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Prinz zu gewinnen! Die schüchterne Karen wächst an einem entlegenen Bergsee bei ihrer Pflegemutter auf, die ihr einige spärliche Grundkenntnisse von Magie vermittelt. Trotzdem ist sie unglücklich und droht an der Einsamkeit zu zerbrechen. Eines Tages taucht die mutige Jelena bei ihr auf und nimmt sie mit auf ihrer Reise nach Lusandria. Dort wird das Prinzessinnenspiel ausgetragen und die Siegerin bekommt den Prinzen samt Königreich. Schon der Weg in das geheime Land ist voller Gefahren, aber die sind nichts im Vergleich zu den Monstern, denen Jelena beim Prinzessinnenspiel gegenüber steht. Außerdem erweist sich vieles als anders, als es erscheint. Wird sich am Ende die starke Freundschaft zwischen Karen und Jelena als der entscheidende Vorteil erweisen?
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Title Page
1. Das Testament
2. Karen
3. Thalgart
4. Das blaue Buch
5. Lusandria
6. Jelena
7. Die Teufelshörner
8. Grenze
9. Das Drachenkloster
10. Die Laora
11. Die Stadt
12. Die Schlucht
13. Die Ledertasche
14. Der Schmalztopf
15. Die Auslosung
16. Lorna
17. Xanthia
18. Das Steinmal
19. Anchal
20. Jaromir
21. Lilja
22. Rubanda
23. Kalk
24. Die Brautschau
25. Der Prinz
26. Karena
Steve Cotten
Das Prinzessinnenspiel
© 2011 Steve Cotten
Vollständig überarbeitete Version 2018
Umschlaggestaltung: Steve Cotten
Lektorat: J. E. Siemens
Stefan Wollschläger, Drakestraße 44, 40545 Düsseldorf
Alle Rechte liegen beim Autor
„Die Königin ist tot!“ Sophus brüllte seine Wut in die Finsternis der Amtsstube. „Rubanda ist tot. Was soll jetzt aus uns werden?“ Seine Hände waren nicht in Demut gefaltet, sondern zu Fäusten geballt. Der Abt war sich selbst nicht im Klaren darüber, zu wem er da eigentlich gerade betete. Klagte er Gott an oder die Laoradrachen? Oder sogar Rubanda selbst? Welche Macht konnte ihnen jetzt helfen? Lusandria durfte nicht untergehen!
Sophus ging zum Fenster und zog den schweren Vorhang beiseite, so dass etwas von dem kalten, blauen Licht in den Raum schien. Natürlich war er immer noch da, dieser seltsame Lichtstrahl, der den nächtlichen Himmel in zwei Teile zerschnitt. In der Dunkelheit zeigte er seine ganze Autorität. Das Schloss war eingehüllt von diesem Licht, so als habe jemand den Mond vom Himmel genommen und ihn darauf gelegt. Die ganze Nacht wurde von diesem Licht beherrscht, das eine gespenstische Kraft ausstrahlte, die dem Abt jetzt noch stärker vorkam als vorhin.
Wie viel Zeit war vergangen, seit er vom Schlossplatz ins Drachenkloster zurückgekehrt war? Sophus war den fragenden Blicken der Mönche ausgewichen und hatte sich sofort in seinem Raum eingeschlossen. Sicherlich warteten sie draußen immer noch auf ihn, erwarteten, dass er etwas tat. Aber ich kann doch nichts tun, dachte er voller Angst.Er fasste sich an den Hals, um seinen Kragen zu lockern, doch das schaffte keine Erleichterung.
Die Laora, dachte er. Sie haben sich gegen uns gewendet. Und ich habe ihnen niemals wirklich Respekt erwiesen. Der Abt stürzte an seinen Schreibtisch und bückte sich zur untersten Schublade hinab. Sie war blockiert, irgendetwas war dahinter gerutscht. Sophus kniete sich nieder und ruckte weiter daran, wieder und wieder, endlich stand die Schublade offen. Mit zitternden Händen griff er nach den drei Figuren und setzte sie auf den Steinboden. Es waren Drachen mit langen, gewundenen Schwänzen, zwei schwarz und einer weiß. Sie waren kunstvoll geschnitzt, bis zur kleinsten Schuppe genau. Der Abt stellte eine Kerze vor ihnen auf. Das Zündholz zischte. Geheimnisvoll funkelten die Augen der Drachen, es war, als habe das Feuer die Figuren zum Leben erweckt. „Bitte tut uns nichts“, flehte er sie an, „erhaltet dieses Land, so wie es ist.“
Er stockte, denn es traf ihn die Erinnerung, wann er das letzte Mal auf dem Boden gekniet hatte. Eine Ewigkeit war das her, noch bevor ihn Rubanda nach Lusandria geholt hatte, als er noch auf dem alten Kontinent gelebt hatte und ein junger Mönch gewesen war. Damals hatte er allerdings nicht gebetet, sondern den Boden geschrubbt. War es jetzt an der Zeit, wieder zurückzugehen?
Sophus löschte die Kerze und packte sie zusammen mit den Figuren zurück in die Schublade. Er wollte sie wieder schließen, dann sah er im trüben Licht, dass noch etwas darin lag. Er nahm den alten Bilderrahmen in die Hand und drehte ihn um. So furchtbar sah ich einmal aus. Sein Gesicht war von Ausschlag entstellt und die Lippen hingen schief hinab. Er wusste, dass das ein Lächeln darstellte, aber niemand hatte es jemals erwidert. Jeder war vor ihm zurückgewichen, dabei wollte er nur freundlich sein. Plötzlich fühlte er wieder den Schmerz von damals. Verzweifelt fasste er sich an sein Gesicht und vergewisserte sich, dass er jetzt wirklich geheilt war. Seine Finger berührten die makellose Haut und strichen durch sein volles Haar. Er spürte, wie seine Lippen reagierten und ihm ein sympathisches Lächeln verliehen. Trotzdem musste er noch in einen Spiegel schauen. Perfekt! Er war jetzt ein charmanter, vertrauenswürdiger Mann, so, wie er es sich immer gewünscht hatte. Perfekt, bis auf den kleinen Finger, der mir fehlt. Er schaute auf seine linke Hand. Warum hatte Rubanda diesen Makel niemals von ihm genommen? So oft hatte er sie darum gebeten. Aber jetzt war es zu spät.
Er fühlte sich wieder so wie der junge Mönch auf dem Bild, als ob es die letzten zwanzig Jahre nicht gegeben hätte. In der Küche hatte er damals „gedient“ und den Boden gescheuert. Die anderen Mönche empfingen Menschen, redeten mit ihnen, lachten mit ihnen, hörten ihnen zu. Aber seine Zunge war zu schwer, er durfte nicht reden und niemand redete mit ihm. Dabei las er doch dieselben Bücher wie sie. Aber nur die anderen durften predigen. „Deine Bestimmung ist es, im Verborgenen zu dienen.“Das war ihre Predigt an ihn.
Wenn sie ihn heute Morgen gehört hätten! Wenn sie ihn gesehen hätten! Wie er aus seinem herrlichen Dom herausgetreten war. Die wichtigsten Bürger hatten ihm die Hand geschüttelt und ihm gedankt für seine Predigt. Auf einem geschmückten Pferd war er über die Kataka geritten, und alle Menschen hatten ihn respektvoll gegrüßt.
Nein, ich werde nie wieder zurückgehen. „Ich bin Sophus, der Abt. Ich gehöre zum Dreigestirn der Macht!“ Er sprach diese Worte laut aus, um sich an ihnen festzuhalten, doch er konnte sie kaum fassen. Zu sehr hatte sich die Erinnerung eingebrannt, was nach seinem Ritt über die Kataka geschehen war.
Schon dort hatte er die Schreie gehört. Auf dem Schlossplatz standen die Menschen dicht gedrängt und blickten den Berg hinauf. Obwohl die Luft klar war, konnte man das Schloss nur verschwommen sehen. Die Menschen bildeten eine Gasse, damit er hinaufreiten und es sich ansehen konnte. Oben hielten Soldaten die Menschen zurück, die Leibgarde der Königin in ihren blitzenden Rüstungen. Sie standen weit vom Schloss entfernt, aber direkt hinter ihnen flimmerte bereits die Luft. Sie schimmerte bläulich und gab ein Knistern und Brummen von sich, es drückte unangenehm im Kopf. Der Hauptmann der Garde stand mit schmerzverzehrtem Gesicht abseits.
Als der Offizier Sophus erblickte, trat er auf ihn zu. Es roch nach verbranntem Fleisch, die Hand des Hauptmanns war verschmort. „Ich habe das Kraftfeld berührt, als ich zu meinen Leuten wollte.“ Hinten am Eingangstor des Schlosses standen zwei seiner Soldaten, steif und still, wie es ihre Pflicht war. „He, ihr da!“
Keine Antwort, keine Bewegung. Auch auf der Mauer standen die Gardisten wie große Puppen.
„Sind sie tot? Warum stehen sie und liegen nicht am Boden?“ Der Hauptmann sah Sophus erwartungsvoll an, für ihn war es selbstverständlich, dass der Abt die Antwort kennen musste. Genauso wie für all die anderen Menschen um ihn herum.
Sophus schaute sich um. Wo waren denn Anskar und Jarkis? Natürlich blieb wieder alles an ihm hängen, die ganze Verantwortung, die sie eigentlich zu dritt trugen. Sophus hatte sein Pferd angetrieben, zurück durch die Menschenmenge, die ihm erschrocken auswichen. Er wusste sehr wohl, was das Kraftfeld um das Schloss herum bedeutete. Die Soldaten darin waren nicht tot. Sie schliefen. Jeder Mensch im Schloss war in einem tiefen Schlaf erstarrt: Diener, Köche und Prinz Mintal. Nur eine Person war tot: Königin Rubanda.
„Wie konntest du einfach so sterben? Wenn es jemand verdient hat, ewig zu leben, dann doch wohl du!“ Sie hatte so viele Menschen geheilt und so viel Gutes getan. Sie war nicht einfach nur die Königin von Lusandria gewesen, sondern sie hatte sich wie eine Mutter um ihr Volk gekümmert. So liebevoll wie um ihren Sohn Mintal. Hatten die Laora den Prinzen etwa auch gleich umgebracht, zusammen mit der Mutter, damit die ganze königliche Linie ausgelöscht war? Sophus stellte sich vor, wie sie beide auf dem weißen Marmorboden im Schloss lagen, tot, aber vereint. Was für eine Tragik! Noch in diesem Jahr wollte der Prinz heiraten! Alles war vorbereitet dafür, seine Braut zu finden. Hatte Rubanda etwa dadurch die Laora gegen sich aufgebracht? Hatten die Drachen deshalb ihre Erwählte verstoßen, weil sie ihre Macht an den Sohn weitergeben wollte, anstatt sie den Laora zurückzugeben? Jedenfalls hatten die Urtiere ihr die Macht wieder abgenommen und über das Schloss gelegt. Wie lange würde sie dort liegen? Wie viel Zeit gab es noch für Lusandria? Sophus machte sich keine Illusionen darüber, dass das Land jederzeit untergehen konnte. Vielleicht würde das Kraftfeld explodieren und alles in Schutt und Asche legen, vielleicht würde auch einfach nur die Temperatur fallen. Es ist wohl doch das Klügste, einfach zu verschwinden, solange es noch geht.
Ein Scheppern von draußen riss den Abt aus seinen Gedanken. Sophus wusste genau, wer da vor seiner Tür stand, der Mönch musste gar nicht erst klopfen. Und wenn er klopfte, würde er sich dabei wahrscheinlich verletzen. „Jutius.“ Sophus bemühte sich, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. „Ich habe doch gesagt, dass mich niemand stören soll.“
„Tut mir leid wegen des Blumentopfes. Die Scherben räume ich später weg.“
Welcher Blumentopf? „Schon gut, Jutius. Was willst du?“
„Da ist etwas, was Ihr Euch unbedingt ansehen müsst!“
„Ach ja?“
Es gab eine kurze Pause. „Bruder Johannis sagt das auch.“
Sophus warf das alte Bild von sich zurück in die Schublade, dann richtete er sich auf. Konnte er jetzt wirklich vor die anderen treten? Eilig wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht und atmete tief ein. Er griff einen Verband, der Tollpatsch Jutius konnte immer Verband gebrauchen. Auf seinem Weg zur Tür versuchte der Abt, Ruhe und Erhabenheit in seine Schritte zu setzen. Er schloss auf und lächelte gütig. Jutius bedankte sich brav.
Der Säulengang war voll von Mönchen in dunkelgrünen Kutten. Sie hatten Sophus den Rücken zugewandt, schweigend standen sie da und starrten in den Innenhof. Dorthin, wo Rubanda immer die Kranken empfangen hatte. Einen Moment lang dachte Sophus, das blaue Licht hätte auch über die Mönche einen Schlaf gelegt, aber die Luft flimmerte nicht, kein Geräusch war zu hören. Er trat weiter nach vorne, um zu sehen, was die Mönche so in den Bann zog. Da stand etwas! An Rubandas Platz. Ein weiß schimmerndes Tuch verhüllte es, die Enden hoben sich leicht im Wind. Sophus‘ Herz schlug höher. Er hastete in den Hof. Aufgeregt löste er das Band um den Stoff. Zarter als Seide war das Tuch, ein Lufthauch trug es fort.
„Meine Königin!“
Aus weißem Marmor. Ein Standbild, so schön wie Rubanda selbst. Sophus schluckte. Am Fuß der Statue stand eine Kiste. Er hörte ein aggressives Flattern und durch die Ritzen der Kiste schimmerte es hell, das verriet ihm, was darin war. Silbervögel.
In dem Kloster, wo er einst gelebt hatte, hatten sie Brieftauben für ihre Nachrichten benutzt. Das war das Einzige, was er sich aus dieser weit zurückliegenden Zeit hierher wünschte. Tauben machten zwar überall Dreck, doch ihr Gurren war freundlich. Die Silbervögel dagegen gaben keinerlei Laut von sich, aber trotzdem waren sie nicht stumm. Nach außen hin schienen sie hübsch und unschuldig, inwendig allerdings waren sie hinterhältig und grausam. Wie sehr er diese Biester hasste! Eine ganze Kiste voll mit ihnen? Sein erster Impuls war, sie zu verbrennen. Nein, es sind Rubandas Boten. Sie führen ihre Aufträge aus.
Sophus‘ Mine hellte sich auf, als er begriff. Die Silbervögel folgten dem Befehl der Königin! Sie und die Statue kamen von Rubanda! Die Königin war nicht einfach gestorben, ohne sich um ihr Volk zu kümmern. „Rubanda hat uns eine Nachricht hinterlassen“, rief Sophus. „Ein Testament!“ Er atmete befreit aus. Arglos öffnete er die Kiste einen kleinen Spalt. Sogleich spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Wenig später hörte er auch die Stimmen der Silbervögel in sich.
„Du hattest Angst, nicht wahr?“
„Du hast gezweifelt.“
„Dabei solltest du doch ein Vorbild sein.“
„Hast du etwa deine eigene Predigt heute Morgen nicht gehört?“
Zum Glück konnten die anderen Mönche die Vögel nicht hören. Oder etwa doch? Der Schmerz, der gerade erst abgenommen hatte, kam mit voller Wucht wieder und Sophus verkrampfte sich. „Was hat Rubanda euch aufgetragen?“, quetschte er hervor.
Die Vögel kicherten. Zumindest die meisten von ihnen. Er wusste, dass ein, zwei von ihnen gegen die anderen sprachen, aber diese Stimmen waren zu leise, um sich durchzusetzen. Wenn die Schmerzen nicht nachließen, würde er die Kiste einfach wieder schließen, denn ohne Blickkontakt waren die Vögel machtlos. Glücklicherweise wurde es jetzt erträglich und er hörte nur noch eine einzige Stimme in sich.
„Es ist noch nicht vorbei mit Lusandria, Sophus. Es soll ein Spiel geben, das ist Rubandas Testament. Ein Spiel, in dem entschieden wird, wer ihre Nachfolgerin wird. Zwölf Prinzessinnen werden kommen und gegen die Bestien der Unterwelt kämpfen. Die Prinzessin, die die letzte Bestie tötet, bekommt Prinz Mintal zum Manne und die ganze Macht der Laora.“
Ein Spiel? Kämpfe mit den Bestien aus der Unterwelt? Die Stimme in ihm teilte sich wieder auf.
„Lass uns frei!“
„Ja, öffne die Kiste.“
„Wir holen die Prinzessinnen.“
„Zwölf Prinzessinnen, die um ihr Glück kämpfen.“
„Lass uns frei!“
Sophus ließ den Deckel der Kiste zurückfallen, augenblicklich war es wieder still in seinem Kopf. Die Mönche blickten ihn fragend an. Warum zögere ich? Ein Spiel, in dem Rubandas Nachfolgerin ermittelt werden sollte, das hatte er einfach nicht erwartet. Aber die Königin hatte immer recht gehabt, sie hätte dieses Testament nicht verfügt, wenn es nicht das Beste für sie alle wäre. Ein Lächeln zeichnete sich auf Sophus‘ Gesicht ab. In seinem Inneren sah er das Kolosseum, voll mit Menschen, und er sprach zu ihnen. Das Prinzessinnenspiel. Ja, das war gut. Er riss den Deckel der Kiste auf und die Silbervögel flatterten hinaus in den Himmel.
„Wenn du mich heute nicht holst, sterbe ich.“ Die Worte hallten in ihr nach, das Echo ihrer Verzweiflung. Diese Worte waren die Essenz der Nacht, geschmiedet in einem wunderschönen Traum. Sie war weit weg gewesen. Karen versuchte, den Ort zurückzuholen, an dem sie gewesen war. Aber die Einzelheiten waren fort, ebenso wie der Prinz, der mit ihr getanzt hatte. „Wenn du mich heute nicht holst, sterbe ich.“ Diese Worte hatte sie ihm zugerufen, kurz bevor sich die Berührung ihrer Hände verlor und sie wieder hinausgesogen wurde in die kalte Wirklichkeit.
Karen öffnete die Augen. Etwas Licht drang von unten in den Dachboden. Sie hörte den schweren Atem ihrer Stiefschwester. Aber keinen Regen mehr. Karen drehte sich um und schob ein loses Brett in der Wand beiseite. Kühle Luft strömte ihr entgegen und mehr Licht. Sie sah das tiefe Grün der Tannen, ein Specht klopfte in der Ferne. Eigentlich war das ein schöner Anblick, trotzdem stellte sich Karen oft vor, dass da etwas anderes wäre. Eine Straße mit Läden und Häusern, und in der Ferne würde man die Stadtmauer und einen Turm, auf dem eine Fahne wehte, sehen. Eine Straße voll mit Menschen, die arbeiteten, einkauften und lachten. War Karen vielleicht in solch einer Stadt aufgewachsen, sehnte sie sich deshalb so danach? Hier gab es immer nur denselben, einsamen Wald. Ihre Blockhütte war die einzige weit und breit. Auf ihren ausgedehntesten Wanderungen hatte Karen nie ein Anzeichen von anderen Menschen gefunden.
Diese Einsamkeit tat weh.
Manchmal dachte sie, Mathilde, Martha und sie selbst wären die einzigen Menschen auf der ganzen Welt. Dieser Gedanke konnte so stark werden, dass sie kaum noch Luft bekam. Dann musste sie sich zwingen, klar zu denken. Wir sind mitten in den Bergen. Das ist kein Ort, an dem jemand freiwillig lebt. Dazu waren die Lebensbedingungen hier viel zu hart. Ohne den Manissensaft wären sie schon längst verreckt. Genauso ohne Kartoffeln und Ziegen. In ihrer Hütte gab es so viele Dinge, die Mathilde und Martha nicht alleine herstellen konnten: Stoff für ihre Kleidung, Nadel und Faden, Pfannen, Töpfe, Gläser. Es musste also noch andere Menschen geben! „Papa ist früher einmal im Jahr fortgegangen“, hatte Martha ihr erzählt. „Er ging mit einem Beutelchen voll Edelsteinen fort, und wenn er wiederkam, hatte er einen Esel dabei, der war so vollgepackt wie er selbst. Das war immer der schönste Tag im Jahr, viel schöner als mein Geburtstag.“ Die Augen ihrer Stiefschwester leuchteten jedes Mal, wenn sie von ihrem Vater erzählte. Karen glaubte zwar nicht, dass er genauso viel hatte schleppen können wie ein Esel, aber zweifelsohne war er sehr stark gewesen, schließlich hatte er die Blockhütte gebaut. Karen hatte ihn niemals kennengelernt. Sein Grab lag hinter der Hütte, dicht bei Mathildes Kammer.
Karen zwang sich hoch. Da lag Martha, zusammengekrümmt, fast neben ihrer Strohmatratze. Karen beugte sich zu ihr hinüber, zu dem runden Gesicht mit den vielen Pickeln und dem fettigen braunen Haar. Sie keuchte, und die Stirn glänzte vom Schweiß. Erst jetzt merkte Karen, dass sie sich selbst auch nicht gänzlich gesund fühlte, beim Schlucken schmerzte der Hals und es drückte in den Ohren. Das war wie so oft nach langen Regentagen, wenn alles feucht war.
Sie mühte sich zur Leiter. Ihr Fuß rutschte an einer Sprosse vorbei, schnell klammerte sie sich fest. Nach und nach beruhigte sich ihr Herz wieder. Karen hatte sich daran gewöhnt, am Morgen ungeschickt zu sein, aber heute fühlte sie sich richtig schwach.
Es war ihre Aufgabe, das Schwarzwasser zuzubereiten. Karen schürte das Feuer im Ofen und setzte Wasser auf. In einen anderen Topf steckte sie Kräuter und eine große Schattenwurzel, heute brauchte sie eine besonders starke Mischung. Sie drückte ihre spitzen Fingernägel in die dunkle Knolle, bis daraus ein dicker, schwarzer Saft quoll. Sie lutschte ihre Finger ab und genoss, wie das Leben in ihre Glieder strömte. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie ihre Fingernägel. Das tägliche Drücken in die Schattenwurzel hatte sie schwarz gefärbt, und sie waren so hart geworden, dass sie sich kaum noch schneiden ließen. Karen drehte die Knolle in den Kräutern, dadurch verlor sie etwas Bitterkeit und reizte den Magen nicht mehr so stark. Wenn man wollte, konnte man auch noch einen Geschmack hinzufügen, ihre Stiefmutter mochte zum Beispiel gerne Waldbeeren. Aber Karen wollte es heute nicht so süß. Jetzt fehlte nur noch das kochende Wasser. Sobald sich dann der Duft des Schwarzwassers ausbreitete, würden irgendwann Mathilde und Martha auftauchen. Früher war es andersherum, da war Karen immer die Letzte gewesen. Martha hatte über sie gelacht und sie „Schläfling“ genannt. Nun war Martha selbst der Schläfling, und auch Mathilde hatte ihren Tag nach Karen ausgerichtet.
Das heiße Wasser verband sich mit dem Saft der Schattenwurzel zu einem undurchdringlichen Schwarz. Der Dampf verflüchtigte sich in unregelmäßigen Kringeln. Karen verlor sich einen Moment lang in dem Anblick der Flüssigkeit. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Das war der Augenblick des Tages, an dem sie Kraft schöpfte. Kraft, die nicht lange vorhielt. Denn wenn ihre Stiefmutter und Stiefschwester kamen, tranken sie nicht nur aus ihren Tassen, sondern auch aus ihr. Ich bin ihre Energie. Karen goss sich eine Tasse ein und setzte sich auf die Holzbank. Quer, die Beine angewinkelt, mit dem Rücken zur Wand. Auf den Knien hielt sie, umschlossen von beiden Handflächen, die warme Tasse.
Eigentlich war die Blockhütte ein einziger Raum. Eine große Küche mit dem Ofen als Mitte. An den Wänden stapelten sich Holzscheite, an den Deckenbalken hingen Essensvorräte, dazwischen die Wäsche zum Trocknen. Der Dachboden gehörte Martha und Karen. Es gab nur ein einziges abschließbares Zimmer in der Hütte, Mathildes Kammer.
Die Tür öffnete sich quietschend, ihre hagere Stiefmutter schlurfte heraus. In der Hand hielt sie den rostigen Schlüssel, mit dem sie die Tür gewissenhaft wieder verschloss. Sie ging hinüber zu Karen und griff mit zittriger Hand nach einer Tasse. Ihre Augen waren aufgequollen, ein trüber Schleier lag auf ihnen.
Karen senkte den Blick. „Martha hat Fieber.“ Mathilde seufzte und Karen verkrampfte innerlich. „Ich fühle mich auch krank.“
„Ich hole Manissensaft.“ Mathilde seufzte erneut.
Karen hasste dieses Seufzen so sehr. Gerade an diesen langen Tagen, an denen sie bis abends gemeinsam in der Hütte hockten, konnte sie es nicht mehr ertragen. Dann ging sie früh zu Bett und hielt sich die Ohren zu, um dieses Geräusch nicht mehr zu hören. Es war, als ob Mathildes Herz ein Sack war, der bis zum Rand gefüllt war mit Schmerzen, und immer, wenn eine Stelle aufriss, seufzte sie. Karen wusste nicht, ob das erst so war, seitdem ihr Mann gestorben war, doch sie bezweifelte es.
Karen wünschte, der Manissensaft könnte auch solche Leiden heilen. Ganz langsam, sozusagen als Nebenwirkung. Aber das tat er nicht. Nein, der Manissensaft heilte lediglich Erkältung und Fieber. Und das war viel! Denn damit wurden schlimmere Krankheiten verhindert.
Karen würde nie die Faszination vergessen, als sie zum ersten Mal Manissensaft getrunken hatte. Er hatte etwas in ihr berührt, ließ etwas leuchten, was sonst verborgen war. Er entfachte eine Art inneres Feuer, dessen Hitze die Krankheit vertrieb. In jenem Moment hatte Karen Ehrfurcht vor ihrer Stiefmutter gehabt. Sie hatte geglaubt, dieser Frau sei alles möglich.
Mathilde schloss sich wieder in ihrer Kammer ein. Sie achtete sehr darauf, dass Martha und Karen diesen Raum niemals zu Gesicht bekamen. Wie es darin aussah, war für Martha gewiss die größte Frage ihres Lebens. Es gab kein Fenster und im Holz war kein Loch, durch das man hineingucken konnte. Martha war überzeugt davon, dass das Zimmer wunderschön eingerichtet war und ihre Mutter darin etwas Wertvolles versteckte. Einen Schatz, der viel besser war als Karens blaues Buch. Martha glaubte, irgendwann würde Mathilde den Raum für sie öffnen und ihr diesen Schatz geben. Karen jedoch kannte die Wahrheit. Einmal war sie in dem Zimmer gewesen, und sie wollte nie wieder hinein. Obwohl es der einzige Tag gewesen war, an dem sich ihr Leben sinnvoll angefühlt hatte.
Vor fast zwei Jahren war das gewesen, an einem ähnlichen Tag wie heute. Martha war viel stärker krank gewesen, fast bewusstlos. Ab und zu musste sie furchtbar husten, neben ihrer Matratze lagen Berge von rot gerotzten Tüchern. Jeden Tag trank Martha eine größere Menge Manissensaft, trotzdem ging es ihr nicht besser. Mathilde war verstört. „Mit dem Manissensaft stimmt etwas nicht“, sagte sie. „Er ist verdorben oder zu alt. Ich muss neuen herstellen. Hoffentlich schaffe ich das noch.“
Karen folgte ihr. „Darf ich dir dabei zusehen? Ich möchte lernen, wie man ihn macht!“
Doch Mathilde drückte die Tür hinter sich zu.
„Du bist eine ‚Blüte’, nicht wahr?“
Mathilde hielt inne. „Blüte? Woher kennst du diese Bezeichnung?“
„In meinem blauen Buch wird eine Blüte erwähnt. Zu ihr geht man, wenn man krank ist.“
Mathilde schüttelte gequält den Kopf. „Ich bin keine Blüte. Der Manissensaft ist der einzige Saft, den ich kenne. Nennst du jemanden, der nur ein einziges Gedicht geschrieben hat, einen Dichter?“
„Wenn die anderen Menschen nicht dichten, ja.“
Mathilde stierte durch sie hindurch. „Du hast recht. Ein einziges Rezept reicht aus, um in den Kreis der Blüten aufgenommen zu werden. Das habe ich tatsächlich vergessen. Es war für mich immer selbstverständlich, dass ich eines Tages mehr können würde. Aber ich habe es nicht geschafft.“ Mathilde ließ Karen eintreten.
Karen war geschockt. Es roch abartig, Kleider lagen zwischen Essensresten und Schimmelpilzen. Nur in einer Ecke war es halbwegs sauber. Dort stand ein Gerät aus glänzendem Kupfer. Ein geschlossener Kessel mit verschiedenen Röhren daran. Martha hätte dieses Gerät sicherlich für den Schatz gehalten, aber Karen wusste es besser. Damit brennt man Schnaps. Auf dem Boden stand eine große Korbflasche, halb geleert. Mathilde besaß weniger als nichts, sie war krank und kaputt, das wollte sie vor ihrer Tochter geheim halten.
Mathilde schob Karen durch den Dreck bis zum Schreibtisch. „Normalerweise nennt man uns ‚Hexen’. Die Leute meinen das böse, sie hassen uns. In allen Königreichen ist Hexerei verboten, sie jagen und töten uns. Dabei tun wir nichts Schlimmes. Die Kunst der Heilung ist das Einzige, was ich jemals können wollte. Ich wollte den Menschen immer nur helfen.“ Mathilde wischte eine tote Fliege vom Schreibtisch. „Wir sind keine Hexen, wir sind ‚Blüten’. So nennen wir uns selbst, ‚Blüten’ und ‚Früchte’.“ Mathilde drückte Karen in einen Stuhl. „Ich weiß, das klingt seltsam. Aber diese Wörter haben sich bewährt. Sie sind ein Geheimzeichen, das nur Eingeweihte verstehen. Wenn du zum Beispiel auf einer Lichtung einen Kreis von Blütenblättern findest, dann weißt du, dass es dort eine Zusammenkunft gegeben hat. Und mit Obstbäumen kann man den Weg zum Versteck einer Frucht weisen.“
„Eine Blüte ist eine junge Heilerin und eine Frucht eine alte?“, fragte Karen.
„Das Alter hat damit nichts zu tun. Der Unterschied liegt darin, inwieweit du die Kraft deiner Seele beherrschst.“ Mathilde strich Karen über die Arme. „Damals war ich so jung wie du. Meine Lehrerin hieß Kenaja, sie war eine Frucht. Ich habe noch niemals eine so schöne Frau gesehen. Weißt du, Blüten werden alt und hässlich, so wie ich. Aber eine Frucht bleibt immer schön.“ Mathilde kicherte und fuhr Karen durch das lange, schwarze Haar. „Nicht, dass du denkst, alle schönen Frauen seien Früchte. Du bist so schön wie Kenaja, aber du bist keine Frucht. Noch nicht.“
Karen schossen Tränen in die Augen. Noch nie hatte Mathilde sie „schön“ genannt. Es war, als ob Mathilde sie zum ersten Mal sah. Zum ersten Mal fühlte Karen so etwas wie Liebe. Wenn ihre Stiefmutter doch immer so sein könnte!
„Alles, was ich dir sage, weiß ich von Kenaja. Leider ist es sehr wenig. Kenaja ist so plötzlich aus unserem Dorf verschwunden, wie sie darin erschienen ist. Eine Woche bevor der Hexenjäger kam. Glücklicherweise wusste niemand, dass ich ihre Schülerin war, ich bin immer heimlich zu ihr gegangen.“ Mathilde fand einen zweiten Stuhl und setzte sich vor den Schreibtisch. Vor ihr lagen allerlei Säckchen und Kästchen. „Bei dem, was wir tun, geschieht nichts Übernatürliches. Es ist sehr wichtig, dass du das verstehst! Die Leute nennen es ‚Zauberei’, wenn sie es fürchten, und ‚Wunder’, wenn es ihnen nützt. Aber du musst tiefer sehen. Es gibt keine Wunder. Was wir tun, ist zwar nicht das, was normalerweise geschieht, aber es geschieht doch nach einem Gesetz. Alles in der Welt geht nach Gesetzen. Deshalb ist das Leben auch so hart.“ Mathilde stockte. „Weißt du, ich habe immer gedacht, eine Blüte hat es leichter im Leben. Aber das stimmt nicht.“ Sie schaute Karen gebrochen an. „Willst du immer noch lernen, wie man den Manissensaft macht?“
Karen nickte.
„Unsere Kraft liegt in diesem Gesetz: Alles Leben ruht in der Seele. Deine Hand lebt durch deine Seele, deine Haut lebt durch deine Seele. Die Seele ist unvorstellbare Kraft. Lebenskraft. Du hast erlebt, wie der Manissensaft wirkt. Er berührt dich innen, und die Heilung strömt aus deinem Herzen. Normale Medizin wirkt von außen auf den Körper wie Salben oder Wickel. Aber wir heilen durch die Lebenskraft. Wir animieren die Seele, den Körper von innen zu heilen.“ Mathilde führte Karens Hand an ihr Herz. „Das ist die Kraft, mit der du arbeitest. Als Blüte begibst du dich auf einen Weg: Du wirst feinfühlig für deine eigene Seele. Du wirst …“ Mathilde schwieg plötzlich und schaute zu ihrem Kupferkessel. „Ich habe mich immer bemüht zu vergessen. Ich wollte all das Schlimme vergessen, was ich erlebt habe. Aber das Schlimme vergisst man nie. Nur das Gute.“
Karen legte ihre Hand auf Mathildes Schulter, die alte Frau sah sie dankbar an. Ihre Augen waren wie Marthas Augen, sie hungerten nach Zuneigung. Aber Karen konnte ihr nichts geben. Sie berührte Mathilde nicht, um sie zu trösten, sondern weil sie mehr über die Lebenskraft wissen wollte. „Wie kann ich die Kraft der Seele benutzen?“
„Durch Säfte. Die Kunst der Blüten ist es, Rezepturen zu entwickeln, die deine Seele so konzentrieren, dass sie eine Wirkung erzeugt. Ohne ihre Säfte kann keine Blüte etwas bewirken.“ Mathilde stellte eine Schüssel auf den Schreibtisch und legte einen Löffel daneben. „Unter normalen Umständen benutzt du immer nur einen winzigen Teil deiner Lebenskraft. Du musst also einen unnormalen Zustand für deine Seele herstellen. Das erreichst du durch einen Saft. Es gibt Wirkstoffe in der Natur, die die Seele in einen Zustand versetzen, in dem ihre Kraft etwas vollbringt. Zum Beispiel die Heilung von Pickeln. Solche Wirkstoffe suchen wir. Wir untersuchen Pflanzen, Rinden und Steine danach, ob sie das Potenzial haben, unsere Seele in einen unnormalen Zustand zu versetzen. Daraus entwickeln wir dann ein Rezept. Der Manissensaft enthält Substanzen, die deine Seele dazu animieren, eine Erkältung zu heilen.“
Mathilde griff ein Säckchen und hielt es Karen hin. Das Kraut darin erinnerte an kleine Tannennadeln.
„Reibe den Dalwurz zwischen deinen Fingern, rieche daran, und benetze deine Zungenspitze.“
Karen ließ sich nicht zweimal auffordern. „Es schmeckt bitter, aber in mir merke ich nichts.“
Mathilde öffnete ein kleines Kästchen. „Nimm von dem Laingras dazu und kaue darauf.“
„Es zwackt in meinem Herzen bei jedem Biss.“
Mathilde lächelte. „Wenn du an einer Substanz fühlst, dann nimm nur ein paar Körnchen. Wenn du an etwas riechst, dann atme niemals tief ein. Das Ausprobieren von Pflanzen ist äußerst gefährlich. Alle Säfte haben Nebenwirkungen, und manche treten erst Jahre später auf. Fast keine Blüte kann mehr Kinder gebären, Früchte sowieso nicht. Das Ausprobieren von Pilzen und Beeren ist verboten. Sie schaden nur, enthalten nur unheilvolle Gifte. Du musst mir versprechen, dass du sie niemals anrührst!“
Karen nickte. „Ich verspreche es.“
Mathilde stellte zwei weitere Kästchen auf die Arbeitsfläche. „Der Manissensaft ist sehr einfach. Bei dem Verhältnis zwischen den Kräutern hat man einen gewissen Spielraum, und auch die Temperatur des Wassers ist egal. Es gibt aber Säfte, bei denen kommt es auf jede Kleinigkeit an. Da kann die Herstellung mehrere Tage dauern, und der kleinste Fehler macht alles zunichte.“
Karen beobachtete Mathilde genau, ihr entging nichts, was sie tat. Ob sie nach links umrührte oder nach rechts. Wie sie den Löffel hielt. Kein Wort entging ihr von dem, was Mathilde sagte.
„Die ersten Wirkungen, die wir bei der Lebenskraft entdecken, beziehen sich auf unseren Körper. Die Haut wird straffer, die Sehkraft nimmt zu. Das befähigt uns, als Heilerin zu arbeiten. Aber eigentlich geht es um mehr. Verstehst du? Die Kraft der Seele wirkt nur deshalb so stark auf den eigenen Körper, weil sie mit ihm vermischt ist. Manche Blüten schaffen es jedoch, diese Vermischung aufzuheben. Dadurch kann ihre Seele auch auf Gegenstände außerhalb von ihnen wirken. Sie können dann etwas im Raum schweben lassen oder ein Kraftfeld aufbauen. Eine Blüte, die so etwas kann, nennen wir eine ‚Frucht’.“
„Also kann jede Blüte zu einer Frucht werden?“
„Nur die allerwenigsten schaffen das.“ Mathilde sah Karen ernst an. „Kenaja hat mir erzählt, dass es Früchte gibt, die ihre Seele so sehr aus einzelnen Körperteilen zurückziehen können, dass sie eine Zeit lang weiterleben, auch wenn ihr Körper tot ist. Sie kannte eine Frucht, die auf diese Weise überlebte, obwohl ihr Körper von sieben Pfeilen durchbohrt wurde. Dadurch konnten wir die schwersten Verfolgungen überstehen, weil unsere Früchte überlebt haben und wieder neue Blüten ausbilden konnten.“
Der Manissensaft reichte für sechs Fläschchen. „Du bist jetzt eine Blüte. Dass du den Manissensaft herstellen kannst, ist dein Ausweis. Es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr geben kann. Es tut mir so leid, Martha.“
Karen schluckte. Hatte Mathilde etwa die ganze Zeit über geglaubt, sie würde mit ihrer Tochter reden? Mathildes Augen waren wieder leer und verschlossen. Die Reise in die Zeit, in der sie noch Träume hatte, war beendet. Karen stand auf und verließ die Kammer. Niemals durfte Martha erfahren, was gerade geschehen war. Mathilde hatte tatsächlich einen Schatz besessen, aber sie hatte ihn Karen gegeben.
Karen trank ihr Schwarzwasser aus. Sie schenkte sich nach und lachte bitter. Das war das Einzige, was sie bisher fertiggebracht hatte: Schwarzwasser. Sie hatte jede Pflanze untersucht, die ihr zwischen die Finger gekommen war. Sie hatte sie ausgegraben, geschnitten, geschmeckt, gerieben und daran geschnuppert. Immer, wenn Martha nicht in der Nähe war und sie nicht fragen konnte, was sie da eigentlich machte. Aber in zwei Jahren hatte Karen nur eine einzige Pflanze gefunden, die auf ihre Seele wirkte: die Schattenwurzel. Und selbst damit war sie nicht wirklich zufrieden. Wie das Schwarzwasser auf die Seele wirkte, war mit dem Manissensaft nicht zu vergleichen, es war verschwindend gering. Das Schwarzwasser wirkte mehr auf den Körper als auf die Seele. Gerne würde Karen mit einer Blüte – besser einer Frucht – darüber reden. Aber es gab hier ja niemanden. Ich brauche eine Lehrerin, alleine schaffe ich das nicht. Sie brauchte nicht noch mehr Mathildes und Marthas, die einfach nur vor sich hin lebten, sondern sie brauchte Menschen, die einen Blick für sie hatten und sie förderten.
Das Vorhängeschloss an Mathildes Kammer schepperte, und Karen erhob sich. Sie wollte ihre Stiefmutter nicht sehen. Sie wuchtete sich den Wäschekorb auf den Rücken.
„Karen!“
„Was?“ Karen sah in Mathildes Augen. Sie waren voll Kummer, aber nicht wie sonst. Mathilde machte sich Sorgen um jemand anders. Wie damals, als sie Todesangst um Martha hatte. Mathilde streckte ihre Hand aus und gab Karen ein Fläschchen Manissensaft. Karen steckte es ein und trat aus der Hütte.
Die Ziegen meckerten und trappelten zum Gatter. Sollte Mathilde sie doch füttern. Noch verdeckten die Bäume die Sonne, es war früher, als Karen dachte. Der See glitzerte golden, heute würde es gutes Wetter geben. Karen spürte, dass sich Schweißperlen auf ihrer Stirn gebildet hatten. Sie schleppte sich über die Steine zum Ufer. Von hier aus war die Hütte zwischen den Tannen schon nicht mehr zu sehen. Der Steg war der einzige Hinweis darauf, dass hier Menschen lebten.
Marthas Vater war gewiss in den Süden gegangen. Dort, wo es keine Berge gab, mussten die Städte mit den anderen Menschen stehen. Im Norden wurden die Gipfel immer höher und leuchteten weiß. Das war so wunderschön! Karen wusste nicht, warum, aber der Norden war es, der Hoffnung verhieß, nicht der Süden. Es verunsicherte sie selbst, aber wenn sie frei wäre zu gehen, wohin sie wollte, dann würde sie die hohen Berge wählen anstelle des Südens.
Während Karen auf den Steg lief, blickte sie zu den Teufelshörnern. Zwischen diesen beiden Bergspitzen hingen immer Wolken, selbst wenn der Himmel kristallklar war. Allen anderen Gipfeln hatte sie selbst Namen gegeben, Namen wie „Nordrand“ oder „Zapfen“. Aber die Teufelshörner hatten ihren Namen schon vorher gehabt. Mathilde sprach ihn stets voller Ehrfurcht aus. Karen dachte, der Name käme daher, dass die beiden Spitzen so aussahen wie die Hörner eines Teufels. Doch Mathilde hatte etwas anderes gesagt: „Sie heißen so, weil dort Teufel wohnen.“ Martha hatte sich erschrocken die Hände vor den Mund geschlagen, aber Karen hatte das keine Angst gemacht. War das nicht eine Bestätigung? Ein Zeichen dafür, dass es noch ein anderes Leben für sie gab? Nicht nur dieses armselige Leben bei Mathilde, bei dem sie sich jeden Tag so fühlte, als ob sie nicht hinein passte.
Seit zwei Wochen gab es einen Prinz in ihren Träumen, der sie von hier weg holte, um sie in sein Schloss zu bringen. Jede Nacht träumte Karen intensiver von ihm. Heute Nacht war dieser Traum am schmerzvollsten gewesen.
Vor zwei Wochen hatten sich auch die Teufelshörner verändert. Nur nachts konnte man es sehen: Ein blaues Licht strahlte durch die Wolken hinauf in den Himmel. Dort musste also etwas sein. Aber es war doch schon hier so schwer zu überleben, wie konnte es dann dort im Schnee Menschen geben? Vielleicht keine Menschen, sondern Teufel.
Karen stellte den Wäschekorb ab, sie stand am äußersten Ende des Stegs. Normalerweise beruhigte sie dieser Ort, aber heute fühlte sie nichts. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ein leichter Wind wehte, eigentlich war sie zu dünn angezogen, trotzdem war ihr nicht kalt. Schmerz durchzuckte ihren Kopf. Sie biss die Zähne zusammen, und der Schmerz verklang.
Karen nahm den Manissensaft aus ihrer Schürze. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, um ihn zu trinken. Sie drehte das Fläschchen zwischen den Fingern. Wenn sie ihn trank, würde es ihr sofort besser gehen, ihr Kopf wäre wieder klar. Sie würde den Wind auf der Haut fühlen und frieren. Alles wäre so wie sonst.
„Ich will nicht mehr!“ Karen schrie aus Leibeskräften. Sie sah noch einmal kurz auf das Fläschchen in ihrer Hand, dann schleuderte sie es weit in den See. „Wenn du mich heute nicht holst, sterbe ich!“
Sie kniete sich nieder, um die Kleidung zu waschen. Ein Hemd im Wasser schwenken, auswringen. Auf dem Waschbrett rauf und runter, auswringen. Ein monotoner Rhythmus, nur nicht heute. Der Stoff war noch zu nass, sie drückte nicht kräftig genug zu. Stärker musste sie quetschen, den Stoff mehr drehen, aber ihre Hände gehorchten nicht. Karen schniefte, wischte sich mit dem Arm die Nase. Unter ihren Knien wurde das Holz rot. Karen griff wieder in den Korb, das war ihr blaues Samtkleid. Sie tauchte es ein, einmal, zweimal. Es entglitt ihren Fingern und trieb davon. „Der See holt dich zurück“, rief sie. Sie lächelte dem Kleid hinterher und begann, eine Melodie zu summen. In ihr stimmte ein Geisterchor mit ein. Instrumente spielten dazu eine Festmusik. Sie befand sich wieder in dem Schloss ihres Traumes, im Ballsaal, tausend Kerzen leuchteten nur für sie und ihren Prinzen …
„Das ist doch alles nur ein Traum“, flüsterte Karen wehrlos und krallte ihre Fingernägel in den Steg. Beinahe wäre sie nach vorne ins Wasser gekippt. Na und?
Lautes Donnern, die Planken bebten. Karen drehte ihren Kopf. Ein riesiges weißes Pferd stand über ihr und schnaubte, Karen spürte seinen warmen Atem. Da war außerdem ein Mensch, jemand glitt hinab von dem Pferd. Ein Ritter in heller Rüstung bückte sich zu ihr hinab. Karen lächelte verzückt. „Du bist wirklich gekommen, um mich von hier wegzubringen!“ Alles um sie herum drehte sich. Nein, sie drehte sich. Karen tanzte und lauschte der Musik. Dieser wunderschönen Musik. Und der Prinz drehte sich um sie, und sie drehte sich um ihn, schneller und schneller hinein in ein grellweißes Licht.
Im Kolosseum von Lusandria stand Prinzessin Tine keine zwei Meter von dem Bären entfernt. Dreihundert Kilo geballte Kraft. Er riss das Maul auf, und sein Brüllen betäubte Tines Gehör, nur ein Pfeifton blieb zurück. Und der Gestank von faulem Fleisch, die letzte Mahlzeit der Bestie.
Tine prüfte den Halt ihres Schwertes. Ihr Name war auf der Klinge eingraviert. Es war ein Geschenk gewesen, das sie erst in diesem geheimnisvollen Land bekommen hatte. Es war weitaus besser als ihre alte Waffe. Dieses Schwert war erstaunlich leicht und dennoch unglaublich hart.
Einen Schwarzbär müsste ich doch besiegen können, dachte sie. Sie hatte mit einem Monster gerechnet, da sollte sie es doch gegen einen gewöhnlichen Bären schaffen. Gewöhnlich – bis auf das große Auge auf seiner Stirn.
Der Bär war voller Hass, dieses eine große Auge aber war sanft. In der Pupille sah Tine ein Bild. Einen riesigen Tempel. Zwischen den Säulen standen Tische mit Geschirr und Kleidung, viele Menschen tummelten sich dort. Ein Marktplatz. Aber es waren keine Menschen, die dort miteinander sprachen. Sie alle besaßen nur ein einziges großes Auge. Es waren Zyklopen. Und das Auge auf dem Bären erzählte von ihrer verlorenen Kultur.
Die Sonne strahlte gleißend, der Strand so weiß und das Meer türkis wie ein Edelstein. Fast wie zu Hause am Sonnensee. Gerne wäre Tine wieder dort, beim Wellenreiten mit ihrem Bruder Teuben. Das war so schön gewesen! Ihre Eltern hatten sich das wohl anders vorgestellt, als ihr zweites Kind eine Tochter war. Sie sollte eine Traumprinzessin sein, ein braves Mädchen, ein Püppchen zum Vorzeigen. Ernestine. So lautete ihr Name eigentlich. Doch wehe dem, der diesen Namen aussprach! Sie war Tine, das war der Name, den sie auf ihr Brett gemalt hatte. Und sie beherrschte es besser als ihr Bruder Teuben. Sie hatte die Riesenwelle im letzten Herbst geschafft, Teuben dagegen hatte es umgerissen. Aber schon, wenn man nur ihre beiden Bretter im Sand stecken sah, war klar, wer von ihnen mehr drauf hatte. Wie konnte Teuben nur auf dem biederen Königswappen reiten?
Was ist nur mit dir passiert, Teuben? Tränen stießen Tine ins Gesicht. Wo bist du? Sie hatte geglaubt, ihr Bruder sei tot. Dass er wirklich bei einem Jagdunfall gestorben wäre, auch wenn man seine Leiche niemals gefunden hatte. Sie hatte sich bereits damit abgefunden, ihr Schmerz war schon fast erträglich gewesen. Doch dann war dieser Silbervogel gekommen. „Wenn du das Prinzessinnenspiel gewinnst, wirst du wissen, was mit Teuben wirklich geschehen ist.“ Das konnte sie doch nicht ignorieren! Sofort quälte sie wieder die Ungewissheit: Lebte Teuben etwa noch? Vielleicht würde sie auch einfach nur erfahren, wo sein Leichnam zu finden war. Doch selbst das würde schon helfen. Vor allem ihren Eltern. Teubens Hochzeit mit Prinzessin Laetitia hatte Tine so stolz gemacht! Sie dachte an den Gesichtsausdruck ihrer Eltern. Sie hatten so erlöst gestrahlt, als ob sie gerade einem Wunder beiwohnten. Als ob sie niemals damit gerechnet hätten, dass Teuben heiraten würde. Dabei war er doch der Spießer, ich bin eure Enttäuschung.
Ja, die glücklichen Gesichter ihrer Eltern wollte Tine wieder sehen, wenn sie ihnen Nachricht von Teuben bringen würde. Ich muss herausfinden, was mit ihm passiert ist. Deshalb musste sie diesen Kampf auf jeden Fall gewinnen. Nicht nur diesen Kampf, sondern das ganze Prinzessinnenspiel.
Das Zyklopenauge hatte mittlerweile aufgehört, seine Geschichte zu erzählen, und zeigte nur noch ein einziges Bild. Tine stockte der Atem. Das bin ja ich! Ihre roten Locken wehten im Wind, in der Hand hielt sie den gespannten Bogen.
„Nein.“ Die Prinzessin schüttelte ihren Kopf und wich einen Schritt zurück. Sie kannte die Erzählung, dass ein Zyklop den Zeitpunkt und die Art seines Todes sein Leben lang kannte. Jetzt sah sie sich selbst in seinem Auge, also war sie es, die das Schicksal dieses Zyklopen besiegeln würde. Dieses Bild von ihr hatte er offenbar immer in sich getragen, lange Zeit, bevor es sie überhaupt gab.
„Ich will dich doch gar nicht töten“, sagte Tine. Das Auge war so einzigartig schön. Tine wusste, das war albern. Sie musste kämpfen, ob sie wollte oder nicht. Das Auge zeigte ihr, dass sie diesen Kampf gewinnen würde, also sollte sie sich doch freuen. „Es tut mir leid.“ Tine zögerte. Konnte sie es riskieren, die Waffe zu wechseln? Wenn der Bär sie in diesem Moment anfallen würde, könnte sie sich nicht wehren. Er stand bereit zum Sprung, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Etwa das Zyklopenauge? Tine ließ das Schwert fallen und griff nach dem Bogen. Der Bär stand immer noch genauso da, Speichel tropfte aus seinem Maul.
Tine legte einen Pfeil an und spannte die Sehne. Selbst jetzt bewegte sich der Bär noch nicht.
Der Pfeil schnellte los, direkt in das Zyklopenauge. Der Bär brüllte auf, schlug sich die Tatzen an die Stirn, taumelte hin und her.
Geschafft! Sie hatte den Bären tatsächlich besiegt! Sie war nicht nur im Wasser die Beste, sondern ebenso an Land.
Doch der Bär stürzte nicht. Sein Jaulen verstummte. Er ließ sich auf seine Pranken fallen und brummte bedrohlich. In seiner Stirn steckte immer noch der Pfeil, das Augenlied hing schlaff darüber. Jetzt gab es nur noch die stechenden Augen des Bären. Tines Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte nur den Zyklopen besiegt, aber nicht den Bären. Zwei eigenständige Wesen in einem, nur eines davon war tot. Der Zyklop hatte den Bären wirklich zurückgehalten, nun aber war der Bär frei.
Das Ungetüm sprang nach vorne und Tine zog ihr Schwert, doch schon traf sie sein Hieb und schleuderte ihr den Helm vom Kopf.
Etwas Feuchtes floss aus ihrem Haar, über ihre Stirn, über ihre Wange und tropfte rot in den Sand.
Ihr Blick wanderte über die voll besetzten Ränge des Kolosseums. Die Menschen sprangen auf, Tine sah, wie sie entsetzt schrien. Wie konnte ich nur denken, dass ich es schaffe? Als allererste Kämpferin im allerersten Kampf. Es gab doch noch so viele Prinzessinnen, die nach ihr kommen würden. Immer mehr Blut tropfte von ihrem Kopf, sie spürte, wie die letzten Kräfte sie verließen. Sie lächelte. Wenn ich tot bin, dann erfahre ich auch, was mit Teuben geschehen ist. Leblos kippte Tine in den Sand.
Karen lag ganz still. Sie wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Nicht aufwachen aus diesem Traum. Alles war so weich. Sie strich sanft mit den Händen über das Laken. Das war ganz anders als die Matratze bei Mathilde, aus der sie immerzu das Stroh piekte. Es war so herrlich warm, kein Luftzug huschte über ihre Füße. Karen wackelte mit den Zehen. So ruhig! Kein Wind rüttelte am Fenster, kein Balken ächzte. Es stank nicht nach Marthas Schweiß, sondern duftete nach Frühling.
Das ist kein Traum. Karen schlug die Augen auf. Sie lag in einem Himmelbett, schimmernde Schleier dämpften die Lichter, die um sie herum flackerten.
„Er ist wirklich gekommen“, flüsterte Karen. „Der Prinz hat mich in sein Schloss geholt.“ War er etwa hier im Raum? Ihr Herz schlug schneller, die Ohren kribbelten bis in die Spitzen. Hatte sie überhaupt etwas an? Ein weißes Nachthemd, das schönste Kleid, das sie je getragen hatte. „Hallo?“ Dieses zaghafte Stimmchen hätte beim besten Willen niemand hören können. Karen räusperte sich. „Hallo!“ Zu laut.
Keine Antwort.
Karen schob den Vorhang beiseite. Was für ein herrliches Zimmer! Mehrere Laternen brannten um sie herum. Etwa nur, damit sie nicht im Dunkeln aufwachte? Draußen vor dem Fenster herrschte schwarze Nacht. Sie rutschte aus dem Bett. Zwei bunt bestickte Hausschuhe standen da, bereit zum Reinschlüpfen. Doch schon die Pelze auf dem Boden waren angenehm warm.Ein großer Spiegel lachte sie an, daneben standen ein riesiger Kleiderschrank und ein Tischchen mit einer Schmuckkassette darauf.
Karen wollte irgendetwas Verrücktes tun. Etwas Verrückteres, als wild herumzuhüpfen, fiel ihr jedoch nicht ein. Schon nach ein paar Sprüngen stach es in ihrem Kopf, und sie setzte sich wieder hin. Richtig, sie war ja krank gewesen. Sie hatte Kleidung gewaschen auf dem Steg am See. Und dann ist mein Prinz gekommen. Er hatte sie mitgenommen und gepflegt. Natürlich war sie immer noch nicht ganz gesund.
Wie lange hatte sie wohl in diesem Bett gelegen? Da stand ein Korb mit Brot, schnell brach sie ein Stück davon ab, sie hatte Mordshunger. Der Kopfschmerz war fort, trotzdem war es wohl das Vernünftigste, sich wieder hinzulegen.
Aber sie wollte nicht vernünftig sein. „Ich muss den Prinzen sehen.“ Sie ging zum Schrank. „Und wenn ich zu ihm gehe, dann muss ich etwas Richtiges anhaben.“ Sie schob die Tür auf. Der Schrank war fast leer, nur an drei Bügeln hing etwas. Das hatte sie nicht erwartet. Aber so war es besser, so konnte sie selbst einkaufen gehen. Bis dahin musste das hübsche rote Kleid ausreichen.
Perfekt! Dazu passten die golden glitzernden Schuhe mit den hohen Hacken, Karen holte sie ebenfalls aus dem Schrank. Halt, noch etwas anderes musste getan werden. Sie schlurfte barfuß zur Schmuckkassette und legte sich die lange Kette und das Armband um. Wie hübsch die Ohrringe waren! Leider hatte Karen keine Ohrlöcher, die musste sie sich unbedingt morgen stechen lassen. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. „Toll siehst du aus!“, lobte sie sich selbst. Bis auf die Frisur, ihre schwarzen Strähnen hingen wild durcheinander. Irgendwo musste es hier doch einen Kamm geben. Karen trottete ins Bad. Vor dem Spiegel lag nicht nur eine Bürste, sondern auch ein roter Farbstift. Für das Gesicht? Mehr Rot auf den Lippen wäre wunderbar. Ihr Herz klopfte schnell. Mehr, als den Mund zum Leuchten zu bringen, traute sie sich aber nicht.
Zurück im Zimmer schlüpfte Karen in die Schuhe. Es war schwierig, auf den Zehenspitzen zu stehen, der Absatz war so dünn und wackelig. Sie stakste zur Tür und öffnete sie. Natürlich war es im Flur dunkel, zu dieser Nachtzeit schliefen sicherlich alle. Machte es dann überhaupt Sinn hinauszugehen? Doch ruhig schlafen konnte sie jetzt nicht mehr. Mit irgendjemandem musste sie reden, und sei es nur ein müder Hund. Karen nahm den Handleuchter neben der Tür und entzündete die Kerze darauf. Dann wackelte sie in den Flur. Sie musste mehr auf ihre Füße achten und darauf, dass sie nicht umknickte, als dass sie irgendetwas anderes wahrnehmen konnte.
Kalink.
Karen drehte sich um. Die Zimmertür war zugefallen. Auf dieser Seite gab es nur einen runden Knauf, keine Klinke. Gerne hätte sie sich noch die Strickjacke geholt, hier im Flur war es recht kühl. Der Wind heulte und pfiff, jemand hatte das Fenster offen gelassen. Karen begriff, dass sie ihre Kerze schützen musste, aber schon löschte ein Windhauch die Flamme. Einen Moment lang mussten sich ihre Augen umgewöhnen, der Mond war jetzt die einzige Lichtquelle. Zerschlissene Vorhänge flatterten geisterhaft auf sie zu. Das Fenster war nicht einfach offen, die Scheibe war zerbrochen. Die Leuchter an der Wand waren verbogen und über und über mit Spinnweben bedeckt.
Karen wollte zurück ins Zimmer, stemmte sich gegen die Tür - aber unmöglich, sie brauchte den Schlüssel. Was jetzt? Ihr Herz schlug schneller, als ihre Fäuste gegen die Tür hämmerten.
Keine Panik. Sicherlich gab es eine gute Erklärung dafür, dass hier alles so heruntergekommen war. Ihr Prinz auf dem weißen Pferd hatte sie doch gerettet, das stand eindeutig fest. Alles ist gut.
Sollte sie nach links oder nach rechts gehen? Links gab es weitere Zimmer, dort konnte sie klopfen. Aber sie wollte nicht einfach jemanden stören. Nicht, wenn jemand jetzt noch schlief, nach all dem Lärm, den sie gemacht hatte. Rechts wurde es dunkler, wahrscheinlich kam sie dort zu einer Treppe. Einen Augenblick lang schwieg der Wind, kurz war es ihr, als hätte sie etwas gehört. Stimmen? Karen wollte losgehen, aber die dämlichen Schuhe nervten. Der Steinboden war eiskalt, trotzdem lief es sich barfuß besser. Neben ihr stand eine zerbeulte Ritterrüstung, Karen schob die Glitzerschuhe darunter.
Bei der Treppe hörte sie die Geräusche wieder, diesmal deutlicher. Das Schrammen einer Fidel, Gelächter. Die Leute waren irgendwo unten, sie musste die Stufen hinunter. Karen hielt sich am Geländer fest. Der Marmor war staubig, aus vielen Stufen waren Stücke herausgebrochen. Überall Zerstörung – gab es überhaupt das schöne Zimmer, in dem sie aufgewacht war?
„Ihh!“ Eine feiste Ratte flüchtete vor ihr. Ruhig, Karen, ruhig. Schnell zu den Menschen! Vorne strahlte Licht in den Korridor, güldene Streifen, dazwischen ein silbernes Rechteck, gezeichnet vom Mond. Die Wand zu ihrer Rechten war von Bögen unterbrochen. Einst enthielten sie wohl das bunte Glas, das in Scherben auf dem Boden lag, nun waren sie mit Brettern vernagelt. Dahinter musste der große Saal sein, eine Prachthalle für rauschende Feste.
„Hör mit der Drecksfidel auf, ich will schlafen!“ Irres Kichern.
„Dann sauf mehr!“ Bierkrüge schlugen aneinander. „Außerdem spielst du selbst die Fidel.“ Leidenschaftliches Rülpsen.
Karen stand in dem Rechteck aus Mondlicht, links blickte sie durch einen leeren Türrahmen in den Burghof, es schneite sanft. Sie wandte sich zurück zur anderen Seite, zum großen Saal und stellte sich auf die Zehenspitzen, um durch die Bretter gucken zu können. Ein herrlicher Kronleuchter lag am Boden, trotzdem brannten alle seine Kerzen. Wie um ein Lagerfeuer saßen drei hagere Typen darum. Völlig abgeranzt, das Haar verfilzt, die Wangen eingefallen. Zwei hielten Bierkrüge, der dritte war der Fidelspieler. Ohne den jammernden Klang des Instruments konnte Karen ein Schnarchen hören, das von den vereinzelten Lumpenhäufchen überall in der Halle kam. Karen schluckte. Wollte sie wirklich mit diesen Burschen reden? Da war ihr die Ratte an der Treppe doch lieber.
Der saure Gestank von Kotze stieg Karen in die Nase. Wieder dieses irre Kichern, diesmal ganz nah. Ein rotädriges Auge tauchte auf der anderen Seite des Brettes auf. „Hallow!“, sagte der Fremde.
Karen sprang zurück. Nur noch raus hier! Sie stolperte in den Burghof. War sie etwa doch auf dem Steg gestorben, und dies hier war die Hölle? Karen zitterte, hielt die Arme dicht am Körper. Es war bitterkalt, aber auf keinen Fall wollte sie wieder in dieses verfluchte Schloss zurück! Sie schaute hoch in den Himmel, vielleicht konnte sie ja irgendwelche Sternbilder erkennen. Aber über ihr hing nur erdrückendes Grau, auch der Schnee war ihr Feind.
Das Knallen von Pferdehufen hallte von den Mauern zurück. Karen rannte zu einem anderen Gebäude mit großen Säulen davor, um sich zu verstecken. Zu spät, die beiden Reiter hatten sie schon gesehen.
„Hey, hoh!“ Der eine riss sein Pferd hoch, es wieherte laut. Das weiße Pferd! Der Jüngling darauf trug einen edlen Mantel.
„Mein Prinz!“ Karen stürmte los, klammerte sich an sein Bein.
„Sieh an, sieh an. Das Mädchen aus meinem Zimmer. Welch netter Empfang.“ Seine Stimme klang tief und warm.
Karen sah zu ihm auf. „Was ist das hier für ein schrecklicher Ort? Alles ist kaputt und die Typen im großen Saal …“
„Ruhig, meine Teure, ruhig. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Er stieg vom Pferd, nahm Karen in den Arm und strich ihr sanft über das Haar. „Du bist ja ganz durchgefroren. Wir müssen rein.“
„Aber, Meister -“ Der andere Reiter, klein und stämmig, mit einem breiten Hals, musste sehr stark sein. Nun brauchte Karen wirklich keine Angst mehr zu haben.
Der Prinz winkte ab. „Es ist in Ordnung, Kinnick. Kümmere du dich um die Pferde und lass uns allein.“ Er schaute Karen aus ozeanblauen Augen an. „Wir gehen lieber einen anderen Weg hinein, nicht wahr?“
Karen nickte, ihr Herz schlug höher.
Er führte sie die Treppe zwischen den Säulen hinauf. Was für eine große Tür! Der Prinz zog einen Schlüssel aus der Tasche und schloss auf. „Schön, dass du wieder gesund bist.“
Sie betraten eine gigantische Halle. Mächtige Säulen ragten in eine schwarze Unendlichkeit, es war, als stünde Karen in einem Wald für Riesen. Weit vorne standen die Riesen: sieben gewaltige Steinfiguren.
„Was ist das hier für ein Ort?“ Karen hielt sich dicht an den Prinzen.
Er entzündete ein Feuer in einer Kohleschale. „Das ist die Königshalle.“
Die Wärme war herrlich. Karen rieb ihre Hände über den Flammen, hoffentlich hörte sie bald auf zu zittern. Im Licht des Feuers sah sie den Prinzen genauer an. Sein Mantel war aus Fuchsfell und eine seltsame Kette hing um seinen Hals. Sie war sehr lang, und die Dinge daran passten überhaupt nicht zusammen. Figürchen aus Gold und Silber, unterschiedliche Steine, Perlen und – Tierpfoten. „Königshalle?“ Karen fühlte sich immer noch nicht wärmer. „Hier regiert also dein Vater?“
Der Prinz lächelte. „Mein Vater ist tot. Aber man könnte sagen, er wohnt in dieser Halle.“ Er trat dicht hinter Karen, legte seine Hände auf ihre Oberarme. „Lass mich dich wärmen.“
Karens Puls beschleunigte sich. „Ich fühle mich schwach. Es ist wohl besser, wenn ich wieder zurück ins Bett gehe.“
Aber der Prinz ließ sie nicht los. Er schmiegte sich noch stärker an sie, rieb sein Gesicht in ihrem Haar und schnaufte.
Karen war das unangenehm, sie wollte ihn aber auch nicht beleidigen. „Ich kenne nicht einmal Euren Namen.“
„Mein Name? Der ist doch jetzt nicht wichtig.“
„Aua, Eure Hände, bitte, Ihr tut mir weh!“ Plötzlich war auch das letzte Gefühl von Sicherheit verschwunden.
Abrupt riss er sie herum. „Sonnja! Ich heiße Sonnja.“ Ein feuchter Schwall Pfefferminze schlug Karen entgegen.
„Sonja? Ist das nicht ein Mädchenname?“
„Sonnja – mit zwei ‚n’, nicht mit einem. Mit zwei ‚n’ ist es ein Jungenname. Jetzt hör endlich mit dem Rumgezicke auf!“
Karen wollte schreien, aber er hielt ihr den Mund zu. Sie wollte sich bewegen, doch er war zu stark. Panik ergriff sie. Wäre ich doch nur am See gestorben. Da barst ihr Ohr, es gab einen Riesenknall. Karens Wange brannte. Sie legte ihre Hand daran und fühlte einen kleinen Schnitt. Etwas hing in ihrem Haar – eine Tonscherbe.
Sonnja war weg von ihr und keifte. „Was soll das, wer …?“ Er hielt beide Hände an seinen Kopf, Blut floss durch seine Finger. Auch sein Mantel war dunkel getränkt. Nein, das war kein Blut. Auf dem Boden lagen die Reste eines Weinkrugs.
Keine zehn Schritte entfernt löste sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Sie trug eine Kapuze, man konnte nur einen Teil vom Gesicht sehen. Ein Junge? Nein, ein Mädchen. „Du hast zehn Sekunden, um zu verschwinden, Möchtegernprinz.“
„Sie war es doch, die mich so genannt hat“, erwiderte er. „‚Mein Prinz, mein Prinz’. Wer wird bei dieser Schönheit nicht zum Prinzen?“
Karen konnte es nicht fassen. „Du bist gar kein Prinz?“
Sonnja grinste hämisch.
„Fünf Sekunden.“
Karen sah, dass hinter dem Kapuzenmädchen Kinnick herankam, doch noch bevor sie rufen konnte, schnellte das Mädchen herum und schleuderte Sonnjas Gefährten über ihre Schulter. „Schau mir gefälligst in die Augen, wenn du mit mir kämpfst.“
Kinnick war nur im ersten Moment überrumpelt. Schon stand er wieder auf den Füßen und lockerte knuspernd seine Finger.
Sonnja feuerte ihn an. „Los, Kinnick. Die ist für dich. Dann hat jeder eine.“
Kinnick warf sich nach vorne, aber das Mädchen war nicht mehr dort. Er schlug nach ihr, aber sie fing seine Faust mit Leichtigkeit ab. Karen lachte begeistert auf.
„Hör auf zu lachen!“ Sonnja schnaubte vor Wut. „Mach sie endlich fertig, Kinnick. Du bekommst auch beide.“
Die Faust der Kapuze schnellte vor und zerknackte Kinnicks Nase. Er heulte auf. „Meine Nase! Sie blutet. So hat sie noch nie geblutet. Und sie tut weh! So sehr hat sie noch nie wehgetan.“
„Schön, dass ich dir eine neue Erfahrung bereiten konnte.“
„Muss ich denn immer alles selbst machen?“ Sonnja klang genervt, aber ebenso gefährlich. Als ob es noch nicht vorbei war, sondern gerade erst anfing. Was konnte er denn noch tun? Jedenfalls war er plötzlich ernster als vorher. Seine Augen hatten sich verändert, jetzt blickten sie kalt und berechnend. Er hatte das Kapuzenmädchen unterschätzt, jetzt durften sie ihn nicht unterschätzen. Sonnja zog ein Fläschchen aus seinem Mantel und schluckte den Inhalt hinunter.
Die Kapuze schien alles andere als beeindruckt. „Ein Schnaps? Seit wann feiern denn die Verlierer?“
Sonnjas Kopf zuckte hin und her, sein ganzer Körper vibrierte. Dann jedoch war er hoch konzentriert, seine Augen leuchteten.
Plötzlich verstand Karen. „Achtung! Er ist eine Frucht!“
„Der isst doch nichts, der trinkt“, entgegnete das Kapuzenmädchen.
„Das meine ich nicht. Sonnja – er ist eine männliche Blüte!“
„Schwärmst du etwa immer noch für ihn?“
„Nein!“, rief Karen. „Eine Frucht! Eine Hexe!“
Sonnja berührte mit der Hand einen der Steine an seiner Kette, der auf einmal genauso glühte wie seine Augen. Dann streckte er die Hand aus. Da, wo eben noch das Kapuzenmädchen stand, schwebte nun eine violette Blase – ein knisterndes Kraftfeld, welches bis zur Decke der Halle strahlte. In dem Feld hing eine Person, die in ihrer Bewegung eingefroren war.
Trotz der Abscheu gegenüber Sonnja war Karen fasziniert. So etwas lässt sich also mit der Seelenkraft erzeugen. Sie sah genauer hin. Obwohl nur verschwommen, konnte Karen doch erkennen, dass es sich bei der eingeschlossenen Person um Kinnick handelte.
Das Kapuzenmädchen trat hinter dem Kraftfeld hervor. „Hübscher Trick.“
Sonnja zückte mit der rechten Hand einen Dolch und fischte mit links ein weiteres Fläschchen aus seinem Mantel. Er entkorkte es mit den Zähnen und trank die gelbe Flüssigkeit. Wieder zitterte sein Körper kurz auf, diesmal schien sein rechter Arm plötzlich sehr schwer zu sein und seine Fingerspitzen leuchteten. Der richtige Moment für einen Angriff des Kapuzenmädchens war verflogen. Karen musste etwas tun. Sie nahm allen Mut zusammen und stolperte auf Sonnja zu. Ihr Rempeln reichte gerade aus, dass der Energiestrahl, den er aussandte, nur eine Skulptur sprengte.
Sogleich war das Kapuzenmädchen da und presste Sonnja zu Boden. Der spuckte einen Sprühregen Pfefferminze. Die Kämpferin blickte Karen an. „Was sollen wir bloß mit ihm machen?“
„Seine Säfte. Wir müssen sie ihm abnehmen.“ Karen schlug den Fuchsmantel auf, durchsuchte die Innenseite nach Fläschchen und steckte sie ein. Dann riss sie Sonnja auch noch die Kette vom Hals.
„Was willst du mit dem hässlichen Ding?“
„Die Kette hat irgendeine Bedeutung. Sonnja hat diesen Stein berührt, bevor er das Kraftfeld um Kinnick erzeugt hat.“ Sie blickten beide zu Sonnjas Gefährten.
„Ach, den Strahlemann gibt es ja auch noch. Ich bezweifle, dass der Wirt davon begeistert ist. Passt nicht zur übrigen Einrichtung.“
Karen schlug mit dem Griff von Sonnjas Dolch auf den Stein an der Kette. Noch mal, so stark sie konnte. Das Kraftfeld verschwand, Kinnick plumpste zu Boden.
Verwirrt blickte er sich um. „Was …? Aua, meine Nase. Meine Beine. Meister! Was soll ich tun?“
„Hör auf zu jammern!“, jammerte Sonnja.
Das Kapuzenmädchen lockerte ihren Griff und ließ Sonnja aufstehen. „Haut ab! Wenn ihr uns noch einmal belästigt, töte ich euch.“
Sonnja stürzte zur Tür, und auch Kinnick trollte sich hinaus.
Karen atmete erleichtert aus. „Was werden sie jetzt tun? Hätten wir sie nicht einsperren müssen?“
„Der Wirt muss sich um sie kümmern. Er hat hier das Sagen.“
Karen verstand nicht.
„Heute Nacht können sie nichts mehr gegen uns unternehmen, das ist das Wichtigste. Kinnick ist verwundet, und du hast Sonnjas Fläschchen. Aber wahrscheinlich sind die beiden morgen früh wieder gefährlich. Deshalb hauen wir ab. Vor Sonnenaufgang.“
