23,99 €
Eine außergewöhnliche Gang von Kindern aus fünf Frankfurter Familien, die alle ein blaues und ein grünes Auge haben. Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dem Phänomen? Ein gemeinsamer irdischer Vater oder gar die Abstammung aus einer mystischen Verbindung? Man munkelt bereits von einer Epidemie. Aufklärung ist angesagt! Ein Bayern-Urlaub soll zusammenführen und in Freundschaft stark machen gegen Angriffe von außen. Dazugehören, unabhängig von den Machenschaften der Eltern sein, lautet das Motto.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Anhang
Beschreibung
2007
2008
Beratungszeit
Die Konferenz
Das 2. Millennium
2009
Spuknicht-Gottlob-Hotel
Anmerkung zum Code des Lebens
Quellen
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
24
25
26
29
30
31
32
33
34
36
37
38
39
41
42
43
44
45
46
47
49
50
51
52
53
54
55
58
59
60
61
62
63
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
81
82
83
84
86
87
88
89
90
91
92
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
145
146
148
149
150
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
187
188
189
190
191
192
193
194
196
198
199
200
201
202
203
205
206
207
208
209
210
211
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-903579-22-4
ISBN e-book: 978-3-903579-23-1
Lektorat: Dr. Annette Debold
Umschlag- & Innenabbildungen: Cinzia Buß
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Im Jahr 2000 war der Student Abraham Prill Samenspender, um das dürftige Taschengeld aufzubessern. Natürlich hatte er sich nie vorgestellt, welche Folgen das haben könnte, denn in der Zeit vom Studium bis zur beruflichen Laufbahn war er viel unterwegs. Dann geschah doch das Unerwartete, als der Sohn Primus eingeschult wurde. Was passiert, wenn an einem Ort einer von der Vergangenheit eingeholt wird und eiskalt erwischt? Und was, wenn ein verrückter Drache die Schuppen im Spiel hat?
Familie 1: Erika und Abraham Prill mit Primus, Amelia, Andreas, Davida
Familie 2: Dany und Andy Fehrmann mit Elisabeth und Lorenz
Familie 3: Annette und Richard Schmidt mit Lennert, Hilaria, Hiltrud
Familie 4: Maxime Ried mit Alexander
Familie 5: Louise Marie und Joseph Trupp mit Mark und Max
Nichts ist so geheimnisvoll, bange, eigensinnig und unberechenbar wie der Beginn des neuen Jahrtausends. Einfach drachenstark. Das Jahr 2007 hatte schon seltsam begonnen, der Winter war viel zu warm gewesen. Im Zoo von Berlin war ein neuer Star und Liebling unzähliger Fans, Knut, das Eisbärbaby. Über Europa bäumte sich Kyrill, der große Orkan. Am 15. Januar entstand drachenmäßig ein Tiefdruckgebiet über Neufundland und zog in Richtung Osten, am 16. dann wurde die erste Unwetterwarnung veröffentlicht. Dieses Nordatlantiktief aus Neufundland begann wie üblich, sich in Spiralen zu drehen, wanderte fortwährend in Richtung Osten, und manche hätten schwören können, in dem Getümmel von saugender Wolkenmasse einen Elch, einen Löwen und ein Einhorn gesehen zu haben, welche den Orkan vorwärtssteuerten. Sie trieben den Orkan über den Ozean, wo er sich von Wasser satt saugen konnte und an Stärke gewann.
Die europäischen Länderwappentiere spürten eine Unruhe und waren in Alarmbereitschaft, wie immer im Herbst und im Winter. Am 17. Januar brüllte der rot-rosa gekrönte Löwe Spaniens wie ein Donner so gewaltig, dass er bis zum Balkan in Albanien den Adler mit den zwei Köpfen zu Hilfe rief. Der französische Hahn mit dem Kopf einer Ziege meckerte um die Wette, als der gekrönte Löwe zur Seite eilte, da er am nächsten war. Sie kämpften gegen die Eindringlinge aus dem Westen im Sog des Orkans. Die Verbündeten ließen nicht lange auf sich warten, dort konnte man den deutschen Adler, die drei belgischen goldenen Löwen, die dänischen drei blauen gekrönten Löwen und viele mehr erkennen. Das war ein verbissener Kampf bis zum 22. Januar; das Wirken ihrer Krawalle erzeugte orkanartige Böen, bis endlich das atlantische Tief geschwächt verschwand. Auch in Europa wurde der Kampf der Wappentiere beobachtet, aber bei den ganzen Ängsten und Sorgen beachtete man das nicht.
Familie 2. An diesem Nachmittag war das Radio bei den Fehrmanns leise gestellt. Die Schlagzeilen wurden überzogen mit Informationen über den Orkan Kyrill, der über Europa hinwegfegte und zusätzlich am 18. und 19. Januar das öffentliche Leben beeinträchtigte. In weiteren Teilen Europas wütete der Orkan Kyrill mit Windböengeschwindigkeiten bis zu 225 km/h, es gab Schäden in Milliardenhöhe und Tote zu beklagen. Über eine Million Menschen waren ohne Strom. Betriebe, Behörden, Schulen, Universitäten und Kindergärten waren vorzeitig geschlossen. Der Verkehr war zum Teil lahmgelegt und die Flüge gestrichen. In Deutschland saßen 10 000 betroffene Reisende in den Bahnhöfen fest, sodass die stehenden Züge zum Schlafen benutzt wurden. In Berlin-Lichterfelde wurden Autos zerstört. Bei Magdeburg-Ottersleben wurde ein Freileitungsmast umgeknickt. Weiterhin warnten die Mond- und Sonnenfinsternisse vor verheerenden Ereignissen. Ja, wäre der Drache im Schild gewesen, was sonst hätte passieren können, sie wären sicherlich nicht auf die Idee gekommen, Dummheiten zu stiften.
Obwohl Elisabeth aus einer gut betuchten Familie kam, schien sie doch das schwarze Schaf der Familie zu sein, sogar die erste Klasse musste sie wiederholen, so wenig Interesse hatte sie in der Schule gezeigt. Der Vater Andy Fehrmann war Chirurg und die Mutter Krankenschwester. Bei ihnen zu Hause war alles steril, und alles war dort, wohin es gehörte. Die Wände in Weiß spiegelten die Reinheit und Sterilität des Krankenhauses wider mit weitflächigen Räumen und den Duftnoten von Desinfektionsmittel in der Luft. „Aber nicht doch die Schuhe in den Schrank und die Tasse in die Toilette, Elisabeth, was soll das?“, brüllte die Mutter. Heute half Elisabeth der Mutter in der Küche und zerkleinerte die Tomaten. „Elisabeth, dieses Jahr beginnst du die erste Klasse wieder. Ich hoffe, dass du dir Mühe geben wirst.“ „Die Schule ist blöd, die anderen schauen mich so komisch an. Einer hatte gesagt, ich wäre eine alte Frau. Manchmal denke ich, dass ich ein Außerirdischer bin. Bist du sicher, dass ich deine Tochter bin?“ „Elisabeth, das habe ich dir schon tausendmal gesagt. Du hast die Albino-Gene zu jeweils 50 % von mir und deinem Vater geerbt, wenn auch das etwas anders ist.“ „Putzig, Lorenz trifft das nicht.“ „Elisabeth, Schatz, ich habe dir schon tausendmal gesagt, das kommt von der Großmutter.“ „Welcher denn? Wieso kenne ich sie nicht?“, brüllte Elisabeth mit verstauter Wut, und die arme Tomate war zu Pfütze gestampft. „Du machst es mir nicht einfach. Hast du dein Zimmer aufgeräumt? Nimm dir Lorenz zum Vorbild.“ „Ich weiß, ich bin das schwarze Albino-Schaf.“ Sie schwiegen, während Elisabeth weiter schnippelte. Die Mutter hörte auf zu arbeiten, und nachdem sie die Hände getrocknet hatte, nahm sie Elisabeth in die Arme. Die Kleine brach in Tränen aus vor Wut, Frust und dem ungerechten Schicksal. „Ich will nicht das schwarze Schaf sein“, schluchzte sie, „es ist alles so schwer.“
Da die Eltern so oft gleichzeitig ihre Schicht hatten und die Mutter wieder zu spät nach Hause kam, musste dann die Oma für sie einspringen. Daher übernahm die Oma mütterlicherseits die Betreuung der Kinder. Im Trainingsanzug mit dem Stirnband lächelte das Bild der Oma in der Küche von der Wand. Sie wollte gerne vermitteln, dass egal wie, aus welchem Grund auch, sie bereit war, auf dem Sprung vorbeizukommen. Elisabeth, die oft die Bananenschale auf den Boden warf, musste vergnügt lachen, was wenn …? Die arme Bananenschale.
Die Oma war eine eiserne Frau, schließlich hatte sie auch die Tochter zum Studium getrimmt, die am Ende unterbrochen hatte, um lieber Krankenschwester zu werden. Was für eine Anwaltsfamilie seit zwei Generationen reine Verschwendung bedeutete. Elisabeth war eine besondere Art von Albino, außer den weißen Haaren und der sehr empfindlichen hellen Haut wies ihr rechtes Auge schimmerndes schwaches Blau auf, während das linke eher eine grüne Färbung hatte. Ihr Bruder Lorenz kam ganz nach dem Vater mit dunkelblondem Haar und den dunkelbläulichen Augen der Mutter. Wegen ihres weißen Haares, ihres Aussehens und der ständigen Sonnenbrille fühlte sich Elisabeth oft unerwünscht, daher zog sie sich lieber zurück. Zum Verdecken und Schützen ihrer Augen trug sie stets eine Sonnenbrille, wie eine Freundin, sie war immer da, sie gab ihr Sicherheit. Lorenz war penibel wie die Eltern, Elisabeth war zweifellos das Gegenteil. Sie war widerspenstig und vor allem unordentlich. Immer wieder musste die Mutter brüllen: „Wo hast du die Schmutzwäsche hingebracht? Sie ist nicht im Waschraum.“ Und nach langem Suchen war sie doch im Wintergarten. Bei den Hausaufgaben lag sie auf dem Sofa, den Oberkörper darauf gestreckt, den Kopf auf den Boden gerichtet, Fernseher an, selbst beim Malen ging es nicht anders. Sie hielt nicht viel von Ordnung, daher war schmutzige Wäsche im Schrank und die saubere zerstreut überall.
Sonst war sie ein liebes Mädchen und liebte die Oma sehr. Diese war auch diejenige, die sich ihrer angenommen hatte von Anfang an. Bei ihrer Geburt war die Mutter fast durchgedreht vor Enttäuschung und Verzweiflung, als sie das kleine, beinahe durchsichtige Bündel in den zittrigen Händen hielt. Da keiner erklären konnte, wieso ausgerechnet sie einen Albino bekommen musste, war ihr klar, dass jemand anders schuldig sein musste. „Sie haben mein Baby vertauscht“, schrie sie in der Entbindungsstation und nahm sich ein anderes Baby. Was das Pflegepersonal sich nicht gefallen ließ, es gab ein fürchterliches Tauziehen der Rechte wegen. Bei einem Gespräch mit dem Chefarzt ließ sie dann den armen Kerl nicht zu Wort kommen. Sie beteuerte immer wieder das Gleiche: „Sehe ich so hell aus? Also ich bin nicht die Mutter.“ Mit einem Unterton von Belustigung wagte der Arzt zu sagen: „Na ja, vielleicht haben die Schwestern sie zu viel gewaschen. Wenn sie wieder schmutzig ist, wird es anders sein.“ Da knallte sie die Tür zu, voll in Rage, und ging, dabei überrannte sie Andy Fehrmann, damals noch in der Ausbildung; die Unterlagen, die er trug, flogen überall hin und pflasterten den ganzen Flur. Die Schwestern der Station werden den Vorfall nie vergessen haben, das war so einmalig in der gesamten Zeit überhaupt. Bei ausgedehnten Pausen an ruhigen Tagen krümmen sie sich heute noch vor Lachen.
Die Zeit belehrte sie eines Besseren, die Mutter lernte, das Schicksal zu akzeptieren, und mit dem Spruch „Das kommt wohl von der anderen Oma“ war die Sache geklärt. Das sagte sie aus dem Unterbewusstsein heraus, auch wenn es nicht so richtig plausibel war. Elisabeth knuddelte das kleine Knut-Bärchen, ihr wäre eine Aufklärung sehr wichtig gewesen, aber immer wenn sie der Sache auf den Grund gehen wollte, so herrschte große Stille, und sie musste ganz darauf verzichten. Oft musste sie fragen: „Wie viele Omas habe ich eigentlich, Oma?“ „Na ja, mindestens sieben. Eine Kollegin von mir war sehr oft von der Arbeit freigestellt. Sie gab den Tod der Oma an, das wiederholte sie siebenmal. Weil ständig die Chefs gewechselt haben, fiel es keinem auf.“ „Toll, prima, dann habe ich auch sieben Omas.“ „Na ja, Elisabeth, Knut ist ebenfalls weiß, er ist auch etwas Besonderes, wie du, mein Schatz.“
Die Einschulung stand bevor, und alle waren sehr aufgeregt. Auf der Strecke zur Schule gab es Stau. Zu viele Eltern waren unterwegs. Obwohl es kurz vor der Schule eine Extra-Ampel und einen Zebrastreifen mit Schülerlotsen gab, blockierten die fahrenden Eltern die Zugangsstrecke selbst bei Grün. Glücklicher waren die Kinder, die eher mit den Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs waren, sie kamen rechtzeitig in die Klassen.
Bei der neuen Einschulung am Samstag, dem 1. September, mussten alle Klassen die Neulinge willkommen heißen mit Gedichten und Liedern. Das ist eine alte Tradition, mit geschmückten Schultüten, vollgestopft mit Süßigkeiten bis obenhin. Dieses Jahr, 2007, kam Elisabeth in die erste Klasse der Lehrerin Aurora, der auch Schmidt Lennert zugeteilt wurde. Während die meisten Kinder sich freuten, mit der Kindergartengruppe mehr oder weniger zusammenzubleiben, mussten sich andere, die bei der Anmeldung nicht früh genug den Wunsch der Gruppenzugehörigkeit angegeben hatten, ihrem Schicksal beugen. Für Lennert war dieser Schnitt in seinem Leben ein Albtraum, er kämpfte gegen die Trennung vom Kindergarten, und vor allem, bei dem, was er über die Schule gehört hatte, war er schon jetzt lustlos, auf keinen Fall wollte er lernen.
Die ersten zwei Tage der Eingewöhnung waren eine Katastrophe. Die armen Mütter der Erstklässler standen vor der Tür versteckt, voll angespannt. Bei einer zweiten Klasse stand auch eine Mutter, sie weinte bitterlich und kaute an den schon längst abgetragenen Möchtegern-Fingernägeln. Lennert aus der ersten Klasse schrie nun die ganze Zeit. „Ich will nicht, ich will nach Hause, Mutter, lass mich nicht hier.“ Die Mutter wurde gebeten, still, versteckt zu bleiben, um ihn nur in äußerstem Verzweiflungsakt zu beruhigen. Kaum war sie draußen, so begann Lennert zu heulen. „Psst, heule leise, Mann“, sagte Leonora, seine Schulbankkollegin. Doch Lennert schrie noch lauter: „Ich will zu meiner Mama.“ Derk von hinten stupste ihn an: „Sei gefälligst ruhig, du störst meine Trauer, Mann.“ Kaum hatte sich Lennert beruhigt, so fing Elisabeth an: „Ich will nach Hause.“ „Elisabeth“, rief die Lehrerin, „du bist doch nicht neu, du wiederholst die erste Klasse, dieses Theater hast du hinter dir.“ Elisabeth schaute ausdruckslos durch ihre Sonnenbrille. Schwieg kurz, vielleicht dachte sie, die Lehrerin hätte recht, und dann doch: „Uah, ich will die Mama.“ Von hinten noch weinte Iris mit dem Kopf auf dem Tisch, weil die Mama-Masche verbraucht war, und rief origineller aus: „Ich will zu meinem Papa.“ „Aber Iris, du hast keinen Vater“, erinnerte die Lehrerin frech. Da wurde ihr Gesichtsausdruck härter. „Hey, Iris, nimm den Hund, den hat keiner berücksichtigt“, flüsterte Klaus neben ihr. „Ich will zu meinem Schlund“, rief sie durcheinander, da Klaus ihr an den Fuß getreten hatte. Ein schallendes Lachen übertönte das Fassungsvermögen des Raumes, und wie ein Trichter überflutete es den weiten Flur so mächtig, so gewaltig, dass sogar der Boden vibrierte. Elisabeth jammerte lauter. „Halte den Rand, du bist schon zu alt dafür“, zischte ihre Tischkameradin. „Erstens, ich bin in der ersten Klasse. Zweitens, ich bin ein Albino, du Unwissender, und gehöre zu einer höheren Rasse.“ „Klar, aus Matsch, ach sorry, vom Mars.“ Die beiden stritten sich, und es kam zu einem Handgemenge. Die Lehrerin, Aurora Heller, war knallrot wie eine reife Tomate geworden, passend zur himmlischen Färbung, grau in grau, sie war an dem Punkt angekommen, wo der letzte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte. Wie soll man sich am besten artikulieren? „Je ne sais pas quoi …“ Sie stützte sich im Flur an der Wand ab. „So, Frau Schmidt, ich denke, für heute reicht es.“ Luft schnappend: „Am Mittwoch versuchen wir es noch mal, immerhin hat Lennert eine ganze Stunde ausgehalten.“
Beim Verlassen des Schulgebäudes sah sich Lennert um. „Süß, Mama, die gute Lehrerin Aurora ist so herrlich rot geworden wie eine Tomate.“ „Du merkst dir aber alles, mein Schatz, in der Tat passt das auch zu ihrem Namen.“ Die Lehrerin hatte mit Entsetzen alles mitbekommen. „Was? Ab mit euch.“ „Die verträgt aber keine Kritik, sehr schlecht“, flüsterte das Duo. Auch Elisabeth musste fort, da sie ebenfalls nur Unruhe stiftete. Im Flur begegnete ihr Lennert und sie streckte ihm die Zunge raus. Wie aus der Pistole geschossen, spuckte er sie an. Nun, jetzt gingen die Mütter aufeinander los. Das Geschrei im Flur war unerträglich, der Direktor bestellte sie alle zu sich. Vor der Tür standen fünf Stühle in einer Reihe, in der Mitte saß eine Lehrerin als Schiedsrichterin. Im Nebenraum war ein Alexander, der in der zweiten Klasse begann als Quereinsteiger, da er für die erste Klasse zu klug war. Alexander weinte nur, als Jüngster in der Klasse fühlte er sich unterlegen, und die anderen heizten noch dazu ein. „Geh doch in den Kindergarten, du Baby“, rief einer. Ein anderer dann: „Du hast dich im Raum verirrt, hier sind nicht die Erstklässler.“ „Wenn man in Tränen zerfließt, dann ist Schlauheit eine matschige Angelegenheit“, äußerte sich ein Witzbold. „Ruhe“, brüllte die Lehrerin.
Alexander verließ das Klassenzimmer fluchtartig, um sich aus dem Gebäude zu entfernen, da war die Mutter schon da. „Wie können Sie nur? Das ist Mobbing. Er braucht die Schule nicht, ich werde ihn weiter selbst unterrichten, Sie werden von mir hören.“ Der Direktor fing sie auf: „Himmel und Granate, Frau Ried, kommen Sie bitte mit“, und bat sie ins Büro. Im Flur warteten auch andere und warfen sich unsichere Blicke zu. Alexander weinte aufgelöst auf der Schulter der Mutter, eine sehr schicke Dame. Ihr Blick allein fauchte die gesamte Einrichtung an; als er dann auf ein Bild mit herrlicher Blumenkomposition fiel, da beruhigte sie sich und spürte, wie der Handgriff Alexanders schön wehtat und sich auch allmählich lockerte. Winzig unter der Vase im Bild war ein Küken mit einem Rattenschwanz abgebildet, da musste sich Frau Ried vor Lachen krümmen, das war so außergewöhnlich krass und laut für so eine schicke Dame, dass die ganze zweite Klasse in den Flur hinausgelaufen war, um zu bestaunen, was dort los war. Da so etwas ansteckend ist, lachte volle Kanne nun die ganze Schule mit. Bis jemand fragte: „Worüber lachen wir eigentlich?“ Von überallher gab es dann nur erhobene Schultern als Antwort. Viele waren dabei in Tränen gebadet, einer hatte schon Bauchschmerzen. Die Lehrerin der zweiten Klasse, Kassandra, schrieb an die Tafel: Ein Gefangener musste hingerichtet werden, da fragte der Richter: „Wenn du die Wahl hättest, woran würdest du lieber sterben?“ Er sagte: „Kitzelt mich zu Tode, dann habe ich zum Lachen bis zum Schluss.“ Damit brachte die Lehrerin Kassandra die Klasse zur Ruhe, da so viel des Guten schlecht ist.
Auf dem Heimweg mussten Lennert und die Mutter die Zwillinge vom Kindergarten abholen. Der Parkplatz war blockiert mit einem Mercedes, auf dem hinteren Fenster prangte ein Aufkleber: „Just the best“ – das Auto gehörte der Maklerin Maxime Ried, der Mutter von Alexander. „So eine Unverschämtheit“, zischte Frau Schmidt, zum Glück war sie zu Fuß. Auf dem Weg schimpfte die Mutter pausenlos: „Ich werde alles dem Vater erzählen, was soll man von uns denken? Dein Vater ist Bauunternehmer, wohlbekannt in der ganzen Gegend, und du wirfst Schande über ihn.“ „Nein, Mutter, am Mittwoch klappt es besser, außerdem, in der zweiten Klasse war es noch chaotischer, wegen eines Jungen, wie hieß er noch?“ „Alexander, dieser Frau Ried werde ich erzählen, was ich davon halte.“ Sie begann, die Mutter von Alexander interessant zu finden; kaum war der Sohn in der Schule, schon war die Frau weltbekannt, was sich auch für ihren Beruf gut auswirkte. Negative Werbung ist auch Werbung. „Das nächste Mal werde ich ein Wort mit dieser Frau wechseln, so geht es wohl nicht, die Schule auf den Kopf zu stellen, weil sie den Bengel nicht unter Kontrolle hat“, wiederholte sie wieder vor Aufregung. Lennert fühlte sich erleichtert. „Siehste, so schlimm bin ich doch nicht.“ Somit hatten die anderen Schuld, und er fühlte sich befreit und gut.
Im Kindergarten angekommen, waren Hilaria und Hiltrud abermals so lebhaft, und schon wieder war die ganze Aufmerksamkeit der Mutter nur auf sie gerichtet. Lennert stolzierte mit dem Schulranzen vor den alten Spielkameraden herum. „Ich bin schon ein großer Junge, schau mal, was alles dadrin ist …“ Die Mutter musste schmunzeln vor so viel Angeberei. Und schon wieder musste Lennert mit anpacken, indem er Hilarias Kinderwagen schieben musste und die Mutter sich liebevoll und zärtlich mit Hiltrud unterhielt. „Mein süßes kleines Mädchen, du bist ja meine allerliebste Tochter.“ „Quatsch, Mutter, ich bin im Doppelpack.“ „Darum“, ihr breites Grinsen sprach Bände.
Beim Abendbrot saß der Vater am Tisch. „Lennert, was ist so schwer daran, sich ein wenig zu beherrschen? Dein Zimmer ist ein einziges Chaos, von deinen Schwestern kannst du dir eine Scheibe abschneiden.“ Er war beschäftigt, den Teebeutel aus der Tasse zu entfernen. Die Zwillinge grinsten ihn so hämisch an. Lennert schlitzte die Augen zu einer dünnen Linie, mit dem Zeigefinger und dem Mittelfinger der rechten Hand berührte er seine Augen, dann zeigte er in Richtung Zwillinge und ballte seine Hand zur Faust, die auf seine linke Handfläche schlug. Der Mutter war das plötzliche Schweigen der Kinder aufgefallen. „Aber, aber, Lennert.“ Er lächelte die Mutter unschuldig an. „Vater, ich versuche es doch, es ist nur so, wenn alles aufgeräumt ist, finde ich mich nicht zurecht. Echt, glaubst du, dass ich dein Sohn bin? Hilaria und Hiltrud sind ganz anders. Woher habe ich ein Auge blau und ein Auge grün?“ „Lennert, das habe ich dir schon tausendmal gesagt.“ „Tausend mal fünf“, mischte sich Hilaria ein. „Sei still, Schatz, ich unterhalte mich mit Lennert.“ Als er sich halbwegs wieder sammeln konnte: „Du weißt das, von deinem Großvater.“ „Warum kenne ich ihn nicht?“ Das war die übliche ewige Frage. „Ist wohl gestorben“, tröstete ihn der Vater. „Wieso soll ich drei Großväter haben?“ „Eben“, sagten alle, und nun war Sense, wie immer. „Wie glaubst du, bin ich Bauunternehmer geworden?“ „Disziplin“, sagten beide.
Die nächsten paar Tage stellten Hilaria und Hiltrud ihren Ordnungswahn zur Schau, sie luden die Waschmaschine sogar mit Geschirr und Schuhen, denn alles musste rein sein. Lennert war ein hübscher Junge, Brillenträger mit dunkelblondem Haar und einem Pony, der ein Auge ständig beschattete. Er befand sich in einer Trotzphase, seine Haare waren schon so lang bis auf die Schultern. In der Klasse wollte einer wissen, ob er ein Mädchen oder ein Junge sei, als er mit seltsamer Kopfverrenkung versuchte, ihm in die Augen zu sehen unter dem Pony. Lennert platzte vor Wut. „Boom“, und der Junge hatte sich so erschreckt, dass er fast auf den Boden gefallen war. Da war ihm so bange.
Lennert (Familie 3) war das älteste Kind von Annette und Richard Schmidt, mit den Zwillingen als Zuwachs war das Familienleben hektischer geworden, für Lennert war es damals der Weltuntergang, nicht nur musste die Mutter durch vier teilen, zusätzlich raubten die süßen Mädchen die ganze Aufmerksamkeit. Von Anfang an waren sie anhänglicher und hungriger nach geistiger Wärme. Und so tröstlich und aufmunternd war es unter der Dusche. Da sang Lennert ganze Operetten als Sopran. Die Mutter war immer verzweifelt. „Um Himmels willen, Lennert, was sollen die anderen denken?“ Die Schwestern lachten sich immer kaputt dabei. „Mutter, Lennert jault schon wieder, er hat wohl Bauchschmerzen“, petzten sie.
Am Mittwoch war wieder Einschulungsstunde. So viele Eltern waren unterwegs zur Schule, auf der Straße herrschte erneut Chaos. Kurz vor der Schule, wo die Ampel und der Zebrastreifen waren, hatten die Schülerlotsen viel Stress. Eine Mutter hupte ungeduldig, vor der Schule kam es zu Rangeleien. Am Eingang vor der Grundschule hing ein Stoppschild: „Ab hier können wir allein, die Kinder.“ Weil das nicht funktionierte, gab es ein zweites fünf Meter weiter. In der Klasse hatte sich Lennert fest vorgenommen, sich zu benehmen, er jammerte vor sich hin, Elisabeth fühlte sich dabei etwas geknirscht: „So ein Friedensstörer“, und sie warf nach ihm mit geballten Blättern. „Sei endlich still, du Memme“, schrie sie. „Aber, aber Elisabeth“, betonte mahnend die Lehrerin, „das letzte Jahr hast du auch den gleichen Zirkus veranstaltet.“ Sie schwieg, innerlich brodelte es. „Und auch wenn“, dachte Elisabeth, „sie muss nicht nachtragend sein. Ich bin ein Kind, das ist mein gutes Recht, kindisch zu sein.“ Durch die dunkle Brille warf sie ihm einen bösen Blick zu, wenn Blicke töten würden. Lennert drehte sich um und streckte Elisabeth die Zunge raus. Er hatte sich ganz fest vorgenommen, sich zu benehmen, aber hinter ihm stöhnte jemand: „Ich will nach Hause.“ Die Lehrerin war verzweifelt, und trotzdem bewahrte sie eiserne Ruhe. „Das wird schon“, hatte sie den verzweifelten Müttern versprochen. Unruhe breitete sich aus, wie ein Donner platzte die Lehrerin drohend: „ABER JETZT REICHT’S.“ Lennert schaute sie verängstigt an, und ihm war zum Weinen zumute. „Weine doch, du Schwächling“, bellte Elisabeth vergnügt. So machte Lennert lieber in die Hose. Die gelbe Brühe rann wie ein Rinnsal, um sich unter den Schuhen zu einem See zu sammeln. Ein stechender Geruch verbreitete sich allmählich in der Luft, aus einer unbekannten Quelle. Lennert war unbehaglich und zunehmend verkrampft. „Du stiehlst mir nicht die Show, ich war zuerst traurig“, raunte Elisabeth. Lennert stand auf und warf mit dem Mäppchen gegen sie, aber traf nicht. Die gelbe Soße hatte sich zu einer Pfütze ausgebreitet, der Gestank war unangenehm und verteilte sich bei dem ganzen Gezappel obendrauf noch in der nächsten Umgebung. Die Lehrerin hatte schon Wind bekommen und ließ das Fenster öffnen. Tobias vom Nachbartisch wollte nur den Radiergummi aufheben, der gefallen war, und dabei rutschte er auf dem Po aus. „Scheiße, wer kippt Fanta auf den Fußboden?“, fauchte Tobias entsetzt, „das tut weh“, und bald verstummte er, als er bemerkte, dass es Urin war. Trotz allem rief Elisabeth wie am Spieß: „Er hat mich mit dem Mäppchen beworfen, ich bin schwer verletzt, das tut so weh.“ „Elisabeth, das ist nicht dein erster Schultag, bitte sei den Neuen ein Vorbild.“ Zum Glück läutete schon die Pause, und alle standen auf. „Lennert, bitte bleibe noch sitzen. Die anderen dürfen gehen.“
Annette Schmidt hatte sich bereits gewundert, als angerufen wurde. In der spielenden Masse von Kindern auf dem Schulhof war Lennert nicht dabei. Als sie sich in die Klasse stürzte, sah sie die Bescherung. Sie beeilten sich, schnell zu reinigen, und dann war die Pause vorüber. Lennert durfte schon nach Hause gehen. „Frau Aurora Heller, ich bin so dankbar, dass Sie Lennert auf diese Art vor dem Gespött bewahrt haben …“ „Ist schon in Ordnung, wir sind alle Kinder gewesen“, sagte sie mit sanfter Stimme, und allmählich begann Lennert, Gefallen an der Lehrerin zu finden. Ja, jeder Anfang ist schwer, und schließlich begann der Schulalltag.
Von da an fing der kalte Krieg an; immer wenn Elisabeth Lennert begegnete, schubste sie ihn weg. „Hau ab, du Memme“, sagte sie dann. Lennert hatte auch eine Rachestrategie; immer wenn sie zu nah kam, trat er ihr auf die Füße, wobei dann Elisabeth schrie: „Pass auf, du Trampel.“ Schließlich hatte Lennert Übung dabei, Mädchen zu ärgern, zu Hause war er der Champ. Egal wie Elisabeth Lennert ärgerte, er reagierte stets mit Besonnenheit. Bei dem ganzen Grämen hatten sie sich nicht mal richtig angesehen. Das geschah nach zwei Wochen in der Pause im Hof. Lennert saß auf der Bank und war dabei, das Pausenbrot zu essen. Der Septembernachmittag war mild und angenehm. Elisabeth sah Lennert allein, wie immer, sie setzte sich daneben; zu Hause hatte es Ärger gegeben, nun suchte sie Trost ausgerechnet bei ihrem Feind. „Darf ich?“ „Ja, bitte.“ „Was hast du heute für ein Pausenbrot?“ „Ich esse am liebsten belegten Toast mit Käse, willst du probieren?“ „Nein, danke, ich habe auch belegten Toast mit Käse, am liebsten esse ich Edamer, er ist so nussig-butterig.“ „Warum machst du mir alles nach?“ „Wie meinst du das?“, bellte Elisabeth entsetzt. „Ich meine, mit der linken Hand zu schreiben.“ „Mann, ich könnte es dich fragen, ich habe das schon getan, bevor du damit begonnen hast.“ Sie schwiegen, dann Lennert: „Ganz schön schräg, die anderen lachen uns aus.“ Dann schauten sie sich zum ersten Mal auf Augenhöhe an. Elisabeth war wie versteinert stehen geblieben, während Lennert neugierig fragte: „Warum trägst du immer eine Sonnenbrille?“ Elisabeth noch sehr beeindruckt: „Ich nehme die Brille runter, wenn du mich nicht ärgerst.“ „O. k.“ So nahm Elisabeth die Brille ab, diesmal war Lennert still und genau wie Elisabeth davor sprachlos, aber positiv überrascht. Das war nur ganz kurz, da Elisabeth vor Scham und Fassungslosigkeit davonrannte.
Die ganze nächste Woche ging Elisabeth Lennert aus dem Weg. Ihre Blicke aber kreuzten sich quer durch das Klassenzimmer, vielsagend und fassungslos. Leonora, die Bankkameradin von Lennert, beklagte sich immer wieder: „Warum schubst du mich an? Wegen dir verschmiere ich alles.“ „Ich kann nichts dafür, ich bin halt Linkshänder“, erwiderte Lennert. Genauso war es mit Elisabeth, eine wahre Qual. Eigentlich war Elisabeth nicht dumm, sie wurde zurückversetzt, weil sie sich geweigert hatte mitzumachen, und deswegen hatte sie keine Fortschritte gemacht. Was Lennert jetzt auch wusste, war, dass sie ebenfalls Linkshänder war und Schwierigkeiten hatte, alles richtig anzupacken. Damit Leonora, die Bankkameradin, Rechtshänderin, nicht ständig auf Kollisionskurs stoßen musste, wurde Lennert zu Elisabeth versetzt. Jetzt konnten sich zwei Linkshänder nicht stören. Ja, sie kämpften beide für die Koordination, was für einen Rechtshänder selbstverständlich war. Von da an suchten sie gegenseitig die Nähe.
Familie 2. Die Mutter von Elisabeth, die Krankenschwester, hatte diese Woche Nachtschicht, so kam die Oma für die Betreuung der Kinder. „Oma, wo sind die Turnschuhe?“ „Aber Ely, auch wenn ich auf einen Sprung komme, muss das nicht immer wörtlich sein.“ Der kleine Lorenz hatte sie angerannt, und kurz verlor sie die Fassung. „Ja, richtig retisch. Nein, Ely, athletisch sein, meinte ich.“ Der kleine Lorenz hing an der Mutter wie eine Klette, für Elisabeth war er ein Schleimer, eigentlich wäre das ihre Rolle gewesen, nun musste sie die große Schwester spielen, lachhaft, aber bei der Oma bekam sie ohnehin mehr Aufmerksamkeit. Verärgert schaute sie nun still zu. Die Mutter herausfordernd: „Ja, Ely, er ist wohl der größte Schleimer.“ Elisabeth fühlte sich nackig, selbst ihre Gedanken konnte die Mutter lesen. „Bin ich so durchsichtig, dass du alles von mir weißt?“ „Oh ja, mein Schatz, ich spüre auch, dass dich etwas betrübt. Ein Freund aus der Schule?“ Später brachte die Oma Lorenz zu Bett und schaute nach Elisabeth. „Was ist, Ely, kannst du nicht schlafen?“ Die Oma umarmte sie und sang ihr Lieblingslied: „Lauf, mein Pferdchen, laufe mit flinken Hufen, denn die Sonne sinkt am Armarfield. Geisterstimme höre ich am Strand sich rufen, Schatten gleiten übers Eis so schnell. Gott beschütz und leite mein Pferdchen, ach, wie lange und schwer wird uns dieser Ritt …“ Die Oma hatte mit Elisabeth eine engere Beziehung als die eigene Mutter. Schon als Säugling musste sie sich um sie kümmern, da die Mutter die Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hatte.
„Oma, in meiner Klasse ist ein Junge, Lennert …“ So sprach sie oft darüber, und allmählich war auch die Oma neugierig, und bald wurde es Gesprächsstoff in der Familie. Elisabeth erzählte nun häufig von Lennert, allmählich gehörte er im geistigen Sinn schon zur Familie. In der Zeichenstunde hatte Leonore einen Strichmenschen gezeichnet, und voller Stolz präsentierte sie ihr Werk dem eingebildeten Lennert: „Schau mal, ist das nicht schön?“ „Was ist das? Das ist nie ein Mensch, das wäre richtig.“ Und er stellte sein Bild zur Schau. Die anderen, die wesentlich schlechter waren, wurden zornig, da sprach einer: „Weißt du, Lennert, wenn du nicht blauäugig sein willst, zeige wenigstens das grüne.“ So hart fand Lennert die Konfrontation, dass er oft zu Hause blieb mit angeblichen Bauchschmerzen. In den Pausen war er häufig mit Elisabeth, sie schien der rettende Engel zu sein, da waren sie entspannt und fröhlich und die Welt in Ordnung. Ihre Eigenschaften waren die bindenden Glieder unter ihnen, sie gaben ihnen Trost und boten Zündstoff für witzige Geschichten, oft lachten sie darüber, sogar über den Satz: „Du bist wie dein Opa. Hast du schon deinen Opa gesehen?“ „Nee.“ „Schade.“ „Was ist, wenn deine Oma meinen Opa kannte?“ Ja, sie machten die wildesten Spekulationen.
Eines Tages gab Elisabeth Lennert eine Einladungskarte für den Zoobesuch mit seiner Familie am Wochenende. Schon am Freitag war Lennert aus dem Häuschen vor Vorfreude. Obwohl sogar am Wochenende Richard Schmidt sehr beschäftigt war, die Geschäftsangelegenheiten zu erledigen, beschloss er doch mitzukommen.
