Das rote Vogelmädchen - Stephanie Marie Steinhardt - E-Book

Das rote Vogelmädchen E-Book

Stephanie Marie Steinhardt

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Beschreibung

Ein außergewöhnlicher Adventskalender: die Geschichte von Bene und Jacob Sie sind ein junges Paar, das zum ersten Mal die Zeit vor Weihnachten miteinander verbringt und dabei entdeckt, was langanhaltendes Glück in einer Beziehung ausmacht. Bene ist eine Träumerin, die über Flohmärkte und durch Antiquitätenläden streift und Dinge findet, mit denen sie ihren Lieblingsmenschen Freude bereitet. Jacob ist verzaubert von ihrer Art, das Leben zu sehen, auch wenn er selbst ganz andere Entscheidungen getroffen hat. Ihre Geschichte macht dieses Adventskalenderbuch zu einer wunderbaren Erzählung über junge Liebe, was sie bedeutet und wie wertschätzende Partnerschaft gelebt wird. Ein Liebesroman in 24 Kapiteln: Benes origineller Adventskalender für Jacob Benes und Jacobs Beziehung: Wie langanhaltendes Glück und Erfüllung gelin-gen Mit Liebe gegen Selbstzweifel, Unsicherheit und zu echter Verbundenheit Das Adventsbuch für frisch Verliebte, glückliche Paare und Romantiker:innen Bücher zum Nachdenken: berührende Belletristik aus dem Lebensgut Verlag Gemeinsam zum Glück: wie es nach dem ersten Kuss weiter-geht Bene und Jacob sind frisch verliebt und entdecken immer wieder neue Seiten aneinander, die sie faszinieren. Um ihm zu zeigen, wie viel er ihr bedeutet, hat Bene den Beginn ihrer Beziehung in 24 Erinnerungen als Adventskalender verpackt. Jeden Tag lernt Jacob so ein bisschen mehr über ihre Empfindungen. Nebenbei muss aber auch der Alltag bewältigt werden – da gilt es, zusammen zu lernen, wie ihre Partnerschaft gestaltet werden soll. Ein großartiges Buch für die Vorweihnachtszeit, das Einblicke in eine Beziehung gewährt, die sich durch gemeinsames Arbeiten am großen Glück auszeichnet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ich wünsche dir ganz doll viel Freude mitdieser Geschichte und hoffe, dass du sie genauso gern liest,wie ich sie gern geschrieben habe.

Alles Liebe, Stephanie

Für Markus, der für mich der lebende Beweis ist, dass es die schönen, maskulinen und trotzdem so wahnsinnig liebevoll romantischen Helden in Liebesromanen wirklich gibt und sie nicht nur ein kindlich naiver Mädchentraum sind.

Für Lewin, der mir mehr als einmal bewiesen hat, dass es möglich ist, sich seinem ärgsten Feind, der eigenen Angst, entgegenzustellen, mir aber auch zeigt, wie schwer es ist, die eigenen Muster endgültig zu durchbrechen.

Für alle Künstler*innen und Menschen auf dieser Welt, die immer wieder an sich und ihren Fähigkeiten zweifeln und nicht sehen können, was für ein wunderbares, einzigartig leuchtendes Geschenk sie sind. Scheint so hell ihr könnt.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

1. Auflage 2024

Lektorat: Verena Wagner

Covermalerei: Stephanie Marie Steinhardt

Gestaltung und Satz: Miriam Hase

Bildnachweis: Adobe Stock: #176355676 KozyrevaElena,

Depositphotos: #186633326 kozyrevaelena, #91032138 aarrows,

#550887076 Mariabo2015, #134183890 kurmanstock.gmail.com,

#84998506 roomoftunes, #656563782 paseven,

www.freepik.com: #9669879, #18966476

Print:       ISBN 978-3-948885-36-6

E-Book:  ISBN 978-3-948885-37-3

www.lebensgut-verlag.de

Inhalt

1. Dezember

2. Dezember

3. Dezember

4. Dezember

5. Dezember

6. Dezember

7. Dezember

8. Dezember

9. Dezember

10. Dezember

11. Dezember

12. Dezember

13. Dezember

14. Dezember

15. Dezember

16. Dezember

17. Dezember

18. Dezember

19. Dezember

20. Dezember

21. Dezember

22. Dezember

23. Dezember

24. Dezember

Danksagung

Die Autorin

1.

Dezember

Jacob war gerade erst aufgewacht, als er das schmale Regal über seinem Bett abtastete. Seine Hand fand sofort, was er suchte und griff nach der kleinen Blechdose. Bene, seine Freundin, hatte sie ihm am Abend zuvor überreicht, mit der Aussicht auf 23 weitere Schatzkisten, als Countdown für ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest.

Er drehte die Dose im fahlen Winterlicht seines Zimmers; sie schien alt, die Farbe war an einigen Stellen schon abgeblättert, doch das Bild darauf konnte er noch gut erkennen. Es zeigte unter einer gold schimmernden Eins die Abbildung eines Shiva. Sie zu öffnen war allerdings überraschend schwer. Jacob musste einiges an Kraft aufbringen, um den Deckel zu lüften. Als dieser endlich aufsprang, fiel ihm dadurch aber nicht nur ein zusammengefalteter Zettel entgegen, sondern auch – eine Ladung Zimt.

„Unglaublich!“, fluchte er lachend. Bene konnte sogar Chaos anrichten, ohne dabei selbst anwesend zu sein. Er manövrierte den meisten Teil des duftenden Gewürz zurück in die kleine Box und öffnete kopfschüttelnd, aber voller Vorfreude ihren Brief.

***

11. Oktober

Ich bin richtig stolz auf mich. Die Küche sieht noch super aus, obwohl ich seit über eineinhalb Stunden darin zugange bin. Als habe ich zehn Arme und würde funktionieren wie ein Uhrwerk. Ich will Jacob so gern bei ihm zu Hause mit einem leckeren Abendessen überraschen, anlässlich 39 Tage unserer Beziehung. Ja, ich zähle noch die Tage und ja, 39 ist keine runde Zahl. Ich weiß, aber warum nicht? Ich habe mich für etwas Indisches entschieden. Viel Gemüse, leckere Soße, alles fein. Es stehen sogar Kerzen auf dem Tisch. Richtig gut getimt habe ich das und voll im Griff. Ist doch immer schön, wenn man sich selbst noch überraschen kann. Und damit nicht genug. Beim Kochen ist der klägliche Rest Zimt aus Jacobs Gewürzregal endgültig zur Neige gegangen. Vorausschauend, wie ich bin, habe ich beim Einkaufen bereits Zimt im Nachfüllpäckchen eingesteckt. Für alle Fälle.

Ein Hoch auf so viel Klarheit in der Küche. Doch das neu Befüllen gestaltet sich schwieriger als gedacht. In der Küche findet sich keine Schere; also Ziehen, Zerren, Wurschteln. Das muss doch gehen! Aber nein, natürlich, wie kann es anders sein, just in dem Augenblick als Jacob nach Hause kommt und die Küche betritt, platzt mir die Tüte auf und zerschmettert mit einem gezielten Poff mein gesamtes Werk. Sowohl ich als auch ein größerer Teil von Jacobs Küche ist plötzlich mit einem braunen Zimtschleier überzogen. Ich könnte heulen vor Wut und würde am liebsten im schwarz-weiß gekachelten Fliesenboden versinken.

Mein Gesicht, meine Klamotten, wirklich alles ist voller Zimt. Unfassbar! Und Jacob? Der hat Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Er nimmt mir die mehr oder weniger leere Tüte aus der Hand und küsst mich, trotz Zimt. „Ich glaube, da hilft jetzt nur eine Dusche.“ „Aber was wird aus dem Essen?“, frage ich in kindlicher Verzweiflung. „Das können wir uns später nochmal warm machen“, antwortet er und entfernt mich sogleich aus diesem pulvrigen Küchenalptraum.

Der schmale Silberstreif, den ich gesehen habe, die Möglichkeit, dass die Begriffe Sauberkeit, Ordnung und Bene sich doch noch in ein und derselben Gattung zusammenfinden können, ist erloschen.

Aber aus einem Desaster kann auch etwas sehr Schönes entstehen und so habe ich an diesem Abend Glück, denn Jacob lässt mich nicht allein im Badezimmer.

***

Jacob faltete den Zettel sorgfältig zusammen und legte ihn zurück in die kleine Dose. Er schmunzelte zufrieden bei dem Gedanken an diesen gemeinsamen Abend und ärgerte sich ein bisschen, dass Bene heute schon so viel früher als er hatte aufstehen müssen. Wahrscheinlich saß sie inzwischen schon im Zug auf dem Weg zu ihrem Termin beim Kunden. Wie viel schöner wäre es, wenn sie jetzt bei ihm sein würde. Er nahm sein Telefon und schickte eine Nachricht.

Jacob: Schläfst du gern in einem Meer aus Zimtpulver?

Bene: Wieso? Warst du etwa ungeschickt beim Öffnen der kleinen Box? Da hast du‘s. Das ist nicht so einfach.

Jacob: Haha...Ich wusste ja nicht, dass Zimt drin ist...im Gegensatz zu dir und dem Gewürzbeutel damals. Aber egal, danke für die schöne Erinnerung daran. Trotz des Zimtunfalls war das ein wunderschöner Abend. Köstlich, wie eigentlich jeder Moment mit dir.

Bene: Oh wie schön, gern geschehen! Freu dich auf jede Menge mehr davon...

Jacob: Nur echt blöd, dass du mich jetzt mit dieser Erinnerung allein lässt. Das müssen wir für die nächsten Tage unbedingt anders planen.

Bene: Müssen wir nicht, ich bin nämlich auf dem Weg zu dir!

Jacob: Wirklich? Wieso, ist etwas passiert?

2.

Dezember

Jacob saß am Tisch des Hotelzimmers und wartete darauf, dass Bene sich fertig machte. Sie waren beide noch am Vorabend nach Halle gereist, für ein Projekt, an dem sie zusammenarbeiten würden. Er dachte zurück an den gestrigen Tag, der dadurch deutlich hektischer und ereignisreicher verlaufen war, als erwartet. Allerdings, mit Bene an seiner Seite, so viel wusste er inzwischen, musste er immer auf Überraschungen vorbereitet sein. Er hatte sich also nur kurz gewundert, als sie gestern Morgen wieder vor seiner Tür stand. Ganz aufgeregt war sie in seine Wohnung gestürzt. Sie hatte ihren rot karierten Mantel getragen, einen langen grünen Schal, der bis zu den Knien reichte, dazu ihr buntes Tuch und eine passende Mütze, die schräg auf dem Kopf saß. Mit der rechten Hand hatte sie ihre pinke Reisetasche und eine volle Tüte von seinem Lieblingsbäcker umklammert und in der linken Hand ein schon halb aufgegessenes Croissant gehalten.

Wie immer war ihm aufgefallen, dass dessen lose Blätterteigfragmente sich nicht nur an ihrer vollen Unterlippe, sondern auch auf Schal und Pullover niedergelassen hatten. Sie war einfach perfekt unperfekt, hatte er gedacht und sie in den Arm genommen. Doch der Genuss dieses Augenblicks war nur von kurzer Dauer gewesen, da es auch für ihn geheißen hatte, schnell ein paar Sachen packen für ihre Fahrt hierher.

Jacob schob seine Gedanken beiseite, denn vor ihm lag Dose Nummer Zwei, die Bene ihm auf dem Weg ins Badezimmer übergeben hatte. Gespannt betrachtete er sie und überlegte, was sich darin verbergen würde. Sie war jedenfalls genauso bunt wie Bene selbst. Neben einer großen Zwei und einem Elefanten, der auf einer Kugel balancierte, entzifferte Jacob noch die Worte „Circus Lila“. Aus Erfahrung klug, öffnete er die Blechdose dieses Mal vorsichtiger, aber es lagen nur eine Eintrittskarte, ein Miniatur-Elefant und mehrere zusammengefaltete Blätter darin, also nichts, was krümelte oder kleckerte.

***

13. Juli

Als ich morgens an Jacobs Büro vorbei gehe, stolpert er direkt aus der Tür. Hat er etwa auf mich gewartet? Das kann nicht sein, oder? Ich will mir eigentlich nur schnell einen Tee machen, doch, schwupps, bin ich in ein Gespräch verwickelt. Jacob erzählt von einem Freund, der in einer Theatergruppe spielt und ich höre mich sagen, dass ich Theater ganz toll finde, woraufhin er fragt: „Ach wirklich?“ Möglicherweise folgt daraufhin ein sehr übermotiviertes Nicken von meiner Seite, was dazu führt, dass er mir keine zehn Sekunden später anbietet, ihn zur abendlichen Vorführung der Gruppe im Stadtpark zu begleiten.

Wird das etwa ein Date??? Uaaaahhhh...wie cool, ich mache in Gedanken direkt Vorwärts- und Rückwärts-Saltos, die er mir natürlich nicht ansehen soll. Dieses innerliche Gehüpfe und die Anstrengung dabei nach außen vollkommen relaxt zu wirken, behindert zwar meine Aufnahmefähigkeit; ich schaffe es aber Jacobs weiteren Ausführungen zu lauschen. Gott sei Dank, denn sonst verpasse ich noch etwas, zum Beispiel die drei Sätze später folgende Ernüchterung. Jacob erzählt nämlich, sein Freund hätte Sorge, dass sie ohne Publikum würden spielen müssen. Irgendwas sei mit den Plakaten schiefgelaufen und nun weiß wohl nur eine Hand voll Leute, dass sie heute im Stadtpark auftreten, weswegen ihn sein Freund angefleht hat zu kommen und weitere Leute mitzubringen. Achso, achso, mein innerer Saltospringer huscht beschämt in Richtung Seitenbank und hofft, dass niemand seinen Überschwang bemerkt hat. Und ich hoffe, dass mir meine Enttäuschung nicht ins Gesicht rutscht, denn offensichtlich geht es Jacob vor allem darum, die Plätze vor der Bühne zu füllen und weniger darum, mich zu treffen.

Wer weiß, wen er da noch alles mit anschleppt. Ich bin kurz davor zu behaupten, Theater doch nicht soooo toll zu finden. Da allerdings mein schmollender Saltospringer seine sportliche Karriere bereits an den Nagel gehängt hat, ist niemand mehr da, um zurückzurudern und so verabreden wir, dass mich Jacob gegen 17.30 Uhr von zuhause abholt.

Die darauffolgenden Stunden bin ich damit beschäftigt, meine Aufregung zu verdrängen. Gebetsmühlenartig spreche ich mir vor, dass Jacob nur Publikum für seinen Freund braucht und es nicht um ein Date geht. Das hilft für eine Weile, doch als Jacob an meiner Tür klingelt, ist es mit der Ruhe vorbei. Ich stopfe mir den Rest meiner Marmeladenschnitte in den Mund und werde direkt kurzatmig. Über meiner Oberlippe bilden sich kleine Schweißperlen. Furchtbar. Egal, zumindest mein geblümtes Flatterkleid verrät nicht sofort, dass ich auch überall sonst ins Schwitzen komme. Knaller. Echt.

Ich öffne die Tür – weißes T-Shirt, dunkelgraue Jeans, rote Chucks. Simpler könnte sein Outfit kaum sein und trotzdem belegt Jacob damit auf einer Skala von 1-10 locker eine 20. Die Natur ist manchmal wirklich ungerecht, verteilt absolute Fülle hier und woanders fehlte es dann. Ich selbst bin nicht unzufrieden mit mir, aber ich halte mich eher für eine Acht, vielleicht mal eine Neun an besonders guten Tagen, Jacob hingegen...

Während mir diese Gedanken wie windschnittige Pfeile durch den Kopf schießen, starrt Jacob mich unverwandt an. Ich habe das ungute Gefühl, dass ihm erst jetzt bewusst wird, dass wir hier nicht zusammen vorm Kaffeeautomaten oder in der Agenturküche stehen, sondern wir uns privat verabredet haben.

Er fängt sich aber zum Glück schnell, räuspert sich und meint nur: „Können wir los?“

Ich schlucke angestrengt, bevor ich antworten kann, nicht aus romantischen Gründen, weil mir der Hals trocken wird, sondern weil ich noch zu tun habe mit dem Brot in meinem Mund. Das ich vor allem gegessen habe, damit mir nicht später unsexy der Magen knurrt. Jetzt stehe ich da, mit halbvollen Backen; in Sachen Verführung direkt zum Start einmal links am Ziel vorbei.

Egal, runter damit und als ich wieder sprechen kann, sage ich betont lässig: „Ja, klar!“, schnappe mir meine Tasche und schließe die Tür hinter mir.

Die Theatergruppe ist – mmmh, wie beschreibt man das? Sie ist eher eine Art Zirkus-Improvisations-Kreis in abgefahrenen Kostümen. Sie spielen sowohl Mensch als auch Tier und führen auf diese Weise klassische Zirkus-Kunststücke vor, immer wieder unterbrochen von Theaterszenen, in denen wild gestikulierend etwas vorgetragen wird. Ich sag mal so, ist mal was anderes...

Dass allerdings mit den Plakaten etwas schiefgelaufen sein soll, bringe ich nicht zusammen. Was auch immer es gewesen ist, es hat die Besucherzahl nicht negativ beeinflusst. Die Stadtparkwiese ist voller Himmel und Menschen. Ich hab angenommen, wir müssten uns möglichst ausufernd mit Picknickdecke platzieren, um Quadratmeter zu füllen, doch das ist unnötig. Vielmehr sehen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, überhaupt ein Stück Wiese zu ergattern. Die vorhandenen Stuhlreihen sind alle besetzt und so bleiben für uns nur ein paar größere Bälle, die eher Teil der Aufführung zu sein scheinen, aber auf denen auch andere schon Platz genommen haben. Auf meinem Ball prangt der Aufdruck eines Elefanten und ein bisschen fühle ich mich selbst wie einer. Es ist unerwartet aufwändig, auf so einem Ding zu sitzen. Ich balanciere also schaukelnd vor mich hin und versuche der Performance meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Nicht so leicht, wie ich feststelle, denn mein Augen wandern immer wieder zu Jacob und manchmal spüre ich seine Blicke auf mir. In diesen Momenten linst sofort mein innerer Saltospringer um die Ecke, bleibt aber zum Glück vorsichtig und stürzt nicht wieder vorschnell in Richtung Trampolin.

Es ist ein wirklich bunter Abend. Wir lachen viel über das, was sich da vor unseren Augen abspielt, aber auch über die Geschichten, von denen Jacob mir erzählt. Dinge, die er schon mit seinem Theater-Freund erlebt hat. Ich erzähle ihm von meiner Zeit an der Uni, und am Ende laufen wir, auf einer etwas größeren Runde als nötig, durch den Park zurück.

Jacob liefert mich zu Hause ab. Ich bedanke mich für den schönen Abend und erwähne, dass ja nun doch zum Glück genügend Publikum anwesend war. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass er ein bisschen nervös auf diese Bemerkung reagiert.

Er wischt diesen Verdacht aber sofort beiseite, indem er antwortet: „Hach ja, mein Kumpel ist eine Dramaqueen. Daran habe ich nicht gedacht, als er mich panisch anrief und von leeren Plätzen sprach. Ich hoffe, das hat dich nicht gestört.“

„Nein, gar nicht!“, antworte ich und das zaubert ihm ein wunderschönes Lächeln aufs Gesicht.

Himmel, ist der Mann hübsch. Kaum auszuhalten, weshalb ich ihm ein hastiges „Tschüss“ zuwerfe und wie ein geölter Blitz im Hauseingang verschwinde. Gerade noch rechtzeitig, bevor sich ein Moment entwickeln kann, der vielleicht zu etwas hätte führen können. Dabei fliege ich natürlich halb über eins der Fahrräder, die im Flur rumstehen. Als ich mich wieder mit festem Bodenkontakt unter den Füßen zur Tür umdrehe, steht Jacob noch davor. Er sieht verdutzt aus, wahrscheinlich wegen meines abrupten Abgangs, murmelt etwas vor sich hin und geht schließlich davon.

Nun liege ich hier, rekapituliere seine Worte, seine Blicke, jede noch so kleine Geste und könnte mir in den Hintern beißen. Denn jetzt, wo ich das alles sortiert habe, frage ich mich, was wohl geschehen wäre, wenn ich nicht wie ein feiges Hühnchen die Flucht ergriffen hätte.

***

Ein seliges Lächeln huschte über Jacobs Lippen, als er das Geschriebene zusammenfaltete und in die Dose zurücklegte. Obwohl der Abend nicht wie von ihm erhofft ausgegangen war, hatte er nur gute Erinnerungen daran. Und wow, eine 20! Er schmunzelte geschmeichelt in sich hinein, genau in der Sekunde als Bene aus dem Badezimmer trat. Sie sah sofort, dass ihm ihre Worte gefallen hatten. Spürte, wie er sie musterte, während sie ihre benutzte Wäsche in die pinke Reisetasche stopfte.

„Ein Königreich für deine Gedanken“, neckte sie ihn.

Jacob trat zu ihr, umfasste ihre Hüften und beugte sich hinunter. Er küsste sie am Ohr und flüsterte: „Acht oder Neun? Das ist ja wohl ein schlechter Scherz. Ich toppe dich und sage, selbst eine 30 würde nicht annähernd widerspiegeln, was ich in dir sehe.“

„Oh, du Angeber, übertreib nicht so maßlos, sonst kann ich dir gar nichts glauben.“ Bene strahlte, stupste ihm aber trotzdem gegen die Brust.

Jacob schlang seine Arme noch fester um ihre Mitte und fragte amüsiert: „Soll ich dir verraten, warum ich damals wie angewurzelt vor dir stand, als du mir die Tür aufgemacht hast?“

„Ich bin ganz Ohr!“, antwortete Bene. „Darüber hast du dich ja bislang ausgeschwiegen.“ Sie blickte ihm neugierig entgegen.

„Wie so oft hattest du gerade etwas gegessen und wie so oft hattest du ein kleines Überbleibsel davon an deiner Wange. Ein bisschen Kirschmarmelade oder ähnliches.“

„Himbeere, wahrscheinlich. Meine Lieblingssorte.“

„Ein etwas helleres Pink also.“ Er strich ihr leicht über besagte Stelle.

„Wie auch immer. Jedenfalls sah ich so etwas nicht zum ersten Mal an dir. Auch im Büro hatte ich dich schon öfter mit einem Krümel am Mund, am Kinn, an der Wange gesehen und es kostete mich jedes Mal viel Energie der Versuchung zu widerstehen, ihn nicht wegzuwischen und dich dabei sanft zu berühren. In dieser Situation vor deiner Tür aber wurde mir bewusst, dass wir allein waren und niemand uns hätte sehen können. Das war echt schwer.“

„Wärst du deinem Impuls gefolgt, hätten wir einige Runden überspringen können.“

„Das stimmt, aber in Sachen Schikanen einbauen, bist du auch Expertin. Schließlich hast du an diesem Abend beim Abschied selbst einen Rückzieher gemacht. Und das war nicht das letzte Mal.“

„Touché!“ Sie drückte sich an ihn und schmiegte ihren Kopf an seine Brust.

„Wann genau geht unser Termin los?“, fragte Jacob.

Bene schaute zur Uhr an der Wand.

„In einer guten Stunde müssen wir da sein. Ich bin so froh, dass Kai mich von dem anderen Projekt befreit hat und ich stattdessen jetzt mit dir ein Designkonzept für die Oper in Halle entwickeln darf. Wie verrückt. Gestern dachte ich noch, ich muss zu diesem Kongress über Ab- und Überlaufsysteme und nun bin ich hier. Ich hatte schon im Gefühl, dass das mit den Pumpen nicht meins sein würde. Doch um sicher zu gehen, hatte ich mein Glückstuch eingepackt. Und, siehe da, zehn Minuten später kam der Anruf. Hotelzimmer, Zugtickets,... dass das alles so gut geklappt hat, in der Kürze. Herrlich.“

„Das liegt allein an dir.“ Jacob nahm ihr buntes Tuch von der Stuhllehne, ließ den weichen Stoff durch seine Hand gleiten und legte es sanft auf ihren Schultern ab.

Er wollte Bene damit gerade noch näher an sich heranziehen, als es aus ihrer Hosentasche piepste. Bene holte ihr Telefon hervor, warf einen Blick auf das Display und lächelte Jacob verzückt an. „Uhhhh, das wird ja immer besser. Der Chefdramaturg fragt, ob wir eine halbe Stunde früher kommen wollen, dann würde er uns die Werkstätten zeigen. Ich flipp aus. Bühnenbilder, Kostüme, Requisiten, Räume voller Schätze und Geschichten, die nur darauf warten, von mir entdeckt zu werden. Oh Jacob! Das wird ein tolles Projekt und ich habe das Gefühl, dass dort auch die Lösung für Mission Margot verborgen sein könnte.“

„Na dann los. Beeilung, Beeilung.“ Jacob zog sich seine Jacke an.

Bene quiekte vor Vergnügen und schlüpfte in ihre schwarzen Schnürstiefel, ohne sie zuzubinden.

Er beobachtete sie dabei und half ihr in den Mantel.

„Ich liebe es, wenn du vor Begeisterung überläufst, aber was meinst du mit Mission Margot?“

Bene schloss ihren Mantel, drehte sich zu ihm um und gab ihm einen Kuss: „Das erzähle ich dir unterwegs. Komm!“

3.

Dezember

Bene lag noch im Bett des kleinen Hotelzimmers und hielt etwas in ihrer Hand verborgen. Sie schaute zu Jacob am Tisch hinüber, der die Wünsche und Anforderungen studierte, die sie gestern im Meeting bei der Oper zusammengetragen hatten. Er stöberte durch ältere Programmhefte und es schien, als ob er in diesem eher künstlerischen Projekt schon jetzt voll aufging. Nach dem traumhaften Tag gestern war das aber auch kein Wunder. Sie hatten nicht nur die verwunschenen Werkstätten durchstreifen dürfen, man hatte sie sogar zur Abendaufführung der Oper „Ein Sommernachtstraum“ eingeladen.

Bene hatte nicht unbedingt einen Hang zum Operngesang, doch die Welt der Bühne, des Theaters, ihre Geschichten und die Kostüme zogen sie schon immer in ihren Bann. Alles, was sie sah und hörte, fühlte sie in einer Intensität, als würde sie am eigenen Leibe durchleben, was dort vor sich ging.

Doch nicht nur das. Sie hatte Recht behalten, nach fast einem Jahr der Suche konnte sie endlich Mission Margot abschließen. Zumindest hoffte sie es. Ob Margot es auch so empfinden würde, erfuhr sie erst morgen, wenn sie wieder zu Hause waren.

Margot war eine ihrer Nachbarinnen. Sie wohnte im Haus gegenüber auf gleicher Höhe und ihr Alter lag mit Sicherheit schon weit jenseits der 70. Bene liebte es, sie zu beobachten, wenn sie Balletübungen machte, um nicht „vollständig einzurosten“ – ihre Worte, nicht die Benes. Denn immer, wenn Bene sie betrachtete, fragte sie sich, ob sie selbst jemals so gelenkig gewesen war. Falls ja, konnte sie sich nicht mehr daran erinnern.

Margot tanzte aber nicht nur durch ihr Wohnzimmer, sondern kümmerte sich auch ein wenig um die Blumen im Vorgarten des großen Mietshauses, und bei dieser Gelegenheit war sie mit Bene im Herbst vor einem Jahr zum ersten Mal ins Gespräch gekommen. Auslöser war eine kleine Schaufel gewesen, die Margot aus Versehen durch den Zaun auf die Straße hatte rutschen lassen; in eben jenem Moment, als Bene vom Einkaufen zurückkam.

Bene hatte ihr die Schaufel gereicht, und nach etwa einer halben Stunde lehnten ihre Einkaufstüten vergessen an der Hauswand, während sich Bene und Margot prächtig unterhielten.

Margot schwärmte von ihrer Jugend am Theater und erzählte, dass sie schon als Kind getanzt hatte. Aus der großen Karriere als Primaballerina war aber nichts geworden. Was die alte Dame nicht im Geringsten störte, denn sie hatte ein buntes Leben mit ihrem nun schon verstorbenen Mann draußen in der weiten Welt verbracht.

Ihr Mann war ständig unterwegs gewesen und Margot hatte ihn auf all seinen Reisen begleitet. Sie hatte, so glaubte Bene, zumindest einmal die ganze Welt gesehen.

Ihre Liebe zum Theater war Margot dabei immer geblieben und so kam es, dass sie und Bene hin und wieder gemeinsam ihrer Leidenschaft für Geschichten nachgingen und ein Stück besuchten.

„Woran denkst du?“

Bene hob den Kopf. Sie hatte nicht bemerkt, dass Jacobs Laptop inzwischen zugeklappt war.

Er betrachtete sie liebevoll und legte sich zu ihr aufs Bett.

Bene kuschelte sich an ihn und antwortete nachdenklich: „An die liebe Margot. Ich hoffe so sehr, dass ihr gefällt, was ich gefunden habe.“

„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte Jacob, während er ihr sanft über den Rücken strich.

„Bist du sicher? Vielleicht findet sie es albern oder fühlt sich am Ende sogar verletzt.“ Sie blickte zweifelnd zu ihm auf.

„Niemals könntest du sie damit verletzen. Hast du überhaupt jemals mit einem deiner Fundstücke falsch gelegen?“

Bene überlegte: „Nein, ich glaube nicht.“

„Siehst du, mach dir keine Sorgen. Du hast ein besonderes Gespür für diese Dinge. Und wo wir gerade davon sprechen, wo ist eigentlich mein Kistchen Nummer Drei? Ich bin schon ganz wild darauf zu erfahren, was du sonst noch so alles von mir gedacht hast.“

Sie lächelte verwegen und sagte: „Mmmmh, mal überlegen. Dose Nummer Drei ist ganz in deiner Nähe, doch heute musst du sie selbst finden.“

„Bekomme ich Tipps oder muss ich das gesamte Zimmer auf den Kopf stellen?“

„Du musst dazu nicht mal das Bett verlassen.“

„Ah, du versuchst es mir besonders schwer zu machen. Wie soll ich mich auf die Suche nach einer kleinen Metallbox konzentrieren, wenn ich dich dabei von oben bis unten unter die Lupe nehmen muss?“

„Ach, das bekommst du schon hin. Da habe ich volles Vertrauen in dich“, ermunterte sie ihn fröhlich.

„Auf deine Verantwortung.“ Mit diesen Worten schlug Jacob schwungvoll ihre Decke zurück. Er warf sich lachend auf sie und durchsuchte sie blitzschnell. Bene kicherte und kullerte mit Jacob hin und her, bis er wenige Augenblicke später triumphierend eine Metalldose nach oben hielt. „Hab sie!“

Er rollte sich zufrieden zurück auf seine Seite des Bettes und ließ Bene damit frei. Die stand sogleich auf und klemmte sich ein frisches Handtuch unter den Arm. „Ich lass dich mit meinen Gedanken allein und geh Duschen.“

Dazu gab Jacob lediglich einen zustimmenden Laut von sich, da er bereits vollkommen fasziniert das glänzende Stück in seiner Hand bestaunte. Es überraschte ihn immer wieder, welch Kostbarkeiten Bene hervorzuzaubern vermochte. Diese hier war so winzig und entzückend, genau wie seine Freundin selbst. Die Unterseite war dunkelblau und der Deckel blau/weiß gestreift. In der Mitte schillerte eine goldene Drei. Jacob hob den Deckel vorsichtig ab und fand neben einem gefalteten Papier eine Picasso-Briefmarke.

***

22. Mai

Heute ist er wieder als echter Picasso unterwegs. Das Wetter ist sommerlich mild und so trägt er nur ein blau/weiß gestreiftes Shirt und eine Jeans. Seit drei Wochen nun arbeite ich bei Star van Tiek, aber mit ihm habe ich leider noch nichts zu tun. Obwohl, wahrscheinlich ist es besser so. Ich weiß nicht, ob ich auch nur einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn Worte in sinnvoller Weise aneinanderreihen könnte, wenn ich direkt vor ihm stünde.

Zum Glück bin ich in der Einarbeitungsphase und damit in anderen Büros unterwegs, weit entfernt von seinem. Dennoch habe ich bereits eine seiner Gewohnheiten entdeckt. So bestellt er sich jeden Morgen, im Bistro gegenüber, einen Kaffee direkt am Tresen. Ohne Zucker, mit einem kleinen Schluck Milch. Auch heute. Es ist nicht so, als lauere ich ihm auf, wir bewegen uns schließlich in einem freien Land und auch ich trinke morgens gern etwas Heißes, aber, naja, ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich wäre nicht peinlichst genau darauf bedacht, gegen viertel nach Acht Stellung zu beziehen, weil Picasso meist um 8.30 Uhr die Szene betritt.

Als ich ihn heute Morgen erblicke, ist mein Herz schon längst hintenübergefallen und meine Knie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Zum Glück sitze ich auf einem festen Polster, schön weit hinten im Bistro, so dass ich unbemerkt zu ihm hinüber spähen kann. Obwohl er wie immer das Gleiche bestellt, scheint er neu zu überlegen und verhaspelt sich sogar dabei. Dieser Hauch einer Unsicherheit macht den schönen Mann nur noch attraktiver. Vor allem kann ich aufgrund seiner Überlegungen den himmlischen Anblick, den er auch von hinten bietet, noch deutlich länger genießen.

***

Jacob ließ das Papier sinken. Picasso, schön wär’s, dachte er und schaute an sich hinab. Er musste müde lächeln, denn er trug auch heute ein gestreiftes Shirt. Behutsam faltete er das Blatt zusammen, um es sicher zu verstauen. Er strich sanft über die glatte Oberfläche der kleinen Dose in seiner Hand. Sie waren offensichtlich beide im Dunkeln umhergetappt.

Jeden Morgen, wenn er im Bistro an die Angebotstafel geschaut hatte, war sein Blick zur verspiegelten Zierleiste daneben gewandert und damit direkt im Gesicht seines roten Vogelmädchens gelandet. So hatte er Bene getauft, bevor er ihren Namen kannte.

Seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte, umschloss ihn ein Gefühl der Vertrautheit. Sie wirkte einerseits so schimmernd und farbenfroh auf ihn, dass er glaubte, alles, was sie berührte, würde in Regenbogenfarben erstrahlen oder zumindest glitzern. Andererseits umgab sie auch etwas Geheimnisvolles, wie eine Art Schleier, in den sich nur Menschen hüllen, die auf der Suche nach etwas sind, was sie noch gar nicht kennen oder die etwas elementar Wichtiges verloren haben. Etwas, das ihnen unwiederbringlich scheint.

Dieser Kontrast, gepaart mit ihrem Gesicht, das er nicht schöner hätte malen können, brachte ihn aus dem Konzept. Er vergaß, wo er war und was er dort wollte, verlor sich einzig und allein in ihr. Damals hatte er nur sie gesehen, ihren Kopf in die Hände gestützt. Sie hatte etwas fixiert, doch was es war, wusste er nicht. Hatte sie in seine Richtung geschaut? War es eine in sich versunkene Träumerei oder der Typ hinter dem Tresen? Es hätte alles sein können. Dass ihr entrückter Ausdruck nur ihm gegolten hatte, war ihm damals überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

Wie falsch wir doch oft liegen, mit dem was wir sehen, dachte er. Unser Blick ist so verstellt durch unsere eigene Gedankenwelt, dass wir überhaupt nicht bemerken, was tatsächlich vor sich geht. Es ist fast so, als ob die Unschärfe unserer Wahrnehmung proportional zunimmt zur Bedeutung, die eine klare Sicht auf die Dinge hätte. Je wichtiger es ist, dass wir objektiv sehen und einfach annehmen was ist, desto verfälschter wird unsere Bewertung über die Dinge, die um uns herum geschehen. Er fragte sich unwillkürlich, was er noch alles nicht sah, gesehen hatte oder vollkommen falsch verstand.

4.

Dezember

Bene konnte nicht mehr länger abwarten, obwohl es in Strömen regnete. Sie trat vom Fenster zurück, schnappte sich Jacobs Parka und rannte die Treppen im Hausflur hinunter.

Just in diesem Augenblick trat Jacob mit einer Kanne Tee aus ihrer Küche und hörte nur noch die Tür hinter Bene ins Schloss fallen. Er überlegte kurz, was zu diesem überstürzten Aufbruch geführt hatte, bemerkte aber gleich, dass die lila Schachtel für Margot auf dem Wohnzimmertisch fehlte.

Er schaute auf die Straße hinunter und sah wie Bene mit Kapuze auf dem Kopf und Gummistiefeln an den Füßen zum Wohnhaus gegenüber eilte. Sie lehnte sich gegen dessen schwere Holztür und verschwand einige Sekunden später darin.

„Ist etwas passiert? Bei diesem Wetter geht man doch nicht vor die Tür.“ Margot musterte Benes nasse, viel zu große Jacke und ließ sie eintreten.

Erst jetzt, als Bene Margots forschenden Blick auf sich spürte, wurde sie sich ihrer Aufmachung bewusst und war plötzlich nicht mehr so sicher, ob ihr Benehmen nicht doch etwas übertrieben und unangemessen war. Schließlich wollte sie ihr nur ein kleines Geschenk überreichen. Doch bei so viel Aufhebens wie sie gerade machte, musste Margot jetzt wer weiß was vermuten.

„Nein, es ist nichts passiert. Ich wollte dir nur etwas geben.“

Bene dachte an den gemeinsamen Theaterbesuch mit Margot im letzten Dezember. Sie waren in einer Ballettaufführung des Nussknackers gewesen. Dort hatte Margot ihr erzählt, dass sie als Kind eine Kuscheltiermaus besaß, die ihr lieb und teuer gewesen war.

Sie hatte sie Mäusekönig genannt wegen des Nussknackers und wegen ihrer so royalen Haltung. Doch dann verschwand diese Maus von einem Tag auf den anderen. Niemand hatte sie gesehen oder konnte sich ihr Verschwinden erklären. Die damals 9-jährige Margot war lange todunglücklich gewesen und kein neues Spielzeug hatte ihr die geliebte Maus ersetzen können. Obwohl Margot am Ende ihrer Erzählung gelacht und die Erinnerung daran genauso schnell losgelassen hatte, wie sie gekommen war, konnte Bene den Kummer der kleinen Margot spüren. Diesen Kummer, so hoffte Bene, würde sie ein wenig lindern können.

Sie holte tief Luft und hielt Margot eine Schachtel mit rosa Schleife entgegen.

„Was ist das?“, fragte Margot überrascht.

Bene trat von einem Fuß auf den anderen. „Nur eine Kleinigkeit. Es fiel mir in den Werkstätten der Oper von Halle in die Hände und ich musste dabei an dich denken. Sie machen dort gerade ein paar Umbauarbeiten und trennen sich deswegen von einigen Requisiten.“

Margot zog an der seidigen Schleife und hob vorsichtig den Deckel ab. Das Innenleben der Box hatte Bene mit Seidenpapier umwickelt, eigentlich nur zum Schutz. Doch im Moment sorgte diese Schicht für zusätzliche Spannung; weit mehr als Bene ertragen konnte. Würde es Margot gefallen? Sie hielt den Atem an, als Margot das Seidenpapier auseinanderfaltete und eine kleine runde Spieluhr zum Vorschein kam. Die Spieluhr war bemalt mit Mäusen, die im Gleichschritt marschierten und als Margot an deren Kurbel drehte, ertönten einige Zeilen von Tschaikowskis Nussknacker-Melodie.

Die zarte Musik schwebte durch den Raum und als sie vollkommen verhallt war, standen sie sich immer noch gegenüber, den Blick fest auf das Zauberstück zwischen ihnen gerichtet. Sie verharrten minutenlang in absoluter Stille.

Bene wagte es nur langsam aufzuschauen, als Margot nach einer kleinen Ewigkeit ihre Hand ergriff. Doch was sie bei dieser Berührung spürte, war einen Augenblick später freudige Gewissheit. Ihre Sorge, Margot könnte das Geschenk als albern oder gar verletzend empfinden, war verflogen. Denn alles, was sie in den Augen ihrer wunderbaren Freundin sah, war ein kindliches Funkeln. Ein Funkeln, das wie kleine Schiffe auf einem Meer von Sprachlosigkeit und purer Freude umher segelte.

„Danke!“, flüsterte Margot ihr zu und nahm sie in die Arme. Bene durchfuhr eine Welle der Wärme und Erleichterung. Dies geschah immer, wenn sie mit einem ihrer Fundstücke eine Lücke schließen konnte, derer sich ihr Gegenüber manchmal gar nicht bewusst war.

So lang sich Bene zurück erinnern konnte, tauchte sie ein in die Geschichten anderer, lauschte ihren Erzählungen und nahm deutlich wahr, wenn ein Verlust eine Wunde hinterlassen hatte, selbst wenn diese zunächst unscheinbar wirken mochte. Und schon sehr lange sammelte sie kleine Schätze und Kostbarkeiten, die von anderen aussortiert oder verloren wurden. Sie hatte die Gabe verwaisten Dingen neues Leben einzuhauchen, indem sie diese mit neuen Besitzern verband. Sie setzte damit etwas zusammen, was manchmal schon vor einem halben oder fast einem ganzen Leben auseinandergefallen war.

„Ich muss wieder rüber“, sagte Bene leise über Margots Schulter hinweg.

„Ich habe Jacob gar nicht Bescheid gegeben, wo ich hingehe, sondern bin einfach losgerannt. Er wollte uns gerade Tee kochen und fragt sich sicher, wo ich stecke.“

Margot löste ihre Umarmung. „Selbstverständlich, geh nur. Ich möchte nicht, dass er sich Sorgen macht.“ Dabei drückte sie Bene noch einmal zärtlich die Hand, bevor diese sich umdrehte und ging.