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Die Geschichten einer alten Dame sind keine Erfindungen, ein alter Stadtstreicher ist nicht der, für den er sich ausgibt, und die alte Holzschatulle, welche im Netz eines norwegischen Fischers landet, bringt Maj und Bo zurück nach Eisland. Alles hängt miteinander zusammen und endet dort, wo es angefangen hat: In dem Haus mit den bunten Augen. Der Glühwürmchenexpress erscheint nur Menschen, die an einem Samstag geboren wurden. Nur ihnen ist es erlaubt, durch Zeit und Raum zu reisen und aus jeder Generation wählen die Glühwürmchen ihre Königin. Was aber passiert, wenn die Königin unvorsichtig wird, der Schlüssel in die falschen Hände gerät, es dunkle Gestalten aus einer fernen Vergangenheit bis in die Gegenwart schaffen und Kinder in einem Wikingerdorf vor 2000 Jahren verloren gehen. Nur einer der mächtigsten Götter der nordischen Mythologie kann die Weltordnung wieder herstellen.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Anna Hasenfuss
Für meinen Vater
Ich liebe und vermisse Dich – bis zum Mond und wieder zurück.
Die Geschichten einer alten Dame sind keine Erfindungen, ein alter Stadtstreicher ist nicht der, für den er sich ausgibt, und die alte Holzschatulle, welche im Netz eines norwegischen Fischers landet, bringt Maj und Bo zurück nach Eisland.
Fasziniert betrachtet Bo die rätselhaften Gegenstände in dem Holzkästchen, welches der alte Seemann aus dem Meer vor Tromsø gefischt hat. Alles scheint mit ihm zusammenzuhängen und ihn zurück nach Stockholm, zu dem Haus mit den bunten Augen zu locken.
Die Welt dort hat sich kaum verändert, selbst Melker der alte Stadtstreicher ist noch da. Aber auch nach all der Zeit lauert etwas in den Schatten eines düsteren Kellers.
Maj und Bo reisen ein zweites Mal nach Eisland, um die Dinge, die Alices Geschichten damals auslösten, zu ordnen.
Alles hängt miteinander zusammen und endet dort, wo es angefangen hat: In dem Haus mit den bunten Augen.
Maj schlenderte durch die frühsommerliche Stadt und hielt ihre Nase den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Ihr Ziel war das Haus mit den bunten Augen, eines der schönsten Gebäude in der Stockholmer Altstadt. Seinen Namen hatte es wegen der beiden großen Mosaikfenster im dritten Stock bekommen, so dass man das Haus schon von weitem erkannte.Im Erdgeschoss gab es eine kleine Buchhandlung, vor deren Eingangstür sie inzwischen stand. Sie schob den geschwungenen Schlüssel in das Türschloss. „Guten Morgen, Melker“, begrüßte sie die zusammengekauerte Gestalt neben der Tür. Das leise Gegrummel aus dem Haufen Lumpen wurde von dem hellen Klang der Türglöckchen übertönt. „Guten Morgen, Großmutter“, Maj strich liebevoll über die gerahmte Fotografie eineralten Dame, die freundlich lächelnd in einem Ohrensessel saß. Alice, Majs Großmutter, hatte die Buchhandlung vor vielen Jahren eröffnet. Damals, wie heute, bestand das Angebot aus Reiseliteratur: Reiseführern, Bildbänden, Romanen und diversen Ratgebern. Maj hatte den kleinen Laden nach dem Tod ihrer Großmutter übernommen, doch Alices fröhlicher Geist wehte immer noch durch die Räume.
Die großen Fenster ließen helles Sonnenlicht herein, während die Ruhe des Morgens langsam in ein geschäftiges Treiben wechselte. Die Türglöckchen kündeten den ersten Kunden an. Maj ließ ihn in Ruhe schauen, während sie den Kaffeeautomaten befüllte und einen Teller Kekse auf den Ladentresen stellte. „Haben Sie auch was über Island?“ Maj eilte zu dem Mann, der sich ein wenig ratlos zwischen den Regalen umsah. Sie zeigte ihm verschiedene Bücher, und kurz darauf verließ er zufrieden und mit einem kleinen Reiseführer in der Hand das Geschäft. In der Tür wäre er fast mit einem in Lumpen gekleideten Mann zusammengestoßen. Scheu linste der Alte den vornehmen Herrn an und schlurfte dann zielstrebig auf den hinteren Ladenteil zu. „Melker“, Maj grinste. „Ein heißer Kaffee wird dir guttun.“ Sie drückte ihm einen Becher mit dampfenden Inhalt in die Hand und deutete auf einen Hocker neben dem Tresen. „Hier! Setz dich!“, befahl sie. „Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages und dazu braucht es Ruhe.“ Sie stellte Melker den Teller mit den Keksen auf das Tischchen und über das runzelige Gesicht des Alten huschte ein glückliches Lächeln. Schweigend genoss er Kaffee und Kekse. Nachdem das letzte Krümelchen von dem Teller verschwunden war, sah er Maj aus seinen erstaunlich stahlblauen Augen an. „Weißt du, immer wenn ich hier bin, ist es ein wenig wie früher.“ Seine Stimme war eine Mischung aus quietschendem Türscharnier und knarzender Holzdiele. „Alice hat mir auch immer Kaffee gemacht und dann haben wir uns kleine Geschichten erzählt.“ Er seufzte, „Tja, damals. Da war es noch nicht so laut hier und die Menschen hatten noch Zeit.“ Maj hatte sich ebenfalls einen Kaffee geholt und sich zu ihm gesetzt. Nachdenklich sah sie ihn an. Melker begleitete sie ihr gesamtes Leben. Er war immer da, in dem Lumpenberg neben der Tür. Großmutter hatte ihn stets mit großem Respekt behandelt und Maj tat es ebenso. Sie liebte den Alten.
Die Türglocke erklang erneut. Maj sah hoch und erkannte Yvar Karlsson. Der Professor für nordische Geschichte war ein langjähriger Stammkunde und kannte sich bestens zwischen den Regalen im Laden aus. Maj winkte daher nur kurz und wandte sich wieder Melker zu. Sie hatte eine kleine Dose mit Keksen gefüllt und gab sie ihm mit einem Augenzwinkern. Blitzschnell verschwand die Dose in einer der unzähligen Taschen des Mantels. Dann richtete sich Melker ächzend auf, grummelte ein „Dankeschön“ und schlurfte nach draußen. Maj lächelte ihm kopfschüttelnd nach und wandte sich ihrem Kunden am Tresen zu. Yvar hatte wie immer einen beträchtlichen Stapel Bücher in ihrem Sortiment gefunden.
Zur selben Zeit, fast 1.500 Kilometer weiter nördlich, saß ein junger Mann an seinem Schreibtisch und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Eines der großen Cargoschiffe war in den frühen Morgenstunden in den Hafen von Tromsø eingelaufen. Die Ladung war längst gelöscht, aber es galt, neue Güter in den Bauch dieses grauen Riesen zu verstauen. Kräne, Stapler und Menschen wuselten in einem scheinbaren Chaos durcheinander, um die enormen Mengen an Containern, Kisten und Waren auf das Schiff zu bugsieren. Bo arbeitete schon seit fünf Jahren in der Logistikzentrale des Hafens. Die Organisation von vielen hundert Menschen und gigantischen Maschinen für den täglichen Warenumschlag faszinierte ihn. Und trotzdem, das spürte er, fehlte ihm ein entscheidendes Detail. Als kleiner Junge hatte Bo die Geschichten der Wikinger, die mutigen blonden Nordmänner, vor denen jeder auf der Welt zitterte, geliebt. Er verschlang alle Bücher über diese Krieger mit ihren Drachenkopfschiffen, und in seinen Träumen durchlebte er so manches Abenteuer in Eisland. Womöglich war es genau das, was ihn damals hierher zog nach Tromsø. Tromsø! Der Name roch doch nach Meer, brausendem Wind und Abenteuer. Die Wirklichkeit war dagegen weniger aufregend. Tägliche Ankunft und Abfahrt der großen Tanker, die Waren umschlugen und weiter in den Norden fuhren und aufgeregte Touristen, die auf dem Zwischenstopp von einem der Postschiffe winkten und fotografierten. Bo seufzte und sein Blick wanderte zu dem kleinen Anhänger, einem Wikingerschiff an einem Lederband, welches an seiner Schreibtischlampe baumelte. Der Schiffsbauch, die Ruderanlage und der Drachenkopf waren aus geschwärztem Silber. Das aufgeblähte Segel bestand aus einem honigfarbenen Bernstein und leuchtete golden, wenn man es in die Sonne hielt. Er hatte keinerlei Erinnerungen daran, von wem oder bei welcher Gelegenheit er ihn geschenkt bekommen hatte. Aber dieser Anhänger war sein ständiger Begleiter. Immer, wenn ihn der Mut verließ oder er schwermütig wurde, nahm er das Schiff in die Hand und drückte es, bis sich der Drachenkopf schmerzhaft in seinen Handballen bohrte. Vorsichtig langte er nach dem Lederband an der Lampe und nahm das kleine Schiff in die Hand. Behutsam strich er über den blanken Bernstein. Wie warm er sich anfühlte.
Das Aufschlagen der Bürotür riss ihn aus den Gedanken. Morten, der Hafenmeister, warf seine Jacke über den Stuhl. Er hatte den ganzen Morgen die Beladung des Tankers beaufsichtigt und war froh, kurz in das warme Büro zu kommen. „Was machst du denn wieder für ein Gesicht?“, fuhr er seinen jungen Kollegen an. „Komm mit vor die Tür. Die klare Seeluft pustet dir schon die trüben Gedanken aus dem Kopf.“ Bo grinste schief. „Nee, lass mal. Ist mir viel zu kalt draußen.“ Morten schüttelte den Kopf: Was für ein Waschlappen. Er griff sich den Becher mit dem heißen Kaffee und stellte sich an das Fenster. Mit zusammengekniffenen Augen überwachte er die weiteren Arbeiten am Pier.
Graue Wolkenberge türmten sich am Himmel, der Wind war frisch und es hatte inzwischen angefangen zu nieseln. Zwei große Containerfrachter waren in der Hafeneinfahrt zu sehen und steuerten auf ihre Liegeplätze zu. Er griff sich das Fernglas vom Schreibtisch. Die Löschung der Tanker dauerte länger als geplant. Abrupt hielt er inne. „Was zum Teufel …“, polterte er los. Bo zuckte zusammen und hatte eine ärgerliche Bemerkung auf der Zunge, als er sah, was Morten aufregte: Ein kleiner Fischkutter zog gemächlich seine Bahnen zwischen den großen Pötten hindurch. Einer der Tanker versuchte ein wahnwitziges Wendemanöver, um den Kahn nicht zu versenken. Das Schiffshorn dröhnte laut. Die Arbeiter, welche mit dem Beladen beschäftigt waren, hatten sich an die freie Hafenkante gestellt, sie schrien und gestikulierten wild. Der Kutter setzte unbeeindruckt seinen Weg fort und steuerte den Platz direkt vor der Hafenzentrale an. Morten war mit zwei Schritten an der Tür und warf sich seine Jacke über. Ein schnelles Kopfnicken bedeutete Bo, ihm zu folgen. Der schnappte sich ebenfalls Jacke und Mütze und lief durch den messerscharfen Wind hinter dem Hafenmeister her.
Der kleine Kutter hatte inzwischen seelenruhig angelegt. „Terje! Spinnst du?“, brüllte Morten den Skipper an, einen Mann von knapp siebzig. Der zog unbeeindruckt an der Pfeife, die in seinem wettergegerbten Gesicht steckte, und sah an Morten vorbei zu Bo, der inzwischen schnaufend neben ihnen stand. „Ich hab da was“, kam es nuschelnd von dem Alten. Umständlich durchsuchte er die Backskiste. Der Hafenmeister raufte sich die Haare. So ein Sturkopf! Und sein junger Kollege? Der staunte mit offenem Mund den Fischkutter an. Terje kam wieder zum Vorschein, in den Händen einen mit schmutzigen Tüchern umwickelten Gegenstand. Er hielt ihn Bo entgegen. „Hier! Hatte ich heute im Netz. Bist doch dieser Wikingertyp.“ Das Tuch löste sich, und ein grob geschnitztes Holzkästchen kam zum Vorschein. Bo nahm es stumm entgegen, besah es von allen Seiten und richtete dann seinen Blick wieder auf Terje. Der hatte inzwischen die Leinen gelöst und schickte sich an zurückzufahren. „Unnützer Plunder, wenn du mich fragst. Wollte ich gleich wieder ins Meer werfen. Aber dann bist du mir eingefallen.“ Er deutete mit der Hand einen kurzen Gruß an und setzte unbeirrt seine Fahrt Richtung Hafenausgang fort. Morten lief an der Hafenkante schimpfend ein paar Meter mit. Bo sah beiden verständnislos hinterher und beeilte sich dann, mit seiner geheimnisvollen Fracht zurück ins warme Büro zu kommen. Behutsam berührte er die raue Oberfläche des Kästchens. Er nahm sich vor, es erst am Abend in seiner Wohnung zu öffnen und die Spannung ein wenig hinauszuzögern.
Bo betrachtete die Schatulle auf seinem Küchentisch. Hatte der alte Seebär recht und es war nur alter Plunder? Mit Glück würde er eine Handvoll Miesmuscheln darin finden. Vorsichtig entriegelte er die winzige Metallspange und der Deckel flog auf. Bos Herz vollführte einen erfreuten Sprung: Keine Muscheln! Als Erstes sprang ihm ein längliches Holzstückchen ins Auge. Bo zog es behutsam aus der Kiste. Er entdeckte merkwürdige Zeichen, welche in das Holz geritzt waren. Es handelte sich um Runen, da war er sich sicher. Bo legte es vorsichtig neben dem Kästchen auf den Tisch. Erneut langte er in die Schatulle und zog einen Lederfetzen hervor. Er war mit einer Zeichnung versehen, womöglich mit Kohle. Bo sah in das präzise gezeichnete Gesicht eines Mannes: wilde Locken, Bart, grimmiger entschlossener Blick. Erschrocken zuckte er zusammen. Da war … das war …, er war sich sicher, diesen Mann zu kennen, aber sein Gehirn weigerte sich, Erinnerungen daran wiederzugeben. Mit klopfendem Herzen entdeckte er den letzten Gegenstand. Er lag auf dem Schatullenboden: ein aus Silberfäden geflochtener Armreif, schmal und winzig, passend für ein Kind.
Grübelnd hockte er vor dem Inhalt der kleinen Schatulle. Erneut betrachtete er das grimmige Gesicht auf dem zweiten Pergament. In seinem Kopf formte sich ein unscharfes Bild von Booten, alten Schiffen und einem Dorf. Immer, wenn die Umrisse des Bildes deutlicher wurden, legte sich ein Schleier über die Erinnerungen. Sein Blick wanderte von der Zeichnung zum Inneren des Kästchens, in dem der Armreif lag und sein Gesicht hellte sich unmerklich auf. Silberreif? – Schmuck? – Mädchen? – Frau? – Maj!
Er griff zum Telefon und während er die Stockholmer Rufnummer wählte, wanderten seine Gedanken weit zurück in die Vergangenheit.
Weit vor dem Schiff tauchte plötzlich ein riesiges Seeungeheuer auf. Es war um ein Vielfaches größer als die Syndke, das wuchtige Drachenboot. Stellan und seine Männer starrten entsetzt auf dieses monströse Tier, welches sich mit großer Geschwindigkeit näherte, um das Schiff zu rammen.“
Maj und Bo hörten der Großmutter mit vor Spannung geröteten Wangen zu. Ihre Geschichten waren derart aufregend und lebendig, als wäre man leibhaftig dabei. Die Kinder schmeckten das Salzwasser auf der Zunge und es war ihnen, als schwanke das Sofa im Takt der Wellen. Sie liebten diese Nachmittage, eingekuschelt in der kleinen Kaminstube, mit Plätzchen und heißer Schokolade.
Alice erklärte den Kindern, dass die Nordmänner gleichermaßen Bauern und geschickte Handwerker waren. Die Stoffe für ihre Kleidung webten und färbten sie selbst. Sie stellten kunstfertige Schmuckstücke für ihre Frauen und fein gearbeitete Fibeln für die mutigen Krieger her. Wikinger waren aber auch für ihre blutrünstigen Raubzüge bekannt und verteidigten nicht unbedingt sanft ihre Dörfer. Die alte Dame lächelte, „Ihr habt doch keine Angst, oder?“ „Aber nein Oma, erzähl weiter!“, drängten die beiden. „Gut, aber vorher werde ich noch ein paar Holzscheite in den Kamin legen, sonst wird es uns gleich so kalt und ungemütlich wie Stellan und seinen Jungs auf dem Meer.“
Und während draußen der Schnee durch den kalten Februartag fiel, kämpften die drei weiter mit den Wikingern und besiegten den sagenhaften Meeresdrachen.
„Oma, du bist die beste Geschichtenerzählerin der Welt“, strahlte Maj sie an und Bo nickte bekräftigend. „Woher kennst du diese vielen Geschichten?“ Alice ließ das Strickzeug sinken und sah den Freund ihrer Enkeltochter ernst an. „Ich war dort und habe es alles selbst erlebt.“ Bo grinste seine Freundin an, „Deine Oma kann gut schwindeln“, und zur Großmutter gewandt, „Das geht doch gar nicht. Omas sind nicht auf Drachenbooten mit Wikingern unterwegs, Rotkäppchen ist nur ein Märchen und niemand war schon einmal beim Weihnachtsmann am Nordpol. Und die Geschichte auf dem Basar in Marrakesch spielte vor …“, Bo verdrehte die Augen, während er nachdachte, „… tausend Jahren?“ Alice bedachte ihn mit einem hintergründigen Blick. „Das mag alles sein, und trotzdem war ich genau dort: auf dem Wikingerschiff, beim Weihnachtsmann, mit Ali Baba am Gewürzstand und was Rotkäppchens Großmutter mir alles so erzählt hat, da sträuben sich mir immer noch die Haare.“ Ein dumpfes Geräusch ließ die drei hochfahren. Irgendetwas hatte die Fensterscheibe getroffen. Bo war aufgestanden und starrte nach draußen. Ein winziger goldener Lichtblitz blendete ihn. Alice hatte ihn vom Fenster weggezogen und sah unterdes ihrerseits suchend ins dunkle Schneegestöber. Auf ihrem Gesicht lag keine Angst, eher eine Spannung, als würde sie auf etwas warten. Sie riss sich aus den Gedanken und wandte sich den Kindern zu. Es wurde Zeit zum Aufbruch. Die beiden sollten nicht zu spät nach Hause kommen.
Auf dem Heimweg diskutierten die Kinder leidenschaftlich, ob die Großmutter sie nur angeschwindelt hatte oder ihre Geschichten der Wahrheit entsprachen, den Lichtblitz hatten sie längst vergessen. „Überleg doch mal. Das geht doch gar nicht. Schon allein aus, ähm, physikalischen Gründen.“ Bo breitete theatralisch die Arme vor seiner Freundin aus. Maj blieb abrupt stehen. „Was weißt du denn über Physik? Meine Oma lügt nicht!“ So stritten die beiden eine kleine Weile, bis sie sich trennten und jedes für sich durch den Schnee in seine Straße stapfte. Maj freute sich schon auf die nächste Märchenstunde am Kamin. Dass ihre Oma niemals die Schauplätze ihrer abenteuerlichen Geschichten besucht hat, war ihr bewusst. Aber Alice besaß einen Laden mit unzähligen Büchern über aufregende exotische Länder. Es war klar, woher sie den Stoff für ihre Abenteuer bekam. Maj war gespannt, ob ihre Großmutter den Faden weiterspinnen würde und sie wieder auf das Drachenboot entführte.
Die Woche verging wie im Flug, und am Samstagmorgen sehnte Maj den späten Nachmittag herbei. Ihre Großmutter hatte Wort gehalten und die beiden Kinder über das Wochenende zu sich eingeladen. Das würde aufregend werden. Große Schneeflocken tanzten vom Himmel, als die beiden Kinder schwatzend und lachend durch die Straßen der alten Stadt schlitterten. Bis kurz vor Alices Haustür lieferten sie sich eine fröhliche Schneeballschlacht und freuten sich auf den prasselnden Kamin. Alices behagliche Wohnung lag im ältesten Teil Stockholms, in der Nähe des Hauses mit den bunten Augen und dem darin befindlichen Buchladen der Großmutter. In der Stube war es wohlig warm, und es roch appetitlich nach Bratäpfeln. Bo lief das Wasser im Mund zusammen. „Zum Glück kannst du auch noch gut kochen.“ Anerkennend stupste er Alice in die Seite. Sie schmunzelte: Bo und sein ewig leerer Magen. „Los, ihr zwei, ab mit euch ins Wohnzimmer! Wir haben heute ein großes Abenteuer vor uns, da sollten wir nicht hungrig sein.“ Nachdem sie den Kindern Bratäpfel und Kakao serviert hatte, setzte sie sich in den großen Ohrensessel neben dem Kamin. „Bitte, erzähl uns von Eisland und Stellan und Rune“, bettelte Bo mit vollem Mund. „Oh nein“, Maj hob ihre kleine Hand, „nicht schon wieder Wikinger. Ich will von Melisande, der schönen Prinzessin hören.“ Alice legte das Strickzeug in den Schoß und schüttelte den Kopf. „Diese Geschichten habt ihr doch schon tausendmal gehört. Ich dachte, wir besuchen heute mal einen neuen Ort.“ Die Kinder sahen sie erwartungsvoll an. „Heute reisen wir nach China, und zwar in die Zeit vor über zweitausend Jahren.“ Sie begann zu erzählen.
„Es begab sich vor mehr als 2.200 Jahren. Da lebte in China ein Kaiser, der hieß Qin Shihuangdi. Ihr müsst wissen, dass die Aufgaben des damaligen Kaisers nicht nur darin bestanden, sein Land zu regieren, er musste auch dafür sorgen, dass für ihn eine prächtige Grabstätte gebaut wurde. Nur so würde sein Name der Nachwelt erhalten bleiben. Das war ausgesprochen wichtig für die Menschen dieser Zeit. Außerdem glaubten sie auch damals schon, dass die Seele nicht starb, sondern ewig existierte. Das bedeutete natürlich, dass man für ein Leben nach dem Tod vorsorgen musste. Man wollte schließlich nicht schlechter dastehen als zu seinen Lebzeiten. Aber das konnten sich natürlich nur ganz reiche Leute leisten, so wie eben der Kaiser. Er ließ ein prächtiges und großes Grabmal bauen. Für die Arbeiten setzte er seine Soldaten ein, von denen er weiß Gott genug hatte. Eines Tages, während Qin Shihuangdi die Baustelle besichtigte, dachte er daran, dass er dort irgendwann völlig allein liegen müsste. Das behagte ihm ganz und gar nicht und so befahl er seinen Leuten, eine Armee aus lebensgroßen Tonsoldaten zu bauen, die ihn in sein jenseitiges Leben begleiten sollten. Qin Shihuangdi war ein äußerst kluger Mann, jedoch auch einer der grausamsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Als einer seiner Arbeiter vor Schwäche umfiel, ließ er ihn kurzerhand in Ton einmauern und hatte so seinen ersten lebensechten Terrakottakrieger.“
Alice seufzte. „Der arme Mensch hat mir so leidgetan und ich hasse Qin Shihuangdi dafür immer noch.“ Bo, der gebannt zugehört hatte, richtete sich ein wenig auf. „Aber Oma, du kanntest ihn doch gar nicht.“ „Oh doch, Bo, ich war ein paar Mal dort und habe mir alles genau angeschaut“, kam es von Alice, eine Spur schärfer als beabsichtigt, zurück.
Qin Shihuangdi war zu niemanden freundlich. Er quälte Männer, Frauen, Kinder und war beim Volk als grausamer Despot gefürchtet. Das hatte zur Folge, dass sich seine Generäle genauso zu ihren Untergebenen verhielten. Einer von ihnen, Liu, ein durchtriebener Geselle, war als Aufseher eingeteilt und knechtete die Soldaten mit grausamem Vergnügen. Er achtete peinlichst genau darauf, selbst nicht zu kurz zu kommen und seine Vorteile daraus zu ziehen. So sparte er an Essens- und Wasserrationen und strich das Geld dafür ein. Seine beiden Helfer, Yuen und Yulin, zwei junge Burschen, spielten die Grausamkeiten gerne mit. Eines Tages erschien ein alter Mann auf der Baustelle. Er brachte seinem Enkel, der dort schuftete, eine Schüssel Reis und eine Flasche Sake. Yuen und Yulin entdeckten ihn bei dem Jungen und schleppten sie zu Liu. Dieser befahl, beide totzuschlagen. In seinem Todeskampf verfluchte der Alte Liu und seine Helfer. Sie sollten dem Kaiser viele hundert Jahre als Terrakottasoldaten dienen. Qin Shihuangdi hingegen bedachte er mit einem ewigen Tod in dem prächtigen Grabmal. Niemals sollte seine Seele in die ewigen Lüfte fliegen dürfen, und die Menschen würden sich nur an einen grausamen Tyrannen erinnern. Liu, Yuen und Yulin lachten und erschlugen die beiden. Anschließend ließen sie sich den Reis und die Sake schmecken. Am nächsten Tag waren die drei wie vom Erdboden verschluckt. Arbeiter entdeckten in einem der fertiggestellten Räume drei Tonfiguren, die ihnen auffallend ähnlich sahen.
Es verging Jahr um Jahr. Die Terrakottaarmee wuchs auf mehr als 8.000 Soldaten und es kam der Tag, an dem Qin Shihuangdi verstarb. Das Volk atmete erleichtert auf und stellte die Arbeiten an dieser gigantischen Grabstätte ein. Doch der Fluch wurde Wirklichkeit: Qins Name verwehte mit den Jahrhunderten und sein Grabmal wurde bis heute nicht geöffnet. Seine Terrakottaarmee hingegen hat die Zeit überdauert. Maj atmete hörbar aus. „Aber Oma, das bedeutet ja, dass der alte Mann ihn tatsächlich verflucht hat. War das ein Zauberer?“ „Nein, mein Kind! Es war ein reines Herz, welches aus tiefster Seele einen ehrlichen Wunsch zum Himmel geschickt hat.“ „Wie sah denn der Kaiser aus?“, wollte Bo wissen. Alice seufzte. Ihre Erinnerung ließ allmählich nach und sie hatte nur eine verschwommene Gestalt in bunten, langen Gewändern vor Augen. Diese Reise nach China lag zu weit zurück. Bo schien nicht zufrieden. „Was ist mit den Terrakottakriegern?“, fragte er. Alice starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Diese Armee würde weitere hundert Jahre bestehen. Es waren ja nur Tonfiguren. „Und Liu, Yuen und Yulin? Was meinst Du, was ist mit denen passiert?“ Die Großmutter lächelte verschmitzt. „Die? Die haben hoffentlich ihre gerechte Strafe bekommen und müssen in alle Ewigkeit als lebende Tote im Terrakottakleid ihr Dasein fristen.“ Sie sah auf ihre Füße, die in buntbestickten Schnabelschuhen steckten. Bo fing ihren Blick auf. „Was hast du eigentlich heute für komische Schuhe an?“ „Ach die“, Alice deutete eine vage Handbewegung an, „das war ein Geschenk einer Palastdienerin. Ich war der Meinung, sie würden gut zu unserer heutigen Geschichte passen. Hübsch, nicht?“ Bo verdrehte die Augen, aber Maj stieß ihn warnend in die Seite. Für Bo war es Schwindelei, für sie waren es fantastische Ausflüge in die Welt der Geschichten. Die Großmutter klatschte urplötzlich in die Hände. „Lasst uns die Zeit nicht lang werden. Wir sollten doch noch auf eine kurze Stunde zu unseren Freunden, den Wikingern, reisen.“ Bo war es recht: Krieger, das Meer, die nordischen Götter, das war seine Welt. Maj schüttelte den Kopf. „Warum erzählst du uns nicht, wie es kommt, dass du das alles schon gesehen und erlebt hast?“ Alice sah ihre Enkeltochter nachdenklich an. „Ich weiß nicht, ob es schon der rechte Zeitpunkt ist.“ Aber die beiden Kinder bettelten so lange, bis die alte Dame seufzend nachgab. Es war mittlerweile später Abend und eine kurze Gutenachtgeschichte würde die beiden schnell und friedlich einschlafen lassen.
Maj und Bo lagen eingekuschelt in dem weichen Federbett und warteten gespannt auf die versprochene Geschichte der Großmutter. Alice setzte sich auf den Rand des Bettes und sah gedankenverloren in die erwartungsvollen Gesichter. Sie war sich nicht sicher, ob dies schon der richtige Zeitpunkt für ihre Geschichte war. Andererseits hatte sie, eingedenk ihres Alters, nicht mehr allzu viele Jahre vor sich. Es war der richtige Zeitpunkt! „Für diese Geschichte muss ich sehr weit in die Vergangenheit zurückgehen und ich hoffe, ihr schlaft mir nicht ein.“ Mit gespielter Entrüstung hob sie mahnend einen Zeigefinger. Die Kinder schüttelten eifrig ihre Köpfe. „Na gut“, sprach sie weiter, „Ich werde euch berichten, wie sich alles zugetragen hat.“ Dann begann Alice zu erzählen und legte damit unwissentlich den Grundstein für ein großes Abenteuer.
Alice wuchs in einem kleinen Dorf weit ab von jeder Stadt, mitten in Schweden auf. Sie war ein aufgewecktes, äußerst wissbegieriges Kind und nutzte jede Gelegenheit zum Lesen. Leicht war es für sie nicht, an Bücher zu kommen. Die Zeit, in der sie aufwuchs, wurde von anderen Regeln beherrscht, als wir es heute kennen. Es wurde nicht gern gesehen, dass Kinder armer Familien Bücher lasen. Ihre Eltern waren arm und es war ohnehin schwer genug, für sie und ihre Geschwister das nötige Schulgeld aufzubringen. Vorgesehen war, Alice nur solange die Schule besuchen zu lassen, bis sie ordentlich lesen, schreiben und rechnen konnte. Danach war es für die Mädchen ihres Standes üblich, auf dem Feld und im Haushalt zu helfen und überdies zu lernen, wie man einen eigenen Hausstand führt. Sie würde heiraten, Kinder bekommen und diese dann ihrerseits auf deren Leben vorbereiten, wie es ihre Eltern gemacht hatten. Alles war vorbestimmt und längst geplant. Zur großen Unzufriedenheit der Eltern zeigte Alice wenig Interesse an Haus- und Handarbeiten. Jede freie Minute verbrachte sie mit Lesen. Der Dorfschullehrer erkannte das früh und lieh ihr heimlich Bücher, deren Geschichten sie verschlang. Alice las Grimms Märchen, die Abenteuer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer und reiste mit Jules Verne zum Mittelpunkt der Erde. Elektrizität war für die Landbevölkerung in dieser Zeit ein großer Luxus, sodass Alice nur bei Tageslicht ihrer Leseleidenschaft nachgehen konnte. Eines Tages fand ihr Vater Bücher hinter dem Holzstapel am Haus. Er wusste von wem sie stammten. Der Lehrer versprach dem Mann hoch und heilig, seiner Tochter keine weiteren Bücher auszuleihen, bedauerte dennoch das vergeudete Talent des Kindes. Er empfand es als Schande, diesen wachen Geist nicht weiter fördern zu dürfen. Er steckte ihr heimlich ein letztes Buch zu, das Grímnismál, in der Hoffnung, das Mädchen würde niemals aufhören zu lesen. Alice versteckte das Buch sorgfältiger als die anderen und hütete es wie ihren Augapfel. Die Verse des Grímnismál entführten sie in das stürmische Reich der nordischen Götter, und Odin nahm sie Seite für Seite mit auf die wundersame Reise auf seinem Pferd Sleipnir und den beiden Raben Hugin und Munin. Dieser kleine Lederband begleitete sie ihr ganzes Leben lang und wurde ein fester Bestandteil ihres Bücherregals.