Das rote Seidenkleid - Dorothée Linden - E-Book

Das rote Seidenkleid E-Book

Dorothée Linden

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Beschreibung

Sommer 2014. Lina Haussmann kämpft mit den Dämonen, die sie bedrängen: der Schuld, die sie sich am Tod ihrer Tochter Priya gibt und der Sorge, den adoptierten Sohn Benny zu verlieren, der nach dem Abitur losgezogen ist, um in Nepal nach seinen leiblichen Eltern zu suchen. Sie bricht auf. In dem beschaulichen Idyll einer kleinen Insel der Dänischen Südsee begegnet sie dem beurlaubten Polizisten Heinrich Nikolaus Schliemann, der bei einem Hubschrauberabsturz Schwester und Eltern verloren hat. Die beiden, in ihrem jeweiligen Unglück festgefahren, kommen sich schnell näher. Schliemann hat eine Leidenschaft für die griechische Kunst und Mythologie sowie alte Instrumente. Zurückgezogen lebt er mit der Katze Selene, die ihm von seiner Familie verblieben ist. Er hegt schon bald den Verdacht, dass Linas Ehemann Gerrit auf den Reisen nach Indien und Nepal dunkle Geschäfte treibt, und er nimmt - nicht ganz ohne eigene Motive - die Fährte auf. Kriminelle Machenschaften, illegale Medikamententests an Kindern, Betrug und Verrat kommen ans Tageslicht. Die Protagonisten geraten in einen Strudel aus Sein und Schein, denn sie zu entrinnen versuchen, während sich die Ereignisse in dramatischer Zuspitzung verdichten.

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Copyright © 2015 Dorothée Linden Foto: Dorothée Linden (Cover) Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin

ΠάνταῥεῖPanta rhei. Alles fließt. Heraklit, Fragmente

Prolog

Er stand an der Reling und blickte in das dunkle, wabernde Wasser. Fürs Erste war alles erledigt. Soeben hatte er mit Sven das Schleppnetz ausgefahren. Frühestens in eineinhalb Stunden würden sie mit dem Säubern des ersten Fangs beginnen können. Er dachte an Mieke. Statt hier in der Kälte herumzustehen, wäre es deutlich verlockender, unter ihrer warmen Decke zu liegen. Ganz allmählich begannen die Wellen, sich aus der Nacht heraus zu wiegen, ein schmaler Streifen ließ schon den Horizont erahnen. Gedankenverloren schweifte sein Blick in die Ferne. Er kniff die Augen zusammen und blinzelte. Irgendetwas schwamm dort, was da nicht hingehörte, es war kein Dorsch und auch kein Seehund. Das stand mal fest. Er warf die Zigarette, die er sich außerhalb der Sichtweite des Steuermanns angezündet hatte, in die See und schrie die Besatzung herbei. Es dauerte eine Weile, bis sie die Person aus dem Wasser gezogen hatten. Sven pumpte auf ihr herum und rief ihnen zu, sie sollten Decken holen und die Seenotrettung  verständigen, man müsse einen Arzt schicken. Der Steuermann wendete den Kutter, sie zogen das Netz wieder ein und fuhren zielstrebig zur Küste zurück. Das sah verdammt nach Feierabend aus. Da würde Mieke sich aber wundern.

1

Am 16. Juli trat Rosalina Haussmann ins Freie, hinaus in die warme Luft des lauen Sommerabends. Schritt für Schritt entfernte sie sich von einem der vornehmen Landhäuser der Gegend, das der Architekt nach den speziellen Vorgaben ihres Mannes entworfen hatte. Schritt für Schritt schlurfte sie davon, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Das beruhte keineswegs auf einem Entschluss, der von langer Hand vorbereitet gewesen wäre oder der in vollem Bewusstsein nach und nach an Reife gewonnen hätte. Rosalina war vielmehr gestoßen worden, hinaus geschleudert von einer rotierenden Unwucht, die sich ihrer bemächtigt und an Geschwindigkeit gewonnen hatte.

Rosalina, von ihrer Familie und ihren Freunden Lina genannt, ging. Sie, die stets zugewandte Frau an der Seite ihres Mannes Gerrit, schön, gescheit und fürsorgliche Mutter ihres verbliebenen Kindes. Die Firma hatte Gerrit auf eine Geschäftsreise geschickt, frühestens in zwei bis drei Wochen würde er zurückkehren, hatte er gesagt. Ihr Sohn Benjamin hatte ohne ihr Wissen die Vorbereitungen für ein Praktikum im Ausland getroffen, aus seinen Ersparnissen den Flug nach Kathmandu bezahlt und sich am Ende von einem auf den anderen Augenblick ihrer mütterlichen Liebe entzogen, sechstausendfünfhundertsechsundsiebzig Kilometer Luftlinie weit weg, sie hatte es gegoogelt.

Mein Junge, mein kleiner Junge, warum nur bist du von uns fortgegangen?, kreiste es stereotyp durch ihre Gedanken, unaufhörlich, ohne Unterlass, seitdem sie Benny an der Absperrung im Flughafengebäude hinterher gewunken hatte, vor mehr als drei schier endlos scheinenden Wochen. Die marternde Sorge um ihn hatte die Frequenz der unrunden Schwingungen in ihr bis zu einer Kraft beschleunigt, die sie selber nicht länger zu halten vermocht hatte.

Sie hatte die Abendnachrichten im Fernsehen eher teilnahmslos laufen lassen und den Rest eines nicht mehr frischen Linsengerichts in sich hineingelöffelt, das sich im ansonsten nahezu leeren Kühlschrank befunden hatte.

Als sie die Entwicklung der Börsenkurse durchgegeben hatten, war sie aufgestanden, hatte den Fernseher ausgeschaltet, das Geschirr in die Küche gestellt und war eine halbe Ebene tiefer ins Schlafzimmer hinübergegangen. Sie hatte sich ausgekleidet und eine Weile ihr Spiegelbild betrachtet. Sicher, es ging ihr gut, sie hatte Familie, wohnte in einem schicken Haus und steckte in einem wohlgeformten Körper, doch dennoch stand alles in spottendem Widerspruch zum Zustand ihrer erstarrten Seele.

 Sie hatte tief durchgeatmet und sich wieder angezogen, Schicht um Schicht, bis sie glaubte, der Kühle der Nacht gewappnet zu sein. Die geräumige Tasche mit dem gefälschten Louis-Vuitton-Label hatte sie liegen lassen und stattdessen einen leichten, schwarzen Nylonrucksack genommen, in den sie eine Kunststoffdecke mit dem Aufdruck einer Fluggesellschaft hineinstopfte, einen Spiralblock, Stifte, Seife, ihr Handy, die Geldbörse und drei Dosen Diazepam-Pillen, schließlich eine Plastikflasche Wasser und das Stück Brot, das noch übrig war. Mehr würde sie nicht brauchen.

Sie war nicht viel länger als eine Stunde unterwegs und bereits jetzt am Ende ihrer Kräfte. Den kurz aufflammenden Gedanken, umzukehren zu ihrem großen weichen Bett, verwarf sie müde. Sie stolperte über eine Wurzel, die quer über den ausgetretenen Weg verlief. Bald würde es stockfinster sein. Die dunklen Wacholderbüsche ragten spitz in den blauschwarzen Himmel. Lina tastete sich bis zu einer kleinen, sandigen Lichtung vor. Mit jedem Augenblick verloren die schemenhaften Gestalten der Bäume um sie herum an Gestalt. Sie nahm den Rucksack ab, legte sich darauf und rollte sich ein, um ihren Körper auf dem glatten Nylon zu betten. Es war still. So still. Ihr eigener Atem würde weithin hörbar sein. Ein lautloser Regen setzte ein und sprühte einen feuchten Film auf ihr Haar und auf die Decke, die viel zu klein war für sie. Der Sand nahm die Tröpfchen dürstend auf in der hereinbrechenden Nacht, die für die Natur Erholung versprach, nach einem heißen und trockenen Sonnentag.

Sie fröstelte. Die Stille drückte schwer auf ihr Gemüt. Und schon begann sie hinaufzukriechen, die Begleiterin der Nacht mit ihren dunklen Nischen. Sie machte sich weit und breit und ergriff Besitz von ihr, umschloss sie, zielstrebig, unaufhaltsam, den Atem raubend. In den Schultern und im Nacken flimmerten Tausende Nadeln wie unter Strom. Der Kloß im Bauch brannte, wuchs und wuchs und stemmte sich gegen die Rippen. Der Magen krampfte. Übelkeit stieg auf, gespeist aus stumpfem Einerlei. Auf der regennassen Stirn ergoss sich kalter Schweiß. Blind kramte Lina in ihrem Rucksack nach einem der Döschen und entnahm zitternd zwei der kleinen Pillen. Sie spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter und hoffte auf die Lethargie, die nicht allzu lange auf sich warten lassen würde. Lethargie, Lethargie wiederholte sie betont langsam und versuchte, all ihre Konzentration auf die drei Silben dieses Wortes zu legen, um die Dämonen zu vertreiben, die sich ihrer bemächtigt hatten.

2

Endlich war er sein eigener Herr, das war die Hauptsache. Benjamin Benny Haussmann hatte die Aufgabe, die Kinder des Waisenhauses zu betreuen, sie zur Schule zu bringen, in Englisch zu unterrichten und all das zu erledigen, was gerade anlag. In der ersten Woche nach seiner Ankunft in Kathmandu war er stumm geblieben. Zu sehr hatte es ihn beschämt, ein ungleich besseres Leben führen zu können als all die Kinder hier. Im Gegensatz zu ihnen hatte er Eltern, die ihn aus diesem Waisenheim heraus adoptiert und mit nach Deutschland genommen hatten, die ihn liebten und großgezogen hatten, in einem Zuhause mit eigenem Zimmer und Unmengen an mehr oder weniger nützlichen Dingen.

Die körperliche Schwäche und Anfälligkeit, die ihn als Baby ständig hatte krank werden lassen, wie man ihm gesagt hatte, war Vergangenheit. Seinen schlaksigen, schlanken Körper trainierte er regelmäßig, und dank des späten Wachstumsschubs war er immerhin inzwischen fast so groß wie seine Freunde.     

Seine stumme Demut und Zurückhaltung hatte er bald abgelegt. Er mochte die Kinder, und sie mochten ihn, das spürte er und sah es ihnen an. Einige sprachen schon ein wenig Englisch, mit den Kleinen radebrechte er in Gesten und mit Zeichen, was sie schnell zum Lachen brachte.

Er ließ seinen Blick über den Inhalt des Regals schweifen. Es hatte nicht allzu viel zu bieten: Taschenbücher auf Englisch, die, so vermutete er, Praktikanten vor ihm zurückgelassen hatten, und ein paar zerfledderte Comicbände. Er reckte sich und zog aus dem obersten Fach einen Atlas mit verblichenem Einband heraus. Der Staub, der ihm in dichten Flocken ins Gesicht fiel, löste einen Hustenanfall aus, was die Kinder, die sich um ihn scharten, lustig fanden. Er blätterte bis zu einer Übersichtskarte der Erde.

»Hier sind wir«, sagte er und hielt seinen Finger auf die Fläche von Nepal, »und hier ist Deutschland.«

Er wiederholte Nepal und Germany, und die Kinder sprachen es nach. Er vollzog eine ausladende Bewegung mit dem Arm und imitierte einen Motor.

»Man muss einen ganzen Tag mit dem Flugzeug durch die Luft fliegen, bis man ankommt.« Flugzeug, Motorenlärm, die Armbewegung, Deutschland, Nepal. Bald brummten alle Kinderflugzeuge durcheinander, und die Kleinen kreischten vor Vergnügen.

Das neunjährige Mädchen mit den pechschwarzen, tief liegenden Augen blätterte weiter bis zur Doppelseite mit den Weltmeeren. Benny hob und senkte seinen Unterkiefer und ließ in gleichmäßigen Bewegungen die angewinkelten Arme wie Flossen durch ein unsichtbares Wasser gleiten.

»Fische schwimmen im Wasser«, sagte er, langsam und deutlich. Die Kinder sahen ihn an, verstanden und wiederholten seine Worte. Erst ging es noch durcheinander mit den Fischen und dem Schwimmen, aber bald waren die Begriffe klar. Die Mädchen hüpften durch den Raum, bewegten sich wie schwimmende Fische an Land und sangen die neuen Worte dazu.

»Jetzt auf Nepali«, sagte Benny. Ein Junge, der mindestens elf Jahre alt sein mochte, erklärte es den anderen Kindern, und Benny gab sich Mühe, die für ihn fremden Laute genauso schnell zu erfassen wie die Kinder.

Am Abend, als er in seinem Bett lag, übte er weiter. Auf die Kinder war er angewiesen, was die korrekte Aussprache anbetraf. Mit einem Jugendroman und einem Wörterbuch ausgestattet, wollte er so weit kommen, bis er sich verständigen und einer Unterhaltung folgen konnte. Man schlug sich ganz gut mit Englisch durch, aber er hoffte auf einen offeneren Kontakt mit den Leuten, wenn er mit ihnen zumindest bruchstückhaft in ihrer Landessprache reden würde.

Die Kinder übten gern mit ihm. Die anderen Praktikanten oder Aushilfen, die aus dem fernen Europa anreisten, interessierten sich nie für ihre Sprache, hatte er erfahren.

Ron, der Leiter des Waisenhauses, ein insgesamt umgänglicher, doch bisweilen mürrischer Mann aus Kathmandu mit einer Vorliebe für dicke Zigarren, deren Rauch beißend scharf in den Räumen hing, schätzte seinen Ehrgeiz nicht. Mehrmals hatte er ihm schon gesagt, dass er ausschließlich Englisch mit den Kindern lernen solle. 

Aber: Es war ihm gleichgültig. Es verlor täglich mehr an Bedeutung, was man ihm vorschreiben wollte. Er war volljährig und konnte selbst entscheiden.

Und er würde sich endlich auf die Suche nach seinen Wurzeln begeben. Auf eigene Faust. Mama hatte ihm immer wieder versichert, dass sie alles getan habe, um seine leiblichen Eltern aufzutreiben. Vergeblich. Er sei vor der Tür dieses Waisenhauses in Kathmandu zurückgelassen worden, und niemals habe jemand in Erfahrung bringen können, wer das getan hatte.

Mama hatte ihm von Ann-Kathrine aus Dänemark erzählt, die Medizin studieren wollte wie er und die damals im Waisenhaus ihr Praktikum machte. Sie hatte ihn als abgelegtes Bündel vor der Tür gefunden, ihm den Namen Benjamin verpasst, sich um ihn gekümmert und ihm später, als er sich eine Infektion eingefangen hatte, das Leben gerettet.

Im Heim hatte es keinerlei ärztliche Versorgung gegeben. Nachdem die Dänin  ihn in warme Decken gehüllt und ihn in ihr eigenes Bett gelegt hatte, war sie zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt gelaufen. Dort erklärte sie, sie brauche für ihren kleinen Sohn dringend Medikamente. Man verkaufte ihr ein Antibiotikum mit dem Hinweis auf die Dosierung. Sie legte ihr Erspartes auf den Tisch, raste zurück, füllte das Medikament in eine Nuckelflasche, nahm ihn, das schwache Baby, in ihre Arme und sang ihm so lange dänische Volksweisen aus ihrer Heimat vor, bis er alles ausgetrunken hatte. Die Intervalle seiner Atemzüge normalisierten sich, das Fieber sank, und endlich waren sie beide vor Erschöpfung eingeschlafen. Die junge Frau, die damals nicht viel älter gewesen war als er jetzt, hatte genau die richtige Entscheidung  getroffen und ihm ein Medikament besorgt, das die lebensbedrohliche Erkrankung in den Griff bekommen hatte. 

Benny hatte es immer und immer wieder von Mama hören wollen, bis er ein Bild von dieser fremden Frau vor Augen hatte. Auch sie würde er finden. Das war sein Plan. Er wollte sich persönlich für ihren Einsatz  bedanken und sie nach seiner Herkunft fragen, immerhin hatte sie eine Zeitlang im Waisenhaus gelebt. Mama sagte, sie sei damals einfach verschwunden, nur wenige Monate, nachdem er nach Deutschland gekommen war, sei der Kontakt abgerissen und die Dänin nie wieder aufgetaucht. Mehr konnte sie ihm nicht über sie berichten.

Seit dem schrecklichen Tod seiner kleinen Schwester fühlte er sich schuldig und voller Scham. Er selbst war gerettet worden, hatte es aber nicht geschafft, Priya zu helfen und sie am Leben zu halten.  

Papa und Mama waren damals in die Stadt gefahren, um ein Sofa zu kaufen. Das alte wäre noch gut gewesen, aber Horst aus dem Dorf hatte sich darauf übergeben, als Mama und Papa ein großes Fest gegeben hatten. Mama hatte alles wieder sauber gemacht, aber Papa konnte es nicht aushalten, auf fremder Kotze zu sitzen, er war ausgerastet und hatte darauf bestanden, ein neues auszusuchen. Er war so außer sich, dass Mama schließlich mitgefahren war. Es war nicht oft vorgekommen, dass sie die Kinder allein im Haus zurückließ.

Als sie und Papa an diesem Nachmittag aus der Stadt zurückkamen, war das Schreckliche passiert: Priya lebte nicht mehr.

Sie hatte Atemnot bekommen, was nicht weiter besonders war und immer wieder vorkam. Für solche Fälle gab es das Inhalationsgerät, Puster hatte Mama es genannt. Priya stülpte ihre Lippen darüber, wenn sie dachte, zu wenig Luft zu bekommen und atmete das Mittel zweimal ein. Das funktionierte gut und zuverlässig. Ihr Atem ging kurz darauf ruhiger, und sie konnte vergnügt weiter spielen.

An jenem Nachmittag jedoch war der Puster weg. Einfach unauffindbar. Der Atem seiner kleinen Schwester ging flach und fiepend, vornübergebeugt saß sie auf ihrem Bett und rang nach Luft. Das ganze Zimmer hatte er abgesucht, nichts. Priya hauchte kaum hörbar etwas, das er als Hinweis auf Papas Koffer verstanden hatte. Benny war in das Schlafzimmer von Mama und Papa gestürzt und auf die Bettkante gesprungen. Auf dem Schrank standen zwei riesige schwarze Koffer. Priya und er hatten den Inhalt schon inspiziert, als die Eltern mal unterwegs waren und Sonja, die auf sie aufpassen sollte, vor dem Fernseher gesessen hatte. Es war enttäuschend gewesen, nichts als Medikamente, Pillendöschen, Fläschchen und eben Inhalationsgeräte. Er hatte einen Puster herausgenommen und war zu seiner Schwester ins Zimmer gerast. Priya beugte sich ihm verzweifelt  entgegen, aus ihren Augen starrte Panik. Er hatte zitternd den Inhalator zwischen ihre Lippen gepresst und ihr drei lange Stöße in den Mund gedrückt, ein zusätzlicher konnte nicht schaden, hatte er befunden.

»Atme langsam, Priya, ich rufe Mama an«, hatte er gesagt, war in die Küche zum Telefon gelaufen und hatte die Taste gedrückt, mit der sie sofort auf Mamas Handy landeten. Mama hatte das Gerät extra dafür angeschafft, dass ihre Kinder sie erreichen konnten, falls sie mal ausnahmsweise nicht in deren Nähe war.

Sie hatte nicht abgenommen. Aber sie konnte doch sehen, dass er angerufen hatte! Er hatte Priya in seine Arme genommen, sie schien sich beruhigt zu haben, und zur Sicherheit noch einmal den Puster angesetzt. Seine Schwester hatte sich nicht bewegt. Ihm war nicht klar gewesen, ob er das als gutes oder schlechtes Zeichen werten sollte und sein Ohr an ihre Brust gedrückt. Nichts. Er hatte nicht begreifen wollen, was geschah, es nicht zulassen können, es war zu schrecklich. Priya lag da, bewegungslos in seinen Armen, die Augen weit geöffnet, das Gesicht komisch verfärbt.

Das Nächste, an das er sich erinnerte, war der Schrei. Ein nicht enden wollender, schrecklicher Schrei, der von Mama kam. Papa versuchte aus ihm herauszubekommen, was eigentlich passiert war. Mama schrie, er solle Benny in Ruhe lassen, er sehe doch was los sei.

»Komm«, sagte Papa, »wir legen sie aufs Bett!«, nahm ihm seine tote Schwester aus den Armen und schloss ihre Augen. Es sah wenigstens nicht mehr ganz so furchtbar aus.

Benny sagte: »Ich muss mal«, lief ins Schlafzimmer seiner Eltern, kletterte auf die Bettkante und wuchtete den Koffer zurück auf den Schrank. Den Inhalator warf er in den Abfall. Er wollte nicht auch noch Ärger mit Papa riskieren, weil er an seine Sachen gegangen war. Später, als er stumm auf Priyas Bett gelegen hatte, spürte er den verloren geglaubten Puster unter ihrem Kopfkissen.

Als Papa ihn am Abend noch einmal fragte, was genau passiert war, hatte er  wahrheitsgemäß geantwortet, dass er Priya drei Stöße aus dem Inhalator gegeben habe, es aber nichts gebracht hatte.

3

Gerrit Haussmann blickte auf die Uhr. Viertel nach drei. In weniger als zwei Stunden würde sein Chef Fred ihn in Rassaro erwarten. Er schätzte, dass es noch ungefähr 60 Kilometer bis dahin waren. Gerrit wog die Situation ab. Fred duldete keine Verspätung. Jedenfalls nicht, wenn mit seinen Angestellten ein Termin anstand. Gerrit winkte dem Kellner und bat um die Rechnung. Die Dame, die ihm gegenüber saß, lächelte er kalkuliert nachlässig und gleichermaßen verführerisch an. Was an sich gar nicht erforderlich gewesen wäre. Gerrit sah ihr an, auf was sie aus war. Er nippte an seinem Espresso. Das Treffen war sehr zufriedenstellend verlaufen. Es war deutlich attraktiver, auf der Terrasse eines Caruso die Geschäfte anzubahnen, als im Wartezimmer einer Arztpraxis oder im umtriebigen Klinikalltag eines Gesprächs zu harren, wo die eigene, vor Gesundheit strotzende Erscheinung sich von den blassen, sorgenvollen Gestalten ringsherum abhob. Der Kellner trat an ihren Tisch. Als er sich anschickte, die Schatulle mit der Rechnung vor Gerrit abzustellen, sagte die Frau:

»Ich übernehme das.«

 So ist es recht, dachte Gerrit mit den Worten seines Großvaters, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geht doch, ergänzte er und fand seine Vorausschau bestätigt. Die Frau legte ein paar Scheine in das Etui und fixierte ihr Gegenüber mit durchdringendem Blick.

Ein schönes Spiel in einem stets vorhersagbaren Drehbuch, dachte er.  Sie funktionierte brav nach seiner unausgesprochenen Regie, was ihm gefiel. Mit der weißen Stoffserviette tupfte er sich die Mundwinkel ab und sagte:

 »Ich bedanke mich.« Zur Unterstreichung neigte er ein wenig den Kopf, um der Dame sodann mit einen kurzen Blick zu verstehen zu geben, dass es an der Zeit war aufzubrechen. Den Kellner bat er mit einem fast unmerklichen Fingerzeig um die Quittung.

»Aber, aber, wollen wir den Nachmittag nicht noch ein wenig gemeinsam genießen?«, fragte die Frau trotz seiner unmissverständlichen Geste. 

»Ein Dessert vielleicht, irgendetwas Süßes?»

Gerrit schüttelte den Kopf und blickte ihr tief in die Augen.

»Die Geschäfte rufen, wissen Sie, ich muss weiter, leider nein. Rufen Sie mich an, wenn die Lieferung abgesetzt ist, wir treffen uns dann wieder, um die weitere Zusammenarbeit zu regeln. D’accord?«

»Ach, kommen Sie. Man hat hier sicher ein Örtchen für eine Siesta für uns. Was wollen Sie sich jetzt auf die Straße begeben? Nach einem so üppigen Mahl.«

»Sicher. Da haben Sie natürlich Recht«, sagte Gerrit, nahm ihre Hand, küsste sie und verschwand mit Renate, als die sie sich inzwischen vorgestellt hatte, in einem von ihr vorreservierten Zimmer des Hauses.

Die Rechnung über 140 Euro hatte sie übernommen. Die Spesenquittung würde die Firma allerdings ihm erstatten, ein kleines Taschengeld, immerhin. Renate schnurrte nach ihrer kurzen, heftigen Begegnung zufrieden an seiner Schulter. Bevor sie ihm noch irgendwelche Versprechen abringen konnte, verabschiedete er sich von ihr mit der Bemerkung, sein nächster Termin sei schon in einer Stunde. Renate sah ihm mit langer Miene zu, als er sich anzog, dann war er weg.

Er ging zum Wagen, der natürlich nicht sein Wagen war, sondern der Firma gehörte. Er öffnete den Kofferraum, heftete den Vertrag, den er mit Renate unter Dach und Fach gebracht hatte, in einen Ordner und überschlug die Provision. Dreitausend etwa, immerhin. Er setzte sich ans Steuer und fuhr los. Eine behäbige Schwere breitete sich aus nach dem opulenten Mittagsmahl. Die zwei Gläser Wein machten es nicht besser. Das kurze Stelldichein rief zusätzlich nach einer Siesta. Aber er war zu unruhig, wie immer vor einer Begegnung mit Fred.

Er dachte an seinen Chef. In seiner Gegenwart war er nicht mehr als ein kleines funktionierendes Männchen in permanenter Geldnot, die sein Chef sich auf die eine oder andere Weise nutzbar zu machen wusste. In der Gegenwart von Frauen hingegen fühlte er sich stark und überlegen. Er wurde umschwärmt als ein Mann voller Charme, mit gutem Benehmen und jungenhafter Ausstrahlung. Er sah, wie man so sagte, gut aus und gab sich großzügig. Mit diesen beiden Eigenschaften konnte man immer punkten, es lief wie von selbst. Stets trat er im feinen, perfekt sitzenden Anzug auf, den er in besseren Zeiten angeschafft hatte, seine schwarzen, spitz zulaufenden Schuhe waren auf Glanz poliert, das weiße Hemd tadellos gebügelt. Gerrits schlanke, hoch gewachsene Statur tat ihr Übriges. Sein offenes Lachen vermochte er gezielt einzusetzen.

Der Firma erwies er wertvolle Dienste, die sie sich was kosten ließ. Trotzdem war sein Konto ständig leer. Seit der Coup mit den Provisionen aufgeflogen war, saß die Versicherung, sein vormaliger Arbeitgeber, ihm gnadenlos im Nacken. Damals war es jahrelang nicht aufgefallen, dass er sich - nicht anders als einige der Kollegen - nicht mit den jämmerlichen Provisionen für Abschlüsse zufrieden geben konnte, sondern auch die Beitragszahlungen der Versicherten auf sein Konto gelenkt hatte. Es waren damals fette Jahre gewesen, die Kassen der Firma dermaßen prall gefüllt, dass die paar Euros nicht weiter ins Gewicht fielen.

Er hatte die Zahlungen der Kunden säuberlich dargestellt. Auf welches Konto die Beiträge gingen, ließ sich der Aufstellung allerdings nicht entnehmen.

Bei der Fusion mit der Atlanta wechselte die Führung. Mit ihr zog eine kleingeistige Buchhaltung ein, die Ungereimtheiten entdeckte und in den alten Akten schnüffelte, bis weit in die Vergangenheit hinein. Und mit einem Mal hatten sie ihn in ihren Würgegriff genommen, ihm den Boden unter den Füßen weggerissen, zuerst sein Haus, dann Hab und Gut gepfändet, bis alles weg war. Und dann war es immer noch nicht genug. Nichts als ein Berg von Schulden war ihm geblieben.

Und seine Frau. Immerhin. Sie war nicht nur geblieben, sie war ihm weiter treu und lieb ergeben. Sie interessierte sich nicht für seine Geschäfte. Es gab einen kleinen Vorrat an Bargeld im Haus, wenn auch in überschaubarer Menge, von dem sie sich bedienen konnte. Glücklicherweise machte sie in nur sehr bescheidenem Umfang Gebrauch hiervon. Seit dem tödlichen Unfall ihrer Tochter hatte sie ein bisschen den Bezug zur Realität verloren. Die gute Seite daran war, dass sie ganz aus freien Stücken zu Hause blieb.

Nach außen hin jedenfalls galten sie als Traumpaar, zusammen mit ihrem Kind als perfekte Familie. Benny wurde zwar seiner Meinung nach zu stark mit Linas mütterlicher Sorge überschüttet, aber das sollte ihn nicht weiter kümmern.  

Dass es die Welt des schönen Scheins, die Gerrit seiner Familie aufgebaut hatte, in Wahrheit längst schon nicht mehr gab, entzog sich Linas Wahrnehmung. Die unzähligen Mahn- und Drohbriefe von Banken und Behörden wurden an eine eigens hierfür eingerichtete Postfachadresse gelenkt. Nur selten landete einer dieser Briefe bei ihnen zu Hause. Lina ließ jede Post, die nicht privat war, für ihn liegen. 

Er zahlte den Hyänen immer gerade so viel, dass er ihre gierigen Schlünde ruhig halten konnte. Gerrit ahnte, dass sein Chef Fred ihn mal wieder mit einem nicht ganz sauberen, dafür lukrativen Job zu ködern gedachte, mit der vorgeschobenen Begründung, sein Dilemma mildern zu wollen. Aber es war längst zu gefährlich geworden, weiter auf Risiko zu setzen. Er musste diskret bleiben. Falls ihm irgendjemand hinterherschnüffelte, würde man ihn einbuchten, ohne mit der Wimper zu zucken. Das würden sie sich nicht nehmen lassen, so viel stand fest. Er durfte nicht nachgeben und war sich doch der Tatsache bewusst, dass das alles andere als leicht sein würde, und so näherte er sich seinem Chef Fred mit wachsendem Unbehagen.

4

Es dämmerte. Endlich. Die Umrisse traten aus dem Dunkel der Nacht, in der Lina nur einen kurzen und holprigen Schlaf gefunden hatte. Sie fühlte sich schwach, matt, und ihre Glieder schmerzten in der steifen, unbequemen Haltung.

So würde es nicht funktionieren. Sie drehte sich von dem Rucksack herunter, knüllte die Decke hinein und stopfte die Wasserflasche obenauf. Sie stand auf, reckte sich und wankte durch das Wäldchen. Es begann erneut zu nieseln. Mit gesenktem Kopf trottete sie die Strecke zurück zu ihrem Zuhause.

Als sie das letzte Stück über die Wiesen hoch zur Dorfstraße ging und sich von hinten ihrem Heim näherte, fragte sie sich, ob es sich wirklich um einen heimatlichen Ort handelte, einen, zu dem man gehörte wie der Wacholder auf dem sandigen Boden der Heide. Sie befand, dass es ganz und gar nicht der Fall war. Sie fühlte sich fremd hier. Im Kleinen wie im großen Ganzen. Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ichwieder aus. Das schwermütige Lied des in der Welt verlorenen Wanderers, dessen Ende der Leierkastenmann einläutete, tönte in ihrem Kopf.

Die vergangene Nacht erschien ihr wie ein Traum, der einen im Ungewissen lässt, ob er der willenlosen Welt des Schlafs entspringt, ob er Sequenzen aus der Wirklichkeit enthält oder ob alles wahr und real war und es sich gar nicht um einen Traum gehandelt hatte.

Zurück in dem verwaisten Haus räkelte sie sich lange unter dem heißen und kräftigen Strahl der Dusche, streifte ihren lachsfarbenen Morgenmantel über, den Gerrit ihr mitgebracht hatte und legte sich ins große Bett. Die Gedanken kreisten wirr und unruhig durch ihren Kopf.

Ich muss fort von hier, dachte sie, ich werde verrückt, wenn ich länger bleibe. Das Haus war riesig, und doch schien es, als drücke jede einzelne Wand sie in die Enge. Die Stille in den penibel aufgeräumten, mit hochglanzlackierten Designerstücken möblierten Räumen schlug ihr feindlich und leblos entgegen. Aber wohin sollte sie gehen? Über unzählige Möglichkeiten, die mit der Realität nichts zu tun hatten, aber wie grelle Farbtupfer vor ihrem inneren Auge blitzten, sank sie schließlich in den Schlaf und träumte von ihren Kindern, die orientierungslos im Wald hockten und vergeblich versuchten, ihrer Mutter vom Handy aus den Standort zu beschreiben. Sie konnte sie nicht finden.

Es war weit nach zehn, als sie von der Türklingel geweckt wurde. Schweißgebadet sprang sie auf. Der Postbote verlangte ihre Unterschrift für einen eingeschriebenen Brief. Er war an die Eheleute Gerrit und Rosalina Haussmann adressiert. Von einer Bank. Welche Bank es war und was sie mit ihr zu tun hatten, interessierte sie nicht. Es betraf sie nicht, und sie wollte mit sowas nichts zu tun haben. Für Post ohne handgeschriebenen Adressaten oder Absender hatte sie nicht das Geringste übrig, auch dann nicht, wenn Sendungen an sie beide gerichtet waren. Sie legte den Brief auf die Kommode im Flur, auf den Stapel mit Werbebriefen und weiterer Post für Gerrit.

Sie kramte ihr Handy aus dem Rucksack und wählte die Nummer von Ralf und Xenia. Sie kannte Xenia aus Studententagen, die es immerhin vier Semester lang in ihrem Leben gegeben hatte. In den letzten Jahren war der Kontakt ein wenig eingeschlafen. Xenia beklagte, dass sie von ihrer Arbeit und ihrer Familie gleichermaßen aufgezehrt werde, aber Lina nahm ihr das nicht ab. Ralf arbeitete von zu Hause aus für eine Computerfirma und hielt seiner Frau den Rücken frei. Lina spürte vielmehr bei der Freundin eine wachsende Zurückhaltung ihr gegenüber, was diese jedoch bestritt. Wahrscheinlich wollte nur keiner mehr Anteil nehmen am Verlust ihrer kleinen Tochter. Ralf nahm nach dem dritten Klingeln ab.

»Hallo, Lina? Wie geht’s?«

»Danke, ist Xenia da?«

»Ich geb sie dir. Lass dich mal wieder bei uns blicken!«

»Mach ich. Hallo Xenia, ich bin’s, Lina. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Das Haus ist groß und leer, ich halte es nicht länger allein dort aus. Könnte ich eine Zeitlang bei Euch bleiben? Ich kann mich nützlich machen und euch im Haushalt helfen oder die Kinder versorgen.«

»Wenn du meinst. Wann willst du denn kommen? Hat Gerrit auch Zeit?«   

»Gerrit weiß nichts davon, er ist auf Geschäftsreise.«

»Alles in Ordnung bei dir? Ich könnte mich ins Auto setzen und zu dir kommen, wenn du magst. Ein Mädels-Abend, so wie früher. Sagen wir gleich heute Abend?«

»Nein, das ist es nicht. Sag mir ehrlich, ob ich eine Weile bei euch wohnen kann. Ich wäre dann am späten Nachmittag bei euch.«

»Ja, klar kannst du kommen. Pass auf dich auf. Und bist du sicher, dass wir Gerrit nicht Bescheid geben sollen?«

»Ganz sicher.«

»Ich hoffe, es geht dir gut. Du klingst ein bisschen fremd. Dann bis später.«

Sie wusste nicht, was es war, aber das Telefonat hatte ihre trübe Stimmung nur verstärkt. Eine drückende Schwere legte sich auf sie, und sie dachte kurz daran, sich wieder in ihr weiches Bett zu legen. Stattdessen versuchte sie es bei Isa, die zwar nur eine kleine Wohnung in der Stadt hatte, aber unkompliziert und hilfsbereit war. Als keiner abnahm, legte Lina auf, wählte kurz darauf erneut und hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter. 

Die Pillen hielten ihre Bewegungen noch im Schach, alles ging ein wenig verlangsamt vonstatten, doch aus ihrem Innern hatte sich die Wirkung bereits zurückgezogen, dort gab es Raum, schon wieder, für eine nächste Runde martender Unruhe, die sich zu regen begann. Sie konnte nicht länger bleiben. Sie ging zu ihrem Zimmer, in dem sie mal Klarinettenunterricht gegeben hatte, bis Gerrit auch das nicht mehr erlauben wollte, weshalb der Raum lang nicht mehr genutzt worden war. Sie  kramte nach dem silbernen Kästchen. In der Schreibtischschublade fand sie den Schlüssel. Die  Schatulle war das Einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben war, nachdem diese nach einem sinnlosen Unfall der Welt für immer den Rücken gekehrt hatte.

An Linas zehntem Geburtstag hatte Vater ihr das Silberkästchen samt Schlüssel übergeben. Es befand sich ein Rosenkranz aus Holz darin, eine Kette mit Lapislazuli-Steinen, ein Korallenarmband, das sie seit damals am Handgelenk trug, und ein goldenes Herz. Von wem es stammte, wusste Lina nicht. Nachdem sie Gerrit kennengelernt hatte, hatte sie ihre beiden Sparbücher dazu gelegt.  Er wusste nichts von ihnen. Sie enthielten den Rest des Geldes, das sie damals zur Seite gelegt hatte, um für ihr Studium zu sparen. Der größte Teil des Lohns, den sie in den Kneipen und Spelunken verdient hatte, inklusive der Trinkgelder und was es sonst noch gegeben hatte, war für Vater und sie verbraucht worden, damit sie über die Runden kamen.

Dann war Gerrit in ihr Leben getreten, der große, gut aussehende und wohlhabende Gerrit. Das war in ihrem vierten und auch letzten Semester an der Universität gewesen. Von da an war es nicht mehr notwendig zu knapsen und zu knausern. Lina brauchte sich nicht länger von angetrunkenen Männern bepöbeln oder anmachen zu lassen, um ihren Vater und sich durchbringen zu können.

Sie riss sich aus ihren Gedanken, verließ das Haus, löste beide Sparbücher bei der Volksbank oben im Dorf neben der Kirche auf und kehrte mit stattlichen zweitausend Euro zurück.

Diesmal packte sie sorgfältiger, für einen möglicherweise längeren Zeitraum, aber keinesfalls mehr, als sie würde tragen können. Eine Weile hielt sie das rote Seidenkleid vor ihren Körper, drehte sich ein wenig vor dem Spiegel hin und her und überlegte kurz es mitzunehmen. Auf ihrer Hochzeit hatte sie es getragen. Gerrit war mit ihr in eine Boutique gefahren, die sie allein nie zu betreten gewagt hätte. Das Kleid in seinem leuchtenden Rot hatte sie angelacht, es hatte auf Anhieb gepasst, und es war für sie der Eintritt in ein neues Leben gewesen. Es musste teuer gewesen sein, ein Preis war nirgends zu entdecken, aber es fühlte sich so sündhaft schmeichelnd an, die Seide kühl und fließend auf der Haut, und außerdem war alles in dem Laden exklusiv und exquisit gewesen. Exklusiv und exquisit, hatte sie immer wieder gedacht. Gerrit hatte sie angelächelt, die Verkäuferinnen hatten große Augen gemacht, ein fabelhaft gutaussehender Mann mit solch exklusivem und exquisitem Geschmack für schöne Dinge. Das Korallenarmband ihrer Mutter passte perfekt dazu, so dass sie es nicht abzulegen brauchte.

Es war das einzige Mal, dass Gerrit ihr ein so schönes Geschenk gemacht hatte, es sah noch aus wie damals, die Farbe war frisch, und der Stoff floss weich und kühl durch die Finger, ein Kleid für ein ganzes Leben.

Sie hängte es zurück in den Schrank und ging noch einmal in ihr Zimmer, zögerte einen Moment und nahm schließlich das schwarze Köfferchen aus dem Regal. Sie strich über die Oberfläche, ohne den Reißverschluss zu öffnen und entschied, das Instrument mitzunehmen. Seit damals hatte sie nicht mehr darauf gespielt. Am Ende brachte sie zwei prall gefüllte Rucksäcke ins Auto. Bei ihrem abschließenden Gang durchs Haus empfand sie weder Angst noch Wehmut. Im Gegenteil: Das Ungewisse der kommenden Tage, möglicherweise Wochen, versetzte sie in eine Spannung, die in die Nervenbahnen schoss und sich gut anfühlte. Lina hoffte, dass neue Erlebnisse sie beschäftigen würden, so dass der ewige Tanz der bösen Dämonen im Zaum gehalten würde.

Lina verschloss alle Fenster, auch die im Keller, und nahm eine Flasche Wasser mit nach oben. Sie schaute sich noch einmal um. Einen Moment lang dachte sie daran, ein paar Scheine aus der Bargeldkasse mitzunehmen, verwarf das aber. Es war ihr eigener Entschluss zu gehen. Den würde sie nicht mit Gerrits Geld umsetzen. Sie war erstaunt, so zu denken. Gerrit hatte stets betont, dass es ihr gemeinsames Geld war, das in der Kassette lag. Seine Großzügigkeit in solchen Dingen, im Hinblick auf die Bargeldkasse, stand außer Frage. Was natürlich auch Respekt verlangte und umgekehrt bedeutete, dass sie niemals etwas nur für sich daraus genommen hätte. Nicht ohne mit ihm zuvor darüber zu sprechen. Aber gemeinsames Geld oder nicht, jetzt wollte sie nichts davon.

Sie suchte nach ihrem Handy, fand es aber nicht. Wahrscheinlich hatte sie es schon in einen der Rucksäcke gepackt. Sie sperrte die Haustür zu, atmete tief durch und setzte sich ins Auto. Die retardierende Wirkung der Pillen war nun vollends verflogen, und sie fühlte sich stark genug zu fahren. Doch wohin? Mit einem Mal konnte sie es sich nicht vorstellen, bei Ralf und Xenia zu sitzen und sich die selbstverliebten Ergüsse eines modernen Familienlebens anhören zu müssen. Sie entschied, sich überhaupt nirgendwo und bei niemandem einzunisten, stattdessen die Sonne im Rücken zu lassen, und brach in Richtung Norden auf.  

5

Somita, Alina, Anita, Omita. Es war nicht leicht, sich die Namen der Kinder einzuprägen. In Bennys Ohren klangen sie alle so ähnlich, dass er eingen von ihnen Attribute verpasst hatte. Kicher-Omita gluckste ständig, Sause-Alina flitzte durchs Haus, und Murmelchen-Anita spielte unaufhörlich mit zwei kleinen Kugeln, deren Glas grün und blau schimmerte. Selbst in der Nacht hielt sie ihre Murmeln fest umklammert. Die Mädchen ließen sich die zusätzlichen Namen gern gefallen.

Bei den Jungs war es noch extremer, weil die meisten von ihnen Ram hießen, wie der im Land verehrte Gott. Benny nannte den einen Träume-Ram, weil er morgens nicht aus dem Bett zu kriegen war, den mit dem zierlichen Körperbau hatte er für sich Ramito-Ram getauft, und Iam-Iam-Ram konnte Unmengen an Reis verdrücken.

Es war ein munteres Durcheinander in den Zimmern, als Benny die Kinder weckte und zum Zähneputzen in den Waschraum schickte.

»Aufstehn, aufstehn!« Er tippte dem zwölfjährigen Träume-Ram auf die Schulter. »Aufstehn, sonst kommt der Benny mit dem kalten Wasser!«

Das nur halb verdeckte Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

»Benny, Benny!« Murmelchen zupfte an seinem T-Shirt und sagte irgendetwas auf Nepali. Er entnahm den Gesten, dass die Kleine ihre zweite Sandale nicht finden konnte. Er ging mit ihr auf die Suche, fand unter einem der Etagenbetten einen abgewetzten einzelnen Turnschuh und gab ihn ihr.

»Nein. Nein, nein.« Murmelchen lachte. Sie fanden die Sandale am Fußende ihres eigenen Betts.

»Guten Morgen.« Es war Arunas warme Stimme. Ihr hatte er keinen Beinamen verpasst, sie würde er niemals verwechseln. Sie kam morgens ins Haus und half den Praktikanten, die Kinder auf den Tag vorzubereiten. Bei Bedarf war sie auch an jeder anderen Stelle einsetzbar, sie konnte sogar besser kochen als die üppige Frau, die hierfür fest eingestellt war, aber oft keine Lust hatte zu arbeiten und einfach zu Hause blieb.

Aruna war ein knappes Jahr jünger als er und der liebenswürdigste Mensch, dem er je begegnet war, außerdem so schön, dass er, wenn sie nicht zusammen waren, mitten am Tag die Augen fest zusammendrückte, um sich ihr Gesicht vorzustellen und ihr aus seinem Herzen, das sich in solchen Momenten warm und weit anfühlte, ein unsichtbares Lächeln zu schicken. Es war anders als zu Hause, wo man schon mal mit einem Mädchen feiern gegangen war und ein bisschen herumgeknutscht hatte. Es hatte nichts bedeutet im Gegensatz zu dem, was Aruna bei ihm auslöste.

Sie kam aus einer wohlhabenden Familie, die im Thamel wohnte, dem Touristenviertel von Kathmandu. Sie hatte ihm erzählt, dass sie in einem weißen Haus mit Säulen über dem Eingangshof wohnten. Die Art, wie sie ihm davon berichtet hatte, war nicht hochnäsig rübergekommen, sie stellte es einfach fest.

 Sie machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und konnte sich fließend auf Englisch, Spanisch und auch Deutsch unterhalten. In Chinesisch sei sie noch nicht so sicher, hatte sie beinahe entschuldigend gesagt. Sie hatte nichts dagegen, mit ihm Nepali zu üben; umgekehrt war es für sie eine willkommene Gelegenheit, zusammen mit ihm ihre Deutschkenntnisse anzuwenden.

In ihrer freien Zeit betreute sie Studenten und Freiwilligenhelfer aus dem Ausland, mit denen er in einem Gebäude mit kargen, schlicht eingerichteten Räumen zusammen wohnte, wenn er nicht bei seinen Schützlingen im Waisenhaus übernachtete. Aruna half den Neuankömmlingen bei ihrem Einstieg in das nepalesische Leben, besonders dann, wenn sie sprachlich nicht weiter kamen oder Behördengänge zu erledigen hatten.

Sie sagte, dass das nur möglich war, weil ihr Vater sehr tolerant sei und sie in allem unterstütze, auch bei ihrer Ausbildung. Damit sei sie in ihrem Land sehr privilegiert. Vor allem in den ärmeren Familien wären die Mädchen an das häusliche Leben gebunden, bis sie heiratsfähig seien und an die Familie eines Mannes abgegeben würden, den der eigene Vater ausgesucht habe.

Mit der Hilfe ihres Vaters konnte sie sich den ehrenamtlichen Dienst im Waisenhaus und bei den Freiwilligen leisten, sich nützlich machen und gleichzeitig mit den ausländischen Praktikanten in deren Sprache zu reden üben.

»Ich gehe hoch und helfe beim Frühstück«, sagte sie, schüttelte ein paar Decken aus und verschwand mit einigen der Kinder nach oben in den ehemaligen Wintergarten, der als Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum genutzt wurde. Sie hatten tagelang gebraucht, um das Haus einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Das unermessliche Chaos, das Benny bei seiner Ankunft vorgefunden hatte, der Müll und Dreck in allen Zimmern, hatten ihn dermaßen angeekelt, dass er freiwillig das große Aufräumen begonnen hatte. Dem Chef machte es nichts aus, aber Benny hatte es nicht ertragen können. Sie hatten es einigermaßen hinbekommen, aber es konnte einem immer noch passieren, dass man knirschend auf tote Kakerlaken zwischen den liegen gelassenen Küchenabfällen oder schimmelnde Reste trat. Die Lebensmittelspenden, die immer mal wieder abgegeben wurden, interessierten niemanden. Berge davon gammelten in einem separaten Raum vor sich hin.

Das Heim mit der Hausnummer 953 befand sich am Rand eines belebten Viertels mitten in Kathmandu und bestand aus drei Stockwerken und einem verglasten Dach mit Terrasse.

Benny hatte zusammen mit Tim, einem Freiwilligenhelfer aus der Nähe von München, mit dem er sich auf Anhieb angefreundet hatte, direkt in der ersten Woche nach seiner Ankunft die Außenfassade gestrichen. In den Abfällen auf dem Hof des Nachbarhauses hatten sie angebrochene Farbeimer gefunden. Das Gelb hatte für das Erdgeschoss und einen Teil der ersten Etage gereicht, den Rest hatten sie in einem hellen Rosa gestrichen. Das Ergebnis war ganz passabel, wenn auch manche Stellen fleckig blieben.

Im Eingangsbereich des Hauses war man über Müll und Unrat gestolpert. Tim und Benny hatten das Allermeiste ungeprüft in Plastiksäcke gestopft und auf die Straße zu all den anderen Abfällen geworfen, die vor sich hinschwelten, bis sie zu nicht festgelegten Terminen abgeholt wurden.

Direkt hinter dem Flur am Eingang führte eine Tür zu den Schlafplätzen der wenigen Alten, die im Heim eine Unterkunft gefunden hatten. Nebenan befand sich das Büro des Chefs, ein dunkler, von schwerer Zigarrenluft verpesteter Raum.

Die weiteren Schlafräume verteilten sich auf das erste und zweite Stockwerk. Die Kinder schliefen in Etagenbetten oder auf Matratzen, die nebeneinander auf dem Boden lagen. Am liebsten mochte Benny die Dachetage, die sich zur Hälfte unter freiem Himmel befand und deren anderer Teil von riesigen Glasfenstern eingefasst wurde, aus denen man in die Ferne auf die Berge sah. Sie hatten die schlichten Holztische mit harten Wurzelbürsten abgeschrubbt, bis sich eine einigermaßen saubere Fläche ergeben hatte.

An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand standen auf einem Holzbrett, das die ganze Breite des Raumes einnahm, der Spültrog, eine Kochplatte mit zwei Feldern und eine dicke runde Heizspirale, auf der in einem riesigen Topf Reis und Linsen gekocht wurden. Unter der Platte stapelten sich Hunderte von Tellern sowie Gefäße aus Plastik, in denen die aktuell benötigten Vorräte aufbewahrt wurden.

Von den vier uralten Frauen, die mit im Haus lebten, schafften es zwei noch bis hierher nach oben. Sie waren immer gut gelaunt und sichtlich zufrieden, sich in der Küche nützlich machen zu können, indem sie Reis wuschen oder Gemüse zupften. Sie hatten tiefe Furchen im Gesicht, und die eine von ihnen war von Kopf bis Fuß mit braunen Flecken übersät. Niemand kannte ihr wahres Alter, aber Benny schätzte es auf an die hundert.  

Sie waren spät dran, als er und Aruna schließlich mit ihren Schützlingen zur Schule aufbrachen. Der Regen hatte wieder eingesetzt, so dass sie völlig durchnässt waren, als sie auf dem Schulhof ankamen. Das morgendliche Begrüßungsritual mit einigen Liedern, die alle Schüler, von klein bis groß, auf dem Schulhof lauthals mitsangen, war fester Bestandteil eines jeden Tages. Danach aber driftete der Alltag der Kinder meistens ins Chaos ab. Die Klassenräume waren zu klein, als dass für jeden Schüler ein Tisch mit Stuhl Platz gehabt hätte. So saßen sie auf dem Boden oder zu mehreren auf den Tischen. In der ersten Klasse waren die Kinder bis zu zwölf Jahre alt, je nachdem, wie lang sie bis dahin in ihren Familien noch für andere Arbeiten gebraucht wurden. Einzig die Waisenkinder versuchte man möglichst schon im Alter von sechs Jahren in die Schule zu schicken.

In der ersten Woche hatte Benny sich den Unterricht der Lehrer nur angesehen und den Eindruck gewonnen, dass es ihnen völlig egal zu sein schien, ihren Schülern etwas erfolgreich beizubringen. Wenn sie sich nicht durchsetzen konnten und das Durcheinander aus dem Ruder geriet, verprügelten sie die unruhigen Kinder, oft mehrmals innerhalb der Stunde.

Die Klasse, die für Benny zusammengestellt worden war, bestand aus 16 Kindern, die er in Englisch unterrichten sollte.  Er las ihnen vor und ließ sie anschließend den Text wiederholen und nochmals wiederholen, bis sie ihn auswändig und flüssig aufsagen konnten. Danach versuchte er, die nepalesische Version nachzusprechen. Und dann wieder alles auf Englisch. Die Kinder bissen an und machten Fortschritte. Er gab ihnen selbst zurechtgeschnittene Papiersternchen, wenn sie es gut gemacht hatten, und bald entbrannte ein großer Eifer auf möglichst viele dieser gezackten Auszeichnungen.

Um ein Uhr schnappte er sich seine Schützlinge, und sie liefen zurück zum Haus. Der Regen hatte aufgehört, die Wolkendecke öffnete sich nur langsam über der schweren Luft. Es war stickig in der Stadt, in den Straßen dampfte es, der schmierig gewordene Staub legte sich auf die Kleidung und ihre feuchte Haut.

Zum Mittagessen gab es mal wieder Reis mit Linsen. Eigentlich mochte Benny dal bhat, das in Nepal von früh bis spät angeboten wurde. Allerdings war es hier im Haus nicht viel mehr als ein einziger Klumpen ungewürzten Breis.

»Heute Nachmittag wird es ernst, Jungs«, sagte er. »Wir treffen uns um drei zum Fußballspiel. Wir machen zwei Mannschaften, eine trägt rote, die andere blaue Bänder. Also, bis gleich!«

Während die Kinder die Tische abräumten und beim Geschirrspülen halfen, ging Benny hinunter zum Büro des Heimleiters. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und klopfte an die halb geöffnete Tür. Ron zuckte zusammen. Offenbar war er in seinem Sessel eingenickt. Die Füße lagen auf einem Stapel Papier, und es roch widerlich nach abgestandenem Rauch.

»Was gibt’s?«

»Sag mal, gibt es sowas wie eine Adressenliste der anderen Praktikanten, die früher hier gearbeitet haben? Vielleicht kann man mal ein Treffen organisieren.«

»Du bist wirklich ein komisches Kerlchen.« Ron steckte sich eine Zigarre an, zog tief an ihr und blies den Rauch in langsam aufsteigenden Kringeln aus.

»Ich bin jetzt seit zehn Jahren hier, aber so einer wie du ist mir noch nicht untergekommen. Erst bestehst du darauf, nepalesisch zu lernen, dann willst du die ganze Welt zusammentrommeln. Vergiss es. Abgesehen davon, dass die meisten von euch aus Europa kommen und ihr euch doch besser drüben bei euch versammeln solltet, glaub ich nicht, dass ich dir helfen kann. Wir halten nicht alles fein säuberlich nach. Deinen Sinn für Ordnung und Reinlichkeit haben wir ja schon kennengelernt, aber wir haben hier nun einmal keine Personalakten oder sowas.«

»Aber ich habe bei meiner Ankunft doch auch ein Formular ausfüllen müssen.«

»Ja, so wollen es nun mal die Vorschriften. Gebraucht haben wir den Papierkram aber noch nie. Falls mal einer von euch umkippt oder abhaut, können wir dann theoretisch nach euch suchen. Theoretisch! Aber das ist noch nicht vorgekommen. Und außerdem, wenn es schon um Vorschriften geht: Da dürfte ich sicher nichts rausrücken, selbst wenn ich was hätte von all den Ehemaligen. Also: Vergiss es, und schönen Dank für’s Wecken.«

Benny verließ das Zimmer. Das hatte er sich einfacher vorgestellt. Es mussten doch irgendwo diese Formulare herumliegen. Aber ein Ordner oder ein Fach für Personalangelegenheiten war ihm jetzt auch nicht ins Auge gesprungen. Er musste sich noch mal persönlich umsehen, wenn Ron nicht da war.

Aus der Materialkiste unter der Treppe fischte er fünf rote und sechs blaue Bänder und rief die Kinder zusammen. Sie mussten erst einmal die Ziegel aufstapeln, die zwischen all dem Unrat herumlagen. Der Hof grenzte an ein Haus, aus dem jeden Tag immer neue Müllsäcke oder nicht mehr benötigte Steine herübergeworfen wurden. Benny hatte Ron gefragt, ob man nicht mit den Nachbarn sprechen könne, damit der Müll nicht immer bei ihnen landen würde. Aber Ron hatte nur mit den Achseln gezuckt und ihm erklärt, dass sich nicht mehr genau ermitteln lasse, wem der Hof gehöre und so lange würde er wohl unbebaut bleiben und jeder dürfe damit machen, was er wolle. Ein paar der Müllsäcke schwelten. Es stank unerträglich, aber Benny begann allmählich, sich daran zu gewöhnen.

Die Mädchen hatten keine Lust mitzuspielen, was auch besser war, denn sie wirkten zart und zerbrechlich, während die Jungen in ihrem kämpferischen Ehrgeiz rau und wild waren. Als nach lautem Hin und Her die Mannschaften feststanden und das eine fehlende rote Band durch ein rotes T-Shirt ersetzt worden war, konnte es losgehen. Die Mädchen stellten sich ins Fenster, zwei der Jungen, die ebenfalls nicht mitspielen wollten, saßen auf der Mauer. Benny pfiff das Spiel an, und schon begann ein erbitterter Kampf um den Ballbesitz, die Zuschauer kreischten und feuerten ihre Mannschaft an, was das Zeug hielt. Aus dem Augenwinkel sah Benny, dass sich Aruna zu den Mädchen gesellt hatte. Sie lächelte.

Nach dem dritten Tor, das mit großem Beifall gefeiert wurde, passierte es: Ramo fiel von der Mauer, wie ein Stein kippte er hinunter, zuckend und zitternd. Die Kinder waren sofort bei ihm. Benny schickte sie weg und schrie:

»Ein Arzt! Sanitäter! Aruna! Ron! Ein Arzt!« Der Junge ließ sich nicht beruhigen. Weißer Schaum quoll aus seinen Mundwinkeln.

»Ein Taxi! Ruft ein Taxi! Er muss ins Krankenhaus, wenn hier keiner helfen kann. Los, fasst mit an! Aber vorsichtig.«

Benny rannen Tränen über die Wangen. Ron nahm den Jungen und trug das zappelnde Bündel, immerhin behutsam und mit festem Griff, nach draußen, wo ein Taxi wartete, das Aruna gerufen haben musste.

»Bitte komm mit«, sagte Benny, und sie stieg vorne ein. Der Fahrer verlangte einen horrenden Preis und schaute einige Male zur Rückbank, als ob sie Aussätzige wären. An der Pforte zur Universität stieg Aruna aus, um den Wachmann nach dem Weg zur Klinik zu fragen. Benny sah, wie der Mann mit dem Kopf schüttelte und zurück in sein Häuschen verschwand.

»Er will damit nichts zu tun haben, er sagt uns nicht, wohin wir müssen.«

»Wir finden das schon selber.«

Benny nahm Ramo auf den Arm. Er musste seine ganze Kraft und Konzentration zusammennehmen, der Junge wog schwer und zitterte noch immer, er selbst fühlte sich hilflos und elend. Glücklicherweise war das Klinikgebäude bald in Sicht. Aruna lief voraus und führte sie zur Notaufnahme.

Der Arzt, auf den sie schließlich trafen, machte einen freundlichen und fachkundigen Eindruck. Er stellte Aruna einige Fragen. Benny verstand so gut wie  nichts. Dann sagte Aruna:

»Komm, wir müssen weiter.«

»Was? Es geht ihm schlecht. Sag ihm, dass wir ein Notfallkind vom Waisenhaus haben und der Junge sofort Hilfe braucht. Das sieht man doch!« Benny war außer sich. 

Aruna wiederholte nur: »Komm. Nimm ihn, wir gehen woanders hin.«

Er gehorchte. Draußen standen Taxen. Sie stiegen in den ersten Wagen ein, Aruna nannte dem Fahrer das nächste Ziel. Sie wandte sich Benny zu und sagte:

»Es war, weil ich gesagt habe, dass wir vom Waisenhaus kommen. Solche Kinder nehmen sie nicht.«

»Was sollen wir denn machen?« Benny zitterte jetzt selber am ganzen Körper.

»Im Norden der Stadt gibt es ein weiteres Krankenhaus. Ich sage ihnen, dass es mein Neffe ist, dann werden sie uns helfen.«

Aruna hatte den letzten Satz mit einem kurzen Blick auf den Fahrer auf Deutsch gesagt. Ramo weinte, auch wenn sein Zittern deutlich schwächer geworden war. Benny versuchte, beruhigend auf ihn einzureden, was ihm nicht gelingen wollte, weil er sich selbst schwach und völlig idiotisch fühlte.

Sie kamen nur stockend voran durch den dichten Verkehr, die Fahrt schien Ewigkeiten zu dauern. 

 Im Krankenhaus mussten sie nicht sehr lange warten, aber die Zeit reichte, um einen Eindruck von den Verhältnissen zu bekommen. Das Personal lief hektisch über die langen Gänge und schob Tragen vor sich her, die mit schmutzigen Laken bezogen waren, auf denen sich dunkle eingetrocknete Blutflecken befanden. Ameisen rannten über die Flure, Kinder schrien. Benny schauderte. Aber immerhin wurde Ramo nach einer Weile in ein Behandlungszimmer gebracht.

Am frühen Abend waren sie zurück im Waisenhaus. Benny legte sich neben Ramo aufs Bett. Der Arzt hatte eine Gehirnerschütterung festgestellt. Außerdem hatte Ramo vor dem Sturz von der Mauer einen epileptischen Anfall erlitten. Aruna hatte die Adresse ihrer Familie genannt und versprochen, die Rechnung in den nächsten Tagen zu bezahlen. 

Sie setzte sich zu ihnen auf den Boden.

»Danke, Aruna, ohne dich hätten wir es niemals geschafft.«

Er weinte und begann, von seiner Schwester zu erzählen, die im Gegensatz zu Ramo gestorben war. Und er sagte, dass er auf den Spuren seiner Herkunft sei, nachdem er als Baby von einer dänischen Praktikantin gerettet worden war und dass er die nun wiederfinden wollte. Erst sie, dann seine leiblichen Eltern.

»Willst du mir helfen, sie zu finden?«

Aruna legte ihre Hand auf seinen Arm.

Sie sagte leise: »Ja«.

Dann schlief er ein.

6

Gerrit Haussmann war gut in der Zeit, als er den Wagen auf dem Kiesparkplatz hinter dem Bellavista abstellte. Er checkte ein, brachte seine Tasche in das auf seinen Namen reservierte Zimmer 17 und traf seinen Chef pünktlich um fünf auf der Terrasse des sorgfältig ausgesuchten, vornehmen Hotels.

»Schön, dich zu sehen.«

Fred entblößte eine Reihe makelloser weißer Zähne, die er sich nach ihrer letzten Begegnung geleistet haben musste. »Was macht die Familie?«

Gerrit nickte: »Alles in Ordnung.«

»Wie geht’s dem Kleinen?«

»Er macht ein Auslandspraktikum.«

»Dann musst du jetzt wohl auf deine schöne Herzensdame aufpassen, wenn sie den ganzen Tag allein zu Haus ist, was?«

Sein Chef klopfte ihm auf die Schulter und stieß ein tiefes Lachen aus.

»Setz dich! Due cafe, senior!«, rief er dem Kellner zu. »Wie ist es bislang gelaufen?«

»Ganz passabel. Ich hab ein paar Verträge in der Tasche und weitere in Aussicht.«

»Sehr gut, Gerrit. Mit dir können wir noch Einiges mehr machen. Das würde dir richtig gut bekommen.«

»Fred, bitte!«

»Nichts für ungut, Gerrit. Ich will dich nicht ärgern. Aber stell dir vor, es gäbe sie gar nicht mehr, all die Not ums Geld, ums Haus und all die Geier, die hinter dir her sind.«

»Fred, bitte!«, sagte Gerrit noch einmal, »das ist allein meine Sache. Ganz allein.«

»Ich weiß, ich weiß. Aber man kann die Dinge doch ein wenig beschleunigen, was meinst du? Ich sage es dir gern noch einmal: Du bist ein guter Mann! Ein Mann mit Potenzial. Und ich garantiere dir, dass du davon profitierst, wenn du endlich mal wieder eine echte Herausforderung annimmst. Du bist gewandt, in diversen Sprachen zu Hause, du kennst die asiatischen Verhältnisse, du kannst einen Charme spielen lassen, der hinreißend ist und die Leute in kürzester Zeit für dich einnimmt. Wenn Du nur willst.«

Er nippte an seinem Espresso, ohne den Blick von Gerrit abzuwenden. 

»Fred, ich ahne schon, was du von mir verlangst, aber ich bin nicht bereit zu riskanten Geschäften. Wenn was rauskommt, sind wir alle dran.«

»Nun warte doch erst einmal. Was soll denn rauskommen? Und was kann passieren? Du weißt doch noch gar nicht, worum es geht. Wir sind auf der sicheren Seite. Glaub mir. Den Kindern, die du triffst, wird mit deiner Unterstützung geholfen. Wenn sie das Mittel bekommen, sind sie sicher vor der Seuche, die zurzeit die Welt in Atem hält, und sie bekommen es sogar zum Nulltarif! Die können sich ohne dich gar keine medizinische Versorgung leisten. Sie werden dir dankbar sein.