er. „Wenn ihr wollt, leiste ich euch noch Gesellschaft und erzähle euch etwas über das Internat.“ Wir nickten begeistert - war es doch eine seltene Gelegenheit, unseren Religionslehrer außerunterrichtlich zu erleben. Es wurde ein lustiger Abend. Wir bekamen vieles über das ehemalige Jungen-Internat erzählt und tauten beide richtig auf. „War das jetzt so ähnlich, wie euch eure Eltern zu Hause auch ins Bett bringen oder habt ihr noch einen Wunsch?“, fragte Pater Konrady lächelnd. Keck sagte ich: „Manchmal bekomme ich noch eine Rückenmassage!“ „Kein Problem, Stefanie, das kann ich auch!“ meinte er, setzte sich hinter mich auf das alte Internats-Bett und fuhr mit seinen Fingern meinen Rücken auf und ab. Es fühlte sich gut an. Wir unterhielten uns weiter und es war angenehm, seine warmen Hände auf meinem Schlafanzugoberteil zu spüren. Er konnte das wie ein richtiger Masseur: Zuerst knetete er meine vom Sitzen verspannte Nackenmuskulatur, arbeitete sich vor zu meinen Schultern und walkte alle Partien meines Rückens ordentlich durch, während wir uns mühelos weiter unterhielten. „Ist es okay, wenn ich auf der Haut weiter mache? Die Schlafanzugfalten sind immer im Weg“, kam es nach einer halben Stunde von hinten. Ich nickte, tat es doch einfach zu gut. Vorsichtig hob er mein Oberteil hoch und schob seine warme, weiche Hand darunter. Leicht kitzelnd arbeitete er weiter und fuhr meinen Rücken behutsam auf und ab. Ich schnurrte wie ein Kätzchen und genoss die Aufmerksamkeit, die ich zu Hause mit zwei kleineren Geschwistern nicht in diesem Ausmaß bekam. Der Schlafanzug war weit und ich spürte genau, wie sich seine Finger in immer kleiner werdenden Kreisen vorwärts bewegten, an meinem Oberarm entlang fuhren und die Konturen meines Rückens genau nachzeichneten. Jetzt war er von hinten fast unter meiner Achsel und glitt langsam an meinen Rippen entlang. Irgendwie hatte ich ein seltsames Gefühl. Unter meinem Schlafanzugoberteil hatte ich nichts mehr an. Seine Hände schienen genau die Grenze zu fühlen, über die ich nachdachte. Sie blieben aber dahinter.

2

In der Zeit danach beobachtete ich ihn. Im Schulgottesdienst fiel mir auf, dass er - im Unterschied zu den anderen Patres - immer abseits vom Altar stand. Wurde er nicht gemocht, nicht integriert von den anderen? Mein Mitleid war geweckt. Ich gab mir besondere Mühe in seinem Unterricht, meldete mich oft, wollte ihn froh machen.

Eines Nachmittags kam eine andere Freundin zu Besuch. Sie hatte ihr Rad dabei und wir kamen auf die Idee, zum Kloster zu radeln. Ob wir den Berg dort hoch schaffen würden? Klar, wir hatten neue Räder mit Gangschaltung bekommen. Meine Eltern erlaubten uns die Tour und so fuhren wir motiviert die vielen Kurven hinauf, die uns morgens im Schulbus gar nicht so steil vorkamen wie nun auf dem Fahrrad. Als wir endlich angekommen waren, hatten wir hochrote, überhitzte Köpfe. So klingelten wir an der Klosterpforte. Ein uns unbekannter Pater öffnete. Er unterrichtete nicht in der Schule und schien sich gestört zu fühlen. Schüchtern fragten wir nach dem Einzigen, der uns in den Sinn kam: „Ist Pater Konrady da? Wir möchten ihn gern besuchen.“ - „Er joggt gerade. Vielleicht habt ihr Glück und trefft ihn in der Nähe der Turnhalle.“ Hinter der Schulturnhalle befand sich ein kleiner, von den Biologielehrern zu Lehrzwecken angelegter Teich. Dorthin schoben wir unsere Räder. Als wir hinter der Halle um die Ecke bogen, stand Pater Konrady tatsächlich da.

Zum ersten Mal sah ich ihn, der sonst nur grau oder schwarz trug, in verwaschenen Blue Jeans und dunkelblauem Polohemd mit Sportschuhen an den Füßen. Unter dem Poloshirt zeichnete sich ein kleiner, sympathischer Bauchansatz ab. Erhitzt waren wir alle: er vom Joggen, wir vom Radfahren. Lächelnd sah er uns an. Seine Augen blitzten. Er freute sich, dass wir ihn besuchten. Scheinbar passierte das nicht oft. „Kommt mit in die Küche! Dort gibt uns die Köchin etwas Kühles zu trinken.“ Es gab herrlich kalten Sprudel. Tat das gut! „Wart ihr eigentlich schon in der neuen Bibliothek, die von Pater Hermann betreut wird?“, fragte Pater Konrady. Da wir verneinten, bekamen wir eine Exklusiv-Führung durch die vielen Klostergänge - hin zu einem großen, gut sortierten Raum, angefüllt mit Büchern. Dort trafen wir den alten Pater Hermann, der uns erklärte, wie wir mittels alphabetisch sortiertem Zettelkasten den Standort eines Buches ausfindig machen konnten. Nach der Führung bedankten wir uns und radelten mit dem erhebenden Gefühl, jemandem eine Freude gemacht und etwas von der fernen Welt des Klosterlebens erfahren zu haben, nach Hause.

3

In seinem Unterricht strengte ich mich an. Seine Fächer fielen mir nicht schwer. Lernen konnte ich gut: Seit ich zwei Jahre alt war, hatte ich mühelos Lieder und Gedichte auswendig lernen können. Heimatlieder waren das, angefangen bei „Nun ade, du mein lieb Heimatland“ bis hin zu Seefahrtsliedern wie „Wir lagen vor Madagaskar“. Mein Vater, ein passionierter Sänger im örtlichen Männergesangverein, hatte meinen beiden Geschwistern und mir auf unseren mittäglichen Spaziergängen durch Wald und Wiesen viel Kulturgut beigebracht. Das geschah nicht immer zu unserer Freude. Auf unseren langen Urlaubsfahrten zur Ostsee beispielsweise sollten wir den Fahrer unterhalten. Das hieß: Wir mussten mit Hilfe von kleinen, hellblauen Liederbüchern mindestens zwei Stunden Reisezeit überbrücken. Im Urlaub ging es dann mit Strandkonzerten weiter. Mein Vater begleitete uns Kinder, die wir Liederzettel an die uns umgebenden Strandkorb-Nachbarn verteilen und vor allem kräftig mitsingen mussten, auf einer Mundharmonika. Zu seinem Leidwesen war ihm in seiner Jugend kein anderes Instrument ermöglicht worden, weil bei sieben Kindern die finanziellen Mittel äußerst begrenzt waren. Da wir diese Zeit der Armut in den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht miterlebt hatten, konnten wir nicht ahnten, dass diese Lieder meinem Vater beim Kühe-Hüten oder bei der Feldarbeit zu wahren Seelentröstern geworden waren. Für ihn verkörperten die Melodien mit heiter-leichtem Inhalt jugendliche Beschwingtheit. Sie besaßen die Kraft, in dem Moment des Singens alle Sorgen einfach aus dem Kopf zu fegen. Uns jedoch nervten die Strandkonzerte gewaltig, was wir auch zum Ausdruck brachten. Doch mein Vater ließ sich nicht beirren: Zu Hause wie am Strand war sein Wille Gesetz und alles hatte so abzulaufen, wie er es angeordnet hatte. Widerworte gab es nicht. Kinder mussten gehorsam sein. So einfach war das - auch, wenn ich dreizehn war und das Ganze mehr als peinlich empfand.

Mit der Religion verhielt sich die Sache genau so. Sonntags morgens gingen wir zur Kirche, manchmal nachmittags noch zur Andacht. Dienstags war Abendmesse in unserem kleinen Dorf, das nur aus vier Straßen bestand. Dabei durften wir nicht fehlen. Das fiele sonst jedem auf - meinte meine Mutter. Meist ging sie mit uns dorthin. Das Wichtigste für sie war, dass wir ordentlich aussahen und uns dem Anlass entsprechend benahmen. Das hieß: Eine Stunde oder länger still sitzen, knien, beten, singen - und das Ganze wieder von vorn. Schon früh kannten wir alle Gebete auswendig. Bei den Liedern konnte ich schon anhand der vorn am Altar angezeigten Nummer ohne im Gesangbuch nachzuschauen innerlich sagen, welches Lied als nächstes gesungen wurde. Sehen und gesehen werden: Nach dem Gottesdienst gab es immer noch ein gepflegtes Zusammenstehen vor der Kirche, das wir langweilig fanden und deshalb als überflüssig ansahen. In der Pubertät protestierten wir gegen den ständigen Kirchbesuch. Ich hatte keine Lust, mich sonntags morgens beeilen oder freitags nachmittags zu Wallfahrten und Kreuzwegen gehen zu müssen, wenn ich doch schon donnerstags morgens im Schulgottesdienst gewesen war. Daran mussten alle Schüler bis zur neunten Klasse in der ersten Stunde teilnehmen. Schwänzen gab es nicht. Man wurde von den Aufsicht führenden Lehrern in der Schultoilette aufgegabelt und zum Gottesdienst gebracht: Klosterschule, den alten Traditionen verpflichtet.

Zu Hause gab es auch kein Schwänzen. Vorgerechnet wurde uns: „Eine Woche hat hundertachtundsechzig Stunden. Davon könnt ihr doch eine Stunde für Gott aufbringen!“ Für mich stimmte diese Aussage so nicht, denn mit allen anderen Messbesuchen kam ich auf mindestens vier Stunden - ohne Morgen-, Mittag- und Abendgebete. Die gehörten bei uns in der Familie ebenfalls zum Tagesprogramm. Wenn sich meine Mutter gar nicht mehr zu helfen wusste, endete die Diskussion mit folgendem Satz: „Wenn du nicht mitgehst, bin ich traurig.“ Traurig sehen wollte ich sie nicht. Also ging ich widerwillig mit zur Kirche - auch, damit es keinen Ärger gab. Den spürte man sonst ziemlich deutlich beim Mittagessen. Die ganze Atmosphäre war in solchen Fällen emotional hoch aufgeladen, kein falsches Wort durfte fallen.

Mein Bruder provozierte deutlich mehr als ich und bekam den Zorn meines Vaters deshalb oft zu spüren. In seiner Pubertät führte das dazu, dass er beim Mittagessen gar nicht mehr sprach, sich lange Haare wachsen ließ, zum Leidwesen meiner Eltern rauchte und Mitglied einer Rockband war. Mit siebzehn fuhr er ohne Führerschein und ohne Wissen meiner Eltern Auto und verursachte einen Totalschaden. Damals fand ich ihn anstrengend, weil mir die Schimpftiraden meiner Eltern auf die Nerven gingen. Heute denke ich: Warum habe ich nicht auch stärker rebelliert? Für meine Entwicklung und für meine Persönlichkeit wäre das wichtig gewesen. Leider überwog bei mir das Gefühl, gegen meine Eltern sowieso nicht ankommen zu können. Zudem scheint es oftmals das Los des ältesten Kindes zu sein, sich anzupassen und funktionieren zu müssen.

Was mir Zuhause, in unserem kleinbürgerlichen Dorf, in der Schule und überhaupt in meinem Leben als Jugendliche fehlte, war: Freiraum! Und die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen treffen zu dürfen. Alles war eng und wurde vorgegeben. Außerhalb des gesetzten Rahmens durfte man, durfte ich mich nicht bewegen. Elternhaus, Schule, Kirche - all` das waren in meinem Fall Systeme, die schnell Grenzen setzten, Verbote aussprachen, Verhalten sanktionierten und Themen unausgesprochen ließen.

4

Eines dieser Themen war Sexualität. Darüber sprach man nicht. In unserer Familie gab es zum Beispiel keine Wörter für die Genitalien. Bei Schmerz war es ausreichend, diesen durch Wörter wie „vorne“ oder „hinten“ näher zu lokalisieren.

Aufgeklärt wurde ich mit zehn. Da das Thema in der Schule besprochen wurde, fühlte sich meine Mutter bemüßigt, sich mit mir zu einem wichtigen Gespräch zusammen zu setzen. Wir saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa, mein Bruder spielte im gleichen Raum und meine jüngere Schwester schlief. Meine Mutter druckste herum. Ich merkte ihr an, dass ihr das Thema höchst unangenehm war. Um sie schnell zu erlösen, sagte ich: „Mama, ich weiß schon alles von meiner Freundin. Erklär´