8,99 €
UND ES GEHT NOCH SCHLIMMER … Jetzt ist es amtlich. Ich bin der unglücklichste 14jährige überhaupt. Ich bin einfach nur im Meer schwimmen gegangen und plötzlich a)wurde ich festgenommen b) zum Gespött der Stadt und c)zu einer Sensation im Internet. Und das nur, weil alle denken, ich sei ein Nudist. (Bin ich aber nicht!) Wen wundert es also, dass ich bereit bin, alles zu tun, um meine Unschuld zu beweisen? Michael Swarbricks Leben scheint sich zum Guten zu wenden. Endlich hat er sein erstes richtiges Date mit dem Mädchen seiner Träume: ein romantischer Ritt am Strand mit Esel gefolgt von wagemutigem Nacktschwimmen im Meer! Wahnsinn! Nur …, dass sich für Michael die Dinge nie zum Guten wenden. Michael gerät in einen Strudel unkontrollierbarer Ereignisse, die sein Leben zum Schlimmsten überhaupt machen. Hört das denn nie auf?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2013
Mark Lowery
Roman
Michael Swarbricks Leben könnte nicht schlimmer sein. Sein perverser Freund Paul Beary reißt ihn in die Sache mit der Mädchenumkleide rein, sein idiotischer großer Bruder knutscht mit dem Mädchen seiner Träume rum, und als er früher als geplant vom Schwimmtraining nach Hause kommt muss er entdecken, dass seine Eltern heimliche Nudisten sind.
Eine Kette von Ereignissen, die er selbst nicht beeinflussen kann, scheint darauf aus zu sein, sein Leben zu ruinieren. Aber stattdessen denken seine Lehrer, dass er Schwierigkeiten hat, mit seinen Gefühlen umzugehen. Also ist er gezwungen, sich regelmäßig mit der Beratungslehrerin Miss O’Malley zu treffen, die glaubt, dass ein möchtegerncooler Psychologe von der Uni seine Probleme lösen kann. Und so beginnt Michaels »Geplauder mit Chas«, dem Psycho, was zunächst tatsächlich genauso demütigend und peinlich ist, wie es klingt …
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Mark Lowery wuchs in Preston auf und hat als Teenager selbst so Einiges erlebt. Heute wohnt er in Cambridge, hat eine Freundin und eine kleine Tochter. Die meiste Zeit arbeitet er als Lehrer. Das hier ist sein erster Roman. An seinem zweiten schreibt er gerade.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
www.fischerverlage.de
Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel
›Socks are not enough … if that’s all your wearing‹ bei Scholastic Children’s Books
© Footnote Books Ltd, 2011
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013
Umschlaggestaltung: punchdesign; München
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-402632-9
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
Widmung
Umgang mit Gefühlen, 1. Stunde
Umgang mit Gefühlen, 2. Stunde
Umgang mit Gefühlen, 3. Stunde
Umgang mit Gefühlen, 4. Sitzung
Umgang mit Gefühlen, 5. Sitzung
Umgang mit Gefühlen, 6. Sitzung
Umgang mit Gefühlen, 7. Sitzung
Danksagung
Bilder
Für S und J
In den letzten drei Wochen hatte ich zehn schlimme Erlebnisse, die dazu geführt haben, dass ich jetzt hier sitze.
Meine Eltern hatten beschlossen, keine Kleidung mehr zu tragen.
Als Punkt 1 aus dem Ruder lief, schlossen sie sich einer Gruppe an, die man nur als Terrorgruppe bezeichnen kann, überfielen einen Fackelumzug und stellten mich vor der ganzen Stadt bloß.
Mein idiotischer Bruder nahm mir das traumhafteste Mädchen der Welt weg und stürzte sie ins Unglück.
Ich habe der Freundin meines Bruders (aus Versehen) ein blaues Auge verpasst.
Ich wurde beschuldigt, der Freundin meines Bruders nachzustellen (ein Missverständnis).
Wegen Punkt 1 wurde meine Mum letzten Dienstag verhaftet und verbrachte eine Nacht im Gefängnis (leider handelte es sich bei besagtem Vorfall weder um ein Versehen noch um ein Missverständnis).
Mein Bruder rächte sich für Punkt 4 und 5 auf typisch heimtückische, hinterhältige Weise.
Wegen Punkt 7 beleidigte ich unwissentlich den Bürgermeister einer französischen Kleinstadt und hätte bei einem Schwimmfest fast einen Tumult ausgelöst. Folglich wurde ich bis heute vom Schulunterricht ausgeschlossen und erhielt lebenslanges Eintrittsverbot im örtlichen Schwimmbad.
Wegen Punkt 1 hatte ich das verstörendste Erlebnis, das ich mir vorstellen kann, und esse deshalb nie wieder Coco Pops.
Wegen der Punkte 1 bis 9 habe ich fünf Tage lang kaum gesprochen. Außerdem bin ich aus unserem Haus ausgezogen und lebe seit letzter Woche in einem Zelt, das hinten im Garten aufgestellt ist.
Infolge der Punkte 1 bis 10 habe ich jetzt täglich eine Stunde Unterricht bei Miss O’Malley. Das Ganze nennt sich »Umgang mit Gefühlen«. Die Schule und meine Eltern haben klargestellt, dass die Teilnahme nicht freiwillig ist. Ich muss also hingehen.
An dieser Stunde nehmen zwei Personen teil, nämlich:
Miss O’Malley (die Schulschwester, Vertrauenslehrerin und Koordinatorin der schulischen Fürsorge).
Ich (Michael Swarbrick).
Das ist die erste Stunde. Das Ganze findet in Miss O’Malleys Büro statt. Nachdem ich den Raum zu Beginn der Stunde betreten hatte, setzte ich mich vor Miss O’Malley, nur durch den Schreibtisch von ihr getrennt. Dann stellte sie mir eine Menge Fragen, um zu erfahren, wie es mir geht. Ich beantwortete keine einzige, weil ich nicht über das sprechen will, was passiert ist.
Nach gefühlten zwei Stunden betretenen Schweigens tätschelte mir Miss O’Malley lächelnd das Handgelenk. Dabei fiel mir auf, dass sie große Hände hat; riesige Pranken, mit denen man ein Kätzchen zerquetschen könnte. Das ist seltsam, denn Miss O’Malley ist eher zierlich und hat eine Stimme mit irischem Akzent, die so leise ist wie der Luftzug unter einer Tür. Ihre Hände wirken völlig fehl am Platz, wie diese Schaumstofffinger, die manche Zuschauer bei Wrestlingkämpfen tragen.
Als sie mein Handgelenk losgelassen hatte, sagte sie, wenn ich es vorzöge, nicht zu reden könnte ich auch alles, was mir zu schaffen macht, aufschreiben. Sie versicherte mir, dass ich schreiben könne, was ich wolle, dass niemand außerhalb dieser vier Wände es je lesen würde. Dann holte sie einen Laptop unter ihrem Schreibtisch hervor. Sie sagte, den habe ihr die Schule gegeben, doch sie habe ihn nie benutzt, weil sie alles im Kopf behält. Dabei tippte sie sich an die Schläfe. Ich konnte den Blick nicht von ihrer gigantischen Hand abwenden. Miss O’Malley sollte vorsichtiger sein, wenn sie sich an den Kopf tippt. Dieses Riesending könnte ihr den Schädel zertrümmern.
Meine Gedanken begannen abzuschweifen. Ich fragte mich, wo sie wohl Handschuhe kauft. Es gibt spezielle Läden für Leute, die unglaublich groß oder unglaublich dick sind. Gibt es auch Handschuhläden für Frauen mit großen Händen? Wahrscheinlich ist da die Nachfrage zu gering. Nur wenige Frauen haben solche Pranken. Wahrscheinlich müsste der Laden auch noch große Schuhe verkaufen, um sich über Wasser halten zu können. Miss O’Malley trägt Schuhe mit Klettverschluss. Mit diesen Wurstfingern kann sie vermutlich keine Schnürsenkel binden.
Schließlich beschloss ich, nicht mehr über ihre Hände nachzudenken. Anscheinend ist das bei mir ein Problem. Wenn mir am Aussehen anderer Leute etwas auffällt, kann ich einfach nicht davon ablassen. Ich weiß zum Beispiel, dass mein sogenannter Freund Paul Beary unterm Arm ein fledermausähnliches Muttermal und am linken Fuß neunzehn Warzen hat.[1]
Ich fuhr den Laptop hoch und begann zu tippen. Schließlich kommt man nicht jeden Tag in den Genuss, einen fremden Laptop benutzen zu dürfen.
O nein! Miss O’Malley hat mir gerade über die Schulter geschaut und gelesen. Obwohl der Raum ziemlich klein ist, habe ich nicht gemerkt, wie sie um den Schreibtisch herumgekommen ist. Sie hat alles gelesen, auch das Zeug über ihre großen Hände. Erst habe ich gedacht, sie wird wütend, aber wisst ihr, was sie gemacht hat? Sie hat gelächelt! Und dann hat sie gesagt: »Oh, gut. Sehr gut. Schreib genau auf, was du empfindest. Und auch sehr systematisch! Erstaunlich, dass du Listen und Fußnoten erstellst. Listen sind eine erstklassige Idee, Michael. Die lösen Gefühlsstaus und Denkblockaden.«
Auch ich mag Listen. Ich könnte zwanzig Gründe aufführen, warum, aber das würde zu weit führen. Vermutlich habe ich es einfach lieber, dass alles seine Ordnung hat. Sogar die Kleidungsstücke in meinem Schrank sind alphabetisch geordnet (von einem sieben Jahre alten Action Man-T-Shirt bis zu einem Zebrapulli, den mir meine Mum vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt hat und den ich noch nie getragen habe).
Egal. Die Stunde ist fast vorbei. Hätte schlimmer kommen können. Wenn sie nichts dagegen hat, dass ich über sie schreibe, dann heißt das, dass ich wirklich schreiben kann, was mir gefällt. Ich werde die ganze Geschichte aufschreiben. Vielleicht habe ich schon alles vermasselt, weil ich eine Liste mit den besten Punkten erstellt habe (oder den schlimmsten, je nachdem, wie man das Ganze betrachtet). Aber das ist unwichtig. Die Liste gibt nicht annähernd wieder, was passiert ist.
[1]
Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er am Sportunterricht teilnimmt, zähle ich nach, um zu sehen, ob eine neue dazugekommen ist.
Das ist der zweite Tag von Umgang mit Gefühlen. Dass ich heute hier bin, gefällt mir in doppelter Hinsicht.
Da Dienstag ist, verpasse ich den Kunstunterricht bei Miss Skinner. Miss Skinner schielt und hat einen Schnurrbart. Das sind aber nicht die Gründe, warum ich sie nicht leiden kann. Das sind bloß Tatsachen. Ich bin nicht gern in ihrem Unterricht, weil ich mich nach allem, was passiert ist, dort unwohl fühle. Die Schule fand es besser, dass ich ihren Unterricht nicht mehr besuche, weil sie mit allem in Verbindung steht. Vermutlich auch deshalb, weil jeder weiß, dass Kunst sinnlos ist, und weil ich darin eine absolute Niete bin. Ich habe mal ein Auto aus Ton geformt. Miss Skinner hat gesagt, es sei eine ausgezeichnete Kuh. Eine Kuh. Sie hat sogar die detaillierte Ausführung der Euter gelobt. Ich weiß nicht, ob es an ihrem Schielen lag oder daran, dass ich in Kunst eine Niete bin. Wahrscheinlich von beidem ein bisschen.
Miss O’Malley. Sie ist nett. Heute Nachmittag hat sie mir zu Beginn der Stunde einen Keks und ein Glas Wasser mit Orangensirup spendiert. Der Sirup ist eigentlich für die Schüler, die an heißen Tagen in Ohnmacht fallen. Sie hielt das Glas in ihrer riesigen Hand, goss den Sirup hinein und maß alles sorgfältig ab. »Nur einen Fingerbreit«, murmelte sie vor sich hin, aber ich schwöre, das Glas war etwa halbvoll, bevor sie Wasser dazugab.
Als ich mich setzte, stellte mir Miss O’Malley noch ein paar solcher Fragen wie gestern. »Gibt es irgendwas, über das du heute gern sprechen würdest?«, »Wie läuft’s zu Hause?«, »Hattest du in letzter Zeit Alpträume?« usw[1]. Ich brummte zu jeder Frage irgendwas, zuckte mit den Schultern und konzentrierte mich auf meinen Mürbekeks, dessen Haltbarkeit ungefähr 1983 abgelaufen sein dürfte. Ich spülte ihn mit einem Schluck Saft runter. Der war so konzentriert, dass ich das Gefühl hatte, meine Zähne würden weggeätzt.
Miss O’Malley sagte mit einem Nicken »Gut, gut« und holte den Laptop aus dem Safe, in dem sie die Spritzen für zuckerkranke Schüler aufbewahrt. Vermutlich hatte sie ihn dort eingeschlossen, um mir zu zeigen, dass niemand das von mir Geschriebene lesen konnte. Das gefiel mir. Dann beschäftigte sie sich mit irgendetwas in ihrem Büro und sagte, ich solle weiter so gut arbeiten und alles herausfließen lassen.
Dann mal los. Das ist meine Geschichte.
Ich bin Schwimmer.
Na ja, das stimmt nicht ganz. Ich bin bloß jemand, der gern schwimmt.
Eigentlich stimmt auch das nicht. Ich kann Schwimmen nicht ausstehen. Von meinem sechsten Lebensjahr an bis vor einer Woche hat mich meine Mutter gezwungen, schwimmen zu gehen. Das war total gegen meinen Willen.
Und in den letzten achteinhalb Jahren stand sie jede einzelne Woche auf der Galerie und schaute mir zu; eine langweilige Bahn nach der anderen; eine peinliche Trainingsstunde nach der anderen. Ich habe keine Ahnung, warum sie das tat, denn anderen Leuten beim Schwimmtraining zuzuschauen, ist wahrscheinlich das Langweiligste auf der Welt. Dennoch hat sie sich jede einzelne Trainingsstunde angesehen, an der ich je teilgenommen habe. Außer samstags.
Ich werde schon bald erklären müssen, warum sie samstags nicht mitkam. Das ist ziemlich unerfreulich.
Jedenfalls bin ich Mitglied eines Schwimmvereins.
Oder war es bevor das Ganze passiert ist. Aber ich bin ziemlich gut.
Das heißt, je nachdem, womit man mich vergleicht.
Ich kann besser schwimmen als eine Schnecke, doch bei weitem nicht so gut wie ein Seelöwe.
Um ehrlich zu sein, nach menschlichen Maßstäben bin ich eine ziemliche Niete.
Doch es gab einen Grund, warum ich mir die Schwimmerei trotz meiner fehlenden Schnelligkeit, Technik und Begeisterung antat. Einen hervorragenden, talentierten Grund. Einen Grund, der durchs Wasser glitt wie ein Delfin. Einen Grund, der wie ein über ein Korallenriff tanzender Sonnenstrahl funkelte.
Lucy King.
Die entzückende Lucy King.
Lucy King, die Schwimmlandesmeisterin und Rekordhalterin ihrer Altersgruppe (100 m Freistil, in der Gruppe der Unter-Sechzehnjährigen).
Die nette, wunderschöne Lucy King, die, obwohl gerade ihr letztes Schuljahr begonnen hatte und sie über fünfzehn Stunden pro Woche trainierte[2], noch die Zeit fand, behinderten Kindern zweimal wöchentlich beim Schwimmenlernen im Leerbecken zu helfen.
Lucy King. die mich einmal angelächelt hat. Tatsache
Wenn das hier irgendwer zu lesen bekäme, weiß ich genau, was er sagen würde. Er würde sagen: »Oooh, Mike Swarbrick ist scharf auf Lucy King. Mike Swarbrick mit seinem albernen Wackelkopf, seinem Speckbauch und seinen spindeldürren Armen ist scharf auf das allerschönste Mädchen in Preston.«[3]
Doch damit läge er hundertprozentig, vollständig und total falsch. Ich bin nicht scharf auf sie. Ich bewundere sie. Das ist ein großer Unterschied. Paul Beary, mein sogenannter Freund, ist scharf auf Mädchen. Er starrt sie durch ein Fernglas an, wenn sie Sportunterricht haben, und versucht im Schulflur an ihrem Haar zu riechen. Das ist scharf sein. Wenn man ein Mädchen bewundert, sagt man: »Oh, ich finde, dass Soundso sehr talentiert und nett ist. Ihr Aussehen ist mir erst gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo du es ansprichst, denke ich, dass sie tatsächlich ganz hübsch ist. Das spielt natürlich keine Rolle. Ich will alles über sie erfahren, dann können wir vielleicht irgendwann gute Freunde sein. Vielleicht könnten wir zusammen gegrilltes Hähnchen mit Salzkartoffeln essen und uns dabei Findet Nemo ansehen, danach könnten wir über den Trainingsalltag sprechen, oder ich könnte ihr die Schwimmtasche tragen, ihre Schwimmflossen auf Hochglanz bringen oder so was. Aber ich würde nie, wirklich niemals, ihren Ruf oder unsere Freundschaft zerstören, indem ich mich aufführe wie ein Junge, der scharf auf sie ist. Auf gar keinen Fall. Ganz bestimmt nicht. Ich meine, warum sollte ich? Ehrlich.«
Inzwischen begreife ich, dass sich die Probleme wohl über Jahre entwickelt haben, ohne dass ich es merkte. Das ist wie bei einem Vulkan, wo der Druck eine Ewigkeit steigt, die Menschen aber erst merken, dass sie in Gefahr sind, wenn ein glühendheißer Lavaklumpen auf ihrer Katze landet. Manchmal bekomme ich Dinge nicht mit, die direkt vor meinen Augen passieren. Einmal habe ich mich zum Beispiel mit meiner Schulkrawatte in dem Ding im Spülbecken verfangen, das die Essensreste zerschreddert. Bevor ich überhaupt merkte, was los war, war sie schon bis zum Knoten völlig zerfetzt. Ich musste mich mit einem Kartoffelschäler losschneiden (das Einzige, an das ich auf die Schnelle herankam), sonst wäre ich zermanscht worden wie eine schimmlige Karotte.
Jedenfalls war ich vor genau drei Wochen samstagmorgens beim Training. Als ich noch Vereinsmitglied war, ging ich am liebsten samstags zum Schwimmen. Nur da machte es mir Spaß. Das lag daran, dass meine Mum – warum, erfuhr ich leider erst später – samstags nicht zuschaute. Deshalb war es das einzige Training, an dem ich bereitwillig teilnahm.
Ich mag es nicht, wenn man mir zuschaut.
Da die meisten Leute am Wochenende etwas Besseres zu tun haben, belegte der Schwimmverein nur zwei Bahnen. Der Rest des Beckens stand der Öffentlichkeit zur Verfügung. Eine Bahn war für die Elite der Wettkampfriege reserviert. Um dort zu schwimmen musste man dazu eingeladen worden sein (diese Trainingseinheiten waren für Leute bestimmt, die bei den bevorstehenden Großveranstaltungen eine Siegchance hatten. Normalerweise galten nur Lucy King und ein, zwei andere als so gut, dass sie dort trainieren durften). Die andere Bahn war für Perspektivschwimmer bestimmt. Das war eine höfliche Umschreibung für Versager.
Alle Mitglieder der anderen Schwimmriegen im Verein konnten gern in der Versagerbahn trainieren. Na, herzlichen Dank. Wir waren nicht besonders gern gesehen, doch der Verein musste zumindest so tun, als würde er sich nicht nur um die guten, sondern um alle Schwimmer kümmern. Man gab uns nie das Gefühl, dass wir geschätzte Mitglieder waren. Wir wurden eher wie Fäkalien behandelt, die ein rattenverseuchtes Rohr entlangschwammen. Das lag daran, dass das Training von Dave King, dem Cheftrainer des Vereins, geleitet wurde.
Hier ein paar Fakten über Dave King:
Er ist Lucys Dad.
Sein gesamter Körper scheint aus einem einzigen prallen Muskel und einem Geflecht von Adern zu bestehen, die pochen und pulsieren, sobald er wütend ist (was ziemlich oft vorkommt).
Um seinen Hals hängen ständig ein Klemmbrett und eine Stoppuhr. Sogar wenn er nach dem Training aufs Klo geht, nimmt er beides mit. Ich meine, welche Zeit kann er da drin schon nehmen? Also, abgesehen von der, die naheliegt.
Er ist ungeheuer jähzornig. Ich habe mal gesehen, wie er einen Jungen an der Schwimmbrille hochgehoben und fünf Meter weit ins Becken geschleudert hat.
Er kann Versager nicht ausstehen. Das betrifft ganz eindeutig auch mich.
An einer Hand fehlen ihm drei Finger. Irgendwer hat mir mal erzählt, dass er beim Militär in einer Spezialeinheit war und die Finger beim Nahkampftraining verloren hat. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber falls es wahr ist, dann hat er seinen Gegner anschließend wahrscheinlich damit totgeprügelt.
Und außerdem gefiel mir diese Trainingseinheit deshalb so gut, weil ich garantiert in der Bahn neben Lucy King war. Ich konnte ihre Schwimmtechnik aus nächster Nähe bewundern. Sie war so nah, dass die Bläschen, die aus ihrer Nase aufstiegen, wenn sie sich von der Wand abstieß, mich im Gesicht kitzelten. Wenn sie den Beinschlag übte, berührten die Spitzen ihrer Schwimmflossen ab und zu meine Schulter. Und manchmal streifte ihre Hand meine, und dann überlegte ich, ob ich sie ergreifen sollte, damit wir zusammen durchs Becken schwimmen konnten wie zwei übermütige Tümmler.
Doch dazu kam es nie. Normalerweise glitt sie in hohem Tempo an mir vorbei, und ich blieb prustend im Wasser zurück und wünschte, ich hätte mein Inhaliergerät nicht in meiner Tasche vergessen.
Jedenfalls war ich an diesem speziellen Tag um zehn vor neun zum Training erschienen, zehn Minuten vor dem offiziellen Beginn.
Ich komme nicht gern zu spät.
Um fünf vor neun stolzierte Dave King am Becken entlang, Stoppuhr und Klemmbrett baumelten vor seiner riesigen Brust.
»Bereit, dich anzustrengen, Malcolm?«, knurrte er und würdigte mich kaum eines Blickes, während er Lucys Trainingsplan auf die Weißwandtafel kritzelte. »Bis zum Gilde-Schwimmfest dauert es nicht mehr lange. Ich will nicht, dass du dich wieder so erniedrigst wie bei der Vereinsmeisterschaft.«
Ich lächelte matt. Er spielte darauf an, dass ich mich letztes Jahr kurz vor dem Wettkampf auf einem glitschigen Startblock verletzt hatte.
Im Rest des Beckens wimmelte es von den üblichen Leuten: alte Männer und Frauen, die ihre Bahnen zogen, vereinzelte Nervensägen, die quer zu den anderen schwammen und allen im Weg waren, und ein paar hyperaktive Jungen, die Arschbomben machten und deswegen von den Bademeistern zurechtgewiesen wurden.
Ein paar Minuten später kam Lucy in ihrem Bademantel aus der Umkleidekabine. Ihre Schwimmflossen, die Handpaddel, die Pull-Boje und die Schwimmbrille balancierte sie geschickt auf ihrem Schwimmbrett.
Ich lächelte sie an, doch sie lächelte nicht zurück. Das lag daran, dass sie vor dem Training hochkonzentriert ist. Ich würde mir merken, dass ich sie nicht mehr ablenken durfte, wenn sie ihren Tunnelblick hatte. Ohne Vorwarnung streifte sie ihren Bademantel ab und begann sich am Beckenrand zu dehnen. Ich musste rasch den Blick abwenden, denn ich spürte, dass ich errötete. Auf keinen Fall wollte ich sie anstarren, wenn sie nichts davon mitbekam. Wäre ich mein sogenannter Freund Paul Beary gewesen, hätte ich ihr wahrscheinlich nachgepfiffen und an den Trägern ihres Badeanzugs gezupft.
»So, Luce«, brummte Dave King und tippte auf die Weißwandtafel. Das tat er immer, wenn er in die technischen Einzelheiten ging. »Heute ist der achte September. Wir haben noch wenige Monate bis zu den Landesmeisterschaften, aber nur noch zwei Wochen bis zum Schwimmfest der Preston-Gilde.[4] Wir geben jetzt unser Äußerstes, Luce, also kein Nachlassen. Vierhundert Meter Kraul zum Aufwärmen. Achte auf lange Armzüge. Die ersten hundert Meter mit fünfzig Prozent, die zweiten mit fünfundsiebzig, die dritten mit neunzig und die vierten in vollem Wettkampftempo. Du darfst mit der linken Hand nicht aufs Wasser schlagen. Das kostet dich pro Bahn null Komma null fünf Sekunden und genau die können über eine Medaille …«
»… oder Blech entscheiden«, beendete Lucy den Satz, schob die Schwimmbrille zurecht und tauchte mit einem winzigen Spritzer ins Becken.
Dave lächelte, während sie wie ein Barrakuda durchs Wasser glitt. »Das ist mein Mädchen.«
Ich stand zitternd in der kalten Luft, und er beobachtete, wie sie durchs Becken schoss, blickte auf seine Stoppuhr und kritzelte irgendwas auf sein Klemmbrett.
Ein weiteres Mädchen durfte in Lucys Bahn schwimmen – sie hieß Emma, hatte Schultern wie ein Gewichtheber und besiegte beim Armdrücken fast alle Jungen im Verein. Manche Leute nennen sie hinter ihrem Rücken Brutus, der Muskelprotz. Ich finde das unfair, aber es beschreibt sie ganz gut.
Nach einer kurzen Einweisung von Dave sprang sie ebenfalls ins Becken und pflügte hinter Lucy durchs Wasser, wobei der Abstand zwischen ihnen mit jedem Armzug sichtlich wuchs. Dave murmelte vor sich hin, dass sie im Vergleich zu Lucy die Eleganz eines Nilpferds hätte. Das schien ihn ziemlich glücklich zu machen.
Ich räusperte mich. »Ähm, Dave.«
Dave fuhr herum und starrte mich zornig an, als hätte man mich gerade mit geplatzter Windel aus dem Babybecken gefischt. »Was ist, Martin? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?«
Ich versuchte zu lächeln. »Was soll ich denn jetzt machen?«
»Schwimm einfach ein bisschen rauf und runter«, sagte er und wedelte abweisend mit der Hand. »Kriegst du das hin? Ach, übrigens brauchen wir jemanden wie dich für unseren Festwagen beim Fackelumzug. Interesse?«
»Ja, bitte«, sagte ich schnell. Von der Website wusste ich, dass Lucy die Meereskönigin darstellen würde und man noch keinen König gefunden hatte.
»Gut. Wir brauchen jemanden, der sich als Seegurke verkleidet. Der andere Dickwanst ist aus dem Verein ausgetreten, als ich ihm gesagt habe, er soll eine Diät machen. Und jetzt rein ins Wasser und los, du verschwendest hier bloß unsere Zeit.«
Seinen wahnsinnigen, glubschäugigen Blick im Rücken, machte ich schnell einen Bauchklatscher in die Versagerbahn und schwamm prustend ein paar Mal auf und ab. Ich war dort der einzige Schwimmer.
Eine Seegurke zu sein, war vermutlich gar nicht so schlecht. Ich meine, ich wäre zwar lieber der Meereskönig gewesen, aber egal. Auf der Website stand, die Seegurken seien die Wächter der Königin. Es wäre schön, sie zu beschützen. Ich könnte sie vor dem Meereskönig beschützen und darauf achten, dass er seine salzigen Finger von ihr lässt.
Während meiner dritten oder vierten Bahn begann alles schiefzulaufen.
Weiter vorn herrschte auf Lucys Bahn plötzlich helle Aufregung. Sie hatte mitten in der Bewegung aufgehört zu schwimmen und strampelte hektisch im Wasser. Überall waren Bläschen und zappelnde Beine. Es sah ein bisschen aus wie in Der weiße Hai, nur ohne den Hai.
Ich schwamm neben sie, um zu sehen, ob mit ihr alles in Ordnung war. Es hatte ihr die Sprache verschlagen, und sie deutete mit ihrem offenstehenden hübschen Mund auf den Grund des Beckens. Als ich meinen Kopf ins Wasser tauchte, traute ich meinen Augen nicht. Auf dem Boden des Beckens lag ein Junge mit Tauchermaske und blickte zu Lucy herauf. Ein Junge in meinem Alter. Ein Junge mit dickem Bauch und schmutzigem Grinsen im Gesicht. Ein Junge, der mich sofort erkannte und wie verrückt zu winken begann.
»O nein«, sagte ich laut, und Bläschen strömten aus meinem Mund.
Es war Paul Beary – einer meiner sogenannten Freunde aus der Schule.
Eigentlich klingt das so, als hätte ich noch andere Freunde. Habe ich aber nicht. Er ist der einzige. Wenn man nur einen einzigen Freund auf der Welt hat, darf man nicht wählerisch sein.
Ein paar Dinge, die ihr über Paul Beary wissen solltet:
Er ist total übergewichtig. Er sagt, das liegt daran, dass er Probleme mit seinem Stoffwechsel hat. Mein Bruder Ste sagt, das einzige Problem, das Paul mit dem Stoffwechsel hat, besteht darin, ein Stück Stoff zu finden, das groß genug ist seinen Arsch zu bedecken.[5]
Er ist besessen von Frauen. Auf eine ziemlich üble Art. Wenn er auf Mädchen scharf ist, stiehlt er manchmal ihr benutztes Besteck aus dem Schweineeimer in der Schulkantine. Und dann isst er damit, denn das sei »genausogut wie mit den Mädchen zu knutschen«.
Er behauptet, er hätte mal eine französische Freundin namens Cherie gehabt, die ihm alles gezeigt habe. Das nehme ich ihm nicht ab. Er sagt auch, sein Onkel habe den Wohnwagen erfunden, in seinem Bett lebe ein Katzengeist, und sein Opa sei der erste Mensch in Großbritannien gewesen, der Nathan geheißen habe.
Ich formte mit den Lippen die Worte: »Was machst du da?« Ich war nicht glücklich.
Paul zog mit den Händen die Kurven einer Frau nach, deutete dann auf Lucy und streckte den Daumen hoch. Seine Wangen waren ganz aufgebläht, weil er schon so lange die Luft anhielt.
Lucy strampelte immer noch mit den Beinen. Während ich Luft holte, blickte ich zu ihr rüber.
»Kennst du den?«, fragte sie und deutete nach unten, das Gesicht vor Abscheu verzogen. Sie ist und bleibt das einzige Mädchen auf der Welt, die auch, wenn sie wütend ist, gut aussieht.
»Damit hab ich nichts zu tun!«, schrie ich.
Lucy schüttelte den Kopf. »Jämmerlich.«
In diesem Moment ertönte von der anderen Seite des Beckens lautes Gebrüll. »Heeeh! Was ist denn da drüben los?«
Dave King kam herübergestürmt, seine Augen glühten wie zwei wütende Kohlen, sein Klemmbrett schwang wild hin und her.
Lucy deutete auf den Grund des Beckens. »Ein Spanner«, sagte sie, und es klang, als würde ihr so was ständig passieren. Da ich Paul kannte, war das gut möglich.
Was sich dann abspielte, war ziemlich spektakulär. Dave King brüllte wie ein Gorilla, warf sein Klemmbrett und die Stoppuhr auf den Beckenrand und sprang in voller Montur ins Wasser. Er schoss wie ein Torpedo direkt unter mir durch, packte Paul mit einer Hand und zerrte ihn unter Wasser durchs Becken.
Auf der anderen Seite zog er ihn am Bein heraus, klatschte ihn auf den Boden und beugte sich knurrend und mit den Fäusten drohend über ihn. Paul war erst wie versteinert, robbte dann wie ein Walross auf dem Bauch davon und verschwand in der Umkleidekabine.
Alle im Becken starrten rüber. Die alten Leute schwammen nicht mehr. Die hyperaktiven Jungen machten keine Arschbomben mehr. Und dem Bademeister war die Pfeife aus dem Mund gefallen.
»Und du kannst verschwinden, Mario!«, brüllte Dave mich an. »Damit du meine Sportler nicht mehr ablenkst.«
Das Wasser troff aus seiner Kleidung, und sein Hemd klebte an seinen gewaltigen Muskeln. Da ich nicht auch von ihm aus dem Wasser gezogen werden wollte, tauchte ich unter der Bahnbegrenzung durch. Als ich Lucys Bahn durchquerte, wollte ich mich für Paul entschuldigen, doch sie schoss schon wieder durchs Wasser.
ZOSCH!
Ich krümmte mich vor Schmerz. Als Brutus, der Muskelprotz, an mir vorbei geschwommen war, hatte sie mir mit ihren Quadratlatschen in den Bauch getreten. Ich glaube nicht, dass es ein Versehen gewesen war.
[1]
Ich habe einen steifen Nacken vom Im-Zelt-Schlafen. Außerdem ist heute schon der zweite Oktober, und es war ziemlich kalt letzte Nacht. Das ist wirklich ein hoher Preis, den ich zahle, um von meinen Eltern wegzukommen.
[2]
Quelle: Website des Preston Piranhas Swimming Club, »Besuchen Sie unsere Champions-Seite« (aus dem Gedächtnis zitiert). Weitere Fakten: Lieblingsspeise: gegrilltes Hähnchen mit Salzkartoffeln. Ziel: Teilnahme an den Olympischen Spielen. Haustiere: Keine. Lieblingsübung beim Training: Beinschlag mit Schwimmflossen. Unbeliebtester Schwimmstil: Schmetterling (obwohl sie darin in allen Jugendaltersgruppen von unter 11 aufwärts den Vereinsrekord hält – ich könnte alle Zeiten aus dem Gedächtnis aufschreiben, verzichte aber darauf). Lieblingsfilm: Findet Nemo. Trainingstipp: Konzentriert bleiben.
[3]
Das weiß ich, weil mein sogenannter Freund Paul Beary einmal exakt diese Worte zu mir gesagt hat.
[4]
Das gehört zum Programm der Preston-Gilde – eine altertümliche, alle zwanzig Jahre stattfindende Feier anlässlich der Verleihung des Marktrechts an die Stadt. Aufregend, hm? Da das ein Gilde-Jahr war, sollte der Schwimmverein einen Wettkampf gegen eine Riege aus unserer französischen Partnerstadt austragen. Und bei dem Fackelumzug durch die Innenstadt würden wir einen eigenen Festwagen haben. Leider muss ich auf diese Veranstaltungen später noch näher eingehen.
[5]
Mein Bruder hat mich bisher nur zweimal zum Lachen gebracht, und das ist das eine Mal. Ich hatte zwar sofort ein schlechtes Gewissen, weil der Spruch auf Kosten meines besten und einzigen Freundes ging, doch als Paul mich wegen meines Lachens auf den Arm boxte, waren meine Schuldgefühle wie weggeblasen.
Am Ende der gestrigen Stunde habe ich abrupt aufgehört zu schreiben, weil mir die Zeit ausgegangen war. Miss O’Malley sagte, ich würde große Fortschritte machen, und sie wünschte, sie müsste mich nicht unterbrechen. Ich weiß nicht, wie sie behaupten kann, dass ich Fortschritte mache, wo ich noch kein einziges Wort mit ihr gesprochen habe. Eigentlich hat sie beim letzten Mal die ganze Zeit an ihrem Schreibtisch gesessen und gepfiffen. Sie ist die erste Frau, die ich kennengelernt habe, die so was tut. Aber sie pfeift sehr gut.
Obwohl sie nett ist, habe ich keine Lust, viel mit ihr zu reden. Ich weiß genau, dass ich in einem echt blöden Moment das Wort »Hände« sagen würde und sie sich dann schämen würde. Das will ich nicht.
Heute haben wir uns wieder hingesetzt, und sie hat mir ein Glas Saft und einen Custard Cream spendiert.
Ich mag Custard Creams.
Eigentlich sind das meine absoluten Lieblingskekse.[1] Zwischen den beiden Kekshälften hat die Vanillecreme etwas richtig Kuscheliges. Sie gibt nur so viel von sich preis, dass man weiß, was man bekommt, aber sie geht nicht aufs Ganze. Ich wünschte, in Sachen Kleidung würden mehr Leute denken wie ein Custard Cream. Sie sollten sich eher zurückhalten, anstatt überall ihre Vanillecreme zur Schau zu stellen.
Während ich meinen Keks mampfte und an dem hochkonzentrierten Saft nippte[2], sagte sie, ich solle Umgang mit Gefühlen nicht mehr als Unterricht betrachten, sondern es »Sitzung« nennen. Sie muss mein Zeug von letzter Woche gelesen haben. Ich meine, ich habe ihr gegenüber nie von Unterricht gesprochen.
»Das Wort ›Unterricht‹ lässt darauf schließen, dass ich dir hier etwas beibringe«, sagte sie mit ihrer dünnen Stimme. »Das stimmt aber nicht. Wir sind zusammen hier, um zu erforschen, wie du tickst, und um herauszufinden, wie es nach allem, was passiert ist, weitergehen soll.«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Michael, was du tun musst, ist aus dem Karton herauskommen. Wirf einen Blick auf dich. Das hier ist kein Klassenzimmer. Es ist eher eine Entdeckungs-Lounge.«
Erforschen? Herausfinden? Entdecken? Das klingt, als würden wir am Amazonas nach Schrumpfköpfen suchen.
Ich habe keine Lust, einen Blick auf mich zu werfen (ich sehe ein bisschen seltsam aus) oder aus dem Karton herauszukommen. Kartons sind gut. Sie sind bequem und in sich abgeschlossen und schützen einen vor alldem, was außerhalb ist.[3]
