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Silvia lebt mit ihrer 13-jährigen Tochter Maria in Rom. Als sie ihren Freund Antonio zum Essen einlädt, merkt sie, wie ihre Tochter hemmungslos mit Antonio flirtet und sich verführerisch in Szene setzt. Silvia bereitet dem Spiel ein Ende und wirft Antonio hinaus. Doch ihr Machtwort kommt zu spät. Das Unglück ist Jahre vorher geschehen. Als Silvia mit Marias Vater Giorgio in Marokko lebte. Als Giorgio Maria zu nahe kam. Als Silvia es nicht schaffte einzugreifen. Und Giorgio unter zweifelhaften Umständen den Tod fand. – »Ein reifes Mädchen« ist die Geschichte einer Lolita aus weiblicher Perspektive. Intensiv und psychologisch meisterhaft erzählt Anna Giurickovic Dato von Hilflosigkeit und Liebe, Macht und Unschuld und der Ohnmacht in einer Familie.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
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Übersetzung aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
ISBN 978-3-492-99254-1© Piper Verlag GmbH, München 2018© Fazi Editore srl, 2017Published by arrangement with Loredana Rotundo Literary AgencyTitel der italienischen Originalausgabe: »La fi glia femmina«Covergestaltung: Büro Jorge Schmidt, MünchenCovermotiv: Girl and Yellow Lab by Marjorie Weiss/BridgemanDatenkonvertierung: psb, BerlinSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht.
Das ist mein Papa
Erinnerst du dich an die Blumen?
Schlaf jetzt
Bougainvillea
Hin und her schaukeln
Ein Lied wenigstens
Le vôtre est plus jolie
Ein seltsamer, aber ehrlicher Mann
Wie Zauberei
Der Wasserträger
Eine Familie voller Liebe
Mündchen
Aicha Kandicha
Ich will mit Gott sprechen
Zitatnachweis
Für meine Mutter und meinen Vater
Und auch jetzt hier zu seinist mir fern
Silvia Bre, Marmo[1]
Um die Moschee ein Gewirr festlich geschmückter Straßen. Im Suq ist es kühler und luftiger. Es ist September. Die Kinder schreien, lachen, jagen einander zwischen Burkas und pastellfarbenen Schleiern, reichen Touristen und armen Leuten. Menschengedränge um einen Basar, ein Geschäft mit Kultgegenständen, eine Buchhandlung. Ein Mann beißt lustvoll in einen Baghrir, lässt sich den Pfannkuchen schmecken wie ein Kind. Am Pfefferminztee nippend, spielt ein kleiner Junge den Erwachsenen. Maria ist fünf Jahre alt, sie betrachtet die beleuchteten Straßen und kostet von einer Feige. Das gemeinsame Gebet in der Hauptmoschee ist zu Ende gegangen, ein lebhaftes Treiben beginnt, Verwandte und Freunde begrüßen einander, tauschen Gedenkpostkarten und Geschenke. Der ganze Islam feiert das Īd al-Fitr, das Ende des Ramadan. Drei wohlverdiente Feiertage nach dem Fastenmonat. Marias Eltern sind Italiener und leben erst seit wenigen Jahren in Rabat, trotzdem nehmen sie an der festlichen Stimmung der Bewohner teil. Maria geht an der Hand ihrer Mama, die ihr erlaubt, von allem zu kosten, was sie haben möchte. Papa erklärt einem französischen Ehepaar das Opfer Abrahams. Er ist ein kräftiger Mann, groß und attraktiv. Maria bemerkt, dass die Leute ihn respektvoll ansehen, wenn er vorübergeht, und seine Aufmerksamkeit erregen möchten. Sie weiß, er ist ein wichtiger Mann, ein Diplomat, der an der italienischen Botschaft in Marokko arbeitet. Sie würde ihm gerne eine seiner rotblonden Locken abschneiden und sie in einem Kästchen aufbewahren, um sagen zu können: Das ist mein Papa.
»Da streckte Abraham die Hand aus und ergriff das Messer, um seinen Sohn zu opfern. Doch der Engel des Herrn rief ihn vom Himmel und sagte: ›Abraham! Abraham! Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen‹.«[2]
Maria geht einem Gedanken nach. Sie ist die einzige Tochter ihres Vaters. Wenn er sie eines Tages fesselte und auf einen Altar neben das Feuerholz legte, würde sie sich nicht wundern. Sie stellt sich vor, dass er sie dabei mit seinen ernsten dunklen Augen unter den kupferfarbenen Wimpern anschauen würde. Sie würde eine Locke seines rotblonden Schopfes streicheln, den sie ebenso gern berühren möchte wie sie ihn scheut. Wenn Papa das tut, ist es richtig, würde sie denken. Wenn sie an Mamas Hand geht, mag sie seine Stimme, dann fühlt sie sich beschützt. Er hat eine tiefe Stimme, zögert nie beim Sprechen.
Vor ein paar Tagen hat Maria gebettelt, dass Mama bei ihr schläft. Sie hat fest und ruhig geschlafen und von Italien, von Rom geträumt, der Wohnung der Großeltern, Großmutter, die Tee auf einem Tablett serviert und sich neben Maria setzt.
»Ich möchte auch Kekse, Nonna.«
»Aber Maria, da sind die Kekse doch.« Doch das Tablett ist leer, dort steht nur eine Porzellantasse mit Tee. Die Nonna sieht Maria an und fordert sie auf, die Kekse zu essen, die nicht da sind. Maria tut so, als nähme sie einen, doch zwischen ihren Fingern ist nur unsichtbare Luft, sie kommt sich dumm vor und muss weinen. Sie führt die Hand zum Mund, ihre Zähne schlagen aufeinander, ohne in etwas zu beißen. Während sie weiter in die Leere kaut, verbreitet sich ein guter süßer Geschmack nach Honig und Mandeln in ihrem Mund. Großmutter lächelt, und Maria wacht auf. Es ist früh am Morgen, Mama liegt nicht mehr neben ihr.
In der Nacht nach diesem Traum ist Maria wach geblieben, sie hat sich gegen den Schlaf gewehrt, um zu kontrollieren, ob Mama ja in ihrer Nähe bleibt. Sie hat sich eng an ihre Mutter gedrückt und ihren Busen als Kissen benutzt. Dann kam ihr Vater dazwischen: »Du musst lernen, dich manchmal allein zu fühlen«[3], hat er gesagt.
Es ist Abend, die Sonne geht unter. Maria, Mama und Papa verabschieden sich von dem französischen Ehepaar und verlassen den Suq in der Medina. Der Himmel färbt sich rosa mit gelben Pinselstrichen, die die Sonne einfangen, während sie hinter einen Baum, hinter ein Haus, unter die Linie des Horizonts sinkt. Jetzt ist es Nacht. Und in dieser Nacht wird Mama nicht bei Maria schlafen. Papa erwartet sie am Bett, um ihr eine Geschichte zu erzählen. Maria ist im himmelblauen Badezimmer, dem mit den Spiegeln, und putzt sich seit einer halben Stunde die Zähne. Erst von rechts nach links, dann von oben nach unten. Ihr Zahnfleisch hat geblutet, jetzt spült und gurgelt sie nach den Tönen eines Liedes, »La vie en rose«[4]. Sie lacht. In der Küche hat Mama die Teller mit Resten von Pastilla und Couscous in die Spülmaschine geräumt, jetzt kommt sie ins Badezimmer, umarmt Maria und kitzelt sie. Lachend versucht Maria, sich zu entwinden. Mama bringt sie in ihr Zimmer, gibt ihr einen Kuss und wünscht gute Nacht, dann lässt sie die beiden allein. Der Vater sieht zu, wie Maria ins Bett steigt. Er ist in eine taubengraue Leinentunika gehüllt, die er als Morgenrock benutzt. Er hat angefangen vorzulesen, sie hört zu. »Wem lässt du zum Raub mich Sterbende, Gastfreund? Da der Name ja nur allein noch bleibt von dem Gatten?«
Maria saugt die Wörter auf, sie liebt Geschichten.
»Es gibt nicht viele kleine Mädchen, die zu schätzen wüssten, was ich dir vorlese. Du bist etwas Besonderes, Maria, ein ganz besonderes Mädchen.«
Maria senkt die Lider und lässt die kräftige Stimme des Vaters, die zwischen den marokkanischen Teppichen und papiernen Lampenschirmen im Zimmer widerhallt, in sich eindringen. Sie ist etwas Besonderes, ein ganz besonderes Mädchen. Der Vater beobachtet sie aus dem Augenwinkel, vielleicht überprüft er, ob sie aufmerksam zuhört, ob sie nicht einschläft. Dann klappt er das Buch zu, lässt nur einen Finger zwischen den Seiten. Er beugt sich über ihren Kopf, küsst ihre Stirn am Haaransatz, wo der blonde Flaum kleiner Kinder mit Schweißtropfen besetzt ist. Eine kalte Hand greift nach ihrem Körper, kitzelt sie an der Hüfte. Jetzt schiebt sie sich unter das Gummiband der Pyjamahose und berührt den Bauch. Maria zieht sich instinktiv zurück, ihre Oberlippe zittert. Sie will sich ihrem Papa nicht widersetzen, sie ist ein besonderes Mädchen. Ganz besonders. Der Mann legt das Buch weg, löscht das Licht, und Maria sieht, wie die rotblonden Lichtreflexe in der Dunkelheit verschwinden. Sein Körper nähert sich dem des Mädchens. Der Kontakt mit der zarten Haut erregt ihn, er lässt sein ganzes Gewicht auf sie sinken, und Maria hält den Atem an. Sie kann ihren Brustkorb nicht weiten, nicht atmen. Die Hände des Vaters gleiten in ihr Unterhöschen, und Maria verspürt ein seltsames Gefühl, etwas aus Wärme und Traurigkeit. Sie lauscht diesem Gefühl, es ähnelt einem Lied. »Quand il me prend dans ses bras, il me parle tout bas, je vois la vie en rose.« Sie erinnert sich an die Worte. Mamas Lieblingslied. Das Fenster steht ein wenig offen, ein leichter Wind bewegt die Vorhänge. Mama sagt, das sei ein sehr teurer Stoff. Der Vater streichelt die heimlichsten Stellen ihres Körpers, erst langsam, dann entschlossen. Keine einzige Wolke, der Himmel ist voller Sterne. Der Körper eines Mannes, der zuckt, sich bewegt, eine Wärme erzeugt, die Maria nicht kennt, nicht kennen sollte. Dann hält er inne, lässt sich fallen. Sie weiß nicht warum, sie weiß nicht, was passiert, aber sie traut sich nicht, danach zu fragen, ihre Mama zu fragen, was diese Nacht bedeutet. Papa streicht seinen Morgenrock glatt und sagt ihr Gute Nacht. Er gibt ihr keinen Kuss, dieses Mal nicht, und geht eilig weg. Die Tür wird geschlossen. Ein paar Minuten lang rührt Maria sich nicht. Dann überprüft sie alles, zupft ihren Pyjama zurecht und rollt sich auf einer Seite zusammen, liegt da wie ein Ei. Sie knipst das Nachtlicht an und versucht einzuschlafen, nun hat sie keine Angst mehr.
Jetzt ist Maria dreizehn, die Züge sind hart, die braunen Haare lang. Ihre Augen sind klein, aber lebhaft, manchmal blicken sie streng, andere Male haben sie einen unbefangenen, wehrlosen Ausdruck. Dann kann ich sie nicht ansehen, sonst bricht es mir das Herz. Gleich nach den Ereignissen, die unser Leben auf den Kopf gestellt haben, sind wir nach Rom zurückgekehrt. Sie schläft nie. Nachts wandert sie durch den dunklen Flur, und weil sie kein Gefühl für das Verhältnis zwischen ihrem Körper und dem Raum hat, stößt sie gegen die Wände und macht Lärm. Manchmal tut sie sich weh und flucht. Vor ein paar Tagen ist sie mit dem Gesicht gegen die Wand zwischen den Schlafzimmern und dem Esszimmer gestoßen und hat vor Wut geschrien. Es mag gegen vier Uhr morgens gewesen sein, als ich sie vom Boden aufgehoben habe: Ihr Gesicht war blutverschmiert, ein Splitter aus einem Bilderrahmen hatte sich oberhalb des Wangenknochens in ihr Fleisch gebohrt. Wie immer, wenn sie sich verletzt, hatte ich panische Angst, konnte die Wunde nicht ansehen, ohne zu leiden, als steckte mir selbst ein Stück Holz im Gesicht. Ich dachte: Das ist mein Auge, ich habe dieses wunderschöne Auge gemacht. Sie hat die Wunde selbst gesäubert, der Schnitt war klein, musste nicht genäht werden, sie hat sich hingelegt und hat ihr Bett bis zum Morgen nicht mehr verlassen. Meistens jedoch stößt sie sich nur leicht, wie ein Körper, der sich seiner Schwerkraft überlässt, sich mühsam voranschleppt, dorthin, wo er Platz findet. Ich weiß nicht, was sie sucht, ob sie nicht schläft, weil sie unruhig ist und Angst hat, oder ob die Nacht, meine tiefen Atemzüge im Schlaf, die Stille und die leer erscheinende Wohnung ihr eine Gelassenheit schenken, auf die sie nicht verzichten kann. Oft höre ich das Geräusch von Tellern, Schubladen, die rabiat auf- und zugemacht werden. Am nächsten Morgen ist das Geschirr schmutzig, und alles, was am Abend zuvor aufgeräumt war, finde ich in wüstem Durcheinander vor. Sie hat immer noch ihre sanften Kinderaugen. In ihren brutalen Antworten, die mich oft verletzen, erkenne ich großes Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Wenn ich ihr meine Umarmungen anbiete, blickt sie mich müde an und wendet sich missmutig ab, aber mir scheint, dass sie ihr erstes »Nein« schon bereut, wenn sie es sagt. Sie braucht meine Umarmungen wie Medizin. Vor vier Jahren sind wir nach Rom umgezogen, damit wir so tun konnten, als hätte es die Vergangenheit nie gegeben. Andere Orte, frei von der Last der Erinnerung an das Geschehene, damit mein Mädchen weit weg von der ausgeübten und erlittenen Gewalt aufwächst. Doch es ist, als würde die Vergangenheit irgendwo jenseits des Raums schweben und sich brutal gerade auf die Momente legen, die wir lieber in unbeschwerter Freude verbracht hätten.
Frühmorgens gehe ich hinunter in die Bar, dann habe ich Zeit, bei einem Cappuccino in aller Ruhe die Zeitung zu lesen. Wenn ich sehr früh aufwache, vertrete ich mir ein bisschen die Beine, gehe die Treppe am Ponte Sant’Angelo hinunter und spaziere am Tiber entlang, dessen träge dahinströmendes Wasser flaschengrün ist. Vielleicht liegt es an der Verschmutzung, dass er diese Farbe hat, vielleicht sind es die hohen Platanen, deren dicht belaubte Äste über dem Wasser hängen und sich im Fluss spiegeln. Im Grunde kann mir auch das Hässliche schön erscheinen, wenn ich es mit wohlwollenden Augen betrachte. Ich schlendere am Ufer entlang, die Sonne ist noch schwach, blitzt zwischen den Zweigen hindurch. Bald wird sie höher stehen und stechen, dann werden die steilen Ufermauern aus Travertin ihre Farbe wechseln. Noch sind sie mattdunkel, doch gleich werden sie sich in ihrer ganzen Schönheit zeigen, majestätisch und weiß, und dann werde ich wieder einmal denken: Ja, das ist Rom. Wacht Maria gerade auf oder bleibt sie bis mittags im Bett? Ich könnte zwei Apfelsinen auspressen, ein Brioche kaufen, die Fensterläden öffnen und sagen: Guten Morgen, Liebes, draußen ist Sommer! Ich gehe noch ein bisschen weiter auf dem Uferweg, vielleicht komme ich bis zum Ponte Milvio und spiele Bäume bestimmen; das hier ist der schwarze Holunderbaum, der da eine Feldulme. Dort ist die Vegetation dichter, ich könnte mich ins Gras legen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen, das tut mir gut. Wie sehr ich mich freue, wenn dann ein Kormoran vorbeifliegt! Gestern Morgen zum Beispiel war mir doch wirklich, als hätte ich ein Eisvogelpärchen gesehen mit ihren blauen Rücken. Und als einer aufflog, einen weiten Bogen schlug und dann wieder zum Ast zurückkehrte (wen er damit wohl beeindrucken wollte?), entdeckte ich auf seinen Flügeln ein wunderschönes Irisieren in Grüntönen und dachte: Mein Gott, wie schön, wer will da zurück nach Hause? Aber man muss nach Hause zurück, vor allem wenn man jemanden hat, der von einem abhängt, du musst unbedingt umkehren, nicht hier herumtrödeln, weil du einen Vogel mit schönen Flügeln gesehen hast oder einen Spatz oder eine Krähe. Also kehre ich zurück, allerdings mit dem Gefühl, dass ich eigentlich dorthin gehöre, wo der Tiber noch wild ist und man beim Spazierengehen nicht mehr auf Travertin tritt, sondern auf Wurzelgeflecht und Morast. Wo du dann deine nassen Schuhe anschaust und denkst: Soll ich dir was sagen? Ich ziehe sie jetzt aus und gehe barfuß, und wenn es nicht zu kalt ist, schwimme ich sogar ein bisschen. Wenn ich mich beeile, ist Maria vielleicht noch nicht aufgewacht, und ich kann ihr das Frühstück ans Bett bringen, dann lächelt sie mich an, und auch ich bin glücklich. Nein, es ist neun Uhr, sie ist bestimmt noch nicht wach, sie wird erst vor ein, zwei Stunden eingeschlafen sein. Und das fehlte gerade noch, dass sie mit mir schimpft. Ich drehe mich noch einmal zum Fluss und stelle mir vor, ein Mädchen mit einem schwarzen Bubikopf und Steinchen in der Hand zu sehen. Sie stampft mit den Füßen auf, sie möchte noch ein bisschen bleiben und Steine werfen, so lange, bis wenigstens einer zwei oder drei Sprünge auf der Wasseroberfläche macht. Aber die Mama scheint entnervt und möchte ihr die Hände waschen. Der Fluss, an den ich mich erinnere, ist ganz anders als der Tiber. Seine Farbe ist ein zartes Blau, und er wirft kleine Wellen, wenn das rot und gelb gestrichene Ruderboot vorüberfährt. Auf einer Bank sitzen zwei Frauen mit Kopfschleier, die Erde ist rot wie ein Sonnenuntergang, und in das Kreischen der Möwen mischt sich der Lärm der Autos auf der nahen Straße. Ich erkenne diesen Fluss wieder, es ist der Bou-Regreg. Das Mädchen kann nur Maria sein, ihre Augen sind schwarz wie Oliven, und sie hat eine unerschöpfliche Energie. Und das bin ich, dichtes, braunes Haar, kurz geschnitten, wie ich es vor ein paar Jahren trug. Wir warten auf meinen Mann, er ist zum Suq in der Nähe gegangen, um zwei mit Ziegenkäse gefüllte Baghrir für uns zu holen. Ich erinnere mich an diesen Nachmittag wie an ein Foto. Abends sollte Giorgio nach Rom fliegen zu seiner Mutter, die sich die Hüfte gebrochen hatte und sich nicht bewegen konnte. Normalerweise kam sie zu uns nach Rabat, sie liebte Marokko und seine Farben; sobald sie einen Fuß aus dem Flugzeug setze, sagte sie, habe sie den Geruch dieses Landes in der Nase. Pfefferminzgeruch vor allem, denn so riecht der Tee, den die Marokkaner zu jedem Essen, zu jeder Jahreszeit und jeder Tageszeit trinken. Schön war sie, Adele, sie ähnelte Maria, rabenschwarze Augen und eine scharf geschnittene Nase. Sie war groß, ihre Figur zierlich und ihre Gesten graziös. Nie schnitt sie sich die Haare, sie flocht sie zu einem weißen Chignon, der ihr weich in den Nacken fiel. Wenn sie durch Rabat bummelte, auf der Suche nach schönen Stoffen, die sie nach Italien mitnehmen wollte, stieß sie in jedem Geschäft auf jemanden, der ihr einen Tee anbot. »Das konnte ich doch nicht ablehnen, dann sind die Leute hier beleidigt, weißt du?«, sagte sie mir immer, um sich für ihre Verspätung zu entschuldigen. Wir saßen zu Hause und warteten mit dem Abendessen auf sie, und während sie mal hier einen Schluck, mal da einen Schluck trank, machten wir uns Sorgen, denn der Himmel wurde dunkel, und sie war immerhin eine Frau in fortgeschrittenem Alter. Ich war oft allein, aber wenn Adele bei uns war, erfüllte Fröhlichkeit das ganze Haus. An manchen Nachmittagen stellte Maria sich krank, um nicht zur Schule gehen zu müssen, dann spielten wir zu dritt Teekochen. Großmutter im knöchellangen schwarzen Kleid, auf der Brust eine Perlenkette, die Haare hochgesteckt, sagte: »Das ist kein Spiel, sondern eine sehr ernste Angelegenheit. Wir zelebrieren das Teeritual.« Sie setzte Wasser auf und bat Maria, die Teekanne vorzubereiten. Wenn das Wasser kochte, begoss Adele die Teeblätter fingerbreit, damit sie aufquollen, dann seihte sie die Flüssigkeit ab, fügte abermals Wasser hinzu und stellte den Kessel zurück aufs Feuer.
»Wie oft willst du das Wasser denn noch kochen?«, fragte ich.
»Das ist ein Ritual, ein Ritual, verstehst du, du kannst nicht einfach herkommen und das Ritual ändern!«
Adele goss den Tee in ein Glas, »es muss dreißig Zentimeter hoch sein«, erklärte sie, »damit der Zucker sich gut auflösen kann«. Dann goss sie den Inhalt zurück in die Teekanne und wiederholte die Prozedur mehrmals. Wenn ich bei diesem andauernden Hin und Her ungeduldig wurde, schimpfte Maria mit mir: »Basta, Mama, das ist das Teeritual. Oma hat es von einem Mann mit Turban und langem Bart gelernt, man darf das Ritual nicht verändern!«
Das Getränk hatte einen einzigartigen Geschmack, manchmal zerdrückte ich Pistazien und gab das Pulver in die Gläser. Oder ich ließ Maria Kleie mit fein zerstoßenen Mandeln und Puderzucker mischen, um daraus Ghoriba zu backen, Kekse, die, in den Tee getunkt, die Flüssigkeit aufsogen und weich wurden. Immer wenn mein Mann abreiste, packte mich die Angst. Es war, als würde schlagartig alles zu schwer für mich, auch kleine Dinge: meine Tochter zur Schule bringen, das Abendessen zubereiten. Ich fühlte mich müde, fürchtete, es könnte etwas passieren, was ich nicht vorhergesehen hatte. Wenn die Lehrerinnen sich über Maria beklagten, wurde das für mich zu einem abnorm großen Problem. Machte ich Fehler, wo machte ich Fehler? Allein konnte ich nicht einschlafen. Oft lief ich in Marias Zimmer, voller Angst, man hätte sie entführt, dann wachte sie auf und sagte mit schlaftrunkenen Augen: »Mir geht’s gut, Mama, ich bin hier.« Sie war vier Jahre alt und versuchte, mich zu beruhigen. Eine Mutter muss Sicherheit bieten, dachte ich, aber ich fühlte mich wie eine Alge, die nur noch mit einem Faden am Meeresboden hängt, die sich tanzend im Wasser bewegt, und jede Welle könnte ihre letzte sein. Als Kind weinte ich, wenn mein Vater mich allein in der Schule zurückgelassen hatte. Wurde ich abgefragt, antwortete ich flüsternd, errötete bis zu den Ohrläppchen. Ich habe immer gewusst, dass ich niemals etwas Bedeutendes zustande bringen würde, dass ich ein unauffälliges Leben führen und ohne großes Aufhebens im rechten Moment einen banalen Tod sterben würde. Dann würden alle sagen: »Ach, sie war doch eine gute Frau. Ja, eine gute Frau«, denn das sagt man von einer toten Frau, an die keiner sich erinnern muss, weil es keinen Grund gibt, ihrer zu gedenken.
Giorgio war kein leidenschaftlicher Mann, aber er schien in sich gefestigt. Er hatte einen autoritären Ton, den ich liebte, ja, ich schäme mich nicht, zu sagen, dass ich ihn sehr liebte. Wenn er Ja oder Nein sagte, war das wirklich ein Ja oder Nein, es bedeutete nie etwas anderes. Er überlegte lange, und wenn er einen Entschluss gefasst hatte, führte er ihn konsequent aus, wodurch er jedes Ziel erreichte, das er sich vorgenommen hatte. Jeder, der gut über ihn sprach, fürchtete ihn auch. Was er sagte, klang nie freundlich, sondern schroff und vom ersten bis zum letzten Wort wohlüberlegt; Stimmfarbe und Tonfall waren dem Inhalt perfekt angepasst. Dennoch war er in gewisser Weise ein Kind geblieben. Dieser ganze planvoll strukturierte Rahmen war Selbstschutz. Die Härte, das minutiöse Befolgen von Regeln waren der Käfig, den er sich gebaut hatte, um das Monster aufzuhalten.
Wie schön Maria heute ist. Sie trägt ein geblümtes Kleid mit einem Gürtel um ihre schlanke Taille. Ihre Hüften sind schmal, der Rücken weiß und zart. Sie hat die Haare mit einer Spange zusammengebunden, endlich sehe ich ihr Gesicht. Sie strahlt, geht sie aus? Sie hat sich die Lippen zartrot geschminkt, und mit ihren dunklen, lebhaften Augen wird kein Mann sie übersehen können. Der Himmel ist bedeckt, ich fürchte, es wird bald regnen. Wenn sie so perfekt zurechtgemacht ausgeht, werden ihre Schuhe nass, die Haare werden ihr im Gesicht kleben, die Schminke über die Wangen laufen, und sie wird aussehen wie eine Hexe. Wenn doch nur die Sonne herauskäme, ein, zwei Strahlen, und sei es ein schwaches Licht, damit sie ihre gute Laune behält.
»Ich geh draußen frühstücken.«
»Kannst du auf dem Markt vorbeigehen und Bohnen kaufen?«
»Mach ich. Wie viel soll ich kaufen?«
»So viel, wie wir brauchen. Bist du zum Mittagessen zurück? Ich habe Antonio eingeladen.«
»Antonio, deinen kleinen Freund?« Sie blickt mich mit listiger Miene an.
»Er möchte dich unbedingt kennenlernen, also habe ich gedacht, an diesem schönen Sonntag … Aber wenn du keine Lust hast …«
»Ja, es ist ein schöner Sonntag.«
