Das richtige Leben - Michael Wendt - E-Book

Das richtige Leben E-Book

Michael Wendt

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Beschreibung

Hanna misstraut Anne, ihrer Mutter, seit sie weiß, dass Anne in der DDR zu einer Parteiideologin ausgebildet wurde. Ein unangekündigtes Treffen ihrer Mutter mit Bernd, Annes ehemaligen Mentor und heimlichen Geliebten, das Hanna in letzter Sekunde zu verhindern versucht, führt zu einer Eskalation zwischen Mutter und Tochter und begründet eine "Eiszeit" zwischen ihnen. Diese "Eiszeit" wird für Hanna zum Anlass, ihre Beziehung zur Mutter aufzuarbeiten. Mit Unterstützung eines Therapeuten und in vielen Interviews in Annes Umfeld versucht sie mehr zu erfahren über die Studienjahre ihrer Mutter, über die Geschichte von Anne und Bernd. "Das richtige Leben" erzählt die Geschichte einer Aufarbeitung und Annäherung, führt in weiten Teilen zurück in das Leipzig der 1980er Jahre, zu den Geschehnissen rund um die "Kaderschmiede marxistisch-leninistischen Philosophierens" in der ehemaligen DDR, und vermittelt so eine andere, fast intime Perspektive auf die Ereignisse, die als "Wendezeit", als "Friedliche Revolution in Deutschland" bezeichnet, in die Geschichte eingegangen sind.

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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das richtige Leben

 

 

Roman

 

von Michael Wendt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Texte: © 2023 Copyright by Michael WendtUmschlaggestaltung: © 2024 Copyright by Bella Badt

Verantwortlich für den Inhalt:Michael WendtLeobschützer Strasse 2413125 BerlinE-Mail: [email protected]

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

 

 

Vorwort des Therapeuten

 

Die Entstehung und Veröffentlichung dieses Buches gehen auf meine Initiative zurück. Basierend auf Notizen von und Gesprächen mit Hanna, die ich als Psychologe im Rahmen einer Therapie von Februar bis Oktober 2022 begleiten durfte, ist ein Roman entstanden, zu dem ich meine Patientin weitgehend überreden musste. Ich tat das, weil Hanna eine Geschichte erzählte, die so noch nicht erzählt wurde, aber erzählt werden sollte, weil sie auf eine besondere Weise thematisiert, was es mit einem richtigen und falschen Leben auf sich hat.

Weil mir das schon im Sommer 2022 immer klarer wurde, reifte in mir der Plan, Hanna nach Beendigung der Therapie zu fragen, was sie davon hielte, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch sie reagierte zögerlich auf meine Anfrage, vor allem deshalb, weil- wie sie mir später sagte- das, was sie berichtete, eventuell Persönlichkeitsrechte von Personen verletzen könnte, die in ihr vorkommen. Es dauerte einige Wochen, aber dann deutete sich auch hier eine Lösung an. So konnte ich bei einem Gespräch im April 2023 Hannas Einverständnis zur Veröffentlichung erhalten- unter der Maßgabe, dass alle Namen geändert, sie selbst unerkannt bleiben würde und auch nicht als Autorin genannt wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Schuld und Enttäuschung

 

Meine Mutter ist schuld. An allem. Ihretwegen liege ich hier im Krankenhaus und musste meiner Ärztin erklären, wie es zu dem Unfall kam auf der A9.

Dabei war die Unfallursache schnell erzählt. Ich hatte mich falsch entschieden. Dass es die Nacht zuvor Bodenfrost gab und mit Blitzeis zu rechnen war, wusste ich. Aber die Überholspur sah doch trocken und geräumt aus...

Das reiche ihr nicht aus, erwiderte meine Ärztin prompt. Sie sagte, dass sie mehr wissen möchte und müsste. Wieso war ich dort? Warum war ich auf dem Wege nach Berlin und hatte niemanden etwas davon gesagt? Das wollte sie wissen. Ich wusste auch warum. Damit sie ausschließen konnte, dass es sich bei meinem Unfall um einen Selbstmordversuch handelte.

Also antwortete ich ihr: "Ich war meiner Mutter hinterhergefahren. Damit sie keine Dummheiten macht. Und das habe ich jetzt davon. Nun redet sie nicht mehr mit mir."

 

Ich bereute es in dem Moment, das gesagt zu haben. Ich sah die vielen Fragezeichen im Gesicht meiner Ärztin. Nichts hatte ich klarer gemacht mit meinen Worten.

Wie sollte ich ihr auch erklären, warum ich die eigene Mutter verfolgte, weil sie einen Freund in Berlin besuchen wollte? Einen Freund, den ich kenne, der fast acht Monate mein Stiefvater war, als meine Mutter meinen Vater verlassen hatte.

Mir war von Anfang an klar, dass ich dieser Ärztin keine Erklärung würde geben können, die verhinderte, dass sie mich für verkorkst hielt. Wie sollte sie mich auch nicht für verkorkst halten...? Was habe ich denn schon aufzubieten mit meinen 33 Lebensjahren? Viele gescheiterte Beziehungen, ein nutzloses Germanistikstudium und nun arbeite ich schon seit vielen Jahren „vorübergehend“ für einen Hungerlohn als Familienhelfer, obwohl ich selbst nicht mal eine Familie habe.

 

Ich weiß, ich bin eine Enttäuschung. Für meine Familie und vor allem für meine Mutter. Aber hatte ich überhaupt eine Chance, meine Mutter nicht zu enttäuschen? Das waren auch die letzten Worte, die sie sagte, bevor sie mein Krankenzimmer verließ: „Du glaubst gar nicht, wie sauer und enttäuscht ich bin. Ich habe dich nicht darum gebeten, dich ich mein Leben einzumischen. Kümmere dich um deines, da hast du genug zu tun!“

 

Sie hätte mich nicht darum gebeten mich einzumischen... Doch warum wusste ich davon, was sie vorhatte, und zwar als Einzige? Was hätte ich denn anderes machen sollen, nachdem mein Vater bei mir anrief und fragte, ob ich wisse, wo meine Mutter sei? Sie sei nicht arbeiten und auch auf dem Handy nicht zu erreichen. Und dann las ich ihre Textnachricht: „Habe mir spontan frei genommen. Bin auf dem Weg nach Berlin. Falls Papa fragt: Ich melde mich später bei ihm.“ Was also hätte ich anderes machen sollen, als meinen Vater zu beruhigen, dass ich mich kümmern würde, nach dem Autoschlüssel zu greifen und ihr hinterherzufahren?

„Kümmere dich um dein Leben, da hast du genug zu tun!“ Das war wieder typisch für meine Mutter, dass sie das sagte, um dann mein Zimmer zu verlassen. Was andere Menschen tun müssten, um ein erfülltes, richtiges und glückliches Leben zu leben, das war ihr Thema. Schließlich hatte sie mal Philosophie studiert, vor vielen, vielen Jahren in Leipzig. Damals lag Leipzig noch in der DDR, die Universität, an der sie studierte, hieß Karl-Marx-Universität und was sie studierte, war auch nicht Philosophie, sondern hieß „Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus“.

Und solange ich zurückdenken kann, hat sie nie etwas anderes getan, als anderen Menschen vorzuschreiben, was sie tun müssen, um richtig zu leben. Wer da vor ihr saß, war und ist ihr egal. Ob es ihre Tochter war, der sie immer wieder mitteilte, wie klein, wie arm das Leben war, welches manche Menschen lebten, was der Unterschied zwischen Leben und Überleben ist, warum man eine Spur in seinem Leben hinterlassen sollte. Oder ihre Studenten, denen sie Normen mitgab, die begründet waren in einer richtigen, eben wissenschaftlichen Weltanschauung. Oder wenn sie jetzt als Kundenbetreuerin bei der Bank ihr Wissen über Produkte, über ökonomische und politische Zusammenhänge dazu nutzte, um ihren Kunden etwas aufzuschwatzen.

Meine Mutter glaubte schon immer zu wissen, was andere Menschen tun sollten. Sie war dafür ausgebildet worden, anderen Menschen eine geschlossene Weltanschauung zu lehren, „begründete Handlungsanweisungen“ zu vermitteln. Sie ist im Geiste immer eine Stalinistin geblieben.

 

„Was werfen Sie Ihrer Mutter eigentlich vor?“, fragte die Ärztin.

„Dass sie mich verkorkst hat.“

„Und wie hat sie das geschafft?“, fragte sie weiter.

„Weil sie tief im Innersten eine Stalinistin geblieben ist.“

„Okay“, sagte sie und ich konnte zusehen, wie sie innerlich zusammenpackte. „Das übersteigt meine Kompetenz. Aber wenn sie einverstanden sind, schicke ich einen Kollegen vorbei, der sich damit auskennt.“

Genauso lief das erste Gespräch mit meiner Ärztin ab, nachdem sie mir die gute Nachricht übermitteln konnte, dass ich Glück gehabt hätte und mit einer Gehirnerschütterung, Schürfwunden und Prellungen davongekommen sei, wie die Untersuchungen ergaben.

Das haben wir besprochen, das habe ich gefühlt und gedacht bei diesem Gespräch. Und genauso solle ich alles aufschreiben, stand in dem kurzen Brief des Krankenhauspsychologen, den die Ärztin mir am Nachmittag desselben Tages noch vorbeibrachte, zusammen mit einem Kugelschreiber und einem leeren Heft. Er werde „die Tage mal reinschauen“, schrieb er mir. Bis dahin solle ich alles aufschreiben, was mich beschäftigte. Aufschreiben würde mir helfen, meine Motivation und die wirklichen Gründe zu verstehen, die zum Unfall geführt hätten, und was das alles mit meiner Mutter zu tun habe. Auch eine Aufgabe hatte er gleich für mich: Ich möge fünf Gründe niederschreiben, warum ich solche Probleme mit meiner Mutter habe.

Das sollte mir doch ein Leichtes sein, dachte ich sofort.

 

 

2. Fünf Gründe

 

Die fünf Gründe, warum es mit meiner Mutter so schwierig ist:

1. Meine Mutter denkt heute noch genauso wie vor 30, 40 Jahren, obwohl wir inzwischen in einem anderen System leben, obwohl sich die Welt verändert hat. Trotzdem glaubt sie, dass das, was sie damals gelernt und gedacht hat, weiterhin gültig ist und ihr erlaubt, sich über ihre Mitmenschen zu erheben, ihr Tun und Leben zu beurteilen. Gerne redet sie davon, dass es ein richtiges, gutes Leben, ein Leben, das einen Wert hat, gibt, aber eben auch ein kleines, armseliges Leben, das eigentlich ein Überleben ist. Und sie wisse, was hier den Unterschied ausmacht. Ich bin mir sicher, dass ich in ihren Augen auch ein kleines, erbärmliches Leben führe.

2. Sie ist einschüchternd, weil sie redegewandt und klug ist, weil sie jeden wissen lässt, dass sie eine studierte Philosophin ist und für ihr Alter immer noch sehr gut aussieht. Das wird auch der Grund dafür sein, dass sie als Vermögensberaterin so erfolgreich ist, weil ihre Kunden ihr nicht gewachsen sind, weil sie jedem einreden kann, was er wirklich braucht, weil sie jedem alles aufschwatzen kann.

3. Sie hat vor vielen Jahren für acht Monate meinen Vater verlassen, die Familie auseinandergerissen und seitdem nichts gesagt und getan, was mich (und wahrscheinlich auch meinen Vater) davon überzeugen könnte, dass sie es nicht jederzeit wiederholen könnte. Sie vermittelt uns immer das Gefühl, dass wir, die Familie in dem Moment unwichtig, unbedeutend werden würden, wenn sie ein Angebot, eine Idee hätte, die ihr und ihren Fähigkeiten mehr entsprächen.

4. Meine Mutter hat sich nie wirklich für meine Begabungen interessiert. Anders als bei Tante Susi, die heute noch im Chor singt, bin ich von ihr nie ermuntert und unterstützt worden, etwas aus meinem Gesangstalent zu machen. Vielleicht würde ich heute auf der Bühne stehen und singen, wenn meine Mutter mich mehr gefordert, mir auch mal "einen Tritt in den Hintern verpasst“ hätte.

5. Meine Mutter vermochte es schon immer sehr gut, mit kleinen Hinweisen, wie zufällig dahingesagten Bemerkungen, mit regelmäßigen Sticheleien mir zu verstehen zu geben, welch große Enttäuschung ich für sie bin. Ich habe das immer heruntergeschluckt, nie etwas gesagt, bis ich irgendwann nicht mehr konnte. Um dann in schöner Regelmäßigkeit etwas zu sagen, wofür sie mich ungerecht und undankbar schimpfte. Und ich wette: Jeder ihrer Freunde wird ihr zugestimmt haben, wenn sie über unseren Disput berichtet hatte. Denn niemand durfte so mit seiner Mutter reden, wie ich es tat.

 

3. Therapiescheu

 

Seitdem ich weiß, dass der Psychotherapeut vorbeikommen wird, versuche ich mich darauf vorzubereiten. Was wird er mir mitteilen wollen? Was wird er sagen zu dem, was ich aufgeschrieben habe?

Leider fallen mir nur Sachen ein, die ich nicht möchte, die er mir nicht erzählen braucht. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass er das, was er von mir gehört hat, was ich niedergeschrieben habe, als Steilvorlage nutzen wird, um unsere Mutter- Kind- Beziehung als Folge oder Spätfolge der DDR- Unterdrückung, der besonderen Sozialisation ostdeutscher Frauen und Mütter darzustellen.

Er sollte nicht anfangen damit, mich therapieren zu wollen. Nein, würde ich ihm sagen, ich habe keine psychische Störung, weil meine Mutter berufstätig war, weil sie mich zu wenig bemuttert hätte. Ich bin immer gerne in den Kindergarten gegangen, da waren Vivien, Sabrina und Johanna, meine Freundinnen, mit denen ich stets gespielt habe, da lernten wir jeden Tag etwas Neues und hatten einen schönen Garten mit Rutsche, in dem wir nach der Mittagsruhe herumtollen konnten. Im Gegenteil. Ich wollte immer zu "meinen Kindern“, zu meiner Gruppe. Auch wenn es mir schlecht ging, ich mit Fieber im Bett lag, und ich von meiner Mutter jedes Mal verwöhnt wurde mit Lieblingsessen, Lieblingsfilm und Vorlesen meiner Lieblingsgeschichte.

Schon gar nicht brauche ich jemanden, der mir erklärt, wofür meine Mutter nichts kann. Der mir erklärt, wie sie durch das System, durch das Land, in dem sie aufgewachsen ist, krank gemacht, neurotisiert wurde. Vielleicht gehört er zu den Therapeuten, die auch der Meinung sind, dass alle ehemaligen DDR- Bürger auf die Couch gehörten, weil sie unter einem Identitätsverlust leiden. Vielleicht wird er mir mitzuteilen versuchen, dass meine Mutter zu den Kriegsenkeln gehört und was damit erklärt werden kann.

Ich weiß, was mit Kriegsenkeln gemeint ist. Aber ich kenne auch meine Großeltern und die sind alles andere denn gefühlskalt und emotional nicht zu erreichen. Und ich kenne meine Tante Susi, die bei den gleichen Eltern groß geworden ist und ganz anders ist als ihre kleine Schwester: liebevoll, umgänglich und an mir interessiert.

Nein, es ist absurd, woanders oder bei anderen Menschen die Schuld für etwas zu suchen, was meine Mutter ganz allein gewählt hat. Niemand hat sie gezwungen und ihr Scheitern zu verantworten, weil sie das falsche Studium gewählt, auf das falsche System, die falsche Weltanschauung gesetzt hatte. Und da sie unfähig ist, sich selbst ihr Scheitern einzugestehen, glaubt sie noch immer, sie hätte anderen Menschen, ihrer Tochter etwas mitzuteilen, was hilfreich ist.

 

Vielleicht wird das Gespräch mit dem Therapeuten ganz anders ablaufen. Doch eines bin ich mir sicher: Er wird mir raten, mich auffordern, meine Beziehung zu meiner Mutter aufzuarbeiten. Doch wie soll das gehen, wenn sie nicht mit mir redet und ich sie nicht fragen kann?

Ich bin gespannt, wie er antworten wird, wenn ich ihm diese Frage stellen werde. Wie wird er wohl reagieren, wenn ich ihm mitteile, dass ich keinen Sinn darin sehe, alleine und von mir aus meine Beziehung zu meiner Mutter aufzuarbeiten? Ohne von ihr fordern zu können, was sie schon lange hätte tun müssen: nämlich eine tragfähige Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen. Gelegenheiten dazu gab es zur Genüge, schließlich kennt sie mich von Anfang an.

 

4. Anne und Bernd

 

Was ist das zwischen meiner Mutter und Bernd, dass sie, obwohl es fast dreißig Jahre her ist, als sie für gerade mal 8 Monate ein Paar waren, einfach zu ihm fährt, wenn er nach ihr ruft? Denn offensichtlich hat sie all die Jahre nie den Kontakt verloren zu ihm. Was ist in diesen acht Monaten passiert?

Ich erinnere mich bruchstückhaft, denn ich war ja dabei mit meinen damals vier Lebensjahren. Deshalb die bruchstückartigen Bilder, die aber sehr deutlich sind. Wie Bernd, den ich vorher noch nie gesehen hatte, eines Tages in unserer Küche saß. Ich soll ihm „Löcher in den Bauch“ gefragt haben, wie mir später berichtet wurde: Wer bist du denn? Woher kennst du meine Mama? Hast du Kinder? Schläfst du heute bei uns?

Amüsiert hatte Bernd meiner Mutter berichtet, dass ihre Tochter ihn eingeladen habe, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Das mache sie jedes Mal, weil sie dann länger aufbleiben darf, stellte meine Mutter die Situation klar. Natürlich könne er auf der unbequemen Wohnzimmercouch übernachten, wenn er es mag, von Hanna um halb sechs mit der Frage geweckt zu werden, ob er mit ihr spielen möchte...

 

Ich war anfangs ja viel allein mit meiner Mutter. Denn in den ersten Jahren führten meine Eltern eine "Fern-Ehe“. Martin hatte nach dem frühen Tod seines Vaters, meines Opas, den ich leider nicht kennenlernen durfte, das Geschäft übernommen, stand von Montag bis Samstagmittag hinterm Ladentisch und in der Werkstatt und verkaufte und reparierte Uhren. Während Anne, nachdem sie ihre Ausbildung beendet hatte, nun in einer Bankfiliale in der Leipziger Innenstadt arbeitete. Hatte sie doch keine Ambitionen, nach Mühlhausen zu ziehen, obwohl sie auch dort bei einer Bank hätte arbeiten können. Meine Mutter wollte nicht in die Kleinstadt zurück, sie wollte in Leipzig leben. Also sah ich meinen Vater immer nur am Wochenende, wenn wir nach Mühlhausen fuhren oder er uns besuchte.

Es gab keinen Grund für mich, Bernd nicht freudig zu begrüßen, wenn er zu Besuch kam. Er spielte mit mir, wir bauten Türme aus Lego-Bausteinen, er las mir vor, holte mich vom Kindergarten ab, wenn meine Mutter langen Dienst hatte. Oft gingen wir ins Schwimmbad und Bernd zeigte mir, was ich machen musste, um über Wasser zu bleiben.

Einmal fragte ich meine Mutter, warum Bernd so schöne Sachen konnte, und sie erklärte mir, dass auch er ein Papa sei von zwei Mädchen, von Zwillingen. Doch die seien schon älter, größer als ich. Ich nickte. Das war alles, was ich wissen musste. Begegnet bin ich seinen Töchtern nie.

Ich glaube, ich mochte Bernd. Ich wusste auch nicht, warum ich ihn nicht mögen durfte. Bis ich merkte, dass mein Vater traurig guckte, wenn ich am Wochenende erzählte, was Bernd und ich so zusammen machten. Dann sah ich, dass Bernd in dem Bett schlief, das meinem Vater vorbehalten war, und immer öfter blieb meine Mutter in Leipzig, wenn mein Vater mich abholte und mit mir nach Mühlhausen fuhr.

Eines Tages sagte ich zu meiner Mutter: "Ich möchte nicht mehr von Bernd abgeholt werden.“

„Und warum?“

„Weil Papa dann traurig ist...“

Da nahm sie mich in die Arme: „Meine Kleine.“

 

Drei Monate nach diesem Gespräch war Bernd wieder weg. Er verabschiedete sich mit den Worten, dass er wieder nach Berlin zurückmüsse, dass seine Aufgabe in Leipzig zu Ende sei. Was auch stimmte. Denn das Forschungsprojekt, das er mit Peter, seinem alten Studienfreund konzipiert hatte, um bei der Volkswagenstiftung ein Stipendium zu erhalten, hätte sich erledigt. Aber es war nicht die einzige Erklärung. Dafür sprach, dass ich kurz vorher auch bei Bernd die gleichen traurigen Augen sah wie bei meinem Vater, als ich ihn einmal in der Küche traf.

Es hat eben nicht funktioniert mit dem Zusammenleben, sagte meine Mutter irgendwann mal über diese Zeit, lapidar.

Dann kam der Sommer. Mein 5. Geburtstag stand an und meine Eltern kündigten ein großes Geschenk, eine große Überraschung an. Das war sie auch. Denn sie eröffneten mir, dass mein Vater sein Geschäft verkauft hatte, zu uns nach Leipzig ziehen würde, dass wir eine größere Wohnung suchten mit einem schönen Kinderzimmer. Es war das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen hatte und bekommen würde, da war ich mir ganz sicher. Und ich würde alles tun, damit meine Eltern für immer zusammenbleiben. Das versprach ich mir.

 

Nachtrag

 

Als ich das niedergeschrieben hatte, fiel mir plötzlich das bevorstehende Gespräch mit meinem Therapeuten ein: Wie er sich freuen wird, wenn er das liest- über meine Steilvorlage, die er annehmen wird. Weil sie eine Erklärung dafür bietet, warum ich noch immer denke, auf meine Mutter aufpassen zu müssen, warum ich ihr hinterher gefahren bin. Vielleicht wird er mir erzählen, dass er es in seiner Praxis immer wieder erleben müsse, dass Kinder, die eine Trennungserfahrung durchleiden mussten, sich dann, wenn ihre Eltern wieder zusammen sind, besonders angepasst verhalten, sich besonders in die Pflicht nehmen, um keinen Anlass zu bieten, dass ihre Eltern sich streiten, sich wieder entzweien könnten.

Ich kenne diese Erklärungsmuster. Ich habe diverse Artikel darüber gelesen und mich jedes Mal gefragt, welche Schlussfolgerung man daraus ziehen sollte. Dürften nur Menschen, die sich sicher sind, niemals, in keinem Fall auseinander zu gehen, Kinder in die Welt setzen, um ihnen nicht zuzumuten, Trennungserfahrungen zu durchleiden?

Darüber könnte man trefflich streiten, aber es ist nicht mein Thema. Denn ich weiß noch immer nicht, warum meine Mutter zu Bernd fuhr, was er ihr war und ist. Und das verunsichert mich.

 

5. Besuch von Martin

 

Mein Vater war heute da. Wie habe ich mich gefreut, als ich seine Nachricht auf meinem Smartphone las.

Ich liebe meinen Papa, seine ruhige, besonnene Art, die bestimmt auch mit seinem Beruf zu tun hat. Denn wer Uhren repariert, ihnen wieder „Leben einhaucht“, wie Martin es nennt, der braucht nicht nur eine ruhige Hand, der braucht auch Geduld und Gleichmütigkeit.

Nichts von dem habe ich, und dass Uhren mich faszinieren würden, kann ich nicht behaupten. Obwohl mein Papa sich alle Mühe gegeben hatte, seine Begeisterung für das Handwerk an mich weiterzugeben. Vielleicht hoffte er, dass sich wiederholen würde, was er erlebt hatte, dass auch ich so in den Bann gezogen würde, wie es bei ihm und seinem Vater passiert war. Meinem Opa, den ich leider nicht kennenlernen durfte, dessen Laden er anfangs weiterführte, aber dann aufgeben musste, weil er zu uns nach Leipzig zog.

Martin war immer der Ruhepol, der "Fels in der Brandung“, wie meine Mutter gerne sagte, und so ganz anders als die anstrengenden „Frauenzimmer“ in seiner Familie. Ihm konnte ich alles sagen, er hörte mir zu. Ganz anders als meine Mutter, für die alles, was ich sagte, nur ein Stichwort war, um ihre Tiraden über mich zu ergießen...

 

Als er da war, grüßte er gleich von meiner Mutter. Ich musste also gar nicht fragen, ob Anne Bescheid wusste über seinen Besuch. Dabei hätte ich es mir denken können. Das hätte Martin sich nicht gewagt, ohne Mutters Einverständnis seine Tochter zu besuchen. Ich hatte so viele Fragen, aber Papa wollte natürlich wissen, wie es mir geht, wie ich gesunde.

Dann zeigte ich ihm das Heft, was ich bisher geschrieben hatte, was der Therapeut von mir verlangte. Er wollte sofort alles lesen.

Als er fertig war. sagte er: "Es tut mir leid, dass du so über deine Mutter denkst. Glaube mir, du tust ihr Unrecht...“

„Findest du?“

„Ja. Ich kenne deine Mutter seit mehr als 40 Jahren und wir waren die ganze Zeit zusammen. ... natürlich abzüglich der besagten 8 Monate...“

Nach einer kurzen Pause, in der ich ihn umarmte, sagte ich: „Ich möchte dir auch nicht weh tun mit dem, was ich herauskriegen und aufschreiben werde.“

Darauf mein Vater: „Mach dir keine Sorgen. Ich weiß schon seit Mitte der 80er Jahre, wer Bernd ist, welche Rolle er in Mamas Leben spielt. Ich wusste auch immer, dass sie für ihn da sein würde, wenn er Hilfe braucht...“

Das sollte ich glauben? Als er mich anrief an dem besagten Tag und mich fragte, ob ich wüsste, wo meine Mutter sei, fühlte sich anders an... Ich glaube eher, dass mein Vater nur bedingt zurechnungsfähig ist, wenn es um Anne geht.

„Frage deine Mutter, sie wird dir alles bestätigen ...“, schickte er noch hinterher.

„Würde ich ja gerne.“

„Sie wird sich schon wieder einkriegen. Das verspreche ich dir.“

 

6. Erste Therapiesitzung

 

Endlich kam der Therapeut vorbei und nichts von dem, was ich befürchtet hatte, trat ein: Keine endlosen psychologischen Monologe, kein Mensch mit Sendungsbewusstsein.

Er überraschte mich mit der Nachricht, dass ich morgen entlassen werde, und wollte mit mir besprechen, wie wir die Therapie ambulant fortführen können.

Dann las er meine ersten Notizen.

„Sehr gut“, sagte er und gab mir das Heft zurück. „Machen sie genauso weiter.“

„Ich habe nur ein Problem: Meine Mutter spricht nicht mit mir.“

„Das weiß ich. Sie haben darüber geschrieben...“

Der Therapeut änderte seine Sitzhaltung, um Zugewandheit zu signalisieren, und sprach: „Dann reden sie mit ihrem Umfeld, ihrer Familie, mit Freunden, Kollegen. Sagen sie ruhig, dass ihre Fragen Teil einer Therapie sind. Das öffnet Türen. Glauben sie mir.“

Ich antwortete mit einem langgezogenen „Okay“.

Er bedeutete mir, dass er weitermusste.

„Haben sie noch eine Aufgabe für mich?“, fragte ich noch schnell.

„Ja, ich würde gerne wissen, seit wann sie so über ihre Mutter denken.“

 

Petra, Annes Kollegin und Arbeitsfreundin, hat mir eine Textnachricht geschrieben und wollte wissen, wie es mir geht. Ich schrieb ihr, dass ich morgen entlassen werde und mich gerne mal mit ihr unterhalten möchte.

Nun sind wir verabredet, nächste Woche, nach Feierabend.

 

7. Anne- die Parteisoldatin

 

Frank hat mir geholfen, meine Mutter genauer zu sehen. Frank war ein Klassenkamerad, ein Schulfreund, der im Nachbarhaus wohnte, weshalb wir von der 5. bis zur 8. Klasse einen gemeinsamen Schulweg hatten. Fast immer warteten wir aufeinander, morgens und nach dem Unterricht, um gemeinsam die Hausarbeiten durchzugehen, uns gegenseitig abzufragen, aber meistens quatschten und lästerten wir über die Lehrer, Mitschüler oder unsere Eltern. Er war der Erste, bei dem ich mich „auskotzen“ konnte, wenn ich eine schlechte Note erhalten hatte, nicht begreifen wollte, wozu ich Physik und Chemie überhaupt brauchte, oder eben Stress mit meiner Mutter hatte. Frank war ein guter Freund in dieser Zeit, aber nicht das, was meine Freundinnen mir immer wieder bedeuten wollten: in mich verliebt. Denn seit dem 13. Lebensjahr wusste ich, dass Frank schwul war. Ich war die Einzige aus der Klasse, die das wusste. Und ich habe sein Geheimnis die ganze Zeit bewahrt.

 

Eines Tages, es war kurz vor dem Ende unserer gemeinsamen Schulzeit und wir hatten uns morgens verpasst, kam Frank vor dem Unterricht auf mich zu: „Können wir nachher zusammen gehen? Ich muss dir unbedingt etwas erzählen.“

Frank hatte ein Gespräch belauscht zwischen seinem Vater und einem Gast, einem ehemaligen Kommilitonen und Arzt wie Franks Vater. Beide hatten sie Medizin studiert an der Karl-Marx-Universität und sie schwelgten in Erinnerungen. Es ging hoch her, ein Bier folgte dem nächsten und sie waren so laut, dass Frank keine Mühe hatte, jedes Wort zu verstehen.

Irgendwann im Laufe des Abends kam die Sprache auf das marxistisch- leninistische Grundlagenstudium, das verhasste ML, das zu jedem Grundstudium dazugehörte. Egal, was studiert wurde, jeder DDR-Student musste in den ersten drei Studienjahren an den Pflichtvorlesungen und - seminaren in Philosophie, Politische Ökonomie und Wissenschaftlicher Kommunismus teilnehmen, ohne die niemand in der DDR Arzt, Ingenieur oder Musiker hätte werden können. Wie um sich gegenseitig zu versichern, wie unsinnig das alles war, was sie in ML beigebracht bekamen, versuchten sie sich zu erinnern an die dialektischen Grundgesetze. „Negation der Negation“ fiel ihnen zuerst ein, dann „Einheit und Kampf der Gegensätze“ und dann „... irgendwas mit Qualität und Quantität“. Der Gast hatte dann den genauen Wortlaut des Gesetzes: „Umschlagen von Quantität in Qualität und umgekehrt“. Jedes Mal, wenn ihnen etwas einfiel, lachten beide und wunderten sich lautstark über sich selbst, dass sie „diesen Scheiß“ noch immer wussten. Aber klar, sie hätten viel auswendig lernen müssen in diesen Fächern, um in ML durchzukommen, um Arzt werden zu können.

Ob er sich noch erinnern könne an den Typ, den sie beim Studentensommer in Bulgarien, in Stara Zagora kennengelernt hatten, diese Witzfigur, fragte dann Franks Vater seinen Gast. Was habe der gleich an ihrer Uni studiert? Diplomlehrer für Marxismus- Leninismus. Die hätten sich dann Philosophen genannt, aber nichts anderes gelernt und gekonnt, als die Parteibeschlüsse zu vermitteln. Ob er noch wisse, was der geantwortet hatte auf ihre Frage, wie man dazu komme, so etwas zu studieren, fragte Franks Vater weiter. Und der Gast erinnerte sich an dessen Worte: Er sei mathematisch und naturwissenschaftlich unbegabt und auch handwerklich eine Niete. Da wäre nicht allzu viel übriggeblieben, was er hätte machen können.

Franks Vater nickte. Solche Leute hätten die auf die Studenten losgelassen und ihnen die Macht gegeben, zu verhindern, dass jemand Arzt oder Chemiker wird. Dabei hätten sie noch Glück gehabt, ergänzte der Gast, dass sie nicht in den zwanziger, dreißiger Jahren in Russland gelebt hätten. Denn da wären Leute sogar zu Klassenfeinden erklärt und erschossen worden, weil sie die Dialektik nicht begriffen hätten. Und wieder lachten sie beide laut. Ein komisches Lachen, das Frank nicht verstand.

 

So endete Franks Bericht. Warum er mir das alles erzählen wollte und musste, war mir schon klar. Hatte ich ihm doch Tage zuvor noch „in den Ohren gelegen“, wie anstrengend und ätzend es sei, eine Philosophin als Mutter zu haben, die immer recht behielt, die gelernt hätte, in jeder Debatte recht zu behalten. Er wollte mich unterstützen, aber was er mir erzählte, machte, dass mir heiß und kalt wurde, dass die Gedanken und Fragen durch meinen Kopf schossen.

War meine Mutter gar keine richtige Philosophin? Und was machte das besser? War das, was sie gemacht hatte, gar ein reines „Parteistudium“ gewesen, war sie nicht mehr als eine studierte „Parteisoldatin“, die die Macht hatte, Menschen ihren Weg zu verbauen? Aber warum studierte man sowas? War es ihr um Macht gegangen? Aber warum sprach sie davon, dass sie Menschen verachtete, denen es immer nur um Macht geht? Weil andere jetzt die Macht haben...? Wie konnte sie etwas lehren, was Menschen benutzten, um ihre Widersacher zu vernichten? Und wieso erzählte sie jedermann, wie gerne sie an ihre Studienjahre zurückdenkt, wie stolz sie darauf sei, einen Universitätsabschluss zu haben?

 

Ich verabschiedete mich von Frank und beeilte mich, in die Wohnung zu kommen, um die Zeit zu nutzen, bis meine Mutter nach Hause kam, ihre Unterlagen zu durchsuchen, um etwas über ihre Studienzeit zu finden.

Es brauchte nicht lange und schon lag vor mir, was ich gefunden hatte: Mutters Diplomarbeit, ihr Zeugnis und der Studienplan für die Ausbildung zum Diplomlehrer für Marxismus-Leninismus. Ich nahm mir den Studienplan und begann zu lesen, was darinstand. Aber ich war viel zu aufgewühlt, um den sperrigen Text sofort zu verstehen. Aber was nicht zu übersehen war: Es ging immer um „die theoretische Aneignung der Lehren von Marx, Engels und Lenin“ und zugleich um „das Studium der Dokumente der Partei“, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Meine Mutter und ihre Kommilitonen waren ausgebildet worden, „fest auf dem Boden der wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei stehende Studenten“ heranzubilden.

Die Verfasser des Studienplanes machten auch kein Hehl daraus, was ihnen wichtig war, nämlich das umfassende Studium der Werke von Marx, Engels und Lenin sowie der Dokumente der SED und der KPdSU. Wer Diplomlehrer für Marxismus- Leninismus wurde, sollte und musste die Fähigkeit erwerben, „zur Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins beizutragen und die Politik der SED den breiten Massen überzeugend zu erläutern“.

Ich legte den Studienplan beiseite und begann das Vorwort zu Annes Diplomarbeit zu lesen. In der ging es um den marxistischen Moralbegriff und sie begründete ihre Arbeit, dass ein vertieftes Verständnis über den Moralbegriff wichtig sei und der sozialistischen Erziehung das theoretische Rüstzeug gebe, ihre Zielsetzung zu erfüllen, nämlich „die Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten mit solchen moralischen Eigenschaften wie Parteilichkeit, ideologische Standhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein“.

Ich hatte genug gelesen und gesehen. Es stimmte alles, was Frank mir berichtet hatte. Nur was ich damit anfangen sollte, wusste ich nicht so recht: Sollte ich meine Mutter sofort darauf ansprechen oder mein Wissen zurückhalten, um etwas in den Händen zu halten, wenn Mutter mal wieder mit allem recht haben musste? Ich wusste aber auch, wie schwer es mir immer fiel, nicht sofort etwas zu sagen, was mich beschäftigte, nicht sofort zu fragen, wenn ich Fragen hatte...

Dann sah ich wenige Tage später eine Reportage über Anlagebetrug in Deutschland, was Berater wie meine Mutter taten, um Geldanlagen zu verkaufen. Die Reportage zeigte, wie verächtlich Bankberater über Kunden dachten, Informationen zurückhielten, logen und betrogen, um hohe Provisionen zu verdienen mit Produkten, die oftmals ältere Kunden um ihr Erspartes brachten. Und erneut türmten sich Fragen auf in meinem Kopf: Hatte meine Mutter auch etwas mit solchen Geschäften zu tun? War sie denn immer dabei und mittendrin, wenn Menschen belogen und betrogen wurden?

 

Und dann kam es doch wieder so, wie es kommen musste. Es bedurfte nur eines heftigen Streites, weil meine Mutter zum wiederholten Male die Anschaffung eines privaten Internetanschlusses ablehnte, den ich mir so sehr wünschte, und schon war es vorbei mit meiner Zurückhaltung.

Meine Mutter glaubte, es mal wieder besser zu wissen als alle anderen. Schließlich hätte sie schon einen Internet-Anschluss an ihrem Arbeitsplatz und erleben können, wie wenig hilfreich das „World-Wide-Web“ bei der Beschaffung wirklich wichtiger Informationen sei. Und sein Geld einfach nicht wert. Ob mir bekannt sei, fragte sie mich nicht wirklich, dass in Schweden und anderen Ländern darüber gesprochen werde, dass das Internet quasi „tot sei“.

Da half es auch nicht, dass ich ihr berichtete, dass wir ab der 9. Klasse Computer im Unterricht nutzten würden, die aber so alt waren, dass eine Internetrecherche immer wieder auf technische Schwierigkeiten stieß. Und als ich ihr mitteilte, dass mittlerweile 9 von 10 Mitschülern einen Internetanschluss zu Hause haben und das Internet auch zum Lernen nutzten, da lachte sie mich aus. Ich sei doch nicht so naiv zu glauben, das Internet sei erfunden worden, um Menschen beim Lernen zu helfen, Informationen leichter zugänglich zu machen, und nicht das, was es wirklich ist, nämlich eine Plattform, die entwickelt wurde, um wirtschaftliche Prozesse effektiver, schneller, gewinnbringender abzuwickeln. Um dann etwas zu wiederholen, was ich schon etliche Male von ihr hören durfte: Wenn ich Unterstützung bräuchte, an Informationen zu kommen oder beim Recherchieren, dann solle ich sie fragen. Denn schließlich hätte sie das studiert.

Da platzte es aus mir heraus: „Du tust immer so, als wäre dein Studium das Non-Plus-Ultra gewesen. Dabei weiß ich schon lange, wer du warst und was du bist: eine ehemalige Parteisoldatin und nun eine Verkäuferin, die ihren Kunden Scheißprodukte aufschwatzt.“

Ich hatte so viel Wut in meine Rede gelegt, wie mir möglich war. Doch meine Mutter reagierte ganz anders, als ich erwartet hatte. Sie schrie nicht zurück, sondern sah mich mitleidig an, während sie fragte: „Hanna-Kind, wo hast du denn das her?“

 

8. Die Frau Kollegin-Kommilitonin

 

„Itta“ kam vorbei. Ich war gerade ein paar Stunden zu Hause, hatte meine Tasche ausgepackt, etwas eingekauft, meine „therapeutischen Aufgaben“ erfüllt, als sie an meiner Tür klingelte. Ich freute mich über ihren Besuch.

„Itta“- so nannte ich anfänglich Britta, die beste Freundin meiner Mutter, ihre Lebensfreundin seit mehr als 30 Jahren. „Itta“ war eines der ersten Worte, besser: eine der ersten Buchstabenkombinationen, die ich sagen konnte, als ich sprechen lernte. Denn Britta und Basti, ihr ein Jahr vor mir geborener Sohn, gehören zu meinem Leben, seit ich auf der Welt bin. Basti war mein erster Spielpartner und regelmäßiger Schlafgast, Britta meine „Ersatzmutter“ an vielen Abenden, wenn meine Mutter späte Termine hatte, Britta Basti und mich vom Kindergarten abholte und ich die Nacht bei ihnen verbrachte.

Hätte ich mir eine Mutter auswählen können, Britta wäre meine erste Wahl gewesen. Ich habe Basti diesen Tausch sogar einmal angeboten, im Spaß natürlich. Aber selbst im Spaß sagte er ab. Ich konnte ihn verstehen.

 

Die Geschichte ihrer ersten Begegnung kenne ich sehr gut, weil Britta und Anne sie immer wieder gerne erzählt haben. Es war der erste Studientag, der Tag der Technischen Immatrikulation, als sie sich das erste Mal begegneten.

Britta stand unschlüssig im Vorraum, von dem aus es zu den Fahrstühlen ging, mit denen die im Hochhaus befindlichen Sektionen erreichbar waren. Anne sah sie schon von Weitem (Sie war nicht zu übersehen mit ihren fast 1,90 m Körpergröße.) und trat auf sie zu: „Erster Tag? Technische Immatrikulation?“

Britta nickte.

„Und wo musst du hin?“

„23. Etage“, antwortete Britta.

Woraufhin Anne eine einladende Geste machte. „Dann komm mit! Genau da möchte ich auch hin.“

Der Fahrstuhl war fast voll, sie fanden gerade noch Platz darin. Zum Glück hielt er mehrmals und leerte sich zusehends. Als sie sich wieder bewegen und atmen konnten, fragte Britta: „Dann sind wir wohl demnächst Kollegen?“

„Ich glaube, das heißt „Kommilitonen“ “, verbesserte Anne ihr Gegenüber.

Was folgte war Schweigen, nur für wenige Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, in denen beide ihr neues Gegenüber beobachteten, belauerten, ob Britta sich stören würde an Annes Besserwissertum, ob Anne eine entschuldigende Geste zeigen würde. Doch es passierte nichts.

Und dann, wie auf ein Signal hin, fingen beide an lauthals zu lachen, was die anderen Mitfahrenden sichtlich irritierte und störte. „Also gut, Frau Kollegin-Kommilitonin, ich bin Britta“. Und mitten hinein in ihr gemeinsames Lachen drückte Anne Brittas Hand, um sich auch vorzustellen.

 

An dieser Stelle des Berichtes sagte Britta in der Regel: „Da wusste ich: Das passt. Von da an waren wir unzertrennlich.“

Britta lebte damals noch in Potsdam, zusammen mit ihrem Freund, der auch Bastis Vater ist. Sie ist gelernte Erzieherin mit Fachschulabschluss und hatte vor dem Studium drei Jahre in einem Kinderheim gearbeitet. So erfüllte sie die Voraussetzungen für das Studium, während die meisten Studentinnen- wie auch Anne- vor dem Studium eine Funktionärstätigkeit bei der Freien Deutschen Jugend ausüben mussten, um zum Studium zugelassen zu werden.

Seit 1990 arbeitet Britta wieder als Erzieherin. Nachdem sie das Einstellungsverfahren erfolgreich bewältigt hatte, in dem sie die Kommission zu überzeugen wusste, dass sie trotz ihres Studiums, trotz ihrer „ideologischen Prägung“ keine „Gefahr für die Kinder“ darstellte. Diese Worte benutzte Britta damals, als ich eigentlich nur wissen wollte, warum Basti in Potsdam geboren wurde und doch niemals dort lebte, warum sie damals nach Leipzig gezogen sind und dageblieben sind. Da war ich gerade 13 Jahre alt, was Britta nicht daran hinderte, mir bereitwillig alles zu erzählen: Von Bastis Geburt, der Trennung von ihrem Freund im selben Jahr, ihrer Entscheidung nach Leipzig zu ziehen, wie belastend sie das Einstellungsverfahren fand und wie gerne sie in der Kindertagesstätte arbeitete, die sie heute sogar leitet.

Und ich erinnere mich daran, dass ich mich wie eine Erwachsene behandelt fühlte, weil Britta mir das alles erzählte, weil sie mich ernst nahm ...

 

„Du weißt, was der Therapeut von mir verlangt?“, fragte ich sie.

Britta nickte: „Ich finde das gut.“

Da ich wohl unüberzeugt dreinschaute, ergänzte sie: „Niemand würde sich mehr darüber freuen, wenn ihr das hinkriegt. Du kannst mich auch alles fragen. Aber erwarte nicht, dass ich irgendwie Partei ergreife. Du weißt, ich liebe deine Mama. Und dich liebe ich auch.“

Hat meine Mutter eine solche Freundin verdient? Kann jemand, der Britta kennt, wirklich glauben, dass sie eine beste Freundin hat, die kein toller Mensch ist?

 

9 Nachricht an Bernd

 

Ich habe Bernd kontaktiert. Mir war seit Tagen klar, eigentlich schon seit Beginn der Therapie, dass ich das machen musste. Ich würde Bernd als „Kronzeugen“ brauchen. Erst recht jetzt, da meine Mutter als Gesprächspartnerin nicht zur Verfügung stand.

Aber ich scheute mich auch davor, diesen Schritt zu tun. Denn ich traue mir selbst nicht über den Weg, was Bernd betrifft. Ich bin nun mal nicht unempfänglich für seine Art, sich auszudrücken, für seinen Humor, sein Lachen. Immer wieder musste ich erleben, wie ich mich in seinem Beisein mich mädchen- und „mäuschen“haft aufführte.

Dabei weiß ich schon lange, dass, woran immer ich meiner Mutter die Schuld gebe, Bernd einen großen Anteil daran hat, dass es kontraproduktiv ist, ihn zu früh „von der Leine zu lassen“, wie es mir ständig passierte.

Also nahm ich mir vor, es diesmal besser zu machen, als ich nach meinem Smartphone griff und per WhatsApp nachfragte, wie es ihm geht. Was sollte falsch daran sein, sich freundlich nach seinem Befinden zu erkundigen?

Er habe seine Herzklappen-Operation gut überstanden und sei jetzt auf dem Wege nach Wolletz, wo er eine dreiwöchige Reha-Kur absolviert, schrieb er mir zurück. Er würde sich über einen Wochenendbesuch von mir freuen. Wir könnten uns in Angermünde treffen und gemeinsam etwas unternehmen, uns Zeit nehmen, um zu quatschen.

Das war genau das, was ich mir gewünscht hatte. Freudig nahm ich seine Einladung an und wir verabredeten uns. Und für mich dachte ich: Ich werde vorbereitet sein.

 

10. Mit Kapital die Welt verändern

 

Gestern nach langer Zeit mal wieder in der Waldsiedlung: Das nordöstliche Zentrum von Leipzig mit dem Rosental, dem Zoo und dem „Mückenschlösschen“ war viele Jahre ein bevorzugtes Ziel von mir. Und tatsächlich wohnt Petra, die Kollegin und Arbeitsfreundin meiner Mutter, nur wenige Straßenzüge von dem Haus entfernt, in dem meine erste beste Freundin lange Jahre zu Hause war. Vivien kannte ich seit dem Kindergarten. Ich erinnerte mich, wie traurig ich war, als ihre Eltern mir erzählten, dass sie wegziehen, dass Vivien und ich nicht gemeinsam eingeschult und zusammen zur Schule gehen würden. Und obwohl Leipzig- Schönefeld und die Waldsiedlung einiges voneinander entfernt lagen, war ich viele Jahre ein gern gesehener Gast, bis ich neue Freunde fand in meiner Klasse, die ich besuchen konnte, ohne durch die halbe Stadt fahren zu müssen.

 

Ich solle einfach nach dem schönsten Haus in der Straße schauen, hatte Petra mir noch auf den Weg gegeben. Denn tatsächlich war ich das erste Mal in ihrer Wohnung. Dabei kannte ich Petra schon viele, viele Jahre von diversen Geburtstagsfeiern und kurzen Begegnungen. Wir hatten von Anfang an "einen Draht zueinander“. Ich mag ihre Geschichten und wie sie die erzählt. Gerne hörten wir zu, wenn sie von ihren „Pariser Jahren“ berichtete, in denen sie als Dolmetscherin an der DDR-Botschaft in Paris arbeitete, von dem guten französischen Leben, das sie als Botschaftsmitarbeiterin genießen konnte.

Wie habe ich gelacht, als sie die Geschichte ihrer Vorgängerin erzählte, die Anfang der achtziger Jahre nach Ost-Berlin zurückbeordert wurde. Sie hatte eine damals siebenjährige Tochter, die, um an der Polytechnischen Oberschule weiter beschult werden zu können, den obligatorischen Schuleignungstest absolvieren musste. Als die Pädagogen der Tochter Bilder mit Äpfeln und Birnen vorlegten, antwortete sie nicht nur, dass sie Äpfel und Birnen erkennen würde, sondern erklärte wortreich, welche Früchte sie aus Frankreich kenne: „In Paris gibt es leckere Kiwi, Mangos, Ananas und Bananen. Aber hier in der DDR gibt es immer nur Äpfel und Birnen.“

Oder wie sie ihren Auftritt während des Bewerbungstrainings nachspielte, das Teil der Umschulung war, die Petra und meine Mutter gemeinsam von 1990 bis 1992 absolvierten. Jedenfalls sollte Petra vor laufender Kamera die Personalchefin, die von Anne gespielt wurde, davon überzeugen, sie einzustellen, indem sie glaubhaft zu machen versuchte, dass sie, die jahrelang in Paris gelebt und gearbeitet hatte, dankbar und hochmotiviert wäre, als Angestellte bei dieser Bank arbeiten zu dürfen: Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen wollte. Doch wie sie das erste Mal aufblickte und Anne in die Augen sah, mussten beide so herzhaft und ansteckend lachen, dass auch der Rest der Klasse nicht an sich halten konnte.

 

Nun stand ich vor dem Haus, vor der richtigen Adresse und bewunderte die schöne rot-weiße Fassade, die Erker mit den Spitzdächern. Ich blieb sogar noch etwas länger stehen, um Zeit zu gewinnen. Mir war flau im Magen. Wie hatte der Therapeut gesagt? Ich solle meine Situation beschreiben. So könnte ich alles erfragen und erfahren.

Dabei gab es keinen Grund, unruhig und besorgt zu sein. Denn was ich mir von dem Gespräch mit Petra versprach, nämlich Informationen über ihre gemeinsame Zeit als Umschülerinnen, über die Zusammenarbeit und Annes Auftreten als Bankangestellte- all das würde mir Petra bereitwillig erzählen, ohne dass ich die „Funkstille“ zwischen meiner Mutter und mir erwähnen müsste. So wie ich Petra kennengelernt hatte. Und so kam es auch.

Doch bevor wir ins Gespräch kamen, machte sie erst mal eine Führung durch die Wohnung. Wirklich eine Führung! Denn diese Wohnung war ein Palast, mehr als 100 Quadratmeter groß, vier große Zimmer, Parkettboden, gefliesstes Bad mit Dusche und Wannenbad. Sie hatte diese Wohnung 2005 gekauft, nach der Sanierung des ursprünglich um 1900 gebauten Hauses, zusammen mit ihrem Mann, einem in Köln geborenen Immobilienmakler. Ihn hatte sie in der Silvesternacht 1989 in Berlin kennengelernt und ihm war sie der Liebe wegen nach Leipzig gefolgt, als er das Maklerbüro aufbaute, das er bis heute leitet.

Passend zur Führung trug Petra Businesskleidung, farblich gut abgestimmt zu ihren kurzen roten Haaren. Sie schien zu sehen, was ich dachte, und sagte gleich: „Entschuldige bitte, aber ich habe es nicht geschafft, mich noch umzuziehen. Ich hatte mich mit deiner Mutter festgequatscht. Anne hatte mal wieder einen längeren Disput mit Terzer...“

„Euern Chef?“

„Du kennst ihn?“

„Nur dem Namen nach.“

Ich musste schmunzeln. Petra machte es mir leicht. Ich geriet gar nicht in Verlegenheit, mich erklären zu müssen, warum ich da war, zu fragen, was ich wissen möchte.

„Ist Terzer ein guter Chef?“, fragte ich nur und schon redete sie wieder los.

Er ließe sie in Ruhe und wenn man wolle, könnte man deshalb sagen, er ist ein guter Chef. „Er ist klug genug, uns in Ruhe zu lassen. Aber eigentlich ist er eine arme Sau...“

Warum er das sei, erklärte Petra auch sofort. Denn man müsse sich nur vergegenwärtigen, womit sich Terzer den ganzen Tag beschäftigte: Statistiken lesen, Sitzungen vorbereiten, zu Sitzungen fahren, Sitzungen nachbereiten, Mitarbeitergespräche führen, aber fast überhaupt nie mit Kunden. „Ich würde mich an seiner Stelle ständig fragen, ob irgendetwas wirklich wichtig ist, die Bank weiterbringt von dem, was ich den ganzen Tag mache.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Wir sind ihm mal im Flur begegnet, da fragte Anne: ´Na, Herr Terzer. Wie viele Euro haben sie heute schon für unsere Bank verdient? `“

Petra belachte diese Geschichte noch sekundenlang weiter. „Das ist deine Mutter, Hanna“, sagte sie zwischendurch.

Für einen Moment war ich versucht zu fragen, ob meine Mutter nicht befürchten musste, Ärger zu bekommen mit solchen Aktionen. Doch ich ließ es gleich. Wusste ich doch die Antwort längst, Petra hatte es mir schon gesagt: Dass würde Terzer nicht wagen. Noch jemand, den meine Mutter einzuschüchtern vermochte.

Plötzlich erinnerte ich mich an eine Begegnung mit Terzer. Ich war mit meiner Mutter zum Mittagessen verabredet und wartete im Kassenbereich auf sie, da kam er auf mich zu und grüßte flüchtig. Ein Mittvierziger, hager, einen Kopf kleiner als ich, mit dunklen, inzwischen graumelierten Locken. Er war im Stress, hatte offensichtlich seine Pause genutzt, um einen großen Blumenstrauß zu besorgen. ´Bestimmt Hochzeitstag`, war mein erster Gedanke.

Petra hatte sich inzwischen ausgelacht und sah aus, als würde sie jede Sekunde fragen wollen, wie es mir denn so ginge. Da ich das nicht wollte, kam ich ihr zuvor. Ich erkundigte mich einfach nach Mutters heutigem Disput mit ihrem Chef. Sie hatten ja offensichtlich darüber geredet...

Petra zierte sich auch nur kurz, auf meine erneute Frage zu antworten, und ich hörte artig zu. Das war mir hundertmal lieber als über mich reden zu müssen.

Soweit ich es verstanden habe, ging es um Annes Lieblingsthema, nämlich um flache Hierarchien und Kompetenzen für die Verkäufer, die es brauche, um kundenorientiert und erfolgreich Finanzprodukte verkaufen zu können. Dafür bedurfte es- wie Anne es nannte- „Entscheider vor Ort“. Also Leute, die Kunden Lösungen anbieten können, die einen Mehrwert für sie darstellen. Verfügten Banken über solche Entscheider, dann bräuchte es keine teuer bezahlten Mitarbeiter inklusive Führungskräfte mehr, die den Produktverkauf zentral steuern und kontrollieren.

Wie Petra das erzählte, war offensichtlich, dass sie hier nicht nur Annes Positionen wiedergab. Trotzdem fragte ich sie: „Und denkst du genauso?“

„Ich finde es richtig und wichtig, was Anne will.“

Und als wollte sie das „untermauern“, erzählte sie mir noch eine Geschichte. Nämlich von dem Terzer- Monolog, den sie im letzten Monatsgespräch über sich ergehen lassen musste, der nicht nur an sie, sondern an sie beide, vielleicht noch mehr an Anne adressiert war.

Nach diesem Monolog hätte sie keine Ahnung gehabt, was diesem Menschen Spaß an seiner Arbeit macht. Was er vermittelte, war, dass der Job Bedingung für alles sei, um sich und die eigene Familie zu ernähren, um sich etwas leisten zu können, um zu leben. Deshalb könnte sich niemand leisten, seinen Job zu riskieren. Deshalb müsse man manchmal eben auch Dinge tun, die keinen Spaß machen, die mitunter sogar unsinnig erscheinen. Doch seien sie notwendig, denn niemand dürfte die „Zügel schleifen lassen“, weil niemand durchschauen würde, welche Folgen das hätte. Mehr Vertrauen, mehr Freiraum, mehr Selbstverwirklichung wäre wünschenswert, aber nicht realistisch, denn so würde niemand seine Ziele erreichen.

Nach dieser Tirade habe sich Petra geärgert, dass sie nicht sofort die richtigen Erwiderungen und Antworten parat hatte. Die fielen ihr erst ein, als sie mit Anne gesprochen hatte. Wie hätte sie Petra aus dem Herzen gesprochen, als sie fragte, wo denn geschrieben stehe, dass man seinen Job nur dann gut machen könne, wenn er nicht befriedigend, nicht mit Spaß verbunden sei. Und wie Anne glaube auch sie nicht, dass Terzer an seinem Job nichts findet und hat, was ihn befriedigt und glücklich macht. Aber aus Sorge, er könne unprofessionell wirken, traue er sich nicht, nach außen zu signalisieren, dass er Spaß an der Arbeit hat und haben will. Hinter dieser Tirade verberge sich also nichts anderes als seine eigene Unsicherheit, vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen.

Dabei sei genau das Gegenteil richtig: Die Chance, den eigenen Job zu behalten oder sich weiterzuentwickeln, sei umso höher, wenn man gut ist in dem, was man tut. Und wenn man gut ist in dem, was man tut, dann befriedige die Arbeit auch, dann mache sie Spaß.

„Und an dieser Stelle sagt deine Mutter immer, dass Spaß ein wichtiges Korrektiv ist. Ein Indiz dafür, ob man seine Sache gut macht oder nicht. Wo Spaß die Benchmark ist, da schauen wir genauer hin, ob das, was wir tun, auch gelingt, ob es machbar ist.“

Ich nickte, denn das klang nach meiner Mutter, nach dem, was sie sonst so sagte.

„Ein kluger Mann, der an der Uni sowas wie Annes Mentor war, hätte mal gesagt: Wer betont, dass die Verhältnisse ihm keine Wahl lassen, als das zu tun, was er tut, der sucht nur eine Entschuldigung dafür, dass er nicht das tut, was er für das Richtige hält“, schob Petra nach.

Das musste von Bernd sein, von wem denn sonst...

„Ihr seid richtig beste Freundinnen?“, fragte ich gleich anschließend.

„Zweitbeste Freundinnen“, korrigierte mich Petra.

„Hat sie das gesagt?“

„Nein, das hat sie nicht. Das braucht sie auch nicht. Aber ich weiß doch, wer Britta ist“, stellte sie klar.

Ich nickte: „Ja, Britta ist Britta. Aber sehr viel weniger an Jahren kennt ihr euch doch auch nicht?!...“

„Wir kennen uns seit Sommer 1990, seit der Umschulung. Und dann war es ein großer Zufall und Glück, dass wir bei derselben Bank, in derselben Filiale gelandet sind.“

Natürlich wusste ich, dass sich Petra und Anne seit der Umschulung kannten. Aber ich hatte noch immer keine Lust, von mir zu erzählen. Also fragte ich weiter: „Und wie war Anne so als Umschülerin?“ Und versuchte mein zuckersüßestes Entschuldigungs-Gesicht dabei. Um mich zu entschuldigen dafür, dass ich immer weiter fragte und noch mehr wissen wollte.

„Eigentlich so wie jetzt“, antwortete sie. „Eigentlich so wie immer.“

Dann erst mal nichts. Aber ich sah sofort, dass sie etwas beschäftigte, wie sie zögerte zu sagen, was sie dachte.

„Ich muss dir was gestehen. Aber verrate mich nicht...“ Es hatte fast dreißig Sekunden gedauert, bis sie das sagte. „Anfangs dachte ich, ich komme gar nicht ran an deine Mutter. So hübsch, so klug und witzig. Dazu präsent von Anfang und eine junge Mutter. Eure Generation würde sagen: Sie gehörte einfach in eine andere Liga.“

Petra zog ihren Blazer aus. Ihr war warm geworden vom vielen Reden.

Dann fragte sie mich: „Weißt du eigentlich, dass wir ohne deine Mutter vielleicht alle gar keinen Abschluss geschafft hätten? Ich bin ihr jedenfalls unendlich dankbar, dass sie da nicht locker gelassen hat...“

Ich zuckte nur mit den Achseln, darüber hatte meine Mutter mir gegenüber nie etwas erwähnt. Aber ich war jetzt neugierig gemacht und wollte die ganze Geschichte hören. Also hörte ich zu, was Petra zu berichteten hatte:

 

Für die Umschulung zum „Staatlich geprüften Betriebswirt mit integrierter Ausbildung zum Bankkaufmann mit IHK-Abschluss“ rekrutierte das Leipziger Arbeitsamt ein Münchener Fortbildungsinstitut, das kurz vorher aus einer Sprachschule hervorgegangen war. Die Leiterin der Sprachschule hatte vor allen anderen vorausgeahnt, dass sich mit Umschulungen für ehemalige, inzwischen arbeitslos gewordene DDR- Bürger eine Menge Geld verdienen ließ. Dementsprechend war sie als Erste bei den Arbeitsämtern vorstellig geworden, konnte als Erste Umschulungen anbieten und bekam als Erste den Zuschlag vom Arbeitsamt, Umschulungen durchzuführen.

Als Petra sich arbeitslos gemeldet hatte und wenig später von ihrer Arbeitsvermittlerin das Umschulungsangebot präsentiert bekam, musste sie nicht lange überlegen. Dank ihres Hochschulabschlusses in verkürzter Zeit, nämlich in 2 Jahren zwei Abschlüsse zu erhalten, mit denen sie die Chance auf einen qualifizierten und gut bezahlten Job bei einer Bank hatte, erschien ihr attraktiver, als für ein Übersetzungsbüro, wie es sie inzwischen auch in Leipzig gab, nach Bedarf und für einen Hungerlohn Texte zu übersetzen. So unterschrieb sie wenige Wochen später beim Arbeitsamt den Vertrag und bei dieser Gelegenheit sah sie auch die Summe, die vom Arbeitsamt jedes Jahr pro Umschüler an das Institut überwiesen wurde. Eine unvorstellbare Summe, wie sie fand, die aber zugleich ihre Hoffnung nährte, eine qualifizierte, erstklassig vorbereitete Ausbildung zu erhalten.

Doch als die Umschulung Anfang September 1990 begann, war fast nichts vorbereitet. Gut, es waren Räume angemietet worden in einem inzwischen leerstehenden Bürogebäude in der Leipziger Innenstadt, die auch beheizt wurden. Es gab Stühle und Bänke, eine Tafel, eine Teeküche, Toiletten und einen Kopierer auf dem Flur. Unterricht war Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr und in den ersten zwei Monaten hatten sie gerade mal zwei Dozenten, die sich die komplette Unterrichtszeit teilten und keine Ahnung vom Bankwesen hatten. Also gab es nur Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Buchführung, Personalwirtschaft und Bewerbungstraining. Letzteres stand dabei besonders im Fokus, denn alle mussten sich mit Bewerbungsmappen bei den Leipziger Banken bewerben für ein 3 mal 3-monatiges Praktikum, das erstmalig ab dem vierten Monat der Umschulung begann.

So entstand die paradoxe Situation, dass alle Umschüler ihr Praktikum begannen- ohne geringste theoretische Kenntnisse vom Bankgeschäft. Dabei hatten sie auch Kunden zu bedienen, die meistens mehr über die Abläufe wussten als sie. Unruhe war also programmiert und begleitete die komplette Ausbildung, weshalb die Institutsleiterin schon nach wenigen Wochen einmal die Woche ihr Münchener Büro verlassen musste, um sich den Anfragen und Beschwerden der Leipziger Umschüler zu stellen.

Und dann kam die Zwischenprüfung im September 1991.

 

Die Zwischenprüfung bei der Industrie- und Handelskammer war fester Bestandteil der Bankausbildung. Jeder Auszubildende musste nach der Hälfte seiner Ausbildung, also zumeist ein Jahr vor dem Abschluss diese Prüfung ablegen. Für die Umschüler war diese Prüfung nicht vorgesehen und nur dank des Kontaktes mit den Auszubildenden, die mit Anne in der derselben Filiale ihre praktische Ausbildung absolvierten, erfuhren sie überhaupt von dieser Prüfung.

Erst auf Anfrage hin, aber „mit großer Freude“ teilte dann der Ausbildungsleiter der Bank ihnen mit, dass sie, die sechs Umschüler auch an der Zwischenprüfung teilnehmen dürften. Natürlich auf freiwilliger Basis, aber er würde ihnen empfehlen, diese Chance zu nutzen und teilzunehmen.

Diese Zwischenprüfung änderte alles. Vorher waren sie oft unzufrieden gewesen mit der theoretischen Ausbildung, aber inzwischen immer weniger. Denn im zweiten "Theorieblock“ von April bis Juni 1991 zog die Qualität der Lehre deutlich an. Die Fülle des bankspezifischen Wissens, das sie sich mittlerweile angeeignet hatten, gab ihnen das Gefühl, wirklich fit gemacht zu werden für den Abschluss und den Job. Als sie ihre Ergebnisse der Zwischenprüfung erfuhren, glaubten sie daran nicht mehr. Anne hatte 30 Prozent der erreichbaren Punkte erzielt. Sie war also durchgefallen und mit ihrer Punktzahl noch die Beste aller teilnehmenden Umschüler. Und während sich nach dem ersten Erschrecken Resignation breitzumachen drohte in der Gruppe („Wie sollen wir den Rückstand denn noch wettmachen? Im Mai ist doch schon die Abschlussprüfung und wir haben nur noch einen Theorieblock.“), ahnten Petra und die anderen Umschüler, die auf die restlichen Banken in Leipzig und die Sparkasse verteilt waren und eben deshalb nicht an der Zwischenprüfung teilgenommen hatten, von alledem nichts.

Und was machte Anne? Sie schaltete um in den „Kampfmodus“: Sie interviewte die Auszubildenden, wollte wissen, wie sie vorbereitet wurden auf diese Zwischenprüfung und bekam immer dieselbe Antwort: „Anhand alter IHK-Prüfungen.“ Also ließ sich Anne diese zeigen, Prüfungsbögen mitbringen und kopierte, was sie kriegen konnte. Sie vereinbarte ein gemeinsames Treffen mit der Ausbildungsabteilung, in dem sie nach möglichen Konsultationen fragte, und zusammen mit den fünf anderen entwickelte sie eine Petition mit Forderungen an das Fortbildungsinstitut. Diese erläuterte Anne am ersten Schultag im Oktober vor der gesamten Umschulungsklasse und wurde anschließend von allen unterschrieben.

Das zeitigte Wirkung. Plötzlich gab es jede Menge alter Prüfungsaufgaben zum Üben, zusätzliche Konsultationen am Samstag, die freiwillig waren, an denen aber alle teilnahmen.

„Du kannst mir glauben, ohne diese Aufgaben, ohne geübt zu haben, sie zu beantworten, ohne die Initiative deiner Mutter hätte keiner von uns einen IHK- Abschluss.“

 

So beendete Petra ihren Bericht. Ich musste erst mal tief Luft holen, denn ich hatte die ganze Zeit gebannt zugehört und mir missfiel, was ich dabei fühlte: Diese Anne, von der Petra berichtete, drohte mir sympathisch zu werden, und erinnerte mich an meine Mutter, die mir schon als Kind auf den Weg gab, meine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, mich auf das zu fokussieren, was ich selbst beeinflussen kann. Doch bevor ich anfing, Sehnsüchte nach ihr zu entwickeln, schob ich schnell die nächste Frage hinterher: „Und sonst? Hast du dich nicht gefragt, wie das geht? Wie kann man ein Marxismus-Studium beenden und ein Jahr später eine Ausbildung beginnen, um bei einer kapitalistischen Bank zu arbeiten?“ Damit die Frage nicht zu hart gestellt erschien, lächelte ich noch schnell und etwas verlegen hinüber.

Petra überlegte kurz. Dann antwortete sie: „Wir wussten ja alle voneinander Bescheid, was wir vorher gemacht haben. Ich gebe zu, wenn mir vor der Ausbildung jemand gesagt hätte: Da ist eine in der Klasse, die hat dieses Lehrerstudium gemacht, ich hätte mir hundertprozentig jemand anderes vorgestellt als deine Mutter: so eine Überzeugte, eine Agitatorin, eine Besserwisserin. Aber nichts von dem war deine Mutter. Deine Mutter war einfach cool. Von Anfang an.“

Ohne nachhaken zu müssen, erzählte mir Petra dann, dass sie genau diese Frage Anne auch gestellt hätte. Da kannten sie sich wenige Wochen und trafen sich in der Mittagspause zufällig am selben Imbiss. Eine geniale Gelegenheit für eine solche Nachfrage.

Gut passe das zusammen, hätte Anne geantwortet, erst Philosophie studiert zu haben und nun zu lernen, wie der Finanzkapitalismus denkt. Deshalb würde sie jedoch nicht aufhören, selber zu denken, andere Menschen zu unterstützen dabei, zu denken, weiter zu fragen, herauszufinden, was richtig ist, das war der Grund, warum sie Philosophin geworden sei. Und deshalb müsse sie auch wissen und lernen, wie diejenigen „ticken“, die „das Sagen haben“, was dem zugrunde liegt. Und in der DDR sei es die Weltanschauung gewesen, jetzt eben die „Logik des Kapitals“.

„Ich habe ihr das sofort abgenommen. Sie hatte eben einen Plan.“

„Und glaubst du das heute noch, dass sie diesen Plan hatte? Oder war das nur vorgeschoben?“

 

Ich hatte meine Fragen gerade noch stellen können, da sprang Petra auf. Ihr Mann stand im Türrahmen des Wohnzimmers und sie ging auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Wir hatten nicht gehört, wie er die Wohnung betreten hatte.

„Wir setzen das fort?!“, sagte Petra, als sie zurückkam.

Ich erwiderte: „Gerne.“

Dann machte ich mich auf den Weg: vollgepackt mit neuen Informationen und Geschichten, die meine Gastgeberin bereitwillig erzählt hatte, mit Antworten auf meine Fragen, die sie mir gerne und ausführlich gegeben hatte, obwohl ich kaum etwas von mir erzählen musste. Nichts musste ich tun von dem, was ich vorher befürchtet hatte. Nichts musste ich sagen, was ich nicht preisgeben wollte. Wusste ich doch nicht, ob Petra involviert war, ob sie wusste um den Stress, den meine Mutter und ich gerade miteinander hatten.

Ich war Petra dankbar für ihre Offenheit und Leutseligkeit. Ich wusste nur nicht, ob ich das alles so glauben sollte. War meine Mutter wirklich immer dieselbe geblieben, wie Petra zu vermitteln versuchte, oder doch nur gut darin, sich ihren Lebenslauf schön zu reden?

 

11. Seminargruppe 84/1

 

Es gibt Menschen, die fallen auf, wenn man ihnen begegnet. An die erinnert man sich sofort und auch später, schon nach dem ersten Treffen, selbst wenn man sie nur ein einziges Mal gesehen hatte. Weil sie etwas an sich haben, was auffällt: eine laute Stimme, ein interessantes Gesicht, eine außergewöhnliche Haarfarbe. Man erinnert sich an Menschen, die besonders groß oder besonders klein sind, die viel und gerne lachen, die witzig sind. Es gibt Menschen, die füllen sofort den Raum, wenn sie ihn betreten, mit ihrer Erscheinung, ihrem Auftreten, ihrem Selbstbewusstsein, ihrem Ego. Sie faszinieren und beunruhigen, sie ziehen in den Bann und verunsichern, sie bündeln die Aufmerksamkeit der anderen, der Gruppe- zu Recht, aber sehr oft zu Unrecht.