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Eckert Pech, international renommierter Musikwissenschaftler und Professor, stößt in einem zur Veröffentlichung eingereichten Manuskript auf Textpassagen über das Wesen der Musik, die ihm bekannt erscheinen, ihm andererseits absolut neu und genial vorkommen. Er schöpft den Verdacht des Plagiats. Allerdings stellt sich heraus, dass das wissenschaftliche Werk, aus dem der Autor abgeschrieben haben könnte, nicht auffindbar ist. Sein Freund Bruno, Amateurmusiker und Dilettant auf dem Gebiet Neue Musik, macht sich auf, das verschollene Werk zu finden. Seine Reisen führen ihn nach Mainz, Konstanz, Jerusalem, Rom. Die Nachforschungen stocken kurz vor der Lösung des Rätsels. Schließlich begibt sich Professor Pech selbst in ein Tonstudio in den Ardennen. Dort kommt es zu einer Konfrontation mit Show-down und einem überraschenden Ergebnis.In diesem Detektivroman spielen die Kraft der Musik, ihr universales Wesen, ihre spirituelle Macht und die Freude an gemeinsamer Improvisation eine wichtige Rolle.Fragen des Lebens werden humorvoll betrachtet.Die Musikstücke,die für die Geschichte wichitg sind, werden im Anhang zum Nachhören aufgeführt.
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Seitenzahl: 555
Veröffentlichungsjahr: 2019
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00. Prolog
01. Konrad von der Hausens Live Elektronik
02. Sturm und Rap
03. Peer Review
04. Der Klang der Vergangenheit
05. Ein frecher Brief
06. Das Promotionsverfahren
07. Der Zirkus
08. Die Schule für die Harfe
09. Escorial grün 56 %
10. Eckert und Bruno
11. Die aufgeschobene Spiritualität
12. Hochschularchiv am Rhein
13. Heilige Musik und Aortenklappe
14. Die Sounds der Intensivstation
15. Triosonate
16. Die Melodie der Reha
17. Tanz bei der Nato
18. 3322,44 Hertz
19. Der Chor Heiliger Geist und Ewiges Leben
20. Woody
21. Das Tonstudio in St. Vith
I. Anhang
Die beiden alten Männer hörten ganz genau hin, sie belauerten einander mit halbgeschlossenen Lidern, sie achteten auf das geringste Indiz, welche Entscheidung der andere im Geheimen traf und wohin er wollte, ob er etwa Finten schlug, in Sackgassen lockte, schließlich sich plötzlich anders entschied. Es galt, im Hinterhalt zu liegen, um sofort nachsetzen zu können. Sie wussten, was auf dem Spiel stand.
Das Anreißen der umsponnenen tiefen Saite mit den Schwielen der Fingerkuppen des einen und das Vibrieren des Saxophonblattes im Mund des anderen vereinte beide Spieler in diesem Augenblick, sie fühlten sich so frei wie Menschen mit dem inneren Wesen der interesselosen Betrachtung der Natur, der musikalischen Landschaft, der Hügel und Täler der Erinnerungen an Sounds, Gefühle, Strukturen mit der offenen Haltung, die für sie so wichtig geworden war, um bizarre Wendungen, unverhoffte Sounds oder nicht geplante Rhythmen zu entdecken und zuzulassen.
Diese vielfältigen Antizipationen hatten einen Fluss entstehen lassen, der trotz der vermeintlichen Unbestimmtheit eine Stärke gewonnen hatte, die es unbedingt zu erhalten galt. Der Geist, der Hauch, der Sinn, die Macht der Musik konnte weiter mit ihnen sein, wenn sie schlicht und gleichsam mühelos weitermachten.
Der eine hat seinen Kopf tief gebeugt, kraftlos sein Nacken. Zwischen den langen, kastanienbraunen Strähnen der Vollperücke schimmerte das Gesicht durch. Seine schwere Brille mit den gelben Gläsern und die tief gefurchte Haut ließen erkennen, dass er sehr alt war. Der Speichel tropfte während seines Spiels auf das blaue Seidenhemd und schrieb eine dunkle feuchte Spur, als er weit vor sich die tiefste Saite mit zweimal getretenem Pedal seiner Konzertharfe Marke Daphne-Rainbow mithilfe der Tonabnehmer des Synthesizers zu einem gewaltigen Des anschwellen ließ.
Erst bildete sich ein Orgelton mit mächtigen harmonischen Schichten. Mit seinem Zeigefinger ließ er ihn nun pulsieren, es entfaltete sich eine gut zentrierte fette Basslinie, monoton wie ein Pulsschlag gelegentlich unterbrochen durch einen Aussetzer gefolgt von einem lauten Extraschlag, Synkope und Kompensation.
Im Aschenbecher vor ihm verglühte eine angerauchte Zigarette.
Der andere saß aufrecht auf dem schmalen Hocker, er hielt das Altsaxophon vor sich und intonierte den Ton Des mit lockerem Ansatz seiner Lippen am Mundstück. Die Des-Klappe des Saxophons drückte er mit dem linken Zeigefinger, er erzeugte mit Mund und Unterkiefer wellenartig Schwebungen, zunächst ganz leise und immer lauter werdend bis schließlich ein helles interferentes Schwirren zu hören war. Langsam ließ er die Intensität abklingen.
Sein Gesicht war nach oben gerichtet. Seine kurzen grauen Haare mit den tiefen kahlen Ecken und die beginnende Glatze auf dem Hinterhaupt, die sonnengebräunt durchleuchtete, ließen ihn zunächst recht jugendlich erscheinen. Aber die abstehenden Ohren mit den schwarzgrauen Stoppeln aus den Gehörgängen in Verbindung mit den aufgeblasenen Backen bei der Zirkularatmung, die immer wieder schlaff in sich zusammenfielen, nachdem die Wechselluft in das Mundstück geblasen wurde, ließen sein Alter auf über 70 schätzen. Er war ziemlich dick. Sein Kaffee im Becher war kalt geworden.
Dieser schwere Sound umhüllte die beiden, es entstand eine komplexe rhythmische Struktur. Bei beiden kam wieder die Gewissheit des gemeinsamen Sinnes dieses musikalischen Ereignisses auf. Jetzt nur nicht banal werden, nicht in das Chaos der Beliebigkeit absinken, kein unbedachtes sperriges neues Element einfügen, dem Groove nicht vertrauen, unter keinen Umständen sich im Groove verfangen und etwa nicht wieder hinausfinden. Es musste anders geschehen: einen neuen gemeinsamen Weg finden, eine natürliche Folge des ersten Weges, der den Sound, die Struktur und den Sinn umdefiniert, umformt. Jeder von beiden war kurz davor, den Anstoß zum nächsten Klangraum bringen. Erst danach durfte der Fluss abreißen und das ganz Neue beginnen, wichtig war dann nur der noch unbekannte ganz andere Sound, die noch unentdeckte hoffentlich bedeutsame komplexe Struktur, die erneute Suche nach dem Sinn.
Sie improvisierten schon über eine halbe Stunde, ohne dass ihnen das Spiel langweilig wurde. Beim Spiel waren sie sich einig. Zunächst hatten sie frei intuitiv improvisiert. Dann kam ein Thema über Einsamkeit. Dann plötzlich Stille, die beiden hörten das leise Rauschen der Lautsprecher, das röchelnde Atmen von Eckert, das pulsierende Ausstoßen der Luft von Bruno wegen hohen Blutdrucks bei der Musik. Als das Schweigen der Instrumente und die akustischen Körperemissionen der beiden Alten, das Atmen, das Magenknurren in der Stille plötzlich zu laut wurden, drohte der Bann verloren zu gehen und sie fingen wieder an.
Sie improvisierten über innere Bilder, Menschen beim Sommerfest, bei der Arbeit, Pastorale.
Es folgte jetzt verabredungsgemäß die Betrachtung und musikalische Bearbeitung der Form einer Rakete mit Crescendo, Forte, Decrescendo, Piano und kurzem furiosem Fortissimo und Pause, aber nur wenige Sekunden.
Und dann Heimat, nun ging es über einen Weg im Wald, am Bach vorbei, eine leichte Anhöhe hinauf, für beide eigentlich eine geringe Anstrengung, trotzdem entstand eine enge Atmung bei der Vorstellung, die beide hatten. Aber jetzt waren sie schon am Meer. Die Brandung, die Felsen, die Strömung, der so unermessliche Ozean dröhnte in Des.
Es war ein Spiel, so ernst wie nur ein Spiel sein kann, Bilder, Gefühle, Verlorenes, in die Tiefe Gezwungenes und kurz wieder Heraufbeschworenes tauchten auf und versanken wieder. Alles entfaltete sich vor ihnen wie von selbst durch die Intensität ihrer eigenen Musik. Die beiden alten Männer konzertierten für sich allein, der eine mit einer elektronisch voll aufgedrehten verstärkten vergoldeten Harfe unter dem rohen Gebälk des Siedlungshauses von 1930 und der andere mit seinem grell klingenden silbernen Altsaxophon von 1969, einem Selmer Alto Mark VI mit offenem Jazz-Metallmundstück und Plastikblatt Transparency.
Aber plötzlich war der Fluss weg. Sie kamen zum Ende.
Eckert Pech, emeritierter Professor für neueste Musikgeschichte, zog das Taschentuch aus der Tasche und putzte sich den Mundwinkel, zog das Kabel aus dem Fuß der Harfe, balancierte vorsichtig das schwere Instrument Richtung Kasten. Man sah ihm die Freude des Gelingens an.
Von unten rief Emily: „Eckert, Lieber, bitte komme jetzt herunter. Der Postbote steht hier. Ein eingeschriebener Doppelbrief vom Verlag. Du musst unterschreiben, er habe keine Zeit, sagt er.“
„Komm ja schon,“ krächzte Eckert, er wandte sich um zu Bruno Delitzscher, ehemaliger Professor für Orthopädie, sagte:
„Das war irgendwie nicht so schlecht…., nicht wahr?
Halt mal, aber Vorsicht, ich bin gleich wieder da“.
Er kippte die schwere Harfe hinüber zu Bruno.
„Das sind sicher wieder die unsäglichen Texte zur Publikation in unserer Reihe zur populären Musik. Die Jungen wollen immer nur veröffentlichen, die Hälfte taugt nichts, keine Recherchen, Literaturverzeichnisse zum Verzweifeln, keine vernünftigen Aufgabenstellungen, viel zu oft zu wenig Probanden, aber eine blühende verpeilte Fantasie. Damit habe ich nur Arbeit. Ich weiß nicht, warum ich das noch machen soll, allmählich wird sie zur Plage, die Herausgeberei für diese Stümper.“
Eckert war schon auf halber Treppe und fing an zu husten.
Bruno hielt die Harfe in seinen Armen. Während sein Freund die steilen Treppenstufen hinuntertappte, stellte er sie in den Kasten, verschloss den Kasten sorgfältig, schaltete den Synthesizer ab, rollte die Klinkenkabel auf, rieb sich die Hände und sagte zu sich: „So, das hätten wir, tolle Improvisationssession, fast eine Stunde! Das haben wir sonst nie geschafft. Warum war die Improvisation diesmal so gelungen?“ Er putzte sich die Brille. „Keine Ahnung, es war halt Musik. Wittgenstein hat recht: ‚Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen‘. Oder halt musizieren.“ Er zuckte mit den Achseln und drehte sein Saxophon auf den Kopf, ließ das Atemkondensat heraustropfen und wischte innen einmal durch das Instrument zum Trocknen. Dann packte er es in den Kasten.
B runo Delitscher hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Er hatte bei Professor Nilsson die Aufklärung über den Linksherzkatheter unterschrieben. Der sprach anschließend ausführlich zu ihm, es sei dringend, er solle sich nicht verzetteln wie sonst immer, er kenne ihn inzwischen. Stress sei in nächster Zeit zu vermeiden, auch Eustress, guter Stress also, man wisse nie, was genau dahinter steckt bis zum Herzkatheter und dann Vorsicht mit plötzlicher Kälte und bis zur Klärung keinerlei körperliche Anstrengung. Brunos Gedanken schweiften ab, bedrohlich schien es dieses Mal wirklich für ihn zu sein. Aber, was soll‘s, es wird schon werden, oder? Nilsson ist der Fachmann, also doucement bis zum Eingriff. Aber Saxophonspielen wird man ja noch dürfen, oder? Er fragte lieber nicht danach.
Danach fuhr Bruno zum Klangwerk, dem Spielort für Seltsames in der gegenwärtigen Musik. In der für die Aufführung von neu entstandener Musik verantwortlichen Gesellschaft für gegenwärtige Musik war Bruno Vorsitzender.
Am gleichen Abend sollte Konrad von der Hausen auftreten, ein Multimedia-Künstler. Wie Bruno fand, wirkte er in seiner Bewerbung für einen Auftritt auf der Bühne des Klangwerks interessant und abgedreht. Deswegen war ihm zugesagt worden. Endlich mal kein Jazz der Sechzigerjahre mit Kölner Akademieabschluss, dachte Bruno.
Also kam Bruno mit seiner Frau Karin die Treppe hoch zum Klangwerk, die Tür war offen, ein warmes Licht fiel auf die Bühne. Vor der Bühne stand ein riesiger Verstärker mit vielen Drehknöpfen, ein großes Mikrofon bester Bauart, ein Apple Laptop mit abgeklebtem Apple Logo, kleinere elektronische Geräte auf einem Tisch daneben, überall viele kleine Lautsprecher, alles mit Kabel verbunden, Brunos ausgeliehener Beamer mit seiner alten Leinwand links von der Mitte installiert. In die Mitte selbst war ein wackeliger Stuhl hingestellt worden und daneben stand etwas gebeugt Konrad von der Hausen. Ein großer junger Mann in Schwarz mit roten Schuhen und längsovalem Kopf mit Szenevollbart strich sich über die Stirn. Brunos Freund Eckert kam Bruno sichtlich genervt entgegen, sagte mehrfach Scheiße in Gegenwart von Konrad von der Hausen, er sei 20 Minuten zu früh dagewesen und nicht hereingekommen, eine Unverschämtheit. Er, Eckert sei schließlich der Musikwissenschaftler der Gesellschaft für gegenwärtige Musik. Auch ein Zettel fehlte als Hinweis auf die Veranstaltung unten an der Tür. Das war auch Bruno aufgefallen.
Er begrüßte nun freundlich Konrad von der Hausen und sagte ihm, dass ihn besonders der Zusammenklang akustischer Instrumente und Laptop Musik interessieren würde, vor allen Dingen wie die künstlerischen Entscheidungen getroffen wurden. Konrad von der Hausen verstand Bruno nicht ganz, er murmelte, er hätte gar nichts an akustischen Instrumenten dabei und sagte, er wolle später darauf zurückkommen und zunächst einen PowerPoint Vortrag halten, um alles zu erklären.
Die ersten Zuhörer kamen und die Vorstellung begann völlig unvermittelt ohne Einführung oder Erklärung, es ging einfach los und Bruno setzte sich schnell, damit er nicht als einziger noch rumstand. Konrad von der Hausen sagte, er sei Konrad von der Hausen. Er hatte jetzt eine Wollmütze auf. Zuerst spielte er eine seiner elektronischen Musiken, live manipuliert über die sehr gut ausgesteuerte alte Anlage, eine Sound Performance, die erstaunlich durchsichtig war und wie eine Gestalt im Raum wirkte. Sie hatte die Tonsprache vom frühen Karl-Heinz Stockhausen, ähnlich seinem Stück für Schlagzeug und Tonband: Kontakte. Das akustische Gewimmel oben und unten und das Sägezahngedröhne von links nach rechts und umgekehrt, alles das erkannte Bruno wieder. Er war mit Vielem von Stockhausen vertraut, nach etlichen Besuchen beim Meister in Kürten. Erst vermutete Bruno, Konrad von der Hausen sei ein langweiliger Epigone von Stockhausen, doch dann entspannte er sich, verglich nichts mehr und genoss die gesamte Soundumgebung auf dieser schmuddeligen Bühne für ausgefallene Sachen.
Bruno wurde sich plötzlich bewusst, dass Eckert an diesem Abend Streit suchen würde. Nun ja, PowerPoint Vorträge mochte Eckert gar nicht. Der PowerPoint Vortrag begann also nach der zehnminütigen Elektronik, wobei gleichzeitig über einen kleinen Monitor Straßenszenen in Farbe aus Singapur, New York, Berlin, Düsseldorf und von unterschiedlichen Landschaften mit viel Wasser stumm abgespielt wurden.
Konrad von der Hausen holte Luft für seinen Vortrag. Dabei fiel Bruno auf, dass dieser zunächst nun nur feststellte, dass sein Musikverständnis mit Bildern, inneren und äußeren, setzte er fein lächelnd hinzu, mit Raumskulpturen und allen unvorhergesehenen heiklen Dingen auf der Welt zu tun hätte. Bruno wusste, dass er bei wichtigen philosophisch gebildeten Musikern in Singapur wie Yuen Chee Wai, und in Nordamerika zum Beispiel bei Anthony Braxton ausgebildet worden war. Kaum erkennbare, palimpsestartige Zitate von John Cage, Pierre Schaeffer und anderen Größen der altgewordenen Avantgarde verwende er nun in letzter Zeit in seiner Musik, sagte Konrad von der Hausen, so richtig hören sollte man nichts davon, sondern eher erahnen. Schwierig, dachte Bruno. Eckert schaute wütend auf.
Während des Vortrags spielte Konrad von der Hausen ein paar Pop Lieder, eine afrikanische Ballade über die Vergeblichkeit der Musik und dennoch der Notwendigkeit und des Lebenserfolges, dann erwähnte er ein Stück mit Klang, der im Kopf entstand, Sound Characters oder so von Maryanne Amacher, dann noch ein Beispiel von ihr, eine bedrohlicher Passage von ihren Stück: Tower. Plötzlich kannte sich Bruno aus, davon hatte er in den Selbstzeugnissen von Musikern in der Serie Arcana III von John Zorn gehört. Die Zitate großer Avantgardisten wurden jetzt wieder vom Laptop auf die PowerPoint Leinwand geworfen, Konrad von der Hausen kommentierte ausführlich, sie waren weiß auf schwarzem Grund kaum zu erkennen, aber gaben zusammen mit den Musikbeispielen Hinweise auf Konrad von der Hausens geistige Umwelt, eine Art Memory der alten musikalischen Avantgarde der Fünfziger, vielleicht noch klassische indische Musik der Lehrer von Ravi Shankar. Alles in seiner Darstellung ging mit allem eine Symbiose ein. Es war optimistisch, hatte Zeit und Raum, ganz nahe, weltweit und leise, selten laut.
Konrad von der Hausen verstand deshalb auch gar nicht die Frage von Eckert, ob das Ganze, was er da nun vorstelle, überhaupt Musik sei, das sei doch sehr infrage zu stellen, wie denn überhaupt sein Musikverständnis sei, darüber könne man ja grundsätzlich zugegebenermaßen mit Gleichgesinnten, Gegnern und Experten lange diskutieren, Eckert wäre schon zufrieden, wenn Konrad von der Hausen bei der Kürze der Zeit aber doch irgendeine Antwort mit einem musikwissenschaftlichen Inhalt äußern würde. Konrad von der Hausen antwortete freundlich, dies habe er ja eben dargelegt.
Eckert und die Leiterin der freien Musikschule, die neben Bruno Platz genommen hatte, hatten allerdings nichts verstanden und machten das auch deutlich. Die jungen Leute rund herum, es waren ungefähr zwanzig da, schienen das Dargebotene an Musik und Sound mit Bildern und Vortrag aber völlig logisch und anregend zu finden.
Auch für Bruno schien inzwischen die Vorstellung einsichtig, ja fast normal zu sein. So ist also die Welt von Konrad von der Hausen, aha. Und als Konrad von der Hausen dann sagte, dass er als nächstes mit der unberechenbaren Software für hyperintelligente Soundreactions in seinem Laptop kämpfen müsse, mit der Musik ringen müsse, die jetzt bald von ihm erschaffen werde, aber die sich auch selbst neu erschaffe, wurde Bruno recht fröhlich. Es geschah etwas, künstliche Intelligenz, unberechenbar, vielleicht sogar gefährlich, ein Djinn aus der Flasche? Es wurde spannend. Ab jetzt sprach der Freak.
Konrad von der Hausen suchte im Laptop eine Datei, der Cursor war über den Beamer zu erkennen. Die listige Software, ein Geschöpf von Konrad von der Hausen wurde jetzt angeklickt und damit ins Freie losgelassen und fing schlicht mit einem schwachen Ton an, ein Wehen durch eine Sommerwiese, schwoll jedoch unversehens zu einer unglaublichen Gewalt an. Bruno hatte das Gefühl, dass der Computer an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit kam und sich verschluckte, alles war tatsächlich in der Sprache der Elektronik von Stockhausen wie vor 50 Jahren, aber jetzt nur noch mühsam vor dem Absturz zurückgehalten, wie das Sonnengespann des Helios, welches vom Sohn Phaeton vergebens gezügelt wurde. Er kämpfte wirklich, dieser Konrad von der Hausen, mit seinem abgeklebten Laptop, er verdrehte sich mit seinem ganzen mageren Leib, die langen Finger rasten über die Tastatur und die geklebten Markierungen. Um ihn herum wurden Sound und Geräusch immer intensiver, es entstand eine riesige Raumskulptur, ein multikolores Gespinst aus Sound und Textur und Kraft und Bedeutung, tatsächlich wie der Djinn aus der Flasche in 1001 Nacht, der anfragte, wie es denn weitergehen soll hier auf der Bühne des Klangwerks, er stünde zu Diensten. Oder wie das Planetengehirn von Solar ausgedacht von Stanislav Lem, welches nach Input fragte und daraus immer mehr Szenen vorschlug, die jetzt von Konrad von der Hausen gebändigt, schlank gemacht, leise gespielt, wachsen gelassen und zum kaum erträglichen Ende wieder in die Knie gezwungen wurden.
Es war wie ein Blick in den aktiven Krater des Ätna, der obwohl unermesslich heiß, sich wieder beruhigt hatte, wobei der Erzeuger der Lava die Maschine war und der Künstler mit ihr kämpfte.
Am Ende schwitzte er. Es hatte über 45 Minuten gedauert. Es war überhaupt nicht langweilig Ganz im Gegenteil, es war echt spannend gewesen. Bruno schaute Karin an, die schien zufrieden, fröhlich und interessiert zu sein. Eckert saß so weit vornübergebeugt, dass sein Gesicht nicht zu erkennen war.
Das Programm hatte Konrad von der Hausen selber entwickelt. Eine deutsche Kulturstiftung hatte es gesponsort.
Danach wollten die jungen Leute wissen, was er genau gemacht hatte; ob so etwas auch mit dem überall erhältlichen Abelton Programm ginge. Das scheint nicht so einfach zu sein, meinte Konrad von der Hausen höflich. Konrad von der Hausen zeigte auf dem Projektor seine Ansicht darüber mit aufgerufenen verschiedensten Wellenformen und Alternativen.
Sie redeten und redeten.
Bruno hatte längst den Faden verloren, die jungen Leute diskutierten in der eigenen Sprache der autistischen Soundexperten.
Bruno fand die ganze Vorstellung, den Abend völlig gelungen. Der Vortrag war zwar unverständlich, ein Haufen gleichartiger völlig hierarchiefreier Aussagen. Es gab überhaupt keine These, Antithese, Synthese, alles konnte vorkommen, Fluxus wurde von Konrad von der Hausen mehrfach angekündigt und zitiert.
„Er ist also doch ein Epigone, der sich auf die alte Avantgarde der 60er bezieht, aber er hat vieles neu und frisch gemacht, alles geschieht viel schneller und kann im Entstehen schon wieder verändert werden“, dachte Bruno.
Diese Performance mit dem intelligenten Musikcomputer hatte den jungen Besuchern sehr gut gefallen und Bruno meinte zum ersten Mal, Eckert und der Schulleiterin etwas erklären zu können, was ihn vom Inhalt her selbst sehr erstaunt hat; er glaubte, etwas verstanden zu haben, weil er von der Qualität oder zumindest der Innovationskraft überzeugt war.
„Die Gesellschaft für gegenwärtige Musik ist stolz, Konrad von der Hausen auf ihrer Bühne erlebt zu haben“, sagte Bruno zum Abschied und half ihm schließlich beim Heruntertragen der Koffer mit den Kabeln und den zusätzlichen Lautsprechern.
Das Honorar für Konrad von der Hausen betrug 250 €.
Dafür war es ein toller Abend, fand Bruno. Eckert sagte, das Ganze sei eine Scheiße, alles schon mal dagewesen.
Auf der Heimfahrt stellte Bruno sich vor, wie der Linksherzkatheter vom Stich in seiner rechten Leiste über die Oberschenkelarterie in die Aorta und von dort direkt vor der Aortenklappe im strömenden Blut in die Koronargefäße eindringen würde.
Es würde schon gut gehen.
Er musste dringend in seine Bienenstöcke schauen. Es waren wieder zehn Tage vergangen. Vielleicht wollten sie schon schwärmen und mit ihrem Honig abhauen, er musste alle Waben seiner acht Bienenstöcke herausnehmen und kontrollieren, ob Weiselzellen vorhanden waren. Falls er welche fand, war es vielleicht noch nicht zu spät, wenn er sie entfernte und dem Volk Platz machte, damit sie Honig einlagerten und sich nicht auf das Schwärmen vorbereiteten. Aus diesem Grund wollte er wissen, ob nicht vielleicht zu wenig Platz in den Bienenkästen war und Honig vorab geerntet werden müsste, um Platz zu schaffen.
Als er am nächsten Morgen zum Bienenstand kam, summten die Bienen gemütlich in Bb, der Esskastanienbaum blühte, dort und im Faulbaum sammelten die fleißigen Bienen den Nektar, alles war friedlich.
Er zündete den Smoker für den Rauch zur Beruhigung der Bienen an. Nach vier Stunden war er mit dem Durchsehen der Bienen fertig, die Bienen hatten zwar gut Nektar eingetragen, aber der Honig war noch nicht reif.
An vielen Stellen waren gesunde Brutnester zu sehen und die Königin hatte er bei fünf von acht Völkern ausmachen können.
Überall hatte die Königin frische Eier gelegt, kleine weiße Stifte in den Zellen. Nur in einem Volk waren Weiselzellen angezogen worden, die entfernte er und nachdem er die gesund wirkende Königin gefunden hatte, machte er für das Volk Platz mit neuen Mittelwänden, damit die Bienen ihre Waben fertig zu bauen hatten und nicht schwärmten.
Für den nächsten Nachmittag war er mit Eckert verabredet, um im Duo, Bruno Altsaxophon und Eckert Konzertharfe, die neuesten Arrangements von Volksliedern zu spielen. Eckert hatte sie geschrieben. Beide planten, bei einer Hausmusikeinladung diesmal deutsche Volkslieder und nicht Musik von Bela Bartok oder Thelonius Monk vorzutragen.
Volkslieder spielen war zwar nicht sehr cool, aber vielleicht war ihre Zeit inzwischen gekommen?
Eckert wählte: Die Gedanken sind frei, Die Königskinder, Die schwäbische Eisenbahn, Guten Abend - gute Nacht, Wer hat dich du schöner Wald, Innsbruck ich muss sich lassen und Dat du min leevsten büst mit intelligenten Improvisationen dazwischen, das könnte die Gäste und mit ihnen die Musiker amüsieren.
Bruno wusste, dass Eckert Richard Wagner verabscheute und plante in die Improvisation nach dem schönen Wald Motive von Walhalla, Siegfried und Parsifal zu verarbeiten. Eckert würde es merken und reagieren, hoffte Bruno und freute sich schon darauf.
Bruno hörte, wie die Reifen des kleinen alten Porsches auf der feuchten Straße schmatzten, er spürte die tiefen Vibrationen des 3,2 l-Motors, er passierte das Wäldchen, eben war es noch vor ihm gewesen. Die Seitenfenster waren halb offen, es wehte feucht herein und pfiff etwas in den Ohren.
Die Bäume konnte Bruno im nebligen Regensturm kaum erkennen, der Wind zerrte an ihnen, Bruno meinte, den Wind im Kopf zu fühlen.
Bruno gab Gas. Gleichzeitig war da das zischende Geräusch der Rotorblätter von Marthas Windrad, die gewaltigen Flügel stiegen eilig auf, verschwanden im Grau und stürzten von oben aus dem dichten Nebelbaldachin hinab, ganz knapp über dem nassen schwarzen Feld kehrten sie um, schwangen sich wieder nach oben. So rotierten sie emsig bei dem starken Westwind. Am Ende ihres Lebens wollte seine Schwester Martha immer die Windgeräusche der Rotorblätter hören. Sie sprach dann mit Wind und Himmel. Sie würde auf Bruno warten. Bruno schluckte, als er sich an Martha erinnerte.
Ein Schwarm Stare schien von den Böen abgetrieben und ließ sich unter dem dunklen stürmischen Himmel in pendelnden Bewegungen gegen den Wind mit purrenden Flügeln auf dem gepflügten Acker nieder.
Die weibliche Stimme im Navi machte auf die dritte Ausfahrt im Kreisverkehr aufmerksam, im CD- Player stotterte, sprach und sang die Rapper-Stimme der „Streets“ in ihrem hohen Ton die erste Nummer - turn the page-. Plötzlich überkam Bruno ein Gefühl des Glücks, ohne Ankündigung, es wuchs an ihm hinauf und breitete sich aus, es umgab ihn die Macht über die Welt, es katalysierte die Verschmelzung mit allen Dingen. Die Luft war auf einmal klar wie ein Kristall. Sein Atem eins mit dem Kosmos. Sein Herz pulsierte so weit wie das Meer. Die Haut ein Feuer, ja sie brannte wie Feuer. Die Gedanken wie Felsen, alles wurde zu Erkenntnis. Die Farben leuchteten um Bruno herum im Roadster glänzend schwarz mit silber und braun, Aluminium und Silber voller Würde. Die Geräusche kamen von überall her, sie waren ganz nah, rein, unvermischt, auch von fern noch genau unterscheidbar. Das war das Eine, die Wahrheit, die Freiheit. Die Welt war ganz anders, Bruno war überall, Bruno sah die Liebe und atmete den Geruch nach Vetiver. Seine neue Position im Raum mit Blick von oben nach links unten zeigte ihn jetzt selbst, wie er im Sportwagen saß, die Hände am Steuer, alles war so sicher. Es kam von ganz innen, erst die Freude und dann die Kraft. Die Einsicht in den Sinn war endlich da. So war das also, alles, jetzt, endlich. Bruno glitt hinauf, der Nebel versprach alles, die Bäume nickten dazu, Marthas Flügel schlugen, die Zeit war nicht mehr.
Kaum war ihm der letzte Grund der Dinge offenbart worden, da war die totale elektrochemische Fusion in seinem Gehirn durch sein Multitasking im Auto und mit ihr die unmäßige Produktion und Überflutung mit den Stoffen für Glück und Vertrauen schon wieder abgeklungen.
Alles war wieder an seinem Platz, getrennt von den anderen und jedes Ding hatte einen Namen.
Bruno versuchte, die außergewöhnliche Höhe des Gefühls noch einmal zu erreichen, dazu wollte Bruno den Text der englischen Oneman-Garagenband unbedingt verstehen und fühlen. Vielleicht war der Text die Ursache? Er berührte den Repeat Knopf. Etwas nicht genau Fassbares faszinierte Bruno daran. Der Rap-Poet aus der Vorstadtgarage beschwor beim zweiten Mal deutlich und verständlich seine römischen Vorfahren in Britannien und verführte Bruno zu einer Vorwärtsneigung über das Lenkrad mit gefalteten Händen und später mit der geballten Faust ins Heute. Der Wagen machte nur einen kleinen Schlenker dabei. Der Zauber wirkte jedoch nicht mehr, Bruno war wohl zu genau fokussiert auf den Text, vielleicht war der völlig unwichtig.
Bruno wurde immer nüchterner.
So sollte das nach 30 Sekunden wohl reichen an Exegese der kunstvoll zufälligen Wortfetzen der „Streets“. Den ganzen Text würde Bruno sich später aus dem Internet ausdrucken.
Bruno erinnerte sich an das Gedicht von Luc Bondy, das aus einem Konvolut von noch nicht veröffentlichten Gedichten des verstorbenen Theaterregisseurs stammte.
Es ging so:
„In der Kalesche zugedeckt
gleite ich schlafend
zwischen Tannen in die Höhe
der Himmel leuchtet blau und froh
Ich denke schlummernd, dass ich nicht mehr denken kann
und nur sehe die Dunkelheit der Bäume, die Weihnachtshelden mit
tanzenden Spitzen
wünsche ich mir doch, dass sie mir was flüstern,
etwas was ich verstehen kann.“
Bruno brauchte sich nach dem Erlebnis eben nichts anderes zu wünschen, Bruno hatte auch nicht verstanden, was die Geräusche ihm von allen Seiten geflüstert hatten und doch, ihm war alles klar geworden.
Bruno fuhr auf die Autobahn Richtung Holland. Der Stich in der Leiste tat nicht mehr weh, Treppensteigen und schnelles Gehen waren kein Problem mehr. Er konnte nach den Stents in den Herzkranzgefäßen wieder ein normales Leben führen. Professor Nilsson hatte es gut gemacht. Zur Entlassung sagte Nilsson beiläufig, Bruno sei noch einmal davongekommen.
Bruno war verabredet. Er wollte eigentlich mit Eckert das Thema Live Elektronik für ihr gemeinsames Seminar zur Neuen Musik besprechen. Das Seminar hatte den Titel: Musik, was ist das? Göttliches Geschenk oder menschliches Bedürfnis? Eckert hatte aber am Telefon schon mitgeteilt, das müsse warten, er sei in der Krise.
Bruno war unaufmerksam geworden, ein Hupen weckte ihn, er gab Gas und wechselte die Spur, dabei fuhr er über die Außenmarkierung, die brummte beim Räderkontakt unangenehm auf, Bruno zog schnell wieder auf die Mitte des Fahrstreifens.
B runo hörte die Klingel drinnen, als er auf den Knopf drückte. Eckert öffnete selbst, schaute Bruno wild an, schickte ihn nach oben in sein Arbeitszimmer und verschwand auf der Toilette, Wassertablette, sagte er.
Bruno hatte nur knapp fünfzehn Minuten von Zuhause durch Nebel und Wind bis vor Eckerts Tür gebraucht. Im Gegensatz zu Eckert hatte Bruno einige Augenblicke absoluten Glücks im Nebelsturm erfahren.
Als Eckert schließlich am Schreibtisch Platz genommen hatte, sagte er, er habe gerade nochmals die drei neu eingetroffenen Skripte unter Verbrauch von mindestens drei Packungen Filterzigaretten durchgelesen. Es ging um die ästhetische und handwerkliche Kritik der populären Musik. Ah, er meint Popmusik, dachte Bruno.
In ihren jeweils beigefügten Anschreiben hatten alle drei Autoren der bei Eckert zur Veröffentlichung eingereichten Texte behauptet, ein Thema aus der Musikphilosophie aufgegriffen zu haben. Bruno wusste, Musikphilosophie war zufällig ein Ausdruck, den Eckert schon immer als eindeutig nichtexistent und völlig deplatziert empfand, ein hohles Modewort.
Musik ist und bleibt die Musik und die Philosophie bleibt die Philosophie und zwischen beiden bestand nach Eckerts Meinung überhaupt keine Verbindung. Damit stünde er, Eckert, nicht allein: Musik habe nichts mit Denken und Sprache und Sprache und Denken habe nichts mit Musik zu tun. Beide seien nach seiner Meinung ganz woanders im Großhirn oder seinetwegen auch irgendwo anders verortet, nein nicht verortet, sondern an verschiedenen Stellen lokalisiert. Dieses Wort verortet sei ihm auch schon längst auf den Wecker gegangen.
Das erste Manuskript breitete seiner Meinung nach Banalitäten im üblichen Stil und Jargon der heutigen selbstverliebten Musikwissenschaft aus und der Autor erging sich in völlig unnötigen Spitzfindigkeiten. Das zweite Manuskript war von der Methodik her so obskur und suspekt, eine Unverschämtheit, so etwas zuzusenden, halbseiden und unbewiesen auf jeder Seite. Beide beschäftigten sich mit der Qualität der Popmusik. Schon der Ausdruck Popmusik passte Eckert nicht, es hieße richtig populäre Musik. Aha, dachte Bruno und nickte zustimmend. Eckert nahm die Bestätigung zur Kenntnis und fuhr fort.
Der erste Autor, der durchaus in der Szene einen guten Namen hatte, schriebe, dass man klassische Musik, auch die, die noch gestern neu komponiert wurde, im Allgemeinen anhand des Notenbildes der Partitur beurteilen könne, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Eckert meinte, dass dies wieder einmal die typische akademische Betrachtungsweise sei, völlig überheblich. Nicht ein einziger Ton, nicht eine einzige rhythmische Episode, nicht ein einziger Sound im sinnhaften Zusammenklang sei erklungen und schon wisse der Kritiker in seinem Kopf, geschützt tief im Elfenbeinturm der Universität, wie es klingen wird, ob es Sahne, Spülwasser oder Scheiße sei. Das sei schon sowas von verkehrt.
Das entscheidende Qualitätskriterium hingegen für die Bands der populären Musik sei nämlich nur die Bühnenshow, die Authentizität des Frontmannes als Hauptindikator. Dadurch würden die durchaus hervorragenden handwerklichen Eigenschaften vieler großartiger Begleitmusiker völlig unter den Tisch fallen. Eckert lachte höhnisch. Auch solche Ansichten seien schon tausendmal geäußert worden, wenn man ihm, Eckert, folgen wolle, man müsse ja nur die Fachliteratur lesen, wenn man so etwas auch wirklich lese, da sei er sich nicht so sicher bei diesem Textverursacher. Damit sei dieser Beitrag eher als unerheblich und wegen fehlender Substanz für eine Veröffentlichung in seiner Reihe über populäre Musik und Nebengebiete als nicht geeignet zu betrachten. Es sei alles nichts Neues. Alles Scheiße. Es gehe hier um Qualität.
Der zweite Autor hatte nach einem obskuren psychologischökonomischen Informatik-Algorithmus die Kommentare zu Hitlisten im Rahmen der populären Musik im Internet, also Datenträger, CDs, LPs, MP3 Files der User sortiert. Das sei zwar originell, ein Novum, aber wissenschaftlich überhaupt noch nicht gesichert. Dabei kam tatsächlich heraus, dass die musikalische Qualität eines Hitlisten-Songs nicht wichtig sei. Es werde herausgestellt, dass insbesondere der Inhalt des Textes Teile der Lebenswirklichkeit des Users widerspiegeln soll und die Person des Sängers bescheiden, vom Schicksal unglücklicherweise nicht begünstigt, obwohl vielleicht inzwischen reich geworden, dennoch leidend und stolz, kurz ein Vorbild oder ein Spiegel des Users sein sollte. Damit sei Erfolg zu erzielen. Eckert fand das obskur, er wollte nicht riskieren, sowas zu publizieren.
„Obwohl, vielleicht ist da etwas dran“, dachte er laut nach. „Nein, nein“, sagte er zu Bruno, „es ist auf jeden Fall Scheiße. Ich kann mich mit meinen 80 Jahren als alter Hase, Autor vieler pädagogischer musikorientierter zum Teil preisgekrönter Bücher und gewiefter Hund in diesem unsicheren, verminten und gefährlichen Gebiet der globalen Musikwissenschaft nicht lächerlich machen. Ich habe einen Ruf zu verlieren!“
Das dritte Manuskript war jedoch von ganz anderer Art, irgendetwas Beunruhigendes meinte er ausgemacht zu haben.
Bei der Lektüre regte ihn gleich anfangs auf, dass in der Einleitung zu diesem dritten Manuskript Vermutungen als Tatsachen und gesichertes Wissen als zweifelhaft dargestellt wurden. Zusätzlich hatte der Autor die Unverfrorenheit, alles an argumentativen Entwicklungen, längst Bekanntes oder völlig Abwegiges mit unvermittelt interessanten, ja faszinierenden gedanklichen Entwicklungen zu vermischen und als eigene intellektuelle Leistung darzustellen. Das Wörtchen „Ich“ erschien so häufig mit einer hohlen Anmaßung und hoffärtiger Autorität, dass Eckert immer wieder die Manuskriptseiten mit beiden Händen packen und auf den Schreibtisch schmeißen musste. Er riss danach die Arme in der sofort anschließenden Bewegung über den Kopf und trampelte auf seinem Holzboden in der engen Einsiedlerbude unter dem Dach hin und her, sodass sein riesiger Harfenkasten in Gefahr geriet umzukippen. Er stoppte erschrocken seinen Trampeltanz, als er erkannte, dass der Harfenkasten bedrohlich in Schwingungen geriet. Er hatte doch schon zweimal einen hohen Versicherungsschaden wegen geplatzten Korpus durchgestanden. Es war jedes Mal wie der Schmerz in seinem eigenen Leib. Er konnte erst wieder ruhig schlafen, als die Reparatur schließlich gelungen war. Der Harfenbauer kam nicht gut weg. Zu wenig motiviert in seinem Fall für den Preis, das nur nebenbei, meinte Eckert mit Blick auf Bruno. Er blieb wütend.
Er schaute auf mit frisch angezündeter Zigarette im Mund. Er saugte tiefe Täler in die Backen hinein beim Versuch, möglichst viel Tabakrauch zu inhalieren.
Er stieß den Rauch aus und kündigte an, Bruno die Sache genauer zu erklären.
„Also, der unverschämte Autor Nummer 3 fängt an mit Allgemeinplätzen, die sich widersprechen, abgeschrieben halt.
O.k., das ist die Einleitung, völlig überzogene blumige Allgemeinplätze, die jeder irgendwann schon einmal gelesen hat, wenn er sich tief gefühlsmäßig mit Musik beschäftigen will“, dabei veränderte Eckert sich wundersam, er lächelte und bekam einen liebenden leidenschaftlichen Ton, „also wenn man empfindet und nicht nur darauf achtet, wie die Musik gemacht ist, sondern mit dem, was die Musik im gegenwärtigen Moment meint, also das Gefühl, Musik verstanden zu haben. Wenn sich der Zustand des Einklangs des Geistes und der Seele nach Wahrnehmung des vorgestellten akustischen Phänomens einstellt, eine Zufriedenheit zunächst, welche sich bis zur Freude, zur Ekstase erweitern kann, aber auch in tiefe Trauer abstürzen kann.“ Eckert blickte träumerisch in die Weite und sog an der Zigarette. „Daraus erwachsen dann reine und wahre Gefühle, manchmal sind sie sogar so herrlich, dass ich sie als erhaben bezeichnen möchte. Empfindungen, die mich jedes Mal verstehen lassen, dass es sich doch lohnt weiter zu leben.
Was der da daraus macht: Schamlose Gefühlsduselei und Weiberlyrik.“ Eckert schaute Bruno anklagend an.
„Er schlägt drei Eigenschaften vor, die die Wiedererkennbarkeit, das Erinnern und die psychische Reaktion auf Musik kennzeichnen. Das hat nichts mit Akustik oder mit den zerebralen Hörvorgängen zu tun, sondern es geht darüber hinaus. Es hat mit der Bewertung der Musik zu tun, übrigens seit über 200 Jahren die Aufgabe der Musikkritiker. Es ist eine reine subjektive Betrachtungsweise der menschlichen Reaktion, woher will der für uns etwas Neues wissen?
Soweit meine Einwände. Das können wir zur Seite legen. Jetzt kommt es.
Er sagt nämlich zur Qualität, dass Sound essentiell sei für die Musik, Sound habe die Eigenschaft, dass er sofort erkannt und kategorisiert werden kann. Der Autor posaunt: Die erste Eigenschaft der Musik: Ich nenne sie Sound, weil Sound unverwechselbar und sofort wiedererkennbar ist. Eine grundlegende Qualität jeder Musik. Eine geistige Blitzleistung des Menschen, Sound zu erkennen und sofort zu kategorisieren.“ Eckert knurrte, der Verfasser maße sich an, die Dinge, die schon jeder weiß, selbst neu zu benennen. Er glaube wohl, er sei ein Genie.
„Mit Sound verbunden sei das Gefühl der Faszination, sagt der Wichtigtuer, der Hörer wird von spezifischen Sounds angezogen und will mehr davon. Die Faszination bliebe aber bestehen durch die getäuschte Antizipation des Hörers, weil das, was nun in diesem eben wahrgenommenen Musikstück im seinem Verlauf weiter vom Hörer antizipiert wird, nur teilweise erfüllt wird und die Musik ein Versprechen zu geben scheint, welches sie dann sogar übertrifft, oft in eine unerwartete Richtung und Qualität. Der unverschämte Autor von diesem Text behauptet allen Ernstes, er allein habe festgestellt, daraus entstünde nun diese Faszination. Er sagt: Ich nenne es Faszination – wieder reine Anmaßung so etwas!“ Eckert schnaubte und stieß Rauch aus.
„Es ist völlig überheblich geschrieben, unerträglich, aber“ Eckert zog grimmig an der kurzgebrannten Filterzigarette, „da scheint etwas dran zu sein. Das kann ich nachvollziehen, das steht auch in der Literatur, meine ich. Bis vor kurzem war ich mir da ganz sicher. Ich sag dir gleich, warum ich jetzt nicht mehr so sicher bin.
Und schließlich sei dann eben die Struktur wichtig, schleimt er, worin sich der Kenner daran erfreue, dass bestimmte Figuren oder Konstellationen im musikalischen Material wiederkehrten, zum Beispiel besondere technische Schwierigkeiten für Instrumente erkannt werden, extreme Tempiwechsel, raffinierte Rhythmen, Höhenlagen und ungewöhnliche herausfordernde Passagen usw.. Das Erkennen einer definierten Struktur in einem irgendwie sonst chaotisch gestalteten Kunstwerk sei auch eine Freude für den detektivisch aufgelegten Hörer. Vielleicht mache dann ein musikalisches Zitat aus einem anderen Werk Freude. Der Hörer habe dann den Komponisten an dieser Stelle, wie er glaubt, durchschaut. Das mache ihm, dem kenntnisreichen Hörer, Spaß. Dazu muss er natürlich geschult und mit dem Kodex der Musik hier sozialisiert worden sein. Ein Allgemeinplatz. Wichtigtuerei.“
Eckert nahm das Manuskript vom Tisch und blätterte.
„Hier, jetzt kommt es noch besser. Weiter im Text ist plötzlich in jedem zweiten Absatz der Stil völlig anders. Die Sätze werden viel länger und ich habe das Gefühl, dass ein anderer Autor schreibt. Plötzlich werden Behauptungen aufgestellt, die im Zusammenhang des Textes wie Fremdkörper wirken. Das Allerschlimmste ist nämlich, dass manche seiner Darstellungen in dem Wust von Vermutungen, Spekulationen und völlig fehlerhaften Herausstellungen für mich so überaus überraschend originell, blitzartig einleuchtend und wie selbstverständlich erscheinen. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl des schon einmal Gehörten, irgendwie selbstverständlich Einleuchtendem. Mir schien das so wichtig, unverzüglich das Zitat herauszusuchen, welches ich natürlich weder im Text dieses janusköpfigen Autors noch in dem völlig schlampigen Literaturverzeichnis gefunden habe. Ich suchte sofort selbst in meiner Literatursammlung und im Internet nach, wo diese Äußerungen zu finden sein könnten und ich fand nichts. Ich wollte nämlich den Autor darauf hinweisen, gefälligst seine Hausaufgaben zu machen und das Literaturverzeichnis korrekt herzustellen. Aber ich fand wirklich nichts, weder in der Bibliothek bei mir noch im Internet. Leider ist mein Laptop mit dem alten Modem so langsam, aber etwas Neues kaufe ich bei den heutigen Halsabschneidern nicht.“ Eckert schaute finster zum Schreibtisch, da lagerte ein Laptop von der Jahrhundertwende.
„Bruno, ich gebe dir ein Beispiel aus diesem Text: ‚Wenn der Klang, der Sound, das Timbre eines Musikstückes mit dem Sinnbild der Tropfen, guttae musicae, bezeichnet wird; wenn der Rhythmus mit einem Raumzeitgewebe, textura spatium, und die musikalische Aussage, unter anderem die Melodie oder ein vergleichbares musikalisches Element mit ihrer nicht in Zweifel stehenden spezifischen musikalischen Sinnesmacht mit dem Ausdruck vis musica, als Sinnbild des Inhaltes der Musik‘ von dem Möchtegernautor beschrieben wurde, nicht als wissenschaftliche Aussage, sondern als anschaulichen Ausgangspunkt einer Spekulation über das subjektive ästhetische Erkennen schien mir das sehr ausgefallen, aber dennoch so geläufig, als wäre alles schon einmal da gewesen. Alles was mir da vorlag in diesem unsäglichen Stil, schien für mich längst schon einmal gedacht worden zu sein und war darüber hinaus für mich so vertraut, dass ich zunächst rasch darüber gelesen hatte und mir dachte, ja ja, mein Lieber, auch das wissen wir alles schon.
Aber es scheinen tatsächlich seine eigenen Gedanken in diesem verdammten dritten Manuskript zu sein, die dieser überhebliche Mensch aufgeschrieben hat. Ich muss jetzt tatsächlich annehmen, wenn es überhaupt noch nicht anderswo veröffentlicht worden war, sollte es vielleicht doch eine besondere neue Erkenntnis des selbstverliebten Autors sein? Es war originell, irgendwie verdreht, den Zeitgeist von heute auf eigentümlich gelungene Weise darstellend, zwar verstellt durch fehlerhafte Behauptungen hier und da, aber doch möglicherweise eine völlig neue revolutionäre Betrachtungsweise der subjektiven Bedeutung der Popmusik in der Kultur der letzten Jahrzehnte, eine Art empirische Ästhetik vielleicht? Natürlich sind diese pseudolateinischen Bezeichnungen verdreht, sollten vielleicht besonders Retro für das postmoderne Publikum wirken, um sich den Anschein des einsamen prophetischen Geisteswissenschaftlers in schwindelerregenden Höhen zu geben. Aber selbst diese verrückten lateinischen Ausdrücke kannte ich, verdammt nochmal, sie waren mir nicht fremd und ich hatte sie als extrem subjektive Bausteine zur Beurteilung der Aussage in der Musik irgendwo gelesen, glaubte ich, ich war mir sicher!“
Neben dem Manuskript lag ein Haufen Blätter mit Anmerkungen auf nummerierten Haftzettelchen, deren Ziffern kleinen roten Punkten im Originalmanuskript entsprachen. Eckert war in der Lektüre des Manuskripts stecken geblieben, Sackgasse.
Das konnte Bruno auch daran sehen, weil zerknüllte A4 Blätter, durchgestrichene handschriftliche Notizen auf Haftzetteln und ein Durcheinander der Seiten des Manuskripts mit Kaffeetropfen und Asche- und Tabakkrümeln auf dem inzwischen klebrig gewordenen Schreibtisch lagen.
Er war sonst viel ordentlicher auf Eckerts Schreibtisch.
Eckert blickte auf, seine Augen waren gerötet. Das war deutlich hinter den gelbgetönten Brillengläsern zu sehen. Der mit Kajalstift schwarz konturierter henriquatre Bart war mit Speichel durchnässt, das blaue Seidenhemd hatte auch etwas abbekommen, an einigen Stellen war die Farbe mit den Haaren herausgewachsen und die grauen Barthaare mit dem gelben Nikotinstich kamen zum Vorschein. Eckerts Lippen waren etwas bläulich verfärbt. Herzinsuffizienz? fragte sich Bruno, er war Arzt. Unter Eckerts Perücke kamen einige dünne, graue und weiße Haare hervor, dort war die Bedeckung durch die kastanienbraune Echthaarperücke zur Seite gerutscht.
Bruno merkte, dass Eckert wirklich verzweifelt war.
„Weißt du, was mir durch dieses Scheißmanuskript passiert ist? Ich habe völlig die Lust verloren, Harfe zu üben, das ist vielleicht eine Katastrophe!“
Er hustete seinen sonoren Raucherhusten, wechselte vom Bass in hohe keuchende Frequenzen und steckte sich eine neue Zigarette an.
„Eckert, vielleicht hast du das Thema mit den farbigen Tropfen, dem Rhythmusgewebe und den Kräften in der Melodie schon einmal mit deinen Studenten im Seminar ‚Grundlagen der Musikwissenschaft‘ gemacht, zum Beispiel eine Arbeit über Synästhesie zwischen Musik und Geometrie und Farben usw. beim Farbenpiano von Skriabin, wär‘ doch eine Idee?“
„Nein, nein, sowas Abgedrehtes hätte ich nie im Seminar gemacht, eher was mit Musik und politischem Bewusstsein. Aber, sicher ist sicher, ich hab‘ sogar im alten Institut an meiner Uni nachforschen lassen, weder Seminararbeiten noch Diplomarbeiten haben irgendwas damit zu tun.“
„Vielleicht hast du die Information als Kuriosum irgendwo in einer Zeitschrift gefunden, kann sein, die Zeitschrift liegt noch irgendwo auf einem Stoß bei dir?“
„Nein, kann nicht sein, ich habe sogar eine ehemalige Kollegin an der Hochschule angerufen, die Geigerin, du weißt schon, Emily weiß nichts davon, eine Affäre halt. Die alte Verflossene hat behauptet, von mir sei nichts mehr bei ihr zuhause, außer vielleicht einem alten Aschenbecher und einer Holzkiste mit verrosteten Notenpultteilen und Noten drin. Das alles könnte sie mir natürlich gerne schicken, wenn ich Nostalgie empfinden würde. Sie hat gelacht: ‚Eine Empfindung bei dir, das wäre mal was Neues.‘ Ich bräuchte nicht persönlich zu kommen.“ Eckert lachte kurz auf „Da war also nichts, also gar nichts. Nicht mal wie es mir geht, hat sie gefragt“.
„Und du sagtest doch immer, dass die Garage so völlig chaotisch sei, möglicherweise liegt da was rum?“
„Bruno, ich hab‘ zum ersten Mal seit zehn Jahren da reingeschaut. Da sind nur die Sachen für die dritte Auflage des Harfenlehrbuchs vor zehn Jahren und die anderen Seminarveröffentlichungen für die Musiklehrer, ein paar Zeitschriften und der Rest ist vom Zirkus, lauter Pferdeliteratur von Emily. Nichts zu machen. Sonst nur Kisten mit Autoschrott und Uraltes. Habe ich seit meinem Umzug hier zu Emily seit 25 Jahren nicht angerührt, auch davor nicht, da ist nichts.“
„… und dass du‘s irgendwann mal gehört hast auf einem Kongress irgendwo auf der Welt, New York, Paris, Metz, Darmstadt, Detmold, Kürten oder Wien?“
„Kann nicht sein, wenn ich nicht dement geworden bin, kann alles nicht sein, nerv mich bloß nicht mehr, so kommen wir absolut nicht weiter! Da muss ich halt alleine durch!“
Bruno nickte, er wusste, dem Gedächtnis in dieser Altersgruppe nachzuhelfen, ist nicht so einfach. Eckert drehte sich um und ging Richtung Tür.
„Ich trinke jetzt ein Wasserglas voll Doppelkorn, mal sehen was passiert!“ grinste er mühsam zum Abschied.
Bruno dachte, dass vielleicht eine Dosis mexikanische Pilze zur Bewusstseinserweiterung oder die Couch von Altmeister Freud mit freier Assoziation besser wären, vermeintlich Verlorenes im Gedächtnis aufzuklauben. Aber das behielt Bruno für sich.
Bruno musste sich beeilen, seine Frau Karin und er hatten Karten für den Ring des Nibelungen am folgenden Tag in Bayreuth, Regie Frank Castorf, sie mussten noch am Abend im Hotel Goldener Hirschen einchecken.
Als Bruno zum Auto ging, hörte er, wie Eckert ihm noch zurief, dass die Opern von Richard Wagner unsägliche Scheiße seien, er habe kein Mitleid mit ihm, aber mit seiner armen Frau. Auch unter Prügeln ging er nicht dorthin, krächzte er maliziös mit letzter Luft.
Da rief Bruno plötzlich sauer zurück: „Sorge du dich besser um dein Gedächtnis, mein Lieber, vielleicht fällt dir alles, was dir entfallen ist, wieder ein, z.B. beim Sortieren von Autoschrott und dem edlen Geruch des Altöls. Der Geruchsinn bringt ja uralte Dinge wieder zutage. Von dir lasse ich mir den Super-Skandal-Ring in Bayreuth nicht versauen, Tschau bis in 14 Tagen!“ und Bruno hörte, wie die Tür von Eckert geräuschvoll geschlossen wurde.
Bruno ließ den Motor an und 2 Stunden später waren er und Karin auf den Weg nach Bayreuth.
Eckert saß eine Weile in der Küche. Er hatte die volle Schnapsflasche vor sich stehen und das leere Wasserglas. Er nahm alles mit und ging ins Wohnzimmer. Er suchte die Fernbedienung. Er fand sie schließlich unter dem Sofakissen. Er machte den Fernseher an. Er goss Schnaps ins Wasserglas.
Er trank den ersten Schluck.
Im Fernsehen war Werbung für Autos, Klamotten, elektronische Geräte, Softporno und zuckerhaltige Getränke. Er trank den nächsten großen Schluck Schnaps und zappte zum Sportsender. Er sah eine Weile Damentennis, dann Boxen zwischen zwei farbigen Athleten. Schließlich fand er einen Sender mit Fußball. Er trank den nächsten großen Schluck. Er merkte schon etwas Wirkung von dem Alkohol. Dann zappte er weiter bis zu einem klassische Musiksender. Der spielte gerade „Freude schöner Götterfunken“, Beethovens Neunte. Er knurrte: „Ich werde sentimental, Scheiße.“
Er schaute in das Fernsehprogramm, konnte aber nicht richtig lesen, er meinte nach dem Beethoven käme Kammermusik von Alban Berg. Das wollte er abwarten. Als der Schluss der Neunten schließlich geschafft war und der lange Applaus abebbte, war er betrunken. Er schlief ein. Um 4:00 Uhr morgens wachte er auf und ging ins Bett.
Er konnte nicht richtig schlafen, er nahm eine Schlaftablette aus der Schachtel mit der Aufschrift Placebo. Das hatte er selbst drauf geschrieben, damit Emily ihm nicht auf die Schliche kam, dass er häufig Schlafmittel schluckte. Er schlief bis gegen Mittag am nächsten Tag. Er hatte Kopfschmerzen und nahm eine Tablette Aspirin. Seine Erinnerung hatte sich nicht gebessert. Er fluchte leise.
Dann stand er auf, er war etwas wackelig auf den Beinen. Nach einem halben Liter Wasser und einem Kaffee aus der Maschine fühlte er sich besser. Emily war sicher schon bei den Pferden, sie schien kein besonderes Interesse mehr an ihm zu haben. Er blickte sich in der Küche um. Er sah nichts von einem Frühstück.
Er fasste einen Entschluss.
Er wühlte in einer Schublade, fand zwei Arbeitshandschuhe, zog sie an und nahm sich den Garagenschlüssel vom Haken. Als er vor der alten Truhe stand, sah er, dass das Vorhängeschloss verrostet und geöffnet war. Der Deckel ließ sich zunächst nicht aufziehen, dann gab der Deckel nach und Eckert hörte das Quietschen der verrosteten Scharniere. In eine Decke gewickelt lag darin ein Cellobogen mit einigen wenigen Bogenhaaren, daneben ein abgebrochenes Stück Kolophonium. Eine Flasche aus weißem Porzellan mit der Aufschrift Escorial grün 56 % Alkohol lag im Originalkarton in einer Ecke. Der Korken war versiegelt.
In einer vergilbten Zeitung war eine Stange Roth-Händle Zigaretten eingewickelt, die Zeitung datierte vom 17. Mai 1963, ein Freitag. In einem weiteren Stück Zeitungspapier fand sich eine zerbrochene Tonpfeife und eine Musikkassette. Das sagte ihm alles nichts Konkretes, er konnte keine Erinnerung daran knüpfen.
Eckert ergriff die Stange Roth-Händle Zigaretten, öffnete das Packpapier und nahm eins der altrosa Zigarettenpakete heraus. Er roch daran. Es roch praktisch nach nichts. Er durchtrennte die Banderole, öffnete die Packung und holte drei Zigaretten heraus. Er drückte die Verpackung wieder zu, behielt die einzelnen Zigaretten mit dem herausrieselnden Tabak in der Hand und ging in die Küche. Er balancierte die drei Zigaretten waagerecht, bevor der trockene Tabak herauskrümeln konnte und legte sie in eine Filterkaffeetüte. Dann machte er heißes Wasser im Schnellkochtopf. Das heiße Wasser schüttete er in einen Krug und stellte den Porzellanfilter mit den Zigaretten in der Filtertüte darauf. Dann ging er wieder hinunter in die Garage, steckte sich das Kolophonium in die Hosentasche und ergriff die Flasche mit dem grünen Likör. In der Küche schälte er mit einem Messer den steinharten Siegellack vom Flaschenkorken ab und schnitt sich beinah dabei. Er musste wieder fluchen. Als er den Korken herausgezogen hatte und den ersten Geruch aus der Flasche prüfen wollte, wurde ihm vom Korkengeruch schlecht. Er stopfte den Korken wieder hinein und wartete eine Weile. Als sich die Übelkeit gelegt hatte, ging er zu den Roth-Händle Zigaretten im feuchten Kaffeefilter und schnüffelte daran. Er konnte tatsächlich den typisch bitteren Geruch wahrnehmen. Er hatte noch keine Zigarette geraucht, seit er aufgestanden war. Plötzlich drehte er sich um, eilte die Treppe hinauf und angelte oben vom Wäscheschrank einen Karton, öffnete ihn und nahm den uralten Kassettenwalkman heraus.
Dann setzte er sich auf das Sofa, schenkte sich ein Südweinglas voll mit dem grünen Likör ein, schob die Kassette in den Walkman unter Strom, fummelte die kleinen Ohrhörer hinein, schob den Plastikschieber auf „Play“ und wartete.
Die Kassette rauschte und kratzte etwas, es klickte und dann drang der kernige Klang des Cello von Pablo Casals in das Ohr und tief ins Gemüt von Eckert. Er verspürte einen Schmerz und gleichzeitig wusste er genau, dass dies der Anfang der vierten Solosuite für Cello in EsDur von Bach war. Casals spielte über die ersten Passagen nonchalant hinweg, er spielte mal schneller, mal langsamer, der Ton hatte eine eigentümlich raue Konsistenz. Es war die Aufnahme von 1936, etwas unregelmäßig im Duktus, ein archaischer Zugriff zu den Cellosuiten. Der Atem stockte Eckert, als Pablo Casals die Passage ab der Fermate im Takt Nummer 49 begann, die zehn Takte später in die teuflischen Doppelgriffe mündete, die er so oft geübt hatte und für die er so viele niederträchtige Erniedrigungen und würdelose Grenzüberschreitungen seines Cellolehrers ertragen musste, daher der Schmerz. Er und seine Mitschüler bei diesem Lehrer trösteten sich in einem Schuppen hinter dem Haus am Abend mit Roth-Händle Zigaretten und kräftigen Schlucken Escorial grün aus der Flasche - nur so schien ihnen das Leben erträglich.
Er hatte tatsächlich das Leben vor seinem Scheitern fast völlig vergessen.
Bei der Bourré stoppte er den Walkman.
Er zündete sich eine der mit Wasserdampf zum Leben wiedererweckten Zigaretten an, die Roth-Händle wollte erst nicht brennen, dann entstand der typische brennende Geschmack des immer noch zu trockenen Tabaks aus der Rheinebene. Eckert war an diesem Geschmack gar nicht mehr gewöhnt. Er griff das volle Glas mit dem grünen Likör und trank einen großen Schluck, zu dem Tabakbrand im Mund bekam er jetzt einen Schuss 56-prozentigen Alkohol mit Hustensaftgeschmack nachgeliefert.
Er atmete mit offenem Mund tief ein und aus, der Schmerz ließ nach, er drückte auf den Startknopf und die Bourré startete. Pablo Casals knurrte mit seinem Bogen in den tiefen Tönen auf seinem Cello und Eckert musste an das knirschende Geräusch der Fahrradkette bei der Überwindung von Steigungen mit Gepäck erinnern, besonders das Knarren, Scheuern und Reiben des großen Zahnrades am Schutzblech durch das ausgeschlagene Kugellager beim kraftvollen Antritt.
Und da war es wieder, er erinnerte sich, dass er als Schüler mit Monique mit dem Fahrrad nach Bayreuth gefahren war, sie waren blutjung, ein örtlicher Industrieller hatte die Stehplätze in Bayreuth für den Parsifal am 30. Juli 1951 der Schule gestiftet, sie hatten die Karten bekommen. Sie übernachteten in der Jugendherberge. Sie waren mit ihren Fahrrädern den Grünen Hügel hinauf bis zum Festspielhaus gefahren. Die Fanfaren auf dem Balkon begrüßen die Besucher mit dem Motiv des Einzugs der Gäste aus dem „Tannhäuser“. Die Herren Logenschließer, einige von ihnen noch aus der Vorkriegszeit, öffneten die Türen, die Festspiele konnten beginnen. Eine Fledermaus kreiste über Orchester und Chor.
Er erinnerte sich an den Parsifal als einen musikalischen Tempel, verführerische Traummusiken mit Bildern zwischen Wald und maurischem Garten, liturgischen Ansprüchen von Mitleid bei Gefühlsnaivität, die sie beide, Monique und ihn, zu Tränen rührten. Gleichzeitig versuchten sie ironisch distanziert zu bleiben, wie immer, wenn Emotionen bei ihnen im Spiel waren. Das gelang ihnen nicht. Sie retteten sich auf der Heimfahrt zum Schlafplatz in der Jugendherberge mit den Worten, das müsste man alles einmal tiefenpsychologisch durchleuchten, da würde schon eine ganze Menge durchgeknalltes Geschwafel zu Tage treten. Ein völliges Missverständnis des Christentums sei es gewesen und bei C. G. Jung müsse wohl nochmal nachgelesen werden.
Sie schlief bei den Mädchen, er bei den Jungen, das war so in der Jugendherberge in den Fünfzigern.
Aber toll war‘s doch, so etwas hatte er noch nicht erlebt, gefühlt, etwas, was ihn so in den Zwiespalt gebracht hat. Die Geschichte auf der Bühne war eine Sache, vor der hatte er keinen Respekt, aber die Musik, das war etwas ganz Großes, er traute sich nicht zuzugeben, dass er das Wort erhaben beinah benutzt hätte, etwas, das man nach dem Krieg so nicht mehr sagen konnte. Außerdem hatte Hitler die Musik von Richard Wagner für sich okkupiert, obwohl böse Zungen behaupteten, er habe nichts davon verstanden, aber so blauäugig war der junge Schüler nicht, böse Menschen konnten durchaus Musikgeschmack haben.
Eckert nahm noch einen Schluck von dem grünen Zeug. 1953 mit dem Fahrrad nach Donaueschingen, Luigi Nono: Due espressioni (1953): der tastende, zaghafte Beginn, der taumelnde Übergang der Bewegung mit trockenem Absturz. Er wusste plötzlich alles ganz genau. Auch die Vorstellung ein Jahr später: John Cage und der Pianist David Tudor spielten in ihrem Donaueschinger Konzert an zwei präparierten Klavieren Cages Komposition 12'55.6078. Als junger musikbesessener Mensch bekam er es damals mit dem Zufall in der musikalischen Welt zu tun. Das erschreckte und begeisterte ihn. Das Publikum war entsetzt und zeigte es mit deutlicher Reaktion. Sie reichte von Kopfschütteln bis zu aggressiver Verachtung.
Er aber, erinnerte er sich, er wollte ab diesem Augenblick das Wesen der Musik beschreiben, ihr wirkliches Wesen und ihre Utopie, welche ihm durch John Cage unvermittelt so viel weiter und mächtiger, als er ursprünglich gedacht hatte, wie eine feenhafte Erscheinung von seinen Sinnen erkannt worden war,. Wenn jetzt sogar der Zufall Musik machen konnte, könnte es sein, dass alles Musik war? Und da war noch der Jazz, ein Schulkamerad spielte ihm das Stück Caravan von Duke Ellington vor. Das klang ganz bieder. Danach legte dieser Freund die Schallplatte auf den Spieler und die gleiche Melodie wurde von Thelonius Monk gespielt. So etwas hatte Eckert noch nicht gehört. Der Sound des Klaviers, die völlig ungewohnten Akkorde, die Veränderung der Stimmung von Wiederholungen zu Wiederholung. Am Ende war er begeistert. Er musste etwas tun. Sein Cellospielen allein reichte nicht.
Wie Musik wahrgenommen, aufgesogen und empfunden wurde, diese Begabung des Menschen wollte er durch behutsame Annäherung umreißen lernen, auf eine individuelle Art zunächst, dann aber als universelles Geschenk der Entwicklungsgeschichte wollte er Musik verstehen und beschreiben. Das Rätsel eines ergreifenden Musikerlebnisses müsste bei dieser Forschung doch gelöst werden können. Er wollte eine Erklärung.
Er beschloss, Musik und Pädagogik zu studieren und das Enigma der Musiksprache, die man glaubte zu verstehen, aber nicht erklären konnte warum, aufzudecken.
Er wurde damals nicht Eckert genannt.
Vor vielen Jahren hieß er Heinz. Heinz Ewald Glück.
Bruno hörte noch das schabende Geräusch des sich schließenden Garagentors, zuerst musste das Tor ganz verschlossen sein, dann durfte er Gas geben. Das Tor neigte dazu, auf halber Strecke stecken zu bleiben.
Als sie den Friedhof passierten, dachte er flüchtig an die Beerdigung seiner Schwiegermutter. Sie war Ärztin, Kreispräsidentin, Bürgermeisterin und nach der Scheidung mit großer Energie Internistin gewesen. Als sie schwach wurde, wohnte sie bei Karin und Bruno. Bruno fühlte innerlich das wieder aufkommende schlechte Gewissen, weil er vor ihrem Tod zu ungeduldig geworden war und sie schließlich dann doch in ein Heim gebracht wurde. Für Karin war das schwer gegenüber ihrer Mutter, der sie versprochen hatte, dass sie in ihrer Familie bis zum Tod bleiben konnte.
Als sie die Windräder passierten, dachte Bruno an die vielen Montagnachmittage, an denen er sich mit dem neunzehnjährigen Sohn von seiner Schwester Martha mit Goethes Faust, später Macbeth, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, zuletzt mit germanischer Mythologie und dem Anfang des Ring des Nibelungen beschäftigt hatte. Der junge Mann hatte eine Herzpumpe bei sich, sein Blut wurde vor seinem Körper in ein Plastikgefäß aus dem rechten Herzen angesaugt und wieder zurück in den Brustkorb in das linke Herz gefördert. Der Antrieb war eine elektrisch betriebene Luftpumpe, deren Batterien laufend gewechselt und geladen werden mussten. Wenn er sich aufregte oder sich freute, hörte man die Plastikventile schneller schlagen. Sein eigenes Herz steuerte die Maschine. Schließlich konnte das Herz eines jungen Unfallopfers transplantiert werden.
Von der Autobahn aus rechts sah Bruno das Reklameschild der Sparkasse des nächsten größeren Ortes. Es drehte sich um die eigene Achse. Wie viele Male hatte er dies nachts beobachtet, als seine Herzkranzgefäße wieder geweitet und durch Stents offengehalten wurden. Der Eingriff war gerade noch rechtzeitig gewesen. Bruno dachte, wenn es schief gegangen wäre, könnte er jetzt nicht zum Ring des Nibelungen fahren, Karin wahrscheinlich auch nicht oder vielleicht doch.
Als sie den Abzweig zur nächsten Stadt passiert hatten, erinnerte sich Bruno an die vielen Probenachmittage mit seinem Freund Jakob Radermacher. Jakob war ein passionierter klassischer Pianist und hätte sein Vater sein können. Sie probten jeweils ein Jahr ein neues Stück, zum Beispiel von Hindemith die Sonate für Horn oder Saxophon und Klavier, von Debussy Der kleine Neger, Golliwogg‘s Cakewalk, von Milhaud Scaramouche, Nymans Shaping the Curve . Bruno bestellte einmal bei einem befreundeten Komponisten ein Stück für Altsaxophon und Klavier, -Son-a-te- von Ludger Singer, welches sie mit mehr oder weniger Erfolg beim Hausmusikabend ebenfalls über ein Jahr später uraufgeführten. Der Komponist meinte, so könne man es wohl auch machen. So richtig zufrieden war er nicht. Dafür war Bruno auch kein echter klassischer Altsaxophonist. Im Trio mit Susanne, der Bratschespielerin, führten sie mit Brunos Sopransaxophon das Kegelstatt-Trio von Mozart und später Max Bruch Trios: Stücke für Klarinette, Viola, Klavier op.83 Nr.1-8 und Trio für Klarinette, Viola und Piano Op. 264 von Carl Reinecke auf. Das war der Höhepunkt von Brunos klassischer Karriere. Über 20 Jahre lang Musik konnte er auf diese Weise mit Jakob machen, dann starb sein alter Freund. Bruno seufzte. Einen halbwegs gleichwertigen musikalischen und vor allen Dingen höflichen und gebildeten Freund hatte es in Brunos Leben bisher nicht mehr gegeben.
Bruno schaute wieder auf die Straße.
Er hörte plötzlich, wie Karin mit den Papieren in ihrer Handtasche raschelte. Sie war auf einmal unruhig geworden, sie sagte, dass sie vielleicht doch die Eintrittskarten für den ganzen Ring des Nibelungen bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth vergessen hätte. Bruno beruhigte sie. Sie, die die Ordnung selbst war und die Zuverlässigkeit, in allem auch bei der Bestellung von Karten in Bayreuth und das mit gleichmäßiger Hartnäckigkeit, so dass sie nun zum fünften Mal seit 1989 Karten für die besten Plätze im Festspielhaus hatten, machte sich Sorgen. Beide einigten sich: ganz sicher war inzwischen ein Computersystem mit der Datenbank eingerichtet, wo sie nachforschen und sich ausweisen konnten und dann würden Ersatzkarten ausgestellt. Er klopfte ihr auf den Oberschenkel. Sie fand daraufhin die Karten auch sofort, erleichtert stopfte sie alles wieder zurück. Es konnte jetzt endgültig losgehen. Sie hatten Köln hinter sich gelassen.
Bruno kehrte zu seinen Erinnerungen zurück. Vor neun Jahren hatte Karin nach 11 Jahren fleißigen Anschreibens Karten erstmals für den gesamten Ring des Nibelungen in Bayreuth errungen. Für Bruno und sie war es ein Erlebnis. Die Kritiken dieses Ring des Nibelungen unter der Regie von Tankred Dorst waren, wie sollte es auch anders sein, sehr gemischt. Zunächst wurde gleich zu Beginn vom kompetenten Kritiker, der in seiner Zeit dachte, die Einrichtung der Richard Wagner Festspiele als solche überhaupt infrage gestellt, ob so etwas noch in die kritische korrekte Gegenwart passen würde. Dann war da die ungerechte Ticketverteilung hauptsächlich an prominente Adressaten aus aller Welt und die Nichtberücksichtigung der vielen jungen begeisterten Leute am Nachmittag vor den Aufführungen, die trotz der Festspieltage, die angeblich nicht in die Zeit passen würden, unbedingt eine Eintrittskarte ergattern wollten. Das wurde nun wieder unter dem Gerechtigkeitsgedanken kritisiert.
Die Inszenierung als Gesamtkunstwerk von Tankred Dorst wurde als naiv, schlicht, hausbacken und intellektuell zu durchsichtig gegeißelt. An der Musik wurde nicht so viel kritisiert, außer dass die Familie Wagner sich eines tyrannischen Dirigenten bedienen würde, der, allerdings von aller Welt geachtet, eine Aufführung des Ringes erreicht hatte, die musikalisch tadellos, aber auch wieder irgendwie beliebig gewesen sein sollte.
Also, was sollten Bruno und Karin da tun, es war wohl tatsächlich das Beste, diesen Ring sich selbst anzuschauen und dann miteinander darüber zu reden. Und Redestoff gab es genug. Auf der Bühne lief der
