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Franz DePaula, Pionier im Molkereiwesen am Niederrhein und einer, der im Ersten Weltkrieg die Milchversorgung in Mönchengladbach sicherstellte, musste mit ansehen, wie sein Lebenswerk den Kriegsvorbereitungen im Dritten Reich zum Opfer fiel. Durch die Enteignung und weitere Schicksalsschläge geschwächt, durchlebte Franz DePaula im Traum Szenarien, die ihn überforderten und die der alte Mann nicht überlebte. Franz DePaula war um 1895 aus seiner Heimat Mayrhofen in Tirol aufgebrochen, um in die Neue Welt auszuwandern. Kurz vor seiner letzten Station in Deutschland, dem Bahnhof von Rheydt, sah er Johanna. Johanna ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. In Antwerpen kehrte er um, um Johanna, das holländische Mädchen, wiederzusehen. Mit den Kenntnissen der Milchwirtschaft aus seiner österreichischen Heimat baute der Analphabet ein florierendes Molkereiunternehmen, das der wachsenden Familie sogar 1912 eine Parisreise ermöglichte. Ab hier begegnen wir auch einer Fußballmannschaft, den Freunden seines ältesten Sohnes. So verzahnt sich das Schicksal einer Familie mit dem Schicksal einer Generation. So erleben wir dem Ersten Weltkrieg mit seinem Leid und seinen Toten, die schillernden Nachkriegsjahre, dem tragischen Selbstmord von Dr. Hansen. Dr. Hansen, seinem Geschäftsführer, der ihm das Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Wir hören von den Schwierigkeiten mit dem neuen Geschäftsführer, einem Parteimitglied und einem dieser ehemaligen Fußballspieler. Dann das Jahr 1932, das Jahr, in dem er auch noch seine Frau verlor. Und schließlich 1934, dem Jahr, in dem er die bittere Reise nach Essen zum Gauleiter antreten musste, eine Vorladung, die die Enteignung seines Lebenswerkes bedeutete. Trotzdem lies sich die Familie nicht unterkriegen, dank einer mutigen Reise seiner Tochter Frederike. Aber zu spät für den alten Mann, mit all seiner Lebenserfahrung und all den schönen und schmerzhaften Erinnerungen: dem Licht und dem Schatten.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Wilhelm Wechselberger
Das Reichsnährstandsgesetz
Licht und Schatten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Prolog
Mayrhofen in Tirol
Von Tirol nach Amerika
Der eiserne Rhein
Johanna
Die Straße der Gasthäuser
Die neue Heimat Gladbach
Arsenal und Tottenham
Berlin oder Paris
Das siegreiche Kaiserreich
August 1914
Piet van der Velden
Ein Stürmer gefallen
Die Versorgung einer Großstadt
Die Helden im Mittelfeld
Ein mittelständiger Betrieb
Die goldenen Zwanziger
Dr. Georg Hansen
Hermann Kant
Weshalb Johanna
In memoriam Josef DePaula
Das Reichsnährstandsgesetz
Das Staatsnotwehrgesetz
Der Essener Erlass zur Liquidierung
Der Gauleiter zu Essen
Die erkämpfte Verkehrstrasse
Unheimliche Träume
Der 21. Januar 1948
Impressum neobooks
für Wilhelm
Es war das Jahr 1934, als die Privatmolkerei Franz DePaula im rheinischen Mönchengladbach die volle Wucht eines gerade erst verabschiedeten Gesetzes traf.
Dieses Gesetz, das Reichsnährstandgesetz, das die Unterschrift sowohl des Reichskanzlers als auch des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft trägt, war wenige Monate zuvor am 13. September 1933 verkündet worden.
Jetzt war dieses Gesetz Handhabe und der juristische Rahmen für die Auflösung und Zerstörung der Privatmolkerei des Franz DePaula, einem Betrieb, der im Ersten Weltkrieg am Niederrhein und in seiner Stadt maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Milchversorgung sicherzustellen.
Damals, von 1914 bis 1918, war diese Versorgung gewiss keine leichte Aufgabe gewesen. Für die Beschaffung der Milch war Franz DePaula sehr weite Wege gegangen.
Er hatte Touren organisiert, weit hoch in den Norden hinein, bis zum Reichswald, tief herüber in den Osten, bis weit über das andere Rheinufer hinaus. Und auch jede Möglichkeit im Süden genutzt, ja selbst abgelegene Eifelhöfe wurden regelmäßig angefahren.
Diese ganzen Anstrengungen reichten aber auch nur für die einfachsten Bedürfnisse, wenigstens die kleinen Kinder der Heimatfront wurden dadurch mit dem Allernötigsten versorgt.
Weshalb gab es bereits im Herbst 1933 dieses Gesetz, nach so kurzer Zeit und nur so wenige Monate nach der Machtergreifung?
Das konnte eigentlich nur eines heißen.
Deutschland war bereits mitten in der Kriegsvorbereitung.
Für Franz DePaula war es eine bittere Erkenntnis, aber es war bereits zu spät. Franz sah, dass das Pendel in die falsche Richtung ausgeschlagen hatte.
Auch stand das Unwort Sippenhaft bereits in großen unheimlichen Lettern an der Wand geschrieben.
Sippenhaft, das wird auch die treffen, die dieser verhängnisvollen Pendelrichtung 1934 bereitwillig folgen und auch die, die später dem zynischen Ruf noch folgen werden.
Gibt es ein schöneres Fleckchen auf der Erde als hier oben dieses hintere Zillertal.
Das Tal mit seinen majestätischen Hochgebirgen, seinem Zillergrund, dem Tuxertal und dem Gletscher des Hintertux.
Der Aufstieg von Mayrhofen in die Seitentäler nach Brandberg oder Finkenberg, Orte herzlicher Begegnung.
Die schmalen Stege hinauf in die Regionen des ewigen Schnees, jeder Schritt ein Geschenk der Natur und, oben angekommen, die atemlose Zufriedenheit im Ziel des Gipfels mit der Belohnung eines so grandiosen Panoramablickes.
Es ist ein Flecken, in dem die Naturgewalten und die alles beherrschenden Jahreszeiten ihre erhabene Macht und ihre wilde Schönheit zeigen.
Für Franz DePaula war Mayrhofen Heimat und der bezauberndste Ort, den die Erde je zu bieten hatte.
1890 war die Bergwelt der Alpen und das Zillertal eine arme abgeschiedene Gegend. Nur gefährliche Wege führten hinunter ins Tal und selbst die acht Kilometer nach Zell am Ziller war für den Wanderer eine Tagesreise.
Was halfen da die saftigen Wiesen und die volle Milch der Kühe, wenn die nächsten Märkte so unerreichbar waren.
Wann war er schon mal in Innsbruck gewesen. Gewiss von Jenbach gab es die prächtige Eisenbahn nach Innsbruck. Aber bis Jenbach waren es wohl zwei bis drei Tage einsame Wegstrecke und die Bahnfahrkarte schmälerte den ungewissen Gewinn auf dem Markt in der Großstadt am Inn.
Selbstversorger in dieser Landschaft und zu dieser Zeit, das war ein üppiger Überfluss an Wenigem aber auch ein großer Mangel an so vielen lebensnotwendigen und nützlichen Dingen.
Der Hunger war im Winter ein regelmäßiger Gast und im Sommer gab es zu wenig, um für diese dunkle Zeit vorzusorgen.
So hatte die Tiroler ihre Knaben und Mädchen im Frühjahr dem Pfarrer anvertraut, selbst in der warmen Jahreszeit sparsam gelebt, wenig verbraucht und auf diese Weise so viel wie möglich angesammelt, um im Winter wenigstens halbwegs über die Runden zu kommen.
Auch Franz war mehre Sommer im Württembergischen gewesen.
Das Schlimmste für ihn waren nicht die Schikanen der Bauern oder Handwerker, denen er für ein halbes Jahr zu Diensten stand.
Das unangenehmste und fürchterlichste war die Zurschaustellung im Kindermarkt am Anfang dieser Arbeitsperiode.
Wie eine Ware wurden sie da in Ravensburg begafft, betatscht und begutachtet.
Den jungen Geschöpfen, die doch eigentlich erst vor der Schwelle des Erwachsenseins standen, wurde hier vor Augen geführt, welchen Preis sie für die Schönheit ihrer Heimat zu zahlen hatten.
Zurück im Zillertal war in den Höfen und Gemeinden langsam das Begehren aufgekommen auch eine eigene Eisenbahn zu besitzen, eine Zillertalbahn, die Innsbruck mit Mayrhofen oder zumindest mit Zell am Ziller verbinden sollte.
Auch Franz hatte sich für die Eisenbahn begeistert.
Doch immer wieder gab es Verzögerungen. Wer wollte schon in dieser entlegenen Gegend Kapital investierten und Geld für Lokomotiven, Gleise, Stellwärter, Lokführer und einen Eisenbahndirektor ausgeben.
Noch war die Natur kein mächtiger Verkaufsschlager.
Der Personenverkehr brauchte den Gütertransport, um rentabel arbeiten zu können und das ferne Wien hatte seine Alpenquerung über den Semmering.
Gewiss es gab schon einige Professoren und andere wohlhabende Bewunderer der grandiosen Bergwelt, die im Sommer für einige Tage Quartier im Gasthof nahmen.
Es hätte ein gutes Zubrot gegeben, diese feinen Herrschaften hinauf in die Berge zu führen. Diese Führungen waren aber eher etwas für seinen jüngeren Bruder und für die anderen lustigen Burschen aus dem Tal.
Nein, ein gutes Geschäft war das nicht. Die Akademiker liebten doch zu sehr ihren Komfort und selten kam einer das andere Jahr wieder.
Wer kam, das war eine ganz andere Sorte Mensch. Jung, wild und ausgelassen. Die neue stolze Metropole des nur wenige Jahre alten zentraleuropäischen Welt- und Kaiserreiches hatte sie hierin und bis in die hintersten Winkel der Hochalpen gespült. Wenige nur, aber dafür waren sie um so lauter, so fürchterlich arrogant und so erbärmlich unerfahren.
"Hier bauen wir unsere Streckenspots mit Food Stores und Schlafräumen."
"Flanierstrecken, heute mal nicht unter den Linden in Berlin, sondern heute über die Hauptkämme der Alpen."
Anders als die Professoren und Aristokraten spülten sie ihre Reichsmark über die Tresen, bauten, wie konnte sie auch anders heißen, die Berliner Hütte und rannten die Berge hoch.
Auch in ihrer Verzweiflung wurden sie nicht kleinlaut.
"Ruft das ganze Dorf zusammen, es gibt da einige Probleme mit unseren Kameraden dort oben im Berg."
Natürlich waren die Burschen im Tal erfahren in der Rettung aus dem Hochgebirge. Es war lange Tradition, das Schicksal hatte sich eingespielt. Wo brauche es da noch Worte. Man ging hoch, tat seine Pflicht, brachte den Verletzten zu seiner Familie und ging, so hatte man es immer gehalten, ganz normal weiter zurück zu seinem Tagewerk.
Bei diesen Kronprinzen des reichen Berliner Bürgertums mussten die Regeln natürlich ganz anders lauten.
Geschichte, Ahnen, Tradition, ein persönliches Verhältnis zwischen Opfer und Retter. Äh? Was soll das?
"Wir bezahlen für den Bau der Schutzhütten. Wir bezahlen für Kost, Logis und Wein. Und natürlich bezahlen wir auch für die Tage, an denen wir euch brauchen. "
"Diese Hinterwäldler sind auch noch so undankbar."
Nur widerwillig beteiligte sich Franz an den leider immer wieder zu oft erforderlichen Rettungstouren.
Da half er lieber der Mutter beim Milchvieh und in der Käserei. Ja bei der Almwirtschaft, beim Zusammensein mit Kühen und Schafen, da fühlte er sich zufrieden. Ja, das war seine Welt, die Arbeit mit der Milch, das Buttern und die lange Reifung der Laibe in den sauber aufgestellten Holzregalen im Keller ihres Berghofes.
Der Vater war schon früh gestorben. Franz war noch ein kleiner Bub. Nach einem sehr harten Winter waren die Wege und Verschläge oben in der Bergklamm wieder mal marode und brüchig geworden. Sein Vater hatte die Gruppe angeführt und sie begannen bereits, die Stege neu zu sichern.
Bei diesen Arbeiten war seine Mutter immer schon sehr besorgt und unruhig gewesen.
Zu oft hatte es in der Familie bei dieser gefährlichen Arbeit Unfälle und einmal sogar einen Toten gegeben.
So wurde es zu ihrer Gewohnheit, sich während der ganzen Zeit, in die Gottesecke in der guten Stube zurückzuziehen.
Sie wollte und konnte es nicht mit ansehen, ob und wie ein neues Schicksal die Dorfgemeinschaft traf.
So hatte auch diesmal die Mutter die ganze Zeit kniend vor dem Kreuz gebetet.
Neugierig war sie dann aber doch schon.
Laut rief sie nach Franz, der zusammen mit den anderen Frauen und Jugendlichen von Ende des Dorfweges die Arbeit oben im Berg beobachtete.
"Sind sie bald fertig, haben sie die Obere Zwing schon verbaut?"
Die Obere Zwing war die gefährlichste Stelle, danach dürfte eigentlich nicht Dramatischeres mehr geschehen.
"Ja, sie sind bei der Oberen Zwing durch."
Mehre Male hatte nun schon Franz den letzten Stand der Arbeit berichtet. Immer wieder, der Mutter gehorchend, hatte er die beobachtende und wartende Gruppe verlassen, war dem Ruf der Mutter gefolgt und so schnell, wie er nur laufen konnte, den Dorfweg das eine Mal hinauf, und dann das andere Mal hinab gerannt.
Jetzt war er richtig außer Atem. Bald würden die Männer zurückkommen und die erfolgreiche Tätigkeit mit einem guten Schluck feiern. Franz lief zurück zum Ende des Dorfweges.
Entsetzen hatte sich breitgemacht. Ein falscher Tritt, ein lockeres Stück Fels, ein Steinschlag. Der Vater konnte sich nicht mehr halten, er stürzte in die Tiefe, schlug auf dem harten Berg auf und alle Bemühungen den Vater zu retten, waren vergebens.
Nun waren sie nur noch zu dritt. Franz übernahm die Rolle seines Vaters, dessen Hobby bereits ja auch schon die Arbeit mit ihren Kühen gewesen war. Der Vater hatte ihn so viele Dinge über Milch und Käse beigebracht, sodass er nun alles verfeinern und verbessern konnte.
Nur mit dem Vertrieb klappte es nicht so recht. Auch für die anderen Bergbauern war es der Bergkäse und die Butter, das was sie anbieten konnten.
Aber wer sollte das alles kaufen? Sie organisierten sich und versuchten es in Innsbruck, Jenbach, Strass und Wörgl.
Aber sie waren nicht die Einzigen, das Angebot war einfach zu groß.
In Zillertal waren jetzt, auch hier und da, vereinzelt Sommergenießer zu sehen.
Die Eisenbahn machte es möglich. Nun schon über drei Jahrzehnte verband dieses moderne und schnelle Verkehrssystem Tirol und Innsbruck mit Kufstein, mit dem bayrischen Ausland und seiner Hauptstadt München.
Heuer hatte eine Künstlergruppe das Zillertal gefunden. Sie kamen aus München, der großen süddeutschen Metropole im neuen Deutschen Kaiserreich.
Ihre Gemälde zeichneten die Sehnsucht nach einer großartigen Vergangenheit, der Liebe zur Natur und dem Leben in bäuerlicher Umgebung.
Augenblicke und Momentaufnahmen, die die ländlichen Gebiete mit ihren saftigen Hügeln darstellten und die, als Kulisse, eine Fernsicht auf die Voralpen zeigte.
Jetzt, wo es so bequem war, einfach und schnell, selbst in die Alpen zu reisen, waren sie in die Bergwelt hinaufgefahren und hatten begonnen, die Berggemeinden mit ihren Gehöften und Bergseen der Hochgebirge zum Sujet ihrer Werke zu machen.
Die Bilder dieser Malerriegen aus München trafen auf den Geist der Zeit und avancierten sehr schnell zu Statussymbolen der neuen wohlhabenden Bürgerschicht.
Eigentlich wollte die Gruppe nur ein oder zwei Tage bleiben.
Doch man freundete sich an, an Motiven mangelte es ja wahrlich nicht, und so blieben die Künstler einige Wochen.
Franz fand schnell Gefallen an den Kompositionen aus Farbe, lebendem Hintergrund und der Fantasie der Burschen, die diese Werke schufen.
So wie er die Natur auf sich wirken ließ, so fühlte und betrachtete Franz nun auch die Details und den Fortschritt der Pinselstriche.
Was waren das für Charaktere, die aus einer leeren Leinwand die Illusion einer realen Natur schufen.
Menschlich waren sie so verschieden, es war angenehm unter ihnen zu sein.
Und sie kannten sich aus, in der großen weiten Welt.
München musste ein Rausch von Chancen und Perspektiven sein.
Ein Ort voller Lebenslust mit einer wahrhaft grandiosen Mischung aus Leistung und Vergnügen.
"Wie lebt es sich in einer Weltstadt wie München?" Franz träumte von einem Umzug nach München.
"Fahr doch mal hin."
Und sie berichteten vom Central-Bahnhof, der immer zu klein angelegt wurde.
Sie erzählten vom Marienplatz mit seinen vornehmen und weniger vornehmen Cafés, von den Müßiggängern und Opportunisten die man dort traf, von den wartenden und den sitzen gelassenen, die gelangweilt einen Blick auf die Mariensäule aus rotem Marmor auf der Mitte des Platzes warfen.
Sie amüsierten sich über die hastenden Menschenmassen und die unzähligen Droschken, die, aus einem der vielen Straßenzüge hervorquollen, den verkehrsreichen Platz kreuzten um danach wieder, so wie sie aufgetaucht waren, in einem anderen Straßenwinkel zu verschwinden.
Sie ratschten über die Flaneure, die am Fischbrunnen aus Bronze verweilten, und tauschten sich genüsslich die Boshaftigkeiten und Gerüchte aus, die sie von dem einen oder anderen Zeitgenossen bei dieser oder jener Gelegenheit erfahren hatten.
Sie waren belesen über alles Neue der Stadt, wie eine Zeitung oder eine Marktschreierin gaben sie Tipps welches Theater, welches Schauspiel oder welche Veranstaltung man in keinem Falle missen solle.
Stunden verbrachte Franz so mit den Malern zusammen und ließ sich sogar hinreisen selber einen Pinsel in die Hand zu nehmen und sich an einem Landschaftsbild zu versuchen.
Es war ein kläglicher Versuch. Seine Fantasie und seine Talente lagen doch wohl auf anderen Gebieten.
"Wie sieht es mit den Geschäften aus, wo kann man in München guten Bergkäse kaufen?"
Vielleicht war München der Ort, in dem er sein Geschäft eröffnen könnte.
Solche praktischen Überlegungen wiederum waren den Künstlern eine unverständliche, fremde, abstrakte Welt.
"Das kannst du an jeder Ecke kaufen."
"Und vergiss den Rotwein nicht, wenn du zu einem intimen Picknick im den Herzog Max Park einlädst."
"Sage der Lady lieber, es gibt eine große Sause mit Gönnern, Adeligen und Freunden und im Englischen Garten. So etwas kann eine Tochter aus gutem Haus ihrem alten Herrn, dem Herrn Fabrikanten und Kommerzienrat und ihrer Frau Mutter, der Frau Hausvorstand und Gastgeberin in feinsten Kreisen, als Köder auftischen."
"Englischer Garten? England?" Franz war ganz verwirrt. München war schon groß und anziehend, aber erst England und London.
Das war das gigantische weltumspannende Weltreich mit all seinen Kolonien und Protektoraten.
"Von hier aus dem Zillertal würde ich nicht nach München oder London ziehen. Die was Neues suchen und ihr Schicksal in ihre feste Hand nehmen, die wandern nach Amerika aus."
Der Künstler und Landschaftsmaler Hans hatte diese Worte einfach nur in den Raum geworden.
Ihn interessierte das alles mit der großen Welt nicht, er dachte an sein Rendezvous im Herzog Max Park und welche Motive in welchen Stimmungen und mit welchen Farbkombinationen sich in München am besten in bare Münze umwandeln ließen.
Innerlich hatten diese Künstler überhaupt keinen echten Bezug zur Wunderwelt der Alpen. Ihr Verlangen war wieder einmal mehr ihr gewohntes und komfortables Dasein als Boheme in ihren Dachstuben im Herzen Münchens.
"Genug philosophiert und genug den Pinsel gequält. Wie sieht es mit der Brotzeit und einer guten Flasche Wein aus. Ich habe meine Motive im Kasten und von mir aus können wir Morgen in aller Frühe aufbrechen."
Schon im ersten Licht des Tages war die Künstlerkolonie am nächsten Morgen aufgebrochen.
Franz wusste nichts, was er von dem Allen halten wollte.
Sollte er es wagen und nach Amerika auswandern?
Der Hof war bestellt.
Für zwei Familien würde es eh nicht reichen.
Sein Bruder würde den Hof freudig übernehmen und gewiss erfolgreich bewirtschaften. Franz hatte keinen Zweifel, dass die Mutter ihr verdientes Altenteil bekam. Auch die Käserei war beim Bruder in guten Händen.
Gewiss das Heimweh würde ihn Jahre begleiten und seine Gedanken würden immer wieder nach Mayrhofen und den heimischen Hof und die Familie zurückkehren.
"Ja, ich gehe nach Amerika", dachte Franz laut, als er die Käselaibe liebevoll wendete. Ab Morgen wird es die Arbeit von Mutter und Bruder sein.
Zuerst verabschiedete er sich von den Tieren, den Milchkühen, dann dem Werk, das er vom Vater übernommen hatte, danach vom Bruder und zuletzt von der Mutter.
Es war ein schwerer Abschied. Es war nicht der erste Abschied, aber dieses Mal sollte es für immer sein.
Vielleicht, so hoffte Franz, später, viel später, in zehn oder zwanzig Jahre, wenn er in der Neuen Welt ein Vermögen mit Käse gemacht hätte, würde er auf Besuch für einige Wochen zurückkommen, das Grab des Vaters besuchen und vielleicht, so hoffte er, seine alte Mutter sehen und die treue Seele dann noch einmal fest in seine Arme nehmen.
In Mayrhofen hatte Franz nur ein kleines Bündel geschnallt.
Er wollte Mutter und Bruder nicht auf der Tasche liegen und er hatte auch nicht sein Erbteil eingefordert.
Dafür hatte er den Bruder schwören lassen, die Mutter bis ans Ende auf dem Hof zu halten und zu pflegen.
Irgendwie werde ich schon durchkommen, hatte er leise vor sich hingesagt. Irgendwie.
Hatte er doch auch schon einige Male als Küfer gearbeitet. Tonnen, Bottiche, Bierfässer wurden allenthalben überall gebraucht.
Oft gingen sie schnell zu Bruch, und fleißige Handwerker, die sich mit dem Holz, den Reifen auskannten, eine ruhige und geschickte Hand hatten, Muse und Auge für solide Qualität mitbrachten und im zügigen Werken mehrere Kübel im Tageswerk fertigstellten, die gab es nicht so häufig, waren gefragt, und bekamen auch einen gerechten Lohn.
Bei etwas mehr Zeit und Geduld konnte er einem Bauern die Fertigung schmackhafter und gefragter Käsesorten zeigen, nur einige wenige, nicht alle Geheimnisse preisgeben, und, neben dem Lohn, sich auch noch einige Stücke als Prämie ausbedingen.
Mit diesen eigenen Produkten auf dem nächsten Markt die Palette an Käsesorten an die Händler verkauften oder vielleicht sogar kurz einen eigenen Stand mieten und die Waren selber feilbieten.
In München könnte er einige Gemälde von unbekannten Künstlern aufkaufen, die Bilder dann auf dem Land an wohlhabende Bauern und, in den Dörfern und Städten, an Händler, Apotheker, Pfarrer und Advokaten verkaufen.
In größeren Städten könnte er sich weiter mit Künstlern anfreunden, eine Staffelei ausleihen und dabei die früher erstandenen Farbkunstwerke dem staunenden Publikum anbieten.
Für den ersten Teil der Reise hatten er noch einige kleine Laibe rot behandelter Inntaler mitgenommen, um sie dann in Jenbach und Innsbruck zu verkaufen.
Es würde eine Sache von Argumenten sein. Die kleinen Stücke könnte man für oder gegen so allerlei gebrauchen. Je nach Kundschaft als Nahrungsmittel, als Medizin oder vielleicht, bei den gar so vielen Abergläubigen, als Heilmittel oder Stimulanz. Das würde natürlich auch den Preis stimulieren.
"Ja, irgendwie komme ich schon durch."
Gewiss es gab da noch zwei kleine Probleme, die er, wie ein Schulbub, mit sich herumtrug. Aber auch daran würde er zügig arbeiten und, im Laufe des weiteren Weges, würde er auch diese Lücken Zug um Zug schließen.
Zuerst wollte Franz nach Jenbach, um dort so viel wie möglich über die günstigste und billigste Reiseroute zu den Auswanderungshäfen in Erfahrung zu bringen.
Dann weiter nach Innsbruck, hier langsam die ersten Geschäftstätigkeiten starten, erstes Geld verdienen und weitere Informationen über die Tour bis zum Meer sammeln.
Danach wollte er über Mittenwald nach München.
Franz hatte ja so einiges von den Künstlern der Münchener Schule über das fesche Leben in der bayrischen Hauptstadt gehört und alles dieses in seinem Gedächtnis aufbewahrt.
Er war gespannt darauf, dieses alles mit eigenen Augen zu sehen, teilzuhaben an dem Treiben in der Metropole und dabei direkt mittendrin dieses pulsierende Geschehen mit zu erleben.
Ja, er war richtig aufgedreht und so gespannt auf das, was ihn in München erwarten würde.
Vielleicht würde er sich eine kleine Dachbude mieten, und beides versuchen, zu leben und zu sparen, bevor es auf die lange Reise geht.
Weiter wird es dann durch das Gewirr der tatsächlichen oder auch nur nominell selbstständigen kleinen und mittelgroßen Staaten im preußisch-deutschen Reich gehen.
Danach sich geduldig in der Masse der Ausreisewilligen einreihen, erste Kontakte mit Gleichgesinnten knüpfen, mit all den Einzelgängern und Familien, die da drüben in Amerika nach dem kleinen oder großen Glück suchen.
Zusammen auswandern mit Männern, die, so wie er, das große Geld machen wollten, von heute auf gestern Handelsbarone oder Großgrundbesitzer werden, um, über das Vorgestern im dunklen engen Europa mit all seinen Adelhierarchien und festgefahrenen Strukturen, nur noch milde lächeln zu können.
Träumen darf man ja noch. Zeit dazu ist jetzt noch genug vorhanden. Illusionen, die sollte man sich nicht nehmen lassen.
Sollen doch diese Illusionen positive und erfolgreiche Wirklichkeit werden.
Positiv denken und selber alles schaffen. So wollte er sein Leben gestalten.
Nein, so wie es öfter geschah, das Erbteil einzuklagen, nein, das wollte Franz nicht.
Viele stellten Forderungen, meldeten Geldsummen an, nahmen sich das eine oder andere wertvolle Erbstück, eine Truhe oder ein teures Schmuckstück, um es bei einem raffgierigen Händler, weit unter Preis in bare Münze umzuwandeln.
Alles das, nur um einen genügenden Kapitalstock für die Bahnreise, die Schiffsüberfahrt und das Startgeld in Amerika zu haben.
Nein diesen Praktiken sollten andere frönen.
Er wollte diese Zeitgenossen nicht bewundern oder verdammen, das wäre deren Angelegenheit und sollte und wollte sein Ding nicht sein.
Es wird noch genügend Schlechtigkeit geben, der man nicht trauen darf. Sicherlich wird auch ihm unzählige Male das ganze und komplette Blatt von so vielen gezinkten Karten angeboten werden. Hoffentlich wird der gesunde Menschenverstand ihm vor dem Schlimmsten bewahren.
Zuerst geht es darum genügend Informationen über die Auswanderung zu erfahren, ohne dabei professionellen Menschenhändlern ausgeliefert zu sein.
Die Beamten der Sektion k.k.Nordtiroler Bahn der Südbahngesellschaft sind dafür sicherlich eine solide Adresse.
So steuerte Franz am zweiten Abend in Jenbach das Bahnhofsgebäude an.
Ein Kassenbeamter sollte eigentlich gut geschult sein und über Eisenbahntarife und Verkehrsverbindung auch einiges wissen.
"Was kostet heuer eine Fahrkarte nach Amerika?"
"Nach New York, Kaiser Ferdinand Nordbahnhof?"
Ein verschmitztes rundes Gesicht pariert breit grinsend die dämliche Frage und legt noch eins drauf.
"Oder soll es doch lieber der Anhalter Bahnhof in Boston sein?"
Der Halbstarke aus den hinteren Tälern hat sicherlich noch nie etwas von Boston gehört.
Heute war ein hektischer Tag gewesen, die Züge in beide Richtungen nach Innsbruck wie auch nach Kufstein waren längst abgefertigt, die Kassenbücher auf Kronen, Heller und Gulden korrekt und genau abgerechnet und der Schalterbetrieb eigentlich schon geschlossen.
Kassenbeamter Heiner Huber war in prächtiger Laune.
Auch Franz war in seinem Element.
"Welche von beiden Verbindungen ist die günstigste und welches ist die schnellste?"
So kamen die beide ins Gespräch, Franz opferte den ersten kleinen Inntaler, Heiner Huber lud ihn zu sich nach Hause ein.
Franz hatte ein Dach über den Kopf, und ein fröhlicher und informativer Abend konnte beginnen.
Für Heiner Huber war Franz nicht der Erste, der auswandern wollte.
Ihn hingegen hatte das Eisenbahnfieber gepackt, er kannte fast alle Lokomotivbaureihen, Spurweiten, Stellsystemen, Fahrpläne, Eisenbahngesellschaften und Streckenrouten.
Wie gerne hätte er sich mit Franz über Dampfrösser unterhalten.
Zur Freude von Irmgard, der Frau Huber, wurde der Abend dagegen zu einer fröhlichen und lockeren Runde ohne allzu viel Fachsimpelei über Eisenbahnen.
Die vielen Witze und spitzen Einwürfe verhalfen Heiner Huber aber schließlich doch über die traurige Einsicht hinweg, dass Franz nun wirklich nicht der Eisenbahnleidenschaft verfallen wolle.
So begnügte er sich mit dem Notwendigsten, das für Franz von Wichtigkeit sein könnte.
Der österreichische Auswandererhafen sei Triest. In Deutschland die Häfen Hamburg und Bremerhaven, in Holland Rotterdam und in Belgien Antwerpen.
Eigentlich hatte die Südbahngesellschaft für Venedig kalkuliert. Aber durch den Deutschen Krieg, in dem Italien Verbündeter des siegreichen Preußens war, war Venetien und Friaul jetzt italienisch. Hinter Bozen, Trient und der Etsch endete nun die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn.
So ging es im Zickzack von Innsbruck zum Hafen von Triest. Bis Franzensfeste nach Süden, dann bis Marburg an der Drau nach Osten und dann weiter wieder in Richtung Süden nach Triest
Das Gro der Auswanderwelle aus Mittel- und Osteuropa ging zwar über die deutschen Häfen Hamburg und Bremerhaven. Preußen, das ja im gleichen Krieg eine großes Stück Kuchen Mitteldeutschlands sich einverleibt hatte, war eher an Kanonenbahnen von Berlin nach Metz und Sternanbindungen nach und von Berlin interessiert und so gab es wenig Bewegung in neuen direkten Verbindungen von München nach Hamburg und Bremen.
Die Süddeutschen Staaten hatten wenigstens bei der Eisenbahn ihre Eigenständigkeit bewahrt und direkte Linien in schönen Staatsverträgen ausgehandelt.
So war, mit etwas über 700 km, die Eisenbahnroute ab München nach Antwerpen bald 300 km kürzer als die zur deutschen Nordseeküste.
Rechnet man ungefähr drei bis vier Pfennigen in den Bummelzügen der III Klasse und vier bis fünf Pfennige in den Schnellzügen der III Klasse je gefahrener Kilometer, spart man dreißig Prozent, wenn man sich für den Gastaufenthalt bei den Staatsbahnen des Königreiches Bayern, des Königreiches Württemberg, des Großherzogtums Baden, des Großherzogtums Hessen und schließlich der preußischen Rheinische Bahngesellschaft entscheidet.
Triest oder Antwerpen, Franz hätte ohnehin jetzt noch nicht eine Bahnfahrkarte finanzieren können, und über Antwerpen ist man schließlich einige Menge Tage weniger auf dem großen Wasser unterwegs. Also auf nach München.
Sollte er den Zug von Jenbach nach Innsbruck nehmen und so schon seine ersten Reserven anbrechen oder, per pedes, in aller Früh Jenbach, das Tor zum Zillertal, Adieu sagen und die 36 Kilometer bis Innsbruck durch die hoffentlich sonnige Natur laufen?
Irmgard, eine praktische Person, entschied, dass die Sonne scheinen und es keinen Regen geben würde. Sie musste sich auskennen, den ein Eisenbahninspektor und seine Familie ist für so viel im funktionierend Räderwerk eines kaiserlichen Transportwesens verantwortlich, das die richtige Wetterbeobachtung auch eines ihrer vornehmsten Aufgaben sein muss.
Nein durchmarschieren bis Innsbruck würde nichts bringen. Die Märkte wären dicht.
Es wäre die Zeit, wo die Reisenden kein Auge für die Angebote eines verschwitzen, abgehetzten müden Wanderers hätten.
Franz solle sich ohne Eile in Hall eine Scheune als Nachtlager suchen, er solle den Inn als Badewanne und zur Morgentoilette nutzen, und dann, frisch gestiefelt, die wohl noch zwei Stunden Wegstrecke dazu benutzen, einen duftenden Frühlingsstrass gelber und grüner Bergblumen zu sammeln, und so, unbekümmert den neuen Tag und den neuen Begegnungen entgegensehen.
Natürlich, Frau Huber wusste es ganz genau, auch übermorgen würde die Sonne scheinen und es würde nicht regnen.
Gerne hatte Franz Irmgard gehorcht, gab es doch noch eine gute Stärkung zu Frühstück. Auch fand sich in seinem Bündel noch Platz für die eine oder andere eingepackte Wegzehrung, die ihn Frau Huber mit auf den Weg gab.
Die ersten Schritte lief er zusammen mit Heiner Huber zu Bahnhof nach Jenbach.
Beide hielten sich den Bauch vor Lachen über die schnellen gegenseitig ausgetragenen bissigen und doch harmlosen Spitzfindigkeiten und Retouren.
