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Ein Brief, der nach vielen Jahren die richtige Empfängerin erreicht, eine Erbschaft im schottischen Hochmoor, fest verbunden mit der jahrhundertealten Legende der Hexen von Holymoor und ein Puppenhaus, welches kein Spielzeug ist, sind der Stoff, aus dem diese Geschichte gemacht ist. In dem Haus von Louise Hutchinson häufen sich rätselhafte Ereignisse. Sie selbst liegt seit vielen Jahren auf dem Friedhof und bekommt davon leider nichts mehr mit. Rose wird das Lebenswerk ihrer Großmutter vollenden und geht mit ihren Freunden auf eine geheimnisvolle Schnitzeljagd. Als sie endlich den Aufenthaltsort der lila Baronin entdecken, ist es für alle fast zu spät.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für meine Mutter, meine tapfere kleine Rose,
die so sehr an mich und an diese Geschichte glaubt.
Die Abendsonne senkte sich langsam auf die Stadt. Die Backsteine der Kirche und der alten Stadtmauer warfen den rötlichen Schein zurück und für einen Moment schien alles in der Glut zu schwimmen. Die winzigen Häuser rund um die Kirche und den kleinen Kanal, der die Stadt durchzog, gaben ihre Schatten in die schmalen Straßen zurück. Die schweren Glocken der alten Stadtkirche läuten den Abend ein und das Treiben in der Stadt verebbte.
Drei Raben kreisten immer tiefer um das Dach eines kleinen Hauses und ließen sich auf dem Schornstein nieder.
Neris, der älteste und imposanteste der drei Vögel, spreizte kurz die Flügel, bevor er, einer Statue gleich, vollkommen in seiner Haltung erstarrte. Nevaeh sah in die leere Gasse, »Neris, sag, warum hast Du uns herbei gerufen? Es ist viele Jahre her, dass wir hier an diesem Ort miteinander gesprochen haben.« Sie sträubte ihr schwarzblau glänzendes Gefieder. »Und es war bislang nicht wirklich schön hier«, ließ sich der kleinste Rabe der Runde, Anatol, vernehmen. Ihm standen sämtliche Federn weit vom Körper ab, als sei er durch einen schweren Sturm geflogen.
Die drei Vögel waren die Nachfahren der großen Raben aus der nordischen Mythologie und viele hundert Jahre alt. Neris führte die Stämme im Norden, Nevaeh war die Hüterin der südlichen Völker und Anatol begleitete die Winde der Welt. Sie wurden vor langer Zeit auserkoren, über diese Stadt zu wachen.
»Die Stunde ist gekommen«, ließ sich der alte Vogel vernehmen, »die Prophezeiung erfüllt sich. Diejenige, die den Fluch brechen kann, macht sich auf den Weg.« Die beiden anderen nickten verstehend und alsbald steckten die drei ihre Köpfe zusammen und flüsterten in ihrer eigenen Sprache. Hin und wieder ließ sich ein leises Krächzen vernehmen und nach einer knappen Stunde erhoben sie sich und flogen in unter schiedliche Richtungen davon.
Geräuschvoll flog die Tür zur Redaktion auf und nach einem Stapel Bücher und loser Notizen stolperte Rose hinterher.
Kelly sah nur kurz hoch. Sie war an die ungeschickten Auftritte ihrer Freundin gewöhnt. Sie arbeiteten beide seit ein paar Jahren in der Kulturredaktion von Jacobson & Son’s, einer der größeren Zeitungsverlage in der Stadt.
»Rose! Wie ich sehe, hast du gut ausgeschlafen und bist mal wieder sehr spät dran! Jacobson war bereits hier und hat sich nach dir und dem Artikel zur FringeEröffnung erkundigt«, redete Kelly munter drauflos, während Rose die Papiere vom Boden auflas. Dieser verflixte Artikel über die Neueröffnung. Sie verzog das Gesicht. Das Fringe war ein kleines Theater in der Altstadt, dessen Ruine nach einem Brand vor knapp zehn Jahren lange Zeit einen traurigen Anblick bot. Dank großzügiger Spenden kulturinteressierter und reicher Mitbürger wurde das alte Haus wieder aufgebaut und gestern Abend war die feierliche Neueröffnung mit der Premiere des Stücks »The point of no return«.Wie üblich war Rose spät dran gewesen, hatte die Bahn in die Stadt verpasst und kam nach der ersten Pause im Theater an. Angestrengt hatte sie versucht, sich aus den spärlichen Resten des zweiten Aktes ein Bild über das Stück zu machen, was kaum mehr möglich war. »Verdammt, Jacobson dreht durch! Ich muss irgend etwas schreiben, IRGENDWAS!« Oh ja, es war nicht der erste vergeigte Artikel und es war eine Katastrophe – Rose kramte hektisch in ihren spärlichen Notizen. Kelly runzelte besorgt die Stirn. »Du liebe Güte, Rose! Du hast es gestern nicht wieder vermasselt. Ich versteh dich nicht!«. Seufzend stand sie auf, legte der Freundin den Arm um die Schulter. »Na, dann lass uns mal schauen, was wir noch retten können.« Zum Glück war auf Kelly immer Verlass. Ihre alte Vermieterin besuchte gerne und viel die Theater der Stadt. Bei der Neueröffnung des Fringe war die mit Sicherheit dabei. Kelly rief sie kurzentschlossen an, lauschte einem ausgiebigen Bericht, verdrehte dann und wann die Augen in Roses Richtung und schrieb nebenbei ein paar Notizen. Hieraus und mit ein wenig schmückendem Beiwerk schmiedeten Rose und Kelly einen, wie sie fanden, recht ansprechenden Artikel. Jacobson würde zufrieden sein.
»So, geschafft! Dieser Punkt geht an uns und sollte gefeiert werden!« Kelly stapelte ein paar Dokumente auf ihrem Schreibtisch und sah nebenher in den Veranstaltungsteil der Tageszeitung. »Was hältst du davon, heute Abend auszugehen?«, fragte sie. »Im kleinen Park findet das Lampionfest statt, mit Gauklern, netter Musik und interessanten Leuten. Etwas zu essen und ein Glas Wein bekommen wir da auch. Du hättest dann auch schon einen Grund für die morgige Verspätung«, Kelly feixte. »…die mir auch jeden Morgen ein Übermaß an Kreativität abfordert.« Rose krauste die Stirn in gespieltem Ernst. »Aber vielleicht könnten wir ja die Gelegenheit nutzen und zu diesem Fest einen kleinen Artikel verfassen. Den Chef wird es vom Hocker hauen.« Sie kicherte. Kelly nickte bestätigend und beide wandten sich grinsend der Arbeit auf ihren Schreibtischen zu.
Der kleine Park, die grüne Oase im Stadtzentrum, war für seinen großen Abend herausgeputzt. In den Bäumen und Büschen hingen zahlreiche bunte Lampions und Lichterketten, welche mit ihrem Glanz das herbstliche Bunt des Parks in ein wunderschönes und zugleich mystisches Licht tauchten. Lustig verkleidete Jongleure, Stelzenläufer und Clowns mischten sich mit der staunenden Menge und brachten sowohl Jung als Alt zum Lachen. Auf der kleinen Lichtung war ein altes Karussell mit Löwen, Pferden und Kutschen aufgebaut, welches nicht nur die Kinderaugen hell strahlen ließ. Rose und Kelly blieben stehen und ließen sich ein paar angenehme Sekunden in ihre Kindheit zurückfallen. An den zahlreichen kleinen Ständen gab es neben leckeren Back- und Zuckerwaren gebratene Spezialitäten und ausgesuchte Weine; aus allen Ecken erklang die fröhliche Musik von Straßenmusikern, untermalt von dem Stimmengewirr vieler Menschen.
Rose und Kelly schlenderten eine Weile durch den Park, blieben hin und wieder stehen, genossen die bezaubernde Stimmung und ließen sich irgendwann an einem kleinen Stand für französische Pastetchen nieder. Ein Akkordeonspieler entlockte seinem Instrument sehnsuchtsvolle Melodien, während sie nach Herzenslust schlemmten. Dabei unterhielten sie sich laut lachend über ihren Coup mit dem Fringe-Artikel und hofften, dass dieser es an Mr. Jacobsons Schreibtisch vorbei bis in die Morgenausgabe der Zeitung schaffen würde. Zu der Musik des Akkordeonspielers tanzten ein paar junge Balletttänzerinnen. Sie trugen auffallende lila Kostüme, selbst die Armbänder und der Kopfschmuck waren violett. Der Tanz wirkte in dem illuminierten Park einfach märchenhaft und die Freundinnen sahen fasziniert zu. Kelly flüsterte Rose ins Ohr, »Schau mal, wie weich die Füße auf den Boden treffen, fast wie Katzenpfötchen.« Es sah tatsächlich aus, als würden Katzen tanzen. Die Bewegungen umgab eine Geschmeidigkeit und die Gesichter hatten etwas Katzenhaftes. Aber irgendetwas stimmte nicht: Es war zu synchron und wirkte fast schon automatisch. Und warum starrten die Tänzerinnen ausgerechnet sie an? Rose betrachtete grübelnd die Aufführung.
Ein kleiner, untersetzter Mann bummelte lächelnd durch die Menschenmenge und blieb vor den Tänzerinnen stehen. Er war in einen dunklen, etwas abgetragenen Anzug gekleidet, welchem er mit einer pflaumenfarbenen Fliege und einem gleichfarbigen Einstecktuch wohl ein wenig mehr Stil verleihen wollte. Rose beobachtete ihn durch die Tänzerinnen hindurch. Sie schätzte ihn auf knapp sechzig Jahre und überlegte, welcher Beschäftigung dieser Mann nachgehen mochte. Für einen Stadtstreicher war er nicht ärmlich genug gekleidet, für einen Kaufmann ihrer Ansicht nach zu schäbig. Sie erschrak, als er urplötzlich ihren Blick erwiderte, lächelte und zielgerichtet auf ihren Tisch zusteuerte. Immer noch lächelnd stand er vor ihnen, fragte nach dem freien Platz und bat darum, sich setzen zu dürfen. Kelly riss ihre Augen von den tanzenden Mädchen los und nickte freundlich. »Sie sind sehr schön, nicht wahr? Ihr anmutiger Tanz rührt mich jedes Mal«, sagte der Mann, während er sich niederließ. »Sie kennen diese Gruppe?«, fragte Rose. »Oh ja, ich verpasse keinen ihrer Auftritte, seit Jahren.« Er winkte die Bedienung heran und bestellte ein Glas Milch. »Sie müssen wohl noch fahren, wie?«, entfuhr es Kelly. Fast ein wenig ertappt fuhr der Kopf des älteren Herrn in ihre Richtung. »Es ist gut für die Nägel und das Fell!«, grinste er breit. Kelly sah ihn verdutzt an und begann zu lachen. Der Bann war gebrochen und schon bald entspann sich ein lockeres Geplauder über das Fest, den reizenden Park und die Leute, die vorbeiflanierten. Rose hielt sich bei dem Gespräch zurück und warf nur ab und an eine Bemerkung ein. Sie saß zurückgelehnt in ihrem Stuhl und fixierte diesen Mann mit gerunzelter Stirn. Seine dunklen Haare waren mit wenigen silbrigen Fäden durchzogen, die Augen leuchteten, wenngleich Rose die Farbe nicht hätte benennen können. Es schien ihr fast wie ein strahlendes Orange. Auffallend waren die gepflegt manikürten Fingernägel an den kurzen, ja nahezu stummelartigen Fingern, und wenn er lachte, hatte es etwas Raubtierhaftes. Er sah sie immer wieder mit seinen leuchtenden Augen über den Tisch hinweg wissend und recht vertraut an. Kannten sie sich? Kelly und er waren in ihr Gespräch vertieft. Sie lachte und sagte, »Ein wunderschöner Gedanke, das sollte wirklich mal in die Tat umgesetzt werden.« Da erhob sich der ältere Herr plötzlich. »Meine Damen, es war mir ein Vergnügen. Ich wünsche Ihnen noch einen wunderschönen Abend.« Während er sich verbeugte, schaute er Rose unverwandt in die Augen. Rose, bis eben tief in Gedanken versunken, stand abrupt auf, ihr Stuhl polterte zu Boden und sie stotterte »W-wie heißen Sie? Sind wir uns schon mal irgendwo begegnet?« Der kleine Mann lächelte schelmisch, »Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, aber wer weiß? Mein Name ist Casimir, Casimir McFarlaine. Ich entstamme einer alten schottischen Adelsfamilie, leider dem ärmeren Teil und bin nur zu Besuch in dieser Stadt.« Und erneut, »Wer weiß, vielleicht sieht man sich ja mal wieder.« Dem letzten Satz fügte er ein breites Raubtierlächeln hinzu, verbeugte sich und schlenderte durch die Menge. Rose starrte ihm hinterher und Kelly fragte verwundert »Rose? Rosie, was ist los? Ist dir der Wein zu Kopf gestiegen? Du bist ja kreidebleich.« Der Mann war inzwischen in der Menge verschwunden. »Ich weiß nicht, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der mich zu kennen schien, bestimmt!« Kelly winkte grinsend ab, »Ach Rose, das bildest du dir ein. War wohl alles ein wenig aufregend heute. Ich bestell uns mal noch ein Viertel und dann lass uns diesen Abend feiern.« Die beiden saßen noch lange in dem Park und genossen die laue Spätsommerluft. Casimir McFarlaine war schnell vergessen und sie redeten und lachten über dies und das und irgendwann, sehr viel später, schlenderten sie weinselig und unendlich glücklich, Arm in Arm, nach Hause.
Am nächsten Morgen, Rose war ausnahmsweise mal pünktlich im Büro erschienen, ließen die Freundinnen den gestrigen Abend kichernd Revue passieren, als die Bürotür aufflog und Mr. Jacobson stirnrunzelnd im Türrahmen erschien. »Meine liebe Rose.« Rose hasste es, wenn er so sprach. »Meine liebe Rose, wir sollten uns unterhalten. Um es kurz zu machen: Es war der mit Abstand schlechteste Artikel, den ich je von Ihnen gelesen habe. Bitte kommen Sie doch mal für ein paar Minuten in mein Büro.« Rose sah mit großen Augen zu Kelly, die verdattert mit den Schultern zuckte und folgte Mr. Jacobson. Die Ansprache von ihm über ihre derzeit doch recht schlampige Arbeitsweise, dass sich die Firma das nicht mehr länger leisten könne, dass man sich was einfallen lassen müsse und viele Punkte mehr, ließ sie stumm über sich ergehen. So unrecht hatte Jacobson ja nicht. Sie befasste sich in der Tat recht halbherzig mit ihren Aufgaben, die sie im Grunde genommen nicht sehr mochte. Es brauchte eine Veränderung. Aber was? Der restliche Tag verging eher zäh und sowohl Rose als auch Kelly verrichteten einsilbig ihre Arbeiten. Rose packte früh ihre Sachen und verließ das Büro in Richtung Stadt.
Sie lenkte ihre Schritte in ein nahe gelegenes Viertel mit einer reizenden, kleinen Ladenzeile. Da war die Papeterie, deren Schaufenster mit altmodischen Glanzpapieren, Anziehpuppen zum Ausschneiden und vielen kleinen Bastelsachen liebevoll gefüllt war. Rose konnte sich nicht sattsehen. Die Besitzerin erkannte sie von vorherigen Besuchen. »Na«, fragte sie, »Drücken Sie sich mal wieder die Nase platt und träumen von früher?« Rose lächelte, »Kaufen denn die Leute hier auch oder schauen alle nur wie ich?« »Ach, das Geschäft läuft schon lange nicht mehr so gut, wissen Sie, aber mein Mann und ich haben uns noch drei Jahre bis zur Pension gegeben. Wer weiß, was dann hier einzieht.« Sie schenkte Rose ein trauriges Lächeln. Gleich nebenan war der Teeladen. Rose liebte dieses Geschäft mit den decken hohen Regalen aus dunklem Teakholz und den orientalisch verzierten Metallbehältern voller duftender Teesorten. Sie kaufte ihren Tee ausschließlich hier. Jedes Mal schnupperte sie sich durch die vielen Sorten, die ihr der Verkäufer in den großen edlen Blechdosen unter die Nase hielt und hatte die üblichen Schwierigkeiten, sich festzulegen. Trotzdem hatte sie jedes Mal ein kleines Tütchen in der Hand, wenn sie aus dem Laden ging. Den betörenden Duft in der Nase schlenderte sie weiter zu der französischen Bäckerei an der Ecke. Hier kehrte Rose gerne für ein Croissant mit einer großen Schale Milchkaffee ein. Ihr Stammplatz, ein Stehtisch am Fenster, war noch frei. Sie schlürfte das warme Getränk und sah gedankenverloren die Straße hinab, den dahineilenden Menschen hinterher. Sie dachte über den Vormittag und das Gespräch mit Jacobson nach. Nur sie allein bekam die Situation in den Griff, indem sie grundlegend etwas änderte. Rose seufzte. Das alte graue Haus, gegenüber der Bäckerei, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Dort hatte ein neues Geschäft eröffnet, ein Blumenladen mit unzähligen Pflanzen und Kübeln vor dem Eingang, sodass er fast hinter dem üppigen Grün verschwand. Nachdem sie ausgetrunken und bezahlt hatte, schlenderte sie über die Straße, um sich die Blumenpracht näher anzuschauen. Sie bestaunte Lavendel und gefüllte englische Rosen in großen Terrakottatöpfen, Astern und Chrysanthemen in bunten Farben, kleine Bäumchen und unzählige Blütengestecke. Dieses Grün und die Fülle an leuchtenden Herbstfarben verliehen dem grauen und schäbigen Haus etwas ungeheuer Frisches und Schönes. Rose konnte sich kaum sattsehen. Erst nach ein paar Augenblicken bemerkte sie die Verkäuferin im Schaufenster, welche einzelne Vasen und Töpfe neu arrangierte. Es war eine junge, zierliche Frau mit dunklem Pagenkopf und auberginefarbener Schürze. Sie sah kurz hoch und der intensive Blick aus den dunkelgrünen Augen ließ Rose schaudern. Es war, als hätte jemand ganz tief in sie reingeschaut. Sie erschrak, drehte sich abrupt um und eilte die Straße hinunter. Mittlerweile war es später Nachmittag und die Luft wurde merklich kühler. Rose freute sich jetzt nur auf ihr Zuhause und auf die Tasse dampfenden Tee, gemütlich in ihrem alten Sessel eingekuschelt.
Kurz bevor sie an ihrer Haustür ankam, sah sie einen jungen Mann in der üblichen Briefträgeruniform Post in den Briefkasten stopfen. Er drehte sich um, sah ihr direkt in die Augen, lächelte freundlich und deutete mit der Hand an der Mütze einen kurzen Gruß an. Rose starrte ihm nach. ›Merkwürdig‹, wunderte sie sich, war Jamie, der normalerweise die Post austrug, erkrankt? Rose nestelte an dem Briefkasten.
In der Küche warf sie den Stapel Post auf den Tisch und setzte Wasser für den Tee auf. Während der Kessel auf dem Herd leise rauschte, sah sie die Post durch. Es waren fast ausschließlich Werbungen und Postwurfsendungen für ein neues Sonnenstudio im Viertel, den Pizzaservice und diverse weitere bunte Prospekte. Beim Blättern durch die einzelnen Sendungen, fiel ein Umschlag direkt vor ihr auf den Boden. Sie bückte sich, hob ihn auf und wendete das Kuvert. Es hatte keinen Absender. Rose wandte sich dem nun pfeifenden Teekessel zu. Ein köstliches Aroma von Granatäpfeln und Vanille zog durch den Raum. Der erste Schluck von dem dampfenden Tee gab ihr ein wohlig warmes Gefühl und sie streckte sich behaglich in dem alten Ohrensessel aus, bevor sie voller Neugier nach dem Umschlag griff. Er war an Mrs. Rose Smith, Layton Street 6A, London adressiert, aber kein Hinweis auf den Absender. Sie riss den Umschlag auf:
»Liebe Rose, mein liebster Schatz, ich hoffe, es geht Dir gut und dieser Brief erreicht Dich rechtzeitig. Ich spüre, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt und so bitte ich Dich dringend, komme auf dem schnellsten Weg nach Holymoor. Ich habe ungeheure Dinge entdeckt und brauche Deine Hilfe. Es grüßt und küsst Dich in Liebe, Deine Großmutter Louise «
Rose las das Schreiben ein zweites Mal und auf ihrem Gesicht spiegelten sich Erstaunen und Irritation. Ihre Großmutter war vor fast zehn Jahren gestorben. Wo war dieser Brief die ganze Zeit über gewesen? War das ein makabrer Scherz? Zu dem Zeitpunkt, als die Zeilen verfasst wurden, war Rose noch ein Kind und hätte nirgendwohin alleine reisen dürfen.
Oma Louise hatte in einem alten, entzückenden Haus in Holymoor gewohnt, einem kleinen Ort mitten im Hochland. Dieses Haus hatte Rose geerbt, war aber seit dem Tod ihrer Großmutter nicht mehr dort gewesen. Sie hatte einen Verwalter eingesetzt, der sich ab und an darum kümmerte. Sie drehte gedankenverloren den Umschlag in ihren Händen, als ein Bild auf den Boden fiel. Es war eine alte Aufnahme des kleinen Gartens hinter dem Haus. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, überfielen Rose tausend Erinnerungen an den Ort, den Garten und ihre Großmutter. Wie oft hatte sie in der gemütlichen Küche gesessen und Louise zugehört, wenn sie Geschichten erzählte. Sie konnte meisterhaft erzählen. Am liebsten hörte die kleine Rose die alten Sagen und Legenden um das alte Moor und die Hexe, die darin versank. Und dann war da das bezaubernde alte Puppenhaus, mit dem sie nie spielen durfte. Rose wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie vermisste ihre Großmutter auch nach all den vielen Jahren sehr. Grübelnd starrte sie auf den Brief, den sie immer noch in ihren Händen hielt. Aber was zum Teufel hatte dieses hier zu bedeuten? Kaum jemand wusste von dem geerbten Haus oder gar von Louise. Es war merkwürdig und ein klitzekleiner Gedanke breitete sich in ihrem Kopf aus und wurde allmählich größer: Hinfahren! Ja, sie sollte tatsächlich mal wieder nach Holymoor fahren und nebenbei den Verfasser des Briefes ausfindig machen und ihn zur Rede stellen. Entschlossen nickte sie und kuschelte sich tiefer in den alten Sessel. Ihr fielen die Augen zu.
Der Garten hinter dem Haus, wogende Blütenköpfe im Sommerwind. Sie ist ein kleines siebenjähriges Mädchen und läuft mit ausgebreiteten Armen laut lachend auf ihre Großmutter zu. Der eben noch blaue Himmel verdüstert sich, dunkelviolette Wolkenberge ziehen auf. Es ist kalt, sie zittert und fühlt: Angst, eine furchtbare, panische Angst.
Schreiend und mit klopfendem Herzen fuhr Rose aus dem Schlaf. Was war das für ein schrecklicher Traum? Sie verstand es nicht, sie hatte das Haus und den Garten in Holymoor geliebt, da war nichts, was ihr Angst einflößte. Merkwürdig, irgendetwas ging da vor sich. Das spürte sie deutlich.
Am nächsten Morgen, beim ersten Kaffee in der kleinen Abteilungsküche berichtete sie Kelly aufgeregt von dem Brief. »Verrückt, meinst du, irgendwer spielt dir einen bösen Streich?«, erwiderte diese mit zusammengekniffenen Augen. Rose starrte nachdenklich aus dem Fenster. »Wer sollte das tun und wer kennt noch meine Oma Louise? Als sie starb, war ich ein Kind.« Kelly zog die Augenbrauen hoch, »Ja eben, das meine ich doch. Sie schreibt dir einen Brief, wohl wissend, dass du – als Kind – gar nicht hättest hinkommen können, zumindest nicht ohne Hilfe. So etwas schreibt man an Erwachsene. Und sollte dieser Brief tatsächlich echt sein, wo war er denn dann bitte die ganzen Jahre?« Rose starrte blass aus dem Fenster, »Diese Fragen habe ich mir auch schon hundertfach gestellt. Aber ich muss dorthin, irgendetwas geht da vor, was ich wissen will.«
Weit weg vom Büro und der Geschäftswelt einer großen Stadt saßen ein junger und ein alter Mann in einer kleinen Küche. Ian nahm die Briefträgermütze vom Kopf. »Wir haben jetzt wirklich unser Möglichstes getan, um Rose hierher zu holen. Weiß der Teufel, was sich die alte Frau dabei gedacht hat, den Brief jetzt erst verschicken zu lassen. Alles Weitere kann nur noch das Schicksal entscheiden.« Henry, der alte Mann, der Ian gegenübersaß, nickte wissend und mit einem kleinen Lächeln im Gesicht, »Du wirst sehen mein Junge, wir werden es schaffen und das Schicksal wird uns diesmal wohlgesonnen sein. Das Erscheinen der Raben ist ein gutes Zeichen und wir sollten ihren Ratschlägen vertrauen.«
Rose konnte ihre Neugierde mittlerweile kaum noch zu bändigen, und so fuhr sie mit Kelly ein paar Tage später nach Holymoor. Es war alles so, wie Rose es in Erinnerung hatte, der Ort war klein und verträumt, inmitten des Hochmoores und dunklen Wäldern. Der große Uhrturm der alten Kirche prägte das Stadtbild ebenso wie der kleine Bach, der mitten durch Holymoor führte. Der Verwalter, den Roses Mutter eingesetzt hatte, war ein Segen. Das Haus war in einem gepflegten Zustand. In den Zimmern standen die Möbel, wie zu Großmutters Zeiten, nur dass alles mit weißen Tüchern gegen den Staub abgedeckt worden war. Der Vorgarten und der kleine Garten hinter der Küche waren natürlich in einem schrecklichen Zustand, aber mit ein wenig Mühe blühten hier im nächsten Frühjahr die ersten Blumen. Rose stand glücklich und mit feuchten Augen in der Küche. »Schau mal Kelly, hier gibt es noch den alten Kohleofen und den Spülstein«, rief sie begeistert. Kellys Kopf erschien hinter einer groben Holztür. »Vergiss die Küche, die Speisekammer ist das Größte, hier gibt’s massenweise Getränke.« Sie kniff das linke Auge zu und grinste. »Ach Rose, ich kann dich verstehen, es ist wunderschön hier.«
Auf dem Rückweg diskutierten die beiden lange und heftig mit einander. Rose überlegte laut, sich eine Auszeit von der Stadt, dem ungeliebten Job und der jetzigen Gegenwart zu gönnen. Ihre Großmutter hatte ihr neben dem kleinen Haus ein wenig Barvermögen vermacht, welches, ebenso wie das Haus, seit deren Tod nicht beachtet wurde und auf der Bank vor sich hin schmorte. Kelly drehte den Kopf in Roses Richtung, »Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Du hast alles, was du brauchst. Was du bekommst oder dich erwartet, weißt du nicht. Das ist eine Schwärmerei, Punkt!« »Vielleicht«, entgegnete Rose,» aber für mich fühlt es sich richtig an. Ich habe ja auch nicht gesagt, gleich morgen früh alle Zelte abzubrechen. Aber irgendwann mache ich es, schon allein, um herauszufinden, was meine Großmutter oder wer auch immer mit ›ich brauche Hilfe‹ meinte.« Kelly seufzte tief auf, »Aber ich werde dich verlieren und vermissen.« Rose drehte sich so plötzlich um und umarmte die Freundin, dass die das Steuerrad verriss und ein paar Sekunden brauchte, um den Wagen wieder gerade auf der Straße zu halten. Sie lachten und weinten gleichzeitig und ahnten, dass sich demnächst ganz viel ändern würde.
Rose handelte so bestimmt und nüchtern, wie noch nie. Sie plante und organisierte ein neues Leben. Der Herbst zog sich schmutziggrau durch die Großstadt und letztlich machte Rose mit der Kündigung bei Jacobsons den letzten Schritt in die neue Richtung. Sie verbrachte mit Kelly die nächsten Wochen damit, ihre Wohnung auf- und auszuräumen und nach und nach ihr altes Leben aufzulösen.
Es war Anfang März des neuen Jahres und der letzte gemeinsame Abend. Rose und Kelly saßen in dem leeren Wohnzimmer, zwischen sich eine Flasche Wein, zwei Gläser und viele Kerzen. Die Wohnung war ab nächster Woche neu vermietet und Roses wenige Möbel sowie die restlichen Sachen standen längst bei der Spedition und warteten auf den Umzug. Kelly starrte nachdenklich in ihr Weinglas. »Ich werde dich furchtbar vermissen, liebste Rosie. Mit wem soll ich mich denn jetzt gegen Jacobson verbünden?« »Ach Kelly, du bekommst einen neuen Kollegen und ich bin ja nicht aus der Welt. Sobald ich mich dort in dem kleinen Nest eingerichtet habe«, Rose zwinkerte ihrer Freundin mit einem schiefen Lächeln zu, »kommst du vorbei und wir drehen das langweilige Städtchen auf links.« Es war ein tröstlicher Gedanke, aber beiden war auch klar, dass nichts mehr so sein würde, wie es mal war. Und die Zukunft sollte noch viele weitere Überraschungen für sie bereit halten.
Kelly blieb bis zum Morgen, brachte Rose dann zum Bahnhof und half ihr mit dem Gepäck in den Zug. »Bitte melde dich, wenn du angekommen bist, schreib, wie es dir dort ergeht und vergiss mich nicht.« Rose sah aus dem fahrenden Zug zu ihrer Freundin, die mit einem Taschentuch winkte und schnell kleiner wurde. Rose nahm Kelly nur noch verschwommen wahr und die Tränen, die sie bis eben tapfer zurückgehalten hatten, kullerten wie winzige Perlen aus ihren Augen.
Rose hatte ein leeres Abteil erwischt. Sie starrte lange aus dem Fenster und dachte über das Leben nach, was sie hinter sich ließ, aber auch über die Ungewissheit, die sie erwartete. Sie kramte in ihrer Tasche und beförderte den kleinen Stapel ihrer Lieblingsbücher ans Licht, welche sie auf ihrer Reise in das neue Leben unbedingt dabei haben wollte. Aus dem Buch, was sie im Moment las, stach das Foto von dem kleinen Gärtchen als Lesezeichen zwischen den Seiten hervor. Ihre Gedanken schweiften ständig von der Geschichte ab, weil ihr Blick auf die kunterbunten Blumenbeete fiel.
Die Abteiltür wurde energisch aufgezogen und es erschien eine Frau in einem mauvefarbenen Kostüm. Neben dem übermäßig geschminkten, fast puppenhaft wirkenden Gesicht, umrahmt von furchtbar blondierten Haaren, registrierte Rose ein aufdringliches Parfum. »Hier ist sicher noch ein Platz frei für mich und meine Schätzchen.« Mit diesen Worten ließ sie sich auf den freien Fensterplatz, Rose gegenüber, fallen. Hinter ihr schnaufte der Schaffner, beladen mit einem großen Gepäckstück und einem Reisekäfig, in dem fünf junge hellgraue Katzen lagen. »Stellen Sie den Käfig auf den Platz neben mich. Aber seien Sie doch bitte vorsichtig! Die Kleinen sind sehr empfindlich. Den Koffer können Sie in die Gepäckablage schieben«, wies die Dame ihn barsch an. Rose hatte dem Geschehen stumm zugeschaut – ihr Gehirn arbeitete fieberhaft – woher kamen ihr diese Katzen bloß so bekannt vor? Die lila Dame, wie Rose sie für sich sofort bezeichnete, sah ihr abschätzend ins Gesicht, »Guten Morgen!« Rose zuckte zusammen. »Äh, ja, guten Morgen«, erwiderte sie, aus dem Gedanken gerissen. »Entschuldigung, aber ich muss ein wenig eingedöst sein«. Die beiden Frauen musterten sich einen Augenblick. »Sie haben wenig Gepäck. Wochenendausflug?«, ließ sich die lila Dame vernehmen. Rose grinste verlegen, »Nein, nein, einen Großteil meines Gepäcks habe ich bereits vorab verschickt. Ich habe ein kleines Haus mit Garten geerbt und werde dort zukünftig wohnen.« »Oh«, kam es aus dem geschminkten Gesicht, »das hört sich nett an. Wo steht denn das kleine Haus mit Garten, wenn man mal fragen darf?« Die lila Dame beugte sich vor, als könne sie Rose besser verstehen. »Och, es ist ein kleiner Ort, sehr ländlich gelegen: Holymoor. Die wenigsten kennen es«, gab Rose zurück. »Holymoor«, sagte die lila Dame und dehnte das Wort in die Länge, »doch, ich kenne diesen Ort. Ich kannte dort mal jemanden, es ist recht, äh, hübsch dort. Ziehen Sie ganz alleine dahin, also ich meine, gibt es keinen Mann, Freund oder Familie?« »Nein«, Rose straffte die Schultern, »Warum?« »Entschuldigen Sie, ich wollte nicht indiskret sein«, die lila Dame hob abwehrend beide Hände, »Manchmal geht meine Neugierde mit mir durch.« »Und Sie«, fragte Rose nun ihrerseits interessiert zurück, »Sie reisen mit ihren Katzen?« Die lila Dame tätschelte den Käfig, »Ich züchte Katzen. Es ist eine recht seltene Rasse mit einem interessanten Farbeinschlag, finden Sie nicht?«, fragte sie und wies dabei auf den Käfig. Rose sah genauer hin. In der Tat, die Tiere hatten hellgraue, seidenweiche Felle, welche dezent fliederfarben schimmerten. An was erinnerten sie die Kätzchen nur? Fast wie bei einem Diaprojektor, dessen Zugabeschlitten verhakt war, konnte dieses Bild nicht in ihr Bewusstsein dringen. Aber sie kam nicht groß zum Nachdenken, die lila Dame redete weiter drauf los: »Außerdem sind es sehr gelehrige und wunderschöne Tiere. Wir kommen gerade von einem Auftrag, Entschuldigung, ich meinte natürlich Auftritt«, kamen die Worte wie ein Staccato aus dem Mund der lila Dame. »Oh«, sagte Rose, »führen die Kleinen Kunststückchen vor?« »Natürlich nicht!«, gab die Frau fast ein wenig beleidigt zurück, »Ausstellungen, Messen und so weiter, Sie verstehen?« Rose hatte einiges über diese Katzenausstellungen und sogenannten Verkaufsschauen gehört. Ihr gefiel es nicht, Tiere so herzurichten, quasi in eine Form zu pressen, dass sie bei der gut zahlenden Kundschaft Beifall fanden. »Das muss ziemlich anstrengend für die Tiere sein«, erwiderte sie daher. »Oh nein, wir haben unseren Spaß daran, nicht wahr?« Bei diesen Worten lächelte die lila Dame in den Käfig, ihre entblößten Zähne ließen das Lächeln dennoch eher bösartig scheinen. Die Tiere lagen dicht beieinander und rührten sich nicht. »Sie sagten, Sie haben geerbt. Erzählen Sie mir ein wenig darüber«, wechselte die Frau schnell das Thema. »Och, es ist wie gesagt, ein altes Haus mit ein wenig Grundstück drum herum. Meine Großmutter, sie ist bereits vor ein paar Jahren verstorben, hat es mir vererbt.« Diesen Satz murmelte Rose mehr zu sich selbst und starrte in ihr Buch auf das Foto mit dem Garten. »Sie sind die Enkeltochter von Louise?«, bohrte ihr Gegenüber weiter. »J-ja«, stotterte Rose, die diese Fragen irritierten, »Sie kannten meine Großmutter?« »Ich sagte ja bereits, dass ich Holymoor kenne und ihre Großmutter kannte dort ja jeder.« Die lila Dame musterte sie abschätzend und kramte auf einmal geschäftig in ihrer Reisetasche. »Was halten Sie von einem Schluck warmen Tee? Bei diesem Wetter«, sie sah nach draußen, »ist ein Tässchen Tee eine wahre Wohltat.« Sie beförderte eine Isolierkanne und zwei kleine Becher zutage und goss, ohne Roses Antwort abzuwarten, ein. »Lavendel, Kornblumen und Holunder, eine sehr schöne Mischung.« Der Tee duftete eigenartig. Rose bedankte sich trotzdem und probierte die heiße Flüssigkeit in vorsichtigen Schlucken. In ihrem Körper breitete sich urplötzlich eine wohlige Wärme aus und sie fühlte sich mit einem Mal furchtbar müde. Sie sank immer tiefer in ihren Sitz, während ihr die Augen zufielen.
Wieder der kleine Garten. Sie ist kein Kind mehr und der Himmel ist diesmal längst tief violett verfärbt, dunkle Gewitterwolken ballen sich zusammen. Ein kühler Wind lässt die Blütenköpfe hin und her wiegen. Der Himmel ist jetzt fast schwarz und alles scheint auf sie zuzukommen und wie eine Gefangene einzukesseln. Aus den Gebüschen funkeln ihr leuchtend grüne Augen entgegen. Sie hört Knurren und Fauchen und wieder ist es eine kalte Angst, die ihr die Luftnimmt. Ein gellender Schrei!
Warsie das?
»Hallo Miss, nächste Station: Holymoor. Wollten Sie nicht hier aussteigen?« Der Schaffner berührte sie leicht am Oberarm. Rose blinzelte verwirrt, sie war tief eingeschlafen.» Was? Wie spät ist es? Wann sind wir da?«, fragte sie. Der Schaffner tätschelte ihr beruhigend den Arm. »Keine Angst, wir haben noch zehn Minuten. Sie können sich also noch genügend Zeit lassen.« Damit verließ er das Abteil. Rose schaute sich um, sie war allein. Die lila Dame, der Katzenkäfig, das Gepäck, alles war verschwunden, selbst der Teebecher. Hatte sie die Begegnung nur geträumt? Das war nicht möglich. Es schwang immer noch ein leichter Hauch des aufdringlichen Parfums durch das Abteil. Woher kannte diese Frau ihre Großmutter, ja sogar deren Namen? Und der Alptraum? Sie spürte nach wie vor die Kälteschauer, welche ihr über den Rücken huschten. Sie raffte eilig ihre Sachen zusammen und packte die Bücher in die Tasche. Dass die Fotografie mit dem kleinen Garten nicht mehr in dem Buch steckte, bemerkte Rose nicht. Durch das Abteilfenster sah sie schon die ersten Gehöfte und Häuser. Ein Straßenzug schlängelte sich vorbei und endlich hielt der Zug in diesem winzigen Bahnhof von Holymoor. Über dem Bahnhofsschild hing eine Art Wappen: Drei Raben, die auf einem Ast sitzen, vor einem dunkelbraunen Hintergrund. Der Schaffner, der neben ihr auf dem Bahnsteig stand, bemerkte ihren Blick. »Das ist das ehemalige Stadtwappen, als Holymoor noch als Stadt bezeichnet werden konnte«, setzte er mit einem spitzbübischen Grinsen hinzu. »Raben sind sozusagen die Glücksbringer. Warum, habe ich mir nie merken können.« Rose lächelte ihn an, »Danke für die kleine Heimatkunde.« »Oh, immer wieder gern«, lachte der Mann freundlich, »Leider weiß ich nicht so furchtbar viel über Holymoor, aber wenn es Sie wirklich interessiert, dann wenden Sie sich doch an meine Cousine, Florence Crane. Sie leitet die Bibliothek hier und beschäftigt sich nebenher mit der Geschichte dieses Ortes. Mein Name ist übrigens George Wilson. Wenn Sie Hilfe benötigen, kommen Sie zum Bahnhof. Ich bin fast jeden Tag um diese Zeit mit dem Zug hier.« Sprachs, stieg wieder ein und blies in seine Trillerpfeife, worauf sich der Zug in Bewegung setzte. Mit einem freundlichen Kopfnicken schloss er die Abteiltür.
Rose blieb unschlüssig stehen und starrte dem Zug hinterher. Der Wind blies pfeifend über den Bahnsteig, aber wenigstens regnete es hier nicht. Sie schlug den Kragen ihrer Jacke hoch und machte sich entschlossen auf den Weg. Auf dem Bahnhofsvorplatz schrumpften kleine schmutzige Schneehäufchen vom letzten Wintereinbruch vor sich hin. Geradeaus führte eine Straße direkt zu dem kleinen Kanal, der die Stadt teilte. Einzelne Leute eilten mit Schirmen oder tief in die Gesichter gezogenen Mützen an Rose vorbei. Entlang des Wasserlaufs standen die niedrigen Kanalhäuser und kurz vor der Brücke, die über den schmalen Flusslauf führte, war der Pub "Zum schwarzen Raben". Auf der anderen Seite des Kanals sah sie die Umrisse der kleinen Geschäfte: Der Bäcker und der Metzger, daneben der Krämerladen, der seine Waren in Regalen und Kisten bis auf den Bürgersteig hinaus präsentierte, die Post mit dem obligatorischen roten Briefkasten und der Telefonzelle sowie ein winziges Blumengeschäft. Wie oft hatte sie ihre Großmutter zum Einkaufen begleitet. Rose fuhr ein kleiner Stich durch die Magengrube. Nachdem Rose die Brücke überquert hatte, stand sie fast vor der alten Stadtkirche mit dem imposanten Kirchturm und der Turmuhr. Trotz des kalten Wetters lag eine Atmosphäre von Wärme und Geborgenheit über der Stadt. Rose wusste, dass sie sich hier wohlfühlen würde.
Vor der alten Kirche gab es einen freien Platz mit zwei stattlichen Linden darauf. Unter den Bäumen waren Bänke, die an sonnigen Tagen sicher zum Verweilen einluden. Ringsherum reihten sich die Häuser wie an einer Perlenkette auf. Hinter der Kirche, das wusste Rose, erstreckte sich der Friedhof, der wiederum an einen großzügigen Park grenzte. Ebenso wie das Rathaus, welches sich neben dem Kirchengebäude befand. Ein Schild wies auf die örtliche Bibliothek im Rathausgebäude hin. Hier würde Rose in den nächsten Tagen unbedingt reinschauen. Nach dem, was sie über Holymoor wusste, war sie nun auf die Geschichten von dieser Florence Crane gespannt.
Hinter dem Kirchplatz wurde die Bebauung weniger dicht; die einzelnen Häuser waren von Gärten umrahmt, welche jedoch in dem noch nicht begonnenen Frühling farblos und trist erschienen. Da war es: Nr.63! Rose blieb einen Augenblick vor dem Haus stehen und genoss den Moment: Das war ihr Haus. Zwei Etagen in viktorianischem Schick, ein kleiner hölzerner Windfang über der Eingangstür und der winzige eingezäunte Vorgarten, der in den letzten Jahren wenig Liebe und Pflege erfahren hatte. Die Gardinen hinter den niedrigen Fenstern ließen keinen Blick ins Innere zu und den Schornstein, da war sich Rose sicher, würde sie gleich mit einem wärmenden Kaminfeuer zum Leben erwecken.
Als die knarrende Eingangstür aufschwang, flogen einzelne Blätter mit in den Raum. Es roch muffig in dem dunklen Flur, als wäre die Luft hier seit Jahrzehnten eingesperrt gewesen. Das winzige Flurfenster an der Treppe ließ wenig graues Tageslicht rein, aber es reichte aus, um den Raum nicht komplett lichtlos erscheinen zu lassen. Rose tastete nach dem Lichtschalter, die Flurlampe warf jedoch nur ein mattes staubiges Licht in den Raum. Sie ließ ihre Tasche fallen und sah sich um. Links neben der Eingangstür führte eine Treppe in die erste Etage. Rose stieß die Tür zu ihrer Rechten auf: Großmutters Arbeitszimmer. Wie schon in den anderen Räumen waren sämtliche Möbel mit Leinentüchern abgedeckt, welche sie vorsichtig herunterzog. Eine Staubwolke wirbelte durch den Raum und brach sich in dem matten hereinscheinenden Tageslicht. In einer Ecke des Raumes entdeckte Rose einen Sekretär und vor dem Fenster stand ein kleines Tischchen mit zwei bequemen Stühlen. Sie verließ das Zimmer und ging weiter den Flur entlang. Am Ende des Flures befand sich die Küche. Auch hier schaffte es das spärliche Tageslicht kaum, dem Raum mehr als Silhouetten zu entlocken. Der klägliche Lichtstrahl traf auf das steinerne Spülbecken. Rose betätigte den Lichtschalter. Die Lampenschale war wie die Flurlampe in einer dicken Staubschicht eingehüllt, sodass nur ein kläglicher Lichtschein entstand.
Neben der Spüle fand sie einen Kerzenleuchter mit einem brauchbaren Kerzenstummel. Sie hatte grundsätzlich in irgendeiner Tasche Streichhölzer, sodass es ihr nicht schwer fiel, die Küche schnell in ein wärmeres Licht zu tauchen. Sie riss sämtliche Leinentücher von den Möbeln, dem Tisch und dem alten Herd und ihr wurde klar, dass es etwas Arbeit brauchte, bis die Räume wieder ihren ursprünglichen Charme hätten.
Mit dem Kerzenleuchter ging sie weiter durch das Haus. Neben der Küche unter der Treppe befand sich die kleine Speisekammer, welche Kelly bereits durchsucht hatte. Im ersten Stock befanden sich Wohn-, Schlaf- und Badezimmer, so wie die kleine Treppe hoch zum Dachboden. Rose betrachtete entzückt die gusseiserne Badewanne mit den Löwenfüßen, die hatte sie als Kind schon geliebt und sich vorgestellt, dass es ein verzauberter Löwe sei, der jetzt ewig in einem Badezimmer stehen musste. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich bereits darin mit viel duftendem Schaum liegen.
Jedes Zimmer verfügte über einen Kamin. Jetzt erst stellte Rose fest, dass sie fröstelte und die Luft im Haus kühl und feucht war. Sie ging wieder runter und hoffte, irgendwo etwas Feuerholz zu finden.
Hinter dem Haus in dem kleinen Garten gab es einen ordentlich aufgestapelten Berg Holz sowie einen Weidenkorb davor. Dafür hatte der Verwalter gesorgt. Als Erstes befeuerte sie den alten Herd in der Küche und anschließend den Kamin im Schlafzimmer. Das Holz war erstaunlich trocken und so knisterte es bald behaglich sowohl im Ofen als in dem Kamin.