Das rote Tuch - Sybil Fuhrer - E-Book

Das rote Tuch E-Book

Sybil Fuhrer

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Beschreibung

Als Tina ihre neue Arbeitsstelle antritt, ahnt sie noch nicht, was sie dort erwarten wird. Vom ersten Tag an ist sie den heimtückischen Angriffen ihrer Kolleginnen und Kollegen ausgeliefert, und jeglicher Versuch, sich Hilfe zu holen, scheitert. Immer tiefer gerät sie in den Strudel des systematischen Mobbings hinein und sucht verzweifelt nach einem Ausweg.

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EPUB
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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sybil Fuhrer

Das rote Tuch

© 2021 Sybil Fuhrer

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-31684-3

Hardcover:

978-3-347-31685-0

e-Book:

978-3-347-31686-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort

Mobbing stammt vom englischen Wort to mob ab, was so viel wie jemanden angreifen oder über jemanden herfallen bedeutet.

Die Ursprünge dieses Begriffs gehen auf das Verhalten von Tiergruppen gegenüber einer körperlich überlegenen Spezies zurück. Heutzutage kennt man dieses Phänomen vor allem von einem der seelisch unterentwickeltsten Primaten: dem Mob. Seine bevorzugten Territorien sind Schulen und die Arbeitswelt. Sein natürlicher Feind ist die emotionale Intelligenz.

Wird man gemobbt, ist man Opfer. Es überrascht nicht, dass der Ausdruck Opfer in den vergangenen Jahren von manchen ins Lächerliche gezogen wurde. Doch lächerlich ist höchstens das feige Verhalten der Täterschaft. Die Täter verhöhnen es, um ihr Handeln zu verharmlosen. Denn Mobbing ist weit davon entfernt, ein Bagatelldelikt zu sein. Es ist seelische Folter und kann mit denselben Attributen wie Littering beschrieben werden: kriminell, schwer nachweisbar und unnötig in allen Belangen.

Gleich werden Sie Tina kennenlernen. Tinas Geschichte ist frei erfunden. Vereinzelte Charaktere in diesem Roman weisen allerdings Eigenschaften auf, die auf realen Personen basieren. Genauso verhält es sich mit den Erfahrungen oder Schikanen, die Arbeitskollegen von mir oder auch ich selbst verkraften mussten.

Suchte ich nach dem Warum, lagen die Ursachen meist auf der Hand: War keine Eifersucht im Spiel, ging es um die Angst, an Territorium einzubüßen.

Was anfangs wie ein Kampf gegen Windmühlen scheint, muss es nicht zwingend auch sein. Denn eine maßgebende Erkenntnis all meiner persönlichen Erfahrungen war: Haben Mobber kein Publikum, verkriechen sie sich für gewöhnlich. Sie sitzen in einem Haus ohne Fundament, das schon beim geringsten Lüftchen einzubrechen droht. Mit dieser Erkenntnis drehte sich bei mir der Wind.

Das rote Tuch

Nummer 34. Hier musste es sein. Mein Blick schwenkte zu dem zerknautschten Brief, den ich in meinen Händen hielt. Ich trat zwei Schritte zurück und blickte an der Hausmauer nach oben. Okay, dachte ich etwas ernüchtert und kramte nach dem Hausschlüssel, den mir der Hausverwalter per Post zugestellt hatte.

Der penetrante, muffige Geruch von altem Holz stieg mir in die Nase. Es roch nach Treppenhaus – nach fremdem Treppenhaus.

Im dumpfen Hall des Eingangs war mein Bestimmungsort schnell ausgemacht. Ein Poltern und Rumpeln drang aus der Wohnung im zweiten Stock.

Etwas zögerlich stieg ich im dämmrigen Licht die Stufen empor und näherte mich dem Tumult mit jedem Schritt. Die Wohnungstür war angelehnt. Vorsichtig drückte ich sie nach innen und trat geblendet vom Tageslicht ein. Die Männer von der Umzugsfirma hatten mein Eintreffen nicht bemerkt und hetzten wie eilige Passanten von einem Zimmer zum anderen. Damit es niemandem im Weg stand, stellte ich mein Handgepäck gleich am Eingang ab.

Es war das erste Mal, dass ich so lange von meinen Liebsten getrennt war, und so weit entfernt von ihnen. Da stand ich nun, inmitten von braunen Umzugskartons, die mich wie der Grand Canyon ummantelten. Die Umzugsmänner hatten die wenigen Möbel nach meinen Wünschen in den Räumen platziert, die Kartons jedoch willkürlich in den beiden kleinen Zimmern abgestellt.

Mein Arbeitgeber hatte mir zwei Tage Urlaub für den Umzug gewährt. Es fühlte sich wie ein unfreiwilliger Neuanfang an. Erst vor wenigen Wochen hatte ich mich von meinem Freund getrennt. Glücklicherweise hatten mir meine besten Freundinnen seelischen Beistand geleistet. Sie fehlten mir jetzt schon. Aber welche Wahl hatte ich?

Die Filialen in den Ländern unseres Nahrungsmittelkonzerns waren aus Kostengründen umstrukturiert und meine Abteilung von heute auf morgen in ein Niedriglohnland ausgelagert worden. Neben all den Entlassungen konnte einigen wenigen von uns eine Stelle in der europäischen Zentrale angeboten werden, und ich war eine davon. Hätte ich abgelehnt, wäre der Gang zum Arbeitsamt unerlässlich gewesen. Ich war dankbar für die Chance, die man mir schenkte, denn die meisten von uns Betroffenen blickten fortan in eine ungewisse Zukunft. Mit meinen 25 Lenzen hätte ich es zudem schwer gehabt, mich gegen eine viel erfahrenere Konkurrenz auf dem Stellenmarkt zu behaupten. Nichtsdestotrotz hatte ich großen Respekt davor, was mich erwartete, denn es war bekannt, dass im Hauptquartier ein rauerer Umgangston herrschte als in unserer familiären Geschäftsstelle, wo jeder jeden kannte und Hierarchien lediglich auf dem Papier existierten.

In der Wohnung nebenan wummerte der Bass von Wild Cherrys Klassiker Play that funky music. Ich warf einen Blick über den Kartonstapel hinweg, hin zu einer kahlen Wand, hinter der ich die Quelle des Sounds vermutete. Der Geruch von gebrauchten Kartons signalisierte mir, mit dem Auspacken loszulegen. Ich griff nach einer kleineren Schachtel, auf der in dicken schwarzen Lettern Diversess/ Büromaterialien stand. Mit einem feuerroten Cutter löste ich die Enden des Klebebandes. Geübt vom monatlichen Waxing zerrte ich es mit einem Ruck in meine Richtung. Die oberen beiden Enden des Kartons kamen mir entgegen wie ein Mund, der nach Atem rang.

Ich befreite den obersten Gegenstand vorsichtig aus knisterndem Seidenpapier. Zum Vorschein kam ein Bilderrahmen aus Holz im Taschenbuchformat, den mir meine zwei besten Freundinnen Rebecka und Olivia zum Abschied geschenkt hatten. Gut gelaunt posierten wir auf dem Foto vor einem Weidezaun. Im starken Wind waren wir kläglich daran gescheitert, unsere Frisuren im Zaum zu halten. Ein Islandpony im Hintergrund trotzte der Böe unbeirrt und stahl uns mit seiner wunderschönen Mähne die Show.

Die beiden hatten sich auf dem oberen rechten Bildrand mit einer Widmung verewigt: Liebe Tina, wir sind immer bei dir!

Sachte fuhr ich mit meinem Daumen über das Bild und drückte es dann an meine Brust. Das Seidenpapier tänzelte unbeachtet zu Boden. Damit ich meinen beiden Freundinnen nah sein konnte, stellte ich den Fotorahmen auf das leere Regal im Wohnzimmer und machte mich weiter ans Auspacken.

Mit jedem Karton, den ich leerte, wurde die kleine Altbau-Wohnung behaglicher. Die Küche und das Badezimmer waren in die Jahre gekommen, der Holzboden hatte einige Dellen und knarrte bei jedem Schritt. Die größten Beulen direkt beim Eingang ließ ich unter einem Läufer verschwinden.

Vor meinem Einzug waren immerhin die Wände frisch gestrichen worden, wodurch die Räume freundlich und hell wirkten.

Ich legte eine Tagesdecke und einige Kissen auf das Sofa, die nackten Stubenfenster verhüllte ich mit einem bis zum Boden reichenden Vorhang. Mit den Textilien kam nicht nur Wärme in die Räume, sie zauberten auch im Nu den Hall und die Nebengeräusche aus den Zimmern. Den Esstisch deckte ich mit einer bunten Tischdecke und stellte eine Vase in die Mitte, die ich bei Gelegenheit mit frischen Blumen füllen wollte. Das Endresultat zauberte mir mit einem Mal ein Lächeln auf die Lippen. Es war hyggelig, wie die Dänen zu sagen pflegen.

Das erste Drittel:

Tercio de varas oder: Der Einzug in die Arena

Neben dem Empfang hatte sich eine Traube von Menschen gebildet, die darauf wartete, von den neuen Arbeitskameraden abgeholt zu werden. Inmitten der Menge erkannte ich zwei Kollegen, die wie ich von der Filiale in die Zentrale versetzt worden waren.

Nach und nach wurde die Gruppe kleiner, bis ich als Letzte übrig blieb. Es war fast wie zu Schulzeiten, wo sich manche in der Gymnastikstunde davor fürchteten, als Letzte von den Gruppenleitern ins Team gewählt zu werden. Sie waren zumeist entweder schlecht im Sport oder unbeliebt in der Klasse.

Ich wandte mich an die Dame am Empfang. Die etwas distanziert wirkende Rezeptionistin mit dem strammen Pferdeschwanz erkundigte sich nach meinem Namen, schaute in ihrem Computer nach und erwähnte schließlich, in der Abteilung anzurufen. Nach einem kurzen Gespräch meinte sie dann zu mir: «Es ist jemand unterwegs.»

«Okay», antwortete ich und setzte mich auf den Rand des breiten Ledersofas im Foyer. Um die Zeit zu überbrücken, spielte ich an dem Badge herum, der mir ausgehändigt worden war und an einem hellblauen Lanyard wie eine Kette um meinen Hals hing. Auf der Vorderseite meiner Erkennungsmarke lachte mir mein eigenes Gesicht entgegen. Unterhalb des Fotos standen meine Firmeninitialen TIGI und die Personalnummer. Auf der Rückseite waren interne Notfallnummern vermerkt. Ich schmunzelte innerlich, als mir der absurde Gedanke kam, eine dieser Nummern zu wählen, falls mich niemand abholen sollte.

Im Empfangsbereich herrschte ein reges Kommen und Gehen: Die meisten liefen vom Eingang direkt zu den Aufzügen, um in die oberen Stockwerke zu gelangen. Mal leuchtete die jeweilige Zahl über dem linken Lift auf, dann über dem mittleren und dann und wann über dem rechten. Im Gegensatz zum Kinderfernsehprogramm «1, 2 oder 3» brauchten die Kollegen das richtige Törchen nicht zu erraten. Es wurde ihnen vorab auf einem Display angezeigt. Und trotzdem gab es immer wieder solche, die vor der falschen Lifttür warteten und den richtigen Aufzug gerade noch erreichten, ehe sich dieser ohne Passagier wieder davonmachte.

Nach gut zehn Minuten trat eine Frau aus der linken Kabine heraus und steuerte direkt auf mich zu. «Bist du Tina?»

Ich erhob mich und nickte schüchtern.

Sie begrüßte mich mit einem schlaffen Händedruck. «Hallo, ich bin Esmé.»

Ich folgte ihr in denselben Lift, mit dem sie gekommen war. Dabei konnte ich es mir nicht verkneifen, auf ihren apfelförmigen Hintern zu starren, der in eine knallenge weiße Jeans gepresst war. Trotz der Turnschuhe wirkte ihr Gang unsportlich und schwerfällig. Im Kontrast dazu glänzte ihr schönes, dichtes langes Haar.

Nach einer kurzen Fahrt öffnete sich die Fahrstuhltür. Mein Blick schwenkte auf Augenhöhe und erblickte als Erstes die Türen der Waschräume im Treppenhaus. Über einen Flur mit anthrazitfarbenen Wänden gelangte man durch eine große Glastür in die Büroräume.

Esmé hielt ihre Ausweiskarte an den Codeleser. Ein Summen verriet, dass die Tür nun entriegelt war.

«Aus Sicherheitsgründen darfst du niemandem gleichzeitig Eintritt gewähren! Auf diese Weise können wir ermitteln, wie viele Personen sich jeweils auf den Stockwerken aufhalten. Nebst Feuerwehrübungen dienen diese Aufzeichnungen auch beim Planen der Anzahl an Büroplätzen.»

Ich nickte und sah mich etwas verloren um. Die Gegenwart hatte mich wie auf einer sehr schnellen Zeitreise vom Stumm- zum Science-Fiction-Film eingeholt. Mein ehemaliges Büro entsprach definitiv nicht mehr dem modernen Standard. Der Unterschied war gewaltig. Die Büroräume wirkten minimal wärmer als der Lift. Das Mobiliar war modern und glänzte, als stünde es in einem Möbelgeschäft. Auf den Schreibtischen standen Monitore, ansonsten waren sie mehr oder weniger leergeräumt.

«Wir haben hier Clean Desk Policy», klärte mich Esmé auf. «Jeder hat einen eigenen Spind. Der Arbeitsplatz muss abends aufgeräumt werden, sonst reinigen die Putzleute nicht und es gibt eine Verwarnung.»

In meinem früheren Büro hatten wir überall Fotos, Topfpflanzen und Geschenke aufgestellt. Zugegebenermaßen sah es ein wenig aus wie auf dem Trödelmarkt. Aber es war gemütlich und gab dem Büro eine menschliche Komponente. Mit einer Clean Desk Policy wären wir den halben Tag damit beschäftigt gewesen, unsere persönlichen Dinge auf- und abzuräumen.

Die Tische waren in Vierer-Pools angeordnet und mit großblättrigen Pflanzen voneinander getrennt. Die herzförmigen Blätter der Monstera fühlten sich zwischen Daumen und Zeigefinger echt an. Mein Platz befand sich direkt neben der Tür. Mir fiel auf, dass die Tische im gesamten Büro höhenverstellbar waren, sodass man nach Belieben im Sitzen oder im Stehen arbeiten konnte. In der Filiale musste man für ein solches Pult ein Arztzeugnis vorweisen. Ich nahm mir vor, täglich mindestens eine Stunde im Stehen zu arbeiten. Ein Luxus, den ich großartig fand und an dem ich mich gleich versuchen wollte. Schmunzelnd hielt ich den Badge an den für die Höhe verstellbaren Schaltknopf des Pults. Der Schreibtisch machte keinen Wank. Dann drückte ich sachte mit meinem Zeigefinger auf den schwarzen Knopf, der mit einem Pfeil nach oben zeigte. Mit einem Summton bewegte sich die Tischplatte nach oben. Glück gehabt! Es funktionierte also ohne den persönlichen Schlüssel.

Meine kindliche Spielerei hielt allerdings nicht lange an, denn eine Frau trat ins Büro, die ich auf Ende vierzig schätzte. Sie trug einen grauen Hosenanzug, der sich farblich kontrastlos in ihren Haaren fortsetzte. Barbara war die Executive Assistant und übernahm gleich das Zepter: «Das hier ist dein Platz. Ich zeige dir, wo die Büromaterialien sind.»

Die Hand hatte sie mir zur Begrüßung nicht gereicht. Ich kam mir vor wie eine Konservendose, die man möglichst schnell zu den anderen Büchsen im Schrank stellen wollte. Sie sprach sehr schnell und wirkte herrisch. Ihre Stimme erinnerte mich an einen Eichelhäher.

«Komm, ich zeige dir die Räume in unserem Stockwerk.»

Ich folgte Barbara und entschied, das Stehpult nach dem Rundgang auf die ideale Höhe einzustellen. Zuerst steuerte sie die Küche an.

«Bitte räum am Morgen den Geschirrspüler aus und lass ihn abends laufen, bevor du gehst.» Sie öffnete im Eiltempo einige der Küchenschränke, schloss diese aber genauso schnell wieder, sodass ich nicht genau erkennen konnte, was in welchem Schrank verstaut war.

Im Spültrog türmten sich gebrauchte Kaffeetassen. Auf einem Hochtisch lag neben einer Früchteschale eine leere Panettone-Schachtel. Am Boden daneben fanden sich Krümel. Kaffee, Tee und Wasser gab es umsonst. Dazu wurden zweimal wöchentlich Früchte geliefert. Eine Gute-Luise-Birne stach mir zwischen den Äpfeln und Bananen gleich in die Augen. Die reservierte ich mir gedanklich schon mal fürs Dessert.

Als Nächstes führte Barbara mich zu einem kleinen Abstellraum, einem Lager für Druckerpapier und Flipchart-Rollen. Zudem war hier eine kleine Leiter an die Wand gelehnt. Im selben Raum stand eine Tonne mit leeren Kartons und Altpapier.

«Bitte informiere das Facility Management, wenn das Papier ausgeht oder die Tonne voll ist, damit sie geleert wird.»

Ich nickte und folgte ihr weiter. An den Mitarbeitern, denen wir auf dem Flur begegneten, liefen wir mehrheitlich wortlos vorbei.

Als Letztes zeigte sie mir eine Ecke mit Büromaterialien. Dort durfte ich mich bedienen und einige Dinge für den Büroalltag aussuchen. Ich schnappte mir eine transparente, grüne Kunststoffbox, damit ich die Schreibwaren abends spielend im Spind verstauen konnte.

«In einer halben Stunde kommt die IT an deinen Platz, um dir ein Intro zu geben», sagte Barbara.

«Okay.»

Der Großteil der Systeme war identisch mit denjenigen in der Filiale, sodass ich schnell mit der Arbeit beginnen konnte. Als Administrative Assistant war ich zur Entlastung von Barbara und Esmé eingestellt worden. Hinzu kam Isabella, eine dritte Mitarbeiterin, die an diesem Tag zu Hause bei ihrer kranken Tochter geblieben war.

Die Anfragen von Mitarbeitern wurden an eine separate Admin-Mailbox gesandt, für die ich fortan verantwortlich war. Barbara und Esmé hatten zusätzlich Aufträge an meine persönliche E-Mail-Adresse weitergeleitet. Im Verlaufe des Morgens buchte ich einige Reisen über ein Online-Tool, nahm Registrierungen für Konferenzen vor und reservierte Sitzungsräume für Meetings. Flüge, die über 1000 Schweizer Franken kosteten, oder Anfragen, die von der Regelung abwichen, musste ich von unserem Vorgesetzten genehmigen lassen. Das Unternehmen war darauf bedacht, Reisekosten zu sparen, was dazu führte, dass wir für sämtliche Mitarbeiter per se den günstigsten Flug buchen mussten. Ausgenommen von dieser Regelung waren die Geschäftsleitung und die Mitglieder des Senior Managements.

Der Marketing-Direktor hatte sich an jenem Morgen just wegen dieser Travel Policy maßlos geärgert, was er in einer E-Mail an die Admin-Inbox bekundete:

Hallo Admins,

das kann doch nicht euer Ernst sein!

Das Meeting mit der Agentur findet am Montag von 9:30 – 17:00 Uhr statt. Es ist völlig absurd, mir einen Flug anzubieten, der erst um 9:00 Uhr Zürich verlässt und via Amsterdam (!!!) nach München fliegt, Ankunftszeit 13:35 Uhr!!!

Ich habe mich daher entschieden, mit dem Auto nach München zu fahren. Schade, ich hätte die Reisezeit gerne zum Arbeiten genutzt.

Laurent

Der Preisunterschied des gebuchten Fluges zum Direktflug um 7 Uhr betrug 300 Schweizer Franken. Doch die Reise war nicht verhandelbar. Dies gab mir Barbara deutlich zu verstehen, als ich sie bat, die Anfrage, die ihr Chef genehmigen musste, nochmals zu prüfen. Mein Argument, dass Laurent mit dem günstigeren Flug das halbe Meeting verpasste, wurde damit gerechtfertigt, dass er die Agenda der Reise anzupassen hatte und nicht umgekehrt. Eine Anreise am Sonntagabend war ebenfalls keine Option, da das Reisen an Wochenenden strikt zu unterlassen war. Das wäre nur dann genehmigt worden, wenn er die Unterkunft privat bezahlt hätte, jedoch hätte er auch in diesem Fall den günstigsten Flug am Sonntag buchen müssen. Und wer weiß, in welche geografischen Sphären ihn diese Route geführt hätte. Auch ökologische Aspekte hatten keinen Einfluss auf Barbaras Entscheidung. Ganz im Gegenteil, die Vorgesetzten ärgerten sich, wenn sie am Ende des Monats eine Übersicht von der Nachhaltigkeits-Abteilung mit den CO2-Emissionen ihrer Mitarbeiter erhielten.

Es sprach nichts dagegen, die Reisekosten im Auge zu behalten, denn es war ein offenes Geheimnis, dass es Kollegen gab, die jede Gelegenheit nutzten, den Globus auf Geschäftskosten zu bereisen, anstatt ihre Besprechungen mittels Videokonferenz abzuhalten. Privat hätten wohl nur wenige von ihnen Reisen zu Übersee-Destinationen in der Businessclass gebucht, und wenn, dann höchstens anhand eines Upgrades mit den während Geschäftsreisen gesammelten Flugmeilen.

Im Fall von Laurent gab es meiner Meinung nach jedoch wenig Einwände, denn er hatte sich beim Planen seines Meetings einige Gedanken gemacht: Das Treffen war bewusst am Flughafen in München angesetzt worden, da die externe Marketing-Agentur, die ihn bei seinem Projekt unterstützte, am selben Abend ganz in der Nähe ein Kundenevent organisierte und so deren Reisekosten geteilt werden konnten. Mit einem Treffen direkt am Flughafen entfielen außerdem Hotelkosten sowie Taxifahrten für ihn selbst und die Mitarbeiter der Agentur.

Unsere deutsche Filiale nahm ebenfalls an diesem Treffen teil. Für sie entfielen die Reisekosten fast gänzlich, da unsere deutsche Niederlassung einen Katzensprung von München entfernt lag. Mit dem Zug wollte Laurent nicht anreisen, da bei der Deutschen Bahn Streiks angekündigt waren und er auch mit dieser Alternative in jedem Fall einige Stunden des Meetings verpasst hätte.

Nun gut, ich hatte es nicht zu entscheiden, war aber trotzdem erleichtert, als mein PC zwölf Uhr anzeigte und es Zeit für die Mittagspause war. Üblicherweise wurde man am ersten Arbeitstag vom direkten Vorgesetzten zum Mittagessen eingeladen. Jan Willems, an den ich rapportierte, hatte jedoch eine unentbehrliche Besprechung auf dem Terminplan. Also ging ich in Barbaras und Esmés Schlepptau in die Kantine.

Die Auswahl an Speisen in der Kantine war riesig und bot für jeden Geschmack etwas. Die längste Schlange hatte sich vor dem günstigen Tagesmenü gebildet, andere Mitarbeiter bevorzugten es jedoch, ihre Speisen am reichhaltigen Buffet selbst zusammenzustellen. Meine Wahl fiel auf das Tagesmenü.

Wir hatten uns kaum hingesetzt, da begannen die beiden Frauen über Mitarbeiter zu wettern, die sich mit Last-Minute-Anfragen an sie gewandt hatten, oder solche, die sich partout nicht an die Bestimmungen halten wollten. Zugegebenermaßen war die Arbeit einer Assistentin kein Zuckerschlecken, jedoch hätte ich mich nie getraut, derart abwertend über meine Kollegen oder Vorgesetzten zu sprechen. Zudem plauderten sie munter Privates von den Managern aus, das hier völlig unangebracht und von der Thematik her hochsensibel war.

Nicht ganz unerwartet bekam bei diesem Gespräch auch der Marketing-Direktor Laurent sein Fett ab. Esmé fuchtelte mit ihrer Gabel in der Luft herum, als sie sich leicht theatralisch über ihn äußerte: «Nur, weil er zu bequem ist, die Agenda umzuschreiben, sollen wir jetzt die Reise nach ihm ausrichten. Für wen hält er sich? Laurent ist gerade mal auf einem Director-Level eingestuft!»

«Wem sagst du das! Rate mal, wer heute wieder an meinem Schreibtisch stand.» Barbara brachte sich bereitwillig mit ein.

«Doch nicht etwa Konstantin?»

Das Gespräch klang in meinen Ohren wie ein einstudierter Dialog, den sie vor der neuen Mitarbeiterin zum Besten geben wollten.

«Genau! Wie oft habe ich ihm schon gesagt, dass er an einem Montagmorgen keine Meetings mit Jan ansetzen soll. Jan muss doch die Kinder zu seiner Ex-Frau bringen. Er ist einfach unbelehrbar! Heute fragte er schon wieder wegen eines Termins für 9:30 Uhr an.»

Esmé schüttelte den Kopf bei Barbaras Ausführungen.

Ich muss gestehen, dass ich auch irritiert war, jedoch vielmehr über die Tatsache, dass ein Senior-Manager wie Jan montagmorgens um 9:30 Uhr von seinen Mitarbeitern nicht erreicht werden konnte.

Mir war schnell klar, dass sich die Assistentinnen ein kleines Königreich geschaffen hatten, wobei sie den Burggraben zwischen dem Management und den restlichen Mitarbeitern höchstpersönlich gegraben hatten. Die Brücke wurde nur dann hinuntergelassen, wenn es ihnen gerade genehm war.

Abgesehen von den Kollegen war auch die Qualität der Kantine ein Reizthema. Als Überleitung schmetterte Barbara den Löffel in ihr fast leer gegessenes Apfelmus-Schälchen. «Ich werde mich bei der Kantinenleitung beschweren. Diese Apfelsorte ist für ein Apfelmus völlig ungeeignet!»

«Vergiss nicht, Volker in die Mail zu kopieren», schlug Esmé hämisch vor.

Volker war der Leiter unserer Abteilung und gehörte zum Senior-Management in der europäischen Zentrale. Er war zudem Barbaras direkter Vorgesetzter. Volker war dem CEO unterstellt, der seinen Sitz weitab des Hauptquartiers in der kanadischen Filiale in Toronto hatte.

Am Apfelmus gab es im Übrigen nichts auszusetzen. Auch an den Tischen nebenan hatte ich niemanden beobachtet, der das süße Dessert nicht leer gegessen hätte. Wie ich später erfahren sollte, waren beide miserable Köchinnen und unter Umständen nicht einmal in der Lage, selbst Apfelmus zuzubereiten. Ich hoffte insgeheim, dass das gemeinsame Mittagessen zukünftig etwas entspannter ausfallen würde. Schließlich war die Pause dazu da, Energie für die Nachmittagsstunden zu tanken. Im Augenblick schien sie mir aber entschieden anstrengender als die Arbeitszeit.

Ehe ich an meinem ersten Tag in den wohlverdienten Feierabend gehen durfte, begab ich mich in die Küche, um den Geschirrspüler einzuräumen und in Gang zu setzen, wie es mir aufgetragen worden war. Ich war gerade dabei, das herumliegende Geschirr in die Maschine zu laden, als zwei Mitarbeiter in die Küche traten, um ihre Tassen zu deponieren.

«Du musst neu hier sein! Ich bin Serge, der Controller», sprach mich einer von ihnen an.

Der junge Mann mit der markanten Brille und dem kaffeebraunen Teint war mir auf Anhieb sympathisch. Ein Vorteil davon, in der Zentrale zu arbeiten, war es, dass ich hier auf die verschiedensten Kulturen traf. Serge kam aus Martinique und sprach fast akzentfrei deutsch, obschon er erst wenige Monate hier lebte. Hin und wieder verriet ihn ein leichter französischer Akzent, der unglaublich charmant auf mich wirkte.

Sein Kollege war von seiner Erscheinung her eher konträr. Er war ein Hüne mit blassem Teint und eisblauen Augen. Trotz seiner Größe wirkte er keineswegs schlaksig, was auch an seinem sportlich-eleganten Kleidungsstil lag. Seine Hemdsärmel waren modisch bis unter die Ellenbogen hochgekrempelt, den obersten Knopf trug er offen.

«Und ich bin Laurent. Ich glaube, wir zwei hatten heute schon das Vergnügen», sagte er.

Ich spürte, wie mir sofort das Blut in den Kopf schoss. Gerade als ich mich bei ihm entschuldigen wollte, besänftigte er mich mit einer freundlichen Geste.

«Schon gut. Du kannst nichts dafür. Das ist eine Travel Policy für Mitarbeiter zweiter Klasse.»

Serge lachte, wobei seine perfekte obere Zahnreihe zum Vorschein kam. Als Laurent ebenfalls schmunzelte, konnte ich mir das Lachen nicht länger verkneifen. Wir brachen alle in schallendes Gelächter aus.

Unser frohes Beisammensein blieb offenbar nicht unbemerkt, denn plötzlich stand Barbara auf der Türschwelle und meinte: «Halte dich bitte an die vorgegebene Arbeitszeit von acht Stunden. Wir müssen die Arbeitszeiten unter Kontrolle bekommen. Einige haben in der Vergangenheit Überstunden en masse gemacht.»

«Okay.»

Laurent schüttelte den Kopf und wusch seine Kaffeetasse im Spültrog aus. Serge half mir derweil beim Einräumen der Maschine.

«Mach, dass du wegkommst», scherzte er, als er die Maschine anschaltete.

Im Lift lehnte ich mich an die Wand, mein Blick wanderte nach oben. Puh, geschafft! Was für ein Tag, dachte ich.

Als ich das Gebäude verlassen wollte, stellte ich fest, dass der Haupteingang verriegelt war. Der Bereich rundherum war mit Absperrständer ausstaffiert. Auf einer Infotafel war eine Notiz angebracht, dass eine Schutzvorrichtung ersetzt werden musste. Alle Mitarbeiter waren daher angehalten, den Hinterausgang zu benutzen.

Dieser Umstand wurde mir am zweiten Tag prompt zum Verhängnis. Die am Vortag im Homeoffice arbeitende Assistentin Isabella war wieder im Büro, und ehe sie sich mir richtig vorgestellt hatte, machte sie mich auf einen Fauxpas aufmerksam.

«Du hast gestern nicht an der Stempeluhr beim Haupteingang gebadget! Und bitte achte darauf, dass du nicht mehr als acht Stunden pro Tag arbeitest. Da du in der Küche herumgetrödelt hast, werde ich deine Arbeitszeit auf acht Stunden korrigieren.»

Ich schaute Esmé, die danebenstand, verdutzt an. Sie sagte nichts.

Ich sagte ebenfalls nichts, so erschrocken war ich über diesen unverschämten Kommentar. Aber ich dachte mir meinen Teil: Von wegen korrigieren. Ich hatte den Geschirrspüler eingeräumt und keineswegs herumgetrödelt. Zudem war es mein erster Arbeitstag gewesen. War es denn nicht üblich, sich neuen Kollegen vorzustellen, statt bloß mit kargen Abstellkammern Bekanntschaft zu machen? Was für ein befremdlicher Umgang mit neuen Mitarbeitern!

Ich begab mich an meinen Arbeitsplatz, um mich den Anfragen in der Inbox zu widmen. Kaum hatte ich damit begonnen, vernahm ich Barbaras gellende Stimme: «Hast du die Kartons schon abholen lassen?»

«Nein.»

«Mach es bitte.»

«Und wie mache ich das?»

«Ich habe dir gestern einen Link über den Chat geschickt», antwortete sie streng.

Die Konversationen im Chat wurden über Nacht gelöscht, es war somit nicht nachvollziehbar, ob ich diesen Link bekommen hatte oder nicht. Bei meiner alten Arbeitsstelle hatten wir diesen Chat nur für kleinere Anfragen genutzt, wie: «Bist du gerade am Platz?» oder «Hast du Zeit für ein Telefonat?», aber nie, um Arbeitsanweisungen zu teilen, die in einer E-Mail auf dem persönlichen Laufwerk hätten abgelegt werden können.

Ich war den Tränen nahe, konnte sie aber gerade noch schlucken. Esmé schickte mir den Link nochmals über den Chat und außerdem eine kurze Anleitung, wie ich den Container mit den Kartons vom Facility Management abholen lassen konnte. Ich bedankte mich ebenfalls über den Chat, damit niemand etwas von der heimlichen Konversation mitbekam.

Die Kartons wurden noch am selben Nachmittag abgeholt. Ich machte mir eine Notiz mit den Dingen, auf die ich besonderes Augenmerk halten musste:

• Stempeln am Haupteingang (genau acht Stunden)

• Geschirrspüler

• Abstellkammer (Kartons und Papier)

Die Mittagspause verbrachte ich an diesem Tag mit meinen beiden Kollegen von der Filiale, die ebenfalls ins Headquarter versetzt worden waren. Sie waren hell begeistert von ihren neuen Teams. Ich hielt mich damit zurück, von meinen ersten Eindrücken zu erzählen, und freute mich für sie. Offenbar herrschte in anderen Abteilungen eine bessere Atmosphäre.

Ich staunte nicht schlecht, als ich von der Pause zurückkam und an meinem Monitor einen Zettel vorfand, der mit großen roten Lettern versehen war:

First warning! / Erste Verwarnung!

Do not leave documents lying around during your absences.

Lassen Sie nie Dokumente während Ihrer Abwesenheiten herumliegen.